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Die Erwerbstätigkeit Älterer - Eine komparative Analyse Deutschlands und Schwedens auf der Basis eines Modells der rationalen Wahl

Diploma Thesis, 2008, 125 Pages
Author: Barbara Wolfer
Subject: Sociology - Work, Profession, Education, Organisation

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2008
Pages: 125
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 160  Entries
Language: German
Archive No.: V117021
ISBN (E-book): 978-3-640-18913-7

File size: 1453 KB

Abstract

1.1 Erkenntnisziel Die Erwerbsbeteiligung Älterer wird vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in den Industrienationen ein immer mehr zu diskutierendes Thema unserer Zeit. Die deutsche Gesellschaft ist hinsichtlich ihrer Bevölkerungszahl und Altersstruktur in einem tief greifenden Wandel begriffen: einerseits in einer Schrumpfung und andererseits in einer Alterung, was vornehmlich auf die Kombination aus einer niedrigen Fertilität mit einer immer weiter steigenden Lebenserwartung zurückzuführen ist. Daraus resultiert, dass ältere Menschen in allen gesellschaftlichen Teilbereichen immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken – so auch auf dem Arbeitsmarkt. Wie die Gesellschaft im Ganzen ist auch die Gruppe der Erwerbspersonen von den aufgezeigten Trends betroffen: „Das wichtigste aus der Bevölkerungs- und Arbeitsplatzentwicklung resultierende Arbeitsmarktproblem besteht in den nächsten 10 Jahren darin, daß es in den kommenden Jahrzehnten eine absolut wachsende Anzahl älterer Arbeitnehmer geben wird und es zentral darauf ankommt, daß die Älteren zu altersgerechten Bedingungen produktiv im Arbeitsprozess integriert bleiben“ (Skarpelis-Sperk 1993, S. 79). Personen von 55 und mehr Jahren stellen daher einen immer größeren Anteil des Erwerbspersonenpotenzials dar. Betrachtet man jedoch die Arbeitsmarktsituation dieser in Deutschland, ist erkennbar, dass sich jene Erkenntnis nicht in einer entsprechenden Höhe der Erwerbsbeteiligung widerspiegelt. Mit 55,3 Prozent liegt Deutschland im europäischen Ländervergleich zwar noch im oberen Mittelfeld, bleibt jedoch weit hinter Ländern wie Schweden mit entsprechenden 77 Prozent zurück. Der Abstand vergrößert sich ferner markant, wird nur die reine Erwerbstätigkeit dieser Personengruppe analysiert. Hier verbleibt Deutschland noch unter dem 2001 in Stockholm formulierten EU-Ziel von 50 Prozent, während das skandinavische Land dieses weit übertrifft (vgl. OECD 2008a). Fraglich ist nun, worauf es zurückzuführen ist, dass sich die Erwerbsbeteiligung der besagten Personengruppe in den beiden Ländern derart gravierend unterscheidet. Liegt dies an einer besseren wirtschaftlichen Verfassung des skandinavischen Landes oder an einer altersintegrierenderen Personalpolitik der dortigen Betriebe? Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, Ursachen für diese Variation aufzuzeigen.


Excerpt (computer-generated)

Diplomarbeit

Die Erwerbsbeteiligung Älterer eine komparative Analyse Deutschlands und Schwedens auf der Basis eines Modells der rationalen Wahl


im Studiengang Soziologie

an der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften

der Otto-Friedrich-Universität Bamberg


Verfasserin:

Barbara Wolfer



Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis ___ III

Tabellenverzeichnis ___ III

1. Einleitung ___ 1

1.1 Erkenntnisziel ___ 1

1.2 Aufbau der Arbeit. ___ 3

2. Der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ___ 5

2.1 Bisherige Entwicklungen und Zukunftsprognosen ___ 5

2.1.1 Die Entwicklung der Geburtenhäufigkeit ___ 5

2.1.2 Die Entwicklung der Lebenserwartung ___ 7

2.1.3 Die Entwicklung von Wanderungen ___ 8

2.2 Auswirkungen auf Bevölkerungszahl und Altersstruktur der Gesellschaft ___ 10

2.2.1 Auswirkungen auf die Bevölkerungszahl ___ 10

2.2.2 Auswirkungen auf die Altersstruktur ___ 11

2.3 Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ___ 13

3. Die Erklärung kollektiver Phänomene unter Bezugnahme der Theorie der rationalen Wahl ___ 15

3.1 Die Erklärung kollektiver Phänomene in der Soziologie ___ 15

3.2 Bausteine und Prinzip einer Theorie der rationalen Wahl ___ 16

3.3 Kritische Würdigung der Rational-Choice-Theorie ___ 18

3.4 Der Einfluss sozialer Kräfte auf das individuelle Handeln ___ 20

3.5 Das Grundmodell der soziologischen Erklärung ___ 21

4. Die Erklärung der Erwerbsbeteiligung Älterer ___ 25

4.1 Definition "ältere Erwerbspersonen" ___ 25

4.2 Das Rational-Choice-Modell der Erwerbsbeteiligung Älterer ___ 26

4.2.1 Die Logik der Situation ___ 26

4.2.1.1 Die soziale Situation der Erwerbstätigen ___ 28

4.2.1.2 Die soziale Situation der Erwerbslosen ___ 37

4.2.1.3 Die Verbindung zwischen sozialer Situation und Akteur 39

4.2.2 Die Logik der Selektion ___ 40

4.2.3 Die Logik der Aggregation 41

5. Die Erwerbsbeteiligung Älterer in Deutschland und Schweden ­ eine komparative Analyse ___ 43

5.1 Die komparative historische Analyse ____ 43

5.1.1 Charakteristika ___ 43

5.1.2 Einsatz und Schwächen ___ 45

5.1.3 Methoden ___ 46

5.2 Die Arbeitsmarktsituation älterer Erwerbspersonen in Deutschland und Schweden ___ 48

5.2.1 Überblick über die Arbeitsmarktsituation Älterer in Deutschland und Schweden ___ 48

5.2.2 Deutschland und Schweden in europäischer Perspektive ___ 51

5.3 Die komparative Analyse der sozialen Situation in Deutschland und Schweden ___ 52

5.3.1 Makroebene ___ 53


Seite I


5.3.1.1 Die Konjunktur ___ 53

5.3.1.2 Das generalisierte Altersbild ___ 56

5.3.1.3 Die Ausgestaltung des Wohlfahrtsstaates ___ 60

5.3.1.3.1 Das System der Arbeitsbeziehungen ___ 61

5.3.1.3.2 Die Arbeitsmarktpolitik ___ 63

5.3.1.3.3 Die Ausgestaltung des Rentensystems ___ 69

5.3.1.3.4 Weitere Grundpfeiler der Sozialpolitik ___ 73

5.3.1.4 Auswirkungen der Makroebene auf die Erwerbsbeteiligung Älterer ___ 77

5.3.2 Mesoebene ___ 78

5.3.2.1 Die betriebliche Personalpolitik in Bezug auf Ältere ___ 78

5.3.2.2 Die Bekämpfung des Qualifikationsrisikos Älterer im Betrieb ___ 83

5.3.2.3 Die Bekämpfung des Krankheitsrisikos Älterer im Betrieb ___ 86

5.3.2.4 Auswirkungen der Mesoebene auf die Erwerbsbeteiligung Älterer ___ 90

5.3.3 Die Mikroebene ___ 90

5.3.3.1 Das individuelle Qualifikationsniveau ___ 91

5.3.3.2 Der individuelle Gesundheitszustand ___ 95

5.3.3.3 Wunsch nach alternativer Gestaltung der Lebenszeit ___ 98

5.3.3.4 Wiedereintrittswunsch und empfundene -wahrscheinlichkeit ___ 101

5.3.3.5 Auswirkungen der Mikroebene auf die Erwerbstätigkeit Älterer ___ 102

6. Schlussfolgerungen ___ 103

Literaturverzeichnis ___ IV


Seite II


Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Geburtenrate in DE und SE im Zeitverlauf ___ 6

Abbildung 2: Wanderungssaldo je 1.000 Einwohner in DE und SE ___ 9

Abbildung 3: Altersaufbau in SE und DE (2000) ___ 12

Abbildung 4: Altersaufbau der deutschen Bevölkerung im Erwerbsalter ___ 13

Abbildung 5: Zusammenhang zwischen Makro-, Meso- und Mikroebene ___ 20

Abbildung 6: Das Grundmodell der soziologischen Erklärung ___ 21

Abbildung 7: Das Grundmodell zur Erklärung der Erwerbsbeteiligung Älterer ___ 26

Abbildung 8: Phasen eines Konjunkturzyklus ___ 29

Abbildung 9: Belastungsarten im Betrieb ___ 34

Abbildung 10: Zusammenhang zwischen U(A), U(V) sowie der Bewertung der Situationsfaktoren ___ 40

Abbildung 11: Erwerbsbeteiligung nach Altersgruppen in DE und SE (2006) ___ 49

Abbildung 12: Erwerbsbeteiligung der Älteren nach dem Geschlecht in DE und SE (2006) ___ 51

Abbildung 13: Erwerbsbeteiligung 55- bis unter 65-Jähriger der EU-19-Länder (2006) ___ 52

Abbildung 14: BIP pro Kopf der EU-27-Länder (2006) ___ 53

Abbildung 15: BIP pro Kopf in DE und SE im Zeitverlauf ___ 54

Abbildung 16: Erwerbstätigkeit und -losigkeit in DE und SE im Zeitverlauf___ 55

Abbildung 17: Ausgaben für aktive und passive Arbeitsmarktpolitik in Prozent des BIP (2006) ___ 64

Abbildung 18: Beschäftigung im öffentlichen Dienst als Anteil an Erwerbspersonen (2006) ___ 68

Abbildung 19: Rentenzugangspfade in DE und deren Anspruchsvoraussetzungen ___ 70

Abbildung 20: Ausgaben für Langzeitpflege und Bevölkerungsanteil der über 80-Jährigen (2000) ___ 74

Abbildung 21: Institutionelle Kontexte und deren Einfluss auf die Erwerbstätigkeit Älterer ___ 78

Abbildung 22: Krankenstand in DE und SE (1996) ___ 87

Abbildung 23: Physische Belastung am Arbeitsplatz in DE und SE (2005) ___ 88

Abbildung 24: Erreichte Bildungsabschlüsse der 25-bis 64-Jährigen in DE und SE (2005) ___ 91

Abbildung 25: Erreichte tertiäre Bildungsabschlüsse nach Eintrittskohorten in den Arbeitsmarkt in DE und SE in Prozent (2005) ___ 92

Abbildung 26: Selbsteinschätzung des Gesundheitszustands der 55- bis unter 65-Jährigen in DE und SE (2005) ___97


Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung in DE (1950 bis 2005) ___ 10

Tabelle 2: Situationsfaktoren der älteren Erwerbstätigen ___ 37

Tabelle 3: Situationsfaktoren der älteren Erwerbslosen ___ 38

Tabelle 4: Formulierung von Brückenannahmen ___ 39

Tabelle 5: Ausgewählte Gesundheitsindikatoren in SE und DE im Vergleich (2006) ___ 96


Seite II


1. Einleitung

1.1 Erkenntnisziel

Die Erwerbsbeteiligung Älterer wird vor dem Hintergrund des demografischen Wandels in den Industrienationen ein immer mehr zu diskutierendes Thema unserer Zeit. Die deutsche Gesellschaft ist hinsichtlich ihrer Bevölkerungszahl und Altersstruktur in einem tief greifenden Wandel begriffen: einerseits in einer Schrumpfung und andererseits in einer Alterung, was vornehmlich auf die Kombination aus einer niedrigen Fertilität mit einer immer weiter steigenden Lebenserwartung zurückzuführen ist. Daraus resultiert, dass ältere Menschen in allen gesellschaftlichen Teilbereichen immer mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken so auch auf dem Arbeitsmarkt.

Wie die Gesellschaft im Ganzen ist auch die Gruppe der Erwerbspersonen von den aufgezeigten Trends betroffen:

"Das wichtigste aus der Bevölkerungs- und Arbeitsplatzentwicklung resultierende Arbeitsmarktproblem besteht in den nächsten 10 Jahren darin, daß es in den kommenden Jahrzehnten eine absolut wachsende Anzahl älterer Arbeitnehmer geben wird und es zentral darauf ankommt, daß die Älteren zu altersgerechten Bedingungen produktiv im Arbeitsprozess integriert bleiben" (Skarpelis-Sperk 1993, S. 79).

Personen von 55 und mehr Jahren stellen daher einen immer größeren Anteil des Erwerbspersonenpotenzials dar. Betrachtet man jedoch die Arbeitsmarktsituation dieser in Deutschland, ist erkennbar, dass sich jene Erkenntnis nicht in einer entsprechenden Höhe der Erwerbsbeteiligung widerspiegelt. Mit 55,3 Prozent liegt Deutschland im europäischen Ländervergleich zwar noch im oberen Mittelfeld, bleibt jedoch weit hinter Ländern wie Schweden mit entsprechenden 77 Prozent zurück. Der Abstand vergrößert sich ferner markant, wird nur die reine Erwerbstätigkeit dieser Personengruppe analysiert. Hier verbleibt Deutschland noch unter dem 2001 in Stockholm formulierten EU-Ziel von 50 Prozent, während das skandinavische Land dieses weit übertrifft (vgl. OECD 2008a). Fraglich ist nun, worauf es zurückzuführen ist, dass sich die Erwerbsbeteiligung der besagten Personengruppe in den beiden Ländern derart gravierend unterscheidet. Liegt dies an einer besseren wirtschaftlichen Verfassung des skandinavischen Landes oder an einer altersintegrierenderen Personalpolitik der dortigen Betriebe?

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, Ursachen für diese Variation aufzuzeigen. Bereits im Vorfeld ist augenscheinlich, dass hier eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle spielen wird ­ zum einen auf der Ebene der Gesellschaft, wobei hier vor allem an


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wohlfahrtsstaatliche Arrangements wie das Rentensystem zu denken ist, weiterhin auf der Ebene des Betriebs und zwar z.B. hinsichtlich der Förderung Älterer im Rahmen betrieblicher Weiterbildung sowie schließlich auf der Ebene des Individuums selbst, sei es in Bezug auf dessen Gesundheitszustand oder Qualifikationsniveau. Auch ist anzunehmen, dass eine Unterscheidung zwischen der Situation der Erwerbstätigen und der Erwerbslosen erfolgen muss, da sich die jeweiligen Personengruppen unterschiedlichen Situationsbedingungen ausgesetzt sehen.

Um dem Ländervergleich eine Struktur zu geben, wird zunächst deduktiv ein Modell aufgestellt, mit dessen Hilfe es möglich sein soll, die Höhe der Erwerbsbeteiligung in einem beliebigen Wohlfahrtsstaat zu erklären. Als Basisannahme soll gelten, dass diese zurückgeführt werden kann auf Entscheidungen von Individuen, auf dem Arbeitsmarkt zu verbleiben oder diesen zu verlassen. Die zentrale Herausforderung liegt dabei in der sauberen und klaren Identifikation und Abgrenzung relevanter Faktoren, die diese Entscheidung hauptsächlich beeinflussen, wobei aufgrund der Komplexität des vorliegenden Phänomens eine Abstrahierung von der Realität unabdingbar sein wird.

Die Erklärung der abweichenden Niveaus der Erwerbsbeteiligung in verschiedenen Ländern wird dem Modell nach über die jeweilige Ausgestaltung der Einflussfaktoren der Entscheidung erfolgen. Je günstiger diese für den Verbleib Älterer auf dem Arbeitsmarkt sind, desto höher wird die Erwerbsbeteiligung in dem betreffenden Land sein.

Auf der Grundlage des entwickelten Erklärungsmodells erfolgt anschließend als zweiter Schritt der Ländervergleich Deutschlands und Schwedens. Gemäß dem Modell müsste Schweden insgesamt eine günstigere Ausprägung der abgegrenzten Einflussfaktoren aufweisen als Deutschland. Das skandinavische Land bietet sich in zweifacher Hinsicht als Vergleichsland an: Zum einen weist es, wie bereits erwähnt, ein deutlich höheres Niveau der Erwerbsbeteiligung Älterer auf. Zum zweiten verspricht der Umstand, dass die beiden Länder einer Einteilung von Esping-Andersen zufolge unterschiedlichen Wohlfahrtsregimen zuzuordnen sind, unter der Annahme der Relevanz unterschiedlicher wohlfahrtsstaatlicher Arrangements gewinnbringende Erkenntnisse. Bestätigen die Ergebnisse dieser komparativen Analyse das aufgestellte Erklärungsmodell, kann dies als erster Hinweis für dessen Gültigkeit anerkannt werden.

Klarzustellen ist, dass es nicht das Ziel der Arbeit sein soll, eine Lösung des Problems zu erörtern, wie Deutschland die Erwerbsbeteiligung älterer Erwerbspersonen erhöhen kann. Vielmehr sollen Ursachen, welche aber sicherlich gleichzeitig Lösungsansätze implizieren, aufgezeigt werden, wie eine derartige Variation zu Schweden erklärt werden kann.


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1.2 Aufbau der Arbeit

Unter Berücksichtigung dieser Vorüberlegungen ist die vorliegende Arbeit folgendermaßen aufgebaut:

Das zweite Kapitel ist dem Auslöser der Themenstellung gewidmet ­ dem demografischen Wandel. Der Fokus liegt dabei auf der Schilderung dessen einzelner Stellschrauben ­ der Entwicklung der Geburtenhäufigkeit, der Lebenserwartung und der Wanderungen ­ sowie wiederum deren Auswirkungen auf Bevölkerungszahl, Altersstruktur und Arbeitsmarkt in den zu untersuchenden Ländern. Wie bereits angedeutet, sind in Deutschland, aber auch in Schweden tief greifende Veränderungen im Sinne einer Schrumpfung sowie Alterung der Gesellschaft wie auch der Erwerbspersonen zu erkennen.

Das dritte Kapitel dient als Vorbereitung zur Entwicklung des Erklärungsmodells der Erwerbsbeteiligung Älterer. Zunächst werden verschiedene Möglichkeiten aufgezeigt, wie kollektive Phänomene ­ z.B. die Erwerbsbeteiligung ­ in der Soziologie grundsätzlich erklärt werden können. Essers Grundmodell der soziologischen Erklärung, auf welchem das Modell zur Erklärung der Erwerbsbeteiligung Älterer fußen wird, geht als Rational-Choice-Modell von der Vorstellung aus, diese Phänomene seien die Folge von individuellen Handlungen, welche von Akteuren ausgeführt werden. Welche Handlung dabei gewählt wird, ist abhängig davon, welche Alternative der betroffenen Person in der jeweiligen Entscheidungssituation, in der sie sich befindet, den größten Nutzen verspricht. Der Einsatz der Rational-Choice-Theorie ist in der Wissenschaft nicht unumstritten, weshalb auch auf deren Schwächen und Grenzen verwiesen werden soll. Diesen eingedenk wird ein Abschnitt daher dem Einfluss sozialer Kräfte auf das individuelle Handeln gewidmet, wodurch das Modell weiter spezifiziert wird.

Im vierten Kapitel wird schließlich das Modell zur Erklärung der Erwerbsbeteiligung Älterer aufgestellt. Dazu ist es zunächst sinnvoll, zu definieren, wer mit dem Begriff der älteren Erwerbsperson überhaupt umfasst wird. Im Folgenden wird das Grundmodell von Esser auf die Problemstellung übertragen. Die Höhe der Erwerbsbeteiligung Älterer in einer Gesellschaft ist daher zurückzuführen auf die Entscheidungen von Akteuren, ob sie auf dem Arbeitsmarkt verbleiben oder nicht, was wiederum abhängig von der Bewertung der Situation ist, in welcher sie sich befinden. Die größte Herausforderung liegt dabei, wie bereits erwähnt, in der Beschreibung dieser bzw. in der Bestimmung der relevanten Situationsvariablen ­ einerseits für die Erwerbstätigen, andererseits für die


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Erwerbslosen. Daneben ist es weiterhin vonnöten, eine Verbindung zwischen der Situation und dem einzelnen Akteur herzustellen, festzulegen, anhand welcher Entscheidungsregel dieser sich in der Situation für eine Handlungsalternative entscheiden wird, und schließlich zu bestimmen, wie diese einzelnen Entscheidungen letztendlich die Erwerbsbeteiligung Älterer innerhalb einer Gesellschaft bilden.

Das fünfte Kapitel stellt das umfangsreichste der vorliegenden Arbeit dar. Hier findet das aufgestellte Modell zur Erklärung der Erwerbstätigkeit Älterer seine praktische Umsetzung in dem Vergleich der Länder Deutschland und Schweden. Bevor dies jedoch erfolgen kann, wird zum einen eine kurze Zusammenfassung der Charakteristika der komparativen historischen Analyse, deren Methoden sowie Einsatzgebiete und Schwächen gegeben sowie zum anderen ein Überblick über die Arbeitsmarktsituation der älteren Erwerbstätigen in den zu untersuchenden Ländern, welcher die Ausgangsbasis des folgenden Vergleichs darstellen soll. Für eben diesen bieten sich als probate Vergleichsmomente die im Modell abgegrenzten Situationsvariablen an, welche sich den drei Ebenen der Gesellschaft, des Betriebs sowie des individuellen Akteurs zuordnen lassen. Der Vergleich stützt sich dabei zuvörderst auf empirische Ergebnisse sowie Fachliteratur.

Das Fazit schafft schließlich die Gelegenheit, die wichtigsten Ergebnisse nochmals pointiert zusammenzufassen und Resümee hinsichtlich der Gültigkeit des Erklärungsmodells zu ziehen.


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2. Der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt

Der Begriff des demografischen Wandels verweist auf Veränderungen bezüglich der Bevölkerungszahl einer Gesellschaft sowie deren Altersstruktur. Diese Bewegungen werden dabei vornehmlich von dem Zusammenwirken dreier Faktoren beeinflusst: der Entwicklung von Geburtenraten, der Entwicklung der Lebenserwartung sowie der Entwicklung von Wanderungen.

Die folgenden Ausführungen erfolgen exemplarisch anhand von Deutschland (DE) und Schweden (SE) und stützen sich vor allem auf OECD-Daten sowie die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung für Deutschland. Diese, 2006 vom Statistischen Bundesamt vorgestellte Vorausschätzung, basiert auf dem Bevölkerungsstand zum 31.12.2005 und zeigt Varianten auf, wie sich Bevölkerungszahl und -struktur unter bestimmten Annahmen bis zum Jahre 2050 entwickeln werden.

2.1 Bisherige Entwicklungen und Zukunftsprognosen

2.1.1 Die Entwicklung der Geburtenhäufigkeit

Einen ersten Einflussfaktor des demografischen Wandels stellt die Geburtenhäufigkeit bzw. Fertilität dar. Als Maß gereicht dafür die so genannte zusammengefasste Geburtenziffer. ,,[Diese] ergibt sich aus der Addition der durchschnittlichen Kinderzahlen je Frau in jedem einzelnen Altersjahr des gebärfähigen Alters von 15 bis 49 Jahren, also der 35 altersspezifischen Geburtenziffern" (Statistisches Bundesamt 2006a, S. 52). Eine für den Ersatz der Elterngeneration durch deren Kinder obligatorische Geburtenrate beträgt grundsätzlich 2,1 Kinder pro Frau (vgl. Wöhlcke et al. 2004, S. 63). Während zu Beginn der 1960er Jahre in beiden Teilen Deutschlands ein temporärer Anstieg der Geburtenzahlen auf 2,5 Kinder pro Frau dieses Erfordernis übersteigen ließ, nahm die Geburtenziffer in Westdeutschland ab 1967, diejenige in Ostdeutschland ab 1964 rapide ab. Im früheren Bundesgebiet setzte sich dieser Geburtenrückgang weiter fort und erreichte Mitte der 1980er Jahre sein Tief mit weniger als 1,3 Kindern pro Frau. Die ehemalige DDR versuchte ab 1974 einem ähnlichen Trend durch umfangreiche staatliche Fördermaßnahmen für Familien mit Kindern entgegenzuwirken. Der beachtliche Erfolg, der sich in einer Geburtenziffer von 1,94 Kindern pro Frau niederschlug, verebbte allerdings noch vor der Wende und wurde gefolgt von einem massiven Einbruch der


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Geburten im Zuge der wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche in den Jahren vor und nach der Wiedervereinigung. Seit Mitte der 1990er Jahre steigt die Geburtenziffer in den neuen Ländern wieder kontinuierlich an und verblieb 2004 nur noch um 5 Prozent unter den alten Ländern, in denen sie bis heute geringfügig um 1,4 Kinder je Frau schwankt. Dieser frühe und radikale Rückgang der Reproduktionsrate wird in der Literatur zumeist durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren wie der Einführung moderner Verhütungsmittel, dem Wandel der Lebensstile, einem längeren Verbleib im Bildungssystem, einer erhöhten Frauenerwerbstätigkeit und Weiterem begründet (vgl. Schinkel 2007, S. 17).

Im europäischen Vergleich ist festzustellen, dass der demografische Wandel kein auf Deutschland begrenztes Phänomen darstellt. Auffällig ist jedoch, dass Deutschland deutlich stärker betroffen ist als die Mehrzahl der OECD- und EU-Staaten (vgl. Werding 2006, S. 49). Zwar zeichnen sich alle Industriegesellschaften durch das so genannte "Low-fertility-Syndrom" (Klose 1993, S. 10) aus, jedoch machte sich dieses bei den Deutschen früher und ausgeprägter bemerkbar als in manchen anderen Ländern. Den europäischen Vergleich führen Frankreich und Island mit Werten knapp unter dem Bestandserhaltungsniveau an, dicht gefolgt von Irland und den übrigen nordischen Ländern. Schlusslichter hinter Deutschland stellen Litauen, Rumänien, Slowenien mit 1,31 Kindern pro Frau dar (vgl. Eurostat 2008a).


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