Erstellung und empirische Untersuchung einer didaktischen Reihe zur Einführung in den Gebrauch des Trekkers (GPS-Navigationsgerät) für Menschen mit Sehschädigung

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Details

Titel: Erstellung und empirische Untersuchung einer didaktischen Reihe zur Einführung in den Gebrauch des Trekkers (GPS-Navigationsgerät) für Menschen mit Sehschädigung
Autor: Anne Graefen
Fach: Pädagogik - Heil- und Sonderpädagogik
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Institut für Rehabilitationswissenschaften)
Kategorie: Examensarbeit
Jahr: 2005
Seiten: 101
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 50  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 795 KB
Archivnummer: V116427
ISBN (E-Book): 978-3-640-18315-9
ISBN (Buch): 978-3-640-18337-1

Zusammenfassung / Abstract

Orientierung und Mobilität stellen für sehgeschädigte Personen komplexe und schwierig zu erlernende Kompetenzen dar. In Deutschland sind davon ca. 155.000 blinde Menschen und ca. 500.000 Menschen mit Sehbehinderung betroffen (vgl. DBSV). Der Langstock oder der Blindenführhund ermöglicht es ihnen sich weitestgehend frei zu bewegen. Diese Autonomie endet allerdings, wenn sie sich ohne Hilfe in einer unbekannten Umgebung orientieren müssen (vgl. HARRASSER 2003: 6). Massive Einschränkungen in der geographischen Orientierung bewirken, dass sich Menschen mit Sehschädigung nur in Ausnahmefällen eigenständig neue Wegstrecken aneignen können. In der Regel benötigen sie eine präzise und umfassende Routenbeschreibung oder eine sehende Begleitung, damit sie die Landmarks kennen lernen, die ihnen beim erneuten Abgehen eine Orientierung ermöglichen. Seit dem Jahr 2003 ist ein Personal Digital Assistant (PDA) mit der Software „Trekker“ auf dem Markt, ein „Orientierungshilfsmittel für sehgeschädigte Menschen mit dem Global Positioning System (GPS) und digitalem Kartenmaterial“ (Trekker 2.0 – Benutzerhandbuch). Die Firma VisuAide in Kanada hat dieses Gerät entwickelt und vertreibt es in Deutschland über die Firma Papenmeier (BEHRENDT, 10. Juni 2004). Das Gerät verspricht eine „wesentlich bessere Orientierung, sowohl in der Stadt als auch in ländlicher Umgebung“ (VISUAIDE: Trekker – Version 2.0 Benutzerhandbuch). Der Benutzer kann sich ansagen lassen, wo genau er sich auf einem Streckenabschnitt befindet. Zusätzlich erhält er Informationen über lokale Sehenswürdigkeiten. Hierdurch wächst die Unabhängigkeit sehgeschädigter Menschen. Als Orientierungshilfe ergänzt der „Trekker“ den Langstock oder den Blindenführhund, vermag diese Mobilitätshilfen jedoch nicht zu ersetzen (vgl. Trekker 2.0 – Benutzerhandbuch).

Textauszug (computergeneriert)





Erstellung und empirische Untersuchung

einer didaktischen Reihe zur Einführung in den

Gebrauch des Trekkers (GPS-Navigationsgerät)

für Menschen mit Sehschädigung

Wissenschaftliche Hausarbeit zur ersten Staatsprüfung

für das Amt des Lehrers an Sonderschulen

Universität:

Eingereicht von:

Humboldt-Universität zu Berlin

Anne Graefen

Institut:

Philosophische Fakultät IV

Eingereicht am:

Institut für Rehabilitationswissenschaften

Berlin, den 01.09.2005

Fachbereich:

Blinden- und Sehbehindertenpädagogik


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 3

2. Spezifische Aspekte der Sehschädigung 5

2.1 Menschen mit Sehschädigung 5

2.2 Orientierung und Mobilität 6

2.2.1 Begriffsklärung 6

2.2.1.1 Orientierung 6

2.2.1.2 Mobilität 7

2.2.2 Trainingsziel 8

2.2.3 Theoretisches Model zur zielorientierten Lokomotion 9

2.2.3.1 Bestätigung des Orientierungskonzepts 10

2.2.3.2 Umorientierung 11

2.2.3.3 Orientierungsverlust 11

3. Technische Aspekte 12

3.1 Global Positioning System (GPS) 12

3.1.1 Entwicklung 12

3.1.2 Aufbau und Funktionsweise 12

3.1.3 Ziele und Anwendungsbereiche 13

3.1.4 Probleme und Ausblick 14

3.2 GPS-Navigationsgeräte für Menschen mit Sehschädigung:

Forschungsstand, bisherige Ergebnisse und Ausblick 15

3.3 Trekker 17

3.3.1 Entwicklung 17

3.3.2 Technische Daten (Trekker ­ Version 2.5) 18

3.3.3 Bedienelemente und Funktionsweise 19

3.3.3.1 Arbeitsmodi 20

3.3.3.2 Offline-Nutzung 21

3.3.3.3 Online-Nutzung 22

3.3.4 Preise und Kostenübernahme 23

4. Didaktische Reihe 23

4.1 Didaktische Analyse 23

4.1.1 Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung 23

4.1.2 Inhaltliche Strukturierung und Lernziele 24

4.1.3 Exemplarischer Ansatz 27

4.1.3.1 Praxisrelevante und organisatorische Testvoraussetzungen... 27

4.1.3.2 Strukturierung der Einheiten 29

4.1.4 Methoden, Medien und Formen 33

4.2 Didaktische Reduktion der Lerninhalte 34

4.3 Anforderungsprofil 35

4.4 Verlaufsskizzen 37

4.4.1 Erste Einheit 37

4.4.2 Zweite Einheit 45

4.4.3 Dritte Einheit 52

5. Durchführung und Auswertung der didaktischen Reihe 57

5.1 Praxisrelevante und organisatorische Aspekte 57

5.2 Vergleich der Trainingspartner untereinander 58

1


6. Bilanz der Ergebnisse 65

6.1 Didaktische Reihe 65

6.2 Nutzen des Trekkers 66

6.3 Probleme und Verbesserungsvorschläge 68

7. Resümee und Ausblick 77

7.1 Resümee 77

7.2 Ausblick 78

Abbildungsverzeichnis 80

Tabellenverzeichnis 80

Literaturverzeichnis 81

Anhang 86

A 1. Minimalprogramm 86

A 2. Zweite Einheit (Variante) 88

A 3. Routenbeschreibung 95

A 3.1 Erste Route 95

A 3.2 Zweite Route 97

A 3.3 Dritte Route 98

A 4. Plan der Test-Routen 99

2


1. Einleitung

Orientierung und Mobilität stel en für sehgeschädigte Personen komplexe und

schwierig zu erlernende Kompetenzen dar. In Deutschland sind davon ca. 155.000

blinde Menschen und ca. 500.000 Menschen mit Sehbehinderung betroffen (vgl.

DBSV). Der Langstock oder der Blindenführhund ermöglicht es ihnen sich

weitestgehend frei zu bewegen. Diese Autonomie endet al erdings, wenn sie sich

ohne Hilfe in einer unbekannten Umgebung orientieren müssen (vgl. HARRASSER

2003: 6). Massive Einschränkungen in der geographischen Orientierung bewirken,

dass sich Menschen mit Sehschädigung nur in Ausnahmefäl en eigenständig neue

Wegstrecken aneignen können. In der Regel benötigen sie eine präzise und

umfassende Routenbeschreibung oder eine sehende Begleitung, damit sie die

Landmarks kennen lernen, die ihnen beim erneuten Abgehen eine Orientierung

ermöglichen.

Seit dem Jahr 2003 ist ein

P

ersonal

D

igital

A

ssistant (PDA) mit der Software

,,Trekker" auf dem Markt, ein ,,Orientierungshilfsmittel für sehgeschädigte Menschen

mit dem

G

lobal

P

ositioning

S

ystem (GPS) und digitalem Kartenmaterial" (Trekker 2.0

­ Benutzerhandbuch). Die Firma VisuAide in Kanada hat dieses Gerät entwickelt und

vertreibt es in Deutschland über die Firma Papenmeier (BEHRENDT, 10. Juni 2004).

Das Gerät verspricht eine ,,wesentlich bessere Orientierung, sowohl in der Stadt als

auch

in

ländlicher

Umgebung"

(VISUAIDE: Trekker ­

Version

2.0

Benutzerhandbuch). Der Benutzer kann sich ansagen lassen, wo genau er sich auf

einem Streckenabschnitt befindet. Zusätzlich erhält er Informationen über lokale

Sehenswürdigkeiten. Hierdurch wächst die Unabhängigkeit sehgeschädigter

Menschen. Als Orientierungshilfe ergänzt der ,,Trekker" den Langstock oder den

Blindenführhund, vermag diese Mobilitätshilfen jedoch nicht zu ersetzen (vgl. Trekker

2.0 ­ Benutzerhandbuch).

Ich freue mich, dass mir vom Prüfungsamt für Lehramtsprüfungen in Berlin in

Absprache mit Herrn Prof. Dr. P. Nater die Aufgabe gestel t wurde, eine didaktische

Reihe zu entwickeln, mit der es möglich ist Menschen mit Sehschädigung auf den

Umgang mit dem ,,Trekker" vorzubereiten. Die Praxistauglichkeit möchte ich

anschließend mit Trainingspartnern testen und die Ergebnisse hiermit

veröffentlichen. Dabei kann ich auf die während meiner Ausbildung zum O&M-trainer

in Prag (September 2003 bis Juni 2004) vermittelten Kenntnisse und Erfahrungen

zurückgreifen.

3


Mögliche Schwierigkeiten können durch die nur spärliche Literatur zu diesem Thema

und durch die notwendigen Terminabsprachen mit den zuständigen Firmen und den

jeweiligen Trainingspartnern auftreten. Das Gerät ist in der aktuel en Version 2.5 erst

seit Anfang 2005 auf dem Markt. Deshalb bin ich auf Informationen der Firma

VisuAide (jetzt Humanware, vgl. Kapitel 3.2) und auf deren Unterstützung

angewiesen. Die Mitarbeiter des Berliner Vertriebs der Firma Papenmeier werden mir

freundlicherweise das Gerät für die Dauer meiner Arbeit zur Verfügung stel en. Ich

freue mich auch, dass sich eine ausreichende Anzahl interessierter Menschen mit

Sehschädigung bereit erklärt hat die von mir entwickelte didaktische Reihe in der

Praxis zu erproben.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf der Erstel ung und empirischen

Untersuchung einer didaktischen Reihe zur Einführung in den Gebrauch des

Trekkers. Gleichwohl möchte ich zu Beginn einen kurzen Überblick sowohl über die

speziel en Aspekte der Sehschädigung (Kapitel 2.) als auch über technische Details

des ,,Trekkers" (Kapitel 3.) liefern. Sie dienen als Grundlage und sind Voraussetzung

für das Verständnis der didaktischen Reihe (Kapitel 4.), welche so konzipiert wurde,

dass sie al gemein gültig ist und an jedem Ort durchgeführt werden kann. Deshalb

stel t der exemplarische Ansatz ein zentrales Anliegen meiner Arbeit dar. Auf die

konkrete Durchführung und Auswertung der Testphase komme ich in Kapitel 5. zu

sprechen, bevor ich eine Bilanz der Ergebnisse (Kapitel 6.) ziehe, welche in ein

Resümee (Kapitel 7.) meiner Arbeit mündet.

Ich habe mich für die Sans-Serif-Schrift ,,Arial" entschieden. Durch die ausreichend

großen Zwischenräume nimmt sie im Vergleich zu anderen Schriften zwar mehr

Platz in Anspruch, erleichtert somit jedoch die Lesbarkeit, besonders für Menschen

mit Sehschädigung (vgl. KRUG: 2001, 224).

Da ich in meiner Arbeit einige Begriffe häufiger verwende, kürze ich diese wie folgt

ab:

Orientierung und Mobilität:

O&M

Markante(r) Punkt(e):

MP

Trainingspartner:

Tp

Trainer:

T

Für die verwendete männliche Form bitte ich um Verständnis. Sie dient al ein der

Lese- und Schreiberleichterung und ist nicht geschlechtsspezifisch aufzufassen.

4


2. Spezifische Aspekte der Sehschädigung

2.1 Menschen mit Sehschädigung

Sehschädigung bezeichnet jede Art von Beeinträchtigung der Sehfähigkeit. Zur

Festlegung von Grenzwerten wird meist der Fernvisus (Visus: Maß für die

Sehschärfe; Fernvisus: Ermittlung aus 5 m Entfernung) nach optimaler

Refraktionskorrektur in Zusammenhang mit dem Gesichtsfeld herangezogen (vgl.

NATER, 2001). Der Bruch nennt im Zähler (= Istwert), aus welcher Entfernung ein

Optotyp (Sehzeichen zur Visusbestimmung) von der Person erkannt wird. Der

Nenner (= Sol wert) gibt darüber Auskunft, aus welcher Entfernung normalsichtige

Menschen diesen Optotypen identifizieren können (vgl. NATER, 2001).

Nach der mir vorliegenden Literatur (z. B. BRAMBRING, 2002: 22; NATER, 2001 und

2005: 61; RATH, 1987) und der WHO Klassifikation (2001) dürfte folgende

medizinische Klassifikation, die an dieser Stel e nur kurze Erwähnung finden sol ,

legitim und gebräuchlich sein: Bei einem Fernvisus von unter 4/5 beginnt man eine

Sehbehinderung anzunehmen. Sie wird subkategorisiert in geringgradige

Sehbehinderung (Visus 4/5 bis 1/3), mittelgradige (gesetzliche) Sehbehinderung (1/3

bis 1/25) und hochgradige Sehbehinderung (1/25 bis 1/50 oder Gesichtsfeld kleiner

als 10°). Bei einem Sehschärfespektrum zwischen 1/50 und 1/200 oder einem

Gesichtsfeld kleiner als 5° spricht man von pädagogischer Blindheit, da noch eine

Lichtscheinwahrnehmung und gegebenenfal s eine intakte Projektion (Lichtrichtung

erkennbar) zu Orientierungszwecken genutzt werden kann (vgl. ICF, 2001). Vom

Vorliegen einer Sehbehinderung von 1/50 sind Unterstützungsleistungen wie

Blindengeld und Sozialhilfe abhängig. Bei Amaurose (nul a lux) ist kein Lichtschein

mehr wahrzunehmen und der Visus beträgt 0 (vgl. ICF, 2001; NATER, 2001).

Die funktionale Sehleistung wird jedoch nicht vol kommen vom Visus determiniert.

Für ein ausreichendes Verständnis sind, neben dem Nah- und Fernvisus, die

Bereiche Gesichtsfeld, Farbensinn, Lichtsinn, Blendungsempfindlichkeit und das

beidäugige Sehen zu betrachten (vgl. APPELHANS/KREBS, 1985: 17 - 34). Zudem

sind Sehleistungen keine fotografischen Abbildungen, sondern Resultat eines

komplexen Verarbeitungsprozesses, in dem kognitive, sensorische, motorische,

sozial-emotionale, motivationale und voluntative Komponenten beteiligt sind. Gerade

unter pädagogischem Blickwinkel sol te man sich mit einer rein medizinischen

Klassifikation also nicht zufrieden geben. Menschen mit dem gleichen Sehvermögen

können auf Grund ihrer unterschiedlichen und miteinander in Wechselwirkung

5


stehenden Anlage-, Erziehungs- und Umweltfaktoren (z.B. Erfahrung, praktische

Intel igenz, intentionale Gerichtetheit, Begriffsbildung, intersensoriel e Reiz-

verarbeitung etc.) ihr objektives Sehvermögen höchst unterschiedlich nutzen und

erfordern somit an sie angepasste Kompensationsansätze (vgl. WALTHES, 2003:

54).

,,Ziel

[einer

funktionalen

Diagnostik]

ist

es,

Erkenntnisse

für

Unterstützungsmaßnahmen und den Einsatz von Hilfsmitteln zu gewinnen"

(WALTHES, 2003: 64). Auch die WHO (2001) betont in ihrer neuen Klassifikation,

dass eine Kenntnis der Schädigung noch keine Schlüsse auf die Funktionsfähigkeit

der Menschen und erst recht nicht auf ihre Behinderung zulässt.

Bisher gibt es kein al gemeingültiges Klassifikationssystem, dennoch ist es mir

wichtig den Personenkreis der Menschen mit Sehschädigung in seiner Heterogenität

kurz vorzustel en. Auf das für den Umgang mit dem Trekker benötigte

Anforderungsprofil in Bezug auf die didaktische Reihe gehe ich in Kapitel 4.3 ein.

2.2 Orientierung und Mobilität

2.2.1 Begriffsklärung

Der Begriff ,,Orientierung und Mobilität" wurde in den 60er Jahren wörtlich vom

Englischen ,,orientation and mobility" (BRAMBRING, 2002: 2) übersetzt und wird

auch heute noch international verwendet, z. B. im amerikanischen Standardwerk

,,Foundations of Orientation and Mobility" (BLASCH, B. B. / WELSH, R. L., 1980).

2.2.1.1 Orientierung

Im Al gemeinen versteht man unter Orientierung die richtige Positions- und

Richtungsbestimmung (Wo bin ich? Wo muss ich hin?), indem man sich einen

Überblick verschafft, sich erkundigt und sich umsieht (vgl. WIKIPEDIA:

,,Orientierung";

WISSENSCHAFTLICHER

RAT

UND

MITGLIEDER

DER

DUDENREDAKTION, 1989: 1106).

Räumliche Orientierung ist die kognitive Fähigkeit unter Anwendung und Ausnutzung

al er zugänglichen Sinnesinformationen, die eigene Position im wahrnehmbaren

Raum einzuordnen, d. h. in Relation zu anderen Objekten oder Personen (vgl.

BRAMBRING,

2002:

7;

KRUG,

2001:

23;

STAATSINSTITUT

FÜR

SCHULPÄDAGOGIK UND BILDUNGSFORSCHUNG, 2000: 17; WALTHES, 2003:

156), um reale oder gedachte Manipulationen ausführen (vgl. WIENER, 2003: 8) und

eine bestimmte Raumlage beibehalten oder zielgerichtet verändern zu können

(Erstel ung von Bewegungsplänen und deren Realisierung). Orientierung beruht vor

6


al em auf verschiedenen Reizen aus der Umwelt (z.B. visuel , akustisch, sensorisch,

olfaktorisch), aber auch auf kognitiven Gedächtnisleistungen und motorischen

Fähigkeiten bzw. Lernvorgängen (vgl. MEYERS LEXIKONREDAKTION, Band 16,

1999: 215). Bei Menschen mit Sehschädigung fal en die visuel en Informationen, die

,,über zwei Drittel al er Informationen [. . .] in unserer auf das Sehen ausgerichteten

Umwelt" (KRUG, 2001: 105) ausmachen, weg oder können nur begrenzt genutzt

werden. ,,Dann ist es schwer, hilfreiche Umgebungsinformationen aufzunehmen, und

eine zielsichere Bewegung ist kaum möglich" (23). Folge ist eine ,,unzureichende

Mobilität und eine eingeschränkte Selbstständigkeit" (23). Damit eine sachgerechte

Reizverarbeitung stattfinden kann, müssen besonders die akustischen und taktilen

Informationen optimiert (vgl. 24) und die Sinne der Menschen mit Sehschädigung

geschult werden.

Die geographische Orientierung (Navigation vom lat. Wort ,,navigare" = steuern)

(WIKIPEDIA: ,,Navigation") bereitet den Sehenden sowie den Menschen mit

Sehschädigung ähnliche Probleme. Es handelt sich hierbei um die Fähigkeit, sich im

nicht-wahrnehmbaren Raum zu orientieren (vgl. BRAMBRING, 2002: 7). Die Tätigkeit

des Navigierens besteht aus drei Teilbereichen:

- Bestimmen des Standorts durch Ortung nach verschiedenen Methoden,

- Berechnen des Weges zum Ziel (Entfernung zu den Landmarks)

- sowie das Halten des gewählten und optimalen Kurses.

(vgl. WIKIPEDIA: ,,Navigation"; WISSENSCHAFTLICHER RAT UND

MITGLIEDER DER DUDENREDAKTION, 1989: 1065).

Genau diese Informationen liefern Stadtpläne, Routenplaner im Internet, schriftliche

oder mündliche Wegbeschreibungen, GPS-Navigationsgeräte etc. Für Menschen mit

Sehschädigung besteht die Schwierigkeit jedoch in der adäquaten Verfügbarkeit

dieser Informationen. Genau hier setzt der ,,Trekker" als Orientierungshilfe" (vgl.

VISUAIDE: Trekker ­ Version 2.0 Benutzerhandbuch) an.

2.2.1.2 Mobilität

Mobilität leitet sich ab von dem lateinischen Wort mobilitas ,,Beweglichkeit" (MEYERS

LEXIKONREDAKTION, Band 15, 1999: 42). Sie beinhaltet zum einen die

Möglichkeit, räumliche Entfernungen zu überwinden und Objekte von einem Punkt im

Raum zu einem anderen zu bewegen (vgl. WIENER, 2003: 8), zum anderen die

geistige und soziale Beweglichkeit (vgl. KRUG, 2001: 105). ,,Mobilität umfasst

Fähigkeiten, Fertigkeiten und Bereitschaft von Blinden und hochgradig

7


Sehbehinderten, sich weitestgehend unabhängig, sicher und zielgerichtet in der

Umwelt zu bewegen" (STAATSINSTITUT FÜR SCHULPÄDAGOGIK UND

BILDUNGSFORSCHUNG, 2000: 17), wobei sie erworbene Fortbewegungstechniken

gebrauchen und Informationen sammeln (vgl. WIENER, 2003: 9). Voraussetzung für

eine selbstständige Mobilität ist ein ausreichendes Maß an Orientierung und

Lokomotion. Mobilität ist gegeben, wenn der eigene Lebensraum genutzt und erlebt

werden kann (vgl. KRUG, 2001: 106), eine Auswahl zwischen unterschiedlichen

Möglichkeiten der Fortbewegung besteht, eine hohe Flexibilität und Spontaneität

gegeben ist und/oder der zeitliche Aufwand für die Überwindung einer Distanz relativ

gering ist (vgl. WIKIPEDIA: ,,Mobilität").

Auch insoweit dient der ,,Trekker" ­ wie oben bereits ausgeführt ­ als

Orientierungshilfe, welche die Mobilität der Menschen mit Sehschädigung erhöhen

sol .

2.2.2 Trainingsziel

Ziel eines O&M-Trainings ist es, Menschen mit Sehschädigung zu befähigen

selbstständig und ,,ohne Gefährdung der eigenen Person oder anderer Personen

Wegstrecken in einem für sie angemessenen Tempo zurückzulegen" (BRAMBRING,

2002: 2). Es sol versucht werden auf die jeweils individuel vorhandenen Fähigkeiten

der Menschen mit Sehschädigung aufzubauen und diese optimal zu nutzen (vgl.

WIENER, 2003: 19).

Die soziale Zielsetzung spielt besonders für die Menschen mit Sehschädigung eine

bedeutende Rol e: O&M-Erziehung bietet ihnen die Grundlage vorhandene

Fähigkeiten zu stärken, behinderungsbedingte Beeinträchtigungen auszugleichen,

aktiv am Leben der sehenden Mitmenschen teilzunehmen, sich in dieser Welt

zurechtzufinden und zu integrieren, Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ,,mit dem

Ziel einer eigenverantwortlichen Lebensgestaltung" (STAATSINSTITUT FÜR

SCHULPÄDAGOGIK UND BILDUNGSFORSCHUNG, 2000: 18; vgl. WALTHES,

2003: 101 - 104) zu erlangen, Kontakte zu knüpfen, Selbstvertrauen und

Selbstbestimmtheit aufzubauen und das Selbstwertgefühl zu steigern (vgl.

STAATSINSTITUT FÜR SCHULPÄDAGOGIK UND BILDUNGSFORSCHUNG, 2000:

18; GRUBER/HAMMER, 2002: 165).

8


2.2.3 Theoretisches Modell zur zielorientierten Lokomotion

Intentionale Gerichtetheit

Plan zur zielorientierten

Lokomotion

Sollwert - Istwert - Vergleich

Orientierung

visuel es, auditives, sensorisches,

motorisches, sozial-emotionales,

e

g

e

l

u

n

g

olfaktorisches, sprachlich-

e

g

e

l

k

r

e

i

s

kognitives, kinästhetisches,

e

g

e

l

k

r

e

i

s

Informations-

aufarbeitung

(Analyse -

vestibuläres

Synthese)

Gedächtnis

e

r

e

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R

(Speicherung & Reproduktion)

t

e

u

e

r

u

n

g

-

R

i

n

n

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r

R

ä

u

ß

S

Umwelt

Bewegungsausführung

(z.B. Licht,

Bodenbeschaffen-

heit, Gerüche,

Wetter, Geräusche

usw.)

Abbildung 1: Theoretisches Model zur zielorientierten Lokomotion

(in Anlehnung an: MEINEL/SCHNABEL, 1987: 59)

Erläuterung des obigen Modells an einem Beispiel

:

Ausgangssituation: Ein Mensch mit Sehschädigung läuft auf dem linken Bürgersteig

der Straße A. Die nächste Kreuzung ist eine 3er Kreuzung: Die Straße A verläuft

weiter geradeaus und Straße B biegt links ab.

Bei gegebener Intentionalität (Motivation, Interesse, Wunsch) in die Straße B links

einzubiegen, nimmt der Mensch mit Sehschädigung an der Kreuzung z.B. wahr, dass

die Leitlinie (Häuserwand) plötzlich aufhört, der Wind jetzt auch von links kommt,

Fahrzeuggeräusche nicht mehr nur paral el, sondern auch orthogonal verlaufend

wahrzunehmen sind, etc. Er analysiert diese Wahrnehmungen und synthetisiert sie

(sensorische Integration) ,,zu einer Gesamtinformation" (MEINEL/SCHNABEL, 1987:

9


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