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Mythos Störtebeker - Handel und Piraterie des späten Mittelalters und die Interpretationen in der Neuzeit

Untertitel: Klaus Störtebeker in Geschichte und Sage - 'edler' Räuber oder 'gemeiner' Verbrecher?
Autor: Nina Nustede
Fach: Geschichte - Mittelalter, Frühe Neuzeit

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Details

Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2008
Seiten: 89
Note: 1,8
Literaturverzeichnis: ~ 67  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 514 KB
Archivnummer: V116505
ISBN (E-Book): 978-3-640-18349-4
ISBN (Buch): 978-3-640-18370-8

Zusammenfassung / Abstract

„In einem ewigen Kampfe stehen Sage und Geschichte einander gegenüber. Beide beschäftigen sich mit der Vergangenheit. In der Geschichte waltet der herrschende Verstand des Historikers; ihre Aufgabe ist es, die Ereignisse festzustellen, […] das Wahre vom Unwahren und vom Zweifelhaften zu sondern, […] in der Sage dagegen herrscht das Erinnerungsvermögen des Volkes[,] ihr Bestreben ist darauf gerichtet, das Vergangene in einem anschaulichen, lebensvollen Bilde festzuhalten; ihre Methode besteht darin, dass sie den Ereignissen einen bestimmten Mann zum Repräsentanten einen bestimmten Ort zum Hintergrund gibt, und dass sie Dinge, denen solche Gedächtnismarken abhanden gekommen sind, auf andere Männer und Örtlichkeiten überträgt. Zu den Lieblingen der Sage gehört Klaus Störtebeker.“1 Was ist dran an der Geschichte, dass Störtebeker ohne Kopf an seinen Kameraden vorbeigelaufen ist um sie vor ihrer Hinrichtung zu retten? Ist die spätmittelalterlichen Seeräuberbande der Vitalienbrüder und Störtebeker als einer ihrer Anführer vergleichbar mit anderen Räuberbanden, und wenn ja, macht das Störtebeker zu einem ‚edlen Räuber’? Welche Bedeutung hat Klaus Störtebeker heute? Aufgrund seines heutigen Bekanntheitsgrades erstaunt es, dass es wenig historisch gesichertes Quellenmaterial über Störtebeker selbst und seine Aktivitäten als Pirat auf Ost- und Nordsee gibt. Vieles zu seiner Lebensgeschichte ist daher Spekulation anhand von Hinweisen, die vor allem hansische Zeugnisse seiner Zeit und Städtechroniken des späten Mittelalters bieten. Da sich die Forschung bereits im umfangreichen Maße mit der Historizität der Vitalienbrüder und Störtebeker beschäftigt hat, wird hier auf eine erneute Auswertung des Quellenmaterials verzichtet, sondern vielmehr die jeweiligen Forschungstexte im Kontext betrachtet.

Textauszug (computergeneriert)

Nina Nustede

Mythos Störtebeker: Handel und Piraterie des späten Mittelalters und die

Interpretationen in der Neuzeit



Klaus Störtebeker in Geschichte und Sage - ,edler′ Räuber oder ,gemeiner′ Verbrecher?


Schriftliche Arbeit zur Erla

ngung des Akademischen Grades ,,Magister Artium" an der

Philosophischen Fakultät der Universität Hannover

Hannover, den 15. März 2008


INHALTSVERZEICHNIS

I.

,Gottes Freund und aller Welt Feind′

3

II. Historischer

Überblick

6

1. Politische Lage

6

1.1 Skandinavien und das Haus Mecklenburg

6

1.2 Ostfriesland

8

2. Die Hanse

9

2.1 Entstehung

und

Entwicklung

10

2.2 Organisation

und

Ordnung

12

2.3 Interessenkonflikte und militärische Interventionen

15

III. Störtebeker

und

die

Vitalienbrüder 17

1. Seeräuber,

Kaperer,

Vitalienbrüder 17

1.1 Das

Aufkommen

der

Vitalienbrüder

18

1.2 Entzug der Legitimation und Reorganisation

22

1.3 Die

ostfriesischen

Häuptlinge 26

1.4 Die

Auflösung

der

Vitalienbrüder

28

2. Klaus Störtebeker als historische Person

29

2.1 Authentizität Störtebekers

29

2.2 Wer war Störtebeker?

31

2.3 Gefangennahme und Hinrichtung

33

IV. Mythen,

Legenden

und

Sagen

37

1. Begriffe

und

Definitionen

37

1.1 Mythen

38

1.2 Die Volkserzählungen und die verschiedenen Erzähltypen

39

1.2.1 Sagen

41

1.2.2 Legenden

43

2. ,Mythos′ Störtebeker in Sage und Legende

44

2.1

Störtebeker-Erzählungen

44

2.2 Mythos, Legende oder Sage?

48

2.3 Störtebekers Laufbahn in Sage und Legende

und

deren

Auswirkungen

50


V. ,Karriere′ Störtebekers und neuzeitliche Interpretationen

52

1.

Kunst

und

Kultur

52

1.1 Störtebeker-Porträt

52

1.2 Störtebeker

als

literarische

Gestalt

53

1.3 Bräuche, Festspiele und Unterhaltungsprogramm

54

2. Ökonomische Interessen, Medien

und

Wissenschaft

55

2.1 Störtebeker in der Konsumkultur

55

2.2 Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Störtebeker

57

3.

Ideologisierung

Störtebekers

59

VI. Das

Konzept

des

,edlen

Räubers′

61

1. Das

Banditentum

61

1.1 Räuber

und

Räuberbanden

63

1.2 Sozialbanditentum

67

1.3 Räuberromantik und der ,edle Räuber′

69

2. Störtebeker und die Vitalienbrüder ­ gemeine Räuberbande oder

Sozialbanditen?

71

2.1 Robin Hood der Meere

71

2.2 Der Bund der Vitalienbrüder zwischen Raubrittertum,

Landsknechten und Räuberbanden

72

VII. Forschungsausblick

und

Resümee

75

1. Was können neue Forschungen noch leisten?

75

2. Resümee

76

VIII. Anhang

79

1. Abb.

1

79

IX.

Quellen-

und

Literaturverzeichnis 80

1.

Digitale

Quellen

80

2. Literatur

81


I. ,GOTTES FREUND UND ALLER WELT FEIND′

,,In einem ewigen Kampfe stehen Sage und Geschichte einander gegenüber. Beide

beschäftigen sich mit der Vergangenheit. In der Geschichte waltet der

herrschende Verstand des Historikers; ihre Aufgabe ist es, die Ereignisse

festzustellen, [...] das Wahre vom Unwahren und vom Zweifelhaften zu sondern,

[...] in der Sage dagegen herrscht das Erinnerungsvermögen des Volkes[,] ihr

Bestreben ist darauf gerichtet, das Vergangene in einem anschaulichen,

lebensvollen Bilde festzuhalten; ihre Methode besteht darin, dass sie den

Ereignissen einen bestimmten Mann zum Repräsentanten einen bestimmten Ort

zum Hintergrund gibt, und dass sie Dinge, denen solche Gedächtnismarken

abhanden gekommen sind, auf andere Männer und Örtlichkeiten überträgt. Zu den

Lieblingen der Sage gehört Klaus Störtebeker."1

Was ist dran an der Geschichte, dass Störtebeker ohne Kopf an seinen Kameraden

vorbeigelaufen ist um sie vor ihrer Hinrichtung zu retten? Ist die

spätmittelalterlichen Seeräuberbande der Vitalienbrüder und Störtebeker als einer

ihrer Anführer vergleichbar mit anderen Räuberbanden, und wenn ja, macht das

Störtebeker zu einem ,edlen Räuber′? Welche Bedeutung hat Klaus Störtebeker

heute?

Aufgrund seines heutigen Bekanntheitsgrades erstaunt es, dass es wenig historisch

gesichertes Quellenmaterial über Störtebeker selbst und seine Aktivitäten als Pirat

auf Ost- und Nordsee gibt. Vieles zu seiner Lebensgeschichte ist daher

Spekulation anhand von Hinweisen, die vor allem hansische Zeugnisse seiner Zeit

und Städtechroniken des späten Mittelalters bieten. Da sich die Forschung bereits

im umfangreichen Maße mit der Historizität der Vitalienbrüder und Störtebeker

beschäftigt hat, wird hier auf eine erneute Auswertung des Quellenmaterials

verzichtet, sondern vielmehr die jeweiligen Forschungstexte im Kontext

betrachtet. Auf der einen Seite würde die erneute Auswertung den Rahmen dieser

Arbeit sprengen und auf der anderen sollte - im Hinblick auf die größtmögliche

Korrektheit der Übersetzungen aus dem Lateinischen - nicht auf die bereits

vorliegenden Bearbeitungen verzichtet werden. Hier ist vorrangig Matthias Puhle

zu nennen, der sich eingehend mit der historischen Rolle Störtebekers und der

1 Karl Koppmann: Der Seeräuber Klaus Störtebeker in Geschichte und Sage. In: Hansische Geschichtsblätter,

Jahrgang 1877, Leipzig 1879, S. 37.

3


Vitalienbrüder beschäftigt und einen ,,überall zitierte[n] ,Bestseller′, wenn man

diesen Begriff für ein wissenschaftliches Standardwerk benutzen darf, das jedoch

an der Zahl verkaufter Exemplare die immer wieder aufgelegten, dafür aber die

Fortschritte der Forschung kaum zur Kenntnis nehmenden sogenannten [sic!]

historischen Sachbücher nicht annähernd erreicht,"2 veröffentlichte.3 Weiterhin

wurde die Fachliteratur zur Mythen-, Legenden- und Sagenforschung und des

Banditentums herangezogen, sowie Darstellungen der gängigsten Erzählungen,

die sich um Störtebeker und die Vitalienbrüder ranken. Für die Bedeutung

Störtebekers heutzutage wurde zusätzlich intensiv im Internet recherchiert.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Person Störtebekers und die Vitalienbrüder in ihrer

historischen Realität und in ihrer Darstellung in Sage und Legende zu

untersuchen. Hierbei sollen die Unterschiede in geschichtlicher und sagenhafter

Überlieferung ­ sofern überhaupt möglich ­ miteinander verglichen und die

Fragen nach dem Sinn und Zweck von Sagen und Legenden und der posthumen

Mythisierung Störtebekers beantwortet werden. Weiterhin soll die Rolle

Störtebekers in der heutigen Konsum- und Unterhaltungskultur und seine

Bedeutung in der Wissenschaft thematisiert werden. Die aktuelle ideologische

Bedeutung soll ferner diskutiert und die Einordnung Störtebekers und der

Vitalienbrüder als Räuberbande oder Sozialbanditen erörtert werden.

Methodische Vorgehensweise dieser Arbeit ist es, im ersten Teil die historischen

Fakten der Hintergründe um die Existenz des berühmt-berüchtigten Seeräubers

Klaus Störtebeker und der Vitalienbrüder darzustellen. Dafür bedarf es zuerst

eines Überblicks der politischen Lage im Wirkungsbereich der Vitalienbrüder.

Dabei handelt es sich zum einen um die Konfliktsituation auf der Ostsee zwischen

dem mecklenburgischen Herzogshaus und dem Reich Dänemarks, und zum

anderen um die politische Situation in Ostfriesland. Im Zusammenhang mit der

Seeräuberei auf Ost- und Nordsee ist die Hanse als Handelsorganisation, deren

ökonomisches Fortbestehen von der Sicherheit ihrer Seewege in diesem Gebiet

abhing, von enormer Wichtigkeit. Die Entwicklung und Organisation der Hanse

wird deshalb im Hinblick auf ihre Bedeutung für Störtebeker und die

Vitalienbrüder zum Abschluss des ersten Teils zusammengefasst.

2 Wilfried Ehbrecht: Störtebeker ­ 600 Jahre nach seinem Tod. Einführung. In: Ehbrecht (Hrsg.), Störtebeker ­

600 Jahre nach seinem Tod, Trier 2005, S. 7/8.

3 Matthias Puhle: Die Vitalienbrüder. Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit, Frankfurt/New York

21994.

4


Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des Seeraubs im

Allgemeinen und mit den Vitalienbrüdern in ihrer Organisation und

Wirkungsweise im Besonderen, sowie der Historizität Störtebekers.

Im dritten Teil wendet sich die Arbeit von der geschichtlichen Realität ab, und

konzentriert sich auf das Wesen und die Funktionalität von Mythen, Sagen und

Legenden. Die Popularität der Vitalienbrüder- und Störtebekererzählungen wird

unter Berücksichtigung des bereits zu ihren Lebzeiten mit ihnen assoziiertem

Spruch ,,Gottes Freunde und aller Welt Feinde", der wesentlich zur Förderung der

Störtebeker- und Vitalienbrüdermythen in den Volkserzählungen beigetragen

hatte,4 untersucht.

Im vierten Teil wird dann die neuzeitliche Darstellung, Bedeutung,

Wahrnehmung und Beschäftigung mit Störtebeker in der Konsumkultur und in

der Wissenschaft dargelegt und begutachtet.

Der fünfte und letzte Teil der Arbeit strebt in Geschichte

und

Sage den Versuch

eines Vergleichs der Vitalienbrüder mit anderen Formen des Banditentums und

insbesondere eine Einordnung Störtebeker in die Kategorien ,Sozialrebell′ oder

,gewöhnlicher Räuber′ an.

4 Matthias Puhle: Die Vitalienbrüder ­ Söldner, Seeräuber? In: Ehbrecht (Hrsg.), Störtebeker ­ 600 Jahre nach

seinem Tod, S. 15.

5


II. HISTORISCHER ÜBERBLICK

1. Politische Lage

1.1 Skandinavien und das Haus Mecklenburg

Das frühe 14. Jahrhundert in Skandinavien war von politischer Unstabilität

geprägt. Militärische Auseinandersetzungen unter den drei Reichen Dänemark,

Schweden und Norwegen wurden durch die engen verwandtschaftlichen

Verbindungen der Regenten untereinander verkompliziert. Im Zuge der Konflikte

löste sich der dänische Staat in den 1330er Jahren auf und erst Waldemar (IV.)

von Atterdag schaffte es 1340, die Monarchie wiederherzustellen.5

König Waldemar gelang es in den folgenden 20 Jahren, die verstreuten

Pfandherrschaften sowohl heimischer als auch fremder Fürsten und Adliger des

einstigen dänischen Reiches unter sich zu vereinen.6 1363 konsolidierte die Heirat

von Waldemars Tochter Margarethe mit König Haakon VI. von Norwegen eine

Allianz von Dänemark und Norwegen, sowie ­ zumindest vorläufig - auch mit

Schweden.7

Magnus Eriksson, dem Vater Haakons VI., fiel bereits als Kleinkind 1319 die

Krone Schwedens und Norwegens zu, und er sorgte 1355 dafür, dass sein Sohn

König von Norwegen wurde.8 Gleichzeitig war Haakon Mitregent seines Vaters

in Schweden, beide wurden aber um 1363, also bereits kurz nach der

Bündnisheirat, durch einen Aufstand des schwedischen Adels vertrieben und

durch den Neffen Magnus′, Herzog Albrecht von Mecklenburg, ersetzt.9

Nach König Waldemars Tod 1375 gelang es Margarethe sowohl in Dänemark als

auch wenige Jahre später in Norwegen - nach dem Tod ihres Mannes Haakons -

die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn Olaf zu erlangen und sich so eine

beeindruckende Machtposition im Ostseeraum zu sichern.

Albrecht II. von Mecklenburg hatte sich jedoch für seinen Enkel Albrecht IV.

Hoffnungen auf den dänischen Thron gemacht; nicht zuletzt aufgrund einer losen

5 Gunnar Karlsson: The History of Iceland, London 2000, S. 100-102.

6 Erich Hoffmann: Konflikte und Ausgleich mit den skandinavischen Reichen. In: Bracker u.a. (Hrsg.), Die

Hanse ­ Lebenswirklichkeit und Mythos, Lübeck 42006, S. 70.

7 Hoffman S. 72.

8 Jörg-Peter Findeisen: Schweden. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 22003, S. 51-56.

9 Hoffmann S. 72.

6


mündlichen Vereinbarung mit Waldemar, dessen Enkel der junge Albrecht

ebenfalls war. Thronstreitigkeiten und letztlich Margarethes Machtergreifung

führten infolgedessen zu einem Konflikt mit dem Haus Mecklenburg bis nach

Albrechts II. Tod hinaus. Sowohl Königin Margarethe als auch die

Mecklenburger stellten so genannte Kaperbriefe aus, mit denen sie Schiffseignern

die Legitimation zum Seeraub erteilten. Konkret bedeutete das für die

Kaperfahrer, dass sie über eroberte - gegnerische - Schiffe samt Ladung frei

verfügen durften, ohne von der legitimierenden Partei Strafe zu befürchten.10

Bis zum März 1388 hatte Margarethe es geschafft, Teile des schwedischen Adels

auf ihre Seite zu bringen. Hatten diese zuvor für die Einsetzung Albrecht III. als

schwedischen König gesorgt, waren nun weite Teile unzufrieden mit seiner

Herrschaft und mit ihm verfeindet. 1389 erlitt das Heer Albrechts in der Schlacht

bei Falköping eine verheerende Niederlage durch die dänischen Truppen und er

geriet in Gefangenschaft. Margarethe hatte mittlerweile ganz Schweden unter ihre

Gewalt gebracht. Nur Stockholm mit einer überwiegend deutschen Bevölkerung

stand noch hinter dem schwedischen König und konnte auch nicht von

Margarethe besiegt und eingenommen werden.11 Die Mecklenburger bedienten

sich daraufhin erneut der Taktik des Kaperkrieges, ,,offenbar öffneten die

Herzöge von Mecklenburg und die mecklenburgischen Städte ihre Häfen für alle,

die am Kaperkrieg gegen Dänemark teilnehmen wollten."12 Spätestens für das

Jahr 1391 ist nachzuweisen, dass Rostock und Wismar ihre ,,Häfen für alle, die

das Reich Dänemark schädigen wollten" öffneten.13

In den folgenden Jahren kam es durch die Aktivitäten der Kaperfahrer zu

erheblichen Beeinträchtigungen der Handelsschifffahrt auf der Ostsee, so dass die

Hanse sich zur Intervention - zur Wahrung ihrer eigenen Handelsinteressen im

Ostseeraum - in den Konflikt der Mecklenburger und Dänemark gezwungen

sah.14 Verhandlungen zwischen der Hanse, dem Deutschen Orden, Mecklenburg

und Königin Margarethe führten 1395 schlussendlich zum Frieden von Skanör

und Falsterbo.15 Zwei Jahre später wurden die drei nordischen Reiche Dänemark,

10 Hoffmann S. 75/76.

11 Matthias Puhle: Die Vitalienbrüder. Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit, Frankfurt/NewYork

21994, S.34.

12 Puhle: Die Vitalienbrüder, 1994, S. 36/37.

13 Ebd. S. 38.

14 Ebd. S. 65.

15 Ebd. S. 82.

7


Schweden und Norwegen in der sogenannten Kalmarer Union vereinigt,

dominiert durch die Dänen.16

1.2 Ostfriesland

Seit etwa der Mitte des 14. Jahrhunderts hatte sich in Ostfriesland eine neue

Herrschaftsstruktur herausgebildet, deren Ursprung in den Bedingungen des

vorhergehenden Jahrhunderts zu finden ist.

,,Schon im 13. Jahrhundert war in Friesland unübersehbar, dass es führende

Verwandtschaftsgruppen gab, deren Angehörige [...] über eine von ihnen

abhängige Schicht von Pächtern verfügten. Die Macht solcher Familien scheint

gegen Ende des 13. Jahrhunderts noch gewachsen zu sein ­ und das nicht nur,

weil sie führend im Handel beteiligt waren [...] nach Mißernten,

Überschwemmungen und Hungersnöten in den 70er Jahren des 13. Jahrhunderts

[verließen] Bauern ihr Land [...] und [traten] in den Dienst mächtiger Leute."17

Aus den vermögenden und einflussreichen Angehörigen dieser Familien sind die

,Häuptlinge′ entstanden, die die Herrschaft über Landgemeinden oder größere

Gebiete ausübten, und überwiegend im Zwist miteinander lagen.

Das Fehlen einer übergeordneten Landesherrschaft, die Zersplitterung in einzelne

miteinander verfeindete Herrschaftsgebiete sowie die zusätzlichen

Auseinadersetzungen dieser mit Albrecht von Bayern - zugleich Graf von Holland

-, dessen Politik die Ausdehnung in friesisches Territorium beinhaltete, schufen

optimale Bedingungen - auf die zu einem späteren Zeitpunkt detaillierter

eingegangen wird - für die Existenzgrundlage der Vitalienbrüder in der Nordsee.

Sowohl der Konflikt zwischen Dänemark und den Mecklenburger als auch die

politische Lage in Ostfriesland eröffneten Seeräubern genug Möglichkeiten,

ihrem ,Geschäft′ nachzugehen, was die Hanse in ihren Aktivitäten maßgeblich

beeinträchtigte.18

16 Karlsson S. 102.

17 Heinrich Schmidt/ Ernst Schubert: Geschichte Ostfrieslands im Mittelalter. In: Schubert (Hrsg.), Geschichte

Niedersachsens, Politik, Verfassung, Wirtschaft vom 9. bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert. Bd. 2,

Hannover 1997, S. 980.

18 Puhle: Die Vitalienbrüder, 1994, S. 104/105.

8


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