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Der „gesungene“ Mythos: soziopolitische Thematisierung und technische Inszenierung der amerikanischen Mythologie im klassischen Hollywood–Musical

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 32 Pages
Author: Stefalina Midialkou
Subject: Communications: Movies and Television

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 32
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V115688
ISBN (E-book): 978-3-640-17075-3
ISBN (Book): 978-3-640-17272-6
File size: 304 KB
Notes :
Sehr gut, sehr untypische Darstellung der ausgewählten Literatur zum Musical /v.a. Genretheorie i. Allg. & BG./ v.a. in Bezug auf Mythos.


Abstract

Das Genrekino innerhalb des Studiosystems Hollywoods differenziert seine Filme und gruppiert sie als Einheiten bestimmter Kategorien, die anhand ihrer spezifischen Charakteristik und kulturellen Funktion als autonome Genres gekennzeichnet werden. Jedes Genre konzipiert seine eigenen Konventionen, nach denen die ihm unterordneten Filme strukturiert werden und demnach über ein ähnliches narratives und technisches Gefüge verfügen. Die Überlegungen nach der Funktion dieser streng organisierten Konzipierung im Bereich des Kinos, also dieser Genre - Bildung, führt zu einer anderen Konstellation, die über ähnliche Charakterisierung verfügt und demzufolge womöglich eine ähnliche gesellschaftliche und kulturelle Rolle spielt, nämlich dieser des Mythos. Diese Hausarbeit ist konzipiert als ein Versuch, strukturelle und funktionale Parallelen zwischen Musical als Genrefilm und Mythos als kulturellem Phänomen festzustellen, sowie den Charakter ihrer Beziehung näher zu betrachten. Im Vorfeld werden die Begriffe des Filmgenres und des Genrefilmes erläutert, deren Charakteristika viele Anknüpfungspunkte zu denen des Mythos aufweisen. Anschließend wird das Musical als konkretes Produkt des Genrekinos, also als differenzierter Genrefilm charakterisiert. Eine faktische Verbindung zwischen Musical und Mythos lässt sich jedoch erst nach einer Definition und funktionalen Charakteristik des Mythos eruieren. Demzufolge wird eine figurative Analyse der symbiotischen Beziehung zwischen Musical und Mythos bezüglich politischen, kulturellen und sozialen Aspekten vollzogen, die eine deutliche Veranschaulichung der tatsächlichen narrativen und technischen Inszenierung und Thematisierung eines Mythos, bzw. einer amerikanischen Mythologie im klassischen Hollywood - Musical bewerkstelligt.


Excerpt (computer-generated)

Der ,,gesungene" Mythos : soziopolitische

Thematisierung und technische Inszenierung der

amerikanischen Mythologie im klassischen

Hollywood ­ Musical

H A U S A R B E I T

HS Genrekino
WiSe 06/07

An der: Freien Universität Berlin
Institut für Theaterwissenschaft/Seminar für Filmwissenschaft

Vorgelegt von:
Stefalina Midalkos

Abgabedatum: 18.03.2008

 


Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung 1
2. Das Filmgenre: Definition 1
3. Charakteristik und Funktion des Genrefilms 4
4. Das Musical 8
4.1 Genrespezifik des Musicals 8
4.2 Filmmusical und Illusion 9
4.3 Die genrespezifische formale Struktur des Musicals 12
5. Charakteristik und Funktion des Mythos 14
5.1 Charakteristik, Ziele und Struktur des Mythos 15
5.2 Mythmaking und Filmmaking 16
5.3 Die Rolle des Mythos im Musical 17
5.3.1 Entertainment, Eskapismus, Utopie 19
5.3.2 Demystifizierung und Remystifizierung 20
6. Inszenierung und Vermittlung des Mythos in Syntax und Semantik des Musicals 20
6.1 Narrative Strategien und Montage 21
6.2 Funktionale Rolle der Filmfiguren 23
6.3 Musik und Tanz 25
7. Schlussteil 26
Literaturliste 28

 


1. Einführung

Das Genrekino innerhalb des Studiosystems Hollywoods differenziert seine Filme und gruppiert sie als Einheiten bestimmter Kategorien, die anhand ihrer spezifischen Charakteristik und kulturellen Funktion als autonome Genres gekennzeichnet werden. Jedes Genre konzipiert seine eigenen Konventionen, nach denen die ihm unterordneten Filme strukturiert werden und demnach über ein ähnliches narratives und technisches Gefüge verfügen. Die Überlegungen nach der Funktion dieser streng organisierten Konzipierung im Bereich des Kinos, also dieser Genre - Bildung, führt zu einer anderen Konstellation, die über ähnliche Charakterisierung verfügt und demzufolge womöglich eine ähnliche gesellschaftliche und kulturelle Rolle spielt, nämlich dieser des Mythos. Diese Hausarbeit ist konzipiert als ein Versuch, strukturelle und funktionale Parallelen zwischen Musical als Genrefilm und Mythos als kulturellem Phänomen festzustellen, sowie den Charakter ihrer Beziehung näher zu betrachten.

Im Vorfeld werden die Begriffe des Filmgenres und des Genrefilmes erläutert, deren Charakteristika viele Anknüpfungspunkte zu denen des Mythos aufweisen. Anschließend wird das Musical als konkretes Produkt des Genrekinos, also als differenzierter Genrefilm charakterisiert. Eine faktische Verbindung zwischen Musical und Mythos lässt sich jedoch erst nach einer Definition und funktionalen Charakteristik des Mythos eruieren. Demzufolge wird eine figurative Analyse der symbiotischen Beziehung zwischen Musical und Mythos bezüglich politischen, kulturellen und sozialen Aspekten vollzogen, die eine deutliche Veranschaulichung der tatsächlichen narrativen und technischen Inszenierung und Thematisierung eines Mythos, bzw. einer amerikanischen Mythologie im klassischen Hollywood - Musical bewerkstelligt.

2. Das Filmgenre : Definition

In seiner Abhandlung über das Genre als Instrument der Verständigung zwischen Film und Publikum versucht Francesco Casetti 1 die zahlreichen Definitionsversuche

1 Casetti, Francesco: Filmgenres, Verständigungsvorgänge und kommunikativer Vertrag, in: http://www.montage-av.de/ pdf/102_2001/10_2_Francesco_Casetti-Filmgenres_und_Verstaendigungsvorgaenge.pdf

1

 


des Genrebegriffs, die unter anderem in den Bereichen der Literatur und des Kinos entstanden sind, zu systematisieren und in drei Richtungen zu differenzieren. Einerseits fungiert für Casetti das Genre als Instrument der Klassifikation, das einen Text oder einen Film einer umfangreichen Kategorie von Texten zuordnet. Weiter betrachtet Casetti das Genre als Instrument der Herstellung, das auf der Seite der Filmemacher als Richtlinie für die Produktion und dementsprechend auf der Seite des Rezipienten als Ausrichtung seines rezeptiven Verhaltens eingesetzt wird.

Einer spezifischen Definition des Filmgenres weist Francesco Casetti besondere Aufmerksamkeit auf. Diese fasst das Genre als Instrument zur Verständigung über Bedeutungen auf, was im Bereich des Films eine Übereinstimmung zwischen den Ansichten der Filmemacher und denen der Zuschauer bezüglich des Inhalts eines Films erzielen soll. Im Sinne der Übermittlung einer sozialen Mythologie vom Filmemacher auf das Publikum eignet sich neben dieser auch die ähnlich ausgerichtete Genre - Definition von Thomas Schatz, die Casetti zur Untermauerung seiner Ansichten zitiert. ,,Zusammenarbeit von Künstlern und Publikum mit dem Ziel der Bekräftigung ihrer gemeinsamen Werte und Ideale" 2 wäre demnach der Endzweck eines Genres. So eine axiologische Funktion wird dem Filmgenre auch von Rick Altman 3 zugeschrieben, indem er ähnlich wie John Cawelti und Leo Braudy im Rahmen eines rituellen Ansatzes die gesellschaftliche Rolle des Genres mit dieser einer konstituierten Religion gleichsetzt. Der rituelle Ansatz stellt dem Zuschauer die potentielle Macht zur Verfügung, durch sein Rezeptionsverhalten ein Genre exakt nach seinen Bedürfnissen zu formen. Der ideologische Ansatz dagegen postuliert nach Altman die Antithese, nämlich dass das Genre eine manipulative Strategie des Hollywood - Kinos darstellt, die dem Zuschauer eine Chimäre vermitteln und ihn damit in die Kinosäle anreizen musste, um ihn von seinen sozialen und politischen Positionen zu überzeugen. Die Realität liefert jedoch den Eindruck, dass sich die Ansichten der beiden Ansätze in der Beziehung zwischen Publikum und Film überschneiden, indem die Zuschauer keine Manipulation vom Hollywood und dagegen die Filmemacher keine Einschränkungen infolge des

2 Casetti, Francesco: Filmgenres, Verständigungsvorgänge und kommunikativer Vertrag, in: http://www.montage-av.de/pdf/102_2001/10_2_Francesco_Casetti-Filmgenres_und_Verstaendigungsvorgaenge.pdf, S 155
3 Altman, Rick: The American Film Musical; Indiana Univ. Press, Bloomington 1987

2

 


Zuschauergeschmacks wahrnehmen. Anstatt dessen überzeugt Hollywood die amerikanischen Zuschauer von den Botschaften seiner Filme, allerdings indem sie so nah wie möglich am Geschmack des Publikums aufgebaut werden, was im positiven Gefühl des Entertainments resultiert. Das Entertainment wurde zur Strategie, die den Zuschauer durch die Erzeugung positiver Emotionen zu erreichen und ihm somit Informationen zu vermitteln vermochte.

Die Instrumentalisierung des Genres verweist auf die Genre ­ Klassifizierung von Frederic Jameson 4 , die die Genres nach den Auffassungen der französischen Semiotik in semantischem und syntaktischem Ansatz differenzieren. Der semantische Ansatz unterscheidet Genres nach den Hauptthemen, die sie in ihrer Narrativität problematisieren. Der syntaktische Ansatz dagegen differenziert Genres nach ihren Strukturen und deren Bestandteilen, die diese Themen auffassen. Die Unterscheidung zwischen den beiden Ansätzen korrespondiert direkt mit der Grenzsetzung zwischen einer ersten linguistischen Ebene und einer zweiten textuellen Ebene, auf der sich linguistische Elemente in syntaktischen Entitäten vereinen. Die semantisch ­ syntaktische Differenzierung verweist auf eine ähnliche Theorie, nach der eine bestimmte Konnotation zu einer anderen beisteuert oder diese tatsächlich bildet. Am Beispiel des Musicals erklärt Altman diese Hypothese anhand des Phänomens des Musik ­ Spielens auf einer linguistischen Ebene im Leben als Tätigkeit des Lebensunterhalts, und des Musik ­ Spielens andererseits auf einer textuellen Ebene im Musical, was in dessen Strukturen und Syntax als Zeichen der Umwerbung interpretiert wird.

Ähnlich ausgerichtet ist die an die interkulturelle Fachdidaktik von Lévi ­ Strauss angeknüpfte Behauptung von Rick Altman, dass Strukturen einen bestimmten Sinn beinhalten. Rick Altmann betont dabei, dass Semantiken, die in einer bestimmten kulturellen Situation entstehen, bei einem interpretativen Publikum eine bestimmte Syntax hervorrufen, die mit diesen Semantiken im Inhalt von früheren Texten verbunden ist. Insofern behauptet Altman, dass manche narrativen oder stilistischen Bestandteile des Musicals durch die gemeinsame Syntax mit anderen Texten, wie Tänzen, oder Ritualen, die in der Folklore bekannt sind, ähnliche wie ihre

4 Altman, Rick: The American Film Musical; Indiana Univ. Press, Bloomington 1987, Kapitel: The Problem of Genre History

3

 


Botschaften vermitteln, wie z.B Zusammenhalt der Gruppe oder das Umwerben einer Frau.

Damit deutet Rick Altman die kulturelle Rolle des Genres an, die darin besteht, Texte bzw. Strukturen einem breiten Publikum zu vermitteln, mit denen sich möglichst viele Zuschauer identifizieren können,

was zu einer Gesellschaftsidentifikation führt und somit zu einer Vereinigung des Volkes in Bezug auf diese Identifikation. Demzufolge gelangt Rick Altman an die Schlussfolgerung, dass das amerikanische Publikum und das Studio ­ System von Hollywood im Sinne des Verhältnisses zwischen ideologischem und rituellem Ansatz in einer symbiotischen Beziehung zueinander stehen, die dem Zuschauer die Auswahl von Filmen nach eigenem Geschmack und dem Produzenten die freie Übermittlung eigener Studio ­ Ästhetik und ­ Philosophie gleichzeitig und komplementär ermöglicht.

Thomas Schatz verfolgt item eine linguistische Ausrichtung der Genrecharakteristik und übersetzt die Ideen von Chomsky und Saussure im Sinne der Genretheorie, indem er das Genre als ein System oder sogar als Grammatik definiert, die aus Ausdrucks- und Strukturnormen besteht und deren strukturelle Entität der Genrefilm ist.

Wichtig bei den Überlegungen über die gesellschaftliche und kulturelle Rolle des Filmgenres ist seine Differenzierung vom Genrefilm.

3. Charakteristik und Funktion des Genrefilms

Rick Altman5 charakterisiert den Genrefilm anhand von etlichen Kategorien. Eine davon weist auf das dualistische Gefüge der Narrativität im Genrefilm, die im Sinne einer Gegenüberstellung kultureller und subkultureller Antriebe die Charaktere in der Erzählung in zwei kontroverse Lager aufteilt. Im Musical entspricht diese Aufteilung meistens der Konstellation Arbeit versus Entertainment.

Die Struktur des Genrefilms wiederholt sich ständig, indem die gleichen Konflikte in gleichen Konstellationen gelöst werden. Die Kumulierung unterschiedlicher

5 Altman, Rick: The American Film Musical; Indiana Univ. Press, Bloomington 1987, Kapitel: The Problem of Genre History

4

 



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