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HipHop in Deutschland im Zwiespalt des ethnokulturellen Diskurses

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 31 Pages
Author: Nora Gielke
Subject: Cultural Studies

Details

Event: Migration und Integration
Institution/College: European University Viadrina Frankfurt (Oder)
Tags: HipHop, Deutschland, Zwiespalt, Diskurses, Migration, Integration
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2007
Pages: 31
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 18  Entries
Language: German
Archive No.: V116027
ISBN (E-book): 978-3-640-17591-8
ISBN (Book): 978-3-640-17603-8
File size: 239 KB

Abstract

Zentrale Ausgangspunkte für die Analyse sind die Begriffe der performativen Inszenierung und des theatralen Rituals, die im begrenzten Rahmen dieser Arbeit Erwähnung finden, aber nicht genauer ausgeleuchtet werden können. HipHop sei als performative Kultur zu verstehen, die erst durch die Performance, die theatrale Darbietung an Authentizität gewinnt, indem „globale Bilder des HipHop in die eigene lokale Praxis integriert (werden) und damit die Tradition des HipHop fortgeschrieben“ wird. In der Performance spielt natürlich, gerade im HipHop, der Körper eine große Rolle. Durch ihn werden theatrale Rituale verleiblicht und habitualisiert. Habitualisierung ist ein von Pierre Bourdieu geprägter Begriff, den er als „Sozialisationsvorgang (versteht) (…), der durch mimetische Annäherung an das Vorbild erfolg(t).“ Das Vorbild, der Ursprungsmythos ist in der Kultur des HipHop also von größter Bedeutung. Daher sei ebenso die Beschreibung des HipHops als „hybride Kultur“ als ausschlaggebend zu betrachten. Dabei ist das „Dazwischen im Spannungsfeld von Original und Adaption, Vorbild und Neugestaltung“ von zentraler Wichtigkeit. Die Adaption des Vorbilds durch die lokale HipHop-Kultur wird in Deutschland aber immer noch in Frage gestellt. Bushido steht als „Ausländer“ im Mittelpunkt einer Debatte über Authentizität. Diese Debatte führt hinein in die allgemein gesellschaftlichen Problemfelder von Migration und Integration.


Excerpt (computer-generated)

HipHop in Deutschland im Zwiespalt

des ethnokulturellen Diskurses

Hausarbeit zum 05.11.2007 im Rahmen des Seminars:
Migration und Integration (SS 07)
BA Kulturwissenschaften, Vertiefung
Lehrstuhl: Deskriptive Linguistik und interlinguale Soziolinguistik

Eingereicht von
Nora Gielke

 


Inhaltsverzeichnis:

Inhaltsverzeichnis: 2
1.) Einleitung 3
2.) Ursprungsmythos und Grundzüge der HipHop-Kultur 4
3.) HipHop in Deutschland 11
4.) Figuren im HipHop 15
5.) ,,Hymne Der Straße" 19
6.) Fälschung oder Real? 25
Literaturverzeichnis: 29

2

 


1.) Einleitung

,,Sokaklarin sesini bizden duyun/ çünkü bu ses uygun" 1 (Islamic Force)

Wie keine andere Popkultur wird HipHop in Deutschland mit der Kultur von Migranten in Verbindung gebracht. Trotz eines Hypes von deutschem ,,Bildungsbürger- HipHop" von Bands wie den Fantastischen Vier oder Freundeskreis in den 90er Jahren, identifiziert man HipHop in Deutschland vor allem auch mit Türken, die in einer Sprache rappen, die man Kanaksprak nennt, seitdem das Wort Kanake eine positive Konnotation bekommen hat. ,,Kanak! Dieses verunglimpfende Hetzwort wird zum Identität stiftenden Kennwort, zur verbindenden Klammer"2 für die zweite und dritte Generation von Migranten in Deutschland, berichtet Feridun Zaimoglu. Das Selbstverständnis der dritten Generation der Gastarbeiter soll hier anhand des ehemaligen Aggro-Berliners Bushido beleuchtet werden. Der Rapper ist in die öffentliche Diskussion geraten, weil seine Texte anstößig sind und sozialethisch desorientieren3, so jedenfalls das Urteil der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Bushido mimt den klassischen Gangster-Rapper, der als Maul- und Großstadtheld die Kassen mit seinen Raps zum Klingen bringt. Die Medien verurteilen sein Gebaren als schädlichen Einfluss für die Jugend und werfen ihm fehlende Authentizität vor. Diese Arbeit muß sich daher auch mit dem öffentlichen Diskurs über Bushido auseinander setzen. Seine Bedrohlichkeit als Kinderzimmerschreck, sein kommerzieller Erfolg und seine in Frage gestellte Authentizität sollen hier näher beleuchtet werden, ohne aber eine genaue und vollständige Diskursanalyse durchzuführen. Vielmehr wird auf die Anfänge der deutschen HipHop-Kultur eingegangen und in diesem Zusammenhang auf das Grundgefühl, das die ersten Migranten in Deutschland hatten ­ einem Land, das sie nicht willkommen hieß. Da es sich bei HipHop in Deutschland um eine Minderheitenkultur zu handeln scheint, wird der Frage auf den Grund gegangen, weshalb Bushido, als potentieller Zugehöriger einer Minderheit (schließlich ist sein Vater Tunesier), doch nicht als authentisch wahrgenommen wird. Das Verständnis von Authentizität definiert sich im HipHop über den Ursprungsmythos. Anhand einer Beschreibung der Grundzüge der HipHop-Kultur wird die Rolle dieses Ursprungsmythos erklärt. Vor dem Hintergrund der Globalisierung von HipHop wird das Verhältnis von der lokalen HipHop-Kultur in Deutschland zum Ursprungsmythos erläutert. Es wird herausgestellt welche Figuren, Rituale und Metaphern auf lokaler, sowie auf globaler 1 Türkisch: ,,Hört euch die Stimmen der Straßen von uns an, denn diese Stimme passt" Islamic Force, Album: Mesaj, Titel: Söyledim

2 Zaimoglu 2007 (1995)
3 Die Welt, 07.12.2006

3

 


Ebene wirken. Die Analyse eines Rap-Textes von Bushido wird helfen, die Inszenierung der Bilder und Figuren der HipHop-Kultur zu verstehen.

Zentrale Ausgangspunkte für die Analyse sind die Begriffe der performativen Inszenierung und des theatralen Rituals, die im begrenzten Rahmen dieser Arbeit Erwähnung finden, aber nicht genauer ausgeleuchtet werden können. HipHop sei als performative Kultur zu verstehen, die erst durch die Performance, die theatrale Darbietung an Authentizität gewinnt, indem ,,globale Bilder des HipHop in die eigene lokale Praxis integriert (werden) und damit die Tradition des HipHop fortgeschrieben"4 wird. In der Performance spielt natürlich, gerade im HipHop, der Körper eine große Rolle. Durch ihn werden theatrale Rituale verleiblicht und habitualisiert.5 Habitualisierung ist ein von Pierre Bourdieu geprägter Begriff, den er als ,,Sozialisationsvorgang (versteht) (...), der durch mimetische Annäherung an das Vorbild erfolg(t)."6 Das Vorbild, der Ursprungsmythos ist in der Kultur des HipHop also von größter Bedeutung. Daher sei ebenso die Beschreibung des HipHops als ,,hybride Kultur" als ausschlaggebend zu betrachten. Dabei ist das ,,Dazwischen im Spannungsfeld von Original und Adaption, Vorbild und Neugestaltung"7 von zentraler Wichtigkeit. Die Adaption des Vorbilds durch die lokale HipHop-Kultur wird in Deutschland aber immer noch in Frage gestellt. Bushido steht als ,,Ausländer" im Mittelpunkt einer Debatte über Authentizität. Diese Debatte führt hinein in die allgemein gesellschaftlichen Problemfelder von Migration und Integration.

2.) Ursprungsmythos und Grundzüge der HipHop-Kultur

Kürzlich betitelte eine große deutsche Wochenzeitung einen Artikel zu den Ursprüngen des HipHop mit den Worten: ,,Im Herzschlag von New York. Bronx, Brooklyn, Harlem ­ in den Gettos erfanden schwarze Jugendliche eine Musik, zu der bis heute die Welt tanzt: HipHop"8 Vollkommen einverstanden würden sich die Autoren des Neuen Deutschen HipHop-Lexikons, damit sicher nicht erklären. Sie behaupten, daß die ,Erfindung′ von HipHop bis ,,zum Beginn des schöpferischen Schaffens der Menschheit" zurückverfolgt werden kann. So kann man die Felszeichnungen der Neandertaler als frühe Form des Graffiti betrachten und die ,,West Side Story" als eines der ersten medialen Beispiele für eine Battle zwischen Gangs, die sich mit dem imposanteren Tanz zu übertreffen versuchen. Capoeira, der Kampftanz der

4 Klein 2003, S. 11
5 Ebd.
6 Klein 2003, S. 195
7 Klein 2003, S. 9
8 FAZ am Sonntag, 10.06.07

4

 


brasilianischen Sklaven sowie die Sprechgesänge westafrikanischer Griots und Djelees zählen ebenso zur Basis der Musik und des Tanzes der HipHop-Kultur wie der Bebop, der Blues oder die DooWop-Musik.9 Der Ursprung des Rap in der afrikanischen Kultur und die Bezugnahme der afroamerikanischen Subkultur auf diese Wurzeln prägen den Ursprungsmythos des HipHop. Die Relativierung dieses Mythos durch die Autoren des HipHop-Lexikons stellt jedoch eine weiter reichende Reflektion zur HipHop-Kultur dar. Diese veranschaulicht, daß HipHop als ,,eine Straßenkultur von schwarzen Ghetto-Jugendlichen"10 bald Eingang in die Kultur der Weißen findet und mittels seiner Kommerzialisierung zu einer umstrittenen Kulturpraxis wurde. Ende der Siebziger Jahre wird HipHop mit der Single ,,Rappers Delight" von der Sugarhill Gang erstmals kommerziell erfolgreich. Entdeckt von einer Plattenfirma namens Sugarhill Records steht die Sugarhill Gang gleichermaßen für die Alte Schule des HipHop wie für die Verabschiedung vom Ursprungsmythos. Letzteres lässt sich mit dem Begriff der durch die Kommerzialisierung verloren geglaubten Credibility oder auch Realness erklären. HipHop wurde wie auch andere schwarze Musik- und Tanzstile durch kulturindustrielle Vermarktungsstrategien von der weißen Kultur, und damit dem Mainstream absorbiert, so eine dem Ursprungsmythos verpflichtete Perspektive. Diese Positionierung stellt ,,HipHop als eine rein schwarze Kultur (...) (dar), deren Neukontextualisierung lediglich mehr oder weniger gelungene Annäherungen an das Original seien." Die Perspektive HipHop als eine ,,hybride Kulturform" wahrzunehmen, ,,bei der sich US-amerikanische und europäische Traditionen, Elemente von schwarzer und weißer Kultur vermischen und in verschiedenen lokalen Räumen eine sehr spezifische Ausformung finden," bietet gerade in der Beschäftigung mit HipHop in Deutschland einen ergiebigeren Bezugsrahmen.11

Im Folgenden seien hier zunächst die Grundzüge des Ursprungs der HipHop-Kultur und ihre wesentlichen Merkmale beschrieben: Zu den Wegbereitern des HipHop gehörte der Jamaikanische Discjockey Kool Herc, der den Breakbeat erfand und der damit auf den New Yorker Blockparties regelmäßig DJ-Battles gewann. Unter Breakbeat versteht man eine Art der elektronischen Musik, die Bruchteile (Samples) vornehmlich aus Stücken des Funk in einer neuen Anordnung übereinander schiebt. Breakbeat ist heute zu einem Oberbegriff weiterer verwandter Musikstile geworden wie Two Step, Jungle und Drum′n Bass. Die Blockparties der frühen HipHop-Bewegung gelten als legendär und standen beispielsweise auch in Frankreich am Beginn einer sich entwickelnden HipHop-Kultur. Der Block ist,

9 Vgl. Krekow, Steiner 2003, S. 6 ff.
10 Klein 2003, S. 57
11 Vgl. ebd.

5

 


genauer gesagt, ein Häuserblock, der in dem rasterartigen Straßennetz Manhattans maßgeblich ist für Richtungsangaben oder Standortbestimmungen. Außerdem definiert sich eine Nachbarschaft über die Anzahl der Blocks, die sie zählt. Zu einer dieser Urban Dance Parties wurde normalerweise ein ganzer Block abgesperrt. Hier bot sich die Möglichkeit, sich im Rahmen eines sozialen Happenings auf allen Ebenen der HipHop-Kultur auszudrücken. Welche Ebenen dazu zu zählen sind, wird in der Literatur zumeist auf die vier klassischen Elemente DJ-ing, Rap (MC-ing), Breakdance und Graffiti zurückgeführt. Im Zuge der Kommerzialisierung von HipHop kann man nun unter anderem auch Mode und Producing dazu zählen.

Das DJ-ing ist eine der vier Grundpfeiler des HipHop und dient als Grundlage für den Sprechgesang, der auf den Klangteppich des DJs gerappt wird. Der DJ produziert eine neue Form der Musik, in dem er verschiedene Schallplatten auf zwei Plattenspielern zusammen mischt (Sampling). Das DJ-ing stellt auch ohne Rap eine eigenständige Kunstform im HipHop dar. Auf der zum Tanzen animierenden Musik stützt sich der Breakdance oder das B-Boying, das geprägt ist von Footworks (Bewegungen mit den Füßen am Boden) und Powermoves (jede Form der akrobatischen Bewegung beim Tanzen). Zwei weitere Formen des Breakdance sind das Locking (imitieren von Comic- und Marionettenfiguren durch Gestik und Mimik) und Popping oder Electric Boogie (stakkatoartige Bewegungen wie bei einem Roboter).12

Der Rap oder das MC-ing ist als sprachlicher Ausdruck die direkteste Kommunikationsform des HipHop. Der Master of Ceremony, kurz MC, soll die Leute zum Tanzen animieren und lobt und besingt dabei sich und seine Crew mit seinen Reimen auf das Höchste. Seine Texte sind maßgeblich für die sich bald heraus kristallisierenden, verschiedenen HipHop-Genres wie den Gangster-Rap (auch: Gangsta-Rap), der in Zusammenhang mit Aggro-Berlin von Bedeutung sein wird. Weitere Genres sind der Polit-Rap (z.B. Public Enemy) oder der Party-Rap. Verwandt mit Gangster-Rap ist der Pimp-Rap (Pimp: engl., Zuhälter), der wohl am anschaulichsten die vor allem sexuellen Wunschvorstellungen des männlichen HipHoppers beschreibt. Viertes Element des HipHop ist das Writing, besser bekannt unter dem Namen Graffiti, bei dem der Writer oder Sprayer als Pieces und Tags bezeichnete Bilder oder Schriftzüge mit Farblacksprühdosen oder Markern an häufig nicht dafür vorgesehene Oberflächen malt. Sinn dieser Aktion ist es, für seinen Namen oder den seiner Crew zu werben und ihn im Stadtbild so sichtbar wie möglich zu machen. Die oft als Vandalismus bezeichnete Kunst ist die [...]

12 Krekow, Steiner 2003

6

 



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