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Stadt lesen

Subtitle: Der Blick des Flaneurs

Scholary Paper (Seminar), 2008, 17 Pages
Author: Mathias Seeling
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Blick-Lektüren
Institution/College: University of Erfurt
Tags: Stadt, Blick-Lektüren, Flaneur, Literatur, Figur, Hessel, Walter Benjamin
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2008
Pages: 17
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V117284
ISBN (E-book): 978-3-640-19749-1
ISBN (Book): 978-3-640-19774-3
File size: 158 KB

Abstract

Jeder Mensch erlebt seine Umwelt auf unterschiedliche Art und Weise, interpretiert Sachverhalte und Verhaltensweisen seiner Mitmenschen anders und besitzt ein individuelles Aufnahmevermögen, das diesen Menschen prägt und das er ebenso auf seine Umwelt reflektiert. Diese Hausarbeit soll sich mit dem Phänomen des expliziten Beobachters in der Stadt und in verschiedenen anderen sozialen Gefügen befassen – dem Flaneur. Was sind sozusagen 'typische' Charakteristika, welche Stile verfolgen und repräsentieren diese Menschen, die eine Stadt anders wahrnehmen, als der gemeine Spaziergänger? Etymologisch ist zu erkennen, dass der Begriff „flanieren“ für ein zielloses Umhergehen steht.1 Daher ist naheliegend, dass der Typus Flaneur in der Literatur von seinem früheren Ebenbild, dem Wanderer, abgeleitet wurde, der die Natur durchstreifte und, an dem, was er dort beobachtete, seinen Gedanken und Gefühle artikulierte. Den Eingang in die Literatur fand er schließlich mit Edgar Allan Poes Erzählung „The man of the crowd“ von 1838. Seitdem sah sich der beobachtende Mensch in einer städtischen Welt, die geprägt war durch stete Veränderung und rasanter Entwicklung im Alltag, der Industrie und vielen anderen Bereichen. Durch die zahlreichen Umbauten und Innovationen in den Großstädten erfuhren die Menschen einen prägenden Wandel in ihrem Alltag. Fast pragmatisch reflektiert der Flaneur diese aufkommende Unruhe und lässt den Leser immer wieder an frühere Zeiten erinnern, um den Unterschied explizit zu machen. Kritisch setzt er sich in jedem Falle mit seiner, sich ständig weiterentwickelnden und immer hektischen Umwelt auseinander. Aber warum die Entstehung der Figur des Flaneurs nicht auf einem fiktiven Wege? Wieso machten sich diese Schriftsteller die Mühe, stundenlang ziellos durch die Städte zu streifen, sich endlose Gedanken zu machen und alles niederzuschreiben?


Excerpt (computer-generated)

Stadt lesen

Der Blick des Flaneurs

Hausarbeit

6 LP (Kernbereich)

Seminar: Blick-Lektüren

Sommersemester 2008

an der:

Universität Erfurt

Literaturwissenschaften

vorgelegt von:

Mathias Seeling

Erfurt, 20. August 2008


2

Inhalt

Einleitung 3

1 Der Flaneur in der Gesellschaft 5

2 Der Flaneur und seine Beziehungen zum Voyeurismus und zur Schaulust 8

2.1 In der Stadt 8

2.2 Die schriftgewordene Stadt 12

3 Das Kino ­ mobilized gaze: eine erweiterte Form der Flanerie? 14

Fazit 15

Literatur- und Quellenverzeichnis 16


3

Einleitung

,,Man muß vieles übersehen, um schauen zu können."

Emanuel von Bodman (1874-1946)

Jeder Mensch erlebt seine Umwelt auf unterschiedliche Art und Weise, interpretiert Sachverhalte

und Verhaltensweisen seiner Mitmenschen anders und besitzt ein individuelles

Aufnahmevermögen, das diesen Menschen prägt und das er ebenso auf seine Umwelt reflektiert.

Diese Hausarbeit soll sich mit dem Phänomen des expliziten Beobachters in der Stadt und in

verschiedenen anderen sozialen Gefügen befassen ­ dem Flaneur.

Was sind sozusagen ′typische′ Charakteristika, welche Stile verfolgen und repräsentieren diese

Menschen, die eine Stadt anders wahrnehmen, als der gemeine Spaziergänger? Etymologisch ist zu

erkennen, dass der Begriff ,,flanieren" für ein zielloses Umhergehen steht.1 Daher ist naheliegend,

dass der Typus Flaneur in der Literatur von seinem früheren Ebenbild, dem Wanderer, abgeleitet

wurde, der die Natur durchstreifte und, an dem, was er dort beobachtete, seinen Gedanken und

Gefühle artikulierte.

Den Eingang in die Literatur fand er schließlich mit Edgar Allan Poes Erzählung ,,The man of the

crowd" von 1838. Seitdem sah sich der beobachtende Mensch in einer städtischen Welt, die geprägt

war durch stete Veränderung und rasanter Entwicklung im Alltag, der Industrie und vielen anderen

Bereichen. Durch die zahlreichen Umbauten und Innovationen in den Großstädten erfuhren die

Menschen einen prägenden Wandel in ihrem Alltag. Fast pragmatisch reflektiert der Flaneur diese

aufkommende Unruhe und lässt den Leser immer wieder an frühere Zeiten erinnern, um den

Unterschied explizit zu machen. Kritisch setzt er sich in jedem Falle mit seiner, sich ständig

weiterentwickelnden und immer hektischen Umwelt auseinander. Aber warum die Entstehung der

Figur des Flaneurs nicht auf einem fiktiven Wege? Wieso machten sich diese Schriftsteller die

Mühe, stundenlang ziellos durch die Städte zu streifen, sich endlose Gedanken zu machen und alles

niederzuschreiben?

1 Vgl. DUDEN Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache, Band 7, 2001, S. 221.


4

Die Möglichkeit, diese andere Erfahrung zu machen, um eine andere Literaturform zu schaffen,

verdeutlicht Benjamin in

Einbahnstraße

ganz gut:

,,Die Kraft der Landstraße ist eine andere, ob einer sie geht oder im Aeroplan darüber hinfliegt. So ist auch die Kraft

eines Textes eine andere, ob einer ihn liest oder abschreibt.

[...]

Nur wer die Straße geht, erfährt von ihrer Herrschaft

und wie aus eben jenem Gelände, das für den Flieger nur die aufgerollte Ebene ist, sie Fernen, Belvederes, Lichtungen,

Prospekte mit jeder ihrer Wendungen so herauskommandiert, wie der Ruf des Befehlshabers Soldaten aus einer Front.

So kommandiert allein der abgeschriebene Text die Seele dessen, der mit ihm beschäftigt ist, während der bloße Leser

die neuen Ansichten seines Innern nie kennenlernt, wie der Text, jene Straße durch den immer wieder sich

verdichtenden inneren Urwald, sie bahnt: weil der Leser der Bewegung seines Ich im freien Luftbereich der Träumerei

gehorcht, der Abschreiber aber sie kommandieren lässt."2

Man muss also selbst in den Ort seiner Erzählung treten, um die Gegebenheiten und Gefühle

reflektieren zu können, die einem dort widerfahren. Man kann nur aus diesen Eindrücken lernen,

wenn man sie selbst erfahren hat.

Prof. Dr. Anne Friedberg befasste und befasst sich engagiert als Wissenschaftlerin für Filme und

Literatur mit diesem Thema und setzte somit Meilensteine in diesem Bereich der Forschung.

Aufgrund dessen soll sich im Folgenden mit ihrem ,,mobilized gaze" beschäftigt werden, inwieweit

er dem Flaneur zugeschrieben werden kann. Somit soll diese Arbeit einen Überblick verschaffen,

der die Vielschichtigkeit im Schaffen der literarischen Figur des Flaneurs näher zu bringen

versucht.

2 Siehe Benjamin, Walter: Einbahnstraße, 1977 (1928), S. 16 f.



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