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Analyse der Mitbestimmung im diametralen Mediendiskurs

Subtitle: Eine Untersuchung der Kommentare zum Thema Mitbestimmung bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)“ und „die Tageszeitung (TAZ)“

Scholary Paper (Seminar), 2006, 83 Pages
Author: Raoul Weise
Subject: Sociology - Knowledge and Information

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2006
Pages: 83
Grade: 1.7
Bibliography: ~ 8  Entries
Language: German
Archive No.: V117127
ISBN (E-book): 978-3-640-20784-8

File size: 331 KB

Abstract

„Die Mitbestimmung ist ein Phänomen, an dem man Eigenarten der deutschen Sozial-, Politik- und Wirtschaftsgeschichte erkennen kann, in ihrer hier zu Lande entwickelten Form ist sie ein deutsches Phänomen geblieben. Nach dem es in Publizistik, Politik und Wissenschaft lange still um die Mitbestimmung geworden war, ist das Thema seit den späten 1990er Jahren in die öffentliche Debatte zurückgekehrt, und zwar kontrovers (Kocka, 2006, 1).“ Diese Kontroverse zum Thema Mitbestimmung wird in dieser Hausarbeit aufgegriffen und analysiert. Die Frage, die dieser Hausarbeit zu Grunde liegt ist: „Wie wird mit dem Thema Mitbestimmung in den Kommentaren der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Tageszeitung umgegangen?“ Im Näheren handelt es sich hierbei um eine Analyse der Mitbestimmung im diametralen Mediendiskurs...


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Schiller-Universität Jena

Institut für Soziologie

Analyse der Mitbestimmung im diametralen Mediendiskurs ­ Eine

Untersuchung der Kommentare zum Thema Mitbestimmung bei der

,,Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)" und ,,die Tageszeitung (TAZ)"

Hausarbeit zum Proseminar:

,,Unternehmenskultur und Mitbestimmung"

Sommersemester 2005/2006

Vorgelegt von:

Steffen Deckert

Raoul Weise

4. Fachsemester, Diplom

4. Fachsemester, Diplom

Hauptfach Wirtschaftspädagogik

Hauptfach Wirtschaftspädagogik

Doppelwahlpflichtfach Sozialkunde

Doppelwahlpflichtfach Sozialkunde

Jena am 19.09.2006


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung _______________________________________________________________ 3

2. Definition des Begriffs Mitbestimmung _______________________________________ 4

3. Das ,,Kommentariat" ______________________________________________________ 6

3.1 Die besondere Rolle der Kommentatoren in der politischen Öffentlichkeit ____________ 7

3.2 Wie hoch ist die Dichte und Konzentration der Kommentatoren? Was sind die

Zugansvorraussetzungen? Aus welcher sozialen Struktur setzt sich diese Elite zusammen? _ 8

3.3 Unterschiede zwischen FAZ und TAZ in Bezug auf das Kommentariat______________ 11

4.

Komparative Analyse der Kommentare über Mitbestimmung bei FAZ und TAZ____ 12

4.1 Wie häufig wird sich im Untersuchungszeitraum dazu geäußert und wie viele

Kommentatoren beschäftigten sich mit dieser Thematik? Wie groß ist der Umfang der

Kommentare zum Thema Mitbestimmung? _______________________________________ 14

4.2 Welche Anlässe führten zu einem Kommentar? Wie positionieren sich die

Kommentatoren ______________________________________________________________ 15

4.2.1

Wie positionieren sich die Kommentatoren zur Novellierung des Betriebsverfassungsgesetzes? 15

4.2.2

Wie positionieren sich die Kommentatoren zur Einführung neuer EU-Richtlinien? _________ 23

4.2.3

Wie positionieren sich die Kommentatoren zur VW-Affäre? ___________________________ 25

4.2.4

Wie positionieren sich die Kommentatoren zum Fall SAP_____________________________ 29

4.2.5

Wie positionieren sich die Kommentatoren der FAZ zum Thema Globalisierung? __________ 31

4.2.6

Wie positioniert sich der Kommentator der TAZ zum Thema Mitbestimmung im Allgemeinen? 33

4.3

Die Argumentationsstränge __________________________________________________ 34

4.4

Wie entwickelt sich das Thema im Zeitverlauf? Gehen FAZ und TAZ thematisch

aufeinander ein? ______________________________________________________________ 37

4.5

Ist eine Wechselwirkung zwischen ,,Kommentariat" und Politik erkennbar? _________ 39

5. Fazit __________________________________________________________________ 40

Literaturverzeichnis ________________________________________________________ 42

Material__________________________________________________________________ 43

Frankfurter Allgemeine Zeitung _________________________________________________ 43

Die Tageszeitung ______________________________________________________________ 44

Anhang __________________________________________________________________ 45

2


1. Einleitung

,,Die Mitbestimmung ist ein Phänomen, an dem man Eigenarten der deutschen Sozial-,

Politik- und Wirtschaftsgeschichte erkennen kann, in ihrer hier zu Lande entwickelten Form

ist sie ein deutsches Phänomen geblieben. Nach dem es in Publizistik, Politik und

Wissenschaft lange still um die Mitbestimmung geworden war, ist das Thema seit den späten

1990er Jahren in die öffentliche Debatte zurückgekehrt, und zwar kontrovers (Kocka, 2006,

1)." Diese Kontroverse zum Thema Mitbestimmung wird in dieser Hausarbeit aufgegriffen

und analysiert. Die Frage, die dieser Hausarbeit zu Grunde liegt ist: ,,Wie wird mit dem

Thema Mitbestimmung in den Kommentaren der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der

Tageszeitung umgegangen?" Im Näheren handelt es sich hierbei um eine Analyse der

Mitbestimmung im diametralen Mediendiskurs.

Ebenso wie in der Parteienlandschaft existiert auch bei den Zeitungen ein ähnliches Links-

Rechts-Spektrum. Die Welt ist dabei am rechten Pol positioniert, die TAZ am linken Pol

dieses Spektrums. Dazwischen lassen sich von rechts nach links die Frankfurter Allgemeine

Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Rundschau positionieren (Vgl.

Eilders/Lüter, 1998, 5). ,,Dieser Diversität entspricht auch eine unterschiedliche Parteiennähe.

Bei den Kommentatoren der TAZ schneiden die Grünen besonders gut ab, bei denen von

Frankfurter Rundschau und Süddeutscher Zeitung die Grünen und die SPD, bei der FAZ die

CDU sowie bei der Welt FDP und CSU. Aber die überregionalen Zeitungen sind keine

Parteizeitungen. Man findet bei ihnen hinreichend Beispiele für Kritik auch an jenen Parteien,

deren Positionen sie grundsätzlich nahe stehen (Neidhardt/Pfetsch/Eilders, 2005, 23)." Um

eine Kontroverse im Rahmen dieser Hausarbeit zu ermöglichen wird sich hierbei auf die

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und die Tageszeitung (TAZ) beschränkt.

Als Beurteilungsgrundlage dienen die publizierten Kommentare, da sie eine

überdurchschnittliche Chance besitzen, die öffentliche und politische Meinung

mitzubestimmen (Vgl. Neidhardt/Pfetsch/Eilders, 2005, 20). Auf die entsprechende Methodik

der Datenerhebung wird in Kapitel 2.3 näher eingegangen. Der Betrachtungszeitraum dieser

Hausarbeit erstreckt sich über die letzten 10 Jahre. In dieser Dekade hat es bis zum heutigen

Tage drei unterschiedliche Regierungen im Bundestag geben, die eine lebendige Kontroverse

der Kommentare in diesem Zeitraum vermuten ließen. Darüber hinaus soll im Rahmen dieser

Hausarbeit auch eine angemessene Untersuchungstiefe erreicht werden. Der geplante Umfang

dieser Analyse würde durch ein größeres Zeitfenster überschritten werden.

In Anlehnung an die Fragestellungen und empirischen Zielsetzungen des Methodenberichts

zum Projekt ,,Die Stimme der Medien im politischen Prozeß ­ Themen und Meinungen in

3


Pressekommentaren (vgl. Eilders/Lüter, 1998, 4)" wurden für diese Hausarbeit folgende

Fragestellungen entwickelt:

1.

Wie groß ist der Umfang der Kommentare zum Thema Mitbestimmung? Wie häufig

wird sich im Untersuchungszeitraum dazu geäußert und wie viele Kommentatoren

beschäftigten sich mit dieser Thematik?

2.

Welche Anlässe führten zu einem Kommentar? Wie positionieren sich die

Kommentatoren?

3.

Wie sind die Argumentationsstränge?

4.

Wie entwickelt sich das Thema im Zeitverlauf? Gehen FAZ und TAZ thematisch

aufeinander ein?

5.

Ist eine Wechselwirkung zwischen ,,Kommentariat" und Politik erkennbar?

Im Folgenden wird der Begriff Mitbestimmung definiert und auf die Berufsgruppe der

Kommentatoren und deren öffentliche Rolle näher eingegangen. Später folgt eine detaillierte

komparative Analyse der beiden Zeitungen und abschließend ein Fazit zu unserer

Fragestellung.

2. Definition des Begriffs Mitbestimmung

Die Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland ist vielgliedrig, und kann kaum mit einer kurzen

knappen Definition beschrieben werden. Grob unterteilt unterscheidet man zwischen

materieller und immaterieller Beteiligung.

Bei der materiellen Beteiligung werden die Mitarbeiter anhand von Geldwerten am Kapital

oder Erfolg eines Unternehmens partizipiert, beispielsweise durch Aktienoptionen oder

Zeitwertpapiere. Durch die immaterielle Beteiligung können Arbeitnehmer an betrieblichen

Informations-, Koordinations- und Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Dies kann zum

einen aufgrund gesetzlicher Bestimmungen oder durch freiwillig im und durch das

Unternehmen eingeräumter Formen betrieblicher Partizipation geschehen. Da sich diese

Hausarbeit ausschließlich mit der gesetzlichen Mitbestimmung befasst, wird auf die

freiwillige Partizipation hier nicht weiter eingegangen. Um aber einen Überblick über die

Gesamtmaterie ,,immaterielle Beteiligung" zu gewährleisten, verweisen wir auf das

nachstehende Baumdiagramm (Diagramm 1).

4


Diagramm 1: Übersicht der immateriellen Beteiligung

Quelle: Martins/ Pundt/ Nerdinger, Arbeitspapier Nr. 1 aus de Projekt TiM, Mitarbeiterbeteiligung und

Unternehmenskultur. Zum Konzept der Beteiligungsorientierung in Organisationen, Lehrstuhl für Wirtschafts-

und Organisationspsychologie der Universität Rostock. S. 11

Da Kenntnisse über die gesetzliche Mitbestimmung eine Grundlage unserer Hausarbeit sind,

werden diese im Folgenden erläutert. Die gesetzliche Mitbestimmung gliedert sich in

Unternehmensmitbestimmung und betriebliche Mitbestimmung auf.

Die rechtlichen Grundlagen für die Unternehmensmitbestimmung sind das

Montanmitbestimmungsgesetz von 1953, das Mitbestimmungsgesetz von 1976 sowie das

Drittelbeteiligungsgesetz aus dem Jahr 2004. Aufgrund dieser Gesetze unterliegen

Aktiengesellschaften, Gesellschaften mit beschränkter Haftung, Kommanditgesellschaften auf

Aktien und Unternehmen, welche als ähnliche Rechtform geführt werden, der

Unternehmensmitbestimmung, wenn sie eine bestimmte Mindestanzahl von Mitarbeitern

haben. In den meisten Fällen wird die Einflussnahme der Mitarbeiter über

Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten der Unternehmen ermöglicht.

5


,,Bei der betrieblichen Mitbestimmung ist neben dem Sprecherausschuss, der sich für die

Belange der leitenden Angestellten einsetzt, und dem Wirtschaftsausschuss, in welchem der

Unternehmer über wirtschaftliche Angelegenheiten des Unternehmens zu informieren und

sich mit ihm zu beraten hat, die besondere Rolle des Betriebsrates hervorzuheben (Martins/

Pundt/ Nerdinger, Arbeitspapier Nr. 1 aus de Projekt TiM, Mitarbeiterbeteiligung und

Unternehmenskultur, S. 10-13)."

Ein Betriebsrat bündelt die Arbeitnehmerinteressen und vertritt sie gegenüber der

Betriebsleitung im Unternehmen auf der Grundlage des Betriebsverfassungsgesetzes von

1972, welches 2001 novelliert wurde. Die Aufgaben eines Betriebsrates enden jedoch nicht

bei der Interessenvertretung der Arbeitnehmer. Um weiterhin die Arbeitsplätze zu sichern

oder sogar auszuweiten werden Betriebsräte teilweise zu Co-Managern indem sie der

Unternehmensleitung Probleme oder Anpassungsbedarfe im Unternehmen aufzeigen und

versuchen mit ihnen Lösungen zu erarbeiten (vgl. Martins/ Pundt/ Nerdinger, Arbeitspapier

Nr. 1 aus de Projekt TiM, Mitarbeiterbeteiligung und Unternehmenskultur, S. 10-13).

Eine sehr gute Zusammenfassung des Bergriffs Mitbestimmung lieferte Jürgen Kocka im, von

der Hans Böckler Stiftung herausgegebenen, Magazin ,,Mitbestimmung 04/2006".

,,Unter Mitbestimmung verstehe ich gemeinsame ­ also nicht bloß individuelle ­ Einwirkung

von Arbeitnehmern in Betrieben und Unternehmen auf die personalpolitischen, sozialen

und/oder wirtschaftlichen Entscheidungen der Leitungen dieser Betriebe und Unternehmen,

Mitwirkung an Entscheidungen in mehr oder weniger kontinuierlicher Form (nicht nur

momentan oder punktuell), in dafür eigens vorgesehenen, zumindest teilweise formalisierten

Verfahren, also nicht nur nebenbei, informell oder als indirekte Nebenfolge der

Arbeitsbeziehungen. Ich spreche von geregelter Arbeitnehmermitbestimmung durch Vertreter

in Betrieben und Unternehmen, dem allgemeinen Sprachgebrauch entsprechend (Kocka,

2006, S. 1)."

3. Das ,,Kommentariat"

Die Unterscheidung zwischen Kommentar und Nachricht ist eines der wichtigsten Axiome im

heutigen Journalismus. Geht es bei der Veröffentlichung von Nachrichten um eine möglichst

objektive Berichterstattung so sind Kommentare ein Mittel zur legitimen Meinungsäußerung

der Presse. Pressekommentare werden als die dichteste Form medialer Relevanzzuweisungen

und Meinungsäußerungen betrachtet (Vgl. Pfetsch/Eilders/Neidhardt, 2004, 3).

6


Der Begriff ,,Kommentariat" beschreibt die Gruppe von Journalisten bzw. Redakteuren,

welche in ihren Medien regelmäßig persönliche Meinungen zu bedeutungsvollen politischen

Begebenheiten formulieren dürfen. Dadurch besitzen sie die Chance, die öffentliche Meinung

maßgeblich mitzubestimmen (vlg. Neidhardt/Pfetsch/Eilders, 2005, 20).

3.1 Die besondere Rolle der Kommentatoren in der politischen Öffentlichkeit

Öffentlichkeitstheoretisch gesehen sind Kommentatoren Sprecher, die im Konzert mit

anderen gesellschaftlichen Akteuren, die öffentlich etwas sagen wollen, auftreten. Im

Gegensatz zu anderen Sprechern haben sie aber ein entscheidendes Privileg. Sie produzieren

nicht nur Themen und Meinungsäußerungen; sie können selber dafür sorgen, dass diese

Themen und Meinungen tatsächlich öffentlich werden. Insofern ,,machen" Kommentatoren

,,öffentliche" Meinungen und speisen sie in die politische Auseinandersetzung ein. Aufgrund

dieses Privilegs sind Kommentatoren eine Gruppe von Sprechern, die eine besondere

Machtposition in der politischen Öffentlichkeit einnehmen. Diese Machtposition ist

insbesondere bei den Kommentatoren der überregionalen Qualitätsmedien folgenreich. Dafür

gibt es mehrere Gründe: Die überregionalen Tageszeitungen produzieren Meinungen, die von

der politischen Elite sehr genau wahrgenommen werden. Wenn man darüber hinaus den

Status dieser Zeitungen als Leitmedien berücksichtigt, die über Prozesse der Koorientierung

auch andere Medien beeinflussen, dann muss man davon ausgehen, dass das Urteil der

Kommentatoren auch bei anderen Medien Resonanzen erzeugt und somit ein deutlich

größeres als das unmittelbare Publikum der Leitmedien erreicht. Die Kommentatoren der

jeweiligen Tageszeitungen besitzen also ein hohes Maß an Macht über die öffentliche

Meinungsbildung. Hieraus erwächst die Frage, ob sich diese Öffentlichkeitselite aus einer

Handvoll Vordenkern der Nation zusammensetzt oder ob es sich um einen vergleichsweise

offenen Kreis von Redakteuren handelt, die jeweils gelegentlich kommentieren. Simultan

stellt sich dabei die Frage, wie dieser Personenkreis sozial-strukturell einteilen lässt (vgl.

Pfetsch/Eilders/Neidhardt, 2004, 4).

7


3.2

Wie hoch ist die Dichte und Konzentration der Kommentatoren?

Was sind die Zugangsvoraussetzungen? Aus welcher sozialen Struktur setzt sich

diese Elite zusammen?

Aus der Datenerhebung ,,Dichte und Konzentrationsgrad von Kommentatoren und

Kommentaren" von Pfetsch, Eilders und Neidhardt (Tabelle 1) geht hervor, dass es sich bei

dem ,,Kommentariat" um einen kleinen ausgewählten Kreis von Redakteuren handelt. Diese

Bestandsaufnahme erstreckte sich über den Zeitraum von 1994 bis 1998. Dabei wurden

Anzahl und Dichte der Kommentatoren und Kommentare der ,,etablierten" überregionalen

Tageszeitungen erfasst; explizit die von der Tageszeitung, der Frankfurter Rundschau, der

Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der WELT.

Insgesamt wurden 8946 Kommentare untersucht, welche von 596 Kommentatoren verfasst

wurden. 15 der am häufigsten auftretenden Autoren haben dabei 60 Prozent dieser

Kommentare geschrieben. Damit bestimmen gerade einmal 2,5 Prozent der Kommentatoren

nahezu 2/3 der Kommentare. Die 25 am häufigsten auftretenden Kommentatoren bestimmten

mit 72 Prozent nahezu ¾ der Kommentare. Hiermit wird deutlich wie klein der Kreis der

Kommentatoren in Wirklichkeit ist. Diese Zentrierung medialer Macht ist zunächst kritisch zu

beurteilen, sie relativiert sich jedoch durch die Abdeckung des politischen Links-Rechts-

Spektrums innerhalb dieser Medien (Vgl. Pfetsch/Eilders/Neidhardt, 2004, 11). Eine spezielle

Analyse zwischen FAZ und TAZ findet im Punkt 2.2.3 statt.

Quelle: Pfetsch, Barbara/ Eilders, Christiane/ Neidhardt, Friedhelm: Das ,,Kommentariat". Rolle und

8


Status einer Öffentlichkeitselite, Discussion Paper Nr. SP IV 2004-402, Wissenschaftszentrum Berlin für

Sozialforschung (WZB), 2004.

Welche Faktoren sind nun für den Zugang eines Journalisten zur Rolle eines Kommentators

ausschlaggebend und welche Faktoren kontrollieren das Handeln dieser Sprecher? In Bezug

auf die Studie von Pfetsch, Eilders und Neidhardt werden in diesem Zusammenhang drei

Hauptmerkmale deutlich.

So entscheidet zunächst die Übereinstimmung der journalistischen Attitüde mit der

redaktionellen Linie einer Zeitung, die als Geschäftsgrundlage bekannt ist, überhaupt über

eine Zusammenarbeit zwischen Journalisten und der entsprechenden Redaktion. Die

redaktionelle Linie stellt eine durch verlegerische Entscheidungen und die Herkunft oder

Geschichte eines Mediums vorgegebenen Meinungskorridor dar, der mit mehr oder weniger

starken Festlegungen im ideologischen Spektrum der politischen Öffentlichkeit verbunden ist.

Eine gewisse Stabilisierung erfährt diese Tendenz zudem durch Bindungen an

Publikumsgruppen, die mit den Zeitungen sympathisieren, und mit bestimmten Erwartungen

zurückwirken. Man kann unter diesen Bedingungen die redaktionelle Linie begreifen, als das

Aggregat einer Vielzahl von mehr oder weniger einheitlichen politischen Meinungen und

Beurteilungen, die über einen bestimmten Zeitraum hinweg in einer Redaktion zu

unterschiedlichen Themen und Akteuren geäußert werden und die als analytische Größe auf

der Links-Rechts-Achse politischer Konflikte angeordnet eine bestimmte Positionierung im

ideologischen Spektrum der politischen Öffentlichkeit ergeben. Somit stellt die redaktionelle

Linie zunächst einen Handlungsrahmen dar, der zum einen aus geschichtlichen Aspekten

gewachsen ist und zum anderen auch das Ergebnis des Handelns von Kommentatoren ist,

denn die Kumulation ihrer Meinungen prägt wiederum die konkreten politischen Positionen

und programmatischen Festlegungen des Mediums (vgl. Pfetsch/Eilders/Neidhardt, 2004, 10).

Das zweite Hauptmerkmal bezieht sich auf die berufliche Sozialisation innerhalb des

Mediums. Mit Eintritt in das Redaktionssystem werden im Laufe langjähriger Prozesse die

Kontroll- und Anpassungsmechanismen, welche die redaktionellen Entscheidungssysteme

kennzeichnen, verinnerlicht. Dies geschieht durch die Kommunikation mit den Kollegen, die

Beobachtung der Produkte und Prozesse sowie durch eigene Erfahrungen mit den in der

Redaktion geltenden Normen. Die Mechanismen beruflicher Sozialisation wirken sich sowohl

auf die Auswahl als auch auf das Handeln von Kommentatoren aus. So erscheint plausibel,

dass die Kommentierung vor allem von Autoren stammt, die im redaktionellen

Entscheidungssystem gut integriert sind und erfolgreich agieren. Von ihnen kann man

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