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Über die Aufzucht der Raupe des Seidenspinners mit den Blättern der Schwarzwurze... close

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Über die Aufzucht der Raupe des Seidenspinners mit den Blättern der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica L.) bei einer gleichmäßigen Temperatur von 18 bis 20 Grad

Subtitle: Ein Beitrag zur Lösung der Seidenbaufrage in Mittel- und Nordeuropa - revidierte Auflage

Classic, 2008, 32 Pages
Author: Prof. Dr. Udo Dammer
Subject: Biologie - Botany

Details

Category: Classic
Year: 2008
Pages: 32
Language: German
Archive No.: V117035
ISBN (E-book): 978-3-640-19117-8
ISBN (Book): 978-3-640-19118-5
File size: 2820 KB
Notes :
revidierte Ausgabe der 2. Auflage von 1915 jetzt in lateinischer Schrift in der damals gültigen Rechtschreibung mit Anmerkungen - kein Scan


Abstract

Während die Aufzucht der Seidenraupen mit den Blättern des Maulbeerbaumes bereits in Norddeutschland auf größere Schwierigkeiten stößt, weil der Maulbeerbaum hier nicht mehr vollkommen winterhart ist, ist dieselbe mit den Blättern der Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica L.) jetzt sogar noch in St. Petersburg durchgeführt und auch noch weiter nördlich ausführbar. Zwar war die Schwarzwurzel schon seit längerer Zeit als Futterpflanze der Seidenspinnerraupe bekannt, aber eine erfolgreiche Zucht der Raupen mit diesem Futter scheiterte so lange, wie man nicht wusste, dass die Raupen bei diesem Futter eine besonders gleichmäßige Temperatur von 18 bis 20° R brauchen. Ist nun damit auch die Seidenraupenzucht noch nicht am Endziel angelangt, weil eine so hohe gleichmäßige Temperatur längere Zeit nur durch Heizung erzielt werden kann, so ist doch die Seidenbaufrage dadurch ein wesentliches Stück weiter ihrer Lösung entgegengeführt worden, und es ist Aussicht vorhanden, daß nun auch noch der letzte Schritt, die Zucht einer akklimatisierten, gegen niedere Temperaturen unempfindlichen Rasse durch planmäßige Auslese bald getan wird. Die neue Zuchtmethode hat den großen Vorteil, daß die Nährpflanze bei und überall vollständig winterhart ist und schon im zweiten Jahre zur Aufzucht der Raupen verwendet werden kann. Die Anlage einer Seidenraupenzucht erfordert kaum nennenswerte Anlagekapitalien, das Schneiden des Futters und die Pflege der Raupen können von Frauen und Kindern leicht besorgt werden; der gefährlichsten Krankheit der Seidenraupen, welche den Seidenbau bei uns vollständig vernichtet hatte, kann jetzt durch sorgfältige Nachzucht und Pasteurschem Zellensystem vorgebeugt werden. So dürfte sich der Seidenbau überall dort, wo die bisherige Hausindustrie nicht mehr lohnend ist, zu einer Hausindustrie eignen, welche gesund und gewinnreich ist. Wo die Heizmaterialien billig sind, wird sich die Einführung dieser Hausindustrie schon jetzt ermöglichen lassen. Eine allgemeine Einführung derselben wird allerdings erst nach der Züchtung der akklimatisierten Rasse erfolgreich sein. Mögen die folgenden Zeilen dazu beitragen, das Ziel zu erreichen, welches Friedrich der Große bereits anstrebte, Deutschland in seinem Seidenbedarf vom Auslande unabhängig zu machen. Die Millionen, welche jetzt für Seide ins Ausland wandern, würden dann im Lande bleiben und gerade denjenigen zugute kommen, welche jetzt zu den wirtschaftlich am Schwächsten gehören


Excerpt (computer-generated)

Über die Aufzucht der Raupe des Seidenspinners

(Bombyx Mori L.)

mit den Blättern der Schwarzwurzel

(Scorzonera hispanica L.)

bei einer gleichmäßigen Temperatur von 18 bis 20° R.1

Ein Beitrag zur Lösung der Seidenbaufrage in Mittel, und Nordeuropa

von

Prof. Dr. Udo Dammer

Kustos am königlichen Botanischen Garten zu Berlin-Dahlem

Zweite Auflage

Mit 6 Abbildungen

erstmals erschienen1915


2

Vorwort.

Während die Aufzucht der Seidenraupen mit den Blättern des

Maulbeerbaumes bereits in Norddeutschland auf größere

Schwierigkeiten stößt, weil der Maulbeerbaum hier nicht mehr

vollkommen winterhart ist, ist dieselbe mit den Blättern der

Schwarzwurzel (Scorzonera hispanica L.) jetzt sogar noch in St.

Petersburg durchgeführt und auch noch weiter nördlich ausführbar.

Zwar war die Schwarzwurzel schon seit längerer Zeit als

Futterpflanze der Seidenspinnerraupe bekannt, aber eine erfolgreiche

Zucht der Raupen mit diesem Futter scheiterte so lange, wie man nicht

wusste, dass die Raupen bei diesem Futter eine besonders

gleichmäßige Temperatur von 18 bis 20° R1 brauchen. Ist nun damit

auch die Seidenraupenzucht noch nicht am Endziel angelangt, weil

eine so hohe gleichmäßige Temperatur längere Zeit nur durch

Heizung erzielt werden kann, so ist doch die Seidenbaufrage dadurch

ein wesentliches Stück weiter ihrer Lösung entgegengeführt worden,

und es ist Aussicht vorhanden, daß nun auch noch der letzte Schritt,

die Zucht einer akklimatisierten, gegen niedere Temperaturen

unempfindlichen Rasse durch planmäßige Auslese bald getan wird.

Die neue Zuchtmethode hat den großen Vorteil, daß die Nährpflanze

bei und überall vollständig winterhart ist und schon im zweiten Jahre

zur Aufzucht der Raupen verwendet werden kann. Die Anlage einer

Seidenraupenzucht erfordert kaum nennenswerte Anlagekapitalien,

das Schneiden des Futters und die Pflege der Raupen können von

Frauen und Kindern leicht besorgt werden; der gefährlichsten

Krankheit der Seidenraupen, welche den Seidenbau bei uns

vollständig vernichtet hatte, kann jetzt durch sorgfältige Nachzucht

und Pasteurschem2 Zellensystem vorgebeugt werden. So dürfte sich

der Seidenbau überall dort, wo die bisherige Hausindustrie nicht mehr

lohnend ist, zu einer Hausindustrie eignen, welche gesund und

1 Grad Réaumur - Die Réaumur-Temperaturskala war in Europa, insbesondere in Frankreich

und Deutschland, weit verbreitet, wurde aber nach und nach wegen der besseren

Berechenbarkeit durch die Celsius-Skala abgelöst. Nachdem man 1901 die amtliche

Temperaturmessung von Grad Réaumur auf Grad Celsius umstellte, wurde die Réaumur-

Temperaturskala nahezu bedeutungslos. Sie wird heute nur noch sehr selten verwendet, so

zum Beispiel in der Süßwarenindustrie und häufiger noch bei der Alp-Käseherstellung in

der Schweiz oder in Italien; Umrechnung: 1° C = 1° R · 1,25.

http://de.wikipedia.org/wiki/Réaumur-Skala.


3

gewinnreich ist. Wo die Heizmaterialien billig sind, wird sich die

Einführung dieser Hausindustrie schon jetzt ermöglichen lassen. Eine

allgemeine Einführung derselben wird allerdings erst nach der

Züchtung der akklimatisierten Rasse erfolgreich sein. Mögen die

folgenden Zeilen dazu beitragen, das Ziel zu erreichen, welches

Friedrich der Große bereits anstrebte, Deutschland in seinem

Seidenbedarf vom Auslande unabhängig zu machen. Die Millionen,

welche jetzt für Seide ins Ausland wandern, würden dann im Lande

bleiben und gerade denjenigen zugute kommen, welche jetzt zu den

wirtschaftlich am Schwächsten gehören.

Der Verfasser.


4

Vorwort zur zweiten Auflage.

Wenige Industriezweige eignen sich so wie der Seidenbau zur

Hausindustrie. Wo immer er betrieben wird, sind es die schwachen

Kräfte der Frauen und Kinder, welche ihn ausführen. Die jetzige große

Zeit führt nun leider auf Jahrzehnte zu diesen schwachen Kräften noch

eine große Schar Kriegsbeschädigter, die nicht mehr imstande sind,

ihren bisherigen Beruf ausführen. Unsere Pflicht ist es, ihnen Berufe

zu erschließen, in denen sie die ihnen verbliebenen Kräfte zu eigenem

Nutzen verwenden können. Der Ehrensold, welchen ihnen das

dankbare Vaterland verleiht, ist nicht imstande, ihnen auf die Dauer

innere Befriedigung zu gewähren. Der Segen der Arbeit würde ihnen

verloren gehen, wenn wir nicht dafür sorgen, daß sie eine

Beschäftigung finden, in welcher sie die Ihnen gebliebenen Kräfte zu

eigenem Vorteile ausnutzen können. Da kann der Seidenbau mit

vollem Erfolge eintreten, Bisher bezogen wir unsere Seide aus

denjenigen Ländern, welche uns in diesem Weltbrande als Feinde

entgegenstehen. Millionen wanderten alljährlich in das feindliche

Ausland, welche wir als einen Tribut dieser Staaten zahlen mußten.

Diese Millionen können wir uns erhalten, sie können unseren Braven

zugute kommen. Sie werden eine dauernde Kriegskontribution unserer

Feinde sein.

Ein Hindernis scheint sich dem Seidenbaue bei uns in den Weg

zu stellen. Bisher wurden die Raupen des Seidenspinners mit den

Blättern des Maulbeerbaumes gefüttert. Maulbeerbäume sind aber bei

uns nur spärlich vorhanden, und Bäume kann man nicht aus der Erde

stampfen. Sie brauchen Jahre, bis sie so weit sind, dass ihnen ohne

Schaden ein Teil ihres Laubes genommen werden kann. Schnelle

Hilfe tut aber unseren Tapferen not. Da will es nun die Ironie der

Weltgeschichte, daß gerade eine Russin es sein mußte, welche zeigte,

wie die schon längst als Futterpflanze der Seidenraupe bekannte

Schwarzwurzel mit Vorteil zur Seidenzucht verwendet werden kann.

Als ich vor neunzehn Jahren in Petersburg bei Werderewski diese

Zuchtmethode eingehend studierte, deren Ergebnis die vorliegende

Schrift war, da ahnte ich freilich nicht, daß dieses Studium noch

einmal den Erfolg haben würde, in dieser Weise unserem Vaterlande

zu nützen. Ich habe mich damals, einige Jahre später, durch im

Großen durchgeführte Versuche überzeugt, daß auf dieser Grundlage


5

der Seidenbau bei uns sehr gut durchführbar ist, wenn genau nach den

in der vorliegenden Schrift angegebenen Anweisungen verfahren

wird. Dankbar gedenke ich noch heute der wirksamen Unterstützung,

welche mir damals zwei Männer gewährten, von denen den einen

leider bereits seit Jahren der kühle Rasen deckt, während sich der

andere noch heute bester Gesundheit erfreut: die Herren Geheimer

Oberregierungsrat Simon und Geheimer Regierungsrat Gürtler.

Dankbar sei auch jenes Mannes gedacht, in dessen Händen die

technische Durchführung der Versuche lag, des damaligen Direktors

der Webschule in Rowawes, der mit unermüdlicher Treue die

Versuche Rowawes ausführte.

Wie aus den folgenden Zeilen hervorgeht, erfordert der

Seidenbau eine besonders peinliche Pflichterfüllung. Das aber ist es ja

gerade, was unseren lieben Kriegsbeschädigten in Fleisch und Blut

übergegangen ist, und weshalb gerade sie sich so besonders für den

Seidenbau eignen. Pünktlichkeit und Sauberkeit sind die Grundpfeiler

des Seidenbaues, wenn er Erfolg haben soll.

Die Schwierigkeiten, welche sich sonst dem Seidenbaue

entgegenstellten, sind leicht zu überwinden. Der größte Feind, die

Körnchenkrankheit der Seidenraupe, kann durch das Pasteurisieren2

fern gehalten werden. Sache der interessierten Kreise wird es sein,

dafür zu sorgen, daß in Deutschland nur pasteurisierte Eier zur

Verwendung gelangen. Und auch die anderen Schwierigkeiten sind

jetzt überwunden, welche früher der Ausdehnung des Seidenbaues bei

uns als Hindernis entgegentraten. Es ist dafür gesorgt worden, daß die

erzogenen Kokons bei uns einen Markt finden, so daß der Züchter

einen sicheren, lohnenden Absatz für deine Produkte hat. Die

einleitenden Schritte sind getan, den deutschen Seidenbau gleich von

vornherein zu organisieren, und ich kann jedem, der sich dem

Seidenbaue zuwenden will, nur dringend raten, sich dieser

Organisation, über die ich gern Auskunft gebe, anzuschließen, In

diesem Jahre ist der vorgerückten Jahreszeit wegen der Beginn der

Zucht nicht mehr möglich, schon deshalb nicht, weil die

Futterpflanzen fehlen. Aber es ist noch die Zeit, die Futterpflanzen

heranzuziehen, so daß im nächsten Jahre der Seidenbau im großen

Maßstabe aufgenommen werden kann. Die Zeit bis dahin kann damit

2 Gemeint ist hier nicht eine kurzzeitige Erwärmung. Erklärung siehe Seite 25.


6

ausgefüllt werden, die für die Zucht nötigen Einrichtungen

auszuführen. Diese sind so leicht herzustellen, daß sie sich jeder selbst

anfertigen kann.

Berlin-Dahlem, am 1. Juli 1915

Udo Dammer



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