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Thesis (M.A.), 2008, 93 Pages
Author: Michaela Dimova
Subject: German Studies - Genres
Details
Tags: Frauenfiguren, Kinder-, Hausmärchen, Brüder, Grimm
Year: 2008
Pages: 93
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 25 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-18774-4
ISBN (Book): 978-3-640-18903-8
File size: 453 KB
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Abstract
„Nein, es sind rätselvolle Tatsachen, die Frauen – so wenig neu es ist, so wenig kann man ablassen, davor zu stehen und zu staunen“ – sagt der Dichter Spinell in Thomas Manns Novelle Tristan.“ „Eine der kompliziertesten, unausdeutbarsten, aber zweifellos auch reizvollsten Erscheinungen auf dieser Welt ist die Frau.“ Diese und andere Aussagen versuchen das Wesen der Frau zu beschreiben. Nicht nur die gesellschaftliche Sitte weist ihr einen bevorzugten Platz zu, sondern auch in der Kunst und der Literatur nimmt die Frau eine zentrale Stellung ein. Es ist kein Zufall, dass die weiblichen Gestalten auch im Märchen eine bedeutsame Rolle spielen. Gegenstand der folgenden Arbeit sind die Frauenfiguren in den Kinder- und Hausmärchen (KHM) der Brüder Wilhelm und Jacob Grimm. Diese Märchen sind in höchstem Maße von und durch Frauen bestimmt gewesen. Nicht nur, weil die meisten Märchenhelden weiblich sind, sondern auch, weil die meisten Gewährspersonen der Brüder Grimm Frauen waren. Diese Untersuchung soll herausfinden, welche Rolle die Frau in den Märchen spielte, wie sie dort präsentiert wurde und welche Verhaltensmuster, Charakterzüge und Probleme sie hatte. Die Entstehungsgeschichte und die Quellen der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm werden ebenfalls erläutert. Es wird primär eine Verbindung der Frauenfiguren in den KHM zu der Situation der Frau im 19. Jahrhundert hergestellt. Dieser Arbeit liegen die Prinzipien der kognitiven Hermeneutik zugrunde. Laut dieser literaturwissenschaftlichen Methode wird die folgende Untersuchung in eine Basis- und eine Aufbauarbeit unterteilt. Die methodisch gelenkte Textarbeit soll den Vorteil haben, dass sie neben einer Analyse auf der Basis von Inhalt und sprachlicher Gestaltung auch Informationen über die Entstehungsgeschichte der Texte liefert. Bei der gründlichen Untersuchung im Basisbereich wird darüber hinaus soziologisches, psychologisches und biographisches Wissen einbezogen.
Excerpt (computer-generated)
Die Frauenfiguren in den Kinder- und Hausmärchen der
Brüder Grimm
Magisterarbeit zur Erlangung
des Grades Magistra Atrium der
Philosophischen Fakultät der
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
von
Michaela Dimova
September 2008
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Einführung in die Thematik 6
2.1 Zum Begriff ,,Märchen" 6
2.2 Ursprung der Märchen 7
2.3 Merkmale der Gattung ,,Märchen" 9
3 Über ,,Kinder- und Hausmärchen" 13
3.1 Das Volksmärchen 13
3.2 Die Märchensammlung der Brüder Grimm 15
3.3 Die Märchenfiguren 15
4 Typologie der Frauenfiguren in den Märchen der Brüder Grimm 19
4.1 Der passive Typ 20
4.2 Der aktive Typ 22
4.3 Der gemischte Typ 23
4.4 Die bösen Figuren 24
4.4.1 Herkunft und Bedeutung des Hexenbegriffs 26
4.4.2 Das Hexenbild in den KHM 27
4.4.3 Die Stiefmutter 30
4.5 Die guten Figuren 33
4.5.1 Die Frau als Heldin 34
4.5.2 Die Prinzessin 36
5 Vorüberlegung zur Basisinterpretation 38
5.1 Die Brüder Grimm 38
5.2 Einflusse auf die Entstehung der KHM 39
5.3 Überzeugungssystem 41
5.4 Die Märchenbeiträgerinnen 43
5.5 Grimms Märchen 44
5.6 Die Märchensammlung als Erziehungsbuch 45
1
6 Märcheninterpretation 49
6.1 KHM 50, Dornröschen 49
6.1.1 Inhaltsanalyse 50
6.1.2 Interpretation des KHM 50, Dornröschen 51
6.1.3 Analyse der Frauenfiguren 54
6.2 KHM 53, Schneewittchen 57
6.2.1 Inhaltsanalyse 58
6.2.2 Interpretation des KHM 53, Schneewittchen 59
6.2.3 Analyse der Frauenfiguren 62
6.3 KHM 15, Hänsel und Gretel 65 6.3.1 Inhaltsanalyse 66
6.3.2 Interpretation des KHM 15, Hänsel und Gretel 67
6.3.3 Analyse der Frauenfiguren 71
7 Die Frauenfiguren in den KHM 74
7.1 Das Märchen Ein Spiegelbild der Wirklichkeit ? 74
7.2 Die Rolle der Frau um 1800 bis zur Mitte des 19. Jhs. 76
7.3 Zum Frauenbild in den KHM der Brüder Grimm 78
8 Zusammenfassung 82
9 Literaturverzeichnis 85
9.1 Primärliteratur 85
9.2 Sekundärliteratur 85
9.3 Nachschlagwerke 90
2
1 Einleitung
,,Nein, es sind rätselvolle Tatsachen, die Frauen so wenig neu es ist, so wenig kann man ablassen, davor zu stehen und zu staunen" sagt der Dichter Spinell in Thomas Manns Novelle Tristan."1
,,Eine der kompliziertesten, unausdeutbarsten, aber zweifellos auch reizvollsten Erscheinungen auf dieser Welt ist die Frau."2
Diese und andere Aussagen versuchen das Wesen der Frau zu beschreiben. Nicht nur die gesellschaftliche Sitte weist ihr einen bevorzugten Platz zu, sondern auch in der Kunst und der Literatur nimmt die Frau eine zentrale Stellung ein. Es ist kein Zufall, dass die weiblichen Gestalten auch im Märchen eine bedeutsame Rolle spielen.
Gegenstand der folgenden Arbeit sind die Frauenfiguren in den Kinder- und Hausmärchen (KHM) der Brüder Wilhelm und Jacob Grimm. Diese Märchen sind in höchstem Maße von und durch Frauen bestimmt gewesen. Nicht nur, weil die meisten Märchenhelden weiblich sind, sondern auch, weil die meisten Gewährspersonen der Brüder Grimm Frauen waren.
Diese Untersuchung soll herausfinden, welche Rolle die Frau in den Märchen spielte, wie sie dort präsentiert wurde und welche Verhaltensmuster, Charakterzüge und Probleme sie hatte. Die Entstehungsgeschichte und die Quellen der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm werden ebenfalls erläutert. Es wird primär eine Verbindung der Frauenfiguren in den KHM zu der Situation der Frau im 19. Jahrhundert hergestellt. Dieser Arbeit liegen die Prinzipien der kognitiven Hermeneutik zugrunde. Laut dieser literaturwissenschaftlichen Methode wird die folgende Untersuchung in eine Basis- und eine Aufbauarbeit unterteilt.
Die methodisch gelenkte Textarbeit soll den Vorteil haben, dass sie neben einer Analyse auf der Basis von Inhalt und sprachlicher Gestaltung auch Informationen über die Entstehungsgeschichte der Texte liefert. Bei der gründlichen Untersuchung im Basisbereich wird darüber hinaus soziologisches, psychologisches und biographisches Wissen einbezogen. Dieser Teil gliedert sich wiederum in Basisanalyse und
1 Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. Quellen und Studien. Gesammelte Aufsätze. Band 50, Wissenschaftlicher Verlag, Trier 2000, S.196
2 Vgl. ebd., S. 196
3
Basisinterpretation. In der Aufbauarbeit werden die Kinder- und Hausmärchen in einem historischen und ideengeschichtlichen Kontext eingeordnet und kontextbezogen erforscht.
Die von mir gewählte Vorgehensweise sieht so aus, dass in einem ersten Schritt eine Einführung in das Gebiet der Volkserzählungen, und insbesondere der Märchen, vorangestellt wird. Diese Gattung, ihre Geschichte innerhalb der einschlägigen Forschung und die typischen formellen Merkmale sollen dazu beschrieben werden. Die Untersuchung beschränkt sich auf die Fassung der Ausgabe letzter Hand von 1857. Dieser allgemeine Teil soll ein theoretisches Hintergrundwissen und einen inhaltlichen Rahmen für diese Arbeit schaffen.
Da das Märchen kulturgeschichtliche und psychologische Sachverhalte reflektiert, symbolisiert und interpretiert, ist auch das Bild der Frau im Märchen äußerst facettenreich. Deswegen werden in der Basisanalyse die Frauenfiguren in Gruppen eingeteilt und eine Typologie erstellt. Die Texte der Brüder Grimm sind durch Kontraste gekennzeichnet. Hier wrden viele ambivalente Figuren dargestellt, die sich in gute und böse, aktive und passive Typen einteilen lassen.
Im Anschluss daran wird in der Basisinterpretation näher auf die ausgewählten Frauenmärchen Dornröschen, Hänsel und Gretel und Schneewittchen eingegangen. Diese Märchen wurden deswegen ausgewählt, weil deren weibliche Figuren gute Beispiele für die verschiedenen Gruppen der Basisanalyse sind. Sie stellen auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft mit ihren sowohl positiven als auch negativen Seiten bildhaft dar und zeigen, wie Frauen in dieser Zeit sich anzupassen hatten. In diesem Teil der Arbeit werden nicht nur die moralischen Botschaften der Märchen aufgezeigt, sondern auch die Einflüsse auf die Entstehung der Texte beleuchtet und die Gründe für die Gestaltung der jeweiligen Frauenfiguren untersucht.
Die deskriptive Erfassung der Frauenfiguren in den Texten der Brüder Grimm soll dazu dienen, einen besseren Eindruck von der Frau im Märchen zu gewinnen.
In dem letzten Teil dieser Untersuchung wird ein besonderes Augenmerk auf die Einstellung der Kinder- und Hausmärchen gegenüber der Frau und ihrem Rollenverhalten gelegt. Die moralischen Vorstellungen, die durch diese Märchen vermittelt werden, sind vom Weltbild der jeweiligen Erzähler oder Erzählerinnen abhängig gewesen. Diese Texte
4
sind nicht nur von den Märchenerzählern und -hörern, sondern auch von den kulturellen Ereignissen beeinflusst worden. Sie wurden von den Wertvorstellungen ihrer Zeit geprägt und an die Bedürfnisse des Lesepublikums angepasst. Ob und inwieweit sich das typische Frauenbild des 19. Jahrhunderts in der Gestaltung der Frauenfiguren dieser Märchen wiederspiegelt, sind ebenfalls Fragen, die in dieser Arbeit beantwortet werden. Die bedeutsamste Märchensammlung, die Kinder- und Hausmärchen, die durch die Brüder Grimm aufgezeichnet wurde, lässt sich historisch in die Epoche der Romantik einordnen. Die Geschlechterrollen und das Frauenideal dieser Zeit werden dargestellt und mit der sozialen Situation und dem typischen Verhaltensmuster der Frau im Märchen verglichen.
Die Texte verkörpern altes, überliefertes Gedankengut. Sie sind ihrem Wesen nach Volkserzählungen, die in ihrer mündlichen Überlieferung Spiegel ihrer Zeit sind. In den Märchen der Brüder Grimm wird damit auch ein relevantes Frauenbild entworfen, das zum Verständnis der sozialen Vergangenheit in hohem Maße beiträgt.
In der Schlussbetrachtung wird ein Resümee gezogen und eine Beantwortung aller behandelten Kernfragen geboten.
5
2 Einführung in die Thematik
2.1 Zum Begriff Märchen
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der literarischen Gattung Märchen. Als Einführung in die Thematik soll diese Gattung anhand ihres Ursprungs, ihres Verständnisses und ihrer Merkmale kurz erläutert werden.
Das Wort Märchen ist eine Verkleinerungsform des mittelhochdeutschen Begriffs maere und bedeutet so viel wie Gerücht, Erzählung oder Bericht. Unter maere wurden ursprünglich gesprochene, vorgetragene Erzähltexte unterschiedlicher Art verstanden. Im Spätmittelalter wurde das Wort enger gefasst und war die Bezeichnung für eine erfundene, unwahre Erzählung. Der Begriff "Märchen" unterlag einer Bedeutungsveränderung im Laufe der Zeit. Es gibt bisher in der Forschung zahlreiche Definitionsversuche. Im deutschen Sprachraum haben sich relativ feste Definitionen durchgesetzt.
Unter einem Märchen verstehen wir seit Herder und den Brüdern Grimm eine mit dichterischer Phantasie entworfene Erzählung besonders aus der Zauberwelt, eine nicht an die Bedingungen des wirklichen Lebens geknüpfte wunderbare Geschichte, die hoch und niedrig mit Vergnügen anhören, auch wenn sie diese unglaublich finden.3
Heute wird das Märchen definiert als eine phantasievolle, frei erfundene Prosaerzählung, die keinerlei wirkliche Begebenheiten als Grundlage hat. Es wird das Unglaubwürdige und Unwahrscheinliche im Gegensatz zu maere angesprochen. ,,Zauber, Wunder, Übernatürliches sind für das allgemeine Gefühl mit dem Begriff >Märchen Diese kinderfreundlichen Erzählungen involvieren auch bedeutungsvolle Erkenntnisse und Wahrheiten des Lebens. ,,Obwohl Märchen eine übernatürliche Welt mit wunderbaren, magischen und mythischen Aspekten darstellen, enthalten sie in ihrer tieferen Symbolik
3 Lüthi, Max: Märchen. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart, Weimar, April 2004, S. 3
4 Rölleke, Heinz: Zauber-Märchen Märchen-Zauber. Vom Zauber im Volks- und Kunstmärchen. In: Zauber Märchen. Forschungsberichte aus der Welt der Märchen. Eugen Diederichs Verlag, München 1998, S. 9
5 Vgl. ebd., S. 9
6
doch auch ganz durchschnittliche und normale Menschheitswerte."6 Sie leugnen nicht die Schwierigkeiten des realen Lebens, sondern zeigen auch Wege aus der Gefahr. Auf Figurenebene wird oftmals ein typisierender Kampf von Gut gegen Böse ausgetragen, wobei am Ende zumeist das Gute siegt. ,,Märchen geben ein Bild des Menschen und seiner Beziehung zur Welt."7 Diese Geschichten sind im Volk entstanden, frei erfunden, besitzen aber eine tiefgründige Thematik.
2.2 Ursprung des Märchens
Das Märchen ist eine der ältesten Überlieferungen der Menschheit überhaupt. Die phantasievollen Erzählungen finden sich zu allen Zeiten und bei allen Völkern dieser Welt.
Alte Kulturformen und Riten spiegeln sich in ihnen wider, Naturereignisse sind in manchen verarbeitet worden, geschichtliche Ereignisse, wie sie in den Sagen zu finden sind, lassen sich in manchen von ihnen erkennen, aber vor allem auch soziale und in deren Folge innerseelische Konflikte bilden das Material, aus denen sie gestaltet worden sind.8
Das genaue Alter des Märchens ist schwer zu bestimmen, ,,[...] da eine zeitliche Rückverfolgung wegen der fehlenden schriftlichen Überlieferung so gut wie ausgeschlossen sei"9. Die heute bekannten Vorformen des Märchens stammen aus dem Orient. Das älteste Märchenbuch ist die über 300 Stücke umfassende arabische Sammlung "Tausendundeine Nacht", die ins 10. Jh. zurückdatiert. In der Antike stellt das Märchen noch keine selbstständige Gattung dar, sondern ist Bestandteil anderer epischer Dichtungen. ,,Nach gelegentlich märchenhaften Zügen in literarischen Texten des Mittelalters nimmt die schriftliche Märchenüberlieferung erst seit dem sechzehnten Jahrhundert deutlich Gestalt an."10
6 Mieder, Wolfgang [Hrsg.]: Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. R.G. Fischer Verlag, Frankfurt 1986
7 Lüthi, Max: So leben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. 2. durchgesehene Auflage, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen 1976, S. 5
8 Szonn, Gerhard: Die Weisheit unserer Märchen, VWB Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1993, S. 26
9 Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. Wilhelm Fink Verlag, München 1996, S. 181
10 Vgl. ebd., S. 181
7
In Deutschland prägten insbesondere die Brüder Grimm den Begriff Märchen . Sie zuerst haben die Märchen ernst genommen und als Geschichtsquellen gesammelt und aufgeschrieben. Erst durch ihre Märchensammlung "Kinder- und Hausmärchen" (1812-15) erlangte das Märchen auch im europäischen Raum höchste Popularität. Auch die Märchenforschung hat ihren Ursprung in der Arbeit der Brüder Grimm. Im 19. Jahrhundert begann man über Herkunft, Ursprung und Deutung des Märchens nachzudenken. Das Erforschen seiner Funktion in der Gesellschaft und seiner Wesensart trat im 20.
Jahrhundert in den Vordergrund. In der historischen Entwicklung des Märchens sieht man die Entwicklung von matriarchalischen Gesellschaftsformen bis zur frühbürgerlichen Emanzipation.
Die Ursprünge des Märchens liegen im Mythos und im Epos. ,,Jedes Märchen enthält sowohl folkloristische wie naturdeutende wie auch tiefenpsychologischen Anteile."11 Die phantastischen Erzählungen stellen Bilder innerseelischen Geschehens dar, indem sie das Persönliche mit dem Mythischen verbinden. ,,Gemeinsam allen Märchen sind die Überreste eines in die älteste Zeit hinauf reichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung übersinnlicher Dinge ausspricht."12
Früher wurden die Märchen im Kreise der Erwachsenen erzählt und von Mund zu Mund, von Generation zu Generation übertragen. Heute werden sie als Kinderliteratur bezeichnet. ,,Daß Kinder von den Märchen stärker angesprochen werden als die Erwachsenen, hängt mit unserer psychischen Entwicklung im Laufe der Menschheitsgeschichte zusammen."13
Die Fortentwicklung betrifft nicht nur die wirtschaftlichen Aspekte unserer Gesellschaft, sondern darüber hinaus auch die Art unseres Denkens. ,,In einer Welt, in der Einzelwissenschaften und die Technik der Entwicklung weit voraus sind und Moral, Gesittung und Kunst nicht folgen können, hat das Märchen keinen Platz mehr."14 Die phantasievollen Erzählungen, diese Jahrhunderte alte Tradition, leben aber heute noch weiter, und zwar als aktuelle Begleiter der kindlichen Entwicklung.
11 Szonn, Gerhard: Die Weisheit unserer Märchen, VWB Verlag für Wissenschaft und Bildung, Berlin 1993, S. 26
12 Vgl. ebd., S. 32
13 Vgl. ebd., S. 33
14 Kürthy, Tamàs: Dornröschens zweites Erwachen. Die Wirklichkeit in Mythen und Märchen. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1985, S. 74
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