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Subtitle: Können mit Hilfe des Utilitarismus die Fragen und Probleme ethischen Handelns in einer neuen globalen Welt beantwortet werden?
Bachelor Thesis, 2007, 46 Pages
Author: Helmuth Zikuda
Subject: Ethics
Details
Institution/College: University of Vienna (Philosophie)
Tags: Utilitarismus, Auswirkungen, Handeln, Welt, Seminar
Year: 2007
Pages: 46
Grade: 1
Bibliography: ~ 17 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-18046-2
ISBN (Book): 978-3-640-18054-7
File size: 378 KB
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Abstract
Bei genauer Betrachtung der menschlichen Geschichte lässt sich eine Entwicklung der Gesellschaft durch kausale Faktoren und zwischenmenschliche Machtverhältnisse nachvollziehen. Den Menschen war es seit frühester Zeit nur möglich zu überleben, wenn sie in größeren Familien oder Gruppen zusammenlebten. Jedes Miteinander ist aber auch nur dann möglich, wenn sich alle Mitglieder einer Gruppe bestimmten Regeln unterwerfen.
Excerpt (computer-generated)
Der Utilitarismus und seine möglichen Auswirkungen auf ethisches Handeln in
einer globalisierten Welt.
Können mit Hilfe des Utilitarismus die Fragen und Probleme ethischen Handelns in einer
neuen globalen Welt beantwortet werden?
BACHELORARBEIT
2
Inhaltsverzeichnis:
1. Der Utilitarismus 3
1.1 Einleitung 3
1.2 Definition und Erklärung von Utilitarismus 4
1.3 Die wichtigsten Arten des Utilitarismus 5
1.3.1 Der klassische Utilitarismus 6
1.3.2 Handlungs- & Regelutilitarismus: 8
1.3.3 Präferenzutilitarismus 9
1.3.4 Negativer Utilitarismus 9
1.3.5 Nutzensummen Utilitarismus 10
1.4 Kritiker und ihre Einwände 11
1.4.1 Vergleichbarkeit von Glückszuständen bzw. Leidenszuständen 11
1.4.2 Gleichheit und Gerechtigkeit 12
1.4.3 Das Recht des Einzelnen auf Glück in individualistischem Sinne 14
1.4.4 Allgemeine Kritik in Bezug auf akzeptierte Regierungsformen 15
1.4.5 Passivität versus Aktivität 16
1.4.6 Zum negativen Utilitarismus 17
1.4.7 Grenzen des Utilitarismus 18
2. Von menschlichen Stärken und Schwächen 20
2.1 Warum soll der Einzelne sein Handeln am Wohlergehen der Allgemeinheit ausrichten? 20
2.2 Machthunger ein Problem der Menschheit? 23
2.3 Utilitarismus und Globalisierung 24
3. Utilitaristisches Handeln in der Wirtschaft ein Widerspruch? 26
3.1 Wirtschaftswachstum auf Kosten aller! 26
3.2 Wer übernimmt die soziale Verantwortung? 28
4. Der Utilitarismus und der Weltfrieden 37
4.1 Ist die Menschheit geeignet im Frieden miteinander zu leben? 38
4.2 Finden sich im Utilitarismus Lösungsvorschläge für einen Weltfrieden? 41
4.3 Lösungen einer neuen Weltordnung 42
5. Literaturhinweise: 45
3
1. Der Utilitarismus
1.1
Einleitung
Bei genauer Betrachtung der menschlichen Geschichte lässt sich eine Entwicklung
der Gesellschaft
durch kausale Faktoren und zwischenmenschliche Machtverhältnisse nachvollziehen. Den Menschen
war es seit frühester Zeit nur möglich zu überleben, wenn sie in größeren Familien oder Gruppen
zusammenlebten. Jedes Miteinander ist aber auch nur dann möglich, wenn sich alle Mitglieder einer
Gruppe bestimmten Regeln unterwerfen.
Dies ist bereits in der Tierwelt zu erkennen. Tiere die in Rudeln zusammenleben, müssen ihre
Rangordnung innerhalb der Gruppe permanent sicherstellen. Solche Machtkämpfe und
Verhaltensweisen schränken zwar die individuelle Freiheit ein, sichern aber zugleich das gemeinsame
Überleben der Gruppe in der Natur.
Schon in den frühen Epochen der Menschheit sind bereits Zusammenhänge von Familie, Sippe und
Staatswesen nachvollziehbar. Es gibt kausale Faktoren, die einen dynamischen Fortschritt von der
Sippen- hin zur Staatsentwicklung erkennen lassen.1
Wo Menschen zusammenleben, bedarf es nun einmal solcher Regeln und Normen. Gesetze gibt es
um Regelverstöße zu ahnden und das Individuum vor Willkür und Aggression zu schützen. Gesetze
geben dem Einzelnen aber nicht nur Schutz und Sicherheit, sondern verlangen dem Individuum auch
Pflichten ab. Pflichten, um ein Leben in der Gemeinschaft überhaupt erst zu ermöglichen.
Platon spricht schon davon, dass das Individuum den Interessen des Ganzen dienen solle, dabei
spielt es keine Rolle ob für Staat, Stamm oder Rasse.2 Für Platon allerdings gibt es nur eine schwarz -
weiße Sichtweise, er stellt den Kollektivismus dem Egoismus entgegen. Er greift sozusagen den
Individualismus an, den er mit dem puren Egoismus gleichsetzt. Für Platon haben Gesetze einzig und
alleine den Kollektivismus zu schützen, jeglicher individuelle Besitz wird dem
Subjekt abgesprochen,
sogar das Individuum selbst ist im Besitz des Staates. Dies nennt Platon das Urbild des Staates.3
Aus diesem Grund sagen Gesetze alleine noch nichts über die Qualität des Zusammenlebens aus, es
gibt auch schlechte Gesetze, tyrannische und entwürdigende Gesetze. Da Gesetze jedoch nicht alle
Bereiche des Zusammenlebens regeln und abdecken können, gibt es darüber hinaus allgemeine
gesellschaftliche Normen moralische Normen.
Die Ethik beschäftigt sich seit jeher mit Aussagen, wie wir leben sollen und nach welchen Kriterien wir
unser Handeln richten sollen. Sie beschäftigt sich mit moralischen Werten und moralischen
Handlungsformen.
Eine dieser ethischen Richtungen ist der Utilitarismus, der auch heute noch im angloamerikanischen
Raum starken Einfluss hat und auf den ich in dieser Arbeit, in Bezug auf Fragen der Globalisierung,
1 Siehe auch: Millar, John: Vom Ursprung des Unterschieds in den Rangordnungen und Ständen der Gesellschaft. Hsg: Hans Blumberg, Jürgen Habermas, Dieter Heinrich und Jacob Taubes. Aus dem Englischen von Herbert Zirker Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1967.
2 Siehe Platons Werke über Staat und Gesetz
3 Er sieht in den Lehren des Perikles den Zerfall der Gemeinschaft und bekämpft diese massiv.
4
näher eingehen werde. Vorab gebe ich noch einen kurzen Überblick über die utilitaristische Lehre an
sich, deren Varianten, sowie deren Vertreter. Für eine Vertiefung und weiteres Studium des
Utilitarismus gibt es hierzu im Anhang eine Literaturliste.
1.2
Definition und Erklärung von Utilitarismus
Der Utilitarismus4 geht von einem positiven Idealbild der Allgemeinheit und des menschlichen
Zusammenlebens aus. Der Utilitarismus besagt, dass die moralische Qualität von Handlungsweisen
von ihren resultierenden Folgen für die Allgemeinheit abhängt. Die Vertreter des Utilitarismus sind der
Ansicht, dass dieses ethische Idealbild erreichbar sei, auch wenn die Umsetzung nur bedrückend
langsam vonstatten geht.5
Als Begründer des Utilitarismus gilt Jeremy Bentham, 1748 1832. Er lebte und studierte in Oxford
und wirkte in London als Rechtsanwalt. Sein Anliegen war eine Reformation des englischen
Rechtssystems. In seinem Werk ,,An Introduction to the Principles of Morals and Legislations"6,
welches 1789 erschien, geht er davon aus, dass die Nützlichkeit das maßgebliche Prinzip der Moral
ist. Zu verstehen ist dies als Ideal eines allgemeinen Wohlergehens. Der daraus resultierende
Grundsatz des ,,Prinzips des größten Glücks der größten Zahl" wird zum ethischen Grundsatz seiner
Moralvorstellung. Das Glück der Mehrheit muss das Ziel einer jeden Handlung bzw. ihrer Folgen sein.
Bentham bezieht sich hierbei auf Hume7, seine Werke gelten unter anderem als Grundlage für
Benthams Nützlichkeitsprinzip. Dieses Prinzip scheint ein geeigneter Grundsatz für die Erklärung und
Gestaltung von sozialen Handlungen zu sein. Damit ist der Utilitarismus auch als Gegenposition zur
kantischen Ethik zu verstehen. Insofern, als dass die Berücksichtigung von Konsequenzen und eine
Folgeabwägung schlichtweg verbieten, dass jemand, etwa aus dem Grund der Maxime des
Lügenverbots, unschuldige Menschen ausliefert. Zwar gibt es auch bei Kant Folgeüberlegungen,
diese berücksichtigen aber ausschließlich subjektinterne Handlungsfolgen.8 Der Utilitarismus
hingegen berücksichtigt zudem auch subjektexterne Handlungsfolgen.9
Die Ideale des Utilitarismus selbst lassen sich bis in die Antike, auf Sokrates, Epikur und Perikles
zurückverfolgen, daher kann der Utilitarismus dem Eudämonismus10 zugerechnet werden.
Perikles ist derjenige, dem zugesprochen werden kann, den Altruismus mit dem Individualismus
vereint zu haben. Die spätere zentrale abendländische Aussage basiert demgemäß auf Perikles und
wird zu ,,Liebe Deinen Nächsten", und nicht zu ,,Liebe Deinen Stamm". Erst aus der Liebe zum
Nächsten kann sich die Liebe zur Gemeinschaft entwickeln.
Das Streben nach Glück war schon immer in der Natur des Menschen, im Einzelnen wie auch in
Gemeinschaften. Naturgemäß gab es aber auch immer schon unterschiedliche Auffassungen, was
4 Aus dem Lateinischen: utilitas Nutzen
5 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006 S. 49
6 ,,Einführung in die Prinzipien der Moral und der Gesetzgebung."
7 Bezieht sich auf die Werke: ,,Defense of Usury" und ,,Treatise of Human Nature"
8 deontologische Konzeption
9 teleologische Konzeption
10 Eudämonismus: Gleichsetzung von Lust und Glück. Wenn die Glückseligkeit das Ziel und Motiv allen Strebens ist; ist somit auch eng mit dem Hedonismus verbunden.
5
denn Glück eigentlich sei. Über das Wesen des Glücks gibt auch Aristoteles nur sehr bedingt
Auskunft, wenn er schreibt:
,,... wobei gutes Leben und gutes Handeln in eins gesetzt werden mit Glücklichsein. Aber
was das Wesen des Glückes sei, darüber ist man unsicher, und die Antwort der Menge
lautet anders als die des Denkers."11
Das Individuum versteht unter Glück häufig Wohlstand, Gesundheit, Anerkennung und Macht, also
,,körperliche Freuden", wobei die Intensität und das Ziel, je nach Zustand des Individuums bzw. seiner
momentanen Situation, variieren können. Ist der Betroffene krank, dann ist das Streben nach
Gesundheit wohl das Wichtigste in seinem Leben.
Große Denker hingegen wissen, dass es über die vorher genannten körperlichen Freuden auch noch
weitere Glücksarten gibt. Diese sind Glückszustände des ,,Bewusstseins", oder, wie Höffe sie nennt,
,,geistige Freuden"12. Sie sind sozusagen Zustände, die über unser normales Fassungsvermögen
hinausgehen und daher nicht greifbar sind. Dazu gehören unter anderen die Selbsterkenntnis (Ich
bin), das Erkennen der Welt und die Schönheit der Natur um uns herum, das Gut des Wissens und
der Drang, sich Wissen anzueignen, und vor allem natürlich die Liebe. Auch wenn Mill bereits eine
Unterscheidung zwischen höheren und niederen Freuden macht, werden erst mit G. E. Moore die
geistigen Freuden als positive Freuden wirklich berücksichtigt.13
Der Hedonismus selbst hat das Ziel, körperliche Freuden und die Abwesenheit von Schmerz zu
erfahren, aus diesem Grunde wurde der Hedonismus auch schon seit jeher immer wieder kritisiert. In
erster Linie von den Religionen, welche die körperliche und geistige Züchtigung sowie Askese der
Gläubigen predigen, wie eben z.B. auch von der katholischen Kirche.
Im Gegenzug kritisiert der Utilitarismus naturgemäß solche Selbstzüchtigungen ebenso wie
Menschen, die in Askese leben, weil solche Subjekte für die Mehrheit nur Schaden bringen und eine
Weiterentwicklung der Gesellschaft verhindern.
Indessen wird dem Utilitarismus oftmals vorgeworfen, dass er moralische Rechte von Individuen und
Minderheiten zugunsten der Allgemeinheit vernachlässigt, sogar einzelne negative Schicksale
toleriert, solange nur die Folgen für die Allgemeinheit positiv sind. Ebenso sagen diese Kritiker, dass
sich diese Theorie rein auf die Nutzenmaximierung stützt und daher die Verschiedenheit der Kulturen
und der Subjekte gar nicht ernst nehmen kann.14 Gegenargumentationen zu solchen kritischen
Ansichten finden sich in den verschiedenen Arten des Utilitarismus wieder, zum Beispiel im
Handlungs- und Regelutilitarismus.
1.3
Die wichtigsten Arten des Utilitarismus
Weiterentwickelt wurde die Idee des klassischen Utilitarismus von John Stuart Mill und Henry
Sidgwick. Heute gibt es jedoch eine Vielzahl von Positionen und Unterpositionen im Utilitarismus. Sie
11 Aristoteles: Nikomachische Ethik. Buch I, Kap. 2. Stuttgart. Philipp Reclam jun. 1994
12 körperliche und geistige Freuden siehe: Höffe, Otfried: Einführung in die utilitaristische Ethik. Tübingen und Basel, A. Francke Verlag UTB, 2003, 3.Aufl. S. 23
13 Ideeller Utilitarismus. Ein weiterer Vertreter dieses idealistischen Utilitarismus ist Bradley.
14 siehe hierzu Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main 1979, Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. S. 214
6
haben, so hat es den Anschein, oft nur mehr die Grundzüge einer hedonistischen Wertebasis
gemeinsam.
1.3.1 Der klassische Utilitarismus
Nach der klassischen Formulierung Benthams gibt es nur ein positives Lusterlebnis (pleasure) und die
beschriebene Nützlichkeit wird zum maßgeblichen Prinzip der Moral. Das Ideal dabei ist das
allgemeine Wohlergehen der Gesellschaft. Mittels einer geforderten Nutzenkalkulation können
Handlungsweisen auf ihre positiven oder negativen Folgen in Bezug auf die Allgemeinheit messbar
gemacht werden, damit kann bestimmt werden, ob diese Handlungen zulässig oder unzulässig sind.
Das Nutzenprinzip selbst wird so zur Bilanz von gesellschaftlichen Handlungsweisen. Nach Bentham
können Handlungen wie folgt bemessen werden:
-
Intensität des Lustgewinns
-
Dauer und Grad des möglichen Lustgewinns
-
Zeitliche und räumliche Nähe zur gesetzten Handlung
Ob durch die gesetzte Handlung weitere Folgen zu erwarten sind (Sekundärfolgen)
Laut Bentham kann und soll so jede Handlung auf Zulässigkeit bzw. Unzulässigkeit rational selbst
bewertet werden. Demnach entscheiden sich aufgeklärte Personen, solange ihnen die Folgen der
Handlung auch tatsächlich bekannt sind, für das allgemeine Glück und stellen das individuelle Glück
hinten an.15 Um aber tatsächlich Handlungen abwägen zu können, bedarf es eines Werteschemas.
Die einzig zulässige Metrik für so ein Werteschema ist für Bentham ,,Lust vs. Unlust" und ,,Glück vs.
Schmerz". Benthams Abwägung von guten und schlechten Folgen ist rein quantitativ und empirisch zu
hinterfragen. Er tritt damit stark gegen die Moralisten seiner Zeit auf, weil das Nutzenkalkül auf
empirisch Werte und Argumentationen zurückgreift und nicht auf Instanzen, wie z.B. Gewissen,
natürlicher Menschenverstand usf., wie es bei den Moralisten der Fall ist.
Weiterentwickelt wurde Benthams Utilitarismus von John Stuart Mill 1806 1873. Er war Schüler und
Patenkind Benthams. In seinem Werk ,,Der Utilitarismus" von 1861 geht Mill auf die Kritiker des
Utilitarismus und deren Argumentation ein und will beweisen, dass die vorgebrachten kritischen
Argumente nicht standhalten können. Hierbei erweiterte er zwar Benthams Theorie des
Nutzenprinzips, die Beförderung des allgemeinen Glücks blieb aber auch für Mill das einzige Kriterium
für moralisch richtiges Handeln. Er sah jedoch die Probleme, die ein quantitativer Hedonismus mit sich
bringt und führte daher zusätzlich Qualitäten der Freude ein.
,,Die Anerkennung der Tatsache, dass einige Arten der Freude wünschenswerter und
wertvoller sind als andere, ist mit dem Nützlichkeitsprinzip durchaus vereinbar. Es wäre
unsinnig anzunehmen, dass der Wert einer Freude ausschließlich von der Quantität
abhängen sollte, wo doch in der Wertebestimmung aller anderen Dinge neben der
Quantität auch die Qualität Berücksichtigung findet."16
15 Nach Bentham widerspricht sich individuelles Glück mit dem Wohlergehen der Allgemeinheit nicht. Nur der reine Egoismus ist falsch, weil dieser den Gesamtnutzen außer Acht lässt.
16 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Englisch/Deutsch. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006, S. 27 f
7
Mill trat damit den Vorwürfen entgegen, worin eine reine Ausrichtung auf Lust nur tierischen Charakter
habe. Die Lust des Tieres kann daher dem Glück des Menschen nicht gerecht werden. Die Menschen
haben höhere Fähigkeiten, allerdings nur sofern sie sich dieser bewusst sind.17 Mill wirft den Kritikern
vor, dass diese die Begriffe von Glück und Zufriedenheit vermischen würden und erläuterte dies mit
dem folgenden Beispiel:
,,Es ist besser ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein
unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr."18
Ein Wesen mit geringerer Fähigkeit kann demzufolge rasch zufrieden gestellt werden, ein Wesen mit
höherer Fähigkeit sucht immer nach dem Glück. Hinzu kommen natürlich noch die menschlichen
Eigenschaften wie Stolz, Freiheitsliebe, das Streben nach Macht und Unabhängigkeit. Diese
Eigenschaften sind aber zugleich auch jene Eigenschaften, welche oft dazu führen, dass sich dass
Subjekt eher für egoistische Handlungsweisen und Ziele entscheidet als für tugendhafte Ziele. Mill
sieht dieses Problem sehr wohl:
,,Die Fähigkeit, edlerer Gefühle zu empfinden, ist in den meisten Naturen eine äußerst
zarte Pflanze, die nicht nur an widrigen Einflüssen, sondern schon an mangelnder Pflege
zugrunde gehen kann; und bei den meisten jungen Leuten verkümmert sie sehr früh,
..."19
An dieser gesellschaftskritischen Sichtweise ist ein Unbehagen erkennbar. Dies musste Mill haben,
wenn er sich das alltägliche Leben ansah und er mit menschlichen Handlungen konfrontiert wurde, die
nicht seinem utilitaristischen Idealbild entsprachen. Die Schuld daran gab er aber nicht dem
Individuum selbst sondern der sozialen Umgebung und dem Bildungssystem seiner Zeit. Seinem
Erachten nach hängen Unterschiede zwischen Individuen20 immer von der sozialen Umgebung ab und
wären demgemäß natürlich veränderbar. Nur indem eine Änderung des Systems herbeigeführt wird,
können die großen sozialen Fragen der Gesellschaft beantwortet werden. Demnach sind
Unterschiede bei den Subjekten nicht angeboren und determiniert, wie viele Zeitgenossen Mills dies
behaupteten, sondern eben veränderbar.
Aus diesem Grunde muss es ein absolutes Ziel der Gesellschaft sein, eine allgemeine Ausbildung zu
ermöglichen und zu fördern, um jenen edlen Charakter bei Jugendlichen zu formen und zu pflegen.
Wie aber ist nun eine höhere Freude von einer niedrigeren Freude zu unterscheiden? Welche von
zwei Freuden ist nun hierarchisch über der anderen? Dies können nur jene Lebewesen erkennen, die
beide Freuden auch tatsächlich erfahren haben und erst wenn sich daraus die Mehrheit für eine dieser
Freuden entscheidet, kann diese dann schließlich als qualitativ wertvoller angesehen werden. Mill
kommt zu folgendem Schluss:
,,Kein intelligenter Mensch möchte ein Narr, kein gebildeter Mensch ein Dummkopf,
keiner, der feinfühlig und gewissenhaft ist, selbstsüchtig und niederträchtig sein - auch
[...]
17 Lt. seinen Kritikern verlässt Mill mit der Einführung der Qualitäten den konsequenten Utilitarismus.
18 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Englisch/Deutsch. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006, S. 33
19 Mill, John Stuart: Der Utilitarismus. Englisch/Deutsch. Stuttgart, Philipp Reclam jun. 2006, S. 33
20 Auch bei Fragen von Rassenunterschieden ist er dieser Meinung.
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