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Subtitle: Wie entsteht diese Abhängigkeit, ihre Funktion, und wie können sich Menschen schützen?
Intermediate Diploma Thesis, 2004, 56 Pages
Author: Sabine Prager
Subject: Social Pedagogy / Social Work
Details
Institution/College: University of Applied Sciences Jena
Tags: Warum, Menschen, Substanzen, Alkohol, Soziale, Medizin
Year: 2004
Pages: 56
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 18 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19373-8
ISBN (Book): 978-3-640-20518-9
File size: 834 KB
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Abstract
[...] Hinsichtlich unserer „Kulturdroge Nr.1“, dem Alkohol, haben wir in der heutigen Gesellschaft zunehmend den verantwortlichen Umgang verloren. Es ist von ca. 1,6 Millionen suchtkranken Menschen zwischen 18 und 69 Jahren auszugehen, die sich psychisch, körperlich und vor allem sozial tief greifend schädigen. 2,4 Millionen praktizieren einen ebenfalls schädlichen Missbrauch, und nochmals 4,7 Millionen sind unter der Kategorie „riskanter Konsum“ von gesundheitlicher Relevanz. Nach neuesten Berechnungen muss man von jährlich 73.000 Toten ausgehen als direkte und indirekte Folgen des Alkoholkonsums. Den unmittelbaren Schaden von jährlich mindestens 20 Milliarden Euro muss die Solidargemeinschaft tragen. Dabei lässt sich das Leiden der Abhängigen beziehungsweise der Vielkonsumenten und das ihrer Angehörigen überhaupt nicht in Zahlen fassen. (vgl. #1, 2004, S. 74) Angesichts dieser dramatischen Fakten bewegt mich die Frage, warum? Warum konsumieren Menschen scheinbar freiwillig Gift? Das widerspricht allen Gesetzmäßigkeiten der Natur. Das Ziel meiner Arbeit ist es, einen Erklärungsansatz dafür zu finden. Ebenso wichtig erscheint mir, den Blick darauf zu richten, was Sucht im Vorfeld verhindern kann, was Menschen stark macht, damit Abhängigkeit, Missbrauchsverhalten und Sucht gar nicht erst entstehen. Die Suche nach der Antwort auf die Frage nach den Ursachen, der Genese von Sucht, süchtigem Verhalten, suggeriert Therapiemöglichkeiten und Heilung. Meine Erwartung an diese Arbeit ist, wenn man mehr über die Entstehung weiß, ist Suchtentwicklung besser vorhersehbar, beziehungsweise man kann ihr entgegenwirken, sie sogar verhindern… Es ist primär zu hinterfragen: Welche Menschen werden überhaupt süchtig? [...]
Excerpt (computer-generated)
Vordiplomarbeit
Fachhochschule Jena
Fachbereich Soziale Arbeit
Thema
Warum werden Menschen abhängig von Substanzen,
wie Alkohol?
Wie entsteht diese Abhängigkeit, ihre Funktion,
und
wie können sich Menschen schützen?
Sabine Prager
Grundstudium Soziale Arbeit
Vorgelegt am 20.10.2004
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 2
1. Abhängigkeit/
Sucht, was ist das? 5
1.1. Alkoholabhängigkeit 7
1.2. Verlauf,
Diagnose und Behandlung 11
1.3. Die Wirkung von Alkohol auf den menschlichen Organismus 13
1.4. Schlussbemerkungen zu Kapitel 1 16
2. Multifaktorielle Bedingtheit süchtigen Verhaltens beim Individuum
4
Theorien 17
2.1
Das Individuum Genetisch bedingte Dispositionen (Vulnerabilität) 17
2.2. Das Individuum Pränatale und postnatale Einflüsse 20
2.3. Das Individuum - Hirnphysiologische Aspekte 21
2.4. Das Individuum verhaltenspsychologische Aspekte 24
2.4.1 Sucht,
ein
Lernprozess 25
3. Die Funktionen des Suchtmittels und der Sucht für die Lebensbewältigung
des Individuums oder die Kultur des Substanzgebrauchs 31
3.1. Die Jugendphase als kritische Entwicklungsphase für den Einstieg in
den Gebrauch psychotroper Substanzen 32
3.2 Konsum
und Sucht 35
4. Diskussion über die gewonnenen Erkenntnisse und Konsequenzen für
die
soziale Arbeit 37
4.1
Prävention, ein Ansatz für den Schutz vor Abhängigkeit 38
4.1.1. Begriffsdefinition 38
4.1.2
Moderne Suchtprävention = Konzept zur Entwicklung und Stärkung
von Lebenskompetenz 40
4.2 Möglichkeiten
für
die soziale Arbeit 41
5. Schlussbemerkung 43
Quellen- und Literaturverzeichnis 46
Anhang 47
1
,,Verständnis von Sucht ermöglicht Verständnis für Sucht." (Koller)
0. Einleitung
Alkohol, Nikotin, Tabletten - wir haben uns daran gewöhnt, chemische Substanzen
einzusetzen, um unsere Laune zu heben, um Ärger, Frust und kleine Beschwerden
zu vertreiben. Keine Party ohne Zigaretten, Sekt, Wein, Bier oder Champagner.
Forscher wissen, dass Süchtige entgegen den Klischees in allen Gesellschafts-
schichten vorkommen. Aber ob Maurer oder Professor: Nicht jeder, der mit Alkohol
häufig in Berührung kommt, entwickelt eine Abhängigkeit. Wie kommt es, dass
mancher sein Leben lang gedankenlos Bordeauxwein trinken kann und ein anderer
dem Stoff verfällt? Warum fällt es manchen Menschen leicht, von heute auf morgen
mit dem Trinken (oder Rauchen) aufzuhören, während andere sich jahrzehntelang
damit quälen? Selbst Experten haben darauf noch keine erschöpfende Antwort.
Doch inzwischen fügen sich immer mehr Puzzleteile zu einem Bild.
Hinsichtlich unserer ,,Kulturdroge Nr.1", dem Alkohol, haben wir in der heutigen
Gesellschaft zunehmend den verantwortlichen Umgang verloren. Es ist von ca. 1,6
Millionen suchtkranken Menschen zwischen 18 und 69 Jahren auszugehen, die sich
psychisch, körperlich und vor allem sozial tief greifend schädigen. 2,4 Millionen
praktizieren einen ebenfalls schädlichen Missbrauch, und nochmals 4,7 Millionen
sind unter der Kategorie ,,riskanter Konsum" von gesundheitlicher Relevanz. Nach
neuesten Berechnungen muss man von jährlich 73.000 Toten ausgehen als direkte
und indirekte Folgen des Alkoholkonsums. Den unmittelbaren Schaden von jährlich
mindestens 20 Milliarden Euro muss die Solidargemeinschaft tragen. Dabei lässt sich
das Leiden der Abhängigen beziehungsweise der Vielkonsumenten und das ihrer
Angehörigen überhaupt nicht in Zahlen fassen. (vgl. #1, 2004, S. 74)
Angesichts dieser dramatischen Fakten bewegt mich die Frage, warum? Warum
konsumieren Menschen scheinbar freiwillig Gift? Das widerspricht allen
Gesetzmäßigkeiten der Natur. Das Ziel meiner Arbeit ist es, einen Erklärungsansatz
dafür zu finden. Ebenso wichtig erscheint mir, den Blick darauf zu richten, was Sucht
im Vorfeld verhindern kann, was Menschen stark macht, damit Abhängigkeit,
Missbrauchsverhalten und Sucht gar nicht erst entstehen.
Die Suche nach der Antwort auf die Frage nach den Ursachen, der Genese von
Sucht, süchtigem Verhalten, suggeriert Therapiemöglichkeiten und Heilung. Meine
Erwartung an diese Arbeit ist, wenn man mehr über die Entstehung weiß, ist
2
Suchtentwicklung besser vorhersehbar, beziehungsweise man kann ihr
entgegenwirken, sie sogar verhindern... Es ist primär zu hinterfragen: Welche
Menschen werden überhaupt süchtig?
Sind es eher die Menschen, die eine genetische Anlage dazu haben, eine allgemeine
Suchtpersönlichkeit beziehungsweise bestimmte psychischen Störungen oder
schlechte psychosoziale Bedingungen in der Biografie, mit traumatischen
Erfahrungen, unbefriedigten Sehnsüchten oder bedenkenlosem Risikoverhalten?
Sind sie Opfer oder Sündenböcke einer Suchtgesellschaft, der gesellschaftlichen
Ungleichheit und Ausgrenzung, des zugespitzten Leistungswettbewerbs, einer
unbefriedigenden Beziehung oder einer krank machenden Familiendynamik, der
Verführung durch andere Menschen oder der Werbung, der Orientierungslosigkeit im
Wertepluralismus oder der modernen Vernunftorientierung oder sind es die
sensibleren, fantasievolleren, kreativeren und daher verletzlicheren Menschen?
Diese unterschiedlichen Erklärungen weisen auf eine multifaktorielle Genese bei der
Entwicklung einer Suchterkrankung hin. Sie gehen von einem Ursachenbündel aus.
Diese multifaktorielle Kausalität (siehe auch Anhang 1) wird dabei als ein komplexes
Geschehen definiert, in dem sich individuelle physio-psycho-genetische, sozial-
soziogenetische und substanzspezifische Faktoren gegenseitig beeinflussen. (vgl.
#10, 1999)
Eine der bekanntesten und akzeptierten, aber auch ältesten Erklärungsansätze ist
die "Trias der Entstehungsursachen von Abhängigkeit" (nach Ladewig, 1979, in #10,
1999). In diesem Modell werden die Faktoren Mensch, Mittel und Milieu/Gesellschaft
miteinander verbunden:
3
Ein Spannungsdreieck der Sucht
:
Genese von
Abhängigkeit ist ein
Ursachenkomplex
Sucht entsteht aus den Komponenten
Mensch/ Individuum, Umwelt/
Gesellschaft und Substanz/ Droge.
Innerhalb des Systems entwickelt
sich eine spannungsgeladene
Koalition mit kollaborierenden
Beziehungen, auf kollateraler Basis.
Ich werde in meiner Arbeit das ,,Ursachenbündel" aus einer Ebene dieses
Spannungsfeldes bearbeiten, die des Individuums. Dabei betrachte ich die
individuelle Suchtentwicklung des Menschen im Kontakt mit der Substanz Alkohol
und die Gefährdung durch die individuelle Vulnerabilität, die in die Manifestierung der
Diagnose: Alkoholkrank, münden kann (siehe Kategorie III der medizinischen
Unterscheidungen des Suchtmittelgebrauchs, S.4). Anhand kognitiver,
verhaltenspsychologischer Prozesse, neurobiologischer Abläufe und genetischer
Dispositionen versuche ich im Kapitel 2 und 3 der Frage nachzugehen, warum
Menschen krank machende Substanzen, wie Alkohol immer wieder konsumieren
müssen. Welche Funktion erfüllt die Sucht in der Alltagsbewältigung? Das klingt
absurdum ist jedoch eine mittlerweile bewiesene Tatsache der ganzheitlichen
Medizin, das jede Krankheit einen Sinn erfüllt, einen momentanen ,,Vorteil" hat. Ich
möchte darstellen, dass die Entwicklungsgeschichte des Individuums als
wesentlicher Auslöser der Krankheit zu betrachten ist. Allerdings kann diese
Betrachtung nicht losgelöst von den sozial gesellschaftlichen Einflussfaktoren und
der Substanz selbst ein komplexes Ergebnis liefern. Auf Grund des Umfangs dieser
Arbeit ist es mir jedoch nicht möglich darauf spezifisch einzugehen. Ich werde es nur
am Rande im Kapitel 3 erwähnen. Zum Abschluss werde ich in Kapitel 4 auf die
Konsequenzen für die soziale Arbeit hinweisen und mögliche Präventionsansätze in
diesem Arbeitsfeld diskutieren.
4
1. Abhängigkeit/ Sucht, was ist das?
"Sucht" leitet sich aus dem griechischen Wort "siech" ab und weist auf Siechtum und
Krankheit hin. 1957 definierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Begriff
der Sucht als einen Zustand wiederkehrender oder anhaltender Vergiftung, die durch
wiederholten Gebrauch von natürlichen oder synthetischen Substanzen
hervorgerufen wird. Suchtstoffe rufen ein immer stärker werdendes körperliches und
psychisches Konsumverlangen mit zwingender Dosissteigerung hervor und machen
den Konsumenten abhängig, schädigen ihn. Die ausgeprägte Abhängigkeit stellt
dabei das Endstadium einer Krankheitsentwicklung dar, die schon im Vorfeld krank
machend ist. Um dieser Bandbreite Rechnung zu tragen, unterscheiden heute
Mediziner zwischen drei Kategorien:
I. dem aufgrund der Menge und/ oder der Häufigkeit riskanten Konsum, der die
Gesundheit beeinträchtigt;
II. dem Missbrauch, definiert als ein Konsummuster, bei dem die Betreffenden
trotz wiederholt auftretender negativer Konsequenzen Suchtstoffe regelmäßig
konsumieren; und
III. der psychischen und physischen Abhängigkeit. (vgl. #14, 2004)
5
Kriterien für Missbrauch und Abhängigkeit von psychotropen Substanzen
Missbrauch
Abhängigkeit
(1) Wiederholter Substanzgebrauch, der
(1) Manifeste Toleranzentwicklung
zu einem Versagen bei der Erfüllung
(2) Entzugssymptome oder
wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit,
Substanzgebrauch zur Milderung,
in der Schule oder Zuhause führt.
Linderung oder zur Vermeidung von
(2) Wiederholter Substanzgebrauch in
Entzugsproblemen.
Situationen, in denen es aufgrund des
(3) Einnahme der Substanz in großen
Konsums zu einer körperlichen
Mengen und länger als beabsichtigt.
Gefährdung kommen kann.
(4) Anhaltender Wunsch, oder erfolglose
(3) Wiederkehrende Probleme mit dem
Versuche, den Substanzgebrauch zu
Gesetz in Zusammenhang mit dem
verringern oder zu kontrollieren.
Substanzgebrauch.
(5) Hoher Zeitaufwand, um die Substanz
(4) Fortgesetzter Substanzgebrauch trotz
zu beschaffen, zu sich zu nehmen oder
ständiger oder wiederholter sozialer und
sich von ihren Wirkungen zu erholen.
interpersonelle Probleme, die durch die
(6) Wichtige soziale, berufliche oder
Auswirkung der psychotropen
Freizeitaktivitäten werden aufgrund des
Substanzen verursacht oder verstärkt
Substanzmissbrauchs aufgegeben oder
werden.
eingeschränkt.
(7) Fortgesetzter Substanzmissbrauch
Die Kriterien für eine Abhängigkeit sind
trotz Kenntnis eines anhaltenden oder
noch nicht erfüllt.
wiederkehrenden körperlichen oder
psychischen Problems, das
wahrscheinlich durch den
Substanzmissbrauch verursacht oder
verstärkt wurde.
Diese Unterscheidung bedeutet, das mit der Abhängigkeit die ,,Suchtproblematik"
nicht anfängt, sondern endet. (vgl. #1, 2004, S. 11-13). Die Kategorien spielen
allerdings in dieser Bearbeitung des Themas nur eine sehr untergeordnete Rolle. Ich
verwende grundsätzlich die Bezeichnung Abhängigkeit oder Sucht und kann nicht
speziell auf die genannten Stufen eingehen. Sie sollten nur der Vollständigkeit halber
erwähnt werden.
6
Der Begriff Abhängigkeit wurde von Experten der WHO an die Stelle des Begriffs
Sucht gesetzt und wie folgt definiert: ,,Es handelt sich um eine Gruppe körperlicher,
verhaltens- und kognitiver Phänomene, bei denen der Konsum einer Substanz ... für
die betreffende Person Vorrang hat gegenüber anderen Verhaltensweisen, die ...
von ihr früher höher bewertet wurden."
(#11, 2004, S. 37)
Abhängigkeit ist ein Prozess, der sich im Laufe des Substanzgebrauchs entwickelt
und der am Beispiel des Alkoholismus gut zu erklären ist.
1.1. Alkoholabhängigkeit
Alkoholabhängigkeit wird nach den Richtlinien der WHO auch als Alkoholkrankheit
definiert. 1992 wurde in den USA von führenden Fachinstanzen folgende
zusammenfassende Definition des Alkoholismus formuliert: ,,A. ist eine primäre,
chronische Krankheit, deren Entstehung und Manifestation durch genetische,
psychosoziale und umfeldbedingte Faktoren beeinflusst wird. Sie schreitet häufig fort
und kann tödlich enden. A. wird durch eine Reihe von dauernd oder zeitweilig
auftretenden Kennzeichen charakterisiert: durch die Verschlechterung des
Kontrollvermögens beim Trinken und durch die vermehrte gedankliche Beschäftigung
mit Alkohol, der trotz besseren Wissens um seine schädlichen Folgen getrunken und
dessen Konsum häufig verleugnet wird."
(vgl. #2, 1998, S. 7)
Alkoholkranke sind keineswegs eine asoziale Randgruppe unserer Gesellschaft,
sondern sie leben mitten in ihr. Jeden kann es treffen. Alkohol ist eine legale Droge,
gesellschaftlich anerkannt und allgemein verfügbar. Sie gehört quasi zum
gesellschaftlichen Leben und seinen Interaktionen in allen Bereichen, ob Trauer,
Freude, Erfolg oder Misserfolg, beruflich oder privat, u.s.w. dazu. Der Gebrauch von
Alkohol hat demnach ganz viel mit den Emotionen der Menschen zu tun. Und
trotzdem hat sich im Verlauf der gesellschaftlichen Entwicklung in der globalen Welt
gezeigt, dass kein anderes Verhaltensmuster so viele medizinische, soziale und
rechtliche Probleme mit sich bringt, wie der Konsum von Alkohol.
Im Gegensatz zu anderen toxischen Substanzen mit hohem Missbrauchpotenzial,
wie z.B. Tabak, kommt es im Verlauf einer Alkoholikerkarriere zunächst meist nicht
primär zu gesundheitlichen Schädigungen, sondern zu negativen sozialen
Auswirkungen, weil Alkohol eine bewusstseins-verändernde Droge ist. Sie betreffen
7
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