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"Sorgenkinder" werden erwachsen! Peer Counseling - Aufbauarbeit in München

Diploma Thesis, 1999, 109 Pages
Author: Dipl.-Soz.-Päd. Karin Brich
Subject: Social Pedagogy / Social Work

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 1999
Pages: 109
Grade: 2
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V117411
ISBN (E-book): 978-3-640-19665-4
ISBN (Book): 978-3-640-19678-4
File size: 505 KB

Abstract

Wer kennt es nicht, das Superlos der „Aktion Sorgenkind“, die große Lotterie im ZDF. Jeder weiß, daß er mit diesem Geld zusätzlich auch etwas Gutes tut, denn mit diesen Geldern können Projekte für behinderte Menschen gefördert werden. „Aktion Sorgenkind“ ist ein fester Begriff in unserer Gesellschaft. Doch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wird dieser aufgrund einer gewandelten Selbstwahrnehmung von Behinderten zunehmend als diskriminierend empfunden. Der Begriff „Sorge“ ist eindeutig belegt. Er sagt aus, daß jemand auf Hilfe angewiesen ist, man sich um ihn kümmern muß und Angst um ihn hat. Das nimmt Kraft und Zeit in Anspruch, und unbewußt ist es eigentlich eher lästig. Das Wort „Kind“ wird in diesem Zusammenhang für alle Behinderten, egal welchen Alters, gebraucht. Der ursprüngliche Ausdruck ist jedoch eigentlich an ein gewisses Alter oder die Familienstruktur gebunden. Er gibt aber immer eines vor: ein Kind muß versorgt, betreut und bevormundet werden. Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland distanziert sich von der Bezeichnung „Sorgenkinder“, und ihre Mitglieder kämpfen seit Jahren für Gleichberechtigung und Antidiskriminierung. Im ersten Abschnitt meiner Arbeit möchte ich den Werdegang der „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ und auch meinen eigenen Weg, sowie die Kämpfe, die notwendig waren um dem Ziel eines selbstbestimmten Lebens etwas näher zu rücken, beschreiben. Immer mehr „Selbstbestimmt-Leben-Zentren“ wurden und werden gegründet. Einer der wichtigsten Pfeiler der Arbeit, die dort geleistet wird, ist das sogenannte „Peer Counseling“. Ich werde im gleichnamigen Kapitel erläutern, was im Rahmen der Selbsthilfearbeit darunter verstanden wird, bzw. wie das Peer Counseling im Rahmen der Arbeit des VbA. durchgeführt werden soll. Vor allem möchte ich aber auch darstellen, was es für behinderte Menschen bedeutet, selbstbestimmt zu leben, bzw. was es bedeutet, es nicht zu können oder zu dürfen. Und letztendlich möchte ich noch die Zielvorstellungen und Wünsche, die wir durch unsere Arbeit für die Zukunft erreichen wollen, darlegen.


Excerpt (computer-generated)



,,Sorgenkinder" werden erwachsen!

Peer Counseling; Aufbauarbeit in München

Diplomarbeit

an der Fachhochschule München

Fachbereich 11 Sozialwesen

Am Stadtpark 20

81245 München

Karin Brich

Abgabedatum:

18.Februar 1999


Inhaltsverzeichnis

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 5

I. EINLEITUNG 6

II. KERNPROBLEM - AUSGANGSSITUATION UND ENTWICKLUNG 8

1. EIGENE ERFAHRUNGEN 8

2. VON BETREUUNG UND BEVORMUNDUNG ZUM SELBSTBESTIMMTEN LEBEN ... 13

2.1. Independent Living Bewegung in den USA 13

2.1.1. Definition und Entstehung der Independent Living Bewegung 13

2.1.2. Rechtliche Grundlagen 14

2.1.3. Der Selbsthilfegedanke 15

2.2. Historischer Aufriß über die Entwicklung der deutschen

Behindertenbewegung nach 1945 17

2.3. Münchener Vorbedingungen und Gründung des VbA e.V. 24

III. VBA ­ SELBSTBESTIMMT LEBEN E.V 27

1. STRUKTUR DES VBA E.V. 27

2. FINANZIERUNG 28

3. AUFGABEN UND KOMPETENZVERTEILUNG 31

IV. PEER COUNSELING 34

1. UNTERSCHIEDLICHE BEDEUTUNGEN VON PEER COUNSELING UND PEER

SUPPORT 34

2. PEER COUNSELING ­ METHODE 37

2.1. Verständnis der Methode nach Carl Rogers 37

2.2. Die Bedeutung der Methode 39

2.3. Technische Grundlagen der Methode 40

3. DIE STELLUNG DES PEER COUNSELORS 45

4. MÖGLICHKEITEN UND GEDANKEN ZUR QUALIFIZIERUNG ALS PEER COUNSELOR

48

5. WARUM PEER COUNSELING? 52

6. EMPOWERMENT DURCH PEER COUNSELING 58

7. EINSATZFORMEN VON PEER COUNSELING 60

2


V. TRAININGSPROGRAMM 65

1.VORBEREITUNG ZUR DURCHFÜHRUNG 65

1.1. Unsere Überlegungen 65

1.2. Ausschreibung zur Trainingsgruppe:

(Auszüge aus unserem Faltblatt) 67

1.3. Zusammenstellung der Trainingseinheiten 68

2. PROTOTYP DES TRAININGSPROGRAMMES 72

1. Treffen: Vorstellung und Einführung 73

2. Treffen: Rahmenbedingungen und Zielformulierungen 75

3. Treffen: ,,Independent Living" und ,,Selbstbestimmt Leben" 77

4. Treffen: Behinderung und Gesellschaft - Darstellung von Behinderung

in den Medien 78

5. Treffen: Welches Wissen und welche Fertigkeiten benötige ich? 81

6. Treffen: Assistenzsuche 84

7. Treffen: Assistenzauswahl 86

8. Treffen: Verhalten in der Probezeit 87

9. Treffen: Konflikte 88

10. Treffen: Ungeklärte Fragen oder ,,Heißer Stuhl" zum Thema

Sexualität 91

11. Treffen: Abschlußveranstaltung 92

3. ERSTE AUSWERTUNG DER TRAININGSGRUPPEN 93

3.1. Gruppenstruktur 93

3.2. Ablauf und Auswertung 94

VI. ABSCHLIEßENDE GEDANKEN 96

VII. LITERATURLISTE 98

IX. ANHANG 102

1. SATZUNG DES VBA SELBSTBESTIMMT LEBEN E. V. 102

3


4


Abkürzungsverzeichnis

ABM =

Arbeitsbeschaffungsmaßnahme

ADA =

The americans with disabilities act

BAGC =

Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs

Behinderter und ihrer Freunde e.V.

bifos =

Bildungs und Forschungsinstitut zum

selbstbestimmt Leben Behinderter

- bifos e.V.

BSHG =

Bundessozialhilfegesetz

CeBeeF =

Club Behinderter und ihrer Freunde e.V.

CIL =

Center for Independent Living

ENIL =

European Network on Independent Living ­

(Europäisches Netzwerk für

selbstbestimmtes Leben)

GG =

Grundgesetz

G.d.B.

Grad der Behinderung (Eintragung im

Behindertenausweis. Angabe in %)

IL =

Independent Living

IsL e.V. =

Interessenvertretung selbstbestimmt Leben

in Deutschland e.V.

PA =

Personal Assistant

PDSP =

Physically Disabled Students Program

SL =

Selbstbestimmt Leben

VbA =

Verbund behinderter ArbeitgeberInnen e.V.

wurde geändert in -- VbA selbstbestimmt

Leben e.V.

VDK =

Verbands der Kriegsbeschädigten,

Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner

Deutschlands

VIF e.V. =

Vereinigung Integrationsförderung e.V

ZSL =

Zentren für selbstbestimmt Leben

5


I. Einleitung

Wer kennt es nicht, das Superlos der ,,Aktion Sorgenkind", die große Lotterie

im ZDF. Jeder weiß, daß er mit diesem Geld zusätzlich auch etwas Gutes

tut, denn mit diesen Geldern können Projekte für behinderte Menschen

gefördert werden. ,,Aktion Sorgenkind" ist ein fester Begriff in unserer

Gesellschaft. Doch weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wird dieser

aufgrund

einer

gewandelten

Selbstwahrnehmung

von

Behinderten

zunehmend als diskriminierend empfunden.

Der Begriff ,,Sorge" ist eindeutig belegt. Er sagt aus, daß jemand auf Hilfe

angewiesen ist, man sich um ihn kümmern muß und Angst um ihn hat. Das

nimmt Kraft und Zeit in Anspruch, und unbewußt ist es eigentlich eher lästig.

Das Wort ,,Kind" wird in diesem Zusammenhang für alle Behinderten, egal

welchen Alters, gebraucht. Der ursprüngliche Ausdruck ist jedoch eigentlich

an ein gewisses Alter oder die Familienstruktur gebunden. Er gibt aber immer

eines vor: ein Kind muß versorgt, betreut und bevormundet werden.

Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung in Deutschland distanziert sich von der

Bezeichnung ,,Sorgenkinder", und ihre Mitglieder kämpfen seit Jahren für

Gleichberechtigung und Antidiskriminierung.

Im ersten Abschnitt meiner Arbeit möchte ich den Werdegang der

,,Selbstbestimmt-Leben-Bewegung" und auch meinen eigenen Weg, sowie

die Kämpfe, die notwendig waren um dem Ziel eines selbstbestimmten

Lebens etwas näher zu rücken, beschreiben.

Immer mehr ,,Selbstbestimmt-Leben-Zentren" wurden und werden gegründet.

Einer der wichtigsten Pfeiler der Arbeit, die dort geleistet wird, ist das

sogenannte ,,Peer Counseling". Ich werde im gleichnamigen Kapitel

erläutern, was im Rahmen der Selbsthilfearbeit darunter verstanden wird,

bzw. wie das Peer Counseling im Rahmen der Arbeit des VbA. durchgeführt

werden soll. Vor allem möchte ich aber auch darstellen, was es für

6


behinderte Menschen bedeutet, selbstbestimmt zu leben, bzw. was es

bedeutet, es nicht zu können oder zu dürfen. Und letztendlich möchte ich

noch die Zielvorstellungen und Wünsche, die wir durch unsere Arbeit für die

Zukunft erreichen wollen, darlegen.

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen bedanken, die mich auf meinem

Weg zu einem selbstbestimmten Leben positiv begleitet und mir auch in

schwierigen Zeiten Mut gemacht haben. Ebenso wichtig ist es mir, allen

meinen Dank zu sagen, die mir während dieser Arbeit mit Rat und Tat zur

Seite gestanden, und sie mir damit erst ermöglicht haben.

Der Einfachheit halber habe ich mich beim Schreiben dieser Arbeit bewußt

auf die jeweils maskuline Form des Subjekts beschränkt. Dies soll der

besseren Lesbarkeit dienen; ich bitte meine LeserInnen, dies nicht als

diskriminierend aufzufassen.

7


II. Kernproblem - Ausgangssituation und Entwicklung

1. Eigene Erfahrungen

Hinführend zu meinem Thema, das sicher für viele Neuland bedeutet,

möchte ich mich zum besseren Verständnis kurz vorstellen und die

Problematik

schildern,

die

mich

sowohl

bewogen

hat,

in

der

Behindertenarbeit aktiv zu werden, als auch meine Diplomarbeit über dieses

Thema zu schreiben.

Mit 22 Jahren hatte ich nach einer ganz ,,normalen" Jugend und einer

Ausbildung zur Dipl. Krankenschwester, einen schweren Autounfall.

Nach der Abschlußfeier fuhr ich stolz mit meinem Diplom auf dem

Beifahrersitz nach Hause, kam ins Schleudern, prallte an einen Baum,

überschlug mich und wußte: ,,Du bist querschnittsgelähmt!"

Diese wenigen Sekunden des Unfalls haben mein Leben grundlegend

verändert. Und der Zorn und die Wut: "warum ich?" haben mich lange Zeit

begleitet.

Das Schlimmste jedoch, gerade in der Anfangszeit und auch später noch,

war eine grauenhafte Machtlosigkeit gegenüber der, zum Teil gutgemeinten,

Bevormundung, die meist bis zur Entmündigung führte.

Viele Dinge, die mein weiteres Leben bestimmen sollten, wollten

nichtbehinderte Sozialarbeiter regeln, jedoch ohne dabei meine Wünsche zu

berücksichtigen.

Ein Sozialarbeiter in der Unfallklinik Murnau meinte:

"Ihre Familie kann und wird sich nicht um Sie kümmern, wir hätten ein
schönes Heim auf einem Hügel, da haben wir einen Platz reserviert."

8


Und auf meine Intervention hin:

"Machen Sie sich nichts vor, eine so schwer behinderte Frau mit 22
Jahren, da rentiert sich doch keine Umschulung..."

Ich war empört! Gleichzeitig machte, auf der selben Station, ein Mann

meines Alters mit fast der gleichen Behinderung den Führerschein, und sollte

im Herbst eine Umschulung antreten.

Da ich von meinen Eltern sehr selbstbewußt erzogen wurde, wehrte ich mich

- erfolgreich! Nach langen Kämpfen kam ich nach Heidelberg, wo ich endlich

,,ältere" Behinderte kennenlernte. Diese waren sehr selbstbewußt und

selbständig. Sie hatten schon viele Kämpfe gegen Ämter durchgefochten und

konnten mir Anregungen geben. Ihr Wissen und ihr Selbstbewußtsein stärkte

mich enorm. Fast hätte ich schon aufgegeben, obwohl mich meine Familie

immer unterstützt hatte. Wir hatten ja keine Ahnung, was alles möglich ist, da

uns die Situation völlig überforderte.

Dieser Lebensumbruch hatte mich sehr viel Kraft gekostet, und da war

niemand in einer ähnlichen Situation, der mich hätte führen können, der mir

Mut gemacht und mir Möglichkeiten eröffnet hätte.

Ein halbes Jahr später begann ich meine erste Umschulung zur

Industriekauffrau. Es folgten viele Auseinandersetzungen, sowohl mit dem

Personal der Klinik als auch mit anderen Behinderten, da ich nicht bereit war

mich unnötig unterzuordnen, weder als behinderter Mensch, und schon gar

nicht als Frau.

Vor bestandener Prüfung hatte ich bereits eine Stellung in München bei der

,,Vereinigung Integrationsförderung e.V." (VIF), wo ich dann von November

1981 bis August 1991 als Industriekauffrau angestellt war. Diese Anstellung

war ein Glückstreffer, denn der Verein wurde 1979 von behinderten und

nichtbehinderten Menschen gegründet, um die Belange von Behinderten zu

vertreten und ihnen eine selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen.

9


Nach vielen Kämpfen fand ich schließlich eine Wohnung und

Zivildienstleistende, die mir eine relativ selbständige Lebensführung

ermöglichten. Aber das Schlimmste stand mir noch bevor! Ewige , bis heute

andauernde, frustrierende Auseinandersetzungen mit den Ämtern um

Bewilligungen und Gelder.

Beispielsweise: keine Wohnung ohne Arbeit, halbtags verdient man nicht

genug, also braucht man ergänzende Sozialhilfe, ohne Wohnsitz gibt es

keine Sozialhilfe, und ohne finanzielle Absicherung keine Wohnung. Selbst

wenn diese Anträge dann positiv beschieden wurden, dauerten die ersten

Zahlungen über ein Jahr.

Das gleiche gilt für die Beantragung von Hilfe zur Pflege. Diese Kosten

wurden zu meiner Erleichterung von dem Träger der Zivildienststelle

vorfinanziert.

Unterstützt wurde ich damals nach vollen Kräften von Sozialarbeitern in

meiner Arbeitsstelle. Diese waren jedoch alle nicht behindert und konnten

diese existentielle Angst persönlich nicht nachvollziehen können.

Allein der Gedanke in Schulden zu ersticken, ließ mich nicht schlafen.

Zu diesem Zeitpunkt lernte ich jedoch Behinderte kennen, die mich stützten,

und mir Mut machten, nicht aufzugeben. Wenn die das geschafft haben,

sollte mir das doch auch gelingen!

Sehr bald begann ich, in die Beratungsarbeit einzusteigen. Wir berieten

Behinderte, die ihre Helfer selbst anstellen wollten (z. B. über

Abrechnungstechniken und Antragstellung), in der Verwaltung der VIF e.V..

Ich hatte gelernt, daß die Authentizität durch die eigene Betroffenheit

anderen Mut machen kann. Damals war ich eine der ersten, die ihre Helfer

direkt,

als

Arbeitgeberin,

anstellte.

Ich

versuchte,

dies

anderen

weiterzugeben, wobei ich sehr schnell bemerkte, daß dies oft nur ein Tropfen

auf dem heißen Stein war bzw. ist. Es fehlte Unterstützung in allen Bereichen

10



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