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Diploma Thesis, 2008, 26 Pages
Author: Master Judith Dominguez
Subject: Sociology - Medical Care
Details
Institution/College: Institut Universitaire Kurt Boesch (Universitäres Institut Alter und Generationen (INAG))
Tags: Demenzpflegetheorie, Ansätze, Entwicklung, Mikrotheorie, Menschen, Demenz, Verhaltenssymptomen, Interdisziplinäre, Gerontologie
Year: 2008
Pages: 26
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-18391-3
ISBN (Book): 978-3-640-18411-8
File size: 167 KB
Literatur wird komplett in den Endnoten zitiert
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Abstract
Das Krankenversicherungsgesetzt schreibt in der Leistungsverordnung für die Krankenpflege in Pflegeheimen vor, dass die Versicherungen nur Kosten von Untersuchungen, Behandlungen und Pflegeleistungen übernimmt, die auf ärztliche Verordnung hin oder im ärztlichen Auftrag erbracht werden. Leistungen in diesem Sinne sind Abklärungs- und Beratungsgespräche, Untersuchungen wie Blutdruckmessen, Behandlungen wie Wundversorgung und die Grundpflege wie Dekubitusprophylaxe oder Hilfe beim Essen und Trinken. Für Menschen mit psychogeriatrischen Erkrankungen können zudem Orientierungshilfen, Kontrollen und Gespräche oder Zuwendung für Menschen, die mit ihrem Verhalten das Umfeld belasten, verrechnet werden. Die typische somatische Krankheitsorientierung der Hausärzte und Altenpflegenden stösst aber in der Demenzpflege an Grenzen und die Pflegende sind meist stark überfordert.11 Die Vielzahl der heute angewandten Pflegeinterventionen für Demenzkranke mit Verhaltenssymptomen erfüllen das Kriterien der nachgewiesenen Effektivität noch nicht.12 Es fehlen Beschreibungen über die Pflegeempfänger und über die Aufgabe der Pflege, die Ziele der Pflegeinterventionen und Instrumente für deren Evaluation. In der praktischen Pflege dementiell erkrankter Menschen mit Verhaltenssymptomen ist Verwirrung beobachtbar. Einerseits ist unklar, ob Verhaltenssymptome durch Interventionen vermindert werden sollen oder ob die Autonomie des dementiell erkrankten Menschen dadurch unnötigerweise eingeschränkt wird. Anderseits stellt sich den Pflegenden die Frage, ob Beschäftigungen wie Singen und Spielen Aufgabe der Pflege sind, diese als therapeutische Interventionen verstanden werden können und Verhaltenssymptome dadurch tatsächlich vermindert werden. Eine Demenzpflegetheorie könnte die Grundlage sein, um Antworten auf diese Fragen zu finden.
Excerpt (computer-generated)
Demenzpflegetheorie
Ansätze für die Entwicklung einer Mikrotheorie für Menschen mit
schwerer Demenz und Verhaltenssymptomen
Judith Dominguez
1 Inhaltsverzeichnis
2
Einleitung 2
3
Methode 3
4
Demenz mit Verhaltenssymptomen 3
4.1
Verhaltenssymptomatik 4
4.1.1
Definition 4
4.1.2
Agitation 4
4.2
Ursachen und Erklärungsmodel e 5
4.2.1
Somatische Ursachen 6
4.2.2
psychologische Ursachen 6
4.2.3
ökologische Ursachen 8
5
Pflegetheorien 8
5.1
Einführung 8
5.2
Pflegeempfänger 8
5.3
Gesundheit 9
5.4
Hauptzweck und Aufgabe der Pflege 10
5.5
Umgebung 10
5.6
Ausgewählte theoretische Ansätze 11
5.6.1
Bedürfnistheorien 11
5.6.2
Interaktiontheorien 14
5.6.3
Ergebnistheorien 15
5.6.4
Personenzentrierte Ansätze 16
6
Schlussfolgerungen 19
7
Ansätze für eine Demenzpflegetheorie 20
8
Literaturangaben 22
Demenzpflegetheorie
2
Diplomarbeit INAG, 2008 von Judith Dominguez
2 Einleitung
Die Prävalenz demenziel e Störungen steigt mit dem Alter an und wegen der
demografischen Entwicklung, leben heute mehr Menschen mit Demenzerkrankungen
als je zuvor. Die Prävalenzrate für die über 90 Jährigen beträgt in der Schweiz 25%
und nur 8% der demenzkranken Menschen sind jünger als 70.1 Wil man groben
Schätzungen aus Deutschland glauben, so sind in stationären Institutionen der
Altenpflege ungefähr 60% der Bewohnenden demenzkrank, auch wenn nur bei rund
einem Drittel eine solche Krankheit diagnostiziert ist.2
Die heute zur Verfügung stehende Medizinisch-Pharmakologische Behandlung von
Verhaltensstörungen sind wenig effektiv. Meist werden sedierende Medikamente
(44%), Antidepressiva (26%), Neuroleptika (25%) und Antidementia (11%)
verabreicht.3 Mit einer Heilung dieser chronischen degenerativen Krankheit ist in
nächster Zukunft nicht zu rechnen und auch wenn eine Krankheitsverzögerung durch
medikamentöse Behandlung heute teilweise schon erfolgreich ist, bleibt die Pflege
demenzkranker Menschen eine der grössten Herausforderung in unserer Zeit.
Verhaltenssymptome bei Demenz sind ein wichtiger Grund für den Eintritt in
Institutionen der Langzeitpflege.4 Sie gehören neben Tod und Sterben zu den
grössten Belastungen sowohl für die Pflegenden als auch für die Angehörigen und
beeinträchtigen die Lebensqualität der Mitbewohnenden mit unter beträchtlich. Es
sind vor al em Aggressivität, der Kontrol verlust über das eigene Verhalten,
Eigensinn, die Unvorhersehbarkeit des Verhaltens, die diese Belastungen erzeugen.5
Zudem vokale Störungen wie Schreien und Rufen, die bei den Pflegenden
Frustration, Ärger und ein sich vom Betroffenen distanzieren zur Folge haben.6 Sie
stören die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen und beeinflussen das
gesamte Umfeld.7
Pflegetheorien sind die Grundlage des pflegerischen Handeln in der Praxis und
geben Antworten auf die Frage, nach den Ziele und Aufgaben der Pflege. Sie zeigen
die Notwendigkeit von Pflegeinterventionen auf und machen die Leistungen für die
Kostenträger transparent und nachvol ziehbar. In der Pflegewissenschaft spielt das
Alter eine eher untergeordnete Rol e und die Herausforderungen der Pflege alter
Menschen werden darin kaum thematisiert.8 In Mitteleuropa, wo die
Pflegewissenschaft erst vor wenigen Jahren eine akademische Disziplin geworden
ist, steckt die Entwicklung von Pflegetheorien ganz al gemein noch in den
Kinderschuhen. Theorien mit klar formulierten Definitionen über Pflege, die anhand
wissenschaftlicher Kriterien erstel t und überprüft werden, machen Leistungen erst
transparent und ermöglichen es den Pflegenden diese zu thematisieren.9 In der
Pflegewissenschaft besteht heute Konsens darüber, dass situationsbezogene
Mikrotheorien, die sich auf bestimmte Altersgruppen oder Krankheitsbilder
beschränken, dringend notwendig sind, aber bislang noch nicht entwickelt wurden.10
Dies ist erstaunlich in Anbetracht der demografischen Entwicklung und der Prävalenz
der Demenz und dem Potential für die Pflege, sich innerhalb dieses Bereiches als
unabhängige Profession zu etablieren.
Das Krankenversicherungsgesetzt schreibt in der Leistungsverordnung für die
Krankenpflege in Pflegeheimen vor, dass die Versicherungen nur Kosten von
Untersuchungen, Behandlungen und Pflegeleistungen übernimmt, die auf ärztliche
Verordnung hin oder im ärztlichen Auftrag erbracht werden. Leistungen in diesem
Sinne sind Abklärungs- und Beratungsgespräche, Untersuchungen wie
Blutdruckmessen, Behandlungen wie Wundversorgung und die Grundpflege wie
Dekubitusprophylaxe oder Hilfe beim Essen und Trinken. Für Menschen mit
Demenzpflegetheorie
3
Diplomarbeit INAG, 2008 von Judith Dominguez
psychogeriatrischen Erkrankungen können zudem Orientierungshilfen, Kontrol en
und Gespräche oder Zuwendung für Menschen, die mit ihrem Verhalten das Umfeld
belasten, verrechnet werden. Die typische somatische Krankheitsorientierung der
Hausärzte und Altenpflegenden stösst aber in der Demenzpflege an Grenzen und die
Pflegende sind meist stark überfordert.11 Die Vielzahl der heute angewandten
Pflegeinterventionen für Demenzkranke mit Verhaltenssymptomen erfül en das
Kriterien der nachgewiesenen Effektivität noch nicht.12 Es fehlen Beschreibungen
über die Pflegeempfänger und über die Aufgabe der Pflege, die Ziele der
Pflegeinterventionen und Instrumente für deren Evaluation. In der praktischen Pflege
dementiel erkrankter Menschen mit Verhaltenssymptomen ist Verwirrung
beobachtbar. Einerseits ist unklar, ob Verhaltenssymptome durch Interventionen
vermindert werden sol en oder ob die Autonomie des dementiel erkrankten
Menschen dadurch unnötigerweise eingeschränkt wird. Anderseits stel t sich den
Pflegenden die Frage, ob Beschäftigungen wie Singen und Spielen Aufgabe der
Pflege sind, diese als therapeutische Interventionen verstanden werden können und
Verhaltenssymptome dadurch tatsächlich vermindert werden. Eine
Demenzpflegetheorie könnte die Grundlage sein, um Antworten auf diese Fragen zu
finden.
3 Methode
Für eine Annäherung an die gestel ten Fragen wird in einem ersten Schritt mit Hilfe
von Fachliteratur das Phänomen der Verhaltenssymptome bei schwerer Demenz
beschrieben. Aus dem gesamten Verhaltenskomplex wurde dafür das häufig
beobachtbare und besonders problematische Verhalten der Agitation ausgewählt.
Um die Verhaltensymptomatik besser zu verstehen, werden deren mögliche
Ursachen diskutiert und Erklärungsmodel e erläutert.
In einem zweiten Schritt werden die Bestandteile von Pflegetheorien und in der
Praxis häufig verwendete Theorien vorgestel t. Diese Theorien werden in Bezug auf
Demenz mit Verhaltenssymptomen auf ihre Eignung hin beschrieben.
Und als dritter Schritt werden die Erkenntnisse und Erkenntnislücken kurz
zusammengefasst und Ansätze für die Entwicklung einer Demenzpflegetheorie
aufgeführt.
4 Demenz mit Verhaltenssymptomen
Der Morbus Alzheimer ist die wichtigste Demenzerkrankung und in 50% al er Fäl e
die Ursache dementiel er Störungen. In 20% der Fäl e liegt eine vaskuläre Demenz
vor, die auch als Multi nfarktdemenz bezeichnet wird. In 25% der Fäl e kommen
diese beiden Demenzformen kombiniert vor und dies wird als gemischtes
psychoorganisches Syndrom bezeichnet.13 Daneben gibt es aber eine Reihe weiterer
primärer und sekundäre Demenzformen, die sich in ihrer Ursache zwar
unterscheiden, aber nur wenig in den beobachtbaren Symptomen. Zwar gehören
beispielsweise optisch szenische Hal uzinationen zwingend zu einer Lewy-
Körperchen Demenz, können aber auch bei al en anderen Demenzkrankheiten
auftreten. Die unterschiedliche Ausprägung der Verhaltenssymptome bei den
verschiedenen Demenzformen ist kaum untersucht worden.14 Deswegen wird in den
folgenden Erläuterungen nur der Überbegriff Demenz benutzt, sofern nicht
Forschungsresultate, die bei nur einer Demenzkrankheit durchgeführt wurden,
vorgestel t werden.
Demenzpflegetheorie
4
Diplomarbeit INAG, 2008 von Judith Dominguez
4.1 Verhaltenssymptomatik
4.1.1 Definition
Verhalten ist ein aktiver Vorgang lebender Organismen. Menschliches Verhalten wird
sowohl als Resultat rationaler Entscheidungen gesehen, als auch als Ausdruck
seiner Emotionen. Die psychobiologischen Emotionsmechanismen werden heute
intensiv untersucht. Man geht davon aus, dass Emotionen einen starken Einfluss auf
das Verhalten haben. Diesen Zusammenhang und den neurobiologischen Prozess
dazu zu untersuchen, ist al erdings nicht einfach und deshalb sind viele Fragen noch
offen.15 Unter Sozialverhalten wird das Verhalten von Menschen als Reaktion auf
Gruppenmitglieder verstanden, das soziale Verhalten beinhaltet die Mimik, Gestik,
Sprache, Handlung oder Unterlassung, die von andern in einer bestimmten Situation
erwartet werden. Die Verhaltensbiologie beschäftigt sich mit den aktiven
Veränderungen eines Lebewesens als Anpassung an die Umweltbedingungen, die
beobachtbar und messbar sind, wie zum Beispiel die Körperhaltung, Bewegungen,
Laute, Körperabsonderungen, die der Verständigung dienen, Farb- und
Formveränderungen oder Gesten. In der Biologie werden diese
Anpassungsleistungen sowohl als genetisch beeinflusst, als auch in Lernprozesses
erworben begriffen. Wiederholt sich in bestimmten Situationen das Verhalten in
immer gleicher Art und Weise, spricht man sowohl in der Biologie als auch in
Soziologie und Psychologie von Verhaltensweisen.16 Synonym wird der Begriff
Benehmen verwendet. Das Benehmen umschreibt das Betragen, die Lebensart, die
Erziehung oder Kinderstube, die Umgangsformen, das Auftreten, die Haltung, der
Anstand, die Manieren und wer sich nicht zu benehmen weiss, der ist unhöflich.17
Wegen der herausragenden Bedeutung der Verhaltenssymptomatik für die Pflege
und Betreuung bezeichnet man diese in der Pflegewissenschaft des deutschen
Sprachraums als Verhaltensstörungen, Verhaltensauffäl igkeiten oder als
herausforderndes Verhalten. Im englischen Sprachraum wird dieser
Symptomkomplex als chal enging behaviour, maladaptive, dysfuncional oder
treffender als BPSD behavioural and psychological symptoms of dementia
bezeichnet.18 Diese Begriffe des englischen Sprachraumes implizieren eher einen
intrinsischen Ursprung des Verhaltens, also durch den Demenzkranken selbst
ausgelöstes, während die deutschen Begriffe den Einfluss des Umfeldes als
Auslöser in den Vordergrund stel en. Welche beobachtbaren Verhaltensweisen zu
diesem Symptomkomplex gezählt werden, ist uneinheitlich. So werden
Wahnvorstel ungen und Hal uzinationen, sofern sie sich für das Umfeld nicht störend
oder auffäl ig manifestieren, nicht zu den Verhaltenssymptomen gezählt. Ebenso wird
das Leitsymptom, die Fehlinterpretation der Realität, nur dann als inappropriate
(unangemessenes) Verhalten beschrieben, wenn dieses für das Umfeld auffäl ig ist.19
In einer Konsenskonferenz einigten sich 1996 660 Experten der Internationalen
Association (IPA) auf den Begriff BPSD mit der folgenden Definition: ,,Der Begriff
Verhaltensstörungen sol ten durch den Begriff verhaltensbezogene und
psychologische Symptome der Demenz (BPSD) ersetzt werden, der definiert ist als:
Symptome gestörter Wahrnehmung, Denkinhalte, Stimmung oder Verhalten, die
häufig bei Patienten mit Demenz auftreten.20
4.1.2 Agitation
Darunter werden zusammenfassend unangemessene verbale, vokale oder
motorische Aktivitäten verstanden. Der Begriff kommt aus dem englischen und
bedeutet Unruhe, Bewegung, Aufregung, Erregung, Rastlosigkeit. In der Psychologie
wird Agitation als erregte Bewegung und wiederholte unproduktive Aktivität
Demenzpflegetheorie
5
Diplomarbeit INAG, 2008 von Judith Dominguez
bezeichnet. Die Prävalenz beträgt 44% und die Inzidenz innerhalb eines Jahres 14%
in der institutionel en Langzeitpflege.21
Mit Wandern sind ziel ose Bewegungen gemeint, al erdings ist eine Abgrenzung
schwierig, da nicht jedes ziel os aussehende Umhergehen auch für den Betroffenen
ziel os ist. Im amerikanischen Pflegediagnosesystem NANDA wird Wandern als
ruheloses Umhergehen, als ziel oses oder repetitives Sich-Fortbewegen und
Umhergehen, das die betreffende Person einem Verletzungsrisiko aussetzt. Die
verschiedenen Formen des Wanderns wurden von der Internationalen
Psychogeriatrischen Association beschrieben.22 Bei Menschen mit Demenz in
stationären Einrichtungen wird die Prävalenz des Herumwanderns und Weglaufens
mit 25% angegeben.23 Die Inzidenz innerhalb eines Jahres wurde kaum untersucht
und liegt schätzungsweise zwischen 11 und 50%.24 Dieses Symptom scheint bei
Alzheimer höher zu sein als bei vaskulären Demenzformen.
Ein besonderes Verhaltenssymptom, welches zur Agitation gezählt wird, ist das
picking behaviour. Darunter werden Handlungen subsummiert, wie Sachen
verpacken, Sachen verschieben, an Sachen reiben oder streichen. Auch das
zwanghafte Sammeln und Verstecken von Nahrungsmitteln, Gegenständen oder
Mül kann zu diesem Verhaltenssymptom gezählt werden.
Auch die Aggressivität wird zur Agitation gerechnet. Die Aggressivität ist
zielgerichtet gegen eine andere Person, sich selbst oder ein Objekt. Sie tritt bei
Demenz häufig auf und wird verbal, körperlich oder sexuel ausgedrückt. Die
Aggressivität ist eine der häufigsten Gründe für den Eintritt in eine Institution.25
Die Prävalenz von körperlicher Aggressivität bei Demenz liegt je nach Studie
zwischen 31 und 41%, die sexuel ausgedrückte bei ungefähr bei 4%. Die Prävelenz
der verbalen Aggressivität wird mit 40%, deren Inzidenz innerhalb eines Jahres mit
22% angegeben. Ob es geschlechtsspezifische Unterschiede gibt ist nicht belegt.
Zwischen den verschiedenen Demenzkrankheiten scheint es in Bezug auf
Aggressivität keine Unterschiede zu geben.26
Vokale Störungen sind ebenfal s häufig bei demenzkranken Menschen in
Langzeitinstitutionen. Zu dieser Kategorie zählt man lautes Schreien, Rufen, Klagen
und Jammern, ständiges verbales auf sich Aufmerksam-Machen, paranoide
Äusserungen, laute Selbstgespräche führen, wiederholtes Fragen, bizarre
Geräusche machen und ähnliches.27 Je nach Messmethoden und Stichprobe
schwankt die Prävalenz zwischen 10 und 60% und scheint keine
geschlechtspezifischen Unterschiede aufzuweisen.
Weitere Verhaltensänderungen können im Bereich der Sexualität auftreten. Dazu
gehören das öffentliche Masturbieren, den Gebrauch vulgärer Worte, sexuel e
Angriffe auf Mitbewohnende oder betreuende Personen.28
4.2 Ursachen und Erklärungsmodelle
Die Zusammenhänge zwischen dem Ausmass des kognitiven Zerfal s und der Stärke
der Verhaltenssymptomatik ist nur wenig untersucht worden. Zwischen Agitation und
dem Grad der kognitiven Fähigkeiten scheint es aber eine Beziehung zu geben.29
Ebenso korreliert die Stärke der kognitiven Beeinträchtigungen mit dem Wandern.30
Es gibt Hinweise darauf, dass bei Demenz grundsätzlich eine Tendenz zum
Wandern besteht und diese mit der Abnahme der kognitiven Fähigkeiten aufgrund
der Gehirnschädigungen zunimmt.31
Die Ursachen oder Auslöser von Verhaltessymptomen bei Demenz sind unklar und
Forschungsergebnisse haben teilweise widersprüchliche Ergebnisse
hervorgebracht.32 Sie werden in drei Hauptkategorien eingeteilt, nämlich somatische,
psychologische und ökologische.33 Auf der Basis dieser Kategorien sind
Demenzpflegetheorie
6
Diplomarbeit INAG, 2008 von Judith Dominguez
verschiedene Model e entwickelt worden, um Verhaltenssymptome bei Demenz zu
erklären34:
4.2.1 Somatische Ursachen
In der Neurobiologie geht man heute davon aus, dass die Verhaltenssymptomatik bei
der Alzheimerdemenz durch die gleichen neuropathologischen Prozesse wie bei den
kognitiven Veränderungen entstehen.35 Die Ursachen des ziel osen Umhergehens
sind nicht geklärt. Vermutlich hängen kognitive, neurologische Faktoren und
Einflüsse der Umgebung mit dem Wandern zusammen. Durch die Zerstörung von
Nervenzel en im Gehirn und das Fehlen bestimmter Stoffe wird Wandern als Form
der Hyperaktivität und als Folge einer motorischen Dysfunktion angesehen, die durch
die verminderte Selbstkontrol e noch gefördert wird. Vokale Störungen treten
vermehrt auf im Zusammenhang mit anderen Sprachstörungen. Je stärker die
sprachliche Beeinträchtigung, desto stärker die vokale Störung. Deshalb kann
vermutet werden, dass die vokale Störung für den Betroffenen den Sinn einer
Kompensation der eingeschränkten kommunikativen Möglichkeiten hat.36
Verbale Verhaltessymptome kommen eher bei körperlichem Unbehagen und
Schmerzen vor.37 Die Ursachen vokaler Störungen sind vielfältig, treten aber meist in
Folge von Gehirnschädigungen bei schwerer Demenz oder cerebrovaskulären
Erkrankungen auf oder können durch Schmerzen ausgelöst werden.38 Die Ursachen
von pickin behaviour werden ebenfal s im Zusammenhang mit Schmerzen
beschrieben.39
Bei der Untersuchung der Ursachen kommt erschwerend hinzu, dass
Verhaltenssymptome wie zum Beispiel Aggression direkt durch die Wahrnehmung
des eigenen kognitiven Leistungsabfal s ausgelöst werden kann oder, wie bei alten
Menschen nicht selten, eine Multimorbidität vorliegt und die psychische Symptomatik
eine unabhängige Äthiologie aufweist.40 Körperliche Dysfunktionen wie Inkontinenz,
Obstipation, Beeinträchtigungen in der Fortbewegung und eine verminderte Fähigkeit
zur Selbstversorgung werden ebenfal s als Ursachen vermutet.41
Im Model der Verhaltenshemmung werden neurologische Veränderungen im Gehirn
und Gehirnschädigungen als Ursache für Verhaltenssymptome gesehen. Um das
Verhalten zu erklären, müssen die spezifischen Mechanismen der Transmission, die
geschädigten Stel en im Gehirn und die Neurotransmitter, welche für die
Verhaltenssymptome verantwortlich sind, identifiziert werden. Neuere Untersuchen
unterstützen diese Annahme, dass pathophysiologische Prozesse die Ursache von
Verhaltenssymptomen sind.42
Die Behandlung von Verhaltenssymptomen auf Grund somatischer Ursachen sind
auf den Gebieten der Neurologie, Pharmakologie und Medizin zu suchen und nicht
Bestandteil der Pflegewissenschaft. Erfolgreiche Behandlungsmöglichkeiten würden
aber die Aufgabe der Pflege und die damit verbundenen Pflegeinterventionen
entscheidend beeinflussen.
4.2.2 psychologische Ursachen
Psychologische Ursache von Agitation sind meist nicht leicht ersichtlich, vermutet
werden innere Spannungen.43 Sie könnte eine verständliche und normale Reaktion
auf kognitiver Fehl eistungen sein und somit aus Frustration über das eigene
Unvermögen entstehen und dem damit zusammenhängenden Gefühl des
Kontrol verlustes. Lautes schreien und rufen wird in Zusammenhang mit Langweile
und Al einsein beschrieben.44 Agitiertes Verhalten wird als unbewusste
,,Körpersprache" bezeichnet, die eine Vielzahl von Zuständen und Befindlichkeiten
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