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"Statische Vorgänge"

Untertitel: Zur Rolle des Meditativen in Awet Terterjans sechster Sinfonie

Hauptseminararbeit, 2008, 26 Seiten
Autor: Wolfgang Schultz
Fach: Musikwissenschaft

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2008
Seiten: 26
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 16  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V116887
ISBN (E-Book): 978-3-640-18991-5

Dateigröße: 205 KB

Zusammenfassung / Abstract

Awet Terterjans Hochschätzung zum Trotz fällt die musikologische Auseinandersetzung mit dem armenischen Komponisten außerhalb des ehemals sowjetischen Raumes sehr gering aus. So verwundert es nicht, dass sich unter der im bibliographischen Anhang aufgeführten Literatur nur eine Veröffentlichung findet, die sich konkret mit einem Werk Terterjans beschäftigt: Hannelore Gerlachs Aufsatz 'Das »dam« in der 6. Sinfonie von Awet Terterjan', der ein wichtiges Fundament für die im Rahmen der vorliegenden Arbeit angestellten Untersuchung darstellt. Terterjans sechste Sinfonie wird darin ebenfalls vom Begriff des 'dam', des 'unendlichen' Tons, ausgehend betrachtet, um auf dieser Grundlage ihren statisch-repetitiven Stil und dessen Einbindung in einen zeitlichen Prozess deutlich und deutbar zu machen. Als erster Schritt wird hierbei eine Verortung des Komponisten und seiner Philosophie im armenischen Kontext versucht, um dann zur ausführlichen Betrachtung der Sinfonie selbst (unter den bereits genannten Gesichtspunkten) fortzuschreiten. Abschließend folgt eine kurze Erörterung der Frage, inwieweit Terterjans Komposition tatsächlich als 'sinfonisch' bezeichnet werden kann. Wichtige Hilfen bei der Erarbeitung dieser Fragestellungen stellten Tatjana Porwolls kurzer Aufsatz 'Schwingungen des Kosmos. Zeitgenössische Musik in Armenien', George Bournoutians und Tessa Hofmanns allgemeinhistorische Monographien 'A Concise History of the Armenian People' und 'Annäherung an Armenien. Geschichte und Gegenwart', sowie Terterjans (sich inhaltlich großteils überschneidende) Texte 'Der Komponist heute' und 'Es geht um die Rettung wahrhaft großer Kunst'.


Textauszug (computergeneriert)

"Statische Vorgänge"

Zur Rolle des Meditativen in Awet Terterjans sechster Sinfonie

Ein Essay von Wolfgang Schultz

20.8.2008


Inhalt

I.

Hinführung ------------------------------------------------------------------------ 1

II.

Hauptteil: 1. Der Komponist Terterjan im armenischen Kontext ------- 3

2. Die sechste Sinfonie ­ zwischen Statik und Prozess

a) Zur Funktion der Tonbänder -------------------------- 9

b) Partituranalyse: Meditation und Epiphanie -------- 12

c) Zum Begriff des Sinfonischen bei Terterjan ------- 19

III.

Schlussbemerkung -------------------------------------------------------------- 21

IV.

Literaturverzeichnis ------------------------------------------------------------- 22


Hinführung

"Gerade die Musikwissenschaft stellt für das Mittelmaß eine besondere Gefahr dar

(daher auch der ständige Haß ihr gegenüber). Kennen doch Musikwissenschaftler

[...] auf Grund der Spezifik ihres Berufes [...] sehr viel mehr Komponisten. Auch

hier dienen selbstverständlich mittelmäßige Musikologen mittelmäßigen

Komponisten, aber ein ehrlicher, gebildeter Musikwissenschaftler, der sich nicht in

den Dienst der Konjunktur stellt und die Vorgänge zu durchschauen vermag, bringt

die Karten der Pseudokomponisten ordentlich durcheinander [...]: Er nennt die

Dinge bei ihrem Namen, zeigt Geistlosigkeit auf, wo Geistlosigkeit vorliegt.1"

Awet Terterjans Hochschätzung zum Trotz fällt die musikologische

Auseinandersetzung mit dem armenischen Komponisten außerhalb des ehemals

sowjetischen Raumes sehr gering aus. So verwundert es nicht, dass sich unter der im

bibliographischen Anhang aufgeführten Literatur nur eine Veröffentlichung findet,

die sich konkret mit einem Werk Terterjans beschäftigt: Hannelore Gerlachs Aufsatz

′Das »dam« in der 6. Sinfonie von Awet Terterjan′, der ein wichtiges Fundament für

die im Rahmen der vorliegenden Arbeit angestellten Untersuchung darstellt.

Terterjans sechste Sinfonie wird darin ebenfalls vom Begriff des ′dam′, des

′unendlichen′ Tons2, ausgehend betrachtet, um auf dieser Grundlage ihren statisch-

repetitiven Stil und dessen Einbindung in einen zeitlichen Prozess deutlich und

deutbar zu machen. Als erster Schritt wird hierbei eine Verortung des Komponisten

und seiner Philosophie im armenischen Kontext versucht, um dann zur ausführlichen

Betrachtung der Sinfonie selbst (unter den bereits genannten Gesichtspunkten)

fortzuschreiten. Abschließend folgt eine kurze Erörterung der Frage, inwieweit

Terterjans Komposition tatsächlich als ′sinfonisch′ bezeichnet werden kann.

Wichtige Hilfen bei der Erarbeitung dieser Fragestellungen stellten Tatjana Porwolls

kurzer Aufsatz ′Schwingungen des Kosmos. Zeitgenössische Musik in Armenien′,

1

Terterjan, Awet: Der Komponist heute. In: Danuser, Hermann (Hrsg.): Sowjetische Musik im

Licht der Perestroika. Interpretationen. Quellentexte. Komponistenmonographien. Laaber 1990. S.

307. Im Folgenden zitiert als ′Terterjan 1′.

2

Vgl. Gerlach, Hannelore: Das "dam" in der 6. Sinfonie von Awet Terterjan. In: Danuser, Hermann

(Hrsg.): Sowjetische Musik im Licht der Perestroika. Interpretationen. Quellentexte.

Komponistenmonographien. Laaber 1990. S. 145. Im Folgenden zitiert als ′Gerlach′.

1


George Bournoutians und Tessa Hofmanns allgemeinhistorische Monographien ′A

Concise History of the Armenian People′ und ′Annäherung an Armenien. Geschichte

und Gegenwart′, sowie Terterjans (sich inhaltlich großteils überschneidende) Texte

′Der Komponist heute′ und ′Es geht um die Rettung wahrhaft großer Kunst′.

Die verschiedenen Umschriften von Terterjans Namen habe ich in den

bibliographischen Angaben in ihren Varianten belassen, da eine Angleichung das

Auffinden der verwendeten Literatur unnötig erschweren würde.

2


Hauptteil

1. Der Komponist Terterjan im armenischen Kontext

Die armenische Kulturrenaissance des 19. Jahrhunderts brachte nicht nur politische,

sondern auch künstlerische Impulse aus Europa mit sich. An Universitäten und

Akademien in Frankreich, Deutschland, Italien, Russland und der Schweiz studiert3,

richteten Vertreter der armenischen Intelligenzija nach ihrer Rückkehr in ihre

Heimatländer Druckerpressen ein, gründeten Zeitungen und Schulen4. Durch die

Hebung des Bildungsniveaus der unter türkischer bzw. russischer Herrschaft

lebenden west- und ostarmenischen Bevölkerungen suchten die Urheber dieser

Maßnahmen ein Nationalgefühl zu befördern und schließlich der sozialen und

politischen Emanzipation der Armenier näher zu kommen5. Im Rahmen dieser

Entwicklungen bildete sich nicht nur eine neue armenische Schriftsprache heraus,

sondern es wurden auch europäische Autoren ins Armenische übersetzt, Werke im

romantischen Stil geschrieben und klassische Tragödien aufgeführt6. Mitte des 19.

Jahrhunderts entstanden die ersten armenischen Sinfonieorchester, 1868 die erste

Oper, Anfang des 20. Jahrhunderts folgten schließlich die ersten sinfonischen Werke

armenischer Komponisten7.

Nachdem die westarmenische Kultur infolge des Völkermords von 1915/16 durch

das Jungtürkenregime, der auch nach bald einem Jahrhundert nichts an politischer

Brisanz eingebüßt hat, ihre Relevanz für die hier behandelten Entwicklungen verlor,

verbleibt der Fokus der Betrachtung auf Ostarmenien allein. Unter den vorrangig an

den Konservatorien Moskaus und Leningrads ausgebildeten Komponisten8 war es

hier vor allem Aram Chatschaturjan zu verdanken, armenische sinfonische Musik in

der Sowjetunion und weltweit bekannt gemacht zu haben, indem er traditionell-

3

S. Bournoutian, George: A Concise History of the Armenian People. Costa Mesa, Ca. 2003. S.

286. Im Folgenden zitiert als ′Bournoutian′.

4

Ebenda, S. 198ff. u. 283ff.

5

Ebenda, S. 283. Vgl. a. Hofmann, Tessa: Annäherung an Armenien. Geschichte und Gegenwart.

München 1997. S. 63ff. Im Folgenden zitiert als ′Hofmann′. Dieses neu gewonnene politische

Bewusstsein zeigt sich nicht zuletzt in der Verfassung, die sich die osmanischen Armenier 1863

gaben. Vgl. Bournoutian, S. 200ff.

6

S. Bournoutian, S. 198ff. u. 283ff.

7

S. Pahlevanian, Alina et al.: Armenia. In: Grove Music Online.

http://www.oxfordmusiconline.com.ubproxy.ub.uni-

heidelberg.de/subscriber/article/grove/music/42078. Im Folgenden zitiert als ′Pahlevanian′.

8

Ebenda.

3


westliche Kompositionsformen mit folkloristischem (oder folklorisierendem) Kolorit

verband9. Chatschaturjan darf als künstlerischer Vater einer Generation armenischer

Komponisten gelten, die sich in der Konfrontation mit dessen Hinterlassenschaft

intensiv mit der Frage armenischer und armenischer musikalischer Identität

auseinandersetzte und auseinandersetzt. So bemerkt der 1939 geborene Tigran

Manssurjan in diesem Zusammenhang:

"Chatschaturjan war ohne Zweifel ein außerordentlich begabter Komponist, der

Maßgebliches zur Aufwertung der neuen armenischen Musik geleistet und dadurch

ihr Ansehen gefördert hat. Aber seine Musik lebt nur von dekorativen Motiven; sie

basiert auf leichten und populären Volksweisen. Die mystische Tiefgründigkeit der

armenischen Musik fehlt ihr. Das jahrhundertelange bittere Schicksal des

armenischen Volkes wurde durch festliches Oberflächenkolorit verdeckt.10"

Mit dieser Einschätzung aber steht Manssurjan Tatjana Porwoll zufolge nicht alleine,

die zu dem Schluss kommt:

"Die neue armenische Musik steht damit im Gegensatz

zur Musik von Chatschaturjan.11"

Tatsächlich weist diese eine stilistische Bandbreite

auf, die von den Epigonen Chatschaturjans über meditative, an die armenische

Kirchenmusiktradition anknüpfende Konzeptionen bis hin zum Einsatz von an der

westlichen Avantgarde geschulten Techniken reicht12.

Auch die Musik Terterjans, der 1929 in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku

geboren wurde, könnte Chatschaturjan in ihrer konzeptionellen und technischen

Ausformung ferner kaum sein. Tatsächlich ist es dem Komponisten, gerade in der

dieser Arbeit zugrunde liegenden sechsten Sinfonie, gelungen, eine ganz eigene

Antwort nicht nur auf die Frage nach einem dezidiert ′armenischen Stil′ zu geben,

sondern auch auf die Frage, wie eine Sinfonie ′im Zeitalter der technischen

Reproduzierbarkeit′ von Musik klingen kann. Bevor jedoch dieses spezielle Werk in

den folgenden Kapiteln näher untersucht werden wird, erscheint es angebracht, noch

einige Worte über Terterjan selbst zu verlieren. Seine Entscheidung, nach

dreijähriger Ausbildung an der Musikhochschule Baku in die benachbarte

Sowjetrepublik Armenien zu emigrieren, um in Jerewan einem ausgedehnten

9

Vgl. Sarkisyan, Svetlana: Khachaturian, Aram. In: Grove Music Online.

http://www.oxfordmusiconline.com.ubproxy.ub.uni-

heidelberg.de/subscriber/article/grove/music/14956.

10

Porwoll, Tatjana: Schwingungen des Kosmos. Zeitgenössische Musik in Armenien. In:

MusikTexte. Zeitschrift für neue Musik. Bd. 32. Köln 1989. S. 21. Im Folgenden zitiert als

′Porwoll′.

11

Ebenda.

12

S. Pahleyanian. Vgl. a. Porwoll, S. 21f.

4



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