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(Un-) geliebte Freiheit - Von Bedingung und Aneignung in Peter Bieris Konzeption der Freiheit

Bachelor Thesis, 2008, 50 Pages
Author: Mirjam Rüscher
Subject: Philosophy - Philosophy of the Present

Details

Category: Bachelor Thesis
Year: 2008
Pages: 50
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 34  Entries
Language: German
Archive No.: V115502
ISBN (E-book): 978-3-640-17006-7
ISBN (Book): 978-3-640-17250-4
File size: 283 KB

Abstract

Das Freiheitsproblem beschäftigt den Menschen schon seit jeher. Sind wir frei? ist eine der am häufigsten gestellten Fragen. Verschiedenste Philosophen und andere Denker, aber auch, gerade in der heutigen Zeit, Wissenschaftler, haben sich dieser Problematik gewidmet. Theorien darüber, dass der Mensch sich frei und ungebunden bewegt, denkt und handelt wie es ihm beliebt, stehen denjenigen gegenüber, die behaupten, der Mensch sei schon immer und ist in all seinen Handlungen fremdbestimmt – nicht er selbst, sondern eine Aneinanderreihung von Ursachen und Folgen lässt ihn handeln. Beide Theorien scheinen bis aufs bitterste verfeindet. Völlige Unbestimmtheit trifft auf völlige Bestimmtheit. [...] Peter Bieri beschreibt, wie aus seiner Sicht der so unversöhnlich scheinende Widerspruch zwischen Bedingtheit und Freiheit aufgehoben werden kann und entwirft ein Bild von Freiheit, in dem Bedingtheit kein Argument gegen sondern für Freiheit ist. Diese Bedingtheit geht einher mit der Aneignung, die beiden Eckpfeiler seiner Theorie. Im Anschluss an die Beschreibung seiner Konzeption folgen Vergleiche mit Jean-Paul Sartre, Immanuel Kant und Walter Benjamin. Sie sollen gewisse Übereinstimmungen zum Vorschein bringen und andeuten wie Bieris Position in der Tradition einzuordnen ist. Außerdem richten sie den Fokus auf spezielle Bereiche, die innerhalb der Freiheitsdiskussion immer wieder diskutiert worden sind – Verantwortung, Moralität, Schicksal, Charakter. Um Bieri und seine Theorie in der derzeitigen Debatte um Willensfreiheit zu verorten, sollen daran anschließend Einblicke in die Argumentationen der Hirnforschung gegeben werden.


Excerpt (computer-generated)

Universität Flensburg

Bachelor-Thesis im Studiengang Vermittlungswissenschaften

Fach: Philosophie

Thema:
(Un-) geliebte Freiheit ­ Von Bedingung und Aneignung
in Peter Bieris Konzeption der Freiheit

Vorgelegt von: Mirjam Rüscher
Flensburg, im Mai 2008

 


Gliederung

Teil 1: Die Eröffnung
1.I. Von geliebter und ungeliebter Freiheit 4
1.II. Einleitung 5
Teil 2: Die Freiheit des Kompatibilisten ­ Peter Bieris Konzeption der Freiheit
2.I. Das Problem 6
2.I.1. Determinismus 6
2.I.2. Idee der Freiheit 6-7
2.II. Ein Problem, das keines ist ­ Der falsche Gegner 7
2.II.1. Indeterminismus 7
2.III. Die falsche Freiheit des Indeterministen 7-8
2.IV. Die richtige Freiheit ­ von Bedingung 8-13
2.V. Die richtige Freiheit ­ von Aneignung 13-15
2.VI. Die richtige Freiheit ­ ein Idealbild 15-17
Teil 3: Andere Konzeptionen der Freiheit im Vergleich mit Peter Bieri
3.I. Die Freiheit des Existentialisten 18
3.I.1. Existentialistische Freiheit ­ Freiheit nach Jean-Paul Sartre 18-23
3.I.2. Von Bedingungen und Zwängen ­ Bieri und Sartre 24-25
3.II. Die Freiheit des Moralisten 25
3.II.1. Freiheit aus Verantwortlichkeit ­ Freiheit nach Immanuel Kant 25-29
3.II.2. Freiheit durch Aneignung ­ Bieri und Kant 29-31
3.III. Die Freiheit des ,,Mystikers" 31
3.III.1. Schicksal oder Charakter? ­ Freiheit nach Walter Benjamin 31-34
3.III.2. Ideal der (komischen) Person ­ Bieri und Benjamin 35-36
3.IV. Ein Bild von Freiheit 36-37
3.V. Freiheit ­ ein verlorener Posten? Ein- und Ausblicke der Hirnforschung 38-42

1

 


Teil 4: Der Abschluss

4.I. Schlusswort 43-44

4.II. Plädoyer für den Glauben an die Freiheit 44-46

Literaturverzeichnis 47-49

2

 


,,Wir müssen uns als determiniert denken und können es nicht.
Wir müssen uns als frei denken und können es ebenso wenig.
Führwahr ein Skandal der Menschenvernunft"

(Martin Seel)

Teil 1: Die Eröffnung
Hier soll die Begründung des Titels erfolgen und eine kurze Skizze zum Thema der Arbeit entworfen werden.
1.I. Von geliebter und ungeliebter Freiheit - Vorwort
Warum geliebte Freiheit? Weil wir nicht bereit sind sie aufzugeben. Wir halten daran fest, allen Augenblicks, auch wenn sie uns einmal wirklich genommen wird. Wir können nicht nur ohne sie nicht handeln, wir wollen sie auch fast immer. Selbst in der ausweglosesten Situation sind wir nicht bereit kampflos den einzigen Weg zu gehen, der geblieben ist. Selbst dort wollen wir es sein, die aus eigenen Stücken diesen Weg einschlagen. Wir wollen hinterher sagen können, dass wir es waren, die diesen Weg gewählt haben. Wir wollen die Freiheit, uns für oder gegen unsere Gewohnheiten zu entscheiden. Kein Zwang soll uns irgendetwas vorgeben oder über uns bestimmen.
Warum ungeliebte Freiheit? Weil wir die Freiheit gleichermaßen hassen wie lieben. Trotz allen Festhaltens an der Freiheit in allen möglichen Situationen gibt es auch Momente, wo wir uns zur Freiheit gezwungen fühlen. Oder um es mit Sartre zu sagen, wo wir uns zur Freiheit verurteilt fühlen. Sie wird zu einem Zwang. Wir fühlen uns in die Ecke gedrängt. Wir wollen uns nicht für oder gegen etwas entscheiden, aber wir müssen. Es mag in Gefahrensituationen sein, wenn wir vor der Wahl stehen, welches Kind wir vor dem Ertrinken retten. Es mag in Situationen sein, in denen wir über unsere Zukunft entscheiden müssen. Nicht unbedingt die Tatsache, dass wir unsere Entscheidung hinterher bereuen, plagt uns, wir könnten hinterher mit der Entscheidung sogar zufrieden sein ­ vielmehr ist es das Gefühl der Unfreiheit, des Zwangs, dass uns plagt. Wir fühlen uns genötigt. Der Moment der Entscheidung ist ein quälender, die Entscheidung verlangt uns alles ab. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass eine freie Handlung bedeutet, man kann uns hinterher für sie und ihre Folgen verantwortlich machen, lässt die Freiheit uns manchmal unliebsam erscheinen.
Freiheit, gleichermaßen Glück und Fluch, bestimmt, ob wir wollen oder nicht, unser Leben ­ sie ist eines der großen unerklärten Rätsel, die uns umgeben.

3

 


1.II. Einleitung

Das Freiheitsproblem beschäftigt den Menschen schon seit jeher. Sind wir frei? ist eine der am häufigsten gestellten Fragen. Verschiedenste Philosophen und andere Denker, aber auch, gerade in der heutigen Zeit, Wissenschaftler, haben sich dieser Problematik gewidmet.

Theorien darüber, dass der Mensch sich frei und ungebunden bewegt, denkt und handelt wie es ihm beliebt, stehen denjenigen gegenüber, die behaupten, der Mensch sei schon immer und ist in all seinen Handlungen fremdbestimmt ­ nicht er selbst, sondern eine Aneinanderreihung von Ursachen und Folgen lässt ihn handeln. Beide Theorien scheinen bis aufs bitterste verfeindet. Völlige Unbestimmtheit trifft auf völlige Bestimmtheit.

Ich kann mich weder auf Seiten der einen, noch der anderen schlagen. Angenommen der Mensch wäre völlig frei und unbestimmt, wie könnte er dann einen bestimmten Willen haben? Völlige Unbestimmtheit gleicht der Willkür wie ihr Zwilling.

Angenommen der Mensch wäre völlig fremdbestimmt, völlig unfrei, wie kann er dann Entscheidungen bewusst durch Abwägen treffen oder es auch nur so empfinden? Wie ist es möglich sich frei zu fühlen, bei völliger Unfreiheit?

Und schließlich: Wie ist es in einer fremdbestimmten Welt möglich jemanden für sein Tun verantwortlich zu machen?

Aufgrund dieser Paradoxien fiel der Entschluss, sich mit Theorien, insbesondere einer Theorie, zu beschäftigen, die beide Seiten gleichermaßen in den Blick nehmen und sie vereinen.

Peter Bieri beschreibt, wie aus seiner Sicht der so unversöhnlich scheinende Widerspruch zwischen Bedingtheit und Freiheit aufgehoben werden kann und entwirft ein Bild von Freiheit, in dem Bedingtheit kein Argument gegen sondern für Freiheit ist. Diese Bedingtheit geht einher mit der Aneignung, die beiden Eckpfeiler seiner Theorie.

Im Anschluss an die Beschreibung seiner Konzeption folgen Vergleiche mit Jean-Paul Sartre, Immanuel Kant und Walter Benjamin. Sie sollen gewisse Übereinstimmungen zum Vorschein bringen und andeuten wie Bieris Position in der Tradition einzuordnen ist. Außerdem richten sie den Fokus auf spezielle Bereiche, die innerhalb der Freiheitsdiskussion immer wieder diskutiert worden sind ­ Verantwortung, Moralität, Schicksal, Charakter.

Um Bieri und seine Theorie in der derzeitigen Debatte um Willensfreiheit zu verorten, sollen daran anschließend Einblicke in die Argumentationen der Hirnforschung gegeben werden.

4

 


Teil 2: Die Freiheit des Kompatibilisten ­ Peter Bieris Konzeption der Freiheit

In diesem Teil der Arbeit soll der Freiheitsentwurf, den Peter Bieri in seinem ,,Handwerk der Freiheit" macht, dargestellt werden. Zunächst wird der Rahmen gegeben, aus dem heraus Bieri seine Argumentation beginnt. Daran anschließend wird seine Theorie in zwei Teilen ­ unter dem Gesichtspunkt der Bedingung und der Aneignung ­ dargelegt. Schließlich soll ein ganzheitliches Bild seiner Freiheitsauffassung und eine Einordnung unter die Position des Kompatibilimus folgen. Die Grundlage dieses Teils ist das Buch von Peter Bieri, die Argumente und Ansichten, die erläutert werden, stammen hieraus.

2.I. Das Problem

Zwei entgegen gesetzte Gedanken prägen die Diskussion darüber, ob der Mensch einen freien Willen besitzt oder nicht. Beide Gedanken, der des Determinismus auf der einen Seite und der der Freiheit auf der anderen Seite, können nicht aufgegeben werden, da beide für unsere Sicht auf uns als Menschen erforderlich sind.1 So beginnt Bieri im Prolog seines ,,Handwerks der Freiheit", um dessen Inhalte es im Folgenden gehen soll. Die beiden Gedanken stellen scheinbar einen unüberwindbaren und unversöhnlichen Gegensatz dar, beide Auffassungen sollen deshalb kurz dargestellt werden.

2.I.1. Determinismus

Der Determinismus verficht die Auffassung, dass die Vergangenheit eine einzige, eindeutig bestimmte Zukunft festlegt und somit nur noch ein einziges zukünftiges Geschehen möglich ist.2 Dieser Grundsatz gilt sowohl für die Natur, als auch für den Menschen. Alles, was geschieht, hat bestimmte Bedingungen unter denen es geschieht. Für alles gibt es notwendige und zusammen hinreichende Bedingungen und eben diese Bedingungen sind die Motive unseres Handelns, darunter fallen Wünsche und Gefühle, welche sich wiederum unter bestimmten Vorbedingungen so entwickelt haben. Die Idee der Bedingtheit ist mit der Idee der Gesetzmäßigkeit verknüpft, woraus folgt: Unser Handeln unterliegt Gesetzmäßigkeiten.3

2.I.2. Die Idee der Freiheit

Die Idee der Freiheit beinhaltet die Vorstellung eines Spielraums an Möglichkeiten, zwischen denen man in jedem Augenblick wählen kann. Es ist dem Menschen nicht möglich sich vorzustellen, er hätte keine Wahl. Die Idee der Freiheit stützt sich auf die Erfahrung der

1 vgl. Bieri: Das Handwerk der Freiheit. S.21f.
2 vgl. ebd. S.16.
3 vgl. ebd. S.17f.

5

 


Freiheit. Wir erleben uns selbst als die Urheber unseres Tuns und wissen ,,Ich hätte auch anders handeln können"4. Und diese Idee der Freiheit ist es auch, aus der die Idee der Verantwortlichkeit entspringt. Wir tragen für unser Handeln Verantwortung, weil wir frei sind und auch anders hätten entscheiden können.5

2.II. Ein Problem, das keines ist ­ Der falsche Gegner

In Wahrheit ist der Konflikt zwischen Determinismus und Freiheit keiner, denn der Gegensatz zum Determinismus ist der Indeterminismus, nicht die Freiheit. Der Kontrast zur Freiheit ist der Zwang, nicht der Determinismus.6 Wer somit einen unüberwindbaren Gegensatz zwischen der Idee der Freiheit und dem Determinismus sieht, ist einer falschen Vorstellung zum Opfer gefallen. Man hat mit der Idee der Freiheit dem Determinismus den falschen Gegner gegenübergestellt, der richtige Gegner ist der Indeterminismus.

2.II.1. Indeterminismus

Der Indeterminismus ist die Lehre von der Nichtbestimmtheit der Handlungen durch kausale Zusammenhänge, den Charakter oder Motive.7 Man nimmt also an, dass Handlungen nicht unter Vorbedingungen stattfinden, sondern ohne kausalen Zusammenhang ausgelöst werden. Dementsprechend geht man von einem unbedingten und unbestimmten Willen aus. Nach dem Indeterminismus ist der Wille nicht determiniert, er ist ursachlos, also unabhängig von allen äußeren und inneren Ursachen und Bestimmungsgründen. Dieser Lehre nach ist der Wille mit der Fähigkeit begabt, sich selbst ganz willkürlich zu bestimmen und etwas genauso wie sein Gegenteil mit gleicher Freiheit wählen zu können.8

2.III. Die falsche Freiheit des Indeterministen

Zu glauben, der Mensch wäre vollkommen frei und könnte seine Entscheidungen vollkommen ohne Vorbedingungen, ohne irgendwelche Abhängigkeiten treffen, hieße daran zu glauben, dass unbegründete, willkürliche Entscheidungen von Freiheit zeugen. Die Traumvorstellung vieler: Ein vollständig losgelöster, von allen ursächlichen Zusammenhängen freier Wille. Ein Wille der unabhängig ist von allem um uns herum, der von nichts und niemandem abhängt, auch nicht von mir. Ein Wille ohne jegliche [...]

4 Bieri: Das Handwerk der Freiheit. S.20.
5 vgl. ebd. S.20/21.
6 vgl. Bieri: Untergräbt die Regie des Gehirns die Freiheit des Willens? S.28.
7 vgl. Indeterminismus. (Wörterbuch der phil. Begriffe) S.311.
8 vgl. Indeterminismus (Rudolf Eisler Lexikon)

6

 



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