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Subtitle: Struktur, Reformbemühungen, Akteure und Ergebnisse
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 31 Pages
Author: Matthias Schollmeyer
Subject: Politics - Political Systems - General
Details
Institution/College: Otto-von-Guericke-University Magdeburg (Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften - Institut für Politikwissenschaft)
Tags: Föderalismus, Kompromissmodell, Modell, Vielfalt, Nation, Nationen, Politisches, System, Föderalismus, Perspektive
Year: 2006
Pages: 31
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 30 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19100-0
ISBN (Book): 978-3-640-19105-5
File size: 385 KB
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Abstract
Wenngleich heute sicherlich feststeht, dass es keine eindeutige Definition des Begriffes Föderalismus gibt, da bestehende bundesstaatliche Ordnungen stets in Abhängigkeit von einer bestimmten Epoche/Zeitspanne und individuellen gesellschaftspolitischen Umständen zu unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten geführt haben, herrscht dennoch Übereinstimmung darüber, was den Kern und die gemeinsamen Werte von Bundesstaatlichkeit ausmacht. So erschließt sich direkt aus dem Begriff Bundesstaat der duale Charakter eines solchen staatlichen System, der neben dem Bund auch die Gliedstaaten einschließt und keinen Bundesstaat ohne dieselben zulässt, sowie die geteilte Souveränität, die beiden Ebenen einen bestimmten Anteil an den Staatsfunktionen garantiert und unabhängig voneinander Hoheitsrechte überträgt und konstitutiv für bundesstaatliche Systeme ist. Diese bewusste Kompetenzverteilung bedingt allerdings, dass das Verhältnis zwischen Bund und Gliedstaaten als gleichberechtigte Ebenen auf Vermittlung und Konsensfindung hin angelegt ist, damit keine Kompetenz-Kompetenz bestehen kann, aufgrund derer eine Ebene über die andere ohne deren Zustimmung verfügen könnte. Trotz oder gerade wegen der sich hieraus ergebenden Konflikte verpflichten den Föderalstaat seine Strukturen zu Veränderung und Kontinuität, so dass er, falls das Prinzip der Gleichberechtigung gewahrt bleibt, synonym ist mit Integration , durch die in einem Prozess der Föderalisierung eine politische Gemeinschaft entsteht. In diesem Sinne kommt dem Bundesstaatsprinzip auch eine integrative Rolle bei der Berücksichtigung verschiedener Interessen zu. Dazu gehört insbesondere, die bestehende Vielfalt zu wahren, gleichzeitig aber eine gewisse Einheitlichkeit - wenn auch nicht Gleichheit - zu schaffen. Mit Blick in die Geschichte des Föderalismus hat sich so gezeigt, dass für sein Gelingen die Gleichberechtigung der föderierten Teile Grundvoraussetzung war. Dies gilt im Zusammenhang mit der Thematik dieser Hausarbeit vor allem für die politische Struktur Kanadas, deren föderaler Aufbau nicht aus einem historischen Prozess hervorgegangen ist, sondern vielmehr das Ergebnis von politischen Kompromissen darstellt, eine multiethnische Nation in einem Staat zu erschaffen.
Excerpt (computer-generated)
Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
Institut Politikwissenschaft
Wintersemester 2005/2006
Hauptseminar: Politisches System der BRD Föderalismus
Politisches System der BRD Föderalismus
Der multiethnische, kanadische Föderalismus - Kompromissmodell
oder Modell für kulturelle Vielfalt in einer Nation der Nationen?
Struktur, Reformbemühungen, Akteure und Ergebnisse
Matthias Schollmeyer
Studiengang: Magister Anglistik, Politikwissenschaft
Fachsemester: 8. Fachsemester
Gliederung
1.
Einleitung
3
2.
Hauptteil
4
2.1
Föderation oder Konföderation - Kanadas Entwicklung zu einer föderalen
Ordnung
4
2.2
Organisationsstruktur und Kompetenzen in der Pendelbewegung - zentrifugaler
und zentripetaler Föderalismus in Kanada
7
2.3
Problemstellungen des kanadischen Föderalstaates - die Suche nach Identität in
einem vereinten Kanada
11
2.4
Quebec zwischen Integration und Sezession
16
2.5
Konstitutionelle Reformen des Föderalstaates
20
3.
Schlussfolgerung
23
4.
Bibliographie
25
Primärquellen
25
Internetquellen
27
5.
Anhang
28
Abbildung 1; Kanadas Regierungssystem - Organigramm;
28
Abbildung 2; Botschaft von Kanada in Deutschland, Über Kanada: Gesellschaft,
Bevölkerung mit Englisch oder Französisch als Muttersprache (Census von 2001)
28
Abbildung 3; Quebec History - Canadian Federalism - Division of powers
29
Abbildung 4; Kanada - Landesübersicht
30
2
1.
Einleitung
Wenngleich heute sicherlich feststeht, dass es keine eindeutige Definition des Begriffes
Föderalismus gibt, da bestehende bundesstaatliche Ordnungen stets in Abhängigkeit von einer
bestimmten Epoche/Zeitspanne und individuellen gesellschaftspolitischen Umständen1 zu
unterschiedlichen Gestaltungsmöglichkeiten geführt haben, herrscht dennoch Übereinstimmung
darüber, was den Kern und die gemeinsamen Werte von Bundesstaatlichkeit ausmacht. So
erschließt sich direkt aus dem Begriff Bundesstaat der duale Charakter eines solchen staatlichen
System, der neben dem Bund auch die Gliedstaaten einschließt und keinen Bundesstaat ohne
dieselben zulässt, sowie die geteilte Souveränität, die beiden Ebenen einen bestimmten Anteil an
den Staatsfunktionen garantiert und unabhängig voneinander Hoheitsrechte überträgt und
konstitutiv für bundesstaatliche Systeme ist. Diese bewusste Kompetenzverteilung bedingt
allerdings, dass das Verhältnis zwischen Bund und Gliedstaaten als gleichberechtigte Ebenen auf
Vermittlung und Konsensfindung hin angelegt ist, damit keine Kompetenz-Kompetenz bestehen
kann, aufgrund derer eine Ebene über die andere ohne deren Zustimmung verfügen könnte. Trotz
oder gerade wegen der sich hieraus ergebenden Konflikte verpflichten den Föderalstaat seine
Strukturen zu Veränderung und Kontinuität, so dass er, falls das Prinzip der Gleichberechtigung
gewahrt bleibt, synonym ist mit Integration2, durch die in einem Prozess der Föderalisierung eine
politische Gemeinschaft entsteht. In diesem Sinne kommt dem Bundesstaatsprinzip auch eine
integrative Rolle bei der Berücksichtigung verschiedener Interessen zu. Dazu gehört
insbesondere, die bestehende Vielfalt zu wahren, gleichzeitig aber eine gewisse Einheitlichkeit -
wenn auch nicht Gleichheit - zu schaffen.
Mit Blick in die Geschichte des Föderalismus hat sich so gezeigt, dass für sein Gelingen die
Gleichberechtigung der föderierten Teile Grundvoraussetzung war. Dies gilt im Zusammenhang
mit der Thematik dieser Hausarbeit vor allem für die politische Struktur Kanadas, deren
föderaler Aufbau nicht aus einem historischen Prozess hervorgegangen ist, sondern vielmehr das
Ergebnis von politischen Kompromissen darstellt, eine multiethnische Nation in einem Staat zu
erschaffen. So haben auch in Bezug auf die kanadische Verfassungswirklichkeit die föderalen
Strukturen mit ihrer garantierten, regionalen Autonomie die seit Jahrhunderten bestehenden,
ethnischen Spannungen zwischen anglophonen und frankophonen Kanadiern weitestgehend
befrieden, wenn auch nicht völlig lösen können. Gerade die besonderen Merkmale des
1 Darunter fallen ethnische, sprachliche, kulturelle aber auch religiöse Disparitäten
2 Görner, Rüdiger. Einheit durch Vielfalt - Föderalismus als politische Lebensform 236
3
kanadischen Föderalismus - die Vielfalt der zehn Provinzen, sowie die hohe Komplexität der
kanadischen Gesellschaft und ihre unterschiedlichen lokalen Kulturen haben in der
Vergangenheit die langfristige Existenz und Perspektive des kanadischen Föderalismus mehr und
mehr in Frage gestellt, so dass sich eine institutionalisierte Ambivalenz herausgebildet hat, die
auch entscheidend für das Verständnis des politischen Prozesses in Kanada und die
Herausforderungen föderativer Ordnungen in multiethnischen Staaten allgemein ist.
Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit soll es daher sein, anhand einer Analyse der
Entwicklungsgeschichte Kanadas, der Organisationsstruktur und Kompetenzen seiner
föderalstaatlichen Ordnung darzulegen, welches die grundlegenden Problemstellungen Kanadas
als multiethnischem und grundlegend heterogen strukturiertem Staat sind, was Identität und
Nation einem Staat bedeuten, der, stets von neuem durch konstitutionelle Krisen geschüttelt,
zwischen stärkerer Integration seiner Glieder und dem durch Quebec geäußerten Wunsch nach
Sezession pendelte und welchen Einfluss konstitutionelle Reformen des Föderalstaates auf diese
Entwicklungen hatten.
2.
Hauptteil
2.1
Föderation oder Konföderation - Kanadas Entwicklung zu einer föderalen Ordnung
Die Entwicklung des kanadischen Föderalismus ist keineswegs geradlinig verlaufen und hat erst
durch zwei so genannte Dezentralisierungswellen seinen heutigen politisch-institutionellen,
sowie gesellschaftlichen Charakter erlangt3. In der Entwicklungsphase noch durch den
British
North America
1867 als
Dominion of Canada
gegründet4, vollzog sich die Föderalisierung - und
mit ihr die Etablierung einer parlamentarischen Regierung, einer föderal-provinzialen
Macht(ver)teilung und Garantien zur Wahrung von Sprachrechten5 - sicherlich als geeignetes
Mittel, um potenzielle multiethnische Konflikte auf demokratische Art und Weise zu entschärfen
und zu regeln und Spannungen zwischen den dominierenden Volksgruppen zu vermeiden6. Dass
die heutige Ausprägungsform des Föderalstaates dabei nicht explizit von den verschiedenen
Kulturen und Bevölkerungsgruppen gewollt war, ist daher sicherlich dem Pragmatismus der
handelnden Politiker der Anfangszeit zuzuordnen, die Kanada schnellstmöglich zu einem
politisch handlungsfähigen Staat fernab von noch zu lösenden kulturellen Konfliktfeldern zu
3 Broschek, Jörg. Föderalismus und Wohlfahrtstaat im historischen Kontext: Der Fall Kanada 242/243
4 Als Dominion wurden ab Anfang des 20. Jahrhunderts offiziell die sich selbst verwaltenden Kolonien des
British
Commonwealth of Nations
bezeichnet
5 Tuohy, Carolyn J. Policy and Politics in Canada - Institutionalized Ambivalence 26
6 MacPherson. James C. The Future of Federalism 10
4
machen. Damit wohnen dem Föderalismus in Kanada ähnliche strukturelle, ideelle und
funktionale Ordnungsprinzipien inne wie anderen Föderation auch (Belgien, Deutschland), die
ihrerseits auch stärker einen Kompromiss hin zu einer evolutionären, politischen Struktur
darstellen7. So mündeten durch den französisch-britischen Dualismus gewachsenen Identitäten
mit ihren spezifisch ethnischen, religiösen und sozialen Anschauungen und Interessen im
föderalistischen Ordnungsprinzip als Ausgleich und Konfliktlösungsmechanismus. Das heißt
allerdings nicht, dass durch das föderale System der englisch-französisch Gegensatz endgültig
beigelegt werden konnte. Zwar markiert die Niederlage der französischen Armee gegen die
britische Armee 1759 strategisch und symbolisch die britische Eroberung von ,,Neu Frankreich",
die schließlich endgültig 1763 mit der Beendigung des Siebenjährigen Krieges im Vertrag von
Paris besiegelt wurde, doch überlebten die Franzosen in Quebec als politische und kulturelle
Nation8.
Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts spielten interne sowie externe Umstände eine Rolle,
die es nötig machten, dass sich die Britischen Kolonien Nord Amerikas in irgendeiner Form
unter einer gemeinsamen Regierung vereinen sollten. Ähnlich wie dies auch auf Australien und
Neuseeland als Commonwealth-Staaten und ehemalige Kolonien Großbritanniens zutrifft, die zu
verschiedenen Zeiten den Status selbständiger Staaten erlangten, erfolgte in Kanada eine
weitreichende Übertragung der politischen Institutionen Großbritanniens9. Die Väter der
Konföderation verbanden dabei das fundamentale Prinzip parlamentarischer Souveränität und
verantwortlicher/ verantwortungsvoller Regierung innerhalb eines föderalen Systems und
etablierten ein souveränes imperiales Parlament sowie abhängige Provinzlegislaturen10.
Allerdings war der Weg zur Vereinigung steinig, stand doch eine Vielzahl der Kolonien dem
Gedanken einer Union aller Provinzen skeptisch gegenüber, da dies eine entscheidende
Einschränkung ihrer Souveränität bedeutete. Dass diese - wenngleich zu unterschiedlichen
Zeiten11 - dennoch ihre Zustimmung zur Unionsbildung gaben, beruht auf teils pragmatisch-
wirtschaftlichen Erwägungen, da man sich durch eine engere zwischenstaatliche Bindung
bessere Handelskontakte erhoffte, aber auch weil die Verteidigungsfähigkeit im Kriegsfall besser
gewährleistet wäre - insbesondere durch die Bestrebungen der Vereinigten Staaten hin zu einer
7 Görner, Rüdiger. Einheit durch Vielfalt - Föderalismus als politische Lebensform 13
8 Tuohy 14
9 Das so genannte ,,britische, imperiale Kolonialsystem"; Röhrich, Wolfgang, Die Politischen Systeme der Welt
18/19
10 Williams, Colin H. A Requiem for Canada 32
11 Mit Gründung der Kanadischen Föderation 1867 bestand diese nicht wie heute aus 10, sondern nur aus den
Provinzen New Brunswick, Nova Scotia, sowie der Provinz Kanada, die erst später in Ontario und Québec aufgeteilt
wurde; 1870 kam Manitoba erst 1870 hinzu, British Columbia 1871, Prince Edward Island 1872, Alberta und
Saskatchewan 1905, sowie 1949 Neufundland
5
weiteren Nord-Expansion: "The threat of American expansion and the necessity of developing a
strong economy suggested to some that all the colonies should unite under one government."12
Suspekt war der Unionsgedanke aber vor allem deshalb, da Kanada erst als die dritte Föderation
überhaupt nach den USA und der Schweiz gegründet werden würde, dem Föderalprinzip nach
den katastrophalen Erfahrungen des amerikanischen Bürgerkriegs aber der Ruf anhaftete,
allgemein instabile Regierungen hervorzurufen. Grundgedanke der Väter der kanadischen
Verfassung war daher, dass Kanada das gleiche Schicksal wie die USA ereilen könnte13. Als
bewusster Gegensatz zum US-amerikanischen Föderalstaat, der keine derart starke
Zentralregierung vorsah, sollten daher die Kompetenzen der Gliedstaaten bewusst beschränkt
sein und die Verantwortlichkeiten zwischen den föderalen und den provinzialen Ebenen der
Regierung eine scharfe Trennung aufweisen.
Mit diesen Erfahrungen im Hinterkopf, wurde das kanadische Verfassungsexperiment seit
seinem Bestehen stets als Kompromiss zwischen einem Universalismus und einem
Partikularismus gesehen und der Föderalstaat letztlich stets als Ergebnis eines politischen wie
konstitutionellen Pragmatismus angesehen14. Daher gilt Kanada heute als Sonderform des
Föderalismus, denn es vereint in sich zwei verschiedene Sprachgemeinschaften die gleichzeitig
zwei verschiedene Nationen bilden, so dass eine klassische kanadische Identität im Sinne der
Vorstellung einer einheitlichen Nation kaum existiert15, sondern der Idee der Anerkennung
vielfältiger Nationen unter dem einen neuen Nation gewichen ist. Grundlage dieser neuen
Vorstellung einer Nation ist daher nicht allein die Sprache, die Kultur oder die Geschichte,
sondern vielmehr der gemeinsame Wille16. Aus diesem Grund wird der Föderalismus von seinen
Staatsbürgern nicht nur als bloßes Verfassungsprinzip verstanden, sondern auch
Identifikationsangebot, da er politische wie kulturelle Akzeptanz garantiert: ,,Im Föderalismus
[...] finden sich Schutzzonen für eine stärker regionalspezifische Politik, die bestimmte
Traditionen berücksichtigen kann."17
12 Saywell 73
13 ,,The Fathers of Confederation [...] recognized the inevitability of federalism, [but[ they could not help regarding
it as a suspect and sinister form of government." LaSelva, Samuel V. The Moral Foundations of Canadian
Federalism - Paradoxes, Achievements, and Tragedies of Nationhood 31
14 "Paradoxically, in fact, Confederation was a response to the demand in the Canadas for a divorce and subsequent
marriage under a new contract. While a unitary state seemed impossible, the question was, what kind of federal
system could best meet the conflicting demands of unity and diversity" Saywell 73
15 Laselva 84
16 ,,Canada was a nation because Canada had demonstrated the will to live together." Laselva 85
17 Görner, Rüdiger. Einheit durch Vielfalt - Föderalismus als politische Lebensform 31
6
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