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Untertitel: Zur kontemporären Relevanz der OPEC auf dem Weltölmarkt
Hauptseminararbeit, 2006, 21 Seiten
Autor: Marius Sauter
Fach: Politik - Int. Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände
Details
Institution/Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Seminar für Politikwisschenschaft)
Tags: OPEC, Niedergang, Internationale, Beziehungen, Internationale, Organisationen, Global, Governance
Jahr: 2006
Seiten: 21
Note: 2,3
Literaturverzeichnis: ~ 30 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-19629-6
ISBN (Buch): 978-3-640-19690-6
Dateigröße: 139 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Der Ölpreis klettert dieser Tage in nie da gewesene Höhen, bis zu 100 US Dollar pro Barrel schienen manchen Experten noch vor kurzem für die nahe Zukunft im Bereich des Möglichen zu liegen. Die Angst vor Lieferengpässen aufgrund der militärischen Eskalation im Nahen Osten sowie die Krise in der iranischen Atomfrage trieben den Rohölpreis nach oben. Letztere Krise ließ den Ölpreis Anfang 2006 innerhalb zweier Monate um knapp 30% ansteigen. Laut dem Statut der „Organisation Erdöl exportierender Länder“ (OPEC) verpflichten sich diese Länder, „schädliche Fluktuationen“ des Ölpreises zu verhindern. Die gegenwärtige Situation auf den Ölmärkten wirft jedoch die Frage auf, welchen Einfluss die OPEC überhaupt noch auf die Ölmärkte und die Rohölpreise hat, wie relevant sie als Akteur noch ist. Da die Weltenergiemärkte in erster Linie noch immer Ölmärkte sind und somit vom Ölpreis bestimmt sind, ist diese Fragestellung für die Energiesicherheit von großer Bedeutung. Die in den 1970er Jahren viel beschworene und vom Westen gefürchtete Macht der OPEC über die Weltölmärkte scheint dieser Tage endgültig im Schwinden begriffen zu sein. „Opec is unable to control and influence the global crude markets any further, the International Energy Agency (IEA), the OECD energy watchdog and Opec now concur.” Dieses Eingeständnis demonstriert den offenbaren Einflussverlust der OPEC und wirft zugleich die Frage auf, welche Faktoren zu dem Kontrollverlust geführt haben, der die OPEC zu einem machtlosen Akteur auf dem Weltölmarkt werden ließ. Betrachtet man die weltweit nachgewiesenen Rohölreserven, dann scheint obiges Zitat völlig an der Realität vorbeizugehen: Nach den Daten von 2004 lagen die größten Reserven mit knapp 777 Mrd. Barrel von weltweit nachgewiesenen 1144 Mrd. Barrel im Gebiet der OPEC-Mitgliedsländer des Nahen Ostens. Insgesamt liegen 78,4% der weltweit nachgewiesenen Rohölreserven im Territorium der OPEC-Mitglieder. Hinzu kommt, dass die Förderkosten in diesen Ländern deutlich geringer ausfallen als in anderen Regionen. Warum also hat die OPEC keinerlei Einfluss auf den Weltölmarkt? Spielt dieses „Relikt aus einer völlig anderen Zeit“ überhaupt noch eine Rolle? Dieser Relevanzfrage soll hier anhand aktueller Daten zu Fördermengen, globaler Nachfrage, Anteilen am Weltölmarkt und nachgewiesenen Ölreserven nachgegangen werden.
Volltext (computergeneriert)
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.Br., Institut für Wissenschaftliche Politik
HS II: Internationale Beziehungen - Internationale Organisationen - Global Governance
Sommersemester 2006
Die OPEC im Niedergang?
Zur kontemporären Relevanz der OPEC auf dem Weltölmarkt
Eingereicht von:
Marius Sauter
Wissenschaftliche Politik 6. Fachsemester
Neuere und Neueste Geschichte 6. Fachsemester
Islamwissenschaft 4. Fachsemester
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung - 1 -
II. Der theoretische Rahmen - 5 -
III. OPEC im Niedergang? - 8 -
III.1 Interne Faktoren: Heterogene Interessen als Ursache für Regimeversagen - 8 -
III.2 Externe Faktoren: Herausforderungen für die OPEC - 11 -
IV. Fazit - 16 -
V. Literatur - 18 -
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I. Einleitung
Der Ölpreis klettert dieser Tage in nie da gewesene Höhen, bis zu 100 US Dollar pro Barrel
schienen manchen Experten noch vor kurzem für die nahe Zukunft im Bereich des Möglichen
zu liegen. Die Angst vor Lieferengpässen aufgrund der militärischen Eskalation im Nahen
Osten sowie die Krise in der iranischen Atomfrage trieben den Rohölpreis nach oben. Letztere
Krise ließ den Ölpreis Anfang 2006 innerhalb zweier Monate um knapp 30% ansteigen.1 Laut
dem Statut der ,,Organisation Erdöl exportierender Länder" (OPEC) verpflichten sich diese
Länder, ,,schädliche Fluktuationen"2 des Ölpreises zu verhindern. Die gegenwärtige Situation
auf den Ölmärkten wirft jedoch die Frage auf, welchen Einfluss die OPEC überhaupt noch auf
die Ölmärkte und die Rohölpreise hat, wie relevant sie als Akteur3 noch ist. Da die
Weltenergiemärkte in erster Linie noch immer Ölmärkte sind und somit vom Ölpreis
bestimmt sind,4 ist diese Fragestellung für die Energiesicherheit von großer Bedeutung. Die in
den 1970er Jahren viel beschworene und vom Westen gefürchtete Macht der OPEC über die
Weltölmärkte scheint dieser Tage endgültig im Schwinden begriffen zu sein.
,,Opec is unable to control and influence the global crude markets any further, the International Energy Agency
(IEA), the OECD energy watchdog and Opec now concur."5
Dieses Eingeständnis demonstriert den offenbaren Einflussverlust der OPEC und wirft
zugleich die Frage auf, welche Faktoren zu dem Kontrollverlust geführt haben, der die OPEC
zu einem machtlosen Akteur auf dem Weltölmarkt werden ließ. Betrachtet man die weltweit
nachgewiesenen Rohölreserven, dann scheint obiges Zitat völlig an der Realität
vorbeizugehen: Nach den Daten von 2004 lagen die größten Reserven mit knapp 777 Mrd.
Barrel von weltweit nachgewiesenen 1144 Mrd. Barrel im Gebiet der OPEC-Mitgliedsländer
des Nahen Ostens.6 Insgesamt liegen 78,4% der weltweit nachgewiesenen Rohölreserven im
Territorium der OPEC-Mitglieder. Hinzu kommt, dass die Förderkosten in diesen Ländern
deutlich geringer ausfallen als in anderen Regionen.7 Warum also hat die OPEC keinerlei
1 Vgl.: PFEIFFER, Hermanus:
Öl für die Welt
; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 06/2006,
S.755-757, S.755
2 OPEC:
OPEC Statute
; Wien 2001, S.1
3 Nach der theoretischen Grundlage dieser Arbeit, der Regimetheorie, hat ein Regime keine Akteursqualität auf
der internationalen Bühne. Die hier angesprochene Akteursrolle der OPEC soll deswegen rein output orientiert
verstanden werden, d.h. die Akteursqualität der OPEC soll daran gemessen werden, wie erfolgreich die OPEC-
Staaten aufgrund ihrer Kooperation in der OPEC auf den Weltmarkt Einfluss nehmen können.
4 Vgl.: HÄCKEL, Erwin:
Internationale Energiepolitik
; in: WOYKE, Wichard (Hg.):
Handwörterbuch
Internationale Politik
; Bonn 2000, S.155-163, S.157
5 Husain, Syed Rashid:
Opec unable to influence crude markets any further;
http://www.dawn.com/2006/07/30/ebr5.htm
6 Vgl.: OPEC:
Annual Statistical Bulletin 2004
; Wien 2005, S.20
7 Vgl.: IEA:
World Energy Outlook 2004
; a.a.O. 2004, S.105
- 2 -
Einfluss auf den Weltölmarkt? Spielt dieses ,,Relikt aus einer völlig anderen Zeit"8 überhaupt
noch eine Rolle? Dieser Relevanzfrage soll hier anhand aktueller Daten zu Fördermengen,
globaler Nachfrage, Anteilen am Weltölmarkt und nachgewiesenen Ölreserven nachgegangen
werden. Die Organisation OPEC wird dabei als ein Regime verstanden, über das eine
Kooperation der Erdöl fördernden Länder ermöglicht werden soll, um eine bestmögliche
Verfolgung deren Interessen zu gewährleisten. Unter regimetheoretischen Gesichtspunkten
soll eine Erklärung des kollektiven Handelns der OPEC erfolgen, um die Ziele und
Handlungsweisen dieser Organisation zu erklären. Darüber hinaus soll das Verhalten der
einzelnen OPEC-Mitglieder und die Resultate dieser Verhaltensweisen beleuchtet werden, um
das zu beobachtende Ausscheren aus getroffenen Absprachen zu illustrieren.
Einleitend wird auf regimetheoretische Grundlagen, um den theoretischen Rahmen
dieser Arbeit abzustecken. Dazu sollen die Grundlagen und Kernaussagen der Regimetheorie
erläutert werden, anhand derer die OPEC als Regime definiert werden kann. Auf die
Einordnung dieser Theorierichtung in den Kontext der Großtheorien internationaler
Politik sowie auf Kritik an diesem Ansatz soll hier verzichtet werden.9
Im Hauptteil richtet sich der Blick auf die Akteure und Entwicklungen auf dem
Weltölmarkt. Anhand aktueller Statistiken und Analysen sollen die Handlungen der Akteure
auf dem Weltmarkt aufgezeigt, sowie deren Auswirkungen auf die Relevanz der OPEC
untersucht werden. Im Fokus sollen dabei nicht nur Förderquoten, Exportmengen und Anteile
am Weltölmarkt der Erdölproduzenten stehen, sondern auch Nachfrage und Entwicklungen
auf den Energiemärkten skizziert werden. Die Untersuchung interner Faktoren beschreibt die
individuellen und kollektiven Verhaltensweisen der OPEC-Staaten, das Spannungsfeld
zwischen dem kollektiven Handeln dieser Länder und den individuellen Interessen der
einzelnen Mitglieder. Dabei soll untersucht werden, warum von getroffenen Vereinbarungen
abweichende Verhaltensweisen zu beobachten sind und inwiefern sich diese auf die Relevanz
der OPEC als Akteur auf dem Weltölmarkt auswirken. Da ein Regime nicht in einem leeren
Raum agiert, sondern auch durch das Handeln anderer Akteure und Entwicklungen
beeinflusst wird, müssen auch externe Faktoren für den Einflussverlust der OPEC in Betracht
gezogen werden. Unter externen Faktoren sollen hier Handlungen und Entwicklungen
verstanden werden, die nicht direkt von OPEC-Mitgliedern ausgehen, aber dennoch
8 CHALABI, Fadhil J.:
OPEC. An Obituary
; in: Foreign Policy, Nr.109, 1997/1998, S.126-140, S.127 (eigene
Übersetzung)
9 Für eine Übersicht über die Theorieentwicklung siehe: HASENCLEVER, Andreas; MAYER, Peter,
RITTBERGER, Volker:
Theories of International Regimes
; Cambridge 1997. Für eine Kritik an der Anwendung
regimetheoretischer Überlegungen im Fall der OPEC siehe: BECK, Martin:
Die Erdöl-Rentier-Staaten des
Nahen und Mittleren Ostens
; Münster/Hamburg 1993, S.89ff.
- 3 -
Auswirkung auf das Handeln der OPEC haben. Abschließend werden in einem Fazit die
Kernargumente der Arbeit zusammengefasst, um die Gründe für den Niedergang der OPEC
zu illustrieren.
- 4 -
II. Der theoretische Rahmen
Als theoretische Grundlage dienen dieser Arbeit regimetheoretische Annahmen, die, wie auch
die realistische Schule, den Staat als den zentralen Akteur der Weltpolitik betrachten, der in
einem anarchischen Umfeld seine eigennützig definierten Interessen rational verfolgt.10
Darüber hinaus werden internationale Institutionen als hilfreich angesehen, um ,,(...)die aus
komplexen
Interdependenzbeziehungen
resultierenden
Kooperationsprobleme
im
gemeinsamen Interesse zu lösen."11 Die Grundfragen der Regimetheorie sind, unter welchen
Umständen Regime entstehen, was charakteristische Elemente von Regimes sind und wie sich
Regime auf das Verhalten von Staaten und auf die internationale Ebene auswirken.12
Ein Regime kann aus einer Interessenkongruenz verschiedener Staaten entstehen und
ihnen dabei helfen, diese Interessen zu verwirklichen. Dabei besitzt das Regime selbst keine
Akteursqualität, sondern schreibt lediglich Verfahrensregeln und Handlungsprinzipien fest,
die von den ratifizierenden Staaten als gültig akzeptiert werden13 und nach denen die
Mitgliedsländer ihr Handeln auf dem jeweiligen Kooperationssektor ausrichten. Die
Institutionalisierung von Kooperation durch internationale Regime hilft die mit internationaler
Kooperation
verbundenen
Transaktionskosten
zu
reduzieren,
da
sie
einen
Verhandlungsrahmen und sach- sowie akteursbezogene Informationen für die spezifischen
Kooperationsziele bereitstellt. Darüber hinaus erhöhen reduzierte Transaktionskosten die
Erwartungssicherheit bezüglich des Verhaltens anderer, da durch eine Reduzierung von
Kooperationskosten die Chance steigt, dass sich die Kooperationspartner an getroffene
Vereinbarungen halten. Je mehr Staaten jedoch an einem Regime beteiligt sind, desto
schwieriger wird es, Regelverstöße zu identifizieren und die Kooperationstreue wirksam zu
kontrollieren. Die Kosten für eine Einrichtung und Unterhaltung von Kontrollmechanismen
steigen mit der Mitgliederzahl, ebenso steigt die Chance, dass die einzelnen Staaten
versuchen, Kosten auf andere Kooperationspartner abzuwälzen. Die Gefahr, dass
Trittbrettfahrer dem Regime beitreten, um die Vorteile der kollektiven Güterbereitstellung zu
genießen, ohne dabei einen Teil der Regimekosten zu übernehmen, steigt ebenfalls, wenn das
10 Vgl.: ZANGL, Bernhard:
Regimetheorie
; in: SCHIEDER, Siegfried; SPINDLER, Manuela (Hrsg.):
Theorien
der Internationalen Beziehungen
; Opladen 2003, S.117-140, S.117
11 ZANGL, Bernhard:
Regimetheorie
; in: SCHIEDER, Siegfried; SPINDLER, Manuela (Hrsg.):
Theorien der
Internationalen Beziehungen
; Opladen 2003, S.117-140, S.118
12 Vgl.: LITTLE, Richard:
International Regimes
; in: BAYLIS, John; SMITH, Steve (Hrsg.):
The Globalization
of World Politics. An Introduction to International Relations
; Oxford 1999, S.231-247, S.231
13 Vgl.: ZANGL, Bernhard:
Regimetheorie
; in: SCHIEDER, Siegfried; SPINDLER, Manuela (Hrsg.):
Theorien
der Internationalen Beziehungen
; Opladen 2003, S.117-140, S.117
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Regime sich erfolgreich erweist und dadurch an Mitgliedern gewinnt.14
Die gemeinsamen Interessen sind jedoch nicht die einzige Bedingung, die zu einer
Regimebildung führen kann. Vielmehr ist die Kosten-Nutzen-Relation für die einzelnen
Staaten von entscheidender Bedeutung für diesen Vorgang: Je geringer die Kosten einer
Zusammenarbeit und deren Institutionalisierung und je größer der erhoffte Nutzen aus einer
solchen Kooperation, desto wahrscheinlicher ist die Regimebildung. Der Begriff ,,Regime"
bezeichnet also ein System von Prinzipien, Normen, Regeln und Entscheidungsverfahren, die
für ein jeweils spezifisches Kooperationsfeld gültig sind und die eine institutionalisierte
Zusammenarbeit aufgrund konvergierender Interessen der beteiligten Staaten ermöglicht.15
Prinzipien werden dabei als allgemeine Verhaltensstandards definiert, Normen dagegen sind
konkretere Verhaltensvorschriften, welche die Rechte und Pflichten der teilnehmenden
Staaten festlegen. Unter Regeln werden überprüfbare Verhaltensvorschriften verstanden, die
ein bestimmtes Verhalten verlangen bzw. verbieten. Entscheidungsverfahren spezifizieren
bestimmte Vorschriften, wie zum Beispiel den Wahlmodus, und geben den prozeduralen
Rahmen für die Entscheidungsfindung vor.16 Regime ermöglichen eine Senkung von
Transaktionskosten, bieten ein Kommunikationsforum für die Kooperationspartner und
schaffen somit Erwartungssicherheit für die beteiligten Staaten.
Vor diesem theoretischen Hintergrund lässt sich die OPEC als ein
,,intergouvernementales Integrationsgebilde"17 beschreiben, das die Ölpolitik der
Mitgliedstaaten koordinieren und vereinheitlichen soll. Dabei sollen gleichzeitig die
individuellen und kollektiven Interessen der Mitglieder gesichert werden. Darüber hinaus
setzt sich die OPEC in ihrem Statut das Ziel, den Ölpreis auf den internationalen Märkten zu
stabilisieren und starke Preisschwankungen zu verhindern. Die konstante Versorgung der
Abnehmerländer soll ebenso garantiert werden, wie ein gesichertes Einkommen der
Förderländer, sowie ein fairer Kapitalrückfluss für Investitionen in die Ölwirtschaft.18
Diese Ziele sollen durch Absprachen über Fördermengen und Vereinheitlichung der
Ölpolitiken erreicht werden. Dazu treffen sich die Ölminister der Mitgliedsstaaten zweimal
14 Vgl.: BECK, Martin:
Die Erdöl-Rentier-Staaten des Nahen und Mittleren Ostens
; Münster/Hamburg 1993,
S.317
15 Vgl.: MEYERS, Reinhard:
Theorien internationaler Kooperation und Verflechtung
; in: WOYKE, Wichard
(Hg.):
Handwörterbuch Internationale Politik
; Bonn 2000, S.448-489, S.454
16 Vgl.: ZANGL, Bernhard:
Regimetheorie
; in: SCHIEDER, Siegfried; SPINDLER, Manuela (Hrsg.):
Theorien
der Internationalen Beziehungen
; Opladen 2003, S.117-140, S.119; siehe auch: LITTLE, Richard:
International
Regimes
; in: BAYLIS, John; SMITH, Steve (Hrsg.):
The Globalization of World Politics. An Introduction to
International Relations
; Oxford 1999, S.231-247, S.235
17 LIXFELD, Simon:
OPEC
; in: GIELER, Wolfgang (Hg.):
Internationale Wirtschaftsorganisationen
; Münster
2005, S.221-238, S.228
18 Vgl.: OPEC:
OPEC Statute
; Artikel 2, Wien 2001 (eigene Übersetzung)
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jährlich, um die Ziele und die Politik der OPEC zu formulieren. Dieses Treffen, die
Konferenz der Ölminister, ist zugleich das höchste Organ der OPEC.19
Die Einhaltung der Absprachen wird mit dem Hinweis angemahnt, dass
,,(...)no other Member shall accept any offer of a beneficial treatment, whether
in the form of an increase in oil exports or in an improvement in prices(...)"20.
Bei einer Nichteinhaltung der auf der Konferenz der Erdölminister getroffenen Absprachen
drohen Sanktionen, wobei deren Art und Umfang, sowie der Modus deren Verhängung in den
Statuten nicht genauer spezifiziert werden.21 Ein kodifizierter Sanktionenkatalog sowie ein
funktionierender Apparat zur Überwachung der Einhaltung von Regimeabsprachen existieren
nicht. Wie noch zu zeigen sein wird sind somit schon in den Statuten der OPEC Ursachen für
deren Irrelevanz verankert.
19 Auf eine genaue Beschreibung der einzelnen Gremien und Organe der OPEC, sowie deren Funktion, soll an
dieser Stelle verzichtet werden, da dies dem Autor für die vorliegende Untersuchung irrelevant erscheint. Für
einen kursorischen Überblick siehe: LIXFELD, Simon:
OPEC
; in: GIELER, Wolfgang (Hg.):
Internationale
Wirtschaftsorganisationen
; Münster 2005, S.221-238
20 OPEC:
OPEC Statute
; Wien 2001, S.2
21 Vgl.: OPEC:
OPEC Statute
; Wien 2001, S.2
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III. OPEC im Niedergang?
III.1 Interne Faktoren: Heterogene Interessen als Ursache für Regimeversagen
Die Handlungsfähigkeit und Effektivität der OPEC hängt sehr eng mit denjenigen Faktoren
zusammen, welche ein Interesse der Mitglieder an einer Kooperation begründen. AL′SUBAY
bezeichnet diese Faktoren als ,,Bedürfnisintensität", welche besonders von zwei Kriterien
beeinflusst wird: Die sozioökonomischen Strukturen eines Landes und das Verhältnis
zwischen Produktion und nachgewiesenen Reserven.22
Betrachtet man die Interessenkonstellationen und die Politiken der OPEC-Mitgliedsländer, so
wird ein Interessenkonflikt zwischen Förderländern mit großen Reserven und Ländern mit
kleinen Reserven offenbar. Große Förderer mit großen Reserven, wie etwa Saudi-Arabien,
haben aufgrund hoher Fördermengen auch bei geringen Ölpreisen ein gesichertes Einkommen
aus dem Erdölexport, wohingegen kleinere Förderer mit geringerer Fördermenge und
geringeren
Reserven
einen
Einkommensverlust
hinnehmen
müssen.
Dieser
Interessenskonflikt teilt die OPEC grob in zwei Parteien23: Auf der einen Seite diejenigen
Länder, die aufgrund großer Reserven eher an moderaten Preisen und einer langfristigen
Strategie zur Stabilisierung der Preise interessiert sind.24 Auf der anderen Seite kleinere
Förderländer, denen eher an kurzfristigem Gewinn durch hohe Ölpreise gelegen ist, da eine
langfristige Strategie, die auf moderate Ölpreise zielt, insgesamt weniger Einahmen bringen
würde. Zwar sind auch große Förderer wie Saudi-Arabien und Iran nicht abgeneigt, von
kurzfristigen hohen Ölpreisen zu profitieren, haben jedoch ein größeres Interesse an
langfristig auf einem moderaten Niveau stabilen Preisen. Dieser Interessenskonflikt zieht sich
wie ein roter Faden durch die Geschichte der OPEC25, da die Verfolgung individueller
Interessen durchaus als rational zu betrachten ist. Die Zerrissenheit zwischen kurzfristigen
Gewinnen durch hohe Ölpreise und langfristigen Zielvorstellungen ist das Grunddilemma,
welches die OPEC überwinden muss, wenn sie ihren Fortbestand und ihre
Einflussmöglichkeiten auf den Weltölmarkt garantieren will.
22 Vgl.: AL′SUBAY, Muhammad:
Das kollektive Handeln der OPEC-Staaten
; Münster 2004, S.105
23 Diese Einteilung ist vereinfacht. Für eine differenziertere Auseinadersetzung mit und Kritik an dieser Theorie
siehe: BECK, Martin:
Die Erdöl-Rentier-Staaten des Nahen und Mittleren Ostens
; Münster/Hamburg 1993,
S.255ff
24 LEE, Julian:
Die OPEC und die Ölpreise. Was die Verbraucher wissen sollten
; in: Internationale Politik
01/2001, S.24-28, S.28
25 Vgl.: Martin:
Die Erdöl-Rentier-Staaten des Nahen und Mittleren Ostens
; Münster/Hamburg 1993, S.253
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Das Ignorieren von gefassten Beschlüssen bezüglich Fördermengen verhindert ein
einheitliches Handeln der OPEC, wodurch getroffene Entscheidungen praktisch
bedeutungslos werden.
Die divergierenden Interessen hinsichtlich des Ölpreisniveaus und der Fördermengen
sind maßgebliche Faktoren für das individuelle Verhalten der OPEC-Staaten. Diese gründen
auf unterschiedliche sozioökonomische, politische und kulturelle Strukturen in den einzelnen
Ländern und sind ausschlaggebend für die Konzeption und Formulierung nationaler
Interessen.26 Aufgrund der finanziellen Abhängigkeit der meisten OPEC-Länder vom
Erdölexport haben diese Faktoren großen Einfluss auf die Ölpolitik der jeweiligen Länder und
somit auf die Formulierung dieser Interessen bei den Ministertreffen der OPEC. Für fast alle
OPEC-Länder ist der Erdölexport die einzige nennenswerte Devisenquelle, was sie
außenwirtschaftlich äußerst verwundbar macht.27 In welchem Maße die OPEC-Staaten vom
Ölexport abhängig sind, zeigt sich an dem Anteil, den die Ölexporte am gesamten
Exportvolumen einnehmen. 2004 betrug der durchschnittliche Anteil 70,6% an den gesamten
Exporteinnahmen aller OPEC-Länder.28 Zieht man zudem in Betracht, dass das Einkommen
aus dem Erdölexport über 90% des gesamten Staatseinkommens vieler OPEC-Staaten
ausmacht29, so wird ersichtlich, wie stark die einzelnen Länder finanziell vom Ölexport
abhängig sind. Nicht nur die individuellen Interessen der Mitgliedsländer sind entscheidend
für die Handlungsfähigkeit und Effektivität der OPEC, sondern auch die ,,(...) Bereitschaft
der Mitglieder [...], zur kollektiven Politik des Kartells beizutragen, d.h. zum Beispiel in
Überangebotszeiten die Produktion zu drosseln."30 Diese Bereitschaft hängt eng mit den
sozioökonomischen Strukturen der einzelnen Länder und somit mit deren Interessen
zusammen, wie anhand der finanziellen Abhängigkeit der OPEC-Staaten vom Erdölexport
gezeigt werden kann.
Aus der konsequenten Umsetzung der individuellen Interessenlage ergibt sich die
Hauptursache für das Regimeversagen der OPEC: Die beständigen Nichteinhaltung von
vereinbarten Förderquoten. Besonders Venezuela tat sich hierbei in der Vergangenheit hervor
und förderte rund 800.000 Barrel pro Tag (b/d) über die vereinbarte Produktionsmenge
hinaus. Auch Algerien, Iran, Libyen und Nigeria gehören zu den OPEC-Staaten, die sich nicht
26 Für einen Überblick über die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Länder des Nahen Ostens
siehe: PERTHES, Volker:
Geheime Gärten. Die neue arabische Welt
; Bonn 2005, besonders die Länderstudien
im zweiten Teil des Buches.
27 Vgl.: HÄCKEL, Erwin:
Internationale Energiepolitik
; in: WOYKE, Wichard (Hg.):
Handwörterbuch
Internationale Politik
; Bonn 2000, S.155-163, S.158
28 Vgl.: OPEC:
Annual Report 2004
; Wien 2005, S.15
29 Vgl.: LEE, Julian:
Die OPEC und die Ölpreise. Was die Verbraucher wissen sollten
; in: Internationale Politik
01/2001, S.24-28, S.28
30 AL′SUBAY, Muhammad:
Das kollektive Handeln der OPEC-Staaten
; Münster 2004, S.116
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besonders um die Förderquoten scheren.31 Das Interesse an kurzfristigen Einnahmen
begünstigt durch hohe Ölpreise bestimmt scheinbar das Verhalten vieler OPEC-Staaten.
Dabei scheinen die Ölminister zu vergessen, dass global gesehen
,,(...)the economic stimulus provided by higher oil-export earnings in OPEC and other exporting countries
would be more than outweighed by the depressive effect of higher prices on economic activity in the importing
countries."32
Anhaltend hohe Ölpreise führen also zu einer Stagnation des Weltwirtschaftswachstums, zu
Inflation in den Importländern und kurz- und mittelfristig zu einer geringeren Nachfrage nach
Öl, hervorgerufen durch die stagnierende Wirtschaft.33 Ein anhaltend hoher Ölpreis kann
demnach per se nicht im Interesse der Ölexportländer liegen.
Die Quotenregelung, eigentlich dazu intendiert, den Ölmarkt ausreichend zu versorgen
und dabei auf eine gerechte Verteilung der Förderanteile unter den OPEC-Staaten zu sorgen,
ist durch die beständige Nichteinhaltung der vereinbarten Fördermengen obsolet geworden.
Der im März 2000 eingeführte so genannte ,,automatische Preisbandmechanismus", der die
OPEC-Produktion automatisch um 500 000 Barrel steigern würde, sollte der Rohölpreis an
zwanzig aufeinander folgenden Handelstagen über 28 US $ liegen, erwies sich ebenfalls als
nicht effektiv. Mit der Absetzung dieses Instruments auf dem OPEC-Treffen im November
2000 wurde dieser Versuch als gescheitert aufgegeben.34
Ein weiteres regimeinternes Problem dürfte mit dem Wiederbeginn der Förderung im
Irak einhergehen. Sobald es die Sicherheitslage erlaubt und das Land stabilisiert ist, will der
Irak seine Förderkapazitäten auf über 6 Mio. b/d ausbauen.35 Die OPEC muss sich dann intern
mit einem weiteren großen Förderer über Quoten auseinandersetzen. 2004 konnte der Irak
seine tägliche Produktion gegenüber dem Vorjahr bereits um 52,9% steigern und förderte 2,1
Mio. b/d.36 Ein weiterhin signifikanter Anstieg der Produktion des Landes mit den
zweitgrößten nachgewiesenen Reserven dürfte die OPEC-interne Koordinierung der
Fördermengen stark erschweren. Gerade in Zeiten dauerhaft hoher Ölpreise und gleichzeitiger
Produktion an der Kapazitätsgrenze vieler OPEC-Staaten37 scheint es unwahrscheinlich, dass
andere OPEC-Staaten ihre Produktion drosseln, um die hinzukommende irakische
Ölproduktion auf dem Weltmarkt abzufedern, sobald die Preise wieder etwas nachlassen.
31 Vgl.: CHALABI, Fadhil J.:
OPEC. An Obituary
; in: Foreign Policy, Nr.109, 1997/1998, S.126-140, S.136
32 IEA:
Analysis of the Impact of High Oil Prices on the Global Economy
; a.a.O. 2004, S.3
33 Vgl.: IEA:
Analysis of the Impact of High Oil Prices on the Global Economy
; a.a.O. 2004, S.5
34 Vgl.: LEE, Julian:
Die OPEC und die Ölpreise. Was die Verbraucher wissen sollten
; in: Internationale Politik
01/2001, S.24-28, S.26f
35 Vgl.: EIA:
World Energy Outlook 2006
; Washington 2006, S.30
36 Vgl.: OPEC: Annual Statistical Bulletin 2004; Wien 2005, S.54
37 Vgl.: ALKAZAZ, Aziz:
OPEC 2004
; in: Nahost-Jahrbuch 2004; Wiesbaden 2006, S.199-200, S.199
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Wie gezeigt werden konnte, sieht sich die OPEC mit einigen gravierenden internen
Problemen konfrontiert, die sie an einem effektiven Ausüben ihres potenziellen Einflusses auf
den Weltölmarkt behindern. Die internen Probleme gerade der Nahost-Förderländer
beeinflussen
deren
wirtschaftliche
Interessen,
wodurch
bestimmte
Kooperationsvereinbarungen durch das Verfolgen individueller Einzelinteressen nicht
eingehalten werden. Eine effektive Beeinflussung des Weltölmarktes durch das Kollektiv
wird dadurch erschwert. Hinzu kommt, dass die internen und internationalen Probleme der
OAPEC (Organisation Arabischer Erdölfördernder Länder) wie z.B. die aktuelle Atomkrise
mit dem Iran nicht sehr vertrauensfördernd auf importabhängige Länder wirken und somit
ebenfalls destabilisierend auf das Preisniveau auf dem Weltölmarkt einwirken. Darüber
hinaus wirken sich die internen Schwierigkeiten der Förderländer negativ auf das
Investitionsverhalten ausländischer Kapitalgeber aus. Dabei benötigten die OPEC-Staaten
dringend neue Investitionen im Ölsektor, um ihre Kapazitäten aufzustocken, da die meisten
OPEC-Länder an der Grenze ihrer Kapazitäten fördern. 2004 hatte einzig Saudi-Arabien
,,spare capacities" von knapp 1,5 Mio. b/d, was nicht ausreicht, um angemessen auf
Marktschwankungen zu reagieren.38
III.2 Externe Faktoren: Herausforderungen für die OPEC
Neben den skizzierten internen Faktoren für das Regimeversagen der OPEC gibt es auch eine
Reihe externer Faktoren, die Einfluss auf die OPEC als ganzes sowie auf das Verhalten
einzelner Mitglieder nehmen. Diese Faktoren sieht die OPEC selbst in
,,(...)uncertainties surrounding future demand for OPEC oil, stemming from,
inter alia
, future world economic
growth, consuming countries′ policies, and technology development, as well as from future non-OPEC
production levels."39
Die Untersuchung dieser Faktoren basiert hier im Folgenden auf aktuellen Daten zu Akteuren
auf dem Weltmarkt und beobachtbaren Entwicklungen. Dabei soll zunächst auf die Faktoren
eingegangen werden, deren Beurteilung weniger spekulativ ausfällt als beispielsweise die
Betrachtung des künftigen Weltwirtschaftswachstums.
Die Ölpreisschocks der 1970er Jahre waren die Initialzündung für die
importabhängigen Industriestaaten, ihre Energieversorgung zu diversifizieren. Neben der
Erforschung und Entwicklung alternativer Energieträger und Energie einsparender
38 Vgl.: ALKAZAZ, Aziz:
OPEC 2004
; in: Nahost-Jahrbuch 2004; Wiesbaden 2005, S.199-200, S.199f
39 OPEC:
OPEC Long-Term Strategy
; Wien 2006, S.3
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Technologien lag der Schwerpunkt der Anstrengungen auch in der Diversifizierung der
Bezugsquellen von Öl. In Zeiten hoher Ölpreise kann die Erschließung und Förderung
vormals unrentabler Ölvorkommen doch wirtschaftlich sinnvoll werden. Schon eine relativ
geringe Verknappung der weltweiten Fördermenge kann das Ölpreisniveau stark anheben,
wodurch die Rentabilität alternativer Energieträger beeinflusst wird.40 Seit 1971 hat der Anteil
der erneuerbaren Energien am Primärenergieaufkommen jährlich um 2,3% zugenommen.
Neben dem mit 34,4% noch immer weitaus größten Anteil am Primäraufkommen die aus Öl
gewonnen, stammten 2003 13,3% des Primäraufkommens aus regenerativen Energieträgern.41
Dies belegt den Versuch der Öl importierenden Länder, ihre Energieversorgung von dem
Energieträger Erdöl zu entkoppeln.
Neben der Entwicklung und Nutzung alternativer Energieträger wurde die Suche nach
,,krisensicheren" Ölversorgern nach den Erfahrungen der Ölkrisen in den 1970er Jahren
intensiviert. In diesem Zuge wurden auch Anstrengungen unternommen, vormals unrentable
Ölvorkommen in Alaska oder der Nordsee zu erschließen.42 Begünstigt wurde dies durch die
Nationalisierung der Ölindustrien in den OPEC-Ländern, so dass die großen Ölkonzerne
verstärkt in Ländern wie Norwegen und Großbritannien, sowie in vormals als eher unrentabel
erachteten Gebieten investierten. Kombiniert mit der Neuerschließung von Nicht-OPEC
Ölfeldern, der Entwicklung neuer Technologien und der verstärkten Förderung
unkonventioneller Ressourcen spricht diese Entwicklung für einen weiteren Anstieg der
Nicht-OPEC Produktion.43 Begünstigt werden diese Faktoren zusätzlich durch den
gegenwärtig hohen Ölpreis. Die Ölfunde vor der Küste Westafrikas belaufen sich nach
Schätzungen auf zwischen 40 und 100 Mrd. Barrel, deren Förderung zu einer weiteren
Schwächung der OPEC beitragen kann, vor allem, da die Transportwege kürzer sind, als die
des OPEC-Öls aus dem Nahen Osten und besser kontrolliert werden können.44
Nach den Daten von 2004 verfügt die OPEC über knapp 80% der weltweit
nachgewiesenen Ölreserven und einem Marktanteil von 41,9%.45 Dies zeigt, dass die
Produktion aus Nicht-OPEC Ländern immer noch einen Großteil des Rohöls auf dem
Weltölmarkt ausmacht. Auf der Nachfrageseite lässt sich konstatieren, dass zwischen 1990
40 Vgl.: HÄCKEL, Erwin:
Internationale Energiepolitik
; in: WOYKE, Wichard (Hg.):
Handwörterbuch
Internationale Politik
; Bonn 2000, S.155-163, S.157
41 Vgl.: IEA:
IEA Fact Sheet: Renewables in Global Energy Supply
; a.a.O. 2006, S.2
42 Vgl.: HOHENSEE, Jens:
Der erste Ölpreisschock 1973/74
; Stuttgart 1996, S.193
43 Vgl.: EIA:
World Energy Outlook 2006
; Washington 2006, S.29
44 Vgl.: WAGNER, Jürgen:
Afrika im Fadenkreuz. Vom vergessenen Kontinent zum Objekt der Begierde
; in:
Blätter für deutsche und internationale Politik, 06/2004, S.703-711, S.704
45 Vgl.: OPEC:
Annual Statistical Bulletin 2004
; S.22
- 12 -
und 2004 die Nachfrage nach Rohöl weltweit um 2,9 Mio. b/d angestiegen ist.46 Der Anstieg
im Jahr 2005 betrug knapp 1,2 Mio. b/d, wovon 1,1 Mio. b/d auf die Nicht-OECD Länder
entfiel.47 Westeuropa jedoch ist bemüht, seine Bezugsquellen zu diversifizieren wie die
prozentualen Anteile an den OPEC-Exporten in diese Region belegen. Diese gingen von
ihrem Höchststand mit 55,9% im Jahr 1970 kontinuierlich auf 21,4% im Jahr 2004 zurück.48
Der reale Anstieg des europäischen Bedarfs an Rohöl ist in den letzten Jahren nur sehr gering
ausgefallen und bewegte sich von 2004 (0,24 Mio. b/d) auf 0,03 Mio. b/d im Jahr 2006.49 Ein
großer Teil des Bedarfs kann durch Öl aus der Nordsee gedeckt werden, die USA stützen sich
vermehrt auf Lieferungen aus Mexiko und Venezuela und versuchen, durch eine Aufstockung
der Importe aus Afrika von derzeit 16% der gesamten Ölimporte auf 25% im Jahr 2015 die
Abhängigkeit von der OPEC weiter zu verringern.50 Norwegen, Kanada, Dänemark, Mexiko
und Großbritannien gehörten 2004 sogar zu den Netto-Exporteuren von Rohöl51, konnten also
ihre Abhängigkeit von der OPEC drastisch verringern. Der Einfluss Russlands als großer
Energie- und Ölexporteur auf dem Weltmarkt ist gegenwärtig auch im Steigen begriffen. Mit
einer Produktionsmenge von 9,23 Mio. b/d im Jahr 2004 ist Russland noch vor Saudi-Arabien
der größte Produzent von Rohöl.52 Gigantische, noch unerschlossene Ölvorkommen am
Kaspischen Meer werden das Gewicht Russlands als Akteur noch vergrößern und vor allem
den Anteil des Nicht-OPEC Öls auf dem Weltmarkt mittelfristig weiter ausbauen und den
Einfluss der OPEC dadurch weiter beschränken.
Ein weiterer großer Faktor für den Rückgang des Einflusses der OPEC war die
Finanzkrise in Asien 1997, die den aufstrebenden ,,Tigerstaaten" die finanziellen Mittel
entzog, weiterhin in gleichem Umfang Öl von der OPEC zu beziehen und somit ein großer
Faktor für die sinkende Nachfrage darstellte.53 Vor allem Chinas großer Energiehunger wird
gegenwärtig gerne im Kontext steigender Öl- und Energiepreise als Erklärung herangezogen.
Chinas Ölimporte wuchsen tatsächlich seit 2002 um knapp 30%54, von den 6,52 Mio. b/d
Nachfrage im Jahr 2004 wurden 3,48 Mio. b/d aus OPEC-fremden Quellen bezogen.
Auffällig ist, dass trotz konstant hohem Wachstum im Jahr 2005 Chinas Ölimporte nur um
46 Vgl.: IEA:
Oil Market Report. Annual Statistical Supplement 2004
; a.a.O. 2005, S.5
47 Vgl.: EIA:
World Energy Outlook 2006
; Washington 2006, S.25
48 Vgl.: OPEC:
Annual Statistical Bulletin 2004
; Wien 2005, S.33
49 Vgl.: IEA:
Monthly Oil Market Report May
2006
; a.a.O. 2006, S.4
50 Vgl.: WAGNER, Jürgen:
Afrika im Fadenkreuz. Vom vergessenen Kontinent zum Objekt der Begierde
; in:
Blätter für deutsche und internationale Politik, 06/2004, S.703-711, S.704
51 Vgl.: IEA:
Analysis of the Impact of High Oil Prices on the Global Economy
; a.a.O. 2004, S.6
52 Vgl.: IEA: Oil Market Report. Annual Statistical Supplement 2004; a.a.O. 2005, S.19
53 Vgl.: ALKADIRI, Raad; MOHAMEDI, Fareed:
Die Weltölmärkte und die Okkupation des Irak
; in: Blätter für
deutsche und internationale Politik, 09/2003, S.1070-1080, S.1071
54 Vgl.: ALKAZAZ, Aziz:
OPEC 2004
; in: Nahost-Jahrbuch 2004; Wiesbaden 2005, S.199-200, S.199
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0,35 Mio. b/d angestiegen sind.55 Neben der relativ geringen Steigerung der Ölimporte nutzt
China jedoch verstärkt heimische Steinkohle zur Befriedigung des gewaltigen Energiebedarfs.
Dieser wird gegenwärtig zum größten Teil bereits durch Kohle abgedeckt56, was sich anhand
des größeren Anstiegs der Kohle am Primärenergieaufkommen im Vergleich zu dem Anstieg
des Anteils des Erdöls konstatieren lässt. Zwischen 1990 und 2003 stieg der Anteil des Erdöls
am Primärenergieaufkommen von 110 Mio. Tonnen auf 270 Mio. Tonnen, der Anteil der
Kohle von 542 Mio. Tonnen auf 850 Mio. Tonnen.57 Ebenso wird der Energiebedarf der
restlichen asiatischen Nicht-OECD Länder verstärkt mit Kohle gedeckt. Insgesamt
konzentrieren sich die asiatischen Staaten und auch China also verstärkt auf eigene
Energieträger wie Kohle, da diese reichlich und vor allem billiger verfügbar ist als Erdöl, was
eine geringere Abhängigkeit von importiertem Öl zur Folge hat, und somit die Nachfrage auf
dem Weltölmarkt nicht analog zum Wirtschaftswachstum mit ansteigt.
Wie das eingangs angeführte Zitat belegt, ist die OPEC derzeit nicht in der Lage,
gegen die hohen Ölpreise vorzugehen. Der Markt sei ausreichend versorgt, es gebe keine
Lieferschwierigkeiten.
,,Geopolitical developments, over which OPEC has no influence, have been behind this
sudden rise in volatility, and these have come at a time when the market was already out
of line with today′s supply and demand fundamentals, with speculation playing a
significant role in driving up prices."58
Demnach hat die OPEC gegenwärtig nach eigener Aussage keinen Einfluss auf den Markt,
psychologische Elemente wie die Angst vor Versorgungsengpässen aufgrund aktueller Krisen
in Förderländern bestimmten momentan den Preis.
Diese Furcht vor Versorgungsengpässen durch Krisen und andere geopolitische
Befürchtungen lassen den Ölpreis schnell in die Höhe steigen, was die Einflussmöglichkeiten
der OPEC weiter reduziert, da viele OPEC-Mitglieder von den hohen Ölpreisen profitieren
wollen und sich ein kollektives Vorgehen zur Stabilisierung der Ölpreise auf einem
moderaten Niveau sehr schwierig gestaltet. Darüber hinaus führen diese ungünstigen
geopolitischen Faktoren zu einem Rückgang der Investitionstätigkeit in den klassischen
Förderländern der OPEC, was den benötigten Ausbau der Kapazitäten weiter verzögert.
Durch die Phase niedriger Ölpreise in den 1990er Jahren herrscht bereits ein Mangel an
Fachpersonal und modernen Anlagen.59 Dass freie Kapazitäten ein wichtiges Instrument sind,
55 Vgl.: EIA:
World Energy Outlook 2006
; Washington 2006, S.26; sowie: IEA:
Oil Market Report 2006
; a.a.O.
2006, S.4
56 Vgl.: McKIBBEN, Bill:
Die China-Story
; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, 08/2006, S.943-
958, S.953
57 Vgl.: IEA:
Oil Market Report. Annual Statistical Supplement 2004
; a.a.O. 2005, S.18
58 OPEC:
Monthly Oil Market Report July 2006
; Wien 2006, S.5
59 Vgl.: ALKAZAZ, Aziz:
OPEC 2004
;in: Nahost-Jahrbuch 2004; Wiesbaden 2005, S.199-200, S.199
- 14 -
um Marktschwankungen zu begegnen, wurde schon weiter oben gezeigt. Wie anhand der
aktuellen hohen Ölpreise belegt werden kann, reichen Instrumentarien wie der ,,automatische
Preisbandmechanismus" oder eine flexible Förderquotenregelung unter den momentan
vorhandenen ,,spare capacities" nicht aus, um effektiv Einfluss auf die Weltölmärkte zu
nehmen. In diesem Punkt laufen die internen Probleme der OPEC mit den externen Faktoren
zusammen und ergeben einen für die OPEC kurz- und mittelfristig kaum zu bewältigenden
Problemkomplex.
- 15 -
IV. Fazit
Ursprünglich gegründet als offensives Instrument der Interessenskoordination gegen die
Macht der großen Ölkonzerne, ist die OPEC zu einer rein defensiven, reagierenden
Körperschaft geworden, deren Mitglieder sich größtenteils nicht an die vereinbarten
Förderquoten halten. Durch diese Nichteinhaltung wird die Erwartungssicherheit innerhalb
des Kooperationsrahmens unterlaufen, die angestrebte Preisstabilität kann nicht erreicht
werden. Die beständige Überschreitung festgelegter Produktionsmengen lässt das
Quotensystem der OPEC, das eigentlich dazu intendiert war, durch die (flexible) Regulierung
des Angebots eine Preisstabilität zu garantieren, als ineffektives Instrument erscheinen. Die
Verbindlichkeit der Normen und Regeln des Regimes wird durch die individuelle
Nutzenmaximierung vieler OPEC-Mitglieder unterlaufen, die Wirkungsmacht der OPEC
dadurch beschnitten. Ein Sanktionsmechanismus, der abweichendes Verhalten bestraft,
existiert nicht. Einzig Saudi-Arabien kann aufgrund seiner großen Reserven durch die
zeitweise Erhöhung bzw. Drosselung der eigenen Fördermenge ein Auseinanderbrechen der
OPEC bislang noch verhindern.60 Doch nicht nur das individuelle Fehlverhalten der OPEC-
Staaten ist verantwortlich für die gegenwärtige Irrelevanz der OPEC, neben den OPEC-
internen Faktoren beeinflussen auch externe Faktoren die Einflussmöglichkeiten der OPEC.
So tragen die Diversifizierung der Energieversorgung der Öl importierenden Länder und die
Erschließung vormals unrentabler Ölfelder zur gegenwärtigen Machtlosigkeit der OPEC bei.
Auch konnte gezeigt werden, dass der viel beschworene Boom der asiatischen
Volkswirtschaften nicht zu einer übermäßig stark anwachsenden Nachfrage nach Erdöl
geführt hat. Auch der derzeit stark von der Angst vor Lieferengpässen geprägte Ölmarkt
erweist sich als resistent gegen die Einflussnahmebemühungen der OPEC. Darüber hinaus
fördert der Fund neuer OPEC-unabhängiger Ölfelder die strategische Unabhängigkeit von der
OPEC.
Kurz- und mittelfristig muss die OPEC ihre internen Interessenskonflikte überwinden
und die Einhaltung der Förderquoten ihrer Mitglieder sicherstellen, um wieder als einheitlich
auftretender Akteur auf dem Weltmarkt agieren zu können. Inwiefern sie jedoch an Einfluss
auf den Weltölmarkt zurückgewinnen kann, ist angesichts externer Faktoren wie steigender
Fördermengen gerade aus Russland und der Entwicklung Energie einsparender Technologien
60 Vgl.: PARRA, Francisco:
Oil Politics. A Modern History of Petroleum
; New York 2004, S.341; siehe auch:
CHALABI, Fadhil J.:
OPEC. An Obituary
; in: Foreign Policy, Nr.109, 1997/1998, S.126-140, S.136
- 16 -
in den Industriestaaten jedoch fraglich. Die OPEC wird weiterhin auf Entwicklungen auf dem
Weltölmarkt reagieren, statt diesen zu lenken.
Schon vor längerer Zeit hat die staatliche venezolanische Ölfirma PDVSA
vorgeschlagen, das System der festen Fördermengen aufzugeben und eine
marktbeherrschende Stellung der OPEC durch die Erhöhung des Weltmarktanteils zu
erzielen.61 Dies könnte angesichts der relativen Kostenvorteile in der Förderung der Reserven
ein gangbarer Weg sein. Auf lange Sicht hin wird die OPEC wahrscheinlich auf die
maßgeblichen Produzenten, Saudi-Arabien, Iran, Irak, Kuwait, die Vereinigten Arabischen
Emirate und Venezuela schrumpfen, da deren Interessen aufgrund der hohen Reserven am
kompatibelsten sind.
61 Vgl.: CHALABI, Fadhil J.:
OPEC. An Obituary
; in: Foreign Policy, Nr.109, 1997/1998, S.126-140, S.136
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V. Literatur
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Das kollektive Handeln der OPEC-Staaten
; Münster 2004
BECK, Martin:
Die Erdöl-Rentier-Staaten des Nahen und Mittleren Ostens
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