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Patrick Süskind: Das Parfum - Ein Unterrichtsentwurf für die Sekundarstufe II

Autor: Daniel Bleckmann
Fach: Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwiss.

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Details

Kategorie: Examensarbeit
Jahr: 2008
Seiten: 69
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 60  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 899 KB
Archivnummer: V116501
ISBN (E-Book): 978-3-640-18134-6

Zusammenfassung / Abstract

Patrick Süskinds polarisierende Geschichte stand nach ihrem Erscheinen 1985 über 316 Wochen an der Spitze der Lesercharts. Das Parfum wurde in 46 Sprachen übersetzt und über 15 Millionen Exemplare wurden bisher verkauft, ein beispielsloser Erfolg seit Remarques Im Westen nichts Neues, der die Kritiker zur Einführung der neuen Kategorie des „Longsellers“ greifen ließ.1 Besonders im Schulkontext der späten 80er und bis zur Jahrtausendwende hinein setzte der Roman seine beachtenswerte Präsenz fort und avancierte zu einer kanonischen Lektüre für den Deutschunterricht. 2006 gelangte das Werk dann wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, als der Regisseur Tom Tykwer seine Romanversion auf die Kinoleinwand brachte. Über den qualitativen Gehalt dieser Adaption2 mag und muss man streiten - auch im Deutschunterricht. Das Medium „Buch“ hat mit dem Medium „Film“ einen produktiven und keinesfalls konkurrierenden Partner bekommen, deren gemeinsamen Einsatz im Deutschunterricht ich als sehr fruchtbar erachte. Denn als mittlerweile „vierte literarische Großgattung“3 impliziert der Spielfilm im Textbegriff der Germanistik seit nun mehr zwei Jahrzehnten. Von einem „offenen Austauschverhältnis mit den Printmedien“ wird gesprochen, denn während auch derzeit zahlreiche gedruckt-literarische Vorlagen in Filmen adaptiert werden, wirken sich umgekehrt seit nunmehr 100 Jahren auch Kinofilme und ihre Ästhetik auf die schriftliche Erzählweise aus.4 Eine Behandlung auch der Filmadaption in einem didaktischen Unterrichtsentwurf, in dessen Fokus Süskinds Roman steht, erachte ich daher für unumgänglich. In dieser Arbeit werden in einem ausführlichen literaturwissenschaftlichen Teil zunächst all jene Aspekte aufgezeigt, die in dem nachfolgenden Unterrichtsentwurf thematisiert werden. In dieser Sachanalyse steht eindeutig der didaktische Schwerpunkt im Vordergrund, weshalb davon abgesehen wurde, die gesamte verfügbare wissenschaftliche Sekundärliteratur zum Roman, zur Person des Autors sowie zum Begriff der Postmoderne zu zitieren. Vielmehr wird hier eine sorgsame Auswahl aus dieser getroffen. Überdies werden nur jene Aspekte aufgegriffen, deren thematische Essenz auch im Unterricht Anwendung findet. Nach weiteren Betrachtungen zur Gattungsdiskussion, dem Erzählstil Süskinds und zwei möglichen Interpretationsansätzen folgt im didaktischen Teil dieser Arbeit der Entwurf einer Unterrichtssequenz zum Roman. Dabei sind die einzelnen Stunden vom Einstieg bis zur Abschlussdiskussion nur in Ansätzen ausgearbeitet, während die Doppelstunde zur Filmanalyse detailliert dargestellt wird.

Textauszug (computergeneriert)

Patrick Süskind:

Das Parfum

Ein Unterrichtsentwurf für die Sekundarstufe II



Schriftliche Hausarbeit

für die Prüfung im Master of Education der Fakultät für Philologie

an der Ruhr-Universität Bochum

(Gemeinsame Prüfungsordnung für das Studium Master of Education

mit dem Berufsziel Lehramt an Gymnasien und Gesamtschulen)

Vorgelegt von:

Daniel Bleckmann

Abgabedatum:

13. März 2008


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1

2. Sachanalyse 2

2.1

Autor und Werk 2

2.2

Inhalt und Struktur 3

2.3

Die Zeit: Postmoderne 9

2.4

Postmoderne Stilmittel im Roman

Das Parfum

12

2.5

Formen des Erzählens 16

2.5.1

Die Erzählperspektive 16

2.5.2

Der Erzählstil 17

2.5.3

Die Figurengestaltung 20

2.5.4

Die Beziehung von Autor, Leser und Text 26

2.6

Themen & Motive 27

2.6.1

Illusion und Theatertechnik 28

2.6.2

Die Teufelsthematik 31

2.7

Die Filmadaption und Kritik 36

3. Didaktik 38

3.1

Der Roman im Unterricht 38

3.2

Didaktischer Ansatz: Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht 39

3.3

Gliederung 40

3.4

Detailplanung der Stunden 42

3.4.1

Stunde 1: Einstieg in die Bestsellerthematik 43

3.4.2

Stunde 2: Inhalt 45

3.4.3

Stunde 3+4: Struktur und der Entwicklungsroman 46

3.4.4

Stunde 5+6: Figuren 47

3.4.5

Stunde 7+8: Grenouille als Mörder und der Kriminalroman 48

3.4.6

Stunde 9+10: Teufelsthematik und der monströse Roman 49

3.4.7

Stunde 11: Gattungsdiskussion 49

3.4.8

Stunde 12: Zeit (Postmoderne) 50


3.4.9

Stunde 13+14: Sprache und Stil 50

3.4.10

Stunde 15: Olfaktorik (Interdisziplinär) 51

3.4.11

Stunde 16+17: Theatermetaphorik 52

3.4.12

Stunde 18+19: Filmadaption 52

3.4.13

Stunde 20: Rezension 53

3.4.14

Stunde 21: Abschlussdiskussion 53

3.5

Lernziele 54

3.6

Stunde 19: Visuelles Erzählen 54

3.6.1

Didaktische Überlegungen 54

3.6.2

Methodische Überlegungen und Rahmenbedingungen 55

3.6.3

Gliederung der Unterrichtstunde 57

3.6.4

Umsetzung der Unterrichtsstunde 59

4. Kritische Stellungnahme zum Unterrichtsentwurf 61

5. Literaturverzeichnis 63


1. EINLEITUNG

Patrick Süskinds polarisierende Geschichte stand nach ihrem Erscheinen 1985 über

316 Wochen an

der Spitze der Lesercharts.

Das Parfum

wurde in 46 Sprachen übersetzt und über 15 Millionen

Exemplare wurden bisher verkauft, ein beispielsloser Erfolg seit Remarques

Im Westen nichts

Neues

, der die Kritiker zur Einführung der neuen Kategorie des ,,Longsellers" greifen ließ.1

Besonders im Schulkontext der späten 80er und bis zur Jahrtausendwende hinein setzte der Roman

seine beachtenswerte Präsenz fort und avancierte zu einer kanonischen Lektüre für den

Deutschunterricht. 2006 gelangte das Werk dann wieder in den Fokus der Öffentlichkeit, als der

Regisseur Tom Tykwer seine Romanversion auf die Kinoleinwand brachte. Über den qualitativen

Gehalt dieser Adaption2 mag und muss man streiten - auch im Deutschunterricht.

Das Medium ,,Buch" hat mit dem Medium ,,Film" einen produktiven und keinesfalls

konkurrierenden Partner bekommen, deren gemeinsamen Einsatz im Deutschunterricht ich als sehr

fruchtbar erachte. Denn als mittlerweile ,,vierte literarische Großgattung"3 impliziert der Spielfilm

im Textbegriff der Germanistik seit nun mehr zwei Jahrzehnten. Von einem ,,offenen

Austauschverhältnis mit den Printmedien" wird gesprochen, denn während auch derzeit zahlreiche

gedruckt-literarische Vorlagen in Filmen adaptiert werden, wirken sich umgekehrt seit nunmehr

100 Jahren auch Kinofilme und ihre Ästhetik auf die schriftliche Erzählweise aus.4 Eine

Behandlung auch der Filmadaption in einem didaktischen Unterrichtsentwurf, in dessen Fokus

Süskinds Roman steht, erachte ich daher für unumgänglich.

In dieser Arbeit werden in einem ausführlichen literaturwissenschaftlichen Teil zunächst all jene

Aspekte aufgezeigt, die in dem nachfolgenden Unterrichtsentwurf thematisiert werden. In dieser

Sachanalyse steht eindeutig der didaktische Schwerpunkt im Vordergrund, weshalb davon

abgesehen wurde, die gesamte verfügbare wissenschaftliche Sekundärliteratur zum Roman, zur

Person des Autors sowie zum Begriff der Postmoderne zu zitieren. Vielmehr wird hier eine

sorgsame Auswahl aus dieser getroffen. Überdies werden nur jene Aspekte aufgegriffen, deren

thematische Essenz auch im Unterricht Anwendung findet. Nach weiteren Betrachtungen zur

Gattungsdiskussion, dem Erzählstil Süskinds und zwei möglichen Interpretationsansätzen folgt im

didaktischen Teil dieser Arbeit der Entwurf einer Unterrichtssequenz zum Roman. Dabei sind die

einzelnen Stunden vom Einstieg bis zur Abschlussdiskussion nur in Ansätzen ausgearbeitet,

während die Doppelstunde zur Filmanalyse detailliert dargestellt wird. Eine kritische

1 Vgl. Pokern, Ulrich: ,,Der Kritiker als Zirku(lation)sagent. Literaturkritik am Beispiel Patrick Süskinds

Das
Parfum

,

Die Geschichte eines Mörders

", In: Über Literaturkritik, Heinz-Ludwig Arnold (Hrsg.), Heft 100

´Text +Kritik´, München (Oktober 1988). S. 70-76, hier S. 70.

2 Günter Lange bezeichnet eine Adaption, die eine literarisch komplexe Stoffvorlage so reduziert oder

verändert, dass dieser vom Filmpublikum ohne große Probleme gefolgt werden kann, als ,,popularisierende

Adaptionen" (Vgl. Lange, Günter: ,,Film und Fernsehspiel im Deutschunterricht", In: Taschenbuch des

Deutschunterrichts, Lange, Neumann, Ziesenis (Hrsg.), Band 2, Literaturdidaktik, ´Klassische Form,

Trivialliteratur, Gebrauchstexte´, Baltmannsweiler (2003), S. 695-720, hier S. 707). Zu diesen ist sicherlich

auch Tykwers Film zu zählen.

3 Faulstich, Werner: ,,Grundkurs Filmanalyse", München (2002), S. 16.

4 Vgl. Abraham Ulf, Kepser, Matthis: "Literaturdidaktik Deutsch", Berlin (2005), S. 145.

1


Stellungnahme zu didaktischen Konzepten, der Nutzbarkeit des Romans im Deutschunterricht

sowie eine Reflexion des eigenen Unterrichtsentwurfs schließen diese Arbeit ab.

2. SACHANALYSE

2.1 AUTOR UND WERK

Wenig ist über den öffentlichkeitsscheuen Autor bekannt5, der im Alter von 36 Jahren einen

Welterfolg schrieb:

Das Parfum - Die Geschichte eines Mörders

. Geboren am 26. März 1949 in

Ambach am Starnberger See als zweiter Sohn des Publizisten Wilhelm Emanuel Süskind6, spielte

in Patrick Süskinds Kindheit die musikalische Früherziehung eine große Rolle. Dieser konnte den

elterlichen Erwartungen jedoch nicht entsprechen und stattdessen wurde das Klavierspiel sogar

zum traumatischen Erlebnis, das Süskind später als Autor weniger Texte literarisch verarbeitete.7

Nach bayrischer Dorfschule, Gymnasium mit Abitur und Zivildienst8 studierte er sechs Jahre in

München Geschichte, ein Studienjahr verbrachte er in Frankreich. Nach der Magisterarbeit über die

sozialen und politischen Interessen des irischen Dramatikers Georg Bernard Shaw verdiente sich

Süskind seinen Lebensunterhalt als freischaffender Schriftsteller von kleineren Prosastücken und

Drehbüchern, später auch in Zusammenarbeit mit Helmut Dietl.

Süskinds literarischer Erfolg begann mit dem Ein-Mann-Theaterstück

Der Kontrabass

, das 1981 in

München uraufgeführt wurde. Vier Jahre später folgte der Roman

Das Parfum9

, 1987 die

Erzählung

Die Taube

und im Jahr 1991 die autobiografisch geprägte

Geschichte von Herrn

Sommer

. Bei den Figuren in diesen vier Werken handelt es sich um Sonderlinge, die sich aufgrund

der von ihnen als Bedrohung empfundenen Umwelt in die räumliche oder physiologische

Isolation10 zurückziehen - ein Charakterzug, der ohne weiteres auch dem zurückhaltenden und

medienscheuen Autor zugeschrieben werden kann. ,,Ja so lasst mich doch endlich in Frieden!", ein

Satz aus dem Munde von Süskinds Figur des Herrn Sommers11, verdeutlich dabei auf eine beinahe

schon geistlose Weise des Autors Wunsch nach schriftstellerischer Anonymität. Für Frizen wurzelt

diese Zurückhaltung im ,,tiefen Misstrauen gegenüber der Heiligsprechung des Künstlers in der

klassisch-romantischen Tradition" und der darauf unweigerlich folgenden ,,Hochstapelei mit der

5 Anderegg nennt Süskind ,,das berühmteste Phantom der deutschen Unterhaltungsliteratur" (Vgl. Anderegg,

Roger: ,,Vier Bücher suchen einen Autor. Patrick Süskind, das berühmteste Phantom der deutschen

Unterhaltungsliteratur." , In: Sonntagszeitung, Zürich, 06.10.1991).

6 Einem Schriftsteller und Übersetzer und zudem Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung.

7 Sowohl im Stück

Der Kontrabass

als auch in der

Geschichte von Herrn Sommer

rechnet Süskind mit dem

besonders von ödipaler Seite erwünschten Werdegang eines musischen Künstlers und dem letztendlichen

Scheitern eines Genies ab.

8 Eine zu dieser Zeit typische Entscheidung der Auflehnung gegen die Vätergeneration.

9 Zu dem die Anekdote überliefert ist, Süskind selbst habe seinen Verlag schüchtern zu einer Auflage von nur

5000 Exemplaren geraten.

Doch die Erstausgabe hält sich mehr als sechs Jahre in den Bestseller-Listen und

gibt dem Verlag die Möglichkeit, die preiswertere Taschenbuchausgabe für fast zehn Jahre hinauszuzögern

(Vgl. Frizen, Werner, Spancken, Marilies: ,,Patrick Süskind - Das Parfum", München (1998). S. 9,

nachfolgend zitiert mit ,,Frizen/Spancken").

10 Herr Sommer beschließt aus Angst vor dem Tod nicht mehr zu sprechen.

11 Süskind, Patrick: ,,Die Geschichte von Herrn Sommer", Zürich (1991), S. 16.

2


Kunst"12. Süskind, als postmoderner Autor, will sich nicht zum Urheber für unterrichtliche

Interpretationsversuche machen lassen, nicht zum Künstler mit tieferem Sinn avancieren. Marcel

Reich-Ranicki erlaubt ihm in einer der damals zuerst erscheinenden Rezensionen genau diese

Haltung mit den Worten: ,,Der Epiker hat das Recht, die Beantwortung einer derart plumpen Frage

zu verweigern"13. Darüber hinaus verweigert sich der Autor des Romans

Das

Parfum

auch heute

weiterhin einer breiten Öffentlichkeit. Sein ,,Bestseller"14 bildet jedoch eine periodisch auftretende

Lektüre im Deutschunterricht.

2.2 INHALT UND STRUKTUR

Das Parfum

erzählt die Biographie und Psychogenese

Inhalt:

Ein im 18. Jahrhundert in

des Mörders Grenouille anhand einer einsträngigen

Frankreich geborener, von Mutter und

Gesellschaft

ausgestoßener

und

Handlung von dessen Geburt (

ab ovo

) bis zu seinem

abgelehnter junger Mann, ausgestattet

mit außergewöhnlichen olfaktorischen

Ende und entspricht in der Darstellung der einzelnen

Fähigkeiten, jedoch am eigenen Körper

Entwicklungsphasen scheinbar dem Aufbau eines

geruchlos,

begeht

auf

seinem

Lebensweg mehrere Morde, um aus der

Entwicklungs- oder Bildungsromans15. Die Struktur

geruchlichen Essenz von Jungfrauen

dieses Romans, die sich hier in den drei Teilen der Lehr-

ein Parfum ohne Gleichen zu kreieren,

denn nur so kann er sein eigenes Wesen

,

Wander-

und

Meisterjahre16

veranschaulicht,

und die ihm niemals entgegengebrachte

konstituiert sich durch die einzelnen Stationen, Krisen,

Liebe finden; am Ende wird er um

dieser Liebe willen aufgefressen.

psychologischen Veränderungen sowie den sich

beständig expandierenden Erfahrungsräumen Grenouilles und dessen künstlerischen Reifeprozess.

Der erste Teil schildert die Lehrjahre

TABELLE 1: ROMANSTRUKTUR

des Protagonisten Grenouille, deren

Lehrjahre

Wanderjahre

Meisterjahre

Epilog

harte Wirklichkeit bereits mit seiner

Kapitel 1-22

Kapitel 23-34

Kapitel 35-50

Kapitel 51

Geburt beginnt. Nebenbei und ohne

Friedhof,

Massif Central

Friedhof,

Grasse

Aufmerksamkeit geboren, muss dieser

Paris

Montpellier

Paris

auf den Abfallhaufen der Gesellschaft

geworfene Schlemihl bereits ums nackte Überleben kämpfen. Obwohl noch ein Säugling17

erstreitet sich Grenouille schreiend seinen Platz in der Welt und rächt sich (nebenbei) noch am so

12 Frizen/Spancken, S. 11.

13 Reich-Ranicki, Marcel: ,,Des Mörders betörender Duft", In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (02.03.1985),

Literaturbeilage.

14 Zu genauen Diskussion dieses Begriffs und seiner Anwendbarkeit auf

Das Parfum

kommt es im unten

stehenden Unterrichtsentwurf (siehe ab S. 42).

15 Die Grenzen zwischen Entwicklungs-, Bildungs- oder auch Erziehungsroman sind fließend und oftmals

wird bloß der Obergriff ,,Entwicklungsroman" (wie auch hier) verwendet (Vgl. Artikel

,,Entwicklungsroman", In: Sachwörterbuch der Literatur, Gero von Wilpert (Hrsg.), Stuttgart (2001), S. 215).

16 Der vierte und letzte Teil, der nur aus Kapitel 51 besteht, kann als Epilog verstanden werden.

17 Im christlichen Glaubensverständnis der damaligen Gesellschaft, hier durch Pater Terrier verkörpert,

wurden besonders ungetaufte Säuglinge als noch seelenlos und keinesfalls vernunftbegabt gesehen. ,,Ein

Säugling ist noch kein Mensch, sondern ein Vormensch und besitzt noch keine voll ausgebildete Seele"

(Süskind, Patrick: ,,Das Parfum, Die Geschichte eines Mörders", Diogenes Verlag, Zürich (1985), S. 14). Die

3


gar nicht mütterlichen Liebesentzug, indem er seine Mutter als potentielle Kindsmörderin an der

Galgen bringt. Diese Entsagung an die Liebe und dieses Bekenntnis zur Macht des Hasses bereitet

die Bühne für seine nachfolgenden (Un-)Taten. Durch diverse Institutionen wird Grenouille

anschließend durchgereicht und es folgt eine Auflistung von gesellschaftlicher Ausgrenzung und

mitmenschlicher Verweigerung. Die Amme verweigert ihm die Milch, die Kirche die

Zugehörigkeit zur Kinderschar Gottes und das Kinderheim die Möglichkeit auf Nestwärme. Auch

die Sozialisation durch Gleichaltrige wird ihm verwehrt. Stattdessen versuchen diese den

unheimlichen, weil geruchlosen Grenouille sogar umzubringen. Doch bereits im Heim von

Madame Gaillard beginnt für den Protagonisten die Erschließung seines olfaktorischen

Erfahrungsraumes und damit seine autodidaktische Bildung.

Von den Erkenntnissen unter Zuhilfenahme eines ersten olfaktorischen Vokabulars durch

Erkundung seiner unmittelbaren Umgebung lernend, dann über den Erwerb eines ,,Alphabets der

Gerüche" (35) durch Streifzüge durch einen später erweiterten Handlungsradius, erschafft sich

Grenouille seinen ersten eigenen Kosmos. Zunächst auch gänzlich ohne Lehrer, denn diese halten

ihn ohnehin für schwachsinnig (35). Die nachfolgenden beiden Lehren18, in die Grenouille

scheinbar aus Zufalls Willen gerät, haben nur den Zweck des methodischen Erlernens von

Techniken, um die ,,Liebe in Flaschen zu bannen" (58), das heißt, um einerseits eine

gesellschaftliche Integration zu erzwingen und um andererseits durch Schöpfung zu sich selbst zu

finden.

TABELLE 2: GRENOUILLES LEHRJAHRE

Grenouilles Lehrjahre:

Kapitel 1-22

Bezugsperson

Madame Gaillard

Grimal

Baldini

1.

2.

1.

2.

Erfahrungsraum

Unmittelbare

Weitere

In Verschlag

Paris und seine

Die Duftwelten der Werkstatt

Umgebung

Umgebung

gesperrt

Straßen

Noch

Duftformeln

Kombination

Struktur der

Erwerb olfaktorischen

Duftsinfonien

und

Künstlerischer

von Düften

Düfte mit

Vokabulars und des Alphabets

mit erotischer

handwerk-

Reifeprozess

ohne

schöpferischem

der Düfte

Komponente

liches

ästhetisches

Prinzip

Können

Prinzip

Brutalität durch

Mordanschläge der

LehrherrZeckenstatus

Erkenntnis in der Unfähigkeit

Krisen und

Heimkinder ,,Verpuppung"

MilzbrandMetamorphose

Blattern, Neuorientierung

Lösungen

zur Zecke

zum Haustier, Zweite Geburt

des Genies

zum Genie

hier und im ganzen Text dieser Arbeit verwendeten Seitenangaben beziehen sich auf die

Taschenbuchausgabe des Diogenes Verlag von 1994. Nachfolgend werden Textbelege zum Roman direkt im

Text durch eine nachgeschaltete Seitenanzahl in Klammern angegeben.

18 Namentlich die Ausbildung beim Gerber Grimal und später beim Parfümeur Baldini.

4


Im Alter von acht Jahren bei dem brutalen Gerber Grimal landend, besteht Grenouilles

Erfahrungsraum zu Anfang seiner ,,Lehre" nur aus einem kleinen Verschlag, in dem er mehr tier-

denn menschengleich haust. Wohlwissend, dass er sich in den Händen eines brutalen Menschen

befindet, verpuppt sich der Zeck Grenouille für die vier Jahre dieser ,,bevorstehenden Eiszeit" (41),

erlernt genügsam das Skalpieren und Häuten, jedoch auch die Grundsätze der Sklaverei: Härte und

Ausbeutung. Ohne ästhetisches Prinzip kombiniert er auf dieser Stufe seiner künstlerischen

Entwicklung die Düfte und erwächst durch die lebensbedrohliche Krankheit des Milzbrands (42)

erneut einer Krise. Obwohl ihn diese Krankheit physiologisch noch mehr entstellt, wird Grenouille

in seiner Unverwüstlichkeit und seinem Erfolg gegen den ,,darwinistischen Kampf ums Dasein"19

absurderweise kostbarer für seinen tumben Herrn. Er steigt zum ,,Haustier" (43) auf und sein

Erfahrungsraum dehnt sich auf die Straßen Paris aus, dem ,,größten Duftrevier der Welt" (43). Hier

erkennt Grenouille zum ersten Mal die Strukturen hinter den Düften und erfährt durch seinen ersten

Mord, den man paradoxerweise als einen schöpfenden bezeichnen muss, ein Schlüsselerlebnis:

Seine wahre Bestimmung zum ,,größten Parfumeur aller Zeiten" (58). Durch diese erste Duftprobe

des Ewig-Weiblichen, die das Enzym für den späteren Schöpfungsakt bildet, fühlt sich Grenouille

nun endlich (wieder-)geboren.

Im nächsten Bildungsabschnitt kommt er zum Parfümeur Baldini, dessen ,,künstlerisch impotenter

Philisterexistenz" 20 Süskind ganze fünf Kapitel widmet und in dem sich der klassisch-romantische

Gegensatz vom ordnenden Bürger und intuitiven Künstler aufzeigt. Eingeschlossen in Baldinis

Werkstatt, einem mit Fläschchen und Tiegeln wirbelnden Spinnentier gleichend, lebt und erlebt

Grenouille unter dem Deckmantel der Bürgerlichkeit neue Duftwelten, die seinem Lehrherrn sogar

zu einem ,,Ichliebdich" (111) bewegen. Drei Jahre dauert dieser Pakt, doch dann, als alle Kunst,

alles Handwerk vermittelt scheint und Olfaktorik in Formel gebannt ist, deutet sich die nächste

Krise an. Wie ein bockiges Kind erkrankt das werdende Genie Grenouille erneut an einer

todbringenden Krankheit. Doch die Verheißung auf neues Wissen lässt den faustschen Geist in

Grenouille erneut auferstehen, sein Körper heilt auf wundersame Weise und die Krise löst sich im

Hinauswandern in den Frühling, in den Süden, in die ,,geruchsfreie" Welt jenseits der Enge der

Stadt (147ff.) und letztlich in den mütterlichen Schoß der Natur auf.

Im zweiten Teil des Romans, der Wanderjahre Grenouilles, gleicht dessen evolutionäre Entfaltung

am deutlichsten dem Muster des Entwicklungsromans21. Dieser Teil bildet den zentralen

Reifeprozess des Protagonisten, seine Zeit der Identitätssuche ab und bildet mit dieser den Roman

mittelnde Achse einen ,,inneren Höhepunkt". Genauer betrachtet müssen die 12 Kapitel der

Wanderjahre weiter in zwei einzelne Teile zerlegt werden:

19 Dieser volkstümliche Ausdruck ist unzureichend und im wissenschaftlichen Kontext besser mit ,,Überleben

der am besten angepassten Individuen" zu erklären.

20 Frizen/Spancken, S. 30.

21 Die (siebenjährige) Reise (oftmals in den Süden) mit (Grenouilles) integrierter Selbsterkenntnis (in der

Gipfelhöhle) ist ein typisches Merkmal dieser Romangattung.

5


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