Psychoanalyse, Ethik oder Theologie? - Die Frage der Schuld bei Franz Kafka am Roman "Der Proceß"

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Details
Autor: Magistra Angelika Zahn
Fach: Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Institution/Hochschule: Universität Regensburg
Jahr: 2008
Seiten: 84
Note: 2,0
Literaturverzeichnis: ~ 42 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 413 KB
ISBN (E-Book): 978-3-640-18316-6
ISBN (Buch): 978-3-640-20505-9
Zusammenfassung / Abstract
Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (P 7) Das Romanfragment „Der Proceß“ von Franz Kafka beginnt mit einer der bekanntesten Expositionen in der deutschsprachigen Literatur – und zugleich mit einem unendlich viele Fragen aufwerfenden Rätsel. Warum wird K. verhaftet? Was hat er getan? Etwas „Böses“ kann es ja nicht sein. Wer klagt ihn an? Ursprünglich hieß es im Manuskript, K. sei „gefangen“ genommen worden, später ersetzt Kafka „gefangen“ durch „verhaftet“. Kann man bei der Vorstellung, K. sei gefangen genommen worden, durchaus noch vom willkürlichen Handeln einer unbekannten Macht ausgehen, assoziiert man mit einer Verhaftung sofort das Eingreifen einer rechtlichen Institution oder eines bürokratischen Apparats. Von Seiten dieses Gerichts wird die Schuld K.s behauptet, wobei - auf den ersten Blick - kein Verstoß gegen juridische, sittliche oder religiöse Normen vorzuliegen scheint. K. dagegen wird nicht müde, immer wieder seine Schuldlosigkeit zu beteuern. Kafka jedoch bezeichnet den Protagonisten seines „Proceß“-Romans, im Gegensatz zu Karl Roßmann im „Amerika“-Fragment, am 30. September 1915 in seinem Tagebuch eindeutig als schuldig: „Roßmann und K., der Schuldlose und der Schuldige, schließlich beide unterschiedslos strafweise umgebracht […]“. Was ist es also, das die Schuld K.s ausmacht? Was hat er getan oder nicht getan, verbrochen oder versäumt, gegen welches Gesetz hat er verstoßen, so dass sein Tod, seine Hinrichtung unumgänglich ist? Da es sich bei Josef K. „nicht um einen Proceß vor dem gewöhnlichen Gericht“ (P 124) handelt, muss die Schuld des Josef K. auf einer anderen Ebene gesucht werden. Die Schuld ist hier kein einheitliches, simples, sondern ein alles durchdringendes Thema und Problem ist, das in allen möglichen Facetten auftaucht. In dieser Arbeit werde ich versuchen, K.s Schuld aus psychoanalytischer, ethischer und theologischer Sichtweise zu erhellen.
Textauszug (computergeneriert)
Psychoanalyse, Ethik oder Theologie?
Die Frage der Schuld bei Franz Kafka
am Roman ,,Der Proceß"
MAGISTERARBEIT
in der Philosophischen Fakultät IV
(Sprach- und Literaturwissenschaften)
der Universität Regensburg
vorgelegt von
Angelika Zahn
Inhalt
A
Einleitung und Methodik
S. 4
B
Psychoanalyse, Ethik oder Theologie? Die Frage der Schuld
bei Franz Kafka am Roman ,,Der Proceß"
S. 6
I.
Psychoanalytische Deutungen der Schuld im ,,Proceß"
S. 6
1. ,,Gedanken an Freud natürlich" Kafka und die Psychoanalyse
S. 6
a)
,,Von Freud kann man Unerhörtes lesen"
Kafkas Kenntnis der Psychoanalyse
S. 6
b)
,,Übelkeit nach zuviel Psychologie"
Kafkas Verhältnis zur Psychoanalyse
S. 8
2. K.s
Schuld
als
Schuldgefühl
S.
10
a)
K.s Schuld anhand Freuds Definition des Schuldgefühls S. 10
b)
Schuldgefühl oder Existentialschuld?
Diskussion
der
Forschungsliteratur
S.
16
3. Exkurs: ,,War gebunden wie ein Verbrecher" Kafkas Ver- und
Entlobung mit Felice Bauer und ihre Auswirkung auf sein Schreiben S. 22
II.
Ethische Deutungen der Schuld im ,,Proceß"
S. 28
1. Brentano, Platon, Kant - Kafkas Ethikverständnis
S. 28
2. Abgrenzung des ethischen Schuldbegriffs von einer juristischen
Schulddefinition
S.
31
a) K. Schuld als Verstoß gegen positives Recht oder
natürliches
Recht?
S.
31
b) Juristische Termini als Zeichen für juristische Schuld?
S. 32
3. K.s Schuld als Verstoß gegen den kategorischen Imperativ
S. 38
2
III.
Theologische Deutungen der Schuld im ,,Proceß"
S. 45
1.
Jude, Christ, Philosoph? - Franz Kafkas Einstellung
zur Theologie
S. 45
2.
Das Schuld- und Gerichtsverständnis im ,,Proceß" aus
theologischer
Sicht
S.
50
a) K.s Schuld als jüdisch-kabbalistische Schuld
S. 50
b) Umsetzung der jüdisch-kabbalistischen Gerichtsvorstellung
im
,,Proceß"
S.
53
c) ,,Vor dem Gesetz" Worin liegt die Schuld des Mannes
vom
Lande?
S.
62
3.
Diskussion der Forschungsliteratur über eine Schuld K.s aus theo-
logischer
Sicht S.
66
a) Das verlorene Gesetz: Die Unfähigkeit, schuldlos zu sein S. 66
b) K.s Schuld als Erbsünde: Schuldig wegen des Wissens um
Gut
und
Böse
S.
73
IV.
Resümee
S. 77
C
Schluss
S. 78
Verwendete Literatur
S. 80
3
A Einleitung
und
Methodik
Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte,
wurde er eines Morgens verhaftet. (P 7)
Das Romanfragment ,,Der Proceß" von Franz Kafka beginnt mit einer der bekanntesten
Expositionen in der deutschsprachigen Literatur und zugleich mit einem unendlich
viele Fragen aufwerfenden Rätsel.
Warum wird K. verhaftet? Was hat er getan? Etwas ,,Böses" kann es ja nicht sein. Wer
klagt ihn an?
Ursprünglich hieß es im Manuskript, K. sei ,,gefangen" genommen worden, später
ersetzt Kafka ,,gefangen" durch ,,verhaftet". Kann man bei der Vorstellung, K. sei
gefangen genommen worden, durchaus noch vom willkürlichen Handeln einer
unbekannten Macht ausgehen, assoziiert man mit einer Verhaftung sofort das Eingreifen
einer rechtlichen Institution oder eines bürokratischen Apparats.1
Von Seiten dieses Gerichts wird die Schuld K.s behauptet, wobei - auf den ersten Blick
- kein Verstoß gegen juridische, sittliche oder religiöse Normen vorzuliegen scheint.
K. dagegen wird nicht müde, immer wieder seine Schuldlosigkeit zu beteuern.
Kafka jedoch bezeichnet den Protagonisten seines ,,Proceß"-Romans, im Gegensatz zu
Karl Roßmann im ,,Amerika"-Fragment, am 30. September 1915 in seinem Tagebuch
eindeutig als schuldig: ,,Roßmann und K., der Schuldlose und der Schuldige, schließlich
beide unterschiedslos strafweise umgebracht [...]"2.
Was ist es also, das die Schuld K.s ausmacht? Was hat er getan oder nicht getan,
verbrochen oder versäumt, gegen welches Gesetz hat er verstoßen, so dass sein Tod,
seine Hinrichtung unumgänglich ist?
Da es sich bei Josef K. ,,nicht um einen Proceß vor dem gewöhnlichen Gericht" (P 124)
handelt, muss die Schuld des Josef K. auf einer anderen Ebene gesucht werden.
Die Schuld ist hier kein einheitliches, simples, sondern ein alles durchdringendes
Thema und Problem ist, das in allen möglichen Facetten auftaucht.
In dieser Arbeit werde ich versuchen, K.s Schuld aus psychoanalytischer, ethischer und
theologischer Sichtweise zu erhellen.
Dafür halte ich zwei Prämissen für notwendig und wichtig:
1 Vgl. Alt, Peter-André:
Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie.
München 2005, S. 389
2 Kafka, Franz:
Tagebücher 1910-1923
.
Herausgegeben von Max Brod.
Frankfurt a. M. 1973, S. 299
4
Erstens: Die Unfassbarkeit des Gerichts und der Schuld darf nicht als ,,künstlerische[r]
Mangel"3 gesehen werden, den man durch Interpretation beseitigen muss, sondern als
wesentliches Merkmal der Welt im ,,Proceß". Auf den Anspruch, die ,,Wahrheit" über
die Schuld K.s herauszufinden, zu einem wissenschaftlich fundierten ,,Ergebnis" zu
kommen, muss von Anfang an verzichtet werden. Nur so halte ich eine
Auseinandersetzung mit Kafka für möglich, nur so kann man Kafka gerecht werden.
Zweitens: Kafka ist nicht K.! Zwar sind in Kafkas Werk, und gerade beim ,,Proceß",
eindeutig biografische Einflussquellen nachzuweisen, aber es darf natürlich nie ganz
vom Biografischen her gedeutet werden, obwohl Kafka selbst ein solches Vorgehen
provoziert, indem er auf die Verknüpfungen zwischen seinem Leben und dem seiner
Protagonisten hinweist.4
Dennoch ist ,,Der Proceß" kein autobiographischer Roman, denn die Fakten aus Kafkas
Leben durchlaufen einen Prozess der Fiktionalisierung, sie werden umgewandelt in
Zeichen, deren Ursprung nur noch vermutet werden kann.
Malcolm Pasley erklärt die Beziehung zwischen Autor und Werk folgendermaßen:
Kafka ,,[schöpft] [...] aus persönlichen Erfahrungen [...] [und bezieht] sich
manchmal [...] auf diese [...], [aber] auf verschleierte Weise, ohne daß es dem
Uneingeweihten möglich wäre, den Zusammenhang völlig zu durchschauen"5.
,,Semi-private Games"6 nennt er dieses Phänomen des Neben- und Ineinanders des
Lebens und Schreibens Kafkas. Auch mir ist es sehr wichtig, zu beachten, dass der Text
nicht in der Biographie aufgeht, sondern noch weit darüber hinausgeht.
Deshalb werde ich auf eine deutliche Abgrenzung zwischen dem Protagonisten des
,,Proceß"-Romans und dem Autor achten.
Unter Beachtung dieser beiden Prämissen werde ich in der folgenden Arbeit auf
hermeneutische Weise die Schuld im ,,Proceß" untersuchen. Jedes Kapitel beginne ich
mit einer kurzen Ausführung darüber, in welchem Verhältnis Franz Kafka zur
jeweiligen Wissenschaft stand, was ihn besonders prägte.
Im Verlauf der Kapitel werde ich unter Zuhilfenahme des jeweiligen ,,Handwerkzeugs"
von Psychoanalyse, Ethik und Theologie, versuchen, die Frage der Schuld von allen
Seiten zu beleuchten und die bisherige Forschungsliteratur zu diskutieren.
Am Schluss folgt ein Resümee: Kann die Frage der Schuld als beantwortet gelten?
3 Allemann, Beda:
Zeit und Geschichte im Werk Kafkas.
Göttingen 1998, S. 39
4 So behauptet Kafka beispielsweise im ,,Brief an den Vater": ,,Mein Schreiben handelte von Dir, ich
klagte dort ja nur, was ich an Deiner Brust nicht klagen konnte." Vgl.: Kafka, Franz:
Brief an den Vater.
Herausgegeben und kommentiert von Michael Müller.
Stuttgart 1995, S. 42
5 Pasley, Malcolm:
,,Die Schrift ist unveränderlich...". Essays zu Kafka.
Frankfurt a. M. 1995, S. 69
6 Ranftl, Josef J.:
Von der wirklichen zur behaupteten Schuld. Studie über den Einfluß von F.M. Dostojewskijs
Romanen ,,Schuld und Sühne" und ,,Der Doppelgänger" auf Franz Kafkas Roman ,,Der Prozeß".
Erlangen
1991, S. 29
5
B
Psychoanalyse, Ethik oder Theologie?
Die Frage der Schuld bei Franz Kafka am Roman ,,Der Proceß"
I.
Psychoanalytische Deutungen der Schuld im ,,Proceß"
1.
,,Gedanken an Freud natürlich" - Kafka und die Psychoanalyse
a)
,,Von Freud kann man Unerhörtes lesen" - Kafkas Kenntnis der
Psychoanalyse
Mit der Psychoanalyse kommt Franz Kafka spätestens im Jahre 1912 in Berührung.
Zum ersten Mal dokumentiert ist diese durch ein Gespräch, dass Kafka im Juli 1912 auf
seiner Reise Weimar - Jungborn mit einem Gymnasialdirektor führte. Im Tagebuch
vermerkt dazu: ,,Koeduktation, Naturheilkunde, Cohen, Freud."7
Kafka war also vertraut mit der Psychoanalyse, insbesondere mit Sigmund Freud.
Ein weiterer Tagebucheintrag vom 23. September 1912 erwähnt: ,,Gedanken an Freud
natürlich"8.
Kafka spricht hier vom Begründer der Psychoanalyse im Zusammenhang mit der Arbeit
an seiner Erzählung ,,Das Urteil". In dem Stück, das Kafka innerhalb einer Nacht zu
Papier bringt, ist in der Auseinandersetzung eines erfolgreichen Sohnes mit seinem
scheinbar machtlosen Vater, der sich schließlich unter dem Zwang seines im Vater
personifizierten Über-Ich selbst hinrichtet, deutlich eine geistige Beteiligung Freuds zu
spüren.9 Auch im ,,Brief an den Vater" zeigt Kafka sich instinktiv vertraut mit den
Grunderkenntnissen der Freudschen Psychoanalyse.10
Dabei kennt Kafka die Lehre Freuds wohl weniger durch Lektüre von dessen Texten,
sondern aus Vorträgen, Referaten oder Gesprächszirkeln zum Thema Psychoanalyse,
die er in den Jahren 1912/1913 im Haus ,,Fanta" besucht.11 Kafka ist dort zwar kein
Dauergast, wird aber immer eingeladen, wenn dort angesehene Referenten
vorsprechen.12
7 Kafka, Franz:
Tagebücher 1910-1923
. S. 418
8 Ebd. S. 184
9 Vgl. Kaus, Rainer J.:
Kafka und Freud: Schuld in den Augen des Dichters und des Analytikers.
Heidelberg
2000, S. 12
10 Vgl. Politzer, Heinz:
Probleme der Kafka-Forschung.
In:
Politzer, Heinz (Hrsg.):
Franz Kafka.
Darmstadt
1973, S. 220 f.
11 Vgl. Alt, Peter-André:
Franz Kafka. Der ewige Sohn.
S. 308
12 Vgl. ebd. S. 118 f.
6
Dieser Weg der Aneignung von psychoanalytischen Kenntnissen ist durch einen Brief
an Willy Haas vom Juli 1912 belegt: ,,Von Freud kann man Unerhörtes lesen, das
glaube ich. Ich kenne leider nur wenig von ihm und viel von seinen Schülern"13.
Auch in Zeitschriften, wie der ,,Neuen Rundschau", die Kafka regelmäßig liest, verfolgt
er Abhandlungen über die Bedeutung der Lehren Freuds.14 In dem Kafka ebenfalls
bekannten Magazin ,,Aktion" kommt er mit mehreren Aufsätzen von Otto Gross, der
auf besonders auf die kulturelle Seite der Psychoanalyse hinwies, in Kontakt.15 Mit
dessen Veröffentlichungen beschäftigt Kafka sich umfassend, da er sich diesem
besonders auf Grund dessen These, Freuds Lehre ,,als Beitrag zum Sturz einer
autoritären Vaterordnung"16 zu sehen, nahe fühlt.17 Außerdem erklärt dieser die
Psychoanalyse zum Instrument der Gesellschaftskritik. Anz ist der Meinung: ,,Gerade
weil Gross [...] sich nicht nur als Arzt und Therapeut verstand, konnte er Kafka und
seine Generation derart faszinieren."18
Interessant: Der Beginn eines Artikels in ,,Die Aktion" vom Herbst 1913, in dem von
der Verhaftung und Zwangseinweisung des Otto Gross in eine psychiatrische Anstalt
durch seinen Vater, berichtet wird, dient später als Vorlage für den legendären ersten
Satz des Kafkaschen ,,Proceß"-Romans.19
Im ,,Pan" erscheinen Abhandlungen von Theodor Reiks über Gustave Flaubert und
Freud, der sich auch selbst in dieser Zeitschrift äußerte.20 Dass Kafka diese Artikel
kennt, gilt als nahezu sicher: Im Tagebuch ist belegt, das er die Zeitschrift ,,Pan" liest:
,,[S]elbst das Heft des ,Pan, das ich auf den Knien habe und das einige von Zeit zu Zeit
anschauen [...]"21.
Außerdem werden dort unbekannte Texte von Flaubert und Robert Walser publiziert,
Max Brod ist Mitarbeiter. Wichtigstes Indiz für die Kenntnis dieser Artikel ist die
Tatsache, dass Brod Ende 1912 in ,,Pan" Reiks Buch ,,Flaubert und seine Versuchung
des heiligen Antonius" bespricht. Zusammen mit Brod hat Kafka drei Jahre zuvor das
Gesamtwerk Flauberts gelesen, weshalb er, insbesondere aufgrund Brods Auffassung,
Reiks Arbeit habe neue Erkenntnisse über den Zusammenhang der Biographie eines
13 Kafka, Franz:
Briefe 1900-191. Herausgegeben von. Hans-Gerd Koch.
Frankfurt a. M. 1999, S. 162
14 Vgl. Alt, Peter-André:
Franz Kafka. Der ewige Sohn.
S. 308
15 Vgl. Binder, Hartmut:
Kafka-Handbuch in zwei Bänden.
Stuttgart 1979, Band 1, S. 410
16 Alt, Peter-André:
Franz Kafka. Der ewige Sohn.
S. 309
17 Gräff, Thomas:
Lektürehilfen Franz Kafka, ,,Der Prozeß".
Stuttgart 1990, S. 79
18 Vgl. Anz, Thomas
: ,Jemand mußte Otto G. verleumdet haben Kafka, Werfel, Otto Gross und eine
,psychiatrische Geschichte.
S. 2
19 ,,Sonntag, den 9. November mittags wurde der bedeutende Wissenschaftler Doktor Otto Groß in seiner
Wilmersdorfer Wohnung von drei kräftigen Männern, die sich angeblich als Kriminalbeamte legitimiert haben
sollen , besucht und bis zum Abend dort zwangsweise festgehalten." Zitiert nach: Alt, Peter-André:
Franz
Kafka. Der ewige Sohn.
S. 389
20 Vgl. Binder, Hartmut:
Kafka-Handbuch.
Band 1, S. 410
21 Kafka, Franz:
Tagebücher 1910-1923
. S. 66
7
Autors und dessen Werk gebracht, stark an dessen Ausführungen interessiert sein
musste.22
Kafka bezeichnet sich in einem Brief an Felice (15.11.1912) einmal als ,,geistiges Kind
dieses Schriftstellers [Flaubert] [...]"23, wohl weil auch er geneigt ist, ,,seine
unglückliche Kindheit auf den Gegensatz zu seinem ungeliebten Vater
zurückzuführen"24.
Auch in späteren Jahren lässt sich Kafkas Wissbegierde an der Psychoanalyse belegen:
So liest er 1917 ,,Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" von Hans Blüher
und setzt sich wegen seiner ,,persönlichen Verbundenheit"25 immer mehr mit Otto
Gross, den er im Juli 1917 auf einer Bahnfahrt von Budapest nach Prag persönlich
kennen lernt26, auseinander, erklärt sich sogar bereit, an einer von diesem geplanten
psychoanalytischen Zeitschrift mitzuarbeiten:27
,,Wenn mir eine Zeitschrift längere Zeit hindurch verlockend schien [...], so war
es die von Dr. Gross [...]. Zeichen eines persönlich aneinander gebundenen
Strebens, mehr kann vielleicht eine Zeitschrift nicht sein."28
b) ,,Übelkeit
nach
zuviel Psychologie"29 Kafkas Verhältnis zur
Psychoanalyse
Wie lässt sich das überaus große Interesse Franz Kafkas an der Psychoanalyse erklären?
Peter-André Alt leitet eine Begründung aus einem Ausschnitt aus einem Brief an Felice
Bauer vom 15. Juni 1913 her: ,,Ein wenig Menschen zu beurteilen und in Menschen
mich einzufühlen, das verstehe ich."30. Tatsächlich sticht dieses Bekenntnis sehr seltsam
hervor aus dem sonst durchweg negativen Selbstbild Kafkas, weshalb Alt ihm eine
herausragende Bedeutung zumisst: ,,Aus der Sensibilität im Umgang mit fremden
Erfahrungen mußte notwendig ein stärkeres Interesse an der Psychoanalyse
erwachsen."31
Dementsprechend bezeichnet auch Kafkas Freund Max Brod in einem Brief an Felice
Bauer dessen maßgebliche Charaktereigenschaft als ,,oft krankhafte Sensibilität"32.
22 Vgl. Binder, Hartmut:
Kafka-Handbuch..
Band 1, S. 410
23 Kafka, Franz:
Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit
.
Herausgegeben von Erich
Heller und Jürgen Born.
Frankfurt a. M. 1982, S. 96
24 Binder, Hartmut:
Kafka-Handbuch.
Band 1, S. 411
25 Kafka, Franz:
Briefe 1902-1924. Herausgegeben von Max Brod.
Frankfurt a. M. 1958, S. 196
26 Vgl. Anz, Thomas
: ,Jemand mußte Otto G. verleumdet haben
S. 2
27 Vgl. Binder, Hartmut:
Kafka-Handbuch.
Band 1, S. 411
28 Kafka, Franz:
Briefe 1902-1924.
S. 196
29 Kafka, Franz:
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlaß.
Herausgegeben
von Max Brod
. Frankfurt a. M. 1980, S. 113
30 Kafka, Franz:
Tagebücher 1910-1923
. S. 400
31 Alt, Peter-André:
Franz Kafka. Der ewige Sohn.
S. 309
32 Kafka, Franz:
Briefe an Felice.
S. 96
8
Kafka ist der Ansicht, dass das seelische Leiden des Einzelnen aus den ,,Konflikten [...]
mit der Umwelt und deren Werten und Normen"33 entsteht.
An eine Möglichkeit zur Überwindung, zur Therapierbarkeit von psychischen
Krankheiten glaubt Kafka aber nicht.34 Er sieht im ,,therapeutischen Teil der
Psychoanalyse einen hilflosen Irrtum"35. Für ihn gehen die Erkenntnisse der
Psychoanalyse nicht tief genug. Er notiert im Tagebuch:
,,Haß gegenüber aktiver Selbstbeobachtung. Seelendeutungen, wie: Gestern war
ich so, und zwar deshalb, heute bin ich so, und deshalb. Es ist nicht wahr, nicht
deshalb und nicht deshalb und darum auch nicht so und so."36
Kafka sieht, so Alt, die Psychoanalyse als ,,Beitrag zum Verständnis der Moderne, mit
dem er sich prinzipiell zu befassen hatte, obgleich er von seiner medizinischen Leistung
nicht überzeugt war"37. Dementsprechend schreibt Kafka im vierten Oktavheft:
,,Psychologie ist Lesen einer Spiegelschrift, also mühevoll, und was das immer
stimmende Resultat betrifft, ergebnisreich, aber wirklich geschehen ist nichts."38
Dass Kafkas Einstellung gegenüber der Psychoanalyse durchaus ambivalent ist, zeigt
auch ein Ausschnitt aus seiner Kritik an Franz Werfels Drama ,,Schweiger" 1922: ,,Es
ist keine Freude sich mit der Psychoanalyse abzugeben und ich halte mich möglichst
von ihr fern, aber sie ist zumindest so existent wie diese Generation."39
Binder sieht in einer solchen Äußerung dennoch keine prinzipielle Ablehnung. Es
handle sich hier ,,eher um einen Wunsch als um wirkliches Vorhandensein,
hervorgerufen [...] durch ein Votieren für die Psychologie in der vorausliegenden
Zeit"40.
Meines Erachtens fasst Alt die Beziehung Kafka Freud treffend zusammen:
,,Die Psychoanalyse zeigt der Moderne [...] die Landkarte der Seele, Kafka aber wird
durch seine Texte demonstrieren, daß ihre Kenntnis nicht zu unserer Rettung beträgt."41
Dem entspricht auch folgender Aphorismus im achten Oktavheft: ,,Arbeit als Freude,
unzugänglich den Psychologen."42
33 Gräff, Thomas:
Lektürehilfen Franz Kafka, ,,Der Prozeß".
S. 79
34 Vgl. Alt, Peter-André:
Franz Kafka. Der ewige Sohn.
S. 309
35 Kafka, Franz:
Briefe an Milena.
Herausgegeben von Max Brod.
Frankfurt a. M. 1982, S. 246
36 Kafka, Franz:
Tagebücher 1910-1923
. S. 212
37 Alt, Peter-André:
Franz Kafka. Der ewige Sohn.
S. 309
38 Kafka, Franz:
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande.
S. 90
39 Ebd. S. 202
40 Binder, Hartmut:
Kafka-Handbuch.
Band 1, S. 412
41 Alt, Peter-André:
Franz Kafka. Der ewige Sohn.
S. 312
42 Kafka, Franz
: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande.
S. 113
9
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