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"Fratzen der Souveränität"

Subtitle: Wie Überzeugungsarbeit das Politische zerstört

Textbook, 2008, 374 Pages
Author: Dr. phil Werner Hanses-Ketteler
Subject: Philosophy - Miscellaneous

Details

Category: Textbook
Year: 2008
Pages: 374
Bibliography: ~ 111  Entries
Language: German
Archive No.: V116939
ISBN (E-book): 978-3-640-19263-2
ISBN (Book): 978-3-640-19271-7
File size: 1084 KB

Abstract

Eine Überzeugung verbreiten zu müssen, heißt, ihre Unglaubwürdigkeit zu reflektieren, sowohl als Individuum wie als Gruppe. So weit sich dieser Unglaubwürdigkeit bewusst zu sein, dass der Zweifel an dem, wovon man sich erfüllt glaubt, durch Überzeugungsarbeit unterbunden und dieses Unterbundenhaben offensiv kommuniziert werden muss. Wenn Wahrheit „der Anfang des Gedankens ist“ (Hannah Arendt) und nicht das Resultat, heißt das aber: Sie ist kein Besitz, den man verfügt und durch Überzeugungsarbeit anderen eintrichtert, die es sich notgedrungen zueigen machen und das unaufgelöst Zweifelhafte, durch Bekundung, Allianz, Fortzeugung ausagieren. - Eben dies ist aber Realität. Der deprimierende Konformismus, die schleichende Entpolitisierung der (und durch die) politischen Akteure und ihrer Gläubiger vor den Empfangsgeräten, die wahnhafte ausschließliche Rückwendung auf die Erwerbsnatur, die Auffassung des Politischen als Mangelverwaltung ... offenbaren nicht nur die gänzliche Abwesenheit von politischer Philosophie, sondern vor allem die Abwesenheit eines originär politischen Willens, dem die Konstruktion und Konstitution der Gesellschaft als des Künftigen noch Thema wäre. [...]


Excerpt (computer-generated)

,,ÜBERZEUGUNGSARBEIT"



Typologie und Funktion des credomachenden Phantasmas
- Theorieinstallation zur politischen Philosophie








von:

Werner Hanses-Ketteler (Dr.phil.)
































1


INHALTSÜBERSICHT

EINLEITUNG 5

Begriff der Überzeugung 6. - Psychographie 12. - Vorschau 15. ­

Navigationshilfe

35.

­ Kapitalistische Maschine 37. ­ Zwangsprivatisierung, Disqualifikation der abstrakt-

subjektiven Vermögen (a) Arbeit 38, (b) Begehren 49, Sprache (40). ­

Transformation Massenkaufkraft in Kommandokapital 41. ­ Wie viele Arme kostet ein

Reicher? 42. ­ Nachtrag Herbst 2008, 44. ­ Postdemokratisches Regime 47. ­

Performanzterror 48.

ERSTES KAPITEL: LINKS - RECHTS - MITTE 49

Die unmögliche Beziehung der Überzeugung auf das Wahre 50. - Politische

Artikulation, Strömungen 53. - Repräsentation 54. - Normalität, Körperschaft 55. ­

Staatskörper, Leviathan 57. - Regressive Vergemeinschaftung - progressive

Vergesellschaftung 58. - Zwei Prämissen des Subjekts: das sub-iect ist eine

zerstörte, aber bewohnbare Repräsentation; das Subjekt strebt, das sub-iect

aufzulösen 60. - Geregelte und ungeregelte Entsubjektivierung,

Affektbewirtschaftung 61. ­ ,,radikal" ­ ,,extrem". Der rechte Wunsch 62. - Der linke

Wunsch 63.- Rechtes Paradigma, ,,neue"/extreme Mitte 66. - Nähere Bestimmung

der neuen Mitte 67. - Anhang: Anti=Deutschtum, Vergleich von rechts- und

linksextremer Überzeugungsarbeit 68.

ZWEITES KAPITEL: ARTIKULATION - AFFEKTBEWIRTSCHAFTUNG -

ONTOMSEMIOSE 74

Überzeugung als semiotische Maschine; das Teilen der Überzeugung depotenziert

sie zur Wirkmächtigkeit 74. - Begehren, Abstraktion, Wunschmaschine 75. - Das

Zeichenhafte und seine Zerstörung: Entsubjektivierung, Herrschaftssemiologie 73. -

Das Maschinische 81. - Doppelte Gliederung - a) herrschaftssemiologisch, b) nach

dem hjelmslev′schen Raster 82. -Übertragung des hjelmslev′schen Rasters auf das

Soziale 84. - Überzeugungsarbeit als Demontage des Zeichenhaften 87. - Statt Sinn-

Artikulation Re-Produktion des Sinnlosen (Tauschwert, festgestellte Bedeutung) 88. -

Überzeugungsarbeit als semiotische Maschine, Zusammenfassung 90. -

Artikulationssynthese 91. ­

Affektbewirtschaftung

92. A. Autonome

Affektorganisation, Spinozas Theorie der Affekte 95. ­Spinozismus als

Ekstasetechnik 108. ­ B. 109. ­ Autonome Affektorganisation ist das Gegenteil von

Überzeugungsarbeit 110. ­ Überzeugungszeichen 111. ­ kLVergemeinschaftung,

Gattungsbestialität 112. ­ C. Öffentlichkeit 120.

DRITTES KAPITEL: ABSTRAKTION - REDUKTION - THEORIE 123

Theorieinstallation: den Begriff

der

Theorie aufgeben 123. Handeln in Theoremen

125. - Begriff der Abstraktion, Vollzug der Kritik im Unterschied zu reduktiver Analyse

125. - Wie funktioniert eine Theorieinstallation? Paradoxe inszenieren,

Perspektivismus, das Element des Zweifels 129. - Auseinandersetzung mit der

bürgerlichen Philosophie, dh Theorien die das Selbstverhältnis als Besitzverhältnis

denken 130. - Sein und Schein 132. - Abstrakte Subjektivität 76. - Zur Grundlegung

der transzendentalen Egologie, die souveräne Rationalität nach Kant: Wie man frei

etwas beginnt durch reine Vergesetzlichung; Pflichtautonomie rettet das Selbst vor

2


der Zerstörung durch das Sinnenhafte 136. - Wie die Person zur Habe kommt durch

Subjektivierung des Intersubjektiven: Hegels Sittlichkeit 139. - Der Wille als

depotenziertes Begehrungsvermögen 144. - Naturrecht der Vernunft,

bevormundende Gerechtigkeit, Letztbegründung durch/als rationalitätserhaltende

Gewalt 145. - Rechtssetzende und rechtserhaltende Gewalt (Benjamin, Derrida) 148.

- Vorrang des Eigentums vor dem Leben; der Ethikkommissar als Spitze der

Subjektivierung 150. -

Theorieinstallation als angemessener Vernunftgebrauch 151, Aufführung der

Theoreme: I Das Zwanghafte vor dem Zwang 152, II das Soziale als

Artikulationssynthese, die abstrakte Subjektivität ist das, was das Intrasubjektive und

das Intersubjektive unterscheidet und verbindet 153, III das Subjekt ist Streben nach

Selbsterhaltung und/durch Entsubjektivierung 155, IV der diffus emotiv-ratiomorphe

Prozess 156, V das Soziale ist Sprache, Sprache komplexeste Involution des

Zeichenhaften 158. - Theorieinstallation gegen Ent=Subjektivierung; das Soziale

eröffnen 160. - Anti-Souveränität; das Recht als reines Gesetz wie Dichotomie von

Setzung und Satzung 163.

VIERTES KAPITEL: AUTONOM - SOUVERÄN - HEGEMONIAL 171

Trugbilder des Sozialen 172- Rekapitulation des Methodenszenarios 173

1. WAS IST POLITIK? Transformation naturwüchsiger Zwänge in soziale

Verbindlichkeit 178- Ausnahmezustand, das Recht des Gesetzlosen 179 - Die

,,Sphäre von Streit, Pluralität und Differenz" (H.Arendt) 181.

2. PHANTOME DES POLITISCHEN: Das Phantom der Souveränität, die

,,Persönlichkeit des Ganzen" und ihre exklusive Regel; Recht - Habe - Selbst 184. -

Kritik des Souveräns 186.

3.DIE PRODUKTION DES SINNLOSEN 188. - Wertvergesellschaftung 194. - Wert

als transzendentaler Schematismus 196. - Geldwirtschaft 199. - Liquidität 201. -

Populismus, ,,-tainment" 205. - Das Phantom der Repräsentation: Statt Delegation

und Vermittlung Aggregat der eingestellten Interessen 208. - Unterscheidung reiner

von herrschender Gewalt, Setzung und Satzung 209. - Zerstörte

Repräsentation/realisierte Abwesenheit und Souveränität als wahnhafte

Vergegenwärtigung und ideelle Totalität 213. - Majorität: ein Selbst, das herrlich

niederkommt 214. - Das Phantom der Immanenz, Schöpfung machen (Hardt/Negri)

statt ,,in der Immanenz sein" 217. - Immanenz/ kapitalistische Maschine 218. -

Pseudo-Immanenz der öffentlichen Überzeugungsarbeit ,kollektive Synthesis der

Apperzeption; End-Stellung des Zeichenhaften durch Ausschluss sozialer

Interpretanten 220. - Das Phantom der Produktion: Produktion des Sinnlosen,

Selbstbeherrschung, herstellende Gewalt 226. - Das Phantom der Dialektik 228. -

Affektbewirtschaftung 230. . Vermögensbesitzergesellschaft, Resümèe. - Produktion

des Konsumismus 231. - Gläubiger-Schuldner 232. - Markt als regelhaft verdeckter

Ausnahmezustand/Lager 236. ­ Massendemokratie 237. - Das Phantom der

Gerechtigkeit 240. - Ausnahmezustand (Agamben) 242. - Das Recht in Mitteln und

Zwecken 244. - Gerechtigkeit und Recht sind sich fremd 245. - Reaktivwerden der

kapitalistischen Maschine 246. - Corporativ performieren 247. ­

Massenhaltergesellschaft 250.

4. HEGEMONIE der Produktionsweise. Der Hegemon gebietet die Produktion des

sinnlosen.Tendenzen: 1) Die Produktion wird immer zwanghafter und absurder 253.

­ Affektbewirtschaftung 254. - 2) Der Übergang ins postdemokratische Regime wird

immer wahrscheinlicher 256.- Zwangsprivatisierung 257. - Kult und Krise des

Privaten 258.- Kriegsökonomie, mititärisch-industrieller Komplex 259. ­ Neocons

3


260. - Bullshitting 261. - Gramscis Hegemonie 268. - Angelsächsische Weltordnung

und neueste asiatische Produktionsweise 267. - Best practices der analytischen

Philosophie 268. - Satzverfassung und Regimewechsel 269. - Best practices des

Calvinismus 274. - Postdemokratisches Regime. - Freihandelszone 280

EXKURS: Was ist Dialektik?

Investiton des abstrakt-subjektiven Vermögens,

Reflexionsüberschuss durch Rekursion 283: - Kants transzendentale Dialektik 284: -

Transzendentaler Schematismus ­ Entziehen unbestimmter Zeit 286. ­ ,,als ­

zugleich ­ überhaupt" 287. ­ Hegels Dialektik 288. 1. Variation: ,,Die Substanz ist als

Subjekt bestimmen." 290. ­ 2. Variation: ,,Alles Vernünftige ist ein Schluss." 296. ­

Marx 299. ­ Die Wertsubstanz wird als Kapital bestimmt 301. ­ Kapital als Produkt

der bürgerlichen Verfasstheit 307. ­ Auslaufmodelle (Adorno 308, Lukacs 309). ­

Moderne Zivlisation: Resultat einer Fehlinterpretation des Stoffwechsels zwischen

Mensch und Natur 310.

FÜNFTES KAPITEL: TUGEND - TERROR - KONFORMISMUS 312

- Credo-Machen/ Gewissen abschaffen 314. - Konsumismus heißt, asketische Ideale

zu leben 317. - Terror aus Koinzidenz von Tugend und Konformismus, der

Selbstmordattentäter als Fratze des Souveräns 319. - Wie funktioniert Terror? Drei

Formeln:1. kein Terrorismus ohne Öffentlichkeit 321. ­ Den Tod vollziehen, der

schon stattgefunden hat 323. - Was ist pöbelhaft? 325 -

2. Das ,,erwählte Trauma", eine paranoide Analyse bewerkstelligen 325. - Exkurs

über Bush & Schreber 323. - Töten als inneres Erlebnis (Sofsky) 330. - 3. Erzeugen

einer totalen Gegenwart 332. - Produktion des Sinnlosen zur Überzeugungsarbeit

gesteigert; das Unverfügliche ausschalten 333. - Semiotische Maschine 338. ­

Überzeugungszeichen 339. - Fundamentalismus als Konfusion rechtsradikal-

linksextrem; das Begehren nach dem Grund 342. - Das Schisma des Grundes 344. -

Ein neuer Einsatz für das Politische 345. - Nietzsches Kritik des Souveräns. Das

Individuum resultiert aus Nachleiden. Ein singuläres Gattungswesen 346. - Die

Unglaubwürdigkeit jeder sozialen Verbindung 347. - Apollinisch-dionysisch, ,,Kräfte in

strenger wechselseitiger Proportion, nach dem Gesetz ewiger Gerechtigkeit",

radikales Handeln, gelingende Konstitution 349. - Die Gerechtigkeit entstammt der

Maßlosigkeit des Leidens; die Unablösbarkeit der Maske 351. - Gerechtigkeit und

Täuschung 352. - Schisma des Grundes, doppelte Unergründlichkeit 353. - ,,Wir

Guten" kennen keine Zensur 354.

4


EINLEITUNG

Eine Überzeugung verbreiten zu müssen, heißt, ihre Unglaubwürdigkeit zu

reflektieren, sowohl als Individuum wie als Gruppe. So weit sich dieser

Unglaubwürdigkeit bewusst zu sein, dass der Zweifel an dem, wovon man sich erfüllt

glaubt, durch Überzeugungsarbeit unterbunden und dieses Unterbundenhaben

offensiv kommuniziert werden muss. Wenn Wahrheit ,,der Anfang des Gedankens ist"

(Hannah Arendt) und nicht das Resultat, heißt das aber: Sie ist kein Besitz, den man

verfügt und durch Überzeugungsarbeit anderen eintrichtert, die es sich notgedrungen

zueigen machen und das unaufgelöst Zweifelhafte, durch Bekundung, Allianz,

Fortzeugung ausagieren. - Eben dies ist aber Realität. Der deprimierende

Konformismus, die schleichende Entpolitisierung der (und durch die) politischen

Akteure und ihrer Gläubiger vor den Empfangsgeräten, die wahnhafte

ausschließliche Rückwendung auf die Erwerbsnatur, die Auffassung des Politischen

als Mangelverwaltung ... offenbaren nicht nur die gänzliche Abwesenheit von

politischer Philosophie, sondern vor allem die Abwesenheit eines originär politischen

Willens, dem die Konstruktion und Konstitution der Gesellschaft als des Künftigen

noch Thema wäre. Also eine ,,Überzeugung" im traditionellen Sinne oder eben besser

gesagt: Eine Einstellung, die nicht das Präfabrizierte austrägt, um zu verifizieren, was

als besessene Wahrheit oder Besessenheit durch ,,Wahrheit" vorab fix und fertig

sein soll, faktisch aber sich verwechselt in den Zwang, als Akteur im einschlägigen

Milieu seine performance zu definieren als Bedingung der Möglichkeit überhaupt,

eine politische Ansage zu machen.

Insofern dies nicht etwa nur eine soziale Pathologie ist, die immer verbreiteter

auftritt, sondern die ,,kollektive Synthesis der Apperzeption" betrifft, so liegt darin ein

entschiedener Bruch - schwer zu erkennen, weil es immer Korruption, Intrigen und

das ganze große Arsenal der `guten alten′ Doppelmoral gegeben hat - mit der

traditionellen und für sich bereits krisenanfälligen bürgerlichen Demokratie. Als ein

von und durch sich selbst unbeherrschbarer, sich als solcher - Scheinkörperschaft -

in die Einzelnen partikularisierender Mechanismus unterliegt das post-moderne

politische Konstrukt, das, wodurch ehedem Vermittlung von Individuum und

Gesellschaft hatte sein sollen, nach meiner Hypothese dem Regress auf Selbst-

Erhaltung in einem Maaße, das die moderne Gesellschaften charakterisierenden

Disötinktionen zu löschen droht. Dieses Verlangen, in dem jegliches singuläre

5


Begehren gebannt ist, in dem es um Vergemeinschaftung nach Art vorsozialer

Verbände geht, ist für den Einzelnen wie für die Gruppe, für die Regierenden wie die

Regierten das gleiche. Insofern besteht nicht nur trotz, sondern gerade auch durch

die Zerstörung und Rekonstruktion aller möglichen Formen von Souveränität, trotz

den kleinen Unterschieden - wie viel oder wenig Sozialdumping, Umweltschutz,

Militärdienstleistung - zwischen Anführern und Abführern tiefe, geradezu liebende

Einvernahme. Dem grauenhaften Konformismus des Souveräns, seiner niederen und

erniedrigenden Beweggründe geht diese Untersuchung nach. Für sie gilt wie für

jeden Gedanken - und für jede singuläre Existenz, die im besten Sinne ja auch ein

Gedanke ist -, dass die Beziehung auf Wahrheit in ihrer Verfolgung verloren gehen

kann. Die Wahrheit ist so gesehen eine Art Kredit, den man beim Schicksal nimmt,

das Vertrauen auf die Glaubwürdigkeit der eigenen These und dass in dieser

Setzung etwas zur Wirklichkeit kommt, was die Satzung bislang unterschlagen hat.

Sie ist kein Besitz und kein Fabrikat, weder durch Verallgemeinerung automatisch zu

erstellen, noch durch elitären Vorbehalt.

Die Überzeugung, in der das biologistisch-obsessive Sich-Fortzeugen, das

eschatologisch-obsessive Zeugnisgeben und das penetrant-souveräne Zudreschen

mit Argumenten, deren Valenz im Wiedergekautwerden besteht, beiherspielen, fasse

ich auf als semiotische Maschine. Überzeugungsarbeit ist so das Austragen und

Abhandeln oder Hinweghandeln des Zweifels nach außen wie nach innen, eigentlich

genau das Gegenteil von dem, was man gemeinhin sich so als ′eine Überzeugung

haben′ denkt oder auch etwas anderes, als mit rhetorischen Mitteln einen

vorwaltenden Zweck zu verfolgen. Eine Überzeugung haben sowohl im politischen

wie weltanschaulichen usw Sinn hieße also, sich etwas Entsprechendes

herbeizureden oder herbei zu propagieren oder zur Not herbeizubomben; das `zur

Not herbeibomben′ macht spätestens klar, wie die Not dabei den Besitzer wechselt

und mit welcher Heftigkeit sich die Träger des explosiven Zweifels davon entlasten;

und wie das Gewicht der Lüge, das aus angemaßter Wahrheit rührt, sie in den

Abgrund, dorthin reißt, wo tatsächlich kein Grund zu finden ist. Ist dieses Phänomen,

das vom populistischen Tagesgeschäft bis zum fundamentalistischen Wahnsinn

reicht, aber neu? Hat es nicht immer Überzeugungsterror gegeben?

6


Neu ist dass entgegen dem traditionellen Glauben, der gegründeten Ansicht, der

felsenfesten Meinung, der eher verborgenen Gesinnung, mit der man hinter den Berg

hält, die Überzeugung ein Subjekt hat, das in der Überzeugungsarbeit

eine

Nicht=Souveränität zwanghaft austrägt

. Dies betrifft soziale Gruppen, deren

mentalitätsgeschichtliche Konstanz, deren Herrschafts- und Besitzformen,

Gebräuche, Anschauungen keine internen Konfliktbewältigungen mehr zulassen, die

keine Lösungen, Aufhebungen mehr kennen, sondern nur noch das Delegieren und

Propagieren innerhalb eines zur Totalität verklärten Diskontinuums. Nicht dass es

jemals eine funktionierende Vermittlung gegeben hätte, vielmehr manifestiert sich

diese Nicht-Vermittlung immer bedrängender. Manifestieren heißt, dass sie sich über

die subjektiven Betreiber in ein imaginiert körperschaftliches Handeln entlastet,

aufwiegt, austrägt, durch den sich der unerträglich gewordene Scheinleib des

Souveräns entsetzt. Das körperschaftliche Handeln konstituiert soziale Einheiten,

welche als organismische Projektionen erfüllt, besessen und immunisiert werden

sollen gegen das, was ihren Zusammenhang immer von innen bedroht: Die

Bedrohung rührt aus der Unhaltbarkeit und Unbegründbarkeit des Anspruchs, eine

unterworfene Körperschaft, welche man zunächst `selbst` ist oder als das je eigene

`Selbst′ haben soll, so zu dirigieren und zu bewirtschaften, dass sie vollkommen ist,

perfekte Erscheinung, reibungslose Funktion, gänzliche Autonomie durch und sogar

von sich selbst. - Die Not, die sich darin bekundet, ist Anlass und Ergebnis

paranoischer Analyse

Paranoische oder paranoide (eine paranoische Situation fixierenden) Analyse kreist

um das Selbst der Zerstörung (personologisch wie gruppenegologisch). Es geht

darum, den inkorporierten Feind außen zu finden, ihn zerlegen - spalten, entschärfen

..., verschieben, wiederholen können (neue Bindungsenergie durch gewissen

Abstand finden); dies betrifft sowohl die Passion des zum trockenen

Überzeugungstäter wiedergeborenen `Redneckdröglers′ wie sich unter dessen

Paradigma subjektivierende Gruppen. Man erlebt, wie aus dem inneren

Schweinehund der äußere Verfolger entsteht durch das Opfer (das der

Redneckdrögler bringt) und das Geopferte (den Heiland, Marterleib). Das Leben wird

eine anhaltende Freudlosigkeit, die der Erbsünde geschuldet ist, diese Schuld trägt

man ab, indem man sie generalisiert. Niemand scheint so viel Spaß am töten zu

empfinden wie Fundamentalisten. Die paranoische Analyse überformt das Politische

vom Typ westlicher Demokratie durch eine post-souveräne Scheinkörperschaft, formt

7


sie durch technokratische, in immer neuen ,,Sach"zwängen aufgerechnete Gewalt

nach Innen und diffuser, entidfferenzierender Gewalt nach Außen. Der sog. ,,Krieg

gegen den Terror" (das Dispositiv Petrodollarterrorismus) verwirklicht im größten

Maßstab paranoische Analyse:

1. Durch Entdifferenzierung mittels der Aufhebung der Grenzen zwischen Innen und

Außen, die globale Bedrohung evoziert eine Ausnahmezuständigkeit, die de facto

innerstaatliche wie multilaterale Legalität beseitigt; durch eine Art translegale

Militärpolizeigewalt, die in oder als diese Ausnahmezuständigkeit agiert.

2. Durch die Reduktion - Rückführung, Verengung - auf einen unfassbaren -

absurden, unhaltbaren, extrem(istisch) verkürzten - Gegensatz von Freund-Feind,

Selbst und Verfolger; die Entdifferenzierung, die rational aufzufassen ist als

Beseitigung von Produktionshemmnissen aller Art, und die Zentraldichotomie als der

andauernde Versuch, das Unverfügbare mittels herstellender Gewalt auszuschalten,

versichern

3. Eine (sinn- oder `geschickhaft′) beschwerte Gegenwart, die vorzüglich die Existenz

des paranoiden Selbst betreffen, das Wiederholen der Exklusion des negativ

Gesetzten und der Inklusion des positiv Anverfügbaren durch eine Satzung, die man

exklusiv zu handhaben weiß. - Entdifferenzierung im Zeichen oder besser im Nicht-

Zeichen oder im fixierten Hyperzeichen eines imaginierten absoluten Gegensatzes

betrifft auch die Entmischung - Homogenisierung - heterogener ökonomischer,

triebökonomischer, `weltanschauungsökonomischer′ usw Initiativen, welche die

materiellen Realitäten im Modus ihres Verschwindens je schon hintergangen und

durch wesenhaftere Prozesse entgründet haben.

Dies ist kein Phänomen sozialpathologischer Art von dem die Normalen

ausgenommen wären, sondern steht im Zentrum oder ist der Hauptantrieb des

Normal-Werdens. Ein perfekt eingerichtetes Sein, das ganz wesentlich ist, wenn es

ganz in die Erscheinung tritt, dessen Wesenlosigkeit in der Güte seiner Erscheinung

verschwindet. Das mithin alles eliminiert, was doch der Existenz ein Herausragen

und Bleiben geben soll. - Zum anderen ist dieses Verhalten nicht als das individuelle

eines oder zahlloser sozialer Wesen zu erklären, sondern es bildet oder reproduziert

einen Indifferenzbereich, der das Trägersubjekt bereits so weit entdifferenziert hat -

indem es das Vermögen, das Intersubjektive und das Intrasubjektive

auseinanderzuhalten aufgegeben hat -, dass es automatisch körperschaftlich handelt

8


(denkt, phantasiert, agitiert), sich in einem Intermedium imaginärer oder imaginierter

Zuständlichkeit und Zuständigkeit bewegt ohne dieses verlassen zu können oder zu

wollen. Aus einem Phänomen, das man vordem als soziale Pathologie hätte

beschreiben können, wird ein Massenphänomen, durch das sich gerade die

Oszillation zwischen Krankhaftem und Normalem jeweils neu normiert oder in einer

jeweils neuen Normalität aktualisiert, zu der es kein inneres Korrektiv mehr gibt.

Leute, die sich noch mühen ihre Zeit in Gedanken zu fassen, haben dazu passend

die immer wieder bestürzende Erfahrung, dass die Kritik vom Kritisierten auf dem

Wege einstweiliger Affirmation je schon überholt worden ist. All dies halte ich für

`Spät′folgen der verheerendsten Modernisierungsbewegung, die das 20. Jahrhundert

im deutschen Nationalsozialismus zutage gefördert hat.

Ein Aggregat von Operationen, deren Zustand und Zuständigkeit das Austragen

von Zwang ist, Produktion von Credo. Emphatisch gesprochen zeigt sich darin der

Verlust einer Beziehung auf Wahrheit, die unverfüglich ist oder extrapropositional, die

nicht diesseits gemacht, verallgemeinert oder jenseits vermutet, behauptet,

vorenthalten wird. Eine Wahrheit, die in dem Vermögen das Richtige zu tun - zu

urteilen und zu verantworten im und durch Handeln - sich nicht erschöpft, es aber

auch nicht transzendiert. Urteilen aufgefasst als Unterscheidungen treffen können,

die ein anderes Licht geben, Schlüsse zu ziehen, die im positiven Sinne - eine

Existenz bekräftigen - das Singuläre aus dem ausschließen, was allen gemein ist.

Verantworten, das ein Antworten auf das Problem des Zusammenlebens der Vielen

ist, deren Vielheitlichkeit gegen die Deformation durch Herrschaft (Gewalt,

Ausbeutung ...), die immer im Phantom der Souveränität gründet als der einem

Selbst verliehenen Verfügungsgewalt.

,,Überzeugungsarbeit" nenne ich den strukturellen Zwang zur Lüge (nebst

Entsorgen eines Bewusstseins diese betreffend) um des Erhalts der Selbst-

Herrlichkeit willen. Die Selbst-Herrlichkeit oder das, was seine Souveränität

exekutiert, gründet sich auf den Gemeinplatz oder dem Territorium, wo die Vielen

Objekt werden, oder ergründet sich am Wissen um Ursache und Wirkung, an der

Regel, die sich dem Vorschein verwahrt, in der monologischen Reduktion des

Sichtbaren auf einen idealen Grund, der durch Idealität gründlich und im Gründen

wie im Gründungswissen ideal wird.

Zum Märchenschatz der Gegenwart gehört das Märchen von der großen

Unübersichtlichkeit, welches das Märchen von der transzendentalen Obdachlosigkeit

9


fortschreibt. In diesem Märchen geht es um das Element der Grundlosigkeit und wie

es verloren wird an eine Realität die stetig platter, fragmentierter, auf funktionellen

Autismus veranlagt, durchschauter, uniformer, präfabrizierter und so der

Erfahrbarkeit, der Fühlbarkeit und der Erkenntnis entzogen wird. Eine vormoderne

Pose: das Leben muss, soll einen Grund haben scheint durch die spezifisch

moderne Erfahrung hindurch: dass zu existieren heißt, von allen Gründen abgerissen

zu sein; der Grund ist die Fläche, in der nichts gründet. Immer wütendere

Überzeugungsarbeit dekompensiert die unmögliche Beziehung auf den Grund, die in

der gewollten Form nie existierte. So gesehen definiert die Überzeugungsarbeit ein

Stadium, in dem der eigentliche Prozess der Moderne abbricht und falschen

Reproduktionen der Souveränität Platz macht; wobei sich erweist, dass dies im

Entstehen der Moderne als Sollbruchstelle eingeschrieben ist eben dadurch wie

dieses bürgerliche Subjekt konzipiert worden ist durch die Auslösung aus den

tradierten Vorurteilen, der Konstruktion um eine innere Grenze, hinter der wieder

gefährliche Natur auftaucht. Dem man entgegenzutreten hat als Produkt von

Subjektivierung ist, welches in Personalunion Agent wie Gegenstand der

Subjektivierung ist. Dies ist ebenso der (schmale) Übergang von einer Produktion

von Wahrheit zu dem Ausagieren des Zwangs, Wahrheit vorzumachen. Die

Beziehung auf den zerstörten Grund, die Zerstörung des Grundes von Beziehung

wird oder ist plötzlich transformiert in die Permanenz des zerstörten Grundes in und

durch

seine Zerstörung und entsprechend in die Permanenz des Lebens in

zerstörten Repräsentationen, von denen das Subjekt die vornehmste ist und die

prekärste, weil es den Prozess der Repräsentation aufheben soll.

Die Untersuchung betrifft also den obsessiven Kern der (post-)bürgerlichen

Weltbenutzung, den Prozess des immer ausschließlicher - zum Ausschluss stehen

an das Soziale, das Geistige, das Unverfügliche - auf die Habe gestellten Selbst,

seiner Phantomkörperschaften und der bis in die Fundamentalismen ausgewurzelten

Strebungen und Strömungen seiner Organisation. Dass es möglich ist, in zerstörten

Repräsentationen zu leben, ist verwunderlich, noch verwunderlicher aber,

dass

Zerstörtheit die Voraussetzung dafür ist, dass sie bewohnbar sind

. Würde das

Subjekt eindeutig funktionieren, würde es entweder sich direkt vernichten oder

gänzlich von den habitualisierten Subjektivierungen emanzipieren. Würde die

bürgerliche Demokratie funktionieren, bräche morgen die ganze Staatsorganisation

zusammen, weil mit der Bevormundung durch organisierte Interessen und dem

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