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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 29 Pages
Author: Sebastian Zilles
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Mannheim (Philosophische Fakultät)
Tags: Vater, Eine, Untersuchung, Vater-Sohn-Problematik, Kafkas, Erzählung, Urteil, Roman, Verschollene/Amerika, Kafkas, Romane
Year: 2008
Pages: 29
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 15 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19964-8
File size: 223 KB
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Abstract
Die Nacht vom 22. auf den 23. September des Jahres 1912 ist nicht nur eine ereignisreiche, sondern auch eine folgenschwere Nacht im Leben des Autors Franz Kafka. Innerhalb von nur acht Stunden schreibt Kafka die Erzählung Das Urteil „in einem Zug“ nieder. Mit der Niederschrift der Erzählung Das Urteil beendet Kafka nicht nur eine „unabsehbare Folge von [literarischen] Fehlversuchen“, sondern damit vollzieht sich „auch formal, stilistisch und motivlich [...] ein unumkehrbarer Sprung[,]“ im Schaffen des Prager Autoren. Nur wenige Tage später nimmt er die Arbeit am Romanfragment Der Verschollene5 wieder auf, „den er bereits als literarisch unzureichend abqualifiziert hatte.“ Nicht nur auf zeitlicher, sondern im Besonderen auch auf inhaltlicher Ebene, stehen die Erzählung Das Urteil und das Romanfragment Der Verschollene in engem Bezug zueinander. Beide Werke porträtieren ein Spannungsverhältnis zwischen Vater und Sohn, beschreiben ihren Kampf und letztendlichen Untergang. Daher ist folgende übergeordnete leitenden Fragestellung Untersuchungsgegenstand der hiesigen Arbeit: Wie stellt Kafka die Vater-Sohn-Problematik in der Erzählung Das Urteil und im Roman Der Verschollene dar? In der Kafka-Forschung wurden die Texte des Schriftstellers in zahlreichen Forschungsbeiträgen immer wieder autobiographisch gedeutet und mit Kafkas problematischem Verhältnis zu seinem Vater in Verbindung gebracht. Diesen Interpretationsansatz wird diese Arbeit umgehen. Stattdessen verfolgt sie den Ansatz eines close-readings der Primärtexte.
Excerpt (computer-generated)
Universität Mannheim, Philosophische Fakultät
Lehrstuhl Neuere Germanistik II
Hauptseminar: Kafkas Romane
′O Vater, warum hast du mich verlassen?′ - Eine Untersuchung der Vater-Sohn-Problematik in Kafkas Erzählung ′Das Urteil′ und dem Roman ′Der Verschollene/Amerika′
Sebastian Zilles
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: ... 3
2. Die Vater-Sohn-Problematik: ein Kampf um Liebe, Macht, Anerkennung: ... 4
2.1. Der Vater-Sohn-Konflikt: ... 4
2.2. Der Kampf um Anerkennung: ... 7
3. Kafkas Urteil – Der Machtkampf eines riesenhaften Vaters und eines machtgierigen Sohnes: ... 8
3.1. Eine Deutung vor der eigentlichen Interpretation: ... 8
3.2. Das Urteil als ein Spiel der Strategie und Maskerade: ... 10
4. Der Verschollene – heimatlos und vaterlos in Amerika: ... 17
4.1. Der verborgene Handlungsplan: ... 18
4.2. Die Schuld ist immer zweifellos : ... 19
5. Schlussbetrachtung: ... 24
6. Literaturverzeichnis: ... 27
Primärliteratur: ... 27
Sekundärliteratur: ... 27
1. Einleitung:
Die Nacht vom 22. auf den 23. September des Jahres 1912 ist nicht nur eine ereignisreiche, sondern auch eine folgenschwere Nacht im Leben des Autors Franz Kafka. Innerhalb von nur acht Stunden schreibt Kafka die Erzählung Das Urteil1 „in einem Zug“2 nieder. Mit der Niederschrift der Erzählung Das Urteil beendet Kafka nicht nur eine „unabsehbare Folge von [literarischen] Fehlversuchen“3, sondern damit vollzieht sich „auch formal, stilistisch und motivlich [...] ein unumkehrbarer Sprung[,]“4 im Schaffen des Prager Autoren. Nur wenige Tage später nimmt er die Arbeit am Romanfragment Der Verschollene5 wieder auf, „den er bereits als literarisch unzureichend abqualifiziert hatte.“6 Nicht nur auf zeitlicher, sondern im Besonderen auch auf inhaltlicher Ebene, stehen die Erzählung Das Urteil und das Romanfragment Der Verschollene in engem Bezug zueinander.7 Beide Werke porträtieren ein Spannungsverhältnis zwischen Vater und Sohn, beschreiben ihren Kampf und letztendlichen Untergang. Daher ist folgende übergeordnete leitenden Fragestellung Untersuchungsgegenstand der hiesigen Arbeit: Wie stellt Kafka die Vater-Sohn- Problematik in der Erzählung Das Urteil und im Roman Der Verschollene dar?
In der Kafka-Forschung wurden die Texte des Schriftstellers in zahlreichen Forschungsbeiträgen immer wieder autobiographisch gedeutet und mit Kafkas problematischem Verhältnis zu seinem Vater in Verbindung gebracht. Diesen Interpretationsansatz wird diese Arbeit umgehen. Stattdessen verfolgt sie den Ansatz eines close-readings der Primärtexte.
Systematisch geht die Arbeit dabei folgenden Weg: im anschließenden Kapitel wird die Vater-Sohn-Problematik näher beleuchtet. Das Kapitel betrachtet die Problematik von einer Metaebene aus und bildet einen theoretischen Rahmen für die spätere Primärtextanalyse. Eine theoretische Darstellung der Vater-Sohn-Problematik erscheint unumgänglich, da es sich bei dieser Thematik nicht um ein Kafka-spezifisches Problem handelt. Der Vater-Sohn- Konflikt zählt im Gegenteil zu den ältesten Motiven der Weltliteratur.
Das dritte Kapitel setzt sich mit der Erzählung Das Urteil auseinander. Hierbei werden die Protagonisten eingehend untersucht, die Leitmotive werden gleichermaßen berücksichtigt.
Im vierten Kapitel wird das Romanfragment Der Verschollene analysiert.
Neben der leitenden Fragestellung werden folgende Fragen zusätzlich beantwortet: Welche Ursachen und Folgen hat der Vater-Sohn-Konflikt? Wer ist Sieger, wer Verlierer? Gibt es Gemeinsamkeiten oder unterscheiden sich die Texte grundlegend voneinander?
2. Die Vater-Sohn-Problematik: ein Kampf um Liebe, Macht, Anerkennung:
Das folgende Kapitel setzt sich mit der Vater-Sohn-Problematik auseinander.
Im ersten Teil wird der Vater-Sohn-Konflikt näher beleuchtet. Dabei sollen Antworten auf folgende Fragen gegeben werden: Welche Ursachen hat der Vater-Sohn-Konflikt? Welche Folgen bringt dieser mit sich? Dabei wird herausgearbeitet, dass die Vater-Sohn-Problematik stark mit gescheiterten Wunschvorstellungen zusammenhängt.
Der zweite Teil dieses Kapitels nähert sich der Problematik von einer anderen Seite. Hierbei geht es um die unerwiderte Liebe des Sohnes zu seinem Vater. Das Ziel des gesamten Kapitels ist es, einen theoretischen Rahmen für die spätere Untersuchung der Kafka´schen Texte zu begründen. Die Problematik wird also zunächst von einer Metaebene aus betrachtet, bevor eine spezifische Deutung der Primärtexte erfolgen wird.
2.1. Der Vater-Sohn-Konflikt:
′Ich erzittere beim bloßen Gedanken an die ungeplante und unbekannte, doch unausweichliche und unaufhaltsame Wucht, mit der Eltern in ihren Kindern Spuren hinterlassen, die sich, mit Brandspuren, nie mehr werden tilgen lassen. Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seele der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber, was mit ihnen geschieht. Wir brauchen ein Leben lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, daß wir ihn verstanden haben.′8
„Die Erkenntnis, daß der Konflikt zwischen Vater und Sohn schon ein archaischer und in jeder Generation neu entstehendes Motiv sei, bedarf nicht der Stützung durch einen ′Ödipuskomplex′[,]“9 wie es sich die psychoanalytische Literaturtheorie zu Nutze macht. Es handelt sich schlicht und einfach um einen Machtkampf zweier divergenter Generationen. Dieser Machtkampf bricht aus, „wenn die junge Generation zu Selbstständigkeit herangereift ist, die alte aber die Herrschaft noch in den Händen hält und auch noch die Fähigkeit besitzt, sie auszuüben.“10
[...]
1 Franz KAFKA: Das Urteil. In: Franz Kafka. Die Erzählungen und andere ausgewählte Prosa. 4. Auflage. Hg. v. Roger Hermes. Frankfurt am Main: Fischer 1998. S. 47-60.
2 Tagebuch, 23. September 1912. zitiert nach Reiner STACH: Die Jahre der Entscheidungen. Frankfurt am Main: Fischer 2002. S. 115.
3 Stach; R.: Kafka. S. 116.
4 Ebd.
5 Franz KAFKA: Der Verschollene/Amerika. 3. Auflage. Berlin: Aufbau Verlag 2007.
6 Stach, R.: Kafka. S. 119.
7 Ebenso könnte man die Erzählung Die Verwandlung in diesem Zusammenhang betrachten. Davon sieht die gegenwärtige Arbeit jedoch ab.
8 Pascal MERCIER: Nachtzug nach Lissabon. 26. Auflage. München: btb 2006. S. 318f.
9 Elisabeth FRENZEL: Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte. 5., überarbeitete und ergänzte Auflage. Stuttgart: Kröner Verlag 1999 (= Kröners Taschenausgabe Band 301). S. 727f.
10 Ebd., S. 728.
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