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"Wir versuchen das Leben zu verschönern" - Madhahib - Konzepte islamischer Gelehrter in Wien

Diploma Thesis, 2008, 124 Pages
Author: Magister Josef Lebitsch
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Institution/College: University of Vienna
Tags: Leben, Madhahib, Konzepte, Gelehrter, Wien
Category: Diploma Thesis
Year: 2008
Pages: 124
Grade: Sehr Gut
Language: German
Archive No.: V116254
ISBN (E-book): 978-3-640-18183-4
ISBN (Book): 978-3-640-18200-8
File size: 614 KB

Abstract

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage der Anwendungsbereiche von Wissen aus den orthodoxen sunnitischen madhahib durch in Wien tätige Imame und ´ulama. Madhahib sind zu einem großen Teil nur für die Arbeit von Gelehrten relevant. Für praktizierende MuslimInnen haben sie im Bereich der Religionsausübung Bedeutung. Hier wird die Frage nach der Rolle der madhahib in der Arbeit und im Umfeld islamischer Gelehrter gestellt. Um diese Fragen beantworten zu können, wird Fragen zu den Personen, deren religiöse, soziale oder gesellschaftliche Herkunft, Wissensaneignung und -anwendung nachgegangen. Ebenso im Fokus stehen Fragen nach den Einflüssen, die auf Imame und ´ulama einwirken, und wie sie auf Bedingungen eines nicht-muslimischen Umfeldes, wie es Wien darstellt, eingehen. Islamische Gelehrte in Wien kommen aus unterschiedlichen Ländern bzw. Gesellschaften. Sie bringen sich mit ihren vielseitigen Erfahrungen und Ansichten in verschiedenen Positionen in ihre Communities ein. Manche von ihnen sind in einer Moscheegemeinde als Imame tätig, in der sie das Gebet leiten und seelsorgerische Dienste für deren Community durchführen. Andere Gelehrte sehen ihre Aufgabe eher bzw. ausschließlich in der Erarbeitung von Regelungen bzw. Antworten für eine breitere Community, wie z.B. europäische MuslimInnen im Allgemeinen, oder Mitglieder ihrer international agierenden Trägerorganisation. Über die Position, die Gelehrte in ihren Communities einnehmen, scheinen mehrere Faktoren, wie deren Ausbildung, Wissensanwendung und Kenntnisse über die Gesellschaft zu entscheiden. Zudem sind die Rahmenbedingungen, die durch Vereine, Dachverbände und internationale Organisationen bestimmt werden, mit entscheidend. Imame und ´ulama werden zumeist von diesen angeworben, und müssen sich an deren Vorstellungen anpassen, sofern sie diesen nicht schon entsprechen. Communities und deren Organisationen sind zumeist nach Ethnie, Sprache, politischer Präferenz und madhhab getrennt.


Excerpt (computer-generated)

Universität Wien

Diplomarbeit

Titel der Diplomarbeit

,,Wir versuchen das Leben zu verschönern"
­ Madhahib ­
Konzepte islamischer Gelehrter in Wien

Verfasser
Josef Lebitsch

angestrebter akademischer Grad
Magister der Philosophie (Mag.phil.)

Wien, März 2008

Studienkennzahl lt. Studienblatt: A 307
Studienrichtung lt. Studienblatt: Kultur- und Sozialanthropologie

 


Inhaltsverzeichnis

ZUR VERWENDETEN UMSCHRIFT -3-
VORWORT -4-
I. EINLEITUNG ­ FORSCHUNGSFRAGEN -5-
I.1. HINTERGRUND UND PROBLEMATISIERUNG -5-
I.2. FRAGESTELLUNG -10-
I.3. AUFBAU DER ARBEIT -11-
II. METHODE -12-
II.1. METHODISCHE HERANGEHENSWEISE -12-
II.2. POSITIONIERUNG ­ WIE ÜBER MUSLIMINNEN UND ISLAM FORSCHEN? -14-
II.3. DATEN -18-
II.3.1. Datenerhebung -18-
II.3.2. Interviews -22-
II.3.3. Datenauswertung -24-
III. MADHAHIB ­ ´ULAMA ­ IMAME -25-
III.1. MADHAHIB ­ WEGE IM ISLAM -25-
III.1.1. Madhahib ­ eine Begriffsklärung -25-
III.1.2. Entstehung von Rechtsfindung -32-
III.1.3. Position der sunnitischen madhahib im Islam ­ Der Weg zur Orthodoxie ..-38-
III.1.4. Sinn ­ Grenzen ­ Anwendungsbereiche -42-
III.2. DAS FELD: POSITION ­ VERNETZUNG ­ VIELFALT -56-
III.2.1. Das Feld ­ Wien ­ Situation muslimischer Communities -56-
III.2.2. Einflüsse -64-
III.2.3. Akteure im Feld -73-
III.2.4. Die Moschee ­ Konstitution eines muslimischen Raums -80-
III.3. MUSLIMISCHE AUTORITÄTEN -85-
III.3.1. Imame und ´ulama -85-
III.3.2. Einflüsse und Ausformungen -87-
III.3.3. Imame und ´ulama in Wien ­ meine Interviewpartner -93-
III.3.3.1. Persönlicher Hintergrund -93-
III.3.3.2. Aufgaben und Wege der Aufgabenerfüllung -97-
IV. SCHLUSSFOLGERUNGEN -102-
V. LITERATUR -106-
GLOSSAR -116-
ANHANG -119-

2

 


Zur verwendeten Umschrift

Die in weiterer Folge verwendete Transliteration hocharabischer Begriffe, Fachtermini und Namen orientiert sich an den Regeln des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement, wie bei Schlott-Kotschote (2004) beschrieben. Auf Grund der an die lateinische Schrift angepassten Schreibweise, die auf Zusatzzeichen verzichtet, aber dennoch eine sprachlich korrekte Wiedergabe des Arabischen ermöglicht, habe ich mich für diese Regeln entschieden.

In Zitaten publizierter Texte gebe ich die originale Transliteration wider. Eine Ausnahme bilden hier die Definitionen der arabischen Begriffe im Glossar. Ich folge hier nicht dem Original der Encyclopaedia of Islam, sondern der von mir gewählten Transliteration.

Zur Aussprache der verwendeten Umschriftzeichen (vgl. Kraus 2003:9):
kh - ch wie in ach (aber auch wie in ich)
h - stark gehauchtes h
r - Zungen-r teils aber auch Gaumen-r
z - stimmhaftes s wie in Vase
sh - sch wie in rasch
dh - stimmhaftes th wie in engl. there
j - stimmhaftes dsch wie in Dschungel
w - w wie in engl. will
q - am hinteren Gaumen artikuliertes k
´ - stimmhafter Kehlpresslaut, oft ähnlich einem abgepresstem a
` - Stimmritzenverschlusslaut, fester Stimmabsatz wie in be`enden

3

 


Vorwort

Die Beschäftigung mit Wegen, Bereichen und Bedeutungen von madhahib für MuslimInnen in Wien führte mich zu einer intensiven Auseinandersetzung mit Islam und Transformation von Wissen aus den Quellen des Islam. Im Zuge meiner Forschung, durch die ich Einblicke in muslimische Wiener Communities (Gemeinschaft) und deren religiöse Führung bekam, erfuhr ich viel über Menschen, die diesen Communities mit ihrem Wissen zur Seite stehen. Ich lernte viel darüber wie religiöse Gelehrte mit Wissen aus madhahib umgehen, und wie sie dieses Wissen in Wien anwenden. Ich erfuhr viel über Vielfalt muslimischer Communities und über Wege, Islam zu leben.

Im Laufe der vielen Monate, die ich mich intensiv mit madhahib beschäftigte, führte ich zahlreiche Gespräche und Interviews, traf Bekannte, Gelehrte und Vereinsobmänner, die mir ihre Zeit schenkten, um mir Antworten auf meine Fragen zu geben. Ich wurde herzlich in Moscheen empfangen und erfuhr von Seiten vieler GesprächspartnerInnen reges Interesse an meinem Forschungsvorhaben. Für die Zeit, das Wissen und das Interesse, das mir von all diesen Menschen zur Verfügung gestellt wurde, bin ich sehr dankbar.

Ganz besonders möchte ich mich bei Univ. Doz. Dr. Sabine Strasser bedanken. Ohne ihre Unterstützung, ihre kritischen Hinweise und hilfreichen Anmerkungen, würde diese Arbeit wahrscheinlich nicht in dieser Form existieren.

4

 


I. Einleitung und Forschungsfragen
I.1. Hintergrund und Problematisierung

Europa ist von Zuwanderung geprägt. Vor allem in den letzten Jahrzehnten hat diese rasch zugenommen (vgl. Boswell 2005:2ff) was sich darin zeigt, dass immer mehr Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt in Europa leben. Die Gründe, warum Menschen migrieren, waren und sind dabei sehr unterschiedlich (vgl. Hannerz 1996:4). Vorstellungen, Werte, sowie soziale und religiöse Praktiken, die sie mit sich bringen, ebenso. Migration und MigrantInnen sind heute Thema in Medien, Politik und an Stammtischen. Es wird über sie geredet und geschrieben, und es werden von Politik und Gesellschaft Entscheidungen über die MigrantInnen getroffen, in denen sie als homogene, unserer Kultur und unseren Werten Fremde, oder schlicht als die Anderen (Heine 1999:73f) bezeichnet werden, ohne dabei ihre Vielfalt anzuerkennen. Als Paradebeispiel dieses kommunizierten Fremden, Anderen dient sehr oft der Islam; eine Religion, die nicht erst seit Ereignissen wie 9/11 und den daraus folgenden Geschehnissen als allumfassendes, definierendes Kriterium für MuslimInnen missbraucht wird. In diesen Diskursen wird allzu oft vergessen, dass diese Menschen unterschiedlicher Herkunft sind, und ihr Leben auf unterschiedlichen Ansichten, Auffassungen und Werten beruht (vgl. Tiesler 2006:27f). Menschen, die bei uns gemeinhin als MuslimInnen bezeichnet werden, sind Menschen mit zahlreichen identities (vgl. Baumann 1999) ­ nationalen, ethnischen, religiösen, etc. ­, die jedoch in Alltagsdiskursen meist ausgeklammert werden, wodurch es zu einer Verschmelzung von Identitäten kommen kann, die im Falle von MuslimInnen zu einer Reduktion auf die Religion führt (vgl. ibid.:23). Es wird dabei auch oft vergessen, dass sich Identitäten, Werte, sowie soziale und religiöse Praktiken ändern. Sie sind nicht starr. Vor allem durch Migration findet Veränderung statt. Selbst wenn von MigrantInnen an bestehenden Wertesystemen der jeweiligen Herkunftsgesellschaft festgehalten wird, werden diese in einer neuen Umgebung nicht auf gleiche Art reproduziert (vgl. ibid.:78).

5

 


Sunnitische MuslimInnen in Europa, Österreich oder Wien, die dem Islam folgen, berufen sich auf die gleichen Grundpfeiler. Dies tun sie aber in unterschiedlicher Art, indem sie sich auf unterschiedliche Konzepte berufen, diesen Glauben zu denken, und diesen Konzepten unterschiedliche Bedeutungen zumessen (vgl. Ramadan 1999:137ff; Roald 2001:23ff; auch 2004:113ff).

Eines dieser Konzepte ist das der madhahib1, das für religiöse Gelehrte2 bei der Erarbeitung religiöser Regeln für den Alltag und religiöser Riten relevant ist. Sie stellen einen möglichen Rahmen für den Glauben dar, der beginnend mit ihrer Ausformung zwischen dem 8. und 10. Jhdt. c.e. Einfluss auf die Erstellung von Regeln für Leben und Glauben innerhalb eines Teils der islamischen Communities3 hat. Madhahib stellen ein Konzept dar, welches primär nicht für die Situation geschaffen wurde, die MuslimInnen in Europa vorfinden, aber dennoch von Teilen der religiösen Führung in Europa zur Anwendung gebracht wird. (vgl. Ramadan 1999:30ff).

Dieses Konzept ist in der Vielfalt der religiösen Bewegungen, die unter MuslimInnen in Europa zu finden sind, ein Beispiel eines Bezugsrahmens, der aus einem geografischen wie gesellschaftlichen Raum in einen anderen transferiert wird, und mit dem versucht wird, auf neue Situationen und Herausforderungen einzugehen, die sich für MuslimInnen in Europa ergeben. Dieser Bezugsrahmen kommt durch ´ulama (islamische Gelehrte) und Imame in vielfältiger Weise zur Anwendung, und ist mit der Erhaltung von religiösen Werten, Normen und Vorschriften verbunden, die dadurch auch den Status religiöser SpezialistInnen als TrägerInnen dieses Wissens und des damit verbundenen Diskurses bestätigt (vgl. Baumann 1999:69; Luhmann 2000:40).

1 Zur Erklärung arabischer Begriffe findet sich im Anhang ein Glossar.
2 Ich wähle hier meist die männliche Form, da Hinweise auf weibliche Gelehrte und ihre Arbeitsweise nur in Ansätzen vorhanden sind. Ich hoffe jedoch, dass diese Lücke in der Forschung gefüllt wird.
3 Ich wähle hier die englische Bezeichnung Community für eine Form von Gemeinschaft, die auf relativ flexiblen Grundzügen aufbaut. Im Gegensatz zu Gemeinschaft, womit vielseitige Verbindungen zwischen Menschen bezeichnet werden, die auf langlebigen, oft familiären aber auch tiefen freundschaftlichen oder nachbarschaftlichen Grundzügen basieren, bezeichnet communiy einen losen, imaginierten Bezugsrahmen von Personen, die sich auf Basis einer oder mehrerer Gemeinsamkeiten, wie z.B. Religion, Doktrin, Nation oder Ethnie zusammenfinden. Jene Konstrukte von Communities stellen meist nur einen von vielen Bezugsrahmen im Leben der beteiligten Personen dar. In Migrationssituationen ist oftmals die Bezeichnung Community zutreffender als Gemeinschaft, da Verbindungen zwischen MigrantInnen oft auf imaginierten religiösen, doktrinären, ethnischen oder auch nationalen Gemeinsamkeiten basieren (vgl. Amit 2002:17f).

6

 


Für einfache MuslimInnen sind madhahib vor allem im Bereich der Anwendung der Religion ­ in der Gebetsführung, der Waschung oder dem Zeitpunkt des Fastens ­ von Bedeutung. Ansonsten sind madhahib für Gelehrte von Interesse, denen diese als theoretisches Gerüst und Methodenquelle dienen, um Regeln zu erstellen, die es erlauben, den Prinzipien des Glaubens in allen Bereichen des Lebens zu folgen.

Aber selbst Konzepte, die zum Erhalt eines Systems geschaffen wurden, verändern sich. Oder wie der Sozialanthropologe Gerd Baumann(1999), der sich mit gesellschaftlichem Wandel und Identitäten beschäftigt sagt:

As all the evidence shows, religion is thus not some cultural baggage that is taken along on migration wrapped, tied, and tagged; even when it is, it cannot be unpacked unchanged at the other end. (ibid.:78)

Somit steht für mich die Frage im Raum, wie sich dieser Wandel innerhalb der Religion, den Baumann (1999) hier anspricht, unter österreichischen Bedingungen manifestiert.

Diese Arbeit wird einen Einblick geben, wie ´ulama und Imame unter Bedacht auf das Konzept der madhahib arbeiten. Als Ort, um dieses Vorhaben umzusetzen, schien mir Wien geeignet, da sich hier eine sehr heterogene Vielfalt muslimischer Communities finden lässt. Mitglieder einer muslimischen Community beziehen sich auf gleiche ethnische und doktrinäre Bezugspunkte. Oft bilden Teile der Community Vereine und Moscheegemeinden aus, in denen sie Raum für soziale Interaktionen der Mitglieder der Community schaffen. Lokale Communities, wie sie in Wien zu finden sind, sind oft über Nationalgrenzen hinweg mit Communities gleicher Ethnie, sowie doktrinärer und politischer Auffassung verbunden.

Einige Communities in Österreich können auf eine lange Geschichte zurückblicken, andere zählen zur ,,Neuen Islamischen Präsenz" (Tiesler 2006:70ff), womit Personen von Communities bezeichnet werden, die beginnend mit der Rekrutierung von ArbeiterInnen aus Südosteuropa nach dem zweiten Weltkrieg innerhalb muslimischer Communities in Österreich immer prägender wurden4.

4 Zuwanderung in Europa hat sehr vielseitige Hintergründe, auf die ich hier nicht näher eingehen kann, da diese Thematik den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Der Migrationsforscher Stephen Castles (2003) setzt sich mit diesen Hintergründen näher auseinander.

7

 


In dieser Arbeit werde ich mich Personen widmen, die unterschiedlicher Herkunft sind, aus unterschiedlichen Gründen nach Österreich kamen und bereits unterschiedlich lange in Österreich leben. Alle Personen, die in dieser Arbeit zu Wort kommen, sind in ihren Communities in religiösen Positionen tätig. Sie führen in Moscheen die Gebete, geben Antworten auf Fragen, stellen bei Problemen Hilfe zur Verfügung und leisten seelsorgerische Dienste. Diese Aufgaben verrichten sie in einem Rahmen, der einerseits durch Vereine, religiösen Bewegungen und Dachorganisationen gesteckt ist; andererseits durch Konzepte der Religion.

Österreich stellt ein Umfeld dar, in dem sich für MuslimInnen, die ihrem Glauben folgen wollen, Fragen und Probleme ergeben können, die sich in dieser Art in Gesellschaften, aus denen sie nach Wien kamen, oft nicht stellten. Hinzu kommt, dass sich im europäischen Umfeld Wege ausbilden mit Glauben umzugehen, wie sie in mehrheitlich muslimischen Gesellschaften nicht in dieser Ausformung bestehen. So finden sich einerseits Tendenzen, die in Richtung einer Loslösung der Religion von kulturellen Werten hin zu einem Glauben ohne doktinäre und nationale bzw. regionale Unterschiede gehen. Diese Tendenzen haben Einfluss auf viele MuslimInnen, die in Europa zu ihrem Glauben finden (vgl. Roy 2000:1f). Andererseits bestehen in der großen Vielfalt muslimischer Communities weiterhin bedeutende Unterschiede entlang ethnischer oder nationaler Herkunft und doktrinärer Bezugspunkte (vgl. Grillo/Soares 2005:11). Durch diese Gegebenheiten sind Gelehrte gefordert, Regeln und Richtlinien zu erarbeiten, die für in Österreich (als ein Beispiel eines europäischen Landes) lebende MuslimInnen, die ihren Glauben leben und dabei den Grundlagen des Qur`an und der Sunna folgen wollen, entsprechen. Die Herangehensweisen sind dabei unterschiedlich. ´Ulama und Imame beziehen sich auf verschiedene religiöse und weltliche Bezugspunkte und so spielen zahlreiche Faktoren mit, die Einfluss auf deren Arbeit ausüben. Dazu zählen die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten im jeweiligen Gast-/Heimatland, aber auch die sich verändernden Ansichten über Werte und Traditionen5 innerhalb der

5 Ich orientiere mich hier an einer Definition von Tradition, wie sie von Talal Asad (1986), einem Sozial- und Kulturanthropologen, der sich intensiv mit Islam auseinander setzt, genannt wird. Er sieht Tradition als einen Diskurs, der Gegenwart in Bezug auf Diskurse der Vergangenheit und der Zukunft. Zu islamischer

8

 


muslimischen Communities (vgl. Tiesler 2006:26). Unter der großen Vielfalt an MuslimInnen, die aus vielen Teilen der Welt nach Europa und damit auch nach Österreich gekommen sind, finden sich verschiedene Gruppierungen, die unterschiedliche Auffassungen zu Religion und Religiosität haben. Die Ansichten über Wege der Annäherung an Gott, den Umgang mit Glaubensregeln oder den Weg, Glauben zu definieren, um nur einige Beispiele zu nennen, bestimmen diese Auffassungen mit. ´Ulama und Imame, die sich diesen Gruppierungen zurechnen, gehen auf unterschiedliche Weise mit dem Konzept der madhahib um, um auf Veränderungen innerhalb und ausserhalb der Communities zu reagieren. Transnationale Verbindungen von muslimischen Communities zu religiösen Communities in den jeweiligen Ursprungsländern, aber auch zu nahestehenden Communities außerhalb mehrheitlich muslimischer Regionen, wie Europa oder Nordamerika, stellen einen weiteren Einflussfaktor dar. Über diese findet ein reger Austausch über Glauben und über Wege, diesen zu leben, statt. Die dadurch entstehenden Ansichten wirken sich auch auf das Konzept der madhahib aus.

Unter MuslimInnen in Europa begannen vor allem jüngere Generationen, die in Europa aufwuchsen und hier zur Schule gingen, die Vorstellungen ihrer Elterngeneration zu hinterfragen (vgl. Vertovec/Rogers 1998:1f). Somit verlangen sie nach für sie passenden Konzepten, um ihren Glauben in diesem Umfeld leben zu können. Die Frage ist nur, wer ihnen diese zur Verfügung stellt (vgl. Ramadan 1999:2). Islamische Gelehrte bilden nur eine Gruppe, die in den Quellen des Islam nach Antwoten sucht. Abseits dieser Gruppe sind auch Personen ohne spezifische religiöse Ausbildung mit der Suche nach Antworten befasst (Saint-Blancat/Perocco 2005:113).

Junge MuslimInnen stellen nur einen Teil innerhalb muslimischer Communities dar, der Einfluss auf derlei Fragen ausübt, und somit zu der Wechselwirkung zwischen ´ulama und praktizierenden MuslimInnen bei der Erarbeitung von religiösen Lebenskonzepten beiträgt (vgl. Roald 2001:viiif; Masud 2003:9).

Tadition meint er: ,,An Islamic discursive tradition is simply a tradition of Muslim discourse that adresses itself to the conceptions of the Islamic past and future, with reference to a particular Islamic practice in the present". (ibid.:14)

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Neben diesen gesellschaftlichen Gruppen bestehen noch Institutionen, wie Vereine und Dachverbände, mit unterschiedlichen Interessen und verschiedenen Hintergründen ­ ethnischen, nationalen, doktrinären und politischen ­, die jeweils ihre Auffassungen innerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen vertreten sehen wollen. Vereine arbeiten selten isoliert von größeren Verbänden, denen sie angehören oder nahe stehen. Mit diesen Verbänden sind Verbindungen zu vielen Communities, über Ländergrenzen hinweg, gegeben. Zum Teil finden Initiativen statt, die über die Grenzen von madhahib, Ethnien, Sprachen und nationale Zugehörigkeit gemeinsame, von diesen Bezugspunkten unabhängige Communities schaffen wollen (vgl. Gräf 2005:47).

Die Lebensbedingungen, die MuslimInnen in Europa begegnen, regen sie zu neuen Interpretationen von Wegen an, ihren Glauben zu verstehen. Dies fordert von ´ulama und Imamen, darauf zu reagieren, um ihren Communities religiösen Rückhalt bieten zu können.

I.2. Fragestellung

Im Mittelpunkt meines Interesses stehen die Fragen, wie ´ulama und Imame arbeiten, die einer größeren oder kleineren Community als religiöse Führungsperson vorstehen bzw. angehören, worauf und auf wen sie sich bei ihrer Arbeit beziehen, und ob bzw. wie das Konzept der madhahib als Rahmen, der nicht für heutige europäische Verhältnisse geschaffen wurde, hier zur Anwendung kommt. Ich werde auf die Fragen eingehen, in welchem Rahmen sie arbeiten, wie sie in die von ihnen betreuten Communities eingebunden sind, wie sie sich selbst in diesem Feld sehen, welchen Ansichten sie folgen und wie sie mit größeren und kleineren religiösen Bewegungen verbunden sind. Schließlich steht noch die Frage im Raum, wer diese Personen sind, die für MuslimInnen in Wien Lösungen finden sollen, woher sie kommen, welche Aufgaben sie erfüllen und wie sie das tun.

Im Zuge dieser Forschung konnte ich mit vielen Personen Gespräche führen. Darunter waren informelle Gespräche mit gatekeepers (Flick et al. 2003:288), wie SekretärInnen

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