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Franz Kafkas Erzählung „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ im Spiegel der Literaturtheorien

Subtitle: Sozialgeschichtlicher und biographischer Ansatz, Theorie der Gender Studies

Scholary Paper (Seminar), 2004, 23 Pages
Author: Tina Petersen
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2004
Pages: 23
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 9  Entries
Language: German
Archive No.: V115935
ISBN (E-book): 978-3-640-17409-6
ISBN (Book): 978-3-640-17427-0
File size: 226 KB

Abstract

Die Arbeit ist im Rahmen eines Methodenseminars entstanden, bei dem verschiedene Methoden der Textinterpretation exemplarisch an Texten angewandt werden. In der hier vorliegenden Arbeit soll anhand der Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse von Franz Kafka gezeigt werden, wie verschiedene Methoden der Textinterpretation (sozialgeschichtlicher und biographischer Ansatz und die Theorie der Gender Studies) einerseits zu verschiedenen Deutungen des Textes führen, andererseits aber auch in Ergänzung zueinander zu einer schlüssigen Gesamtinterpretation beitragen können. Die Josefine-Erzählung ist die letzte Erzählung Franz Kafkas und gehört zu den Texten, die Kafka selbst für so gelungen hielt, dass er sie veröffentlichen wollte. In der „Prager Presse“ erscheint der Text (dort noch mit dem Titel Josefine, die Sängerin) dann auch in der Osterausgabe am 20. April 1924. Später erschien sie neben den Erzählungen Erstes Leid, Eine kleine Frau und Ein Hungerkünstler als vierte und letzte in dem Band "Ein Hungerkünstler". Kafka starb wenig später am 3. Juni 1924.


Excerpt (computer-generated)

Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft

der RWTH Aachen

Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturgeschichte

Proseminar III: Franz Kafka

Sommersemester 2003

Franz Kafkas Erzählung
,,Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse"
im Spiegel der Literaturtheorien
(Sozialgeschichtlicher und biographischer Ansatz,
Theorie der Gender Studies)

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 3
1.1 Zielsetzung 3
1.2 Der Text 3
2 Textanalyse 4
2.1 Sich ergänzende Methoden der Interpretation 4
2.1.1 Sozialgeschichtlicher Ansatz 4
2.1.2 Biographischer Ansatz 10
2.2 Gender Studies 16
2.2.1 Die Theorie der Gender Studies 16
2.2.2 Interpretation der Erzählung 16
3 Fazit 21
4 Literaturverzeichnis 22

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1 Einleitung

1.1 Zielsetzung

In der hier vorliegenden Arbeit soll anhand der Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse von Franz Kafka gezeigt werden, wie verschiedene Methoden der Textinterpretation einerseits zu verschiedenen Deutungen des Textes führen, andererseits aber auch in Ergänzung zueinander zu einer schlüssigen Gesamtinterpretation beitragen können.

1.2 Der Text

Die Josefine-Erzählung ist die letzte Erzählung Franz Kafkas und gehört zu den Texten, die Kafka selbst für so gelungen hielt, dass er sie veröffentlichen wollte. Mit genau dieser Bitte wendet er sich am 8. oder 9. April 1924 in einer Postkarte an seinen Freund Max Brod, er solle den Text der Zeitung ,,Prager Presse" und dem Verlag ,,Die Schmiede" anbieten. In der ,,Prager Presse" erscheint der Text (dort noch mit dem Titel Josefine, die Sängerin)1 dann auch in der Osterausgabe am 20. April 1924. Mit einem Brief vom 18. Oktober 1923 teilte der Verlag von Kurt Wolff Kafka mit, dass der Vertrag rückwirkend zum 1. Juli wegen fehlenden Absatzes aufgelöst werde. Statt eines Honorars wurden Kafka Freiexemplare aus dem aktuellen Programm angeboten. Nach dieser offiziellen Trennung fand Kafka Ende 1923 in ,,Der Schmiede" einen neuen Verlag.2 Am 7. März 1924 wurde ein Vertrag über die Publikation des Prosabandes Ein Hungerkünstler in einer Auflage von 2-3000 Stück geschlossen. Er sollte die Erzählungen Erstes Leid, Eine kleine Frau und Ein Hungerkünstler umfassen. Die Josefine-Erzählung, die später als vierte und letzte in dem Band erschien, war zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich noch nicht fertig gestellt. Daher kann die Entstehung dieser Erzählung auf den Zeitraum Ende März, beziehungsweise Anfang April 1924 datiert werden.3 Kafka starb wenig später am 3. Juni 1924.

Ohne den folgenden Textanalysen vorgreifen zu wollen, kann doch gesagt werden, dass es in der vorliegenden Erzählung um eine ,,Künstlerin in ihrem Verhältnis zum

1 Zur Änderung des Titels später
2 vergl. Peter-André Alt: Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie. München 2005 (im Folgenden zitiert mit ,,Alt 2005")
3 vergl. Franz Kafka. Erzählungen. Hg. Von Michael Müller. Stuttgart 1995, S. 340

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Publikum"4 geht. Auch die anderen Erzählungen des Hungerkünstler-Bandes setzen sich mit diesem Verhältnis und dem ,,Anspruch der Kunst"5 auseinander, sie ,,handeln von Kunst, ihrem Erlösungsanspruch und ihrer Lächerlichkeit"6. Als Rahmen dienen die erste und die letzte Erzählung, sie setzen sich auch mit der Frage auseinander, ,,was die Kunst zur Kunst macht"7.

2 Textanalyse

Wie eingangs schon erwähnt, soll in der vorliegenden Arbeit anhand dreier Analysen gezeigt werden, wie unterschiedliche Methoden zu unterschiedlichen Interpretationen führen können. Ein sozialgeschichtlicher Ansatz soll Aufschluss darüber geben, wie Kafka sich mit der ,,Rolle des jüdischen Autors im deutschen Kulturkreis"8 auseinandersetzte. Unterstützung erfährt diese Interpretation durch eine biographische Analyse der Frage, wie Kafka die Titelfigur Josefine entwickelte. Im Anschluss folgt noch eine Analyse den Gender Studies folgend, die das Spannungsverhältnis zwischen der weiblichen Künstlerin und dem männlichem Volk beleuchten soll.

2.1 Sich ergänzende Methoden der Interpretation

2.1.1 Sozialgeschichtlicher Ansatz

Da es sich um Kafkas letzte Erzählung handelt und er bei ihrer Entstehung schon so krank war, dass er wusste, er würde nicht mehr lange leben, liegt es nahe, sie als ein ,,poetologisches Testament"9 zu lesen, das Aufschluss über Kafkas Selbstverständnis als (jüdischer) Künstler gibt und seine Überlegungen darüber reflektiert, welchen Nutzen und welche Wirkung Kunst auf ein Publikum hat. Günter Hartung nennt sie

4 Karlheinz Fingerhut: Kafka für die Schule. Berlin 1996 [,,Für die Schule..." Hg von Karlheinz Fingerhut] (im Folgenden zitiert mit ,,Fingerhut 1996")
5 Gerhard Kurz: Nachwort. In: Franz Kafka. Erzählungen. Hg. Von Michael Müller. Stuttgart 1995 S. 343 - 366, S. 344 (im Folgenden zitiert mit ,,Kurz 1995")
6 Kurz 1995 S. 349
7 Ebd.
8 Hartmut Binder: Else Lasker-Schüler in Prag. Zur Vorgeschichte von Kafkas ,,Josefine"-Erzählung. In: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache in Forschung und Lehre 44 (1994) S. 405 ­ 438, S. 431 (im Folgenden zitiert mit ,,Binder 1994")
9 Christiane Lubkoll: Dies ist kein Pfeifen. Musik und Negation in Franz Kafkas Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. Hrsg. Von Richard Brinkmann, Gerhart von Graevenitz und Walter Haug. 1992 (Bd. LXVI 66. Jahrgang) S. 748 ­ 764 S. 748 (im Folgenden zitiert mit ,,Lubkoll")

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,,die einzige Erzählung, die das jüdische Thema auf eine letzte und schönste, geradezu testamentarische Weise zu Form und Gestalt gebracht hat."10

Da die Untersuchung die Rolle des Künstlers im Verhältnis zu seinem Publikum im Blick hat, lohnt sich ein Blick auf andere Künstlerfiguren in Kafkas Werk. Es sind zu nennen die Kunstreiterin in Auf der Galerie, der Trapezkünstler in Erstes Leid, der Hungerkünstler in der gleichnamigen Erzählung, der Varietékünstler in Ein Bericht für eine Akademie, die Sirenen in Das Schweigen der Sirenen der Ich-Erzähler in Beim Bau der Chinesischen Mauer und Josefine, die Sängerin. Gerhard Kurz weist in seinem Nachwort darauf hin, dass allen Künstlerfiguren Kafkas ihre Stellung am Rande der Gesellschaft und ihre Abhängigkeit vom Publikum gemein sind. Sie alle leben für die Kunst, setzen geradezu ihr Leben für sie ein - die Kunst gilt als absolut.11 Kafkas Künstlerfiguren fühlen sich auserwählt, gleichzeitig stellt Kafka aber auch stets die Frage nach ,,der Größe und Fragwürdigkeit der Kunst am Ende der Religionen, darin von der Größe und Fragwürdigkeit seiner eigenen Kunst"12. Über Josefine heißt es:

,,Vielleicht werden wir also gar nicht viel entbehren, Josefine aber, erlöst von der irdischen Plage, die aber ihrer Meinung nach Auserwählten bereitet ist, wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder." (S. 299)13

Eine Beschreibung von Josefines Körperhaltung beim Singen stützt die Interpretation des Künstlers als Auserwähltem. Hier drängt sich ganz offensichtlich das Bild des gekreuzigten Jesus auf: ,,...und ganz außer sich war mit ihren ausgespreizten Armen und dem gar nicht mehr höher dehnbaren Hals" (S. 283). Kafka selbst sah sein Schreiben, also seine Kunst, als einen Beitrag zum ,,großen welterlösenden Kampf"14.

Gerhard Kurz deutet die Figur Josefine als ein ,,heiteres Selbstporträt Kafkas"15. Er stützt diese Deutung mit dem ,,<österreichischen> Zusammenhang der Namen Franz

10 Günther Hartung: Juden und deutsche Literatur. Zwölf Untersuchungen seit 1979, mit einer neu hinzugefügten ,,Jüdische Themen bei Kafka". Leipzig 2006 S. 409 (im Folgenden zitiert mit ,,Hartung 2006")
11 vergl. Kurz 1995 S. 358
12 Kurz 1995 S. 359
13 Bei Zitaten aus der Erzählung verweisen die Seitenzahlen in Klammern immer auf die Veröffentlichung in: Franz Kafka. Erzählungen. Hg. Von Michael Müller. Stuttgart 1995
14 Brief an Milena Jesenká 1920: zitiert nach Kurz 1995 S. 361
15 Kurz 1995 S. 365

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