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Der dänische Tänzer, Ballettmeister und Choreograph August Bournonville am Wiener Kärntnertortheater 1854-1856

Diploma Thesis, 2008, 106 Pages
Author: Mag.phil. Victoria Elisabeth Tschiedl
Subject: Scandinavian Languages

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2008
Pages: 106
Grade: 1
Bibliography: ~ 48  Entries
Language: German
Archive No.: V115588
ISBN (E-book): 978-3-640-17473-7
ISBN (Book): 978-3-640-17501-7
File size: 943 KB

Abstract

August Bournonville (1805-1879) war zu Lebzeiten in Paris als Tänzer und in Kopenhagen auch als Ballettmeister und Choreograph eine erfolgreiche und gefeierte Persönlichkeit. Nach seinem Tod fand Bournonvilles Schaffen durch seine Schüler internationale Anerkennung. Sein Vermächtnis für das Ballett – seien es der einzigartige Bournonville-Stil, seine Choreographien oder das Bemühen um eine Verbesserung der sozialen Stellung von Tänzern – ist von überaus großer Bedeutung und reiht Bournonville unter die größten Persönlichkeiten der internationalen Tanzwelt. Der dänische Ballettmeister hätte auch im Zusammenhang mit Österreich eine wichtige Bedeutung erlangen können. Bournonville kam 1854 als Gastchoreograph nach Wien und wurde schließlich für die Saison 1855/56 an der Wiener Hofoper, dem Kärntnertortheater, angestellt. Wider Erwarten war die Arbeit in Wien von geringem Erfolg und eine weitere Karriere am Kärntnertortheater weder von Seiten der Direktion noch von Bournonville selbst erwünscht. Diese kurze Episode im Leben Bournonvilles wurde von der Bournonville-Forschung bisher kaum behandelt. Die vorliegende Arbeit setzt sich erstmals gründlich mit August Bournonvilles Leben und Wirken in Wien auseinander. Bournonville kam zu keinem günstigen Zeitpunkt nach Wien; die erste Glanzzeit des Wiener Balletts war vorüber, Fanny Elßler hatte die Bühne einige Jahre zuvor verlassen. Der nächste Höhepunkt des Balletts in Wien ließ noch einige Zeit auf sich warten und sollte erst an der neuen Hofoper am Ring, die 1869 fertig gestellt wurde, stattfinden. Dies mag ein Grund für das Scheitern Bournonvilles in Wien sein. Weitere Ursachen sollen in dieser Abhandlung herausgearbeitet werden. Um den Ballettmeister kennen zu lernen, einen Überblick über sein Schaffen und seine Bedeutung für das dänische und internationale Ballett zu erhalten, gibt Kapitel I Allgemeines zu Beginn einige Grundinformationen zu August Bournonville. Im Anschluss daran wird die Wiener Tanz- und Theaterliteratur näher betrachtet und festgestellt, inwieweit Bournonville darin Aufnahme fand.


Excerpt (computer-generated)

DIPLOMARBEIT

Titel der Diplomarbeit
,,Der dänische Tänzer, Ballettmeister und Choreograph
August Bournonville am Wiener Kärntnertortheater
1854-1856"

Verfasserin
Victoria Elisabeth Tschiedl

angestrebter akademischer Grad
Magistra der Philosophie (Mag. phil.)

Wien, im Juni 2008
Studienkennzahl lt. Studienblatt: A 394

Studienrichtung lt. Studienblatt:
Skandinavistik

 


Meinen Eltern

- 1 -

 


INHALT

VORWORT - 3 -

I ALLGEMEINES - 5 -

1.1 Biographie - 5 -

1.2 August Bournonvilles Bedeutung für das Ballett - 13 -

1.2.1 Dänemark - 13 -

1.2.2 Die Bournonville-Schule im Ausland - 18 -

1.3 August Bournonville und die Wiener Theater- und Tanzliteratur - 19 -

II AUGUST BOURNONVILLE UND DIE WIENER HOFOPER - 20 -

2.1 Das Gastspiel 1854 - 20 -

2.1.1 Festen i Albano ­ Das Fest in Albano - 23 -

2.1.2 Toreadoren ­ Der Toreador - 23 -

2.2 Die Saison 1855/56 - 27 -

2.2.1 Abdallah ­ Die Gazelle von Bassora - 31 -

2.2.2 Napol- 39 -

2.3 Das Ballett an der Wiener Hofoper - 47 -

2.3.1 Die Tänzer - 47 -

2.3.2 Die Ballettkrise - 53 -

III AUS DEM PRIVATEN - 61 -

3.1. Im Kreise der Familie - 61 -

3.2 Eindrücke aus Wien - 67 -

IV BOURNONVILLE UND ÖSTERREICH NACH 1856 - 69 -

4.1 Der Aufenthalt in Österreich-Ungarn als Inspirationsquelle - 69 -

4.2 Pressestimmen - 71 -

4.3 Ehrenvolle Aufnahme im 20. Jahrhundert - 76 -

V DIE BEIDEN PRICES - 78 -

5.1 Juliette Price - 79 -

5.2 Julius Price - 86 -

KONKLUSION - 92 -

QUELLENVERZEICHNIS - 95 -

ANHANG - 98 -

Zusammenfassung - 98 -

Den danske danser, balletmester og koreograf August Bournonville ved Wiener Kärntnertortheater 1854-1856 ­ Resumé - 100 - 

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VORWORT

August Bournonville (1805-1879) war zu Lebzeiten in Paris als Tänzer und in Kopenhagen auch als Ballettmeister und Choreograph eine erfolgreiche und gefeierte Persönlichkeit. Nach seinem Tod fand Bournonvilles Schaffen durch seine Schüler internationale Anerkennung. Sein Vermächtnis für das Ballett ­ seien es der einzigartige Bournonville-Stil, seine Choreographien oder das Bemühen um eine Verbesserung der sozialen Stellung von Tänzern ­ ist von überaus großer Bedeutung und reiht Bournonville unter die größten Persönlichkeiten der internationalen Tanzwelt.

Der dänische Ballettmeister hätte auch im Zusammenhang mit Österreich eine wichtige Bedeutung erlangen können. Bournonville kam 1854 als Gastchoreograph nach Wien und wurde schließlich für die Saison 1855/56 an der Wiener Hofoper, dem Kärntnertortheater, angestellt. Wider Erwarten war die Arbeit in Wien von geringem Erfolg und eine weitere Karriere am Kärntnertortheater weder von Seiten der Direktion noch von Bournonville selbst erwünscht. Diese kurze Episode im Leben Bournonvilles wurde von der Bournonville-Forschung bisher kaum behandelt. Die vorliegende Arbeit setzt sich erstmals gründlich mit August Bournonvilles Leben und Wirken in Wien auseinander. Bournonville kam zu keinem günstigen Zeitpunkt nach Wien; die erste Glanzzeit des Wiener Balletts war vorüber, Fanny Elßler hatte die Bühne einige Jahre zuvor verlassen. Der nächste Höhepunkt des Balletts in Wien ließ noch einige Zeit auf sich warten und sollte erst an der neuen Hofoper am Ring, die 1869 fertig gestellt wurde, stattfinden. Dies mag ein Grund für das Scheitern Bournonvilles in Wien sein. Weitere Ursachen sollen in dieser Abhandlung herausgearbeitet werden.

Um den Ballettmeister kennen zu lernen, einen Überblick über sein Schaffen und seine Bedeutung für das dänische und internationale Ballett zu erhalten, gibt Kapitel I Allgemeines zu Beginn einige Grundinformationen zu August Bournonville. Im Anschluss daran wird die Wiener Tanz- und Theaterliteratur näher betrachtet und festgestellt, inwieweit Bournonville darin Aufnahme fand.

Kapitel II August Bournonville und die Wiener Hofoper beschäftigt sich ausführlich mit Bournonvilles Wirken in Wien und dem Ballett der Wiener Hofoper zu dieser Zeit. Bournonville führte vier seiner Ballette in Wien auf. Mit Festen i Albano und Toreadoren gestaltete er einen Ballettabend als Gastchoreograph und kehrte schließlich 1855 nach Wien zurück um seine Ballette Abdallah und Napoli aufzuführen. Dieses Kapitel soll einen Eindruck davon vermitteln, wie sich Bournonvilles Arbeit am Kärntnertortheater gestaltete, mit welchen Schwierigkeiten er zu kämpfen hatte, welche Fehler er selbst beging und wie

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seine Ballette vom Wiener Publikum und der Wiener Presse aufgenommen wurden. Besonders anhand verschiedener Kritiken ­ nicht ausschließlich Bournonville betreffend ­ erkennt man deutlich Unzufriedenheit mit dem damaligen Ballettgeschehen. Der Wunsch nach einer Reform wurde von mehreren Seiten geäußert. Diese problematische Zeit des Wiener Balletts soll im Zusammenhang mit Bournonvilles Balletten näher beleuchtet werden und damit weitere Schwierigkeiten, mit welchen Bournonville konfrontiert war, erklärt werden.

Nach dieser Analyse von Bournonvilles durchaus problematischem Arbeitsklima am Kärntnertortheater widmet sich Kapitel III Aus dem Privaten dem Familienleben und dem Freundeskreis der Familie Bournonville während ihres Aufenthalts in Wien. Wie sah das Alltagsleben aus, welche Freizeitaktivitäten gab es, welche Bedeutung hatte die Kunst im Privatleben Bournonvilles und wie schildert er Wien und seine Bevölkerung?

August Bournonville wusste schon bevor er für eine Saison nach Wien kam, dass er die Beschäftigung in der völkerreichen Monarchie auch als Inspiration verwenden wollte. Darüber und welche Art von Beziehung es nach 1856 zwischen Wien und Bournonville gab, wird in Kapitel IV Bournonville und Österreich nach 1856 dargestellt. Dazu zählen Bournonvilles Erinnerungen an Wien aus Mit Teaterliv (1865, Mein Theaterleben) leicht gekürzt als Fortsetzung in der Wiener Abendpost und schließlich ein Gastspiel des Königlich Dänischen Balletts 1982 in Wien.

Kapitel V Die beiden Prices schließt die Abhandlung über Bournonville mit der Präsentation von zwei dänischen Tänzern ab, die große Bedeutung im Zusammenhang mit Bournonville haben. Juliette und ihr Cousin Julius Price kamen beide mit Bournonville nach Wien. Juliette, Muse Bournonvilles und eine gefeierte Tänzerin in Kopenhagen, blieb der große Erfolg in Wien ebenso versagt wie ihrem Lehrer. Julius hingegen blieb in Wien und wurde zu einem der beliebtesten Tänzer des Wiener Balletts.

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I ALLGEMEINES

1.1 Biographie

Es war fast zu erwarten, dass August Bournonville Tänzer werden würde, denn im 18. und 19. Jahrhundert war es in zahlreiche Künstlerfamilien üblich, ihren Beruf von Generation zu Generation weiterzugeben. August Bournonvilles Vater, Antoine (1760-1843), wurde als Sohn des französischen Truppenverwalters und Schauspielers Louis Amable Bournonville (gestorben ca. 1782) und der Schauspielerin Jeanne Evrard (ca.1728-1798) als viertes von fünf Kindern am 19. Mai 1760 in Lyon geboren. Die Familie reiste durch ganz Europa und lebte von 1765 bis 1774 in Wien. Wien war damals eine führende Stadt im Bereich des Ballett- und Kulturgeschehens nicht zuletzt durch den Einsatz des österreichischen Ballettmeisters Franz Hilferding (1710-1768). Der Taufschein der jüngsten Tochter von Louis Amable und Jeanne, Ursula, wurde 1765 in Wien ausgestellt. Ursula Bournonville (1765-1789) wurde ebenfalls Tänzerin. Die Tochter Julie Bournonville (1749-1826) trat im Frühjahr 1767 im Ensemble von Auguste Vestris (1760-1843) in Jean Georges Noverres Ballett Medea und Jason (1763) auf, und erhielt auf Vorschlag des Operndirektors den Großteil der Entlohnung, die für das Ensemble bestimmt war. Ein Indiz für die große Begabung, die sich in der Familie noch weiter verbreiten sollte.1

Jean Georges Noverre (1727-1810) gehörte neben Franz Hilferding und dem Italiener Gaspero Angiolini (1731-1803) zu den bedeutendsten Ballettmeistern, Choreographen und Theoretikern des 18. Jahrhunderts und arbeitete in zahlreichen Städten Europas, unter anderem auch 1767-1774 in Wien. Noverre reformierte das Ballett mit seiner Forderung, die alten Gewohnheiten des Tanzes aufzugeben. Ausstaffiert mit Masken, Perücken und langen Reifröcken, wurden die Tänzer nur behindert, die Verwendung von längst veralteter Musik aus dem 17. Jahrhundert ließ das Ballett einerseits zu einer erstarrten Kunstform werden, stand andererseits im Gegensatz zu neuen, choreographischen Ideen. Für einen guten Ballettmeister sah er eine umfassende Beschäftigung mit allen Bereichen der Kunst unumgänglich, um von diesen zu lernen und das Ballett zu einem Gesamtkunstwerk gestalten zu können. Die Virtuosität des Tanzes sollte nie dem dramatischen Aspekt vorangestellt werden, eine Grundhaltung, die später auch bei August Bournonville zu finden ist (siehe Kapitel 1.2.2 Dänemark, S. 14). Dem Tänzer riet Noverre, an seinen eigenen Talenten zu arbeiten und nicht von Vorbildern zu kopieren. Der Lehrer sollte mit guten anatomischen

1 Fridericia, Allan: August Bournonville. Balletmesteren som genspejlede et århundredes idealer og konflikter. København: Rhodos, 1979, S. 11-50.

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Kenntnissen die natürlichen Fähigkeiten eines Schülers stärken und Fehler ausmerzen, damit späteren physischen Problemen vorgebeugt werden konnte. Seine Gedanken über den Tanz schrieb Noverre in seinen Lettres sur la danse et sur les ballets(1760; Briefe über den Tanz und über das Ballett) nieder.2

Jeanne Bournonville tanzte während Noverres Aufenthalt in Wien 1767-1774 in seinem Ensemble. Auch Antoine erhielt Ballettunterricht und tanzte als 9- bis 14-jähriger schließlich unter Noverre in dessen erfolgreichen Kinderballetten, wo die Kinder auch singen und Komödie spielen mussten. Die Verbindung und das Beherrschen mehrerer Kunstformen für einen künstlerischen Gesamtausdruck waren keine Wiener Eigenheit, sondern wurden in ganz Europa angewendet und galten als besonders typisch für die Gustavianische Oper in Schweden.3 König Gustav III von Schweden (1746-1792) war ein großer Liebhaber und Förderer der Kunst. Er holte italienische und deutsche Komponisten nach Schweden, um die Werke schwedischer Dichter vertonen zu lassen und begründete damit den Grundstein für eine eigenständige schwedische Opernkultur. Ein Beispiel aus dieser Zeit wäre Gustav Wasa (1786) von Johann Gottlieb Naumann (1741-1801) nach einem Libretto von Johan Henrik Kellgren (1751-1795).4 Die Bezeichnung Schauspielerin in Bezug auf Antoines Mutter Jeanne darf also nicht in unserem heutigen Sinne verstanden werden.

Antoine Bournonville geriet über Deutschland nach Frankreich, wo er sich wieder Noverre anschloss. 1776-1781 hatte Noverre die Leitung des Pariser Balletts über und engagierte Antoine Bournonville 1779. 1781 folgte Antoine Bournonville Noverre nach London, bevor er ­ stark von ihm geprägt ­ 1782 nach Skandinavien kam. Die glücklichste Zeit seines Lebens verbrachte Antoine Bournonville in Stockholm während der Regierungszeit von Gustav III.5 Schließlich gelangte er nach Dänemark, wo er Vincenzo Galeotti (1733-1816) kennen lernte, der ab 1775 von Noverre und Angiolini inspirierte Ballette in Kopenhagen aufgeführt und mit der Gründung einer Ballettschule für dänische Kinder den Grundstein für das Königlich Dänische Ballett als erstes nationales Ballett außerhalb Italiens und Frankreichs gelegt hatte. Da Galeotti allerdings keinen guten männlichen Solisten in seinem Corps vorweisen konnte, engagierte er Antoine Bournonville ­ als einzigen Nicht-Dänen.6 Ab dem Jahr 1792 war der Name Bournonville mit dem Königlich

2 Cohen, Selma Jeanne (Hg.): International Encyclopedia of Dance, Band 4. New York, Oxford: Oxford
University Press, 1998, S. 694-700.
3 Fridericia: August Bournonville, S. 16-25.
4 Näslund, Erik: Historik. 1997. URL: http://80.252.177.18/historik_0510.asp [Stand: 26. Mai 2008].
5 Fridericia: August Bournonville, S. 25-42.
6 Cohen (Hg.): International Encyclopedia of Dance, Band 3, S. 104-105.

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Dänischen Ballett verbunden. Antoines Entschluss in Kopenhagen zu bleiben sollte das Schicksal für diesen Namen in Bezug auf das Ballett in Dänemark entscheidend beeinflussen. August Bournonville wurde am 21. August 1805 als erstes Kind von Antoine und der Schwedin Lovisa Sundberg (1776-1859) geboren. Lovisa war Antoines Haushälterin gewesen, mit der er nach dem Tod seiner ersten Frau zusammenlebte. Die Voraussetzung Galeottis Nachfolge anzutreten war die Heirat mit Lovisa, schließlich erforderte eine solche Stellung geordnete Verhältnisse. Antoine hatte fünf Kinder, zwei davon waren aus erster Ehe.7 Wie August Bournonville später über seine Mutter mitteilt, war sie eine ernste, tief religiöse Frau, die die glitzernde Theaterwelt nicht beeindrucken konnte. Die tiefe Religiosität der Mutter ging auch auf den Sohn über.8 August kam früh mit der Theaterwelt in Kontakt und war von ihr fasziniert. In Galeottis Ballett Amors og Balletmesterens luner (1786; Amors und des Ballettmeisters Launen), das übrigens bis heute aufgeführt wird und somit das älteste existierende Ballett ist, findet man einen weiteren, wenn auch sehr kleinen und unbedeutenden Österreichbezug: den Walzer ,,Der Steirische". (Die Steiermark gilt als einer der Entstehungsorte des Walzers.)9 August Bournonville sah dieses Ballett als Kind und verwendete einige Gestalten daraus später in seinen eigenen Werken. Die jungen Leute in Livjægerne på Amager (1871; Die Leibjäger auf Amager) erinnern an die grotesken Bauern von Amager in Amors og Balletmesterens luner und die feierlichen ­ der damaligen Zeit entsprechenden als edle Wilde dargestellten ­ ,,Neger" verwandeln sich zu Hampelmänner in Fjernt fra Danmark (1860; Fern von Dänemark).

August begann mit sieben Jahren in der Ballettschule in Kopenhagen. Zu Beginn wurde er von seinem eigenen Vater in die Tanzkunst eingeführt und lernte fünf Jahre bei Galeotti, dem er mit Bewunderung und Begeisterung folgte. Der Unterricht basierte auf dem französischen Modell. Drei unterschiedliche Tänzerstile wurden danach ausgebildet: die seriösen Tänzer, demi-classique und Charakter- oder groteske Tänzer. Die Schüler standen dabei in einem sehr engen Verhältnis zu ihrem Lehrer. Dies änderte sich erst 1820 unter dem Solotänzer und Lehrer Carl Dahlén (1770-1851), ein Schüler von Antoine Bournonville. Er begann gleichzeitig eine größere Anzahl von Schülern auszubilden, darunter auch Johanne Louise Heiberg (1812-1890) und Hans Christian Andersen (1805-1875), zwei hochrangige

7 Fridericia: August Bournonville, S. 11-50.
8 Tamm, Ditlev: August Bournonville 1805-1879. København: Gyldendal, 2005, S. 15 und 58.
9 Fridericia: August Bournonville, S. 53.

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dänische Künstler, die sich später allerdings nicht im Bereich des Tanzes, sondern in Schauspiel und Dichtung einen Namen machten.10

1820 begaben sich Vater und Sohn auf Studienreise nach Paris. Tagebucheintragungen zufolge fühlte sich August bei den Franzosen wie zu Hause. Antoine führte seinen Sohn in das Kunstleben ein, Theaterbesuche und Balletttraining standen auf dem Tagesprogramm. Es ist allerdings auffällig, dass August nur bei zwei Lehrern am Unterricht teilnahm, obwohl es sich um eine Studienreise handelte.11 Über Auguste Vestris (1760-1842), den besten Tänzer und berühmtesten Lehrer Europas seiner Zeit,12 erfährt man in den Tagebüchern, die Bournonville zu dieser Zeit führte, wenig. Er scheint keinen guten Eindruck hinterlassen zu haben, was an der neu entwickelten Schule liegen kann, mit der Antoine und August nicht vertraut waren. Bei Georges Maze (Daten unbekannt) hingegen traf August auf dieselbe Ausbildungsmethode wie bei seinem Vater. Lehrer und Schüler waren zufrieden. August begegnete auch Marie Taglioni (1804-1884), die sich zur bedeutendsten Tänzerin der romantischen Ära entwickelte. Antoine nutzte den Aufenthalt in Paris nicht für sein Ensemble in Dänemark. Es gab keine Verhandlungen über Engagements oder Kostümkäufe. Es ging ihm ausschließlich um die Förderung seines Sohnes, und um ihn bei einem eventuellen späteren Aufenthalt in Paris gut aufgehoben zu wissen, bemühte er sich um gute Kontakte.13

Zurück in Dänemark war es für Antoine an der Zeit, seine Laufbahn zu beenden. Jüngere Tänzer und Ballettarrangeure, nämlich Carl Dahlén und Poul Funck (1790-1837) hatten seine Aufgaben übernommen. Für August war die Beschäftigung in Dänemark unzureichend. Er gab, wie schon sein Vater, Unterricht in Gesellschaftstanz und schrieb sieben Ballettlibretti, die im Laufe der Zeit häufig umgearbeitet wurden. Am 1. September 1829 wurde zum ersten Mal ein Ballett von August Bournonville zur Aufführung gebracht. Der Studienaufenthalt in Paris hatte zu einer intensiven Beschäftigung mit Musik und Literatur geführt, er hatte allerdings auch feststellen müssen, dass er tänzerisch weit zurücklag. Die Ausbildungsart seines Vaters war veraltet. Um sich weiterzubilden reiste er wieder nach Paris, wo er zwischen 1824 und 1830 die Perfektionsklasse bei Auguste Vestris besuchte und sich den neuen französischen Tanzstil aneignete. Für das Eintreten in das Pariser Opernballett musste August Bournonville allerdings seinen Vertrag mit dem Königlich Dänischen Ballett brechen, was später zu Schwierigkeiten führen sollte.

10 Ebda., S. 90-170, und Clarke, Mary und Crisp, Clement: Tänzer. Köln: vgs, 1985, S. 53-69.
11 Fridericia: August Bournonville, S. 81-88.
12 Cohen (Hg.): International Encyclopedia of Dance, Band 6, S. 332-334.
13 Fridericia: August Bournonville, S. 81-88.

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Bei Vestris verfeinerte Bournonville sein Können, bildete Virtuosität, lernte Tanz und Mimik als Ausdrucksform und nicht nur als nette Unterhaltung zu betrachten. Nach Ablegen der Prüfung und sechs verpflichtenden Debüts in verschiedenen Rollen an der Pariser Oper stand ihm der Weg in das Pariser Ensemble frei. Als Mitglied des Pariser Opernballetts erhielt er schon zu Beginn ein um ein Drittel höheres Gehalt als üblich und tanzte Rollen, die Halbsolistenaufgaben waren. Neben Ruhm und gutem finanziellen Einkommen ergab sich die Möglichkeit Vestris Perfektionsklasse weiterhin zu besuchen. Außerdem wurde er von ihm in Pantomime unterrichtet. Diese Kunst gab August Bournonville später an seine Tänzer und Schüler weiter. Die großartigen schauspielerischen Leistungen, die das Ballett in Dänemark noch heute auszeichnen, sind auf diesen Unterricht zurückzuführen.

Das Verlangen, das Ballett in seiner Heimat Dänemark aufzubauen und als Tänzer und Ballettdichter in die Fußstapfen Galeottis und seines Vaters zu treten, war indes größer als der Wunsch nach einer großen internationalen Karriere. Bournonville schrieb weiter an Ballettlibretti und verfasst Regeln für das Ensemble des Königlichen Theaters in Kopenhagen. Mit Kopenhagen als Ziel vor Augen betrachtete er kritisch die Zustände an der Pariser Oper. So stand er dem mondänen, oberflächlichen Leben skeptisch gegenüber, zeigte sich hingegen der einfacheren Gesellschaft solidarisch, besonders arbeitenden Frauen und Künstlern. Bevor er nach Kopenhagen zurückkehrte, ergab sich die Möglichkeit eines Gastspiels in London. Bournonville erhielt durchaus positive Kritik, die sich mit einer Gehaltserhöhung und künstlerischem Aufstieg auswirkte. Die Wiedereinstellung in Dänemark stellte sich anfangs allerdings als schwierig heraus. Für König Frederik VI (1768-1839) war er ein Deserteur und sollte als einfacher Ensembletänzer aufgenommen werden, was weder die Direktion noch Bournonville zufrieden stellte. Im Herbst 1829 begeisterte er das Publikum bei einem Gastauftritt durch Anmut und Ausdruckskraft. Bei Verhandlungen mit der Theaterdirektion überzeugte Bournonville mit dem Vorschlag, eine einzige Person mit allen das Ballett betreffenden Aufgaben zu betrauen. Er wurde mit seiner anschließenden Anstellung 1830 zu einem der bestbezahlten Künstler am Königlichen Theater, was er selbst gefordert hatte. Um dies besonders für die Schauspieler nicht ganz so deutlich zu zeigen, teilte man seine Tätigkeit und auch seine Gage auf die Bereiche erster Solotänzer, Lehrer und Hoftanzmeister auf. Die Ehre des Titels Ballettmeister wurde ihm erst später zuteil. Bournonvilles erster Vertrag verpflichtete ihn ungewöhnlicherweise auf 18 Jahre. Seine Entscheidung in Kopenhagen zu arbeiten war für seine zukünftige Entwicklung und seine Berühmtheit von großer Bedeutung. Ein großer Choreograph wäre er vermutlich überall

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