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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 25 Pages
Author: Josephine Rittenbach
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: http://www.uni-jena.de/
Tags: Funktion, Körpersprache, Franz, Kafkas, Roman, Verschollene, Kafkas, Romane
Year: 2006
Pages: 25
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 11 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19211-3
ISBN (Book): 978-3-640-19219-9
File size: 186 KB
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Abstract
Kafkas Roman Der Verschollene gibt auch heute noch Anlass für ständig neu zu diskutierende Fragen, die in der Forschung auf unterschiedlichste Arten und Weisen aufgegriffen werden. Kafka und sein Werk sind für den Rezipienten immer noch mehrdeutig, rätselhaft und durch die so bedingten immer neuen Deutungsversuche stets aktuell. Dieser Eindruck hat sich auch in der Auseinandersetzung mit Sekundärliteratur, wie in dem Diskussionsbedarf der Seminarteilnehmer zu Kafka bestätigt. Bei meinem ersten Leseeindruck des Verschollenen ist mir vor allem die prägnante Körpersprache der Figuren aufgefallen, die ich selbst nach Aktivierung meines Weltwissens nie zufrieden stellend deuten konnte und auch die dahinter liegende Intention des Autors war mir ein schwer zu lösendes Rätsel. Deshalb möchte ich in dieser Arbeit vor allem der Frage nachgehen, welche Funktion die Körpersprache in Kafkas Roman Der Verschollene hat. Um diese Frage beantworten zu können, werden ich zunächst analysieren, inwieweit Kafka von dem Medium seiner Zeit – dem Kino – beeinflusst wurde und ob sich dies in seinem Werk indirekt widerspiegelt. [...] Zum besseren Verständnis werde ich kurz auf die Entstehung und den Inhalt des Romans eingehen, sowie den Ursprung des Kinos und dessen Einfluss auf Kafka und sein Werk betrachten. Ich werde mich dann auf die Visualisierung des Figureninnenlebens mittels Körpersprache in Kafkas Roman konzentrieren, um einen wesentlichen Aspekt von Kafkas Beeinflussung durch das Filmbild zu zeigen. Im Hauptteil der Arbeit werde ich eine kurze Definition von Körpersprache geben und anhand bestimmter Aussagen von Autoren, namentlich von Jörg Wolfradt , Markus Vorauer und Georg Guntermann die Bedeutung der Gebärde näher zu fassen suchen. Am Text möchte ich dann exemplarisch zeigen, wie vor allem Hartmut Binder und Jörg Wolfradt die Gebärden im Verschollenen interpretieren. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, dass es den Rahmen einer Hausarbeit sprengen würde, alle im Roman beinhalteten Körperhaltungen zu analysieren. Deswegen werde ich mich vordergründig auf die Deutung der Arm-, Hand- und Fingergebärden in Kafkas Roman konzentrieren.
Excerpt (computer-generated)
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Germanistische Literaturwissenschaft
Hauptseminar: Kafkas Romane
SS 2006
Zur Funktion der Körpersprache in Franz Kafkas Roman
Der Verschollene
Josephine Rittenbach
Erziehungs-, Literatur-, und Sprechwissenschaft
1
Inhalt
Inhalt 2
1. Einleitung 3
2. Entstehung und Inhalt des
Verschollenen
4
3. Kafka und das Kino 6
3.1. Der Ursprung des Kinos 6
3.2. Kafka Der Kinogänger 7
3.3. Kafka ein reflektierter Kinogänger 8
3.4. Der Einfluss des Kinos auf Kafkas Werk 9
3.5. Die Verbindung zwischen der Kinematographie und dem Roman
Der
Verschollene
.. 10
3.5.1. Die objektiven Bildaussagen 11
3.5.2. Die Montage 12
3.5.3. Die Handlungsaussagen 12
4. Eine allgemeine Bestimmung des Begriffs ,,Körpersprache" 13
4.1. Zur Funktion der Gebärde im
Verschollenen
14
4.2. Die Gebärde des Händefassens und ihre Deutung 17
4.3. Die Analogie der Gebärde 21
5. Das Ergebnis der Analyse 23
Literaturverzeichnis 24
I. Quellen 24
II. Forschungsliteratur 24
III. Wörterbücher und Lexika 24
2
Zur Funktion der Körpersprache in Kafkas Roman Der Verschollene1
1. Einleitung
Kafkas Roman
Der Verschollene
gibt auch heute noch Anlass für ständig neu zu
diskutierende Fragen, die in der Forschung auf unterschiedlichste Arten und Weisen
aufgegriffen werden. Kafka und sein Werk sind für den Rezipienten immer noch mehrdeutig,
rätselhaft und durch die so bedingten immer neuen Deutungsversuche stets aktuell. Dieser
Eindruck hat sich auch in der Auseinandersetzung mit Sekundärliteratur, wie in dem
Diskussionsbedarf der Seminarteilnehmer zu Kafka bestätigt. Bei meinem ersten
Leseeindruck des
Verschollenen
ist mir vor allem die prägnante Körpersprache der Figuren
aufgefallen, die ich selbst nach Aktivierung meines Weltwissens nie zufrieden stellend deuten
konnte und auch die dahinter liegende Intention des Autors war mir ein schwer zu lösendes
Rätsel.
Deshalb möchte ich in dieser Arbeit vor allem der Frage nachgehen, welche Funktion die
Körpersprache in Kafkas Roman
Der Verschollene
hat.
Um diese Frage beantworten zu können, werden ich zunächst analysieren, inwieweit Kafka
von dem Medium seiner Zeit dem Kino beeinflusst wurde und ob sich dies in seinem
Werk indirekt widerspiegelt.
Vor allem Hans Zischler mit seinem Aufsatz
Kafka geht ins Kino
2, Peter-André Alt mit
Franz
Kafka. Der ewige Sohn3
und Wolfgang Jahn mit
Kafkas Roman ,,Der Verschollene"
(,,Amerika")4
, aber auch die Beiträge von Hans Dieter Zimmermann5 und Bodo Plachta6
geben dazu weit reichende Informationen.
Zum besseren Verständnis werde ich kurz auf die Entstehung und den Inhalt des Romans
eingehen, sowie den Ursprung des Kinos und dessen Einfluss auf Kafka und sein Werk
1 Kafka, Franz: Der Verschollene. Stuttgart 1997 (RUB 9688);
Bei Zitaten aus diesem Werk, wird der entsprechende Seitenachweis nicht als Fußnote, sondern unmittelbar nach
der Belegstelle in Klammern erfolgen.
2 Zischler, Hans: Kafka geht ins Kino. Reinbeck 1996
3 Alt, Peter-André: Franz Kafka. Der ewige Sohn. München 2005
4 Jahn, Wolfgang: Kafkas Roman ,,Der Verschollene" (,,Amerika"). Stuttgart 1965
5 Zimmermann, Hans Dieter: Kafka für Fortgeschrittene. München 2004
6 Plachta, Bodo: Der Verschollene. In: Interpretationen. Franz Kafka. Romane und Erzählungen. Hrsg. von
Michael Müller. Stuttgart 1994
3
betrachten. Ich werde mich dann auf die Visualisierung des Figureninnenlebens mittels
Körpersprache in Kafkas Roman konzentrieren, um einen wesentlichen Aspekt von Kafkas
Beeinflussung durch das Filmbild zu zeigen. Im Hauptteil der Arbeit werde ich eine kurze
Definition von Körpersprache geben und anhand bestimmter Aussagen von Autoren,
namentlich von Jörg Wolfradt7, Markus Vorauer8 und Georg Guntermann9 die Bedeutung der
Gebärde näher zu fassen suchen. Am Text möchte ich dann exemplarisch zeigen, wie vor
allem Hartmut Binder und Jörg Wolfradt die Gebärden im
Verschollenen
interpretieren. Ich
möchte jedoch darauf hinweisen, dass es den Rahmen einer Hausarbeit sprengen würde, alle
im Roman beinhalteten Körperhaltungen zu analysieren. Deswegen werde ich mich
vordergründig auf die Deutung der Arm-, Hand- und Fingergebärden in Kafkas Roman
konzentrieren.
2. Entstehung und Inhalt des Verschollenen
Die erste Fassung des Romans
Der Verschollene
schrieb Kafka zwischen 1911 und 1912. Sie
blieb unvollendet. Er empfand sie sogar als völlig ungeeignet und vernichtete sie.10Michael
Müller beschreibt im Nachwort des Romans, warum Kafka dennoch ermutigt war, die Arbeit
am
Verschollenen
Ende September 1912 wieder aufzunehmen:
[...] vorausgegangen war ein Erlebnis, das Kafka nur noch in der Überzeugung
bestärkte, seine wahre Berufung liege auf dem Gebiet der Literatur. In der Nacht
vom 22. auf den 23. September hatte er die Erzählung Das Urteil geschrieben, der
erste Text, der ihm wirklich gelungen schien und der für ihn den ,,Durchbruch" der
Literatur bedeutete.11
Kafka, der die Erzählung in einer einzigen nächtlichen Sitzung zu Papier brachte, geriet in
einen produktiven Rausch, der etwa vier Monate anhielt und die Arbeit am
Verschollenen
positiv vorantrieb. Trotz seiner beruflichen Verpflichtungen und der exzessiven
Korrespondenz mit Felice Bauer, seiner späteren Verlobten, arbeitete er fast jede Nacht und
vollendete sieben Kapitel. Nur durch das Schreiben an der Erzählung
Die Verwandlung
wurde
die Arbeit unterbrochen.
7 Wolfradt, Jörg: Der Roman bin ich. Schreiben und Schrift in Kafkas
Der Verschollene.
Würzburg 1969
8 Vorauer, Markus: Kafkaeskes im Film. Film als kafkaeskes Zeichensystem. In: Im Labyrinth. Texte zu Kafka.
Hrsg. von Michael Aichmayr und Friedrich Buchmayr. Stuttgart 1997
9 Guntermann, Georg: Vom Fremdwerden der Dinge beim Schreiben. Kafkas Tagebücher als literarische
Physiognomie des Autors. Tübingen 1991
10 Vgl. Müller, Michael: Nachwort. In: Kafka, Franz: Der Verschollene. Stuttgart 1997 (RUB 9688). S. 300
11 Ebd. S. 304
4
Obwohl Kafka das Ende der Romanhandlung wahrscheinlich schon wusste, gelang es ihm ab
Ende Januar 1913 nicht mehr, die dafür erforderliche Konzentration weiterhin aufzubringen.
Erst im Herbst 1914 nahm er das Manuskript noch einmal vor und verfasste das Kapitel über
Das Naturtheater von Oklahoma
. Danach unternahm er jedoch keine weiteren Anstrengungen
mehr, den Roman zu vollenden.
Aus einer Bemerkung gegenüber seinem Verleger Kurt Wolff geht hervor, dass es Kafkas
Ehrgeiz war, das neuzeitlichste Amerika zu darzustellen. Da er selbst aber niemals
amerikanischen Boden betreten hatte, war er ausschließlich auf sekundäre Quellen
angewiesen: Reisebücher, Vorträge, Fotos, Berichte von Verwandten und etwa ab 1908 auch
auf Eindrücke aus dem Kino.
Der Verschollene
ist das einzige Werk Kafkas, das auf gezielten
und umfänglichen Recherchen beruht. Nur so war es möglich, ein einigermaßen realistisches
Bild einer hektischen Massengesellschaft zu zeichnen, mit Streiks, Wahlkämpfen,
Verkehrschaos, Akkordarbeit und gigantischen Betrieben.12
Die Geschichte des 16jährigen Karl Rossmann, der von seinen Eltern verstoßen und nach
Amerika geschickt wird, hat die Form eines Stationendramas, wobei jede Station einen
weiteren sozialen Abstieg bedeutet. Auf diese Weise kommt Karl mit Vertretern
verschiedenster sozialer Schichten in Berührung, angefangen beim Senator bis hin zur
Prostituierten.
Zugleich ist der Roman durchsetzt von den für Kafka typischen Verhörszenen, die in einem
merkwürdigen Kontrast zur ausgestellten Modernität des Landes stehen. Das Kernmotiv des
einsamen, verstoßenen Sohnes ist bereits aus
Das Urteil
und
Die Verwandlung
vertraut,
obgleich es dort in einem völlig anderen Kontext und Milieu angesiedelt ist. Beide Texte sind
in dem Zeitraum des
Verschollenen
entstanden und Kafka wünschte sich von seinem Verleger
,,eine gemeinsame Veröffentlichung"13 von
Der Heizer, das Urteil
und
Die Verwandlung
,
denn sie gehörten für Kafka inhaltlich zusammen.
Mit seiner raffinierten Erzähltechnik hebt sich
Der Verschollene
jedoch von allen anderen
Werken Kafkas ab. Denn die Handlung ist fast ausschließlich aus der Sicht des Protagonisten
geschildert.
12 Ebd. S. 299-306
13 Ebd. S. 318
5
Zu Lebzeiten Kafkas wurde lediglich das erste Kapitel,
Der Heizer
publiziert. Das Manuskript
des gesamten Romans wurde von Max Brod aus dem Nachlass herausgegeben, allerdings
unter dem Titel
Amerika
.
3. Kafka und das Kino
Mit der Untersuchung in den folgenden Kapiteln geht es mir vor allem darum zu zeigen, dass
das Kino oder der Kinematograph in Kafkas Leben und höchstwahrscheinlich auch in seinem
Werk
Der Verschollene
eine bedeutende Rolle spielte.
Um diese These zu belegen, werde ich kurz die Anfänge des Kinos schildern, die Bedeutung
des Kinos für Kafka als Kinogänger klären und anschließend den Einfluss, den es
möglicherweise auf sein Werk und seine Prosa hat, analysieren. Danach werde ich filmische
Bezüge im Verschollenen versuchen aufzuzeigen, um im vierten Kapitel die Darstellung der
Körpersprache besser verstehen und erklären zu können.
3.1. Der Ursprung des Kinos
Peter-André Alt beschreibt in seinem Aufsatz
Franz Kafka. Der ewige Sohn14
die
Entstehungsgeschichte des Kinos.
In Europa kam 1896 erstmals das Phänomen der bewegten Bilder durch die Brüder Lumière
auf. Und seitdem hatte der Film einen festen Platz in der Unterhaltungskultur. 1900 wurde das
ambulante Lichtspieltheater erfunden, dass sich auf Jahrmärkten mit Kurzfilmen einem
staunenden Massenpublikum präsentierte. Erst nach 1908 stieg die Zahl der etablierten Kinos
nennenswert an. Ihre Expansion wurde durch abendfüllende Spielfilme ermöglicht, die
schließlich den Kurzfilm von den Jahrmärkten verdrängten.
Durch das niedrige Eintrittsgeld war das Kino für jeden erschwinglich, aber als
Unterhaltungsmedium stand der Film in dieser Zeit unter Verdacht der künstlerischen
Bedeutungslosigkeit. Unterstützt wurde seine Verbreitung durch Verleihfirmen, die den
Filmtheatern zu einem abwechslungsreichen Programm verhalfen. Das bedeutete, dass sie
Kopien gegen eine Gebühr verliehen. Die französische Pathé-Gruppe war solch eine
14 Alt, P.: Franz Kafka. Der ewige Sohn.
6
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