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Subtitle: Lässt sich auf systemtheoretischer Grundlage eine Weltgesellschaft erkennen?
Scholary Paper (Seminar), 2007, 28 Pages
Authors: Jannis Frech, Till-Jorrit Gerwers
Subject: Politics - Miscellaneous
Details
Institution/College: University of Bremen (Institut für Politikwissenschaft)
Tags: Luhmann, Weltgesellschaft, Global, Governance, Weltgesellschaft, Weltsystem, Weltordnung
Year: 2007
Pages: 28
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 35 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19949-5
ISBN (Book): 978-3-640-20541-7
File size: 2466 KB
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Abstract
Begriffe wie Globalisierung, Denationalisierung oder Internationalisierung können die unterschiedlichsten Prozesse und Phänomene bezeichnen. Meist wird durch sie das Wegfallen der nationalstaatlichen Grenzen (insbesondere für den Waren- und Finanzverkehr) oder eine weltweite Vernetzung durch neue Kommunikationsmedien beschrieben. Kein Tag vergeht ohne mediale Präsenz von globalen Herausforderungen, globalen Katastrophen oder globalen Entwicklungen. Durch Thesen, die eine Zuspitzung dieser Tendenzen prognostizieren, erhalten neue Begriffe wie Weltstaat, Weltgesellschaft und Weltsystem Einzug in die politischen und wissenschaftlichen Debatten. In der politischen Wissenschaft beschäftigt man sich ausführlich mit supranationalem Steuern und Kooperation, die zwischenstaatlich fokussierte Disziplin der „Internationalen Beziehungen“ weicht dem überstaatlichen Global Governance-Begriff; die Sozialwissenschaft tut sich jedoch schwer, die welteinheitliche Perspektive zu wählen und sich effektiv ins neue Glanzthema einzubringen. Ihre gesellschaftlichen Theorien sind aber nötig, um entstehende globale Gesellschaften einordnen und strukturieren zu können, vor allem aber auch um ihre Entwicklung vorherzusagen und Möglichkeiten der Steuerung aufzeigen zu können. Als eine Theorie, die eher selten als Grundlage internationaler Gedankenspiele genommen wird erschien uns die Systemtheorie und genauer, die umfassende (aber nationalstaatlich entwickelte) Systemtheorie des Bielefelder Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmann. In dieser Arbeit wollen wir versuchen uns dem großen Begriff der Weltgesellschaft aus systemtheoretischer Sichtweise zu nähern und dabei nicht die theoretische (und mögliche) Konzeption einer solchen Weltgesellschaft herausarbeiten, sondern die vorhandene Gesellschaftstheorie Luhmanns konsequent als Grundlage nehmen, um auf ihr die aktuelle „Weltgesellschaft“ zu untersuchen. Wir wollen also der Frage nachgehen, ob die momentane Phase, der Status Quo der Globalisierung in allen Bereichen, mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns als (eine) demgemäß ausgeprägte, oder sollte man besser sagen ausdifferenzierte, Weltgesellschaft zu definieren wäre.
Excerpt (computer-generated)
Universität Bremen
Institut für Politikwissenschaft
Lehrbereich:
Pol-M11: Internationale Politik
Seminarart:
Seminar
Titel der Veranstaltung:
Global Governance: Weltgesellschaft, Weltsystem, Weltordnung
Semester:
Sommersemester 2007
Hausarbeit
Luhmann und die
Weltgesellschaft
Lässt sich auf systemtheoretischer
Grundlage eine Weltgesellschaft
erkennen?
Jannis Frech und Till-Jorrit Gerwers
Studiengang:
Vollfach-Bachelor Politikwissenschaft
Fachsemester:
4
Gliederung und Inhaltsverzeichnis
1.
Einleitung
S.2
2.
Begriffsklärung und Definition
2.1
Weltgesellschaft
S.3
2.2
Weltstaat
S.4
2.3
Weltsystem
S.4
2.4
Definitionsauswahl
S.4
3.
Die Systemtheorie von Niklas Luhmann
3.1
Grundlagen
S.5
3.2
Die Funktionsweise der Subsysteme
S.7
3.3
Die Subsysteme
S.8
4.
Die Weltgesellschaft aus der Luhmannschen Perspektive
4.1
Auswahl relevanter Subsysteme
S.10
4.2
Das Subsystem Wirtschaft
S.11
4.3
Das Subsystem Religion
S.16
5.
Fazit
S.21
Anhang
S.23
Literaturverzeichnis
S.24
Selbstständigkeitserklärung
S.26
1. Einleitung
Begriffe wie Globalisierung, Denationalisierung oder Internationalisierung können die
unterschiedlichsten Prozesse und Phänomene bezeichnen. Meist wird durch sie das Wegfallen
der nationalstaatlichen Grenzen (insbesondere für den Waren- und Finanzverkehr) oder eine
weltweite Vernetzung durch neue Kommunikationsmedien beschrieben. Kein Tag vergeht
ohne mediale Präsenz von globalen Herausforderungen, globalen Katastrophen oder globalen
Entwicklungen.
Durch Thesen, die eine Zuspitzung dieser Tendenzen prognostizieren, erhalten neue Begriffe
wie Weltstaat, Weltgesellschaft und Weltsystem Einzug in die politischen und
wissenschaftlichen Debatten. In der politischen Wissenschaft beschäftigt man sich ausführlich
mit supranationalem Steuern und Kooperation, die zwischenstaatlich fokussierte Disziplin der
,,Internationalen Beziehungen" weicht dem überstaatlichen Global Governance-Begriff; die
Sozialwissenschaft tut sich jedoch schwer, die welteinheitliche Perspektive zu wählen und
sich effektiv ins neue Glanzthema einzubringen. Ihre gesellschaftlichen Theorien sind aber
nötig, um entstehende globale Gesellschaften einordnen und strukturieren zu können, vor
allem aber auch um ihre Entwicklung vorherzusagen und Möglichkeiten der Steuerung
aufzeigen zu können.
Als eine Theorie, die eher selten als Grundlage internationaler Gedankenspiele genommen
wird erschien uns die Systemtheorie und genauer, die umfassende (aber nationalstaatlich
entwickelte) Systemtheorie des Bielefelder Soziologen und Systemtheoretikers Niklas
Luhmann. In dieser Arbeit wollen wir versuchen uns dem großen Begriff der Weltgesellschaft
aus systemtheoretischer Sichtweise zu nähern und dabei nicht die theoretische (und mögliche)
Konzeption einer solchen Weltgesellschaft herausarbeiten, sondern die vorhandene
Gesellschaftstheorie Luhmanns konsequent als Grundlage nehmen, um auf ihr die aktuelle
,,Weltgesellschaft" zu untersuchen. Wir wollen also der Frage nachgehen, ob die momentane
Phase, der Status Quo der Globalisierung in allen Bereichen, mit der Systemtheorie Niklas
Luhmanns als (eine) demgemäß ausgeprägte, oder sollte man besser sagen ausdifferenzierte,
Weltgesellschaft zu definieren wäre. Dazu wollen wir als Erstes die Begrifflichkeiten rund um
die ominöse ,,Weltgesellschaft" klären, die von uns verwendete Definition abgrenzen und
dann erst einmal die Luhmannsche Systemtheorie grundsätzlich, aber so knapp wie möglich
erklären. Die praktische Untersuchung konzentriert sich dann mittels einer ,,Easy Case"/"Hard
Case"-Analyse auf nur zwei explizite und unterschiedliche Bereiche (die Subsysteme
Wirtschaft und Religion) der Theorie, was nötig ist um den immensen (und zweifelsohne
hochkomplexen) Stoff bewältigen und angemessen verarbeiten zu können. Eine umfassende
Untersuchung wäre äußerst interessant, würde allerdings selbst den (quantitativen) Umfang
einer Bachelorarbeit übersteigen. Am Ende wollen wir eine Antwort auf unsere Fragestellung
finden, die so präzise wie unter den gegebenen begrenzten Kriterien möglich, ausfallen soll.
2. Begriffsklärung und Definition
2.1 Weltgesellschaft
Der
Begriff
der
Weltgesellschaft
bietet
ein
umfassendes
Spektrum
an
Erklärungsmöglichkeiten und Definitionen, deren komplette Darstellung den Rahmen
sprengen würde. Dennoch wollen wir versuchen einen kleinen Überblick zu schaffen.
Zunächst ist der Begriff lexikalisch nüchtern und wortwörtlich betrachtet die von der
Weltbevölkerung gebildete Gesellschaft1. Die Weltgesellschaft spielt vor allem in
sozialwissenschaftlichen Erklärungen der Welt als Ganze und den dazugehörigen aktuelleren
Theorien der Globalisierung eine Rolle und wird insbesondere dort begrifflich entwickelt2.
Dabei kann sie sowohl auf der Ebene von Individuen als auch bis hin zum Nationalstaat
begründet und beobachtet werden, was der Menge an verschiedenen Definitionsgrundlagen
natürlich äußerst förderlich ist.3
Für den Philosophen Alexander Roesler ist die Weltgesellschaft ,,Zielpunkt einer
Entwicklung, die durch die Globalisierung angeregt worden ist: das Zusammenwachsen der
Welt durch die Auflösung der politischen Blöcke und die globale Durchsetzung einer
bestimmten Wirtschaftsform, in Verbund mit der allgemeinen Beschleunigung des Verkehrs
und der Datenübertragung."4 Für ihn steht also das Aufgehen der nationalen Gegebenheiten in
internationale, universal gültige Gegebenheiten im Vordergrund.
Peter Heinz sieht die Weltgesellschaft dabei sogar als eben diesen Vorgang: Die
Globalisierung im Spannungsfeld zwischen Erster und Dritter Welt im Zusammenspiel mit
einer umfassenden globalen Homogenisierung. 5
Dem Begriff der Weltgesellschaft fehlt im sozialwissenschaftlichen Sinne vor allem eine
Selbstbeschreibung des politischen Systems, welches zunächst keine Rolle spielt.6 Meyer
sieht hier die universal gültigen Institutionen der Moderne als Antwort, weil sie als legitim
und attraktiv für alle gelten und in ihrer globalen Ausbreitung die Grundlage eines Systems
bilden.7
Nach Wallerstein ist es das Weltsystem, dass sich durch die Lösung des Kapitals von
nationalstaatlichen Grenzen (dem nationalstaatlich organisierten und begrenzten Markt)
entwickelt. Akteure werden nicht länger benötigt, denn diese folgen der Logik kapitalistischer
Akkumulation. Der Begriff der ,,Gesellschaft" ist bei allen mehr als nur ein beobachtbarer
1 Duden 1999: ,,Weltgesellschaft"
2 Zöpel 2004: 35
3 Wilke 2007: 135
4 Roesler 2000: 391
5 Wilke 2007: 135
6 Albert 2007: 19
7 Wilke 2007: 135
Kontext: Die Konstituierung von Gesellschaft als symbolischer Ordnungsform ist
grundlegend.8
Niklas Luhmann seinerseits sieht die Weltgesellschaft als globales System, nicht als Substitut
für Staatsnamen.9 Sie wird von einem normativen Erwartungsstil dominiert, was zu einer
fehlspezialisierenden Kombination von Politik und Recht führt. Deshalb muss die
Weltgesellschaft auch ohne normative und politische Integration möglich sein, sie ist selbst
die Universalisierung kognitiver Erwartungsmuster und einer Lernfähigkeit von Forschung
und Planung. Der Gesellschaftsbegriff ist hier das Ensemble aller füreinander erreichbaren
Kommunikationen, doch dazu später mehr.10
2.2 Weltstaat
Der Begriff des Weltstaates wird hauptsächlich als ,,globale Manifestation des idealtypischen
Nationalstaates gedacht", obwohl das dafür notwendige Idealbild selbst eigentlich nicht mehr
in der Realität anzutreffen ist. Die Diskussion des Begriffes liegt diesmal vor allem in den
Händen der politischen Philosophie, im Standardnachschlagewerk ist er nicht zu finden. Die
politische Philosophie widmet sich hauptsächlich verschiedenen normativen Entwürfen des
Weltstaates und der grundlegenden Idee einer globalen Demokratie.
Im Sinne soziologischer Analysen politischer Systeme wandelt sich der Begriff des
Weltstaates zur Untersuchung von so genannter Weltstaatlichkeit. Jedoch ist dieser Begriff
schwer handhabbar, weil in der Gegenwart eine Gleichzeitigkeit unterschiedlichster Formen
von Staatlichkeit existiert.
Alexander Wendt hält den Weltstaat für unausweichlich: Für ihn ist er das logische Ergebnis
eines sozialen Ringens um Anerkennung zwischen den Staaten und damit Ausdruck einer
kollektiven Identität. Allerdings bezeichnet er eher die Zusammensetzungen lokaler
Weltstaatsrealisierungen und nicht einen universalen Weltstaat.11
2.3 Weltsystem
Das Weltsystem schließlich, lässt sich als Erklärung des Aufbaus eines die Welt betreffenden
philosophischen Systems definieren. Historisch gesehen geht es hier vor allem um die
Unterscheidung
zwischen
geozentrischem/ptolemäischem
und
heliozentrischem/kopernikanischem Weltbild. Im Rahmen von Staatensystemen wurde und
wird der Begriff vor allem zur Bezeichnung von sozialistischen, imperialistischen, oder
kapitalistischen Weltsystemen verwendet.12
8 Wilke 2007: 135ff
9 Luhmann 1995
10 Luhmann in Wilke 2007: 134
11 Der ganze Punkt: Albert 2007: 10ff
12 Duden 1999: ,,Weltsystem"
Von mehreren Weltsystemen ist die Rede, wenn es um die Herausbildung ,,lateraler
Weltsysteme" geht, also um Funktionssysteme nationalstaatlich organisierter Gesellschaften,
die aus territorialen Bindungen ausbrechen und sich global vernetzen.13
2.4 Definitionsauswahl
Um einen geeigneten Begriff und seine dann ebenso geeignete Definition für die weitere
Verwendung auszuwählen und näher zu erklären, bedarf es kurz noch der Erwähnung eines
weiteren ,,Universalbegriffes": der Weltpolitik. Diese versteht sich als Sammelbegriff zur
Bezeichnung aller überregionalen und tendenziell globalen internationalen politischen
Prozesse14 und klingt somit zunächst ansprechend konkret. Wir wollen und können ihn jedoch
für unsere Arbeit nicht verwenden, da er mit dem klaren Bezug auf die ,,politischen Prozesse"
nur auf einen Teilbereich der Luhmannschen Systemtheorie anwendbar wäre und damit
unpraktikabel.
Am geeignetsten für die Untersuchung der Anwendbarkeit Luhmannscher Systemtheorie auf
die globalisierte Gegenwartsgesellschaft erscheint uns der Begriff der ,,Weltgesellschaft".
Diese Auswahl hat mehrere Gründe. Zunächst ist Luhmanns Systemtheorie eine Theorie, die
natürlich explizit die Gesellschaft untersucht, differenziert und definiert. Der Weltstaat als
Begriff setzt immer ein politisches Gebilde voraus, was nach Luhmann wiederum nur Teil
einer Gesellschaft ist und sein kann. Zudem bezeichnet er eher Vorstellungen die aktuell noch
als Utopien angesehen werden und somit nicht empirisch untersuchbar sind. Die
Weltstaatlichkeit als Derivat ist ebenfalls unausreichend, denn ,,erst die Einbettung in eine
Weltgesellschaft
schafft
[...]
für
Weltstaatlichkeit
das
letzthin
hinreichende
Distinktionskriterium, um sich [...] als eigene Emergenzebene des politischen Systems zu
etablieren".15 Das Weltsystem schließlich ist eher ein historisch-hegemonial besetzter Begriff,
dem es um gemeinsame Ideologien in bestimmten Teilen der Welt geht, oder aber schlicht die
wichtige, aber hier unpassende Position der Erde im Universum. Die Definition der
Weltgesellschaft, die wir untersuchen wollen orientiert sich an der simplen wörtlichen
Definition, nämlich die von der Weltbevölkerung gebildete universale Gesellschaft in ihrem
aktuellen Zustand. Gesellschaft wird dabei genauso verstanden, wie Luhmann sie auf
nationaler Ebene definiert und erklärt. Ob dies dann im Endeffekt praktikabel und in der
ganzen Breite der Systemtheorie umsetzbar ist, soll ja das Untersuchungsziel selbst sein.
3. Die Systemtheorie von Niklas Luhmann
3.1 Einführung
13 Wilke 2007: 140
14 Brockhaus 2005-07: ,,Weltpolitik"
15 Albert 2007: 10
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