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August Hermann Niemeyers pädagogische Konzepte zum rhetorischen Unterricht

Diploma Thesis, 2006, 116 Pages
Author: Diplom-Sprechwissenschaftlerin Claudia Langosch
Subject: Rhetoric / Elocution / Oratory

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2006
Pages: 116
Grade: 1,1
Bibliography: ~ 104  Entries
Language: German
Archive No.: V116101
ISBN (E-book): 978-3-640-17809-4

File size: 395 KB

Abstract

Am Institut für Sprechwissenschaft und Phonetik der Martin-Luther-Universität beschäftigten sich schon mehrere Diplomarbeiten mit der Rhetorik an Universität und Schule. Diese Untersuchungen bezogen sich vor allem auf das 17. und beginnende 18. Jahrhundert. Sie befassten sich mit der Rolle der Rhetorik in der Gesellschaft der Aufklärung und im Curriculum der Fridericiana bzw. mit rhetorischen Aspekten in den Lehrplänen an Hallenser Schulen Anfang des 18. Jahrhunderts. Zwei Arbeiten stellten die Professoren der Beredsamkeit an der Fridericiana im 17. und 18. bzw. im 19. und 20. Jahrhundert vor (vgl. Riedel 1999; Birke 1998; Riede 1998; Keil 1996). Zum Ende des 18. Jahrhunderts bzw. den Beginn des 19. Jahrhunderts, in dessen Verlauf sich die Einstellung zu rhetorischen und poetischen Aspekten weitreichend änderte, gab es bis jetzt noch keine Untersuchung. Auch die Rolle des Faches Rhetorik in der schulischen Bildung dieser Zeit wurde bis jetzt noch nicht untersucht. In der vorliegenden Arbeit sollen nun die pädagogischen Konzepte des schulischen Rhetorikunterrichts exemplarisch mithilfe einer der wichtigsten pädagogischen Schriften des 19. Jahrhunderts beleuchtet und beschrieben werden. Sie widmet sich aber nicht nur rhetorischen und pädagogischen Gesichtspunkten, es werden auch gesellschaftliche und philosophische Veränderungen einbezogen, die letztlich zu einem anderen Verständnis von Erziehung und damit auch des Rhetorikunterrichts und seinen Inhalten geführt haben. Wichtig dafür ist eine historische Einordnung – einerseits um August Hermann Niemeyers Beweggründe und pädagogische Vorstellungen zu verstehen, andererseits um diese Vorstellungen in einen größeren Kontext einordnen zu können.


Excerpt (computer-generated)

Martin ­ Luther ­ Universität Halle ­ Wittenberg

Fachbereich Musik-, Sport- und Sprechwissenschaft

Institut für Sprechwissenschaft und Phonetik

Claudia Langosch

August Hermann Niemeyers
pädagogische Konzepte zum
rhetorischen Unterricht

Diplomarbeit

 


Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 5

2 August Hermann Francke und seine Stiftungen 7

2.1 Biographie 7

2.1.1 Kindheit und Jugend 7

2.1.2 Studienjahre und akademische Laufbahn 8

2.1.3 Verfolgung und Festanstellung 11

2.1.4 Die Gemeinde Glaucha 11

2.1.5 Die Glauchaischen Anstalten 12

2.1.6 Franckes Arbeit an der Universität 16

2.1.7 Letzte Lebensjahre 19

2.2 Die Franckeschen Stiftungen im 18. Jahrhundert 20

2.2.1 Freylinghausen und Gotthilf August Francke 20

2.2.2 Veränderungen an der Universität 21

2.2.3 Die Krise der Stiftungen 22

2.2.4 Ein neuer Anfang 24

3 August Hermann Niemeyer 25

3.1 Biographie 25

3.1.1 Kindheit und Jugend 25

3.1.2 Studienjahre 27

3.1.3 Akademische Laufbahn 29

3.1.4 Die Entwicklung der Ästhetik als philosophische Disziplin 30

3.1.5 Inspektor über das Pädagogium 34

3.1.6 Pädagogische Arbeit und akademische Lehrfreiheit 6

Seite 2

 


3.1.7 Die Empfindsamkeit 37

3.1.8 Die Persönlichkeit Niemeyers 42

3.1.9 Niemeyer als Mitglied der halleschen Gesellschaft 43

3.1.10 Napoleonische Herrschaft 44

3.1.11 Deportation und Rettung 45

3.1.12 Fortbestand und Freiheitskampf 47

3.1.13 Preußens Wiederkehr 48

3.1.14 Letzte Lebensjahre 49

3.2 Der Autor Niemeyer 49

3.3 Der Pädagoge Niemeyer 53

3.3.1 Allgemeine pädagogische Standpunkte 53

3.3.2 Der Einfluss der Erfahrungsseelenkunde 54

3.3.3 Der Einfluss Herders 55

3.3.4 Integration der neuen Ansätze in die Unterrichtsgestaltung 57

4 Die ,,Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts" ­ Inhalte und Ziele 59

5 Analyse 61

5.1 Vorbemerkungen 61

5.2 ,,Vom deutschen Sprachunterricht" 62


5.2.1 Lehrschwerpunkte 64

5.2.1.1 Mechanische Fertigkeiten ­ Zur ,,Bildung der Sprachwerkzeuge" 64

5.2.1.2 Die Bildung des Stils 68

5.3 Rhetorischer Unterricht 74

5.3.1 Zum Verhältnis von Rhetorik und Poetik 74

Seite 3

 


5.3.2 Allgemeine Einführung 78

5.3.3 Rhetorik und Poetik 79

5.3.4 Vorbereitung auf die Theorie 81

5.3.5 Erste Behandlung der Theorie 84

5.3.6 Praktische Übungen in der Anwendung der Rhetorik und Poetik 87

5.3.7 Mündliche Wohlredenheit 90

5.3.8 Deklamation und Aktion 94

6 Zusammenfassung 97

7 Anhang 101

Verzeichnis der wichtigsten Schriften A.H. Niemeyers
8 Literaturverzeichnis 103

Seite 4

 


1 Einleitung

Am Institut für Sprechwissenschaft und Phonetik der Martin-Luther-Universität beschäftigten sich schon mehrere Diplomarbeiten mit der Rhetorik an Universität und Schule. Diese Untersuchungen bezogen sich vor allem auf das 17. und beginnende 18. Jahrhundert. Sie befassten sich mit der Rolle der Rhetorik in der Gesellschaft der Aufklärung und im Curriculum der Fridericiana bzw. mit rhetorischen Aspekten in den Lehrplänen an Hallenser Schulen Anfang des 18. Jahrhunderts. Zwei Arbeiten stellten die Professoren der Beredsamkeit an der Fridericiana im 17. und 18. bzw. im 19. und 20. Jahrhundert vor (vgl. Riedel 1999; Birke 1998; Riede 1998; Keil 1996).

Zum Ende des 18. Jahrhunderts bzw. den Beginn des 19. Jahrhunderts, in dessen Verlauf sich die Einstellung zu rhetorischen und poetischen Aspekten weitreichend änderte, gab es bis jetzt noch keine Untersuchung. Auch die Rolle des Faches Rhetorik in der schulischen Bildung dieser Zeit wurde bis jetzt noch nicht untersucht. In der vorliegenden Arbeit sollen nun die pädagogischen Konzepte des schulischen Rhetorikunterrichts exemplarisch mithilfe einer der wichtigsten pädagogischen Schriften des 19. Jahrhunderts beleuchtet und beschrieben werden. Sie widmet sich aber nicht nur rhetorischen und pädagogischen Gesichtspunkten, es werden auch gesellschaftliche und philosophische Veränderungen einbezogen, die letztlich zu einem anderen Verständnis von Erziehung und damit auch des Rhetorikunterrichts und seinen Inhalten geführt haben. Wichtig dafür ist eine historische Einordnung ­ einerseits um August Hermann Niemeyers Beweggründe und pädagogische Vorstellungen zu verstehen, andererseits um diese Vorstellungen in einen größeren Kontext einordnen zu können.

Dies ist der Grund für die recht ausführliche Darstellung der Biographien August Hermann Franckes und August Hermann Niemeyers und der Geschichte der Franckeschen Stiftungen. Denn Niemeyer wird sowohl von aufklärerischen als auch von pietistischen Einflüssen geprägt, er ist ein Kind seiner Zeit, nimmt aber immer Rücksicht auf das ihm übertragene pietistische Erbe. Er vereint beide Aspekte und setzt sie für seine Pädagogik in eine neue Beziehung. Einige Ansichten, die auf seine Vorstellungen eingewirkt haben, können nur im Überblick dargestellt und ihre

Seite 5

 


wichtigsten Gedanken in aller Kürze beschrieben werden, denn die Diskussion dieser Gedanken füllt andere Bücher.

Im Analyseteil wird die pädagogische Methodik A.H. Niemeyers umfangreich dargestellt und erörtert. Die dazugehörige Literaturrecherche umfasste vor allem die ,,Grundsätze der Erziehung", daneben aber auch andere Bücher Niemeyers, die seine pädagogischen Vorstellungen weiter beleuchten. Diese Arbeit soll auch noch einem anderen Zweck dienen: sie möchte Lust machen auf die Beschäftigung mit einem faszinierenden und spannenden Jahrhundert, in dem die Diskussion um pädagogische Ansätze ausgiebig geführt wurde und in dem viele Auffassungen zu Bildung und Erziehung entstanden sind, die den Ursprung für unser heutiges Schulwesen bilden. Und sie soll dazu anregen, sich mit den Veränderungen der Rhetorik im wissenschaftlichen Diskurs des 18. Jahrhunderts zu beschäftigen, die ebenfalls die Basis für unser heutiges Verständnis von Rhetorik und Poetik bilden. Dieser Rückgriff auf die Vorgeschichte des Faches Sprechkunde/Sprechwissenschaft hilft, ,,moderne" Sichtweisen zu durchschauen und zu beurteilen ­ und damit unser eigenes Fach besser zu verstehen.

Seite 6

 


2 August Hermann Francke und seine Stiftungen

Die Franckeschen Stiftungen entstanden Ende des 17. Jahrhunderts in Halle an der Saale. Sie prägten nicht nur das soziale, sondern auch das geistige Leben der Stadt. Ihr Gründer, August Hermann Francke, war einer der ersten Professoren an der Philosophischen und Theologischen Fakultät der 1694 gegründeten Friedrichs ­ Universität. Seine strenge Auslegung des christlichen Glaubens, aber auch seine in den Stiftungen praktizierte Nächstenliebe prägten die Stadt und die Universität.

2.1 Biographie

2.1.1 Kindheit und Jugend

Francke wurde am 22. März 1663 in Lübeck geboren. Sein Vater Johannes Francke war ein hochangesehener Jurist, seine Mutter Anna Gloxin die Tochter des Lübecker Bürgermeisters. Als Johannes Francke 1666 eine Stelle als Hofrat bei Herzog Ernst von Sachsen ­ Gotha bekam, verließ die Familie Lübeck. Die Residenzstadt Gotha war damals der Mittelpunkt der thüringischen Kirchen- und Schulreform. Die Schulen folgten den pädagogischen Ideen von Comenius und Ratke. August Hermann Francke wurde schon seit frühester Kindheit und später durch den Besuch des Gothaer Gymnasiums mit den Ideen bekannt gemacht, die für sein späteres Wirken richtungsweisend wurden (vgl. Wallmann 1998, 35f.).

Für seine religiöse Entwicklung war die ältere Schwester Anna wichtig ­ durch sie angeregt las er englische Erbauungsbücher und Johann Arndts ,,Vier Bücher vom wahren Christentum". Dieses Buch entstand vermutlich aus Predigten und ist die ,,wichtigste Erbauungsschrift der lutherischen Kirche" (Jung 2003, 783). Es war seit dem frühen 17.Jh. im gesamten europäischen Protestantismus verbreitet und ausgerichtet auf innerliche Frömmigkeit und tätiges Leben. Es sollte gläubige Christen zur Buße und zu einer vertieften Frömmigkeit anleiten (vgl. Jung 2003, 783f.; Wallmann 1998, 36).

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2.1.2 Studienjahre und akademische Laufbahn

Francke begann sein akademisches Studium im Sommersemester 1679 an der Universität Erfurt, setzte es jedoch ein Semester später in Kiel fort. Seine akademischen Studien lassen sich als typisch für diese Zeit bezeichnen, er wandte sich vor allem den philosophischen Disziplinen und den alten Sprachen zu. Er folgte dem Bildungsideal der Gelehrsamkeit, welches die akademische Welt des 17. Jahrhunderts weithin beherrschte. Beim Studieren ging es vor allem um die Anhäufung von möglichst viel Wissen und die Ausbildung des Verstandes. Die Theologie wurde nicht als lebendige Erkenntnis betrachtet, sondern nur als tote Wissenschaft, in der dogmatische Lehrsätze von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Diese Anschauungen bekämpfte Francke später als zu einseitig, sie standen in krassem Gegensatz zu seinem Glauben an einen lebendigen, liebenden Gott (vgl. Wallmann 1998, 36).

Anfang 1684 kam Francke an die Universität Leipzig, eine der frequentiertesten Hochschulen Deutschlands. Er wohnte bei Adam Rechenberg, einem Professor der alten Sprachen und Geschichte und Schwiegersohn von Phillip Jakob Spener, dem Begründer des (später so genannten) Pietismus. Francke wollte hier seine akademische Laufbahn antreten. Zunächst war er allerdings nur Privatlehrer für Hebräisch. Nach dem Erwerb des philosophischen Magisters und der Abgabe seiner Dissertation, hielt er philologische Vorlesungen über biblische Texte. 1686 gründet er das Collegium philobiblicum, in dessen Rahmen sonntägliche Übung zur Bibelauslegung abgehalten wurden. Sein Zweck war vorerst rein wissenschaftlich (vgl. Wallmann 1998, 38).

Spener wurde jedoch über die Gründung des Collegium informiert und versuchte, zunächst in Briefen, den Schwerpunkt von der rein wissenschaftlichen Zielsetzung stärker auf die persönliche Erbauung zu orientieren. Zur ersten persönlichen Begegnung mit Francke kam es 1687. Seine Persönlichkeit und Ausstrahlung beeindruckten Francke sehr und Spener wurde für ihn zum wichtigsten Ratgeber in theologischen und praktischen Fragen, aber auch zum Seelsorger. Seit dieser Begegnung mehrten sich auch die Anzeichen für die Wende in Franckes Denken. Er begann Texte nicht rein wissenschaftlich, sondern im Sinne Speners existenziell auszulegen. Auch seine religiösen und moralischen Vorstellungen wurden differenzierter und damit seine Forderungen radikaler. Ein Beispiel hierfür ist die Forderung nach einer genau

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datierbaren Bekehrung, die einem Bußkampf folgt. Der Zweifel am eigenen Glauben und an der Existenz Gottes kann, so Francke, nur durch eine Anrufung Gottes, durch eine Bitte um Erlösung überwunden werden. Der Mensch wird durch die Erfahrung eines lebendigen Gottes, der ihn aus dem Zustand des Zweifels errettet, neu geschaffen, neu geboren.. Nur dann kann er als wahrer Christ angesehen werden (vgl. Wallman 1998, 38ff.).

In der Leipziger Bevölkerung setzte sich bald ein Spottname für die Teilnehmer an diesen Erbauungsversammlungen, den Konventikeln, durch: Pietist. Der Name blieb an der Bewegung haften, nachdem der Rhetorikprofessor Joachim Feller ihn in einem Gedicht aufgegriffen und ihn zu einem Ehrennamen gemacht hatte. In der heutigen Forschung wird der Begriff Pietismus für eine religiöse Erneuerungsbewegung im 17. und 18. Jahrhundert verwendet. Der neue Ansatz besteht in einer Individualisierung und Verinnerlichung des religiösen Lebens und einer Abkehr von einem ,,zu äußerer Form erstarrenden traditionellen Gewohnheitschristentum" (Wallmann 2005, 21). Dieser Ansatz führt zu durchgreifenden Reformen in Theologie und Kirche. Die Besonderheit des hallischen Pietismus ist seine Arbeit auf der sozialen Ebene. Dies hat zur Folge, dass sein Wirkungskreis stark erweitert wird (vgl. Wallmann 1998, 42f.; Wallmann 2005, 21ff.).

Der hallesche Pietismus, Franckes Forderung nach einem ständigen Umgang mit Gott beeinflussten sein ethisches und soziales Verhalten und das seiner Anhänger und Mitstreiter. Aufgrund dieser Überzeugungen lehnte Francke das barocke Gelehrtenideal ab und wandte sich entschieden der ,,praxis pietatis" zu. Diese schließt nicht nur das Bekenntnis zum christlichen Glauben und das Gebet ein, sondern auch praktisches Handeln und Arbeiten im Sinne der Nächstenliebe, soziale Organisation und Kontrolle des Menschen, Erwachsenenbildung und Kindererziehung. Die persönliche Frömmigkeit eines Christen sollte alle Bereiche des Lebens umfassen, nicht nur die sonntäglichen Gottesdienste. Diese Frömmigkeit war für Francke ein Ausdruck wahren Glaubens und reiner Lehre. (vgl. Wallman 1998, 39ff.; Loch 2004, 265; Obst 2000a, 17; Kemper 1997, 1).

Francke wurde zu einem praktischen Theologen, Nur durch den Glauben konnte die Entwicklung der Menschen dauerhaft eine positive Entwicklung nehmen. Deswegen war das Ziel seiner Arbeit, die Menschen zum lebendigen Glauben zu bringen. Er

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wandte sich gegen ein rein ,,äußerliches" christliches Leben, in dem es genügte, die dogmatischen Glaubenssätze der Kirche zu wiederholen und starren Abläufen, zum Beispiel beim Gottesdienst, zu folgen. Dem franckeschen Pietismus kam es vor allem auf eine innere Erweckung des Menschen an. Er forderte ein persönliches, das ganze Gemüt und Gefühl umfassendes Christentum, eine lebendige Gotteserfahrung und eine echte, von einer starken Erlösungssehnsucht geprägte Frömmigkeit. Die Menschen sollten ihren Glauben verinnerlichen und dann danach handeln. Das führte dazu, dass die Bedeutung der Institution ,,Kirche" in den Hintergrund trat bzw. als Vermittlungsinstitution zu Gott überflüssig wurde. Glaube konnte und sollte im Inneren zustande kommen und gelebt werden. Für die persönliche Gotteserfahrung war die Kirchengemeinde nicht mehr wichtig.

Der Glaube verlangt totale Hingabe, er duldet keine Vergnügungen oder ,,sinnlosen" Zeitvertreib. Luther hatte die Welt in gute, schlechte und die sogenannten Mitteldinge, die keins von beiden waren, eingeteilt. Diese Ansicht lehnte Francke ab, es gab für ihn nur Dinge, die den Glauben befördern bzw. von ihm ablenken. Diese Ansicht beinhaltet natürlich schon eine Radikalisierung. Francke ging streng gegen weltliche Vergnügungen vor. Diese Ansicht hat dem halleschen Pietismus zu Franckes Lebzeiten nicht geschadet, nach seinem Tod hat sie allerdings erheblich zur Ablehnung der gesamten Bewegung beigetragen (vgl. Obst 2000a, 53ff.; Krüger 1972, 19f.; Kemper 1997, 1f.).

Francke beschloss in Leipzig, seine akademische Laufbahn nicht weiter zu verfolgen und auch seine Promotion in Theologie nicht zu beenden. Diese Entscheidungen hatten Einfluss auf seine Vorlesungen. In seiner Textexegese stellte er nun den Bezug zu Frömmigkeit und Praxis in den Vordergrund, vernachlässigte aber auch nicht die philologische Erklärung. Zusätzlich unterrichtete er immer mehr auf Deutsch und nicht in der Wissenschaftssprache Latein. Diese Neuerungen sprachen sich bald unter den Studenten herum und die Hörsäle der ordentlichen Professoren der Theologie leerten sich. Dieser Erfolg Franckes erregte den Neid und das Misstrauen der orthodoxen Professoren der Theologie. Franckes Studenten fingen an, ebenfalls Konventikel zu gründen, an denen nicht nur Universitätsangehörige, sondern auch Handwerker und sogar Frauen teilnahmen (vgl. Wallmann 1998, 42).

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