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»Generation am Tropf des Feuilletons«

Subtitle: Die 68er-Bewegung und die Deutungsmuster der deutschsprachigen Presse in den Jahren 2007/2008. Eine Annäherung

Bachelor Thesis, 2008, 41 Pages
Author: Ludwig Andert
Subject: Communications: Research, Studies, Enquiries

Details

Category: Bachelor Thesis
Year: 2008
Pages: 41
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 103  Entries
Language: German
Archive No.: V115507
ISBN (E-book): 978-3-640-17010-4

File size: 289 KB


Fulltext (computer-generated)

Universität Siegen

Fachbereich 3: Sprach-, Literatur- und Medienwissenschaften

SoSe 2008

»Generation am Tropf des Feuilletons« ­

Die 68er-Bewegung

und die Deutungsmuster der deutschsprachigen Presse

in den Jahren 2007/2008

Eine Annäherung

Arbeit zur Erlangung des Studienabschlusses

BACHELOR OF ARTS

IN LITERARY, CULTURAL AND MEDIA STUDIES

(DEUTSCH/ENGLISCH)

Autor: Ludwig Andert

Berlin, den 09. August 2008

1


,,Generation am Tropf des Feuilletons"1 ­

Die 68er-Bewegung

und die Deutungsmuster der deutschsprachigen Presse

in den Jahren 2007/2008

Eine Annäherung

Gliederung

1. Einleitung

03

2. Überblick: Die 68er-Bewegung

04

2.1. Was ist ,,1968"?

04

2.2. Diskursfelder

05

2.3. Wichtige Ereignisse

08

3. Anmerkungen zur Deutungsgeschichte

10

4. 68 in der Presse

11

4.1. Motive

11

a) 1968 begann 1967

11

b) Mein Achtundsechzig

13

c) Das ,,andere deutsche 68"

15

d) Kult um Rudi Dutschke

16

e) Was an der Uni ,,übrig blieb"

17

4.2. Deutungen

18

4.2.1. Von Kinderläden und Vollzugsbeamten

19

4.2.2. Von Bildungsdefiziten und Bindungsunfähigkeit

22

4.2.3. Eine Himmelsleiter als Idee

25

4.2.4. Götz Aly

28

5. Auffälligkeiten

32

6. Fazit

35

Literaturverzeichnis

36

Liste der gesichteten Zeitungsartikel

36

Literatur

40

1 Dieser Begriff geht zurück auf: Von Lucke, Albrecht: 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die

Deutungsmacht. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2008, S.36.

2


1. Einleitung

Eine Revolution feiert in diesem Jahr runden Geburtstag. Deutschland, so heißt es, sei damals

aufgebrochen, eine Demokratie zu werden, doch nicht nur das: Für ganz Europa bedeutete diese

Zeit eine Neuordnung, deren Folgen viele Jahrzehnte einen gravierenden Einfluss auf das

politische Geschehen haben sollten. Der Krieg hatte das Bewusstsein der Menschen geprägt, die

kommunistische Idee war noch unverbraucht und gleich mehrmals erklang der Ruf nach

Sozialismus und Demokratie. Aber nicht allen gefiel dieser Aufbruch und für reaktionäre Eliten

kam er einer Schande gleich. Die Geschichtsschreibung ist dem Neubeginn allerdings

wohlgesonnen ­ auch wenn sich später zeigen sollte, dass in seinem Schatten neue Gewalt und

neuer Terror gediehen.

Die Rede ist natürlich vom 9. November 1918, als nach der Niederlage des Deutschen

Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg die Hohenzollernherrschaft gestürzt wurde und Philipp

Scheidemann und Karl Liebknecht in Berlin die Republik ausriefen. Die historische Bedeutung

dieses Ereignisses lässt sich gar nicht hoch genug einschätzen, gilt doch die Zeit der Weimarer

Republik als ein Schlüsselabschnitt der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert.

Aber darüber schreibt ja keiner.2 Stattdessen tummeln sich Feuilletonisten, Historiker,

Filmemacher und Kuratoren auf der anderen großen Geburtstagsparty. Alle reden von 68,

obwohl ­ oder besser: gerade weil ­ über die Bedeutung dieser Zäsur eben kein Konsens wie

über 1918 herrscht. Auf einmal ist 1968 das Schlüsseldatum schlechthin, sei es für das Gedeihen

oder den Verfall von Werten, oder für irgendetwas anderes in der westlichen Gesellschaft:

,,Halten wir lieber fest: Die 68er sind schuld an allem", stellt Joschka Fischer in ironischem Ton

fest und entrüstet sich, die Vorwürfe würden die 68er bis ins Grab verfolgen.3 Der Umstand, dass

noch 40 Jahre danach über Ohnesorg und Dutschke, Vietnam und Prag, die Kommune I und den

SDS geschrieben wird, ist für sich genommen schon ein Werturteil. Nicht zu schreiben hieße zu

behaupten, 68 sei uns heute egal. Ist es aber nicht.

Diese Arbeit nennt sich eine ,,Annäherung" ­ zum einen an die 68er-Generation als solche,

insbesondere jedoch an die Ausdeutungen, die ihr in der aktuellen Presse widerfahren. Nicht

mehr als eine Annäherung kann es dabei aus zweierlei Gründen sein: Einerseits ist es unmöglich,

wirklich alles zu lesen, was in zwei Jahren über diese Zeit geschrieben wird; andererseits

existieren in der Presse genauso viele Deutungen, wie es Artikel und Autoren gibt ­ oder gar

noch mehr, weshalb die Annahme von ,,Mustern" letztendlich nur ein methodisches Hilfsmittel

2 Vgl. Ullrich, Volker: November 1918. Warum es zum 90. Jahrestag der Revolution kaum Bücher gibt. In: Die

Zeit Nr. 27, 26.06.2008, S.57.

3 Thomma, Norbert/Axel Vornbäumen: ,,Halten wir fest: Die 68er sind an allem schuld". [Interview mit Joschka

Fischer] In: Der Tagesspiegel Nr. 19.771, 30.12.2007, S.S1+S3; hier: S3.

3


sein kann.

Im Seminar ,,Die ′68er ­ ein kulturwissenschaftliches Projekt", das im Sommersemester 2007 an

der Universität Siegen abgehalten wurde, supponierte Georg Bollenbeck drei

Deutungsperspektiven, aus denen man dieser Tage die Beurteilung des Phänomens 68

vornehmen würde: (A) Die links-liberale Sichtweise; (B) die liberal-konservative Sichtweise;

sowie (C) die nach wie vor sozialistisch-revolutionistische Sichtweise.4 Die vorliegende Arbeit

macht es sich zur Aufgabe, diesen Ansatz kritisch zu prüfen. Dass er dabei gleichzeitig als eine

Vorstrukturierung in die Analyse mit einfließt, ist unvermeidbar.

Was den quantitativen Umfang dieser Analyse betrifft, so werden vor allem überregionale

deutsche Tageszeitungen berücksichtigt werden. Das heißt jedoch nicht, dass Ausflüge zu

anderen Publikationen oder gar Medien die Arbeit nicht bereichern dürften.

So deuten sich bereits im Auftakt interessante Dissonanzen an, immerhin haben viele Zeitungen

schon seinerzeit Stellung zu den Ereignissen bezogen, was sich in den heutigen Darstellungen

niederschlägt. Auch sind Autoren mit ostdeutschem Hintergrund von ganz anderen persönlichen

Erfahrungen im Bezug auf diese Zeit geprägt als ihre westdeutschen Kollegen, die jene

Ereignisse, mit denen man 68 im engeren Sinne assoziiert, zum Teil selbst miterlebt haben.5

Ein zentrales Problem liegt in der Neutralität der Analyse. Um die verschiedenen Deutungen

kompetent bewerten zu können, muss diese Arbeit über ein eigenen Begriff von 1968 verfügen.

Der einleitende historische Abriss wird sich daher auf eine Aneinanderreihung von Fakten

beschränken, sowohl bezogen auf den zeitlichen Ablauf, als auch auf die thematisierten

Gegenstände der Ereignisse um 1968.

2. Überblick: Die 68er-Bewegung

2.1. Was ist ,,1968"?

Bereits die Terminologie ist irreführend. Das Etikett ,,Die 68er" suggeriert Einheitlichkeit,

Konformität und Linearität, sowohl was den Zeitraum der zentralen Ereignisse betrifft, vor allem

jedoch bezüglich der Organisation der beteiligten Gruppierungen. Der Terminus ,,68er-

Generation" impliziert gar ein Selbstverständnis der Mitwirkenden als homogener Jahrgang;

tatsächlich ist dieses Selbstverständnis erst im Nachhinein und nur teilweise gewachsen.6 Die

68er-Bewegung ist, wie Wolfgang Kraushaar es formuliert, ,,ein Baum mit vielen Wurzeln und

4 Vgl. Bollenbeck, Georg: Lehrstück mit viel Publikum. In: Freitag Nr. 24, 13.06.2008, S.19.

5 In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, was ein Ereignis zu einem ,,68er-Ereignis" macht; das

Stattfinden im Jahr 1968 genügt alleine nicht. Näheres dazu in Abschnitt 4.1c.

6 Vgl. von Lucke, S.9f.

4


noch mehr Ästen und Zweigen"7, und dies gleich in mehrerer Hinsicht: So sind die

Ausgangsbedingungen, die zu den Ereignissen der späten sechziger Jahre führten, in der

bundesrepublikanischen Vergangenheit der fünfziger Jahre zu suchen, während noch in den

Siebzigern mitunter heftige Nachbeben dieser Zeit einsetzen sollten.

Zu den beteiligten Akteuren gehörten keineswegs nur Studenten, wie die Rede von der

,,Studentenbewegung" glauben machen will. Zwar spielte der theoretische Diskurs der ,,Neuen

Linken", der von Studenten und geistigen Vordenkern wie Theodor W. Adorno, Jürgen Habermas

oder Herbert Marcuse geführt wurde, eine zentrale Rolle; doch auch Arbeitergewerkschaften,

Friedensaktivisten und einfache ,,junge Leute" hatten ihren Anteil am Protest, so dass

unterschiedliche Strömungen, die mit verschiedenen Gesellschaftsschichten verbunden waren,

auf mehreren Diskursfeldern gleichzeitig wirkten ­ und dies teilweise im Bewusstsein

gemeinsamer politischer und gesellschaftlicher Vorstellungen, teilweise aber auch mit völlig

unterschiedlichen Zielsetzungen.8

Darüber hinaus ist 1968 kein ausschließlich deutsches Phänomen. Zwar wird der Begriff ,,68er"

nur in Deutschland verwendet, doch auch im übrigen Westeuropa, in den USA und in Asien gab

es zeitgleich Ereignisse, die denen in der BRD sehr ähnlich waren und mit diesen in

Wechselwirkung traten. Insbesondere die US-Amerikanische Studentenbewegung wirkte im

Bereich der Protestkultur als Triebfeder für ihr bundesdeutsches Pendant9, von den Reformen des

Musik- und Lebensstils ganz zu schweigen. Doch auch für den Ostblock sollte 1968 eine

prägende Zeit werden; so nahm man dort einerseits aufmerksam Notiz von den Ereignissen in

Westeuropa, musste sich andererseits mit Reformbestrebungen im eigenen politisch-kulturellen

Wirkungsbereich auseinandersetzen.

Um das Wirrwarr der vielen verschiedenen Ereignisse, ihrer Akteure und deren Bestrebungen zu

ordnen, werden wir nun einen Blick auf zentrale Diskursfelder und wichtige Momente werfen.

2.2. Diskursfelder

Fünf Angriffspunkte für Diskussion und Protest waren in den sechziger Jahren entscheidend: Die

Auseinandersetzung der jungen Deutschen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, die

Debatte um die Notstandsgesetze, die Entwicklung einer jugendlichen Gegenkultur in Form

einer Lebensstilreform, die unterschiedlichen Vorstellungen von der Neuorganisation der

7 Kraushaar, Wolfgang: Denkmodelle der 68er-Bewegung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 22/23,

25.05.2001, S.14.

8 Vgl. Kraushaar 2001; vgl auch: Gilcher-Holtey, Ingrid: Die 68er-Bewegung. Deutschland ­ Westeuropa ­ USA.

München: C.H. Beck 2005, S.16+62ff.

9 Vgl. Gilcher-Holtey 2005, S.45.

5


Hochschulen und die Intervention der USA im Vietnamkrieg. Jeder dieser Punkte lässt sich in

Teilaspekte zergliedern; andererseits werden sie durch bestimmte thematische Klammern

zusammengehalten, weshalb sich aus ihnen überhaupt ein umfassender Protest entwickeln

konnte.

Der Strafprozess gegen den NS-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann im Jahr 1961 und die 1963-65

geführten Prozesse gegen Mitglieder der Lagermannschaft des Vernichtungslagers Auschwitz

sorgten in der deutschen Öffentlichkeit für eine Belebung der Auseinandersetzung mit der

eigenen Vergangenheit.10 Hierbei stand eine junge Generation, die die Verbrechen des Zweiten

Weltkrieges verstehen wollte, einer Elterngeneration gegenüber, die sich, ob ihrer eigenen

Beteiligung an den Gräueltaten, der Aufarbeitung verweigerte. Starken Widerhall fand dieser

Konflikt in der missliebigen Haltung gegenüber den Machteliten. So wurde die frühere NSDAP-

Mitgliedschaft des ab Ende 1966 amtierenden Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger, um nur ein

Beispiel zu nennen, als Indiz gewertet, die Entnazifizierung hätte lediglich auf dem Papier, nicht

jedoch im politischen Apparat der Bundesrepublik stattgefunden.11

Die Regierung Erhard befand sich Mitte der sechziger Jahre in einer Krise: Die Zeit des

Wirtschaftswunders war vorbei, und eine Arbeitslosenzahl von mehr als 670.000 wurde nach

einem Jahrzehnt der Überbeschäftigung als Rezession empfunden.12 Zusätzlich verlangte die

Anerkennung der vollen Souveränität durch die Westalliierten nach einer Notstandsverfassung,

die die innerstaatliche Ordnung der Bundesrepublik im Krisenfall gewährleisten sollte.13 Teil der

Notstandsverfassung waren unter anderem die außerordentliche Beschneidung bestimmter

Grundrechte oder aber die Schaffung eines Notparlaments mit beschleunigter Beschlussfähigkeit.

Die missliche Lage der Bundesregierung wurde durch eine neugebildete Große Koalition aus

CDU/CSU und SPD beendet, die sich in der Lage sah, die aufkommenden Probleme schnell zu

lösen. Einzige Oppositionspartei war, mit weit weniger als einem Drittel der Bundestagssitze, die

FDP. Die Einschränkung freiheitlich-demokratischer Rechte und die de facto nicht existente

Opposition wurden als fataler Schritt in Richtung eines autoritären Staates empfunden.

Der von der erwachsenen Generation gepflegte Lebensstil mutet aus heutiger Sicht ebenfalls

nicht grade liberal an. Sex war ein Tabuthema, unverheiratete Paare durften nicht in einem

Zimmer übernachten, Homosexualität galt als Straftat. An der Universität und sogar auf den

frühen Demonstrationen trug man Jackett. Studentische Wohngemeinschaften waren unbekannt,

10 Vgl. Gilcher-Holtey 2005, S.56ff.

11 Vgl. Görtemaker, Manfred: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart.

München: C.H. Beck 1999, S.443.

12 Vgl. ebd., S.448.

13 Vgl. ebd., S.453.

6


uneheliche Kinder eine Schande.14 Der Beichtstuhlmoral wurden radikal Lebensstilentwürfe der

Jugend aus dem englischen und amerikanischen Raum entgegengesetzt. Dazu gehörten freier

Umgang mit Sexualität, neue Musikformen oder das Experimentieren mit Drogen. Viele der

Anhänger dieser gegenkulturellen Bewegung wollten ihren Lebensstil durchaus auch politisch

verstanden wissen. Zumindest in der BRD wich der ernsthafte Aspekt aber zusehendsns einer

Spaßguerrilla-Einstellung, so dass jene, die den politisch-kritischen Dialog weiterführen wollten,

diesen Teilaspekt eher ablehnten.15

Ein zentraler Schauplatz der Bewegung waren die Universitäten. Hier führten die Studenten

einerseits den allgemeinen Dialog über die Zustand gesellschaftlicher Verhältnisse; doch auch

die Universitäten selbst waren Objekt der revolutionären Bestrebungen. Die Lehrorganisation

wurde als starr kritisiert, der Habitus der Professoren galt als rückständig.16 Reformbestrebungen

gab es zwar auch von staatlicher Seite her. Diese zielte jedoch eher auf eine Neuorganisation der

Lehre nach dem Vorbild der amerikanischen ,,Multiversitiy", die die Ausbildung der Studenten

an die Bedürfnisse der Industrie und Wirtschaft anzupassen suchte.17 Die Studenten hingegen

forderten eine Befreiung der Bildung vom Zweck und insbesondere ein Mitspracherecht bei

inneruniversitären Entscheidungen.18

Der Protest gegen den Vietnamkrieg war ein international verbindendes Element, nicht nur unter

den Studenten. Galten die USA bis dahin noch als friedenbringende Schutzmacht, so schienen sie

sich nun als Agressor zu entpuppen. Die Sympathie der 68er-Bewegung galt Ho Chi Minh, dem

Führer der Kommunistischen Partei Nordvietnams, der dadurch zur Symbolfigur des

antiamerikanischen Kampfes wurde. Im Kielwasser des Protestes gelangten auch

Befreiungsbewegungen in den Ländern der Dritten Welt in das öffentliche Interesse.19

Ein neues Bewusstwerden über die deutsche Vergangenheit, die Angst vor den

Notstandsgesetzen als einem Mittel staatlicher Repression, aber auch die Ablehnung der

hölzernen Sitten der Elterngenration waren verschiedene Seiten der grundsätzlichen Annahme,

die Bundesrepublik könnte sich wieder in einen totalitären Staat verwandeln, was vor dem

Hintergrund einer schwierigen Auseinandersetzung der Generationen untereinander zusätzliches

Gewicht erhielt. Auch der Ordinarienuniversität warf man eine Verwurzelung in den

Moralvorstellungen des Dritten Reiches vor. Ob die 68er damit diejenigen waren, die ­ im

14 Vgl. Schönbohm1, Wulf: Die 68er: politische Verirrungen und gesellschaftliche Veränderungen. In: Aus Politik

und Zeitgeschichte Nr. 14-15, 31.03.2008, S.16-21; hier: 16f.

15 Vgl. Görtemaker, S.485.

16 Vgl. Schmidtke, Michael: Der Aufbruch der jungen Intelligenz. Die 68er Jahre in der Bundesrepublik und den

USA. Frankfurt a.M. u.a.: Campus Verlag 2003, S.240f.

17 Vgl. ebd., S.206; vgl. auch: Gilcher-Holtey 2005, S.28.

18 Vgl. Gilcher-Holtey 2005, S.30.

19 Vgl. ebd., S.40f.

7


Unterschied zu ihren Eltern ­ den demokratischen Charakter der BRD erst wahrhaftig werden

ließen, ist allerdings umstritten. In jedem Fall wurde der politische Wille getragen von einer

grundsätzlichen Generationendifferenz, in die sich die Ablehnung all dessen mischte, was als

,,alt" galt: Disziplin, Autorität, Askese.

2.3. Wichtige Ereignisse

Die ,,Kernzeit" dessen, was gemeinhin mit ,,68" assoziiert wird, reicht von Ende 1966 bis 1970 ­

abgesteckt wird dieser Rahmen durch den Amtsantritt der Großen Koalition unter Kurt Georg

Kiesinger am 01. November 1966 und die Selbstauflösung des Sozialistischen Deutschen

Studentenbundes (SDS) am 21. März 1970.20 Natürlich sind auch andere Zeitrahmen zur

Definition von ,,68" denkbar, unter anderem abhängig davon, ob beispielsweise die ersten

Ostermärsche21 oder etwa das Aufkeimen des RAF-Terrorismus mit dazugerechnet werden oder

nicht.

Die Benennung der zentralen Vorkommnisse um 1968 ist aus mehren Gründen angebracht.

Erstens wird hierbei deutlich, dass der ereignisgeschichtliche Verlauf sich keineswegs auf ein

einziges Jahr bezieht; zweitens, und dies wird die spätere Betrachtung der Presse noch deutlich

machen, orientieren sich viele Autoren an bestimmten Daten und Jahrestagen, so dass man

geradezu von einer Jubiläumssucht sprechen könnte. Deshalb sollen im Folgenden nur jene

zentralen Ereignisse benannt werden, die sich in den Jahren 2007 und 2008 jähren.22 Eine

komplette Auflistung aller wichtigen Daten kann und soll nicht geleistet werden.

West-Berlin, 01. Januar 1967.

Sieben der zwölf SDS-Mitglieder, die am Tag zuvor die Gründung

einer Wohngemeinschaft erklärt hatten, ziehen in eine gemeinsame Wohnung in und gründen

damit die ,,Kommune I".23 Das Private wurde zum Politischen, und die Revolution

gesellschaftlicher Verhältnisse sollte vor allem in praktischer Form einer Lebensgestaltung

stattfinden. Neben freier Sexualität machten sie vor allem durch Flugblätter und die Planung von

Tortenattentaten auf sich aufmerksam. Eine Aussage des Kommunebewohners Dieter

Kunzelmann macht jedoch die zunehmende Apolitisierung der Kommune deutlich: ,,Was geht

20 Diese Einteilung orientiert sich an Wolfgang Kraushaar, der von einer ,,Kernzeit" der 68er-Bewegung in den

Jahren 1967-69 ausgeht; vgl. Kraushaar, Wolfgang: 1968 als Mythos, Chiffre und Zäsur. Hamburg: Hamburger

Edition 2008, S.8.

21 Die Ostermarschbewegung, in den später 50er Jahren in England endstanden und srpäter in die BRD importiert,

richtete sich gegen Krieg und atomare Aufrüstung.

22 Die Zusammenfassung der Ereignisse orientiert sich unter anderem an der knappen Darstellung bei Görtemaker.

23 Vgl. Becker, Thomas/Ute Schröder (Hg.): Die Studentenproteste der 60er Jahre. Archivführer ­ Chronik ­

Bibliographie. Köln u.a.: Böhlau Verlag 2000, S.121.

8


mich Vietnam an ­ ich habe Orgasmusschwierigkeiten".24 Bereits am 03. Mai 1967 werden die

Kommunebewohner aus dem SDS ausgeschlossen.25

West-Berlin, 02. Juni 1967.

Wie kein zweites Ereignis steht der Tod Benno Ohnesorgs

symbolhaft für den gewalttätigen Charakter der damaligen Zeit. Er steht im Zusammenhang mit

den Demonstrationen des gegen den Besuch des persischen Schah Mohammed Reza Palevi in

der Bundesrepublik. Die Demonstrationen richten sich gegen die Menschenrechtsverletzungen

Schah-Regimes und dessen offensichtlicher Duldung durch die Bundesregierung. Während des

aggressiven Aufeinandertreffens von Demonstranten und Sicherheitskräften feuert der Polizist

Karl-Heinz Kurras Schüsse auf Ohnesorg ab. Der Vorfall gilt heute als Unfall, wird damals

jedoch als Akt vorsätzlicher Staatsgewalt wahrgenommen und mobilisiert auch bisher

Unbeteiligte zum Protest.

West-Berlin, 11. April 1968.

Auch Rudi Dutschke wird zum Opfer. Als der Hilfsarbeiter Josef

Bachmann Dutschke auf dem Berliner Kurfürstendamm niederschießt, wird jedoch seitens seiner

Sympathisanten insbesondere die BILD-Zeitung als ,,Mittäter" ausgemacht, dem man unterstellt,

indirekt zum Mord an Dutschke aufgerufen zu haben. Dieser überlebt das Attentat zwar, erliegt

jedoch am Heiligabend 1979 den Spätfolgen.

Bonn, 30. Mai 1968.

Die Verabschiedung der Notstandsgesetze ist eine Niederlage für die

Außerparlamentarische Opposition (APO), die sich aus der Aktionsgemeinschaft gegen die

Notstandsgesetze gebildet hatte und in der unter anderem der SDS, die IG Metall, die IG Chemie

und die Kampagne für Abrüstung (KfA) vertreten waren. Die APO sollte in der Folgezeit

auseinanderbrechen.

Prag, 20./21. August 1968.

Truppen des Warschauer Paktes marschieren in die CSSR ein und

beenden damit die Reformbestrebungen des tschechoslowakischen KP-Vorsitzenden Alexander

Dubcek, die unter dem Namen ,,Prager Frühling" bekannt werden sollten. Innerhalb des SDS

folgten hitzige Debatten über die Beurteilung der Vorfälle. Die Uneinigkeit über die Bewertung

des Militäreinmarsches in Prag ließ ,,den ideologischen Minimalkonsens der linken

Gruppierungen in der Bundesrepublik endgültig zerbrechen"26 und nahm die spätere Auflösung

des SDS quasi vorweg.

24 Vgl. Görtemaker, S.485.

25 Vgl. ebd.

26 Görtemaker, S.489.

9


3. Anmerkungen zur Deutungsgeschichte

Schon eingangs wurde erwähnt, dass bereits die bloße Existenz eines Deutungsstreits um 68 eine

bemerkenswerte Tatsache ist. Andere Schlüsseldaten der jüngeren deutschen Geschichte ­ etwa

1945 und 1989 ­ haben zwar ein vielfach höheres weltpolitisches Gewicht.27 Im Unterschied

zum Ende des Zweiten Weltkrieges oder dem Niedergang des Ostblocks herrscht jedoch über die

Wirkung der Ereignisse um das Jahr 1968 keine Einigkeit.28 Angesichts des laufenden Diskurses

verwundert es auch nicht, dass es nur das Jahr 1968 in den Rang einer Chiffre erhoben wurde,

mit der eine ganze Generation identifiziert wird. Unabhängig davon, ob diese Zuweisung nun

sinnvoll ist oder nicht, ist der Begriff ,,68er-Generation" zumindest äußerst populär.

Erst während der unmittelbaren Nachwehen von 1968, im Verlauf des von Gerd Koenen so

betitelten ,,Roten Jahrzehnts"29, setzte sich die Erkenntnis durch, dass bestimmte Ereignisse

überhaupt wichtig seien. Im Jahr 1968 verstand sich noch keiner der Akteure als Teil einer

,,Generation", schon gar nicht einer, die mit der Zahl ,,68" versehen werden müsste. Zehn Jahre

später sahen die gleichen Menschen das durchaus anders.30 In den folgenden Jahrzehnten fand

der Begriff Eingang in das Alltagsgespräch, in dem er stets mit der Frage verbunden wurde, was

aus dieser Generation wohl werden würde. Mit Blick auf das von Rudi Dutschke ausgegebene

Diktum, man müsse den ,,langen Marsch durch die Institutionen"31 antreten und sich an der

Macht beteiligen, um das Land und die Gesellschaft zu verändern, stellte sich regelmäßig die

Frage nach der Verwirklichung der Ziele von damals.

Dabei ging es nie ausschließlich um 68 selbst; hinter der Deutung der 68er-Bewegung verbarg

sich auch immer eine ganz allgemeine Wertedebatte. So konnten (und können) Kommentatoren

die Ereignisse jener Jahre zum Anlass nehmen, Ansichten über Gesellschaft, Politik oder auch

ganz andere Dinge kundzutun, stets mit dem Verweis darauf, 68 wäre für dieses oder jenes ein

entscheidender Impuls gewesen. Das bedeutet aber, dass die Debatten in der Presse, mit denen

wir es zu tun haben, auch dann geführt werden, wenn gerade kein Jubiläum eines 68-

konnotierten Ereignisses stattfindet. Was dann fehlt, ist der entsprechende Verweis.

So sind auch die Themen, die uns unter dem Schlagwort 68er-Bewegung in der Presse der Jahre

2007/2008 begegnen, für sich genommen nicht neu. Dennoch steht die gesamte Debatte vor

27 Vgl. von Lucke, S.14.

28 Der Begriff ,,Einigkeit" muss allerdings relativiert werden; so wird auch der Niedergang des Ostblocks in

verschiedenen Ländern unterschiedlich wahrgenommen, insbesondere was die Rolle führender Politiker wie

Ronald Reagan oder Michail Gorbatschow betrifft.

29 Dieser Zeitabschnitt wird begrenzt durch dern Tod Benno Ohnesorgs am 02.06.1967 und die sog. ,,Todesnacht

von Stammheim" am 18.10.1977; vgl. Koenen, Gerd: Das rote Jahrzehnt. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2001.

30 Vgl. von Lucke, S.9.

31 Vgl. Gilcher-Holtey, S.69.

10


einem neuen Hintergrund: Denn während man noch zum 30-jährigen Jubiläum nur spekulieren

konnte, was die bewegten Köpfe von damals so anstellen könnten, wenn sie einmal im

Kanzleramt säßen, ist dieses Thema heute bereits Gegenstand der Geschichtsschreibung. Der

Marsch durch die Institutionen ist nach sieben Jahren Rot-Grüner Regierungskoalition vorbei,

weshalb die Frage nun nicht mehr lautet: ,,Was wird aus den 68ern werden?", sondern: ,,Was

haben die 68er bewirkt?".32 Die Karten im Spiel um die Deutungsmacht sind also neu gemischt,

und wir können davon ausgehen, dass zumindest teilweise neue Argumente in die Debatte

eingebracht werden.

4. Die 68er-Bewegung in der Presse

4.1. Motive

Ein Motiv ist noch kein Deutungsmuster. Wie ein Autor über die 68er-Bewegung denkt, hängt

von so unterschiedlichen Faktoren wie Lebenserfahrung, politischer Heimat, Bildungsstand und

persönlicher Sympathie ab ­ und davon, wie viel von deren Einfluss der Autor zulassen will.

Doch unabhängig davon, wie verschiedene Autoren die Ereignisse um 1968 bewerten, teilen sie

mitunter gleiche Ansätze in der Methodik ihrer Darstellung.

So ist es auffällig, aber gleichzeitig nicht verwunderlich, dass ein großer Teil der Texte sich auf

rein subjektives Erleben bezieht und entlang der impliziten Fragestellung ,,Was habe ich damals

getan?" weniger eine Schilderung der Ereignisse, sondern vor allem ein Autorenporträt zum Ziel

zu haben scheint. Wir werden uns nun den auffälligsten Motiven widmen ­ unter anderem auch,

um ihre Wechselbeziehung zu den Deutungsmustern zu untersuchen.

a) 1968 begann 1967

,,Für die Bundesrepublik wäre es [...] richtiger, von den ′67ern′ zu sprechen", heißt es am 16. Mai

2007 in der ZEIT.33 Und tatsächlich sind sich auch die meisten Fachautoren einig, dass die

Ereignisse, für die die Chiffre ,,68" heute steht, schon vorher begannen.34 Es überrascht insofern

nicht, dass die deutsche Presse das Jubiläumsjahr 2008 schon ein Jahr vorher begeht. Wie zur

Entschuldigung heißt es schon auf der Titelseite der selben ZEIT-Ausgabe: ,,In Wahrheit war

32 Vgl. von Lucke, S.10.

33 Ullrich, Volker: ,,Müssten die 68er in Wahrheit 67er heißen?" In: Ullrich, Volker/Ullrich Greiner/Susanne Mayer/

Thomas Assheuer/Christian Staas/Patrik Schwarz/Jens Jessen: Die Legende und die Wirklichkeit. In: Die Zeit

Nr. 21, 16.05.2007, S.60+61; hier: S.60.

34 Vgl. Kraushaar 2000, S.8.

11


1967 das Jahr der Achtundsechziger".35

Mit ,,1967" ist im engeren Sinne der 2. Juni gemeint, das macht die Bildauswahl sowohl in der

ZEIT, der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG (FAZ) als auch in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG

(SZ) deutlich. Fast könnte man meinen, einzelne Aufnahmen aus einem rasant geschnittenen

Videoclip, bei dem ein und dasselbe Ereignis immer wieder aus verschiedenen Perspektiven

gezeigt wird, wären unter den Redaktionen verteilt worden: Frederike Dollinger auf dem Cover

des Magazins ZEIT GESCHICHTE36; Frederike Dollinger neben einem Kameramann in der FAZ37;

die Bilder des Kameramanns finden sich in einem Dokumentarfilm von Roman Brodmann

wieder, der als DVD-Edition der ZEIT erscheint.38 Es wird uns also ermöglicht, aus vielen

Blickwinkeln mitzuerleben, wie Dollinger den angeschossenen Benno Ohnesorg im Arm hält,

von dem wir bereits wissen, dass er wenige Stunden später tot sein wird.

Der tatsächliche Auftakt der 68er-Bewegung ist, mit Blick auf ihre internationale Dimension,

aber auch wegen der vielen kleinen Ereignisse in Deutschland, kaum auszumachen, bleibt

Interpretationssache. Dass ausgerechnet jenes Ereignis als ,,Aufbruch der 68er"39 begriffen wird,

ist als Neuverortung des gesamten Kontextes zu verstehen: Achtundsechzig sei vor allem eine

Zeit der Gewalt gewesen, in der es nicht nur freie Liebe, sondern auch echte Tote gab.

Das Vermeiden eines Bildes, das mehrheitlich von einer positiven Aufbruchsstimmung, von

Musik und politischem Sex zu erzählen weiß, zugunsten einer Vorstellung, in der die Gewalt die

Bewegung schon von Anfang an prägte, erleichtert das Ziehen der Verbindungslinien von den

68ern zur RAF. Der 2. Juni ist damit nicht mehr nur der Tag, der das ,,Weltbild verändert" hätte,

sondern wird als ,,Geburtsstunde des Terrorismus" identifiziert.40 Freilich war Ohnesorgs Tod

kein Ereignis, das irgendjemand herbeigesehnt hätte; einige der Beteiligten schienen einen

derartigen Paukenschlag aber doch irgendwie erwartet zu haben. All jene, die die BRD als

präfaschistischen Polizeistaat verstanden, fühlten sich in ihren Ängsten bestätigt; diejenigen,

denen das Diskutieren nicht mehr ausreichte, fühlten sich zum Handeln provoziert.

,,Bereits am späten Abend des 2. Juni platzt eine junge Frau in eine Diskussionsrunde des

SDS-Zentrums am Kurfürstendamm und berichtet vom Tod Ohnesorgs. Sie fordert, eine

Polizeikaserne zu überfallen und sich zu bewaffnen. Die Opposition solle physisch

vernichtet werden."41

35 Die Zeit Nr. 21, 16.5.2007, S.1. Die Schreibweise der Schlagzeile trägt der höheren Symbolkraft des Jahres 1968

dennoch Rechnung ­ nur dieser Zahl (,,Achtundsechzig") ist eine Adelung durch Substantivierung zuteil

geworden.

36 Die Zeit Geschichte Nr. 2, 2007, S.1.

37 Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 21, 27.05.2007, S.7.

38 Brodmann, Roman (Regie): Der Polizeistaatsbesuch. Südwestrundfunk 2007.

39 Die Zeit Geschichte Nr. 2, 2007, S.1.

40 Carstens, Peter: Ein Tag, der das Weltbild veränderte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 126, 02.06.2007,

S.8.

41 Wehner, Markus: Dieser Tag hat die Republik verändert. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 21,

12


So schildert Markus Wehner in der FAZ den terroristischen Werdegang von Gudrun Ensslin. An

einem grundsätzlichen Zusammenhang von 2. Juni und Deutschem Herbst kann zwar kein

Zweifel bestehen, wie sich schon an der Namensgebung extremistischer Zellen in der Folgezeit

erkennen lässt. Wehner widersteht aber der Versuchung, eine Kausalkette der Schuld aufzubauen,

in der die Bestrebungen des SDS notwendigerweise in die terroristischen Aktivitäten geführt

hätte. Explizit verneinen will er diese Gretchenfrage der 68er-Bewegung jedoch nicht. Er ist

nicht der Einzige, der sich damit schwer tut. Patrik Schwarz schreibt in der ZEIT, die 68er hätten

den Terror zwar erst möglich gemacht, seien aber nicht schuld daran.42 Für Peter Carstens von

der FAZ ist es eine ,,kleine Gruppe aus der Studentenbewegung", die noch am selben Abend ,,in

den Terrorismus abbog".43 Gemein ist allen der Versuch einer akribischen Analyse der Ereignisse

des 2. Juni, nicht zuletzt deshalb, weil die exakten Umstände von Ohnesorgs Tod bis heute nicht

aufgeklärt sind.44

Der Fokus auf den 2. Juni 1967 und seine Einordnung als Aufbruch oder Tag der Veränderung

bedeuten aber auch, dass alles, was vorher an Bewegung und Protest zu spüren war, entweder zu

den vernachlässigbaren Kleinstereignissen gehöre, oder aber, wenn schon bedeutsam, dann doch

in einem Rahmen stattfand, der dass Phänomen Achtundsechzig nicht erklärbar machen könnte.

Die ersten öffentlichen Proteste gegen sie Notstandsgesetze 1965 oder die Veranstaltungen zum

Protest gegen den Vietnamkrieg ein Jahr später wären demnach eher Begleiterscheinungen dieser

Zeit und zählten nicht zu den Kernereignissen. Dieser Ausschluss, der auch gleichzeitig eine

Reduktion ist, vernachlässigt nicht nur die komplexen Zusammenhänge zwischen den

Ereignissen, sondern ignoriert auch die Bedeutung der öffentlichen Bekundung politischen

Willens in der damaligen Zeit. Eine Demonstration mit mehreren tausend Teilnehmern mag aus

heutiger Sicht alltäglich sein; die Beteiligten von damals wagten sich auf partizipatorisches

Neuland.

b) Mein Achtundsechzig

Das Erscheinen von 68er-Autobiografien ist kein neues Phänomen. 1999 veröffentlichte

Thorwald Proll, Weggefährte der ersten RAF-Generation, ein Buch unter dem Titel ,,Mein 68."

Auch dieser Tage lassen einige der Beteiligten von damals wieder von sich lesen, unter ihnen

27.05.2007, S.6f; hier: 7.

42 Schwarz, Patrik: ,,Wurden die RAF und ihr Terror durch 68er erst möglich gemacht?" In: Ullrich, Volker/Ullrich

Greiner/Susanne Mayer/Thomas Assheuer/Christian Staas/Patrik Schwarz/Jens Jessen: Die Legende und die

Wirklichkeit. In: Die Zeit Nr. 21, 16.05.2007, S.60+61; hier: 61.

43 Carstens.

44 Vgl dazu: Soukoup, Uwe: Wie starb Benno Ohnesorg. Der 2. Juni 1967. Berlin: Verlag 1900, 2007.

13


Rainer Langhans (,,Ich bin′s ­ Die ersten 68 Jahre") und Peter Schneider (,,Rebellion und Wahn.

Mein′68"). Der Hang zum ,,eigenen" 68 schlägt sich dementsprechend auch in den Zeitungen

nieder: Oskar Negt45, Wulf Schönbohm46, Friedrich Schorlemmer47 ­ sie und viele andere

schreiben nicht nur über 68, sondern auch und manchmal ausschließlich über ,,ihr" 68.

Um das Resümieren über die Ereignisse von damals kommen diejenigen, die dabei waren, nicht

herum, fast schon, als bestünde ein Zwang, über 68 zu schreiben.48 Sicherlich ist die Lust an der

Selbstdarstellung ein Motiv für die Autoren, die ihren Lesern so mitteilen können, dass sie diese

außergewöhnliche Zeit mitgestaltet haben. Oft beinhaltet ein solcher Artikel regelrecht

erzählende Passagen wie diese aus dem FREITAG:

,,Meine erste kurze private Begegnung mit Rudi ereignete sich [...] im Treppenhaus von

Wolfgang Neuss, bei dem ich etwas abgeben wollte. Dieser kam mir in Begleitung von

Dutschke und Hans Magnus Enzensberger entgegen [...] Rudi war mit einem schnellen

Abschied nicht einverstanden. Er legte den Arm um meine Schultern. Wie geht es dir?

Was machst du? [...] Dutschke, dieser unvergleichliche Feuerkopf, war gleichzeitig

unendlich sanft und offen."49

Das Herausstellen der eigenen Teilhabe allein erklärt den Hang zum ,,Mein 68" aber nicht. Die

persönlichen Erfahrungsberichte werden verknüpft mit einem Urteil über 68, mit dem der Autor

den Anspruch erhebt, die kontroverse Zeit souverän deuten zu können. Dabei scheint einige

Autoren die Befürchtung zu leiten, im allgemeinen Medienrummel ihre Deutungshoheit an

andere, nämlich Nicht-68er, zu verlieren. Eine derartige Reaktion auf den Hype ist allerdings

nicht überraschend: Über die ,,Kampf um die Deutungsmacht" schon in den 1970er und 1980er

Jahren schreibt Albrecht von Lucke, die 68er würden ,,versuchen, den Spielraum für jedwede

Außeninterpretation klein zu halten, indem alle Beurteilungsvarianten von Angehörigen der

Generation selbst geliefert würden."50

Doch wie gerechtfertigt kann dieser Besitzanspruch sein, wenn sich unter den entsprechenden

Autoren so viele finden, die der 68er-Bewegung zunächst gar nicht zuzuordnen sind, wie zum

Beispiel ehemalige Mitglieder des Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS), die sich

als ,,Gegner des SDS"51 verstanden? Offenbar ist auch dieses Interpretationsgerangel nichts

45 Negt, Oskar: Demokratie als Lebensform. Mein Achtundsechzig. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.14/15,

31.03.2008, S.3-8.

46 Schönbohm1; sowie Schönbohm2, Wulf: Vorbild Ho Chi Minh. In: Der Tagesspiegel Nr. 19 868, 08.04.2008, S.6.

47 Schorlemmer, Friedrich: Eine große Chance. In: Freitag Nr. 22, 30.05.2008, S.13.

48 Im Interview mit Cordt Schnibben zieht Rainer Schmidt in VANITY FAIR einen ironischen, merkwürdig

passenden Vergleich: ,,Für manche ist 68 das, was für Opa der Krieg war: der Biografiehöhepunkt ­ sie kommen

davon nicht los." Vgl. Schmidt, Rainer: Die ewige Revolte. [Interview mit Cordt Schnibben] In: Vanity Fair Nr.

1, 09.01.2008, S.13.

49 Siepmann, Eckhard: Drei Kugeln auf Dutschke. In: Freitag Nr. 15, 11.04.2008, S.11.

50 Von Lucke nimmt dabei bezug auf Silvia Bovenschen, vgl. Von Lucke, S.35.

51 Schönbohm2.

14


Neues. Von Lucke schreibt:

,,Die ehemaligen Gegenspieler der Revolte [...] bezeichneten sich als ′andere′ oder

′alternative 68er′, um ihren Teil vom Kuchen der Anerkennung zu erhalten.

Merkwürdigerweise schien nun kaum ein Blatt Papier mehr zwischen Adenauer, den

institutionellen, und Dutschke, den kulturellen ′Verwestlicher′ zu passen, saßen im

Adenauerhaus doch die selbsternannten ′68er der CDU′"52

Darüber hinaus schildern auch viele ostdeutsche Autoren ihre Erlebnisse in der Zeit um 68,

obwohl sich eben diese Kennzeichnung vorrangig auf Ereignisse in der BRD bezieht. Diesem

Motiv werden wir uns genauer widmen.

c) Das ,,andere deutsche 68"

Die Rede von der DDR als dem ,,anderen deutschen" ist ungerechtfertigt ­ sie unterstellt

nämlich, dass der westdeutsche Blickwinkel quasi aus natürlicher Gegebenheit den Referenzwert

für die Beurteilung deutscher Fragen bilden würde. ,,Anders" ist hier insofern das richtige Wort,

als dadurch die Verschiedenheit der besprochenen Ereignisse unterstrichen wird. Das in diesem

Zusammenhang aber überhaupt von ,,68" gesprochen wird, ist durch und durch irreführend, da

dieses Etikett nicht nur einen Zeitabschnitt, sondern auch einen kausalen Ereigniszusammenhang

kennzeichnet, der in der DDR und in Osteuropa so nicht gegeben war. Die Vermutung liegt nahe,

dass Autoren auf den Begriff ,,68" deshalb zurückgreifen, um die Ereignisse im Ostblock, für die

es keinen derartigen Oberbegriff und auch keine etablierte Generationsbezeichnung gibt, in einen

gesamteuropäischen Kontext einzubetten. Dieses Bestreben könnte als Ausdruck eines

Selbstverständnisses deutscher Geschichtsschreibung interpretiert werden, ein gesamtdeutsches

Unterfangen zu sein ­ zumindest ist es mehr als ein Marketing-Gag, der der DDR-Vergangenheit

künstlich Aufmerksamkeit verschaffen soll.

Für die Herstellung von Zusammenhängen zwischen ost- und westdeutschem 68 reicht das

faktische stattfinden der thematisierten Ereignisse im Jahr 1968 nicht aus. Es bedarf weiterer

Verbindungslinien, die sich aber zahlreich finden lassen. Der Umstand, dass die wenigsten

Ostdeutschen an den Ereignissen in West-Berlin oder etwa Frankfurt am Main und anderen

Städten in der BRD direkt teilhaben konnten, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass man die

Bewegung seitens der DDR aufmerksam beobachtete und den Protest mit eigenen politischen

Vorstellungen verknüpft sah.53

52 Von Lucke, S.37.

53 So kamen nach den Ereignissen des 2. Juni 1967 aus der DDR Signale der Solidarität. Die Grenzpolizei

gewährleistete zwei mehrere hundert Autos starken Trauerkonvois auf dem Weg von West-Berlin nach Hannover

freie Passage durch Ostdeutschland, ohne die üblichen Kontrollen. An den Grenzposten bekundeten

15


Dennoch ­ und erst dies macht die Rede vom ,,anderen 68" nachvollziehbar ­ beschränken sich

die meisten der entsprechenden Zeitungsartikel auf Vorkommnisse in Ostdeutschland bzw.

Osteuropa und deren Beurteilung. Kernthema der Darstellungen sind zumeist die

Reformbewegungen im Prag des Jahres 1968 und der Einmarsch der Truppen des Warschauer

Paktes in die CSSR, die diesen ,,Prager Frühling" beendeten. Dabei geht es den wenigsten

Autoren um einen faktenorientierten historischen Abriss der Ereignisse, sondern eher um

persönliche Erfahrungen in der mit dem Geist der Veränderung geladenen Atmosphäre von

damals. Dementsprechend ist auch das Motiv ,,Mein 68" in vielen dieser Artikel zu finden; zu

nennen wären hier unter anderem Friedrich Schorlemmer, Hartmut Zwahr54 oder etwa Richard

Schröder. Dieser schreibt in der FAZ:

,,Ich gebe zu: 1968 waren meine Gedanken mit anderem so stark beschäftigt, dass ich die

Ereignisse in West-Berlin [...] zwar wahrgenommen habe, aber nicht wie ein Beteiligter,

sondern wie Ereignisse einer anderen Welt. In unserer Welt ereignete sich 1968 der

Prager Frühling, ein poetischer und treffender Name für das, was sich da überraschend

bei unseren Nachbarn zutrug."55

Auch hier geschieht eine subjektive Beurteilung auf dem Rücken einer Schilderung eigener

Erlebnisse.

Doch nicht nur der Prager Frühling, sondern auch die DDR selbst ist mitunter Gegenstand der

Darstellungen. So schildert Bernd Gehrke unter gleichlautendem Titel die ,,68er-Proteste in der

DDR"56, die überdies auch im Magazin ZEIT GESCHICHTE beleuchtet werden57. Einige Autoren,

wie etwa Timothy Garton Ash in der ZEIT, ziehen wiederum Parallelen zwischen den 68er-

Protesten und der Wende 1989, verbunden mit der Frage, welche historische Zäsur die wichtigere

sei.58 Thematische Klammer bleibt bei allen Darstellungen allerdings Prag.

d) Kult um Rudi Dutschke

Mit der Umbenennung eines Teils der Berliner Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße hat es der

Studentenführer ganz ohne die Hilfe des Jubiläumsjahres 2008 in die Schlagzeilen geschafft.

Ansammlungen von Mitgliedern der Freien Deutschen Jugend (FDJ) ihr Entsetzen über die Vorfälle. Auf den

FDJ-Plakaten ist unter anderem zu lesen: ,,Wir verneigen uns vor dem Opfer des Neonazismus" und ,,Wir

gedenken aller Opfer des Westberliner Polizeiterrors"; vgl. Becker/Schröder, S. 142f.

54 Zwahr, Hartmut: Tagebuch 1968. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 20, 13.05.2008, S.27-33.

55 Schröder, Richard: Neunzehnhundertachtundsechzig. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 119, 24.05.2008,

S.8.

56 Gehrke, Bernd: Die 68er-Proteste in der DDR. In: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 14/15, 31.03.2008,

S.40-46.

57 Finger, Evelyn: Frühling ­ kein Erwachen. In: Die Zeit Geschichte Nr. 2, 2007, S.38+39.

58 Vgl. Garton Ash, Timothy: Die späte Morgendämmerung. In: Die Zeit Nr. 21, 15.05.2008, S.13.

16


Aber auch wenn die Presse einmal nicht über die neue Vorfahrtsregelung am Axel-Springer-

Haus, das an jener Straße liegt, schreiben will, bedient sie sich des Konterfeis Dutschkes in

ausladender Manier. Dutschke, so scheint es, wird auch nach 40 Jahren mit der 68er-Bewegung

quasi gleichgesetzt. So ist es, wie wir in Abschnitt 4.2. bereits sehen konnten, die Begegnung mit

ihm, von der Autoren gerne berichten, um sich damit ihren Titel als offizielle Botschafter des

Jahres 1968 zu erwerben.

In den Fällen, in denen Dutschke nicht nur als Sinnbild genutzt, sondern in denen tatsächlich

über die Person gesprochen wird, schrecken bemerkenswerterweise nicht vor einer Demontage

des Mythos′ zurück. Dabei leistet sich niemand eine öffentliche Antipathie gegen Dutschke;

vielmehr will man seine Worte und Taten liebevoll auf Distanz halten, wie etwa Günther Franzen

in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN SONNTAGSZEITUNG (FAS):

,,Als Rudi Dutschke, einer von uns, mehr noch, ein rührend reiner Tor, [...] 1967 im

Gespräch [...] den baldigen, von den kujonierten Arbeitermassen im Bündnis mit der

studentischen Avantgarde herbeigeführten Untergang des Spätkapitalismus weissagte und

von großem Sprung, tendenziellem Fall der Profitrate und asiatischer Produktionsweise

redete, verstanden ich und meinesgleichen kein Wort, was aber der Liebe nicht nur keinen

Abbruch tat, sondern als conditio sine qua non der lauffeuerartigen Verbreitung des

systemkritischen Diskurses gelten kann und der Bewegung die Richtung wies [...]"59

Noch kritischer äußert sich Timo Frasch in der FAZ, demzufolge Brillanz auf geistig-

theoretischem Gebiet nicht zu Dutschkes Stärken gehörten.60

Die Dimensionen des Mythos lassen sich etwa daran erkennen, dass in der SZ der eigentlich

unbeteiligte Sohn Hosea Che Dutschke porträtiert wird, mit dem Verweis darauf, dass dieser

seinem Vater in Fragen der gesellschaftlichen Betätigung nicht sehr ähnlich sei.61 Unzweifelhaft

ist, dass das Attentat auf ihn am 11. April 1968 zum Entstehen des Mythos beitrug ­ den

vierzigsten Jahrestag des Attentats verstehen zahlreiche Autoren als Aufforderung, Stellung zu

Dutschke zu beziehen.

e) Was an der Uni ,,übrig blieb"

So wie die Reform der Universitäten um 1968 eines der zentralen Diskursfelder gewesen ist,

bietet die 68er-Bewegung heute noch Gesprächsstoff an der Universität. Für die Studenten- und

Campusmagazine scheint das Thema 68 Pflicht zu sein. Dass man die Ereignisse von damals

59 Franzen, Günter: Keiner war reiner. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Nr. 20, 18.05.2008, S.3.

60 Fransch, Timo: Er glaubte zu meinen, was er sagte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 85, 11.04.2008, S.3.

61 Winkler, Willi: Sanft wie der Revolutionär. In: Süddeutsche Zeitung, 11.04.2008, S.3; Hosea Che Dutschke

könnte insofern als ,,Beteiligter" gelten, als er auf vielen bekannten Fotos mit seinem Vater abgebildet ist; vgl.

ebd.

17


noch einmal Revue passieren lässt, ist hingegen nur ein Teilaspekt der Darstellungen in ZEIT

CAMPUS, UNICUM und dem UNI SPIEGEL. Den Magazinen ist es wichtiger, Brücken zwischen

1968 und 2008 zu schlagen. So wird auf dem Titelblatt der Februar-Ausgabe des UNI SPIEGEL ein

schwarz-weiß Foto einer Demonstration mit Ho-Chi-Minh- und Karl-Liebknecht-Bildern über

die Aufnahme eines aktuellen Protestes gegen Studiengebühren montiert.62 Die Botschaft dieses

Arrangements steht dazwischen: Von der Studentenrevolte blieb etwas ,,übrig". Die UNICUM

wählt fast die gleichen Worte.63 Und in beiden Magazinen wird das Erbe der Studentenrevolte an

den Universitäten im Jahr 2008 diskutiert. Wolfgang Kraushaar schreibt beispielsweise über das

,,akademische Leistungsprinzip"64, Katrin Elger und Jan Friedmann porträtieren heutige

Studenten und deren Haltung zu 6865. In der ZEIT CAMPUS zieht man die Verbindungslinien von

1968 zu heute noch konsequenter, allerdings auch weniger ernsthaft: In einer Experimentalreihe

unter dem Titel ,,1968 reloaded" werden Versatzstücke der 68er-Mentalität auf ihre Tauglichkeit

im heutigen Alltag überprüft, beispielsweise die ,,Agitation".66

Gemein ist allen, dass der Mythos 1968 kaum hinterfragt wird, sondern ein Mittel ist, um

aktuelle Themen zu bearbeiten. Von einem zumeist positiven Interesse der Leser gehen die

Magazine wie selbstverständlich aus.

4.2. Deutungen

Rufen wir uns zunächst noch einmal drei grundsätzliche Standpunkte in Erinnerung, die unsere

Suche nach Deutungsmustern strukturieren sollen:

(B) Die ,,freundliche linksliberale Lesart" sieht den Beitrag der 68er zur Entwicklung

Deutschlands als Gewinn: Erst durch sie sein eine Demokratie möglich geworden, in der

emanzipierte Bürger aktiv am politische Leben teilhaben, indem ,,autoritäre Rückständigkeiten

beseitigt" worden seien.67(A) Aus einer ,,liberal-konservativen Sichtweise" spricht man den

68ern laut Bollenbeck ,,einen enorm destruktiven Erfolg zu".68 Das bedeutet, dass sie für für

einen Großteil der Misstände die Verantwortung tragen, an denen die Gesellschaft in

Deutschland leidet, wie etwa dem ,,fehlenden Mut zur Erziehung", der ,,Auflösung der Familie"

oder der Jugendgewalt.69

62 Uni Spiegel Nr. 1, 2008, S.1.

63 Unicum Nr. 4, 2008, S.1.

64 Kraushaar, Wolfgang: Deren Träume sind längst passé. Ebd., S.10+12.

65 Elger, Katrin/Jan Friedmann: Feindbild oder Vorbild. In: Uni Spiegel Nr. 1, 2008, S.8-13.

66 Bangel, Christian: Revolutionäre Zellen. In: Die Zeit Campus Nr. 1, 2008, S.89.

67 Bollenbeck.

68 Ebd.

69 Ebd.

18


(C) Aus einer dritten Perspektive können die 68er nur als gescheitert gelten, da die immer noch

erstrebenswerten Ziele, wie die Beseitigung des Kapitalismus zugunsten einer wahrhaft

sozialistischen Gesellschaft, nicht erreicht wurden.70

Dass diese Sichtweisen möglich sind, ist unzweifelbar; dass sie die Presse dominieren, ist aber

nicht selbstverständlich. In keinem Fall jedoch sind sie als jeweils absoluter Standpunkt eines

Autoren aufzufassen. Die Sinnhaftigkeit der obigen Skizzierung entstünde nicht erst dadurch,

dass in einem Text eine und nur eine der aufgeführten Positionen vertreten wird. Die Frage ist

vielmehr, zu welchem Grad sich ein Autor einer bestimmten Haltung nähert.

Sicherlich gibt es dennoch Autoren, deren Positionierung innerhalb dieses Deutungs-Dreiecks

ganz eindeutig ist. So formulierte Joschka Fischer, dem der Ruf eines Generalzeugen von 68

zukommt, schon im Jahr 1998:

,,Daß das politische System und die demokratische Kultur heute weitaus durchlässiger,

anpassungsfähiger und offener gegenüber neuen Herausforderungen geworden sind, als

dies für das damalige politische System Westdeutschland galt, ist eine bleibende Leistung

des magischen Jahres 1968."71

Knapp zehn Jahre später wiederholt Fischer seine These in einem Interview. Für ihn sei 68 ,,die

entscheidende Phase, in der die historische Identität der westdeutschen Nachkriegsdemokratie

eine sehr positive Entwicklung genommen" habe.72 Auf der gegenüberliegenden Seite wäre etwa

Kai Diekmann zu finden, der mit seinem Buch ,,Der große Selbstbetrug" eine vieldiskutierte und

vielfach geschmähte allgemeine Abrechnung mit der 68er-Generation wagt.73

Die Existenz polarisierender Darstellungen sollte aber nicht zu der Annahme verleiten, dass nicht

auch zwischen ­ oder gar außerhalb ­ der Extreme Deutungen von 68 zu finden wären. Das

extreme Ansichten Wirbel erzeugen, ist ein Gemeinplatz in der Pressebeobachtung.

4.2.1. Von Kinderläden und Vollzugsbeamten

Um uns die Erfolge der 68er plastisch vor Augen zu führen, lässt Peter Schneider in der ZEIT

einen fiktiven Protagonisten von damals in einen jahrzehntelangen Schlaf fallen und im Jahr

2007 wieder aufwachen.74 Die Welt, der er dann begegnete, müsste ihn in Erschrecken versetzen.

Zwar wären die Vorstellungen, für die er seinerzeit gekämpft hatte, heute teilweise Realität ­

70 Ebd.

71 Fischer, Joschka: Ein magisches Jahr. In: Der Spiegel Special Nr. 9, 1998, S.59-61; hier: S.61.

72 Thomma/Vornbäumen, S.S1.

73 Diekmann, Kai: Der große Selbstbetrug. Wie wir um unsere Zukunft gebracht werden. München: Piper Verlag

2007.

74 Schneider, Peter. Zwei ungleiche Sieger. In: Die Zeit Nr. 33, 09.08.2007, S.3.

19


aber doch eine andere Realität. So würde unser wiedererwachter Kommunarde über

Wohngemeinschaften, Kinderläden, Bürgerinitiativen und offen homosexuelle Politiker staunen,

müsste aber auch erkennen, dass man vom Sozialismus heute nicht mehr viel hören will.

Schneiders These spricht von einer Entwicklung, in der das, was die Geschichte für sinnvoll

befunden hat, überleben darf:

,,Es ist, als habe ein resoluter Manager aus dem Ideensud von damals die verwendbaren

von den absurden Projekten geschieden und Erstere, unbekümmert um die ideologischen

Vorgaben der Ideengeber, für die Massenproduktion freigegeben."75

Die von ihm angeführten Beispiele ­ Schneider nennt sie die ,,innovativen ′Nebenprodukte′ der

Bewegung"76 ­ reichen von der WG-Kultur über das Open-Air-Festival in Wacken bis zur

Suppenküche für G8-Gegner in Heiligendamm. Damit verortet er die Erfolge von 68 vor allem in

Kultur und Lebenspraxis. Schneider will zwar auch politische Erfolge feststellen ­ er nennt unter

anderem den Umstand, dass eine Frau Bundeskanzlerin ist ­ stellt aber auch fest, dass

Politikmachen keinesfalls einfacher geworden sei. Mit ,,Nebenprodukten" der Bewegung sind

also ,,weiche" Erfolge gemeint, nicht der politische Umsturz.

Diese Verortung des Erreichten nimmt auch 68er-Veteran Daniel Cohn-Bendit in der SZ vor:

,,[...] Fabriken und Schulen werden nicht mehr wie Kasernen geführt, Homosexualität

wird nicht mehr als Schande betrachtet. Frauen müssen ihre Männer nicht mehr um

Erlaubnis bitten, wenn sie arbeiten und ein Konto eröffnen wollen."77

Diese Aufzählung folgt einerseits klar der Feststellung, man hätte ,,in kultureller Hinsicht"

gewonnen.78 Andererseits ist eben diese Charakterisierung der Bewegung als eine kulturelle, und

damit nicht genuin politische Revolte für Cohn-Bendit gar Ausgangspunkt der Bestrebungen von

damals:

,,Die Revolte bot die Möglichkeit, sich politisch Gehör zu verschaffen, aber sie war nicht

darauf ausgerichtet, die politische Macht zu ergreifen. Vielmehr machte ihr Wesen sie

′politisch unübersetzbar′. Es war der Wunsch nach Freiheit, der die Bewegung trug."79

Weder Schneider noch Cohn-Bendit scheinen dabei die Vermengung von kulturellem und

politischem zu beachten, die doch gerade diese Zeit kennzeichnete. Wenn also etwas in der

,,Kultur" erreicht wurde, muss es auch im Rückblick auf seinen politischen Gehalt abgeklopft

werden.

Dies tun etwa Ralf Füchs und Oskar Negt, indem sie sich mit dem Demokratisierungseffekt

75 Ebd.

76 Ebd.

77 Cohn-Bendit, Daniel: Nostlagie und Realität. In: Süddeutsche Zeitung, 21.05.2008, S.2.

78 Ebd.

79 Ebd.

20


befassen, der den 68er immer wieder angerechnet wird. Negt erkennt, dass Politisches stets auch

Einfluss auf die Lebensführung hat. Die Öffnung der Diskussionskultur an den Universitäten

hätte so zu einer ,,neuen Dimension" der Forderung nach politischer Lebensführung geführt,

nämlich ,,ihre[r] Erweiterung auf Demokratie als Lebensform".80

Füchs schreibt unter dem Titel ,,Wir waren die Guten!" im TAGESSPIEGEL von einer

,,Zeitenwende" sowohl in politischer als auch kultureller Hinsicht.81 Ihm zufolge wäre die

,,Sphäre der Demokratie" erst durch 1968 ,,weit in die Gesellschaft" verschoben worden82:

,,Es ist nicht vermessen zu sagen, dass der politische Aufbruch jener Jahre entscheidend

zur Herausbildung einer selbstbewussten Zivilgesellschaft beigetragen hat, die auf

Augenhöhe mit dem Staat agiert."83

Sowohl Negt, als auch Füchs widerstehen der Versuchung, die politischen und kulturellen

Erfolge als Produkt des Engagements eines exklusiven Kreises einiger weniger Revolutionäre

darzustellen. Sie verzichten auf die Heroisierung einzelner Akteure und schreiben ganz

allgemein von ,,der Öffnung" oder ,,dem Aufbruch". Die verbreitete Annahme, es habe sich beim

politischen 68 um eine eindeutige Bewegung mit klaren Zielen (und deshalb auch: mit

messbarem Erfolg) gehandelt, hinterfragen sie allerdings nicht.

Auch Thomas Steinfeld prüft in der SZ den ,,Mythos 1968", den er für nicht mehr als einen

,,Scheinriesen" hält, auf dessen Wirken in der Politik.84 Steinfelds Grundthese ist, dass die 68er

gar keine ,,eigenen" politischen Ziele verwirklicht, sondern im Grunde genommen nur

bestehende Vorstellungen in die Praxis überführt hätten: ,,Denn was auch immer die Themen

waren, mit denen sich die revoltierenden Studenten beschäftigten ­ sie waren vorher dagewesen,

zum Teil lange vorher [...]".85 Als ,,Themen" gelten dabei die Reform der Universitäten,

insbesondere mit Blick auf ihren demokratischen Charakter, die Gleichberechtigung von Mann

und Frau sowie die deutsche Pressepolitik mit Blick auf die BILD-Zeitung. Diese Problematiken

waren laut Steinfeld vor 1968 nicht nur in der Gesellschaft präsent, mehr noch: Es handele sich

um Lebensbereiche, ,,in denen der Fortschritt [...] ohnehin schon seine stärksten Bataillone

aufgestellt hatte."86 Eine Veränderung in der Universitäts- und Gleichstellungspolitik war seitens

der Eliten längst gefordert; dass die Studenten von 1968 diese Forderungen als radikale

Handlungsanweisung verstanden, mache sie lediglich zu ,,Vollzugsbeamten der

80 Negt, S.6.

81 Füchs, Ralf: Wir waren die Guten! In: Der Tagesspiegel Nr. 19 833, 02.03.2008, S.5.

82 Ebd.

83 Ebd.

84 Steinfeld, Thomas: Der Scheinriese. In: Süddeutsche Zeitung, 27.10.2007, S.15.

85 Ebd.

86 Ebd.

21


Modernisierung".87 Da diese Modernisierung nicht von den Studenten selbst ausgegangen sei,

wäre es nur logisch, dass sie keine sozialistische Revolution mit sich brachte, sondern

kapitalistische Strukturen nur noch befeuerte.88

Steinfeld überträgt diesen Gedanken auch auf kulturelle Erfolge, wie etwa den liberaleren

Umgang mit Sexualität, die seiner Ansicht nach ,,auch ohne die Revolte geschehen" wären, so

dass fast der Eindruck entstehen könnte, 68 habe gar nicht stattgefunden. Allerdings bestimmt er

einen neuen Impulsgeber für die Bewegung, den er in der Enttäuschung über die Hoffnungen, die

die Gründung der BRD begleiteten, erkannt haben will.89 Damit zeigt sich Steinfeld nicht etwa

als ,,Gegner" der 68er, im Gegenteil: Er spricht ihnen einfach die grundsätzliche Wirksamkeit ab,

auf die ihre Kritiker als Argumentationsgrundlage angewiesen sind.

Dass das politische Deutschland heute ,,durchlässiger", ,,anpassungsfähiger" und ,,offener" als

früher ist, wie Joschka Fischer es schreibt90, ist damit keinesfalls widerlegt und wird auch von

den anderen Autoren nicht bezweifelt. Wie groß hingegen die Eigenleistung der 68er war, wird

von Alt-68ern und Nachgeborenen jeweils anders beantwortet.

4.2.2. Von Bildungsdefiziten und Bindungsunfähigkeit

Es gibt Dinge, die sind den 68ern wohl kaum anzukreiden, zum Beispiel politisches

Desinteresse. Das weiß sogar Kai Diekmann: ,,Was wir brauchen, ist eine Politisierung

Deutschlands. Wenigstens in dieser Beziehung haben sich die ursprünglichen Achtundsechziger

nichts vorzuwerfen. Ein ′Atomkraft, nein danke′-Button am Wollpullover ist eine offene

politische Positionierung."91 Was die meisten anderen Gegenstände betrifft, lassen sich offenbar

zahlreiche Kritikpunkte an den 68ern finden. Oft sind es genau jene Dinge, die der Bewegung

von einer Seite als besonders herausragende Leistung angerechnet werden, die die andere Seite

als dauerhaftes Übel interpretiert. So müssen sich die sexuelle Befreiung, die Gleichberechtigung

der Geschlechter oder die Bildungsreformen ein ums andere mal der Frage stellen, ob sie nicht

mehr Schaden als Nutzen gebracht hätten.

Zwei Dinge sollten wir vorweg beachten: Zum einen verfügt die 68er-Kritik dieser Tage über

besonders populäre Namen, neben Diekmann beispielsweise Eva Hermann92 oder Bernhard

87 Ebd.

88 Ebd.

89 Ebd.

90 Fischer.

91 Zit. nach von Lucke, S.82.

92 Hermann, Eva: Das Eva-Prinzip. Für eine neue Weiblichkeit. Starnberg: Pendo Verlag 2006.

22


Bueb93. Diese sind dabei allerdings, nach anfänglicher Teilnahme an der Debatte, zu

Gegenständen derselben und damit zu Chiffren geworden. Des weiteren Kritik an den

vermuteten Ergebnissen von 68 unbedingt zu unterscheiden von solcher Kritik, die der Revolte

fehlerhaftes Verhalten zur Zeit ihres Wirkens vorwirft. Auf diesen Typus werden wir noch zu

sprechen kommen. Zunächst jedoch ein Musterbeispiel einer Achtundsechzig-Pathologie,

verfasst von Wulf Schönbohm:

,,Mit der Reduzierung der Leistungsanforderungen im Bildungssystem ist die APO sehr

weit gekommen. Die Aufgeschlossenheit einiger Länderregierungen gegenüber derartigen

Ideen und die Verbeamtung ehemaliger 68er als Lehrer und Hochschullehrer beförderten

diesen Prozess."94

Während also von einem linksliberalen Standpunkt aus die Beseitigung der autoritären

Strukturen an Schulen und Universitäten eine zentrale Errungenschaft des Jahres 1968 darstellen,

wird sie nun, eingebettet in eine allgemeine Verfallsbilanz, als Grund für die Bildungsdefizite der

Deutschen ausgemacht. Noch präziser formuliert es Joachim Kaiser in der SZ, demzufolge es

,,unleugbar" scheint,

,,[...] dass die Wilhelminische Ordinarien-Universität, wie sie sich einst entwickelt hatte,

geistiger, erfolgreicher, wissenschaftlich ergiebiger arbeitete als unsere immerfort hilflos

reformierten akademischen Institutionen."95

Der Rede vom ,,Kasernenton" in der Bildungswelt vor 1968 will Kaiser zwar nicht

widersprechen; diese sei auch in seiner Erfahrung ,,keine gesellschaftlich offene Institution"96

gewesen. Allerdings würde das preußische Gymnasium ,,beim Vergleich damaliger

Gymnasiasten mit heutigen Abiturienten" mindestens ebensogut abschneiden.97 Man könnte

Kaiser nun vorwerfen, er nutze die Hochkonjunktur von Bildungskritik, um eigene

Jugenderfahrungen zu porträtieren. Allerdings würde man dabei ignorieren, dass Kaiser seine

Kritik auch auf andere Felder ausdehnt, beispielsweise das der Kunst:

,,Offenbar hatte die bewusstseinsverändernde APO-Revolution auch die Konsequenz, den

Werkbegriff zu dekonstruieren. [...] Dass man grundsätzlich ′werktreu′ inszenieren müsse

[...] darüber herrschte damals Einverständnis. [...] Man befolgte Edwin Fischers schöne

Devise: ′Verlebendige die Werke, ohne ihnen Gewalt anzutun.′ Seit 1968 gilt sie nicht

mehr."

Auch hier deutet sich der Hang zur Konstruktion genereller Verfallsszenarien an, mit der

Besonderheit, dass eine Kritik am Kunstverständnis nicht vom Scheitern oder den

93 Bueb, Bernhard: Lob der Disziplin. Eine Streitschrift. Berlin: Ullstein 2008.

94 Schönbohm1, S.21.

95 Kaiser, Joachim: Ich bin ein Alt-45er. In: Süddeutsche Zeitung, 15.03.2008, S.ROM1.

96 Ebd.

97 Ebd.

23


unvorhersehbaren Folgen möglicherweise gutgemeinter revolutionärer Bestrebungen ausgeht,

sondern den 68ern eine beabsichtigt destruktive Energie unterstellt.

Ein negative Bilanz der ,,West-68er" aus ostdeutscher Perspektive zieht Richard Schröder in der

FAZ.98 Dass er durch seine Abwesenheit bei wichtigen Ereignissen eine ,,gerechte Würdigung"

nicht bieten kann, nimmt er vorweg. Er bearbeitet dennoch ähnliche Punkte wie seine

westdeutschen Kollegen. Zudem gleicht er sie mit parallelen oder konträren Entwicklungen in

der DDR ab. So schreibt er über die ,,angebliche Befreiung der Sexualität", sie hätte ,,offenbar

ein fatales Resultat erzeugt".99 Als Beispiel führt er eine Studie an, anhand der gezeigt werden

könne, dass das Fehlen einer 68er-Bewegung in der DDR die Ostdeutschen in bestimmten

Disziplinen der Lebenspraxis besser abschneiden lässt als die Westdeutschen:

,,Ostdeutsche Jugendliche haben weniger Partnerprobleme und sehen das Verhältnis zu

ihren Eltern weniger problematisch. Auf beiden Feldern haben die Achtundsechziger, wie

ich fürchte, eine Überreflexion zur Mode gemacht."100

Und auch in puncto Erziehungskonzepte ­ ein Aspekt, der sich sicherlich nicht klar von den

Themen Sexualmoral und Bildungsorganisation trennen lässt ­ wird den 68ern der Vorwurf einer

Überdosierung gemacht, die langfristigen Schaden erzeugt hätte:

,,Von einem Extrem ins andere, dazu gehört auch die Schnapsidee von der antiautoritären

Erziehung. [...] Nun melden sich ja Kinder zu Wort, die sich darüber beschweren, dass sie

nie Vater und Mutter sagen durften, sondern ihre Eltern mit Vornamen anreden mussten ­

mussten [sic!]: ′Erika, müssen wir heute wieder spielen, was wir wollen?′"101

Auch Schönbohm konstatiert, man hätte von der ihm nachfolgenden Generation ,,[i]n Bezug auf

Kleidung, Sex, Benehmen, Pünktlichkeit, Selbstdisziplin, Rücksichtnahme, Leistungswillen und

Anerkennung von Autoritäten [...] eher zu wenig verlangt."102

Obwohl alle der hier aufgeführten Autoren 68 miterlebt haben, kann keiner zu den

Achtundsechzigern im engeren Sinne gezählt werden. Sie gehörten keiner Gruppierung an, die

mit der Protestbewegung assoziiert wird. Die Vermutung liegt nahe, dass die Kritik, die aus ihren

Texten spricht, keineswegs nur eine nachträgliche Bilanz der 68er Zeit ist, die nach einer

distanzierten Analyse zu einem negativen Ergebnis führt, sondern dass die Motivation, sich

kritisch zu äußern, auf die eigenen Erlebnisse der Jahre um 1968 zurückzuführen ist.

Und tatsächlich: In den autobiographischen Teilen der Artikel können wir von ungemütlichen

Konfrontationen der Autoren mit SDS und APO lesen. Schönbohm schreibt:

98 Schröder.

99 Ebd.

100Ebd.

101Ebd.

102Schönbohm1, S.21.

24


,,Durch die arrogante Selbstgewissheit der SDS-Matadore fühlte ich mich auf dieser

Protestversammlung herausgefordert. Meine dort vorgetragene Kritik an dem Begriff und

dem Sinn eines ′Streiks′ [...] wurde unter dem donnernden Beifall der Versammelten als

kleinbürgerliche Kritik eines autoritätsgläubigen Lakaien der Professoren abgetan. [...]

Arroganz, Intoleranz und agressive Feindlichkeit gegenüber Andersdenkenden waren

Wesenszüge dieser Bewegung [...]"103

Kaiser weiß von Ähnlichem zu berichten:

,,Nie werde ich vergessen, wie ein Schüler Adornos mit Mikrophon und Trillerpfeife den

armen und tatsächlich überaus verängstigten Professor [...] bei einer öffentlichen

Veranstaltung mundtot machte, um seinen akademischen Lehrer wüst zu beschimpfen."104

Das persönliche Erfahrungen ein Ausgangspunkt, und vielleicht sogar die eigentliche Motivation

für die Kritik an 68 bilden, heißt aber nicht, dass das Urteil, das von den hier beispielhaft

Ausgewählten gefällt wird, damit ungültig sei. Gleichzeitig wäre es voreilig, aus der schon

damaligen Distanz einiger Kritiker zur Protestbewegung zu schließen, dass alle Kritiker ähnliche

Biografien hätten und diejenigen, die 1968 ,,dazugehörten", heute ausschließlich Lobeshymnen

über ihre Vergangenheit singen würden.

4.2.3. Eine Himmelsleiter als Idee

In der ZEIT unternahm man jüngst den Versuch, die ,,rote Seele" zu ergründen, um der

selbstgestellten Frage nachzugehen, wie die Linken denn ,,ticken" würden.105 Eine Reportage von

Stephan Lebert führte ihn zu Künstlern, Politikern, Journalisten ­ und zu deren individueller

Antwort auf die Frage: Was ist links? Über die Ansichten des Theaterregisseurs Claus Peymann

schreibt Lebert:

,,Linke, sagt er, seien Träumer, die etwas träumen, was sie dann nicht hinkriegen. Rechte

seien Pragmatiker, die etwas hinkriegen, was aber letztlich dann trotzdem schiefgeht. Und

dann gebe es noch die große Mitte, ′die Mittelmänner, das sind die Allerschlimmsten.

Diese Menschen interessieren sich nur für eine einzige Sache, für sich selbst,

schrecklich.′"106

Eine derartige Antwort zeugt von der Annahme einer klaren Einteilung politischer Haltungen ­

und auch eindeutiger Fronten: Die ,,Entscheidung zwischen links und rechts" sei für Leute wie

Peymann ,,immer auch eine Frage nach Gut und Böse gewesen."107 Und das sei für ihn auch

103Ebd., S.17; Schauplatz war ein Vorlesungsstreik am Otto-Suhr-Institut Berlin im Mai 1965.

104Kaiser.

105Lebert, Stephan: Die rote Seele. In: Die Zeit Nr. 30, 17.07.2008, S.2f.

106Ebd., S.2.

107Ebd., S.3.

25


heute noch so.108

Der Artikel erwähnt 68 nicht ein einziges mal ­ und doch hat er viel damit zu tun. Der

Zusammenhang zwischen dem eigenen politischen Standpunkt und der Deutung der 68er

Bewegung ist nicht überall gleichermaßen vorhanden. Im linken Mileu ist er allerdings sehr

ausgeprägt. Die kaum gebrochene Sympathie für den sozialistischen Aufbruch der Studenten von

damals lässt sich etwa an der Neugründung des Sozialistischen Deutschen Studentenverbandes

als parteigebundener ,,die linke.SDS" erkennen. Zu den diesjährigen Veranstaltungen des

Verbandes gehörte unter anderem ein ,,1968 Kongress", der unter dem Motto ,,Die letzte

Schlacht gewinnen wir" im Mai in Berlin stattfand.109

Ein Blick in das NEUE DEUTSCHLAND (ND) spiegelt diese Haltungen durchaus wieder. Die

Tageszeitung versteht sich heute, trotz vergleichsweise geringer Auflage, als bundesweit

relevanter ,,Druck von links".110 Hier findet sich am 26. und 27. April 2008 eine Sonderbeilage

zum Thema.111 Im Leitartikel ,,Als die Träume auf der Straße lagen" findet Jürgen Reents

freundliche Worte für die Bewegung ­ und auch für ihr drastisches Moment:

,,In der Breite und im Untergrund der Gesellschaft hat die Auflehnung von ′1968′ [...]

tiefe Spuren und Veränderungen hinterlassen: Es sind Spuren einer Emanzipation, die

eine Himmelsleiter als Idee brauchte, um die nächste Stufe zu zimmern und betretbar zu

machen. Und dagegen zu verteidigen, dass sie wieder platt gemacht wird."112

Damit ist gemeint, dass das hochgesteckte Ziel der umfassenden Revolution kleine

Veränderungen erst möglich mache:

,,Aber wer auch nur ein einziges Atomkraftwerk tatsächlich abschalten will, das hat die

Nachfolge von 1968 bewiesen, muss zuvor für die Stilllegung dieser gesamten

Technologie mobilisieren. Wer auch nur ein kleines Stück mehr sozialer Gerechtigkeit

verwirklicht sehen möchte, der kommt ohne die Infragestellung der kapitalistischen

Produktionsweise, die der Ungerechtigkeit zugrunde liegt, nicht aus."113

Gleichzeitig ist der Text auch die Bestandsaufnahme eines Verrats: Reents berichtet von Thomas

Schmid, einst ,,alter Kämpe des SDS", heute Chefredakteur der WELT. Für Reents ein klarer Fall

,,der bizarren Selbstverleugnung"114, mit der die 68er zu Eliten wurden.

Ein ähnliches Beispiel für die Deutung von 68 als Geschichte eines bedauernswert geringen

108Ebd.

109Der Sozialistische Deutsche Studentenverband informiert darüber auf seiner Webseite unter <http://www.linke-

sds.org>.

110Nach eigenen Angaben erreichte die Zeitung Neues Deutschland im ersten Quartal 2008 eine Auflage von 42

690 Exemplaren; vgl. unter <http://www.neues-deutschland.de/kontakt/9>; der Slogan ,,Druck von links"

entstammt einer Abonnementanzeige des Blattes in: 40 Jahre nach 1968. Beilage der Zeitung Neues

Deutschland, 26.-27.04.2008, S.10.

111Ebd.

112Reents, Jürgen: Als die Träume auf der Straße lagen. Ebd., S.1.

113Ebd.

114Ebd.

26


Erfolges ist Helge Buttkereits Artikel über Rudi Dutschke, den er, im Gegensatz etwa zu den

Porträts von Günther Franzen und Timo Frasch, als ,,vergessenen Theoretiker" erkennen will.115

Neben einer kurzen Biographie Dutschkes erläutert Buttkereit auch seine Revolutionskonzepte.

Zum Scheitern des Modells ,,Freie Stadt Westberlin", dessen Beginn ,,die Übernahme der

Betriebe über ein Rätesystem"116 gewesen wäre, schreibt Buttkereit:

,,Indes hat die Studentenbewegung in der BRD nie Zugang zur Arbeiterschaft gefunden,

vor allem, weil nach den Schüssen auf Dutschke und dem Verfall der APO die

sektiererischen Tendenzen Oberhand gewannen."117

Dutschkes Wirken wird mit Blick auf sein Diktum des ,,Langen Marsches durch die

Institutionen" folgendermaßen beurteilt:

,,Die gerne gestellte Frage, welche Position Dutschke heute einnehmen würde, ist [...]

falsch gestellt. Vielmehr muss die Frage lauten: Wo wäre die Bewegung heute, wäre

Dutschke noch unter uns?"118

Allen genannten Beispielen ist gemein, dass sie das Aufbegehren der 68er grundsätzlich als eine

wünschenswerte Entwicklung wahrnehmen; dass ihr Erfolg bescheiden, aber immerhin

vorhanden sei, ist das nüchterne Resümee. Doch auch der Stil der Auseinandersetzung,

insbesondere die systemkritische Kampfrhetorik, erinnert an die Zeit des Kalten Krieges. Eine

Rede von der ,,Infragestellung der kapitalistischen Produktionsweise"119 oder der ,,Stilllegung

dieser gesamten Technologie"120 wirkt heute möglicherweise antiquiert; in jedem Fall vermittelt

sie ein Verharren in unveränderten Feind-Freund-Kategorien. Auf der einer Seite sitzt der

Springer-Redakteur, der Karrierist, der ,,schwungvoll in die Pedale der

Verdummungsmaschine"121 tritt, auf der anderen Rudi Dutschke.

Diese Kontrastierung und die Angst vor einem Rückbau der Errungenschaften wird untermauert

mit der Annahme einer geringen Revolutionsbereitschaft der heutigen Studenten. So fordert etwa

Günther Grass ein ,,neues 68"122, und Albrecht von Lucke warnt vor einer geistigen Rückkehr in

die 50er Jahre123. Wenn man davon ausgeht, dass die ,,Sekurität und Aufstiegsgewissheit"124 der

115Buttkereit, Helge: Lenin auf die Füße stellen. In: Neues Deutschland, 12.+13.04.2008, S.22.

116Ebd.

117Ebd.

118Ebd.

119Reents.

120Ebd.

121Ebd.

122Grass bei einer Gesprächsrunde in der Berliner Akademie der Künste; zit. nach Lehmkuhl, Tobias: Heißer

Sommer des stinkenden Duldens. In: Süddeutsche Zeitung, 09.06.2008, S.12

123Vgl. von Lucke, Albrecht/Irmela Hannover/Peter Schneider. In: Wollen wir denn die 50er Jahre wiederhaben?

In: Neues Deutschland, 19.+20.07.2008, S.24.

124Bollenbeck

27


Studenten in den 60ern eine Grundbedingung für ihre ,,selbstbewussten Frechheiten"125 ist,

erscheint es nachvollziehbar, dass der heutige Mangel an Krisenbewusstsein126 auch mit der

veränderten Bildungs- und Berufsrealität zu tun hat, da in Zeiten von Credit Points und

Praktikumsmarathon kein Platz mehr für Gedanken an eine Revolte sei.127

Problematisch ist aber insbesondere die Deutung der radikalen Theorien als ,,Himmelsleiter", die

kleine Schritte nach vorne erst ermöglichen würde ­ problematisch nämlich, wenn sie die

Gefahr, die von jeder Art von Radikalismus ausgehen kann, einfach ignoriert, etwa die

Gewalttendenzen, die sich auch bei einer ikonisierten Person wie Rudi Dutschke finden.128

Dieses Deutungskonzept kann ein Mittel sein, um dem Verdacht des naiven Utopismus zu

entgehen. Zumindest Jürgen Reents scheint jedoch nicht nur aus argumentationstaktischen

Gründen von der Notwendigkeit der Übertreibung überzeugt: ,,[...] empirisch gesehen ist dies der

Gang der Dinge ­ von geschichtlichen Ausnahmesituationen abgesehen. Trinkmilch wird aus

Rohmilch gewonnen, nicht umgekehrt."129

4.2.4. Götz Aly

Dass wir dem Beitrag des Historikers Götz Aly zur laufenden Debatte um 68 einen eigenen

Abschnitt widmen, soll auch unterstreichen, welche Bedeutung seine Thesen in der Presse

einnehmen. Alys in diesem Jahr erschienenes Buch ,,Unser Kampf. 1968 ­ ein irritierter Blick

zurück" ist ohne Zweifel einer der meistdiskutierten Texte zum 68er-Jubiläum und damit ein

Aufmerksamkeitsfänger der gesamten Debatte.130 Ein Destillat seines Buches hat Aly am 30.

Januar 2008 in der FRANKFURTER RUNDSCHAU (FR) unter dem Titel ,,Die Väter der 68er"

veröffentlicht.131

Wen er dabei mit den ,,Vätern" meint, wird schon anhand der Symbolik deutlich: Zum einen die

historische Ereignisse, die mit dem Datum 30. Januar in Verbindung stehen; zum anderen deutet

auch die Rede von ,,unserem Kampf" an, dass hier eine Brücke zwischen der Machtergreifung

der Nationalsozialisten im Jahr 1933 und der Protestbewegung der späten sechziger Jahre

125Ebd.

126Vgl. von Lucke/Hannover/Schneider.

127Vgl. Bollenbeck.

128Vgl. Gilcher-Holtey 2005, S.47f.

129Reents.

130Der Spiegel schreibt im Zusammenhang neuer 68er-Erinnerungen und der Kontroverse, die Götz Aly ausgelöst

hat, gar von einem ,,neuen Historikerstreit" ­ möglicherweise eine übertriebene Gewichtung der Debatte, aber in

jedem Fall eine provokante Platzierung der Thesen Alys im Bereich der NS-Relativierung; vgl. Matussek,

Matthias: Dutschke, Goebbels und Co. In: Der Spiegel Nr. 8, 18.02.2008, S.148-152; hier: 148.

131Aly, Götz: Die Väter der 68er. In: Frankfurter Rundschau, 30.01.2008, online unter

<http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/zeitgeschichte/die_68er/1968_aktuelle_artikel_/?

em_cnt=1279789>, letzter Abruf: 01.08.2008, 18:12 Uhr.

28


geschlagen wird.

Die Behauptung, 68er- und die ,,33er"-Generation132 würden sich in ihren ideologischen

Zielvorstellungen gleichen, wäre natürlich absurd. Aly geht es vornehmlich um Parallelen

zwischen den Mitteln, der Systematik und dem Selbstverständnis beider Bewegungen, wobei

schon die Bezeichnung ,,Bewegung" ein gemeinsames Charakteristikum darstelle, das alle

weiteren Ähnlichkeiten vorwegnehme. Aly verortet diese einerseits in der gedanklichen und

inhaltlichen Konfiguration der Proteste ­ Obrigkeitsfeindlichkeit, Antielitarismus,

Differenzierungsfeindlichkeit ­ andererseits will er sie in konkreten Handlungsmomenten ­ wie

der Gewaltbereitschaft gegenüber der Polizei oder dem Verbrennen von Schriften ­ erkennen.133

Aly ist zwar nicht der erste, der Parallelen zwischen dem Aufbegehren der Nazis und den 68ern

zieht; so betrachtet auch Joachim Kaiser die rhetorischen Mittel der 68er als Wiederholung der

,,Systemkritik von Joseph Goebbels am Berliner Reichstag"134. Doch Aly geht es weniger um

Verbindungslinien symbolischer Natur, sondern um Übereinstimmungen sogar im Selbstbild der

Bewegungen:

,,Sie [die 33er-Studenten; LA] feierten den Abschied vom bürgerlichen Individualismus

und sahen sich im ′Übergang von der Ich-Zeit zur Wir-Zeit′. Eben deshalb sei ′die letzte

Lebensfrist des Liberalismus abgelaufen′; nun komme es darauf an, diesem unklaren,

antiutopischen Denken ′endgültig den Garaus zu machen′ (Die 68er hatten es ebenfalls

auf die ′Scheiß-Liberalen′ abgesehen)."135

Den elementaren Unterschied zwischen beiden Bewegungen sieht Aly in dem einfachen

Umstand, dass, während die ,,33er" an die Macht gelangten, die 68er gescheitert seien ­ weshalb

man ihnen auch nicht mit nachträglichen Schuldzuweisungen begegnen sollte:

,,Verglichen mit der NS-Zeit sind die Folgen der 68er-(Un-)Taten belanglos. Albern ist

das Gerede davon, dass die vielleicht 200 000 jungen Leute, die vor 40 Jahren einen

kleinen Aufstand probten und verloren, irgendein Problem verschuldet hätten, das die

Bürger der Bundesrepublik heute beschäftigt."136

Aly, der selbst an den Studentenprotesten in West-Berlin beteiligt war137, sieht die

Neubetrachtung dieser Zeit auch als Konfrontation mit sich selbst. Allerdings stützt sich seine

Analyse des Protests nur teilweise auf Dokumente, die von den Studenten selbst stammen. Aly

betont, dass es insbesondere Zeugnisse von Personen, die sich eher als Opfer des Protests sahen,

seinen neuen Blickwinkel auf 68 ermöglicht hätten. So fußt seine Argumentation unter anderem

132Dieser Begriff geht auf Aly zurück; vgl. ebd.

133Ebd.

134Kaiser.

135Aly.

136Ebd.

137Bisky, Jens: Der Große Kater. [Interview mit Götz Aly] In: Süddeutsche Zeitung, 14.02.2008, S.13.

29


auf den Hinterlassenschaften von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger und der Berliner

Politologen Ernst Fraenkel und Richard Löwenthal. Ihnen entnimmt er sowohl ein Verständnis

für die Revoltierenden seitens der Politik, als auch eine bereits damals vorhandene Angst vor den

totalitaristischen Elementen des Protestes. So rief Kiesinger ,,immer wieder zum behutsamen

Vorgehen" auf, während sich der einst von den Nazis verfolgte Löwenthal ,,vom revolutionären

Veränderungswillen der 68er abgestoßen" fühlte.138

Die meisten Presseautoren fühlen sich wiederum von Alys Thesen abgestoßen. Zwar meinen

einige, seinerzeit ähnliches Beobachtet zu haben; andere meinen wiederum, der Hang der

Studenten zum Totalitären und Diktatorischen ließe sich schon an ihrer Begeisterung etwa für Ho

Chi Minh oder Mao Zedong erkennen.139 Alles in allem jedoch geht die Presse nicht zimperlich

mit Aly um. ,,Welch ein grotesker Mangel an historischer Wahrnehmung!" antwortet ihm etwa

ein Veteranenkolleg des Berliner Otto-Suhr-Instituts, an dem Aly selbst studiert hatte, in der

FR.140 In der selben Zeitung wirft man ihm die Provokation als Marketing-Gag vor141, während

ein dritter Text mit Akribie einigen Detailfehlern in Alys Analyse auf die Spur kommt142.

Ein guter Teil der Erwiderungen auf Aly ist dabei in einer Art und Weise abgefasst, die ihm selbst

vorgeworfen wird: ,,Bisweilen klingt der Text wie durchs Megaphon gesprochen. Der

Zeitgenosse übertönt den Forscher, der robuste Austeiler der verletzlichen Intellektuellen", urteilt

Harry Nutt, ebenfalls in der FR.143 Derartige Reaktionen lassen aber auch erkennen, dass die

inhaltlich-kritische Auseinandersetzung mit Götz Aly offenbar nicht so einfach ist, wie es die

Intuition beim ersten Vernehmen seiner Thesen glauben macht.

Was die theoretischen Grundlagen betrifft, kann Aly sich auf die Erkenntnis stützen, dass

Emanzipationsbewegungen mit Radikalismus und eben auch totalitären Auffassungen Hand in

Hand gehen. In einem Kommentar zum ,,Verhältnis von Frankfurter Schule und studentischer

Protestbewegung" schreibt Alex Demirovic, ,,das Projekt der Emanzipation" könne ,,aus sich

heraus entmündigende Praktiken hervorbringen, die Aufklärung in Despotie umschlagen [lassen;

138Aly.

139Vgl. Kaiser; vgl. auch: Schönbohm2.

140Grottian, Peter/Wolf-Dieter Narr/Roland Roth: Keinerlei Ähnlichkeit. In: Frankfurter Rundschau, 09.02.2008,

online unter <http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/zeitgeschichte/die_68er/1968_aktuelle_artikel_/?

em_cnt=1285285>, letzter Abruf: 01.08.2008, 18:15 Uhr.

141Schappach, Beate/Andreas Schwab: Scham und Schweigen. In: Frankfurter Rundschau, 12.02.2008, online unter

<http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/dokumentation/?em_cnt=1286461>, letzter Abruf: 01.08.2008,

18:19 Uhr.

142Thieme, Matthias: 68, ungenau. In: Frankfurter Rundschau, 06.05.2008, online unter <http://www.fr-

online.de/in_und_ausland/politik/zeitgeschichte/die_68er/1968_aktuelle_artikel_/?em_cnt=1329715>, letzter

Abruf: 01.08.2008, 18:16 Uhr.

143Nutt, Harry: Sein Kampf. In: Frankfurter Rundschau, 16.02.2008, online unter <http://www.fr-

online.de/in_und_ausland/kultur_und_medien/literatur/?em_cnt=1288999>, letzter Abruf: 01.08.2008, 18:21

Uhr.

30


LA]."144 Doch auch Demirovic betrachtet die Darstellung der 68er als einer Fortsetzung der

,,Bewegung ′33" als ,,holzschnittartig", was sich unter anderem an der Rolle des Bürgertums

festmachen ließe. Dieses sei in beiden Fällen eine Leitkategorie des Aufstandes gewesen,

allerdings einmal (1933) als dessen Förderer, das andere mal (1968) als dessen Feindbild145 ­ eine

Auffassung, die Aly im Übrigen nicht teilt146.

Ein anderer Aspekt ist das Verhältnis der Studentenbewegung zum Antisemitismus. Zwar hatten,

ganz abgesehen von der Forderung der Studenten, faschistische Altlasten in Deutschland nicht

mehr zu tabuisieren, viele ihrer Vordenker wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und auch

Karl Marx, sofern sie nicht selbst Juden waren, doch ein enges Verhältnis zum Judentum. Latent

vorhandene antisemitische Ressentiments im Protestmilieu werden von der Presse aber

ausgemacht. ,,In Deutschland wissen Linke wie Rechte: Geld, Zins, Börse sind böse ­ und

jüdisch" meint Rainer Hank in einer Verteidigung Götz Alys in der FAS.147 Er führt ein Beispiel

an:

,,Es waren sich Tupamaros nennende linke Stadtguerilleros, lange vor der RAF, die am 9.

November 1969 einen Bombenanschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin planten

just für den Tag, als dort in einer Gedenkfeier der jüdischen NS-Opfer gedacht werden

sollte. Am Anfang der Bewegung stand nicht das Wort, sondern die Tat, schreibt

Wolfgang Kraushaar: ′die judenfeindliche, die antisemitische Tat′."148

Aber selbst wenn wir despotische Elemente, die ,,Uniformität in der Nonkonformität"149, eine

vergleichbare Rhetorik und antisemitische Zwischentöne in der 68er-Bewegung annehmen ­ ist

damit eine Geschichtsschreibung, die 68 in der Kontinuität von 33 sieht, zulässig? Steckt darin

nicht eine sträfliche ­ und sogar strafbare ­ Verharmlosung des Hitlerfaschismus? ,,Wie kann

man in Jahre 2008 die Ursachen, die Verlaufsmuster und die Wirkungen der NS-Herrschaft derart

verniedlichen, dass man sie mit der ′68er Bewegung′ auf eine Stufe stellt?" fragt man

beispielsweise in der FR.150 Und Franziska Augstein wettert in der SZ:

,,Alys These ist ein bisschen albern, ziemlich degoutant und vor allem unverständlich.

Was will er mit seinem Hinweis auf ′formale′ Ähnlichkeiten insinuieren? Dass die

Studenten ein totalitäres System errichten wollten? Dass die Nazis in ihrem Kern auch

nicht schlimmer gewesen seien als die Studenten 1968? Wie kommt Aly auf seine bizarre

Suggestion [...]?"151

Allerdings vergleicht Aly nicht die Resultate, sondern nur den Beginn von 12 Jahren NS-

144Demirovic, Alex: Das Quentchen Wahn. In: Freitag Nr. 16, 18.04.2008, S.19.

145Demirovic.

146Aly. Er spricht von ,,antibürgerlichen Momente[n]" der NS-Studenten.

147Hank, Rainer: Die Wiederholungsfalle. In: Frankfurter Allgeimeine Sonntagszeitung Nr. 8, 24.02.2008, S.32.

148Ebd.

149Schröder.

150Grottian/Narr/Roth.

151Augstein1, Franziska: 1968: Drei Bücher und ein Machwerk. In: Süddeutsche Zeitung, 19.02.2008, S.10.

31


Herrschaft mit der Revolte von 1968. Daraus ließe sich allerdings die implizite Vermutung

ableiten, die 68er-Revolte hätte, wäre sie erfolgreich gewesen, Europa erneut in ein

vernichtendes Chaos geführt. Dass man Geschichte aber nicht im Konjunktiv schreibt, weiß Götz

Aly natürlich. Es geht ihm deshalb auch nicht um das Ergebnis einer hypothetischen 68er-

Herrschaft.

Für die meisten Autoren ist es denn auch vor allem fraglich, ob die Parallelen, die Aly zieht, als

solche sinnvoll sind. So würde die Feststellung, schon allein ,,Systemkritik" machte die 68er den

jungen Nationalsozialisten ähnlich, so manchen späteren Intellektuellen ebenfalls in die Nähe der

Nazis rücken.152 Und Augstein zufolge sind Alys Argumente deshalb schwach, weil er als

Grundlage Beispiele heranziehen würde, die nicht repräsentativ für die Bewegung stehen.153

Einen noch nicht näher erforschten Zusammenhang zwischen Studentenbewegung und

Faschismus hält aber auch sie für diskutabel: Der Historiker Norbert Frei äußert in seinem dieser

Tage erschienen Buch ,,1968. Jugendrevolte und globaler Protest" den Befund, die gewalttätigen

Nachwehen in Form des linken Terrorismus der 68er Zeit könnten als spezifisches Problem der

ehemaligen Achsenmächte des Zweiten Weltkrieges gedeutet werden.154 Frei vermutet in einem

Interview mit dem FREITAG,

,,[...] dass die Härte der Auseinandersetzungen in diesen drei Ländern und die Gewalt, die

dabei freigesetzt wurde, mit der historischen Schuld zu tun hat, die nicht, wie in

Frankreich und anderswo, mit der Existenz einer Résistance bemäntelt werden konnte."155

Götz Alys Vergleich hält aber auch er für überzogen.156

5. Auffälligkeiten

So unterschiedlich die Möglichkeiten der Deutung und das Aufgreifen von Motiven in den

verschiedenen Zeitungsartikeln auch sind, lassen sich dennoch lagerübergreifend ähnliche

Ansätze finden, 68 als Gegenstand zu begreifen. Das soll heißen, dass auch bei unterschiedlicher

Bewertung mitunter gleiche Antworten auf die Frage gefunden werden, ,,wer" oder ,,was" dieses

68 denn überhaupt sein soll und warum es sich lohnt, darüber zu schreiben.

Von Anzeichen einer ,,Versöhnung" der Standpunkte zu sprechen, wäre allerdings falsch. Es ist

beispielsweise nicht der Fall, dass jene Autoren, die 68 gegenüber einen kritischen Standpunkt

152Grottian/Narr/Roth.

153Augstein1.

154Ebd.

155Baureithel, Ulrike: Der Sündenstolz auf die eigene Geschichte. [Interview mit Norbert Frei] In: Freitag Nr. 12,

21.03.2008, S.11.

156Ebd.

32


vertreten, zu Zugeständnissen in bestimmten Teilaspenkten bereit wären ­ von floskelhaft-

diplomatischen Relativierungen157 einmal abgesehen. Umgekehrt gilt das gleiche für die

Advokaten der 68er. Ein Gegenstand, der von einer Seite als intuitiv einsehbarer Erfolg

dargestellt würde, könnte von anderer Seite schnell ins Gegenteil umgekehrt werden.

Doch immerhin setzt dies den Konsens voraus, das die 68er-Bewegung existiert und aktiv etwas

bewirkt hat. Diese Erkenntnis ist keinesfalls trivial. Denn auf einer anderen Abstraktionsebene,

abseits der großen Deutungsschlacht zwischen Gut und Böse, lauert eine Grundhaltung, die

Motive oder Deutungen eigentlich nicht zulässt: Wer den Mythos entlarven und den Hype für

substanzlos erklären will, der unternimmt den Versuch einer Dekonstruktion von 68.

Ziel ist es dabei, die Wirkungslosigkeit der 68er herauszustellen. 1968 ist nun der ,,Scheinriese"

den es ,,zu beerdigen gilt", wie Thomas Steinfeld in der SZ schreibt. Damit wird keinesfalls eine

Bedeutungslosigkeit des Zeitabschnitts unterstellt, sondern der Anteil der Personen, die sich

,,68er" nennen, relativiert. Wenn Steinfeld schreibt, das, wofür die Erfolgsgeschichte von 68

steht, wäre auch ,,ohne die Revolte" geschehen, dann meint er, dass die krawallartigen

Begleiterscheinungen nicht Auslöser, sondern nur Symptom der notwendigen gesellschaftlichen

Reformen waren.

Dass die Revolte von 1968 nur ,,das Betriebsgeräusch" war, ,,das dadurch entstand, dass die neue

Massenschicht sich auf ihren Platz im politischen und gesellschaftlichen System drängelte",

schreibt Georg Fülberth in der Wochenzeitung JUNGLE WORLD.158 Auch Norbert Frei erscheint

,,die Vorstellung von einer erst durch die ′68er durchgesetzten ′Fundamentalliberalsierung′" als

,,ein zu großes Wort".159Und Brigitte Zypries stellt in der FAZ fest:

,,Wer heute glaubt, die politische Modernisierung der alten Bundesrepublik habe erst mit

den Ereignissen des Jahres 1968 begonnen, überschätzt die Bedeutung der

Studentenbewegung. Sie war nicht Anstoß, sondern Ausdruck eines breiten

gesellschaftlichen Reformprozesses, der die gesamten 60er Jahre und nahezu die gesamte

westliche Welt prägte."160

Setzt man diese Wirkungsarmut voraus, befreit man die 68er gleichzeitig von aller

Verantwortung für heutige Zustände. So hält selbst Götz Alys Kritik an den Ausdrucksformen

der 68er eine Schuldzuweisung für ,,albern".161

Eine Spielart dieser Dekonstruktion des ,,magischen Jahres"162 1968 und seiner Bedeutung

157So schreibt beispielsweise Joachim Kaiser: ,,Gewiss könnte man den hier mitgeteilten, mich empörenden

Einzelheiten genausoviele positive Erscheinungen des APO-Protestes entgegensetzen."

158Fülberth, Georg: Prozess und Event. In: Jungle World Nr., 17.01.2008; online unter

<http://jungle-world.com/artikel/2008/03/21029.html>; letzter Abruf: 05.08.2008, 19:55 Uhr.

159Baureithel.

160Zypries, Brigitte: Das Kleid unserer Freiheit. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 117, 21.05.2008, S.9.

161Aly.

162Fischer.

33


insbesondere für die deutsche Geschichte ist die Gegenüberstellung mit der friedlichen

Revolution in der DDR im Jahre 1989. Auf die Feststellung, dass sich 1989 eben nicht nur eine

,,Wende", sondern tatsächlich eine ,,Revolution" vollzogen habe, legt Richard Schröder in der

FAZ großen Wert.163 Eben dieser Terminus könne erst die ­ im Unterschied zur 68er-Bewegung ­

herausragende Bedeutung des Ereignisses deutlich machen. Eine Bezeichnung wie etwa die

,,Generation 89" hat sich allerdings nicht etabliert. Einen Deutungskampf um 1989 findet in der

Presse nicht statt, weshalb, wie Timothy Garton Ash in der ZEIT feststellt, 68 ,,bei den

Erinnerungsfeierlichkeiten [...] nur schwer zu schlagen sein" wird.164

Eine andere Rückwirkung der 1989er Revolution auf die Erinnerungskultur bezüglich des

Ereignisses 68 vermutet Franziska Augstein in der SZ. Ihren Ausführungen zufolge sorgt der

Untergang der DDR für eine negative Bewertung der 68er-Bewegung, weil er einige Autoren zu

der Annahme verleite, man könne die deutsche Nachkriegsgeschichte nun als Erfolgsstory

schreiben ­ weswegen der vermeintliche Schandfleck 68 neu diskutiert und dargestellt werden

müsse ­ nämlich als gesamtgesellschaftlich begonnener Wandel, und nicht als Erfolg einer

Revolte.165

Doch auch jüngere politische Entwicklungen beeinflussen das Bild von 68. Nachdem Abtritt der

Rot-Grünen Regierungskoalition in Berlin und dem Antritt des Schwarz-Grünen

Regierungsbündnisses in Hamburg steht das ,,alte" 68 unter Rechtfertigungsdruck. Von einstigen

Idealen ließ Rot-Grün nichts spüren, die Koalition mit der CDU wird von einigen gar als Verrat

empfunden, so dass es rückwirkend unmöglich scheint, dass einige wenige Protagonisten der

sechziger Jahre einen derartigen gesellschaftlichen Wandel herbeigeführt haben konnten. Eine

umfassende Beurteilung der Wirkung der Landes- und Bundespolitik auf das Bild der 68er

bedürfte allerdings einer weitergehenden Analyse.

Paradoxerweise trägt die Klage über eine Mythifizierung des Ereignisses 68 nicht zum

Verschwinden des Mythos bei, sondern regt den Diskurs weiter an. So sind auch die 68-

Metakritiken selbst Elemente des großen Erinnerungs- und Deutungstanzes um den

,,Scheinriesen", der damit natürlich nicht kleiner, sondern größer wird. Es ist nur logisch, dass

auch die 68er selbst sich unter diejenigen mischen, die 68 für überbewertet halten. ,,Forget it!

1968 ist vorbei!" stellt Daniel Cohn-Bendit in der SZ klar, scheinbar, um nostalgischer

Revolutions-Romantik entgegenzutreten.166 Tatsächlich handelt es sich nur um die Eröffnung

seines eigenen Beitrages im Deutungskampf.

163Schröder.

164Garton Ash.

165Augstein2, Franziska: Traurige Helden. Warum eigentlich wird ,,1968" verteufelt? In: Süddeutsche Zeitung,

08.04.2008, S.13.

166Cohn-Bendit.

34


6. Fazit

Das Fehlen eines Konsens sorgt auch noch 40 Jahre nach 1968 für spannende Debatten, die zum

Nachdenken über viele gesellschaftliche und politische Fragen anregen. Schließlich geht es beim

Thema 68 nie ausschließlich um vergangenen Ereignisse, sondern oft genug um allzu

gegenwärtige Themen.

Wir haben versucht, im Dschungel der Deutungen, die sich in der Presse wiederfinden, Muster

ausfindig zu machen. Dabei hat sich eine Hilfsannahme als nützlich erwiesen: Die Deutungen

der 68er als Modernisierer der Lebenskultur, als Ursache gesellschaftlichen Verfalls oder als

gescheiterter Versuch, den Sozialismus wahr werden zu lassen, sind in der Presse zahlreich

vertreten.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Wir konnten überdies auch sehen, dass, während einige

Autoren ihre Sicht auf 68 offensichtlich nur deshalb kundtun, um ein Stück vom Legendären der

Revolte abzubekommen, andere sich darum bemühen, das Wirken der Protestbewegung zu

hinterfragen und den Grund der damaligen Veränderungen neu zu verorten.

Rufen wir uns noch einmal das andere revolutionäre Geburtstagskind in Erinnerung, den 9.

November 1918. Auf kommunistischer Seite stritten und scheiterten damals Karl Liebknecht und

Rosa Luxemburg, bei deren Bemühungen, die Fahne der Arbeiterbewegung im ganzen Land

wehen zu lassen, sich allenfalls der Landwehrkanal rot färbte. Nimmt man heute die Worte

,,Kommunismus" und ,,Sozialismus" in den Mund, spricht man vor jeder theoretischen und

inhaltlichen Auseinandersetzung zunächst von den Toten im Gulag und an der Berliner Mauer.

Und wo immer über 68 geredet wird, ist auch die Bezugnahme auf den RAF-Terrorismus gewiss.

Das ist auch gut so, denn jede Idee einer gesellschaftlichen Umwälzung muss sich an den

historischen Fakten, die sie produziert, messen lassen. Gleichzeitig macht diese Art der

Auseinandersetzung deutlich, dass auch über vermeintlich klare geschichtliche

Ereigniszusammenhänge eine ideologiefreie Debatte nicht unbedingt möglich ist.

Ein mittlerweile berühmter Beitrag zum Thema 68 stammt von Hannah Arendt, die einst in

einem Brief an Karl Jaspers vermutete, ,,die Kinder des nächsten Jahrhunderts werden das Jahr

1968 mal so lernen wie wir das Jahr 1848."167 Bisher hat sich ihre Annahme nicht bewahrheitet,

doch in dieser Hinsicht hat der Deutungskampf noch 92 Jahre Zeit. Mit Sicherheit wird die

Auseinandersetzung in 10 Jahren, zum 50-jährigen Jubiläum ­ das ja eigentlich keines ist ­

weitergehen. Eine Prognose für 2018: Von einer ,,legendären Revolte" wird man dann nur noch

selten sprechen.

167Zit. nach von Lucke, S.7.

35


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