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Am Nullpunkt der Kunst? - John Cage aus intermedialer Perspektive

Subtitle: Exemplarische Untersuchungen zu den Begriffen Stille, Werk, Leben

Diploma Thesis, 2008, 127 Pages
Author: Mag. Markus Stegmayr
Subject: Cultural Studies

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2008
Pages: 127
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 55  Entries
Language: German
Archive No.: V117257
ISBN (E-book): 978-3-640-19322-6

File size: 619 KB


Excerpt (computer-generated)

Am Nullpunkt der Kunst?

John Cage aus intermedialer Perspektive

Exemplarische Untersuchungen zu den Begriffen Stille, Werk, Leben

Diplomarbeit zur Erlangung des Magistergrades an der philologisch-

kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck

Vorgelegt von: Markus Stegmayr

Innsbruck, Juli 2008


INHALT

INHALT ____________________________________________________________________2
DANKSAGUNGEN ____________________________________________________________4
1. EINLEITUNG ______________________________________________________________5

1.1. Vorwort __________________________________________________________________ 5

1.2. Unterwegs zu John Cage __________________________________________________ 6

2. THEORETISCHE GRUNDLEGUNGEN __________________________________________13

2.1. Theorie des Begehrens___________________________________________________ 13

2.2. Intermedialität ___________________________________________________________ 16

2.3. Unruhe und synchroner Schnitt ___________________________________________ 18
2.4. Rhizom und Bricolage____________________________________________________ 23

2.5. ,,Empty Words" ­ ein Rhizom?____________________________________________ 26

2.6. Autoren vs. Diskurse _____________________________________________________ 32

2.7. Francois Jullien _________________________________________________________ 36
2.8. Überleitung______________________________________________________________ 40

3. FASSUNG DER BEGRIFFE STILLE, WERK, ZUFALL, LEBEN ________________________41

3.1. Stille ____________________________________________________________________ 41
3.1.1. FRANCOIS JULLIEN _______________________________________________________ 44

3.1.2. I-GING

_______________________________________________________________________ 47

3.1.3. TON UND KLANG

______________________________________________________________ 51

3.2. Werk ____________________________________________________________________ 53

3.2.1. DIE FRAGE DER PERFORMANZ

___________________________________________________ 58

3.2.2. NIETZSCHE UND METZGER ÜBER CAGE

____________________________________________ 62

3.2.3. DERRIDA UND DAS ,,THEATER DER GRAUSAMKEIT"

___________________________________ 65

3.2.4. INTENTION UND ZUFALL

_________________________________________________________ 67

3.3. Leben ___________________________________________________________________ 73

4. EXEMPLARISCHE UNTERSUCHUNGEN ________________________________________78

4.1. Vorbemerkungen ________________________________________________________ 78
4.2. ,,4:33" ___________________________________________________________________ 79

4.2.1. EINE ANNÄHERUNG

____________________________________________________________ 79

4.2.2. DAS BLACK MOUNTAIN COLLEGE

_________________________________________________ 81

4.2.3. THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN

_________________________________________________ 86

4.2.4. DIE AUFFÜHRUNGSPRAXIS

______________________________________________________ 88

4.2.5. DIE EIGENE STILLE?

____________________________________________________________ 90

4.2.6. STRUKTUR, ZEITLICHKEIT, RÄUMLICHKEIT

__________________________________________ 93

4.3. ,,Untitled Event" _________________________________________________________ 98

4.3.1.VORBEMERKUNGEN

____________________________________________________________ 98

4.3.2. EINE ANNÄHERUNG

___________________________________________________________ 101

4.3.3. ARTAUD UND FUTURISMUS

_____________________________________________________ 104

4.3.4. ÜBERLEGUNGEN

______________________________________________________________ 107

2


5. FRAGESTELLUNGEN ZUM THEORIE- UND KUNSTBEGRIFF ________________________110

5.1. Die Anwendbarkeit der Theorie __________________________________________ 110

5.2. Der Kunstbegriff ________________________________________________________ 117

6. UNTERWEGS MIT JOHN CAGE _____________________________________________120
LITERATUR ______________________________________________________________122

3


DANKSAGUNGEN

Diese Arbeit ist das Ergebnis eines langen Prozesses in der Beschäftigung mit den

Thesen und Werken von John Cage. Mein Verständnis von Musik und Kunst wurde

dadurch maßgeblich beeinflusst und verändert. An diesem Punkt und bei einer

akademischen Arbeit ist wohl zu al ererst den Menschen zu danken, die mich zu

diesem Thema brachten.

Ich möchte vor al em Dr. Klaus Zerinschek diesen Dank zukommen lassen, da er

mein erster Kontakt mit diesem außergewöhnlichen Künstler war und er mich auch

stets darin bestärkt hat, meinen Weg des Schreibens ,,an den Rändern" der

Wissenschaft fortzusetzen. Ihm ist es zu verdanken, dass mein Schreiben heute dort

steht, wo es sich in dieser Arbeit befindet, dass ich eine solche Freude und Energie

in Bezug auf mein Schreiben und Forschen empfinden darf.

Weiters sol Dr. Gregor Gumpert hier Platz finden, der mich auf maßgebliche Texte in

Bezug auf John Cage und seine Konzepte aufmerksam gemacht hat.

Außerdem soll Dr. Niels Werber hier dankend erwähnt werden, der als

hervorragender und kritischer Betreuer maßgeblichen Anteil daran hat, dass diese

Arbeit in dieser Form möglich wurde.

Auch wenn dies der Rahmen einer Diplomarbeit ist und somit das universitäre

Umfeld im Mittelpunkt steht, so wil ich diese Arbeit noch drei anderen, sehr wichtigen

Menschen widmen.

Die erste und wichtigste Person in dieser Hinsicht ist meine Frau Angelika, die mich

sehr in meiner Phase des Denkens, des Diskutierens und Schreibens unterstützt hat.

Ihr ist es zu verdanken, dass ich heute dort stehe, wo ich mich nunmehr befinde. Sie

ist ein maßgeblicher Teil meiner persönlichen und universitären Entwicklungen, die

ohne sie gänzlich anders verlaufen wären.

Zudem möchte ich meinen guten Freunden Andreas und René Danke sagen. Es war

sehr bereichernd, wie sie mit mir immer wieder diskutiert und gefeiert haben. Sie

waren zugleich Punkt des Sammelns wie auch der Zerstreuung.

4


1. EINLEITUNG

1.1. Vorwort

Das Schreiben dieser Arbeit hat sich als eine sehr anspruchsvolle und komplexe

Situation erwiesen. War es in der Anfangsphase der Arbeit intendiert, eine beinahe

schon historische Arbeit über die frühe Avantgarde um John Cage zu schreiben ­

also vor al em Anfang der 50er Jahre ­ so wurde im Verlauf der Arbeit klar, dass es

damit nicht getan sein konnte. Wer über John Cage eine akademische Arbeit

verfasst, stößt bald an die Grenzen der Möglichkeiten, die einem angeboten werden,

wenn man aus einem westlichen, theoretischen Diskurs heraus schreibt und in

diesem letztlich auch gefangen bleibt. Es musste versucht werden, den Diskurs zu

reflektieren, seine eigenen theoretischen Voraussetzungen in den Mittelpunkt zu

stel en und einige Erweiterungen in Bezug auf einen Wissenschaftsbegriff

vorzunehmen, der nunmehr John Cage gerecht werden würde.

Somit ist diese Arbeit nicht nur eine Arbeit über einige Begriffe, mit denen man dem

Werk von John Cage näher kommen kann, sondern auch eine Arbeit über den

Prozess der Verschiebung von al zu vertraut gewordenen Begrifflichkeiten, von

denen man glaubt, dass man sie auch John Cage aufzwingen könnte. Dass man es

letztlich nicht kann und immer wieder Korrekturen oder auch nur Veränderungen in

der Form des Schreibens vornehmen muss, ist das zweite Ergebnis, das diese Arbeit

präsentieren möchte. Die Frage, die dabei im Mittelpunkt steht, ist natürlich die Frage

danach, ob und wie man John Cage in einer europäischen Avantgarde verorten

könnte. Beantwortet man diese Frage wiederum zögerlich oder gar verneinend, muss

man sich viele weitere Fragen stel en, wie zum Beispiel die Frage danach, wie man,

fal s John Cage eben auf die eine oder andere Weise aus einem europäischen

Kontext heraus fäl t, über ihn sprechen sol te. Stürzen die Mauern der westlichen

Wissenschaft ein, wenn man sich mit fernöstlichen ,,Weisheiten" und ebensolchen

Fragestel ungen beschäftigt, oder verändern sie sich nur und werden letztlich

stabiler, weil sie etwas integrieren, das bisher oftmals verdrängt wurde?

5


Die Frage ist, ob ich hier eine Arbeit über John Cage geschrieben habe, oder ob mir

John Cage Anleitung dazu war, den Wissenschafts- und Kunstbegriff mit seiner Hilfe

zu verschieben.

Sie sol beides sein: sie sol zeigen, auf welche Probleme man stößt, wenn man mit

einem Künstler arbeitet, der nur schwer in einen akademischen Kontext gestel t

werden kann. Zugleich bin ich aber der Meinung, dass man mit Hilfe der

Begrifflichkeiten und Reflexionen deutlicher sehen kann, was die Bedeutung von

John Cage ausmachen könnte. So sol en die vorliegenden Ausführungen auch eine

Art theoretischer Brille sein, mit deren Hilfe man gewisse Aspekte im Schaffen von

John Cage deutlicher und schärfer wahrnehmen kann.

1.2. Unterwegs zu John Cage

Am Anfang meiner Arbeit sol die in meinen Augen überaus wichtige Frage stehen,

wie und ob man sich John Cage mit einer akademischen Arbeit annähern kann. Als

in einem Seminar der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Innsbruck eine ähnlich

lautende Frage gestel t wurde, nämlich die Frage nach der Angemessenheit der

Annäherung an John Cage in einem universitären Rahmen, erschien diese Frage

durchaus unerhört und auch bisher weitestgehend ungehört ­ eine Frage, die man

sich eigentlich so nicht stel en sol te, wenn man beschlossen hat, über John Cage

eben in einer akademischen Sprache zu sprechen.

Dieses Sprechen über John Cage wäre gleichbedeutend mit dem Versuch, ihn

begrifflich zu fassen, sein Schaffen in Kategorien einzuteilen und ihn mittels

theoretischer Reflexionen zugänglicher zu machen. Es müssten al e Grundsätze

eines ,,westlichen" Wissenschaftsdiskurses eingehalten werden, denen sich John

Cage auf die eine oder andere Weise immer zu entziehen versucht hat. Noch mehr

wird meine Arbeit anfällig dafür, John Cage in einer theoretischen Arbeit zu

,,ersticken", ihn ganz einfach unter vielen Theoriekonstrukten zu begraben und ihn

letztlich für die eigenen Zwecke auszubeuten, während man aus seinen Werke eine

gewisse Gelassenheit und eine Unentschlossenheit in Bezug auf Wahrheiten und

Entscheidungen ableiten kann. Diese Frage wird mich begleiten, sie wird mir als

Hintergrund dienen, sie wird immer wieder implizit gestel t werden und wird immer

6


wieder andere und vorübergehende Antworten hervorbringen. Sie wird mir außerdem

ein Leitfaden in meinen Abhandlungen und exemplarischen Beispielen sein, wenn

ich versuchen werde, John Cage und sein Umfeld ein wenig begreifbarer und

greifbarer für den Leser und die Leserin zu gestalten.

Darüber hinaus muss sich eine Arbeit, die sich neben einer theoretischen auch als

intermediale Arbeit versteht, den Vorwurf gefal en lassen, den Franz Zappa so schön

auf den Punkt gebracht hat, und der letztlich auf die Diskrepanz zwischen Künstler

und Wissenschafter abzielt, der sich in manchen Momenten anmaßt, mehr als der

Künstler selbst von einem Werk zu verstehen ­ die Hermeneutik kann somit wohl als

die größte Anmaßung verstanden werden, vor al em die Kulturhermeneutik. Man

kennt das Zitat von Zappa bereits, dennoch sol es hier Platz finden:

"Writing about music is like dancing about architecture."1

Dieses Problem ist mir durchaus bewusst geworden, wenn ich mich in die Rol e eines

Wissenschafters versetzt sehe, der im Grund die Schwierigkeit hat, dass er letztlich

seine eigenen mit den Gedanken, viel eicht auch mit den Ideen des Künstlers,

verwechselt und somit nur sich selbst in den vermeintlichen Betrachtungen des

Künstlers spiegelt und dadurch niemals zu einem ,,Ursprung" gelangt. Auf dieses

Problem wird noch im zweiten Teil meiner Arbeit einzugehen sein. Darüber hinaus,

außerhalb der bekannten Deutung der Unangemessenheit eines Schreibens über

Musik besteht jedoch auch eine andere Möglichkeit, die ich in dieser intermedialen

Arbeit anwenden wil : Die Möglichkeit einer ,,Wechselseitigen Erhel ung der Künste",

wie es Oskar Walzel vor mittlerweile 91 Jahren formuliert hat.

,,Goethe nimmt sie auf und glaubt den ,schönen Gedanken′ nicht besser nochmals
einführen zu können, als wenn er die Architektur eine versteinerte Tonkunst nennt."2

Von diesem Zitat ausgehend könnte man auch fragen, warum es nicht möglich sein

sol te zu Architektur zu tanzen, warum man es nicht wagen sol te, über Musik zu

schreiben, wie ich es letztlich trotz meines eher kulturtheoretischen Ansatzes in

1 http://www.tribute2zappa.de/html/zitate.html, Stand 10.03. 2008.

2 Oskar Walzel, Wechselseitige Erhellung der Künste - Ein Beitrag zur Würdigung kunstgeschichtlicher Begriffe,

Berlin 1917, S. 7.

7


Bezug auf die Avantgarde um John Cage vorhabe. Die Künste bedingen,

beeinflussen und erhel en sich gegenseitig, eine Form des Ausdruckes kann eine

andere Form in einem anderen Medium des Ausdrucks durchaus beeinflussen und

greifbarer machen, als es eine einzige Form des Ausdrucks al ein vermocht hätte. Es

wird bei meiner Arbeit ein Ansatz vertreten werden, der diesen Annahmen folgt und

der es wagt, die scheinbar gesicherten Grenzen eines Komparatisten zu verlassen,

dessen Hauptaugenmerk eigentlich die Literatur sein sol te. In meiner Arbeit wird sie

Platz finden, jedoch stets unter dem Gesichtspunkt, dass sie ein Medium von vielen

ist, welches sich zu vergleichen lohnt, das jedoch keine Vorherrschaft über andere

Künste errungen hat.

Dies sind natürlich al gemeine Betrachtungen, die im Grunde auf jegliches

wissenschaftliche Schreiben passen ­ jedoch sind sie mir wichtig in Bezug darauf,

diese Arbeit erstmals in einen Kontext einzupassen, der ihr einen gewissen Rahmen

geben sol . Es sol eine erste Fundierung sein, eine erste Darstel ung des

Selbstverständnisses dieser Arbeit. Von dieser Stel e aus muss eine dringliche Frage

gestellt werden.

Die Frage lautet vorerst und immer wieder: Wie ist es möglich im Verlauf dieser

Arbeit John Cage zum ,,Sprechen" zu bringen, ohne sich nur selbst sprechen zu

hören? Wenn man noch weiter geht, muss man also vorerst fragen, ob dies dem

überhaupt möglich ist, der nur auf historische Dokumente und Texte zurückgreifen

kann. Ich erlaube mir hier eine erste Andeutung zu machen, wie sich meine Arbeit

aus diesen Problemen befreien wird.

Ich möchte von einer gewissen Betroffenheit ausgehen, von einem Empfinden der

Lust, ja einen fast erotischen Zugang wählen, wie ihn der späte Roland Barthes als

Ausgangspunkt für viele seiner Arbeiten genommen hat. Neben dem bereits kurz

erwähnten Seminar an der Vergleichenden Literaturwissenschaft in Innsbruck waren

es folgende Worte, die mich wiederum auf diese Spur brachten, die ich nun in letzter

Konsequenz gehen möchte, wenn auch einige Umwege zu nehmen sein werden.

,,Die Arbeit (die Forschungsarbeit) muss dem Begehren abgewonnen werden. Wird
sie es nicht, ist die Arbeit funktional, entfremdet und bloß von der Notwendigkeit

8


getrieben, eine Prüfung zu bestehen, ein Diplom zu erhalten und den Fortgang der

Karriere zu sichern."3

Roland Barthes schreibt in diesem kurzen Text weiter darüber, dass die Gesellschaft

wohl kaum bereit ist, besonders dem Studenten der Literaturwissenschaft dieses

Glück zuzugestehen.4 Aus genau diesem Grund habe ich mich dennoch für einen

solch lustvol en Zugang entschieden, im vol en Bewusstsein, dass ein solcher

Zugang eigentlich unerhört und auch eigentlich nicht gesel schaftlich voll akzeptiert

ist, da die Forschungsergebnisse immer mehr in den Vordergrund treten. Es muss

festgehalten werden, dass eine solche Vorgehensweise die Forschung in keinster

Weise abwerten wil oder diese in ihrer Relevanz beschneiden sol .

Die Erzählung einer Arbeit, die Konstruktion einer Arbeit, die auch mit dem

subjektiven Stil des Schreibenden zu tun hat, wird aus diesen Andeutungen

ableitbar. Es erfordert natürlich und selbstverständlich Forschungsarbeit, es braucht

diese Forschung, da man ansonsten nichts darzustel en, nichts zu schreiben und

letztlich nichts zu sagen hätte, das einem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn

dienen würde. Jedoch steht nicht die bloße Präsentation des Forschungsergebnisses

im Mittelpunkt, sondern auch die Lust am Schreiben, die Lust am Sich immer wieder

Annähern, die Lust viel eicht daran, dass man niemals wirklich zu den ,,Dingen" wird

vordringen können, die Lust daran, dass man immer wieder neue Aspekte entdeckt,

welche einem bisher in der Lektüre verborgen geblieben sind, jetzt aber in der

Verknüpfung plötzlich zum Vorschein kommen ­ diese schönen flüchtigen Elemente

einer Arbeit, an die man vorher kaum gedacht hat, die sich dann durchsetzen und zu

vol er Entfaltung gelangen wollen. Auch diesen Freiraum wil ich den Betrachtungen

von John Cage zugestehen, wenn ich versuchen werde, das ,,Ereignishafte" dieser

Zäsur am Anfang der 50er Jahre darzustel en. Dabei geht diese Arbeit von der

Überzeugung aus, dass eine unverstellte Darstel ung dieser Ereignisse nicht möglich

ist, sondern dass diese, zwar zaghaft und mit einer gewissen Vorsicht, aber doch

theoretisch gefasst werden müssen.

3 Roland Barthes, Junge

Forscher

, in: Das Rauschen der Sprache, aus dem Französischen von Dieter Hornig,

Frankfurt a. M. 2006, S. 93.

4 Vgl. ebd., S. 93.

9


Eine weitere Erkenntnis sol sein, dass ich bei meinem Vorhaben natürlich unter einer

Beobachtung stehe, in einem institutionel en Rahmen eingebettet bin ­ dem meines

abzuschließenden Studiums der Vergleichenden Literaturwissenschaft sowie der

Notwendigkeit, dieses Studium mit dem Verfassen einer Diplomarbeit zu beenden

und damit in die Lage zu kommen, ein Doktorratsstudium zu beginnen, das einen

freieren Rahmen der Forschung und des Schreibens bietet. Somit bin ich mir also

bewusst, dass meine Schritte unter Beobachtung stehen, dass ich mich gefährlich

nahe an den Rändern dessen bewege, was man gemeinhin Wissenschaftlichkeit

nennt. Auch in dieser Hinsicht wil ich kurz Roland Barthes zitieren, um dieses

Problem darzustel en und zu zeigen, dass dieses Wagnis dennoch lohnt:

,,Unter Umständen sieht man mich an, ohne dass ich es weiß, und auch darüber

kann ich sprechen, habe ich mich dazu entschlossen, das Bewusstsein meiner
Betroffenheit als Richtschnur zu nehmen"5

Barthes meint damit natürlich nicht explizit die Situation, in die jeder Student sich zu

begeben hat, sondern schreibt über seinen subjektiven Zugang zu Kunst. Auch hier

muss wieder eine Einschränkung erfolgen, um den puren Subjektivismus nicht al zu

sehr zu betonen und diesen damit auch letztlich Roland Barthes zu unterstel en. Sein

Schreiben bleibt letztlich, selbst in der ,,Hel en Kammer", der Wissenschaftlichkeit

verpflichtet, weil er soziologisch und semiotisch sein Feld analysiert. Was sich

ändert, ist sein Ausgangspunkt, sein Ansatz, zum Teil auch sein Stil, der immer

wieder

ins

Literarische

umkippt.

Somit

werden

die

Standards

der

Wissenschaftlichkeit sehr wohl gewahrt. Damit möchte ich mich von dem eventuell

aufkeimenden Vorwurf des puren Subjektivismus freimachen und diese Gefahr

frühzeitig ausschließen. Es liegt mir fern, wie es auch Barthes fern liegt, subjektiv

über Kunst zu schwärmen, diese in einem esoterischen und respektvol en Ton

abzuhandeln im Glauben, dass man letztlich über Kunst nicht sprechen oder diese

nicht al zu sehr analysieren könne ­ das Gegenteil wird der Fal sein: ich möchte die

Werke von John Cage als Spielfeld, benutzen um einige Theorien zu reflektieren und

diese auf ihre Anwendbarkeit abklopfen. Eine solche Vorgehensweise, ein solches

,,Umkreisen" und Sich-Annähern an einen Gegenstand, in diesem Fal John Cage,

bringt immer die Probleme mit sich, dass man sich in Gebiete vorwagt, die in ihrer

5 Roland Barthes, Die Helle

Kammer

­ Bemerkungen zur Photographie, aus dem Französischen von Dietrich

Leube, Frankfurt a. M. 1985, S. 18.

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