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Masterarbeit, 2008, 88 Seiten
Autor: Anne-Kathrin Buse
Fach: Deutsch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwiss.
Details
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Erziehungswissenschaften (Abteilung Grundschulpädagogik))
Tags: Analyse, Aufgabenmerkmale, Hörverstehen, Primarbereich, Masterarbeit
Jahr: 2008
Seiten: 88
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 33 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-19857-3
ISBN (Buch): 978-3-640-19866-5
Dateigröße: 813 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Bei dieser Arbeit handelt es sich um die Abschlussarbeit zum Masterstudium mit dem Studienziel "Master of Education" in den Fächern Grundschulpädagogik und Englisch. Es geht grob um die Frage, welche Hörtext- und welche Itemmerkmale von Hörverstehensaufgaben Prädiktoren der Aufgabenschwierigkeit darstellen, um die Aufgaben zukünftig gezielt gemäß unterschiedlicher Kompetenzstufen manipulieren zu können. Die vorliegende Arbeit soll damit einen Beitrag dazu leisten, die kognitiven Leistungen von Grundschülern im Bereich Hörverstehen zukünftig besser erklären zu können mit Hilfe von anschaulichen Beispielen und Aufgabenmerkmalen. In der Arbeit werden zunächst die theoretischen Grundlagen des Themas "Hörverstehen" sowie von Hörverstehenstests dargestellt. Für die Zusammenstellung möglicherweise relevanter Merkmale zur Bestimmung der Aufgabenschwierigkeit, die die Grundlage der empirischen Untersuchung bildeten, wurde auf die relevante Vorarbeit von Buck/Tatsuoka, Freedle/Kostin, Nold/Rossa, Grotjahn sowie der Lesbarkeitsforschung zurückgegriffen. Leitende Fragestellungen der empirischen Untersuchungen waren die folgenden: Ist es möglich, Aufgabenmerkmale aus der Liste der versuchsweise zusammengestellten schwierigkeitsbestimmenden Merkmale auf einen bestimmten bereits erprobten Hörverstehensaufgabensatz anzuwenden? Wenn ja, welche der Merkmale sind es, die für die Bestimmung der Aufgabenschwierigkeit relevant sein könnten? In welcher Beziehung stehen die identifizierten Merkmale mit den Schülerleistungen im betroffenen Test? Lassen sich bestimmte Merkmale herausfiltern, die einen starken Zusammenhang zu den Schülerleistungen aufweisen und damit die Varianz der Testergebnisse erklären können? Die statistischen Analysemethoden der Untersuchung stellen die Korrelationsanalyse und die Regressionsanalyse dar. Der durchgeführte Test bzw. die der Untersuchung zugrundeliegenden Daten sowie die Vorgehensweise der Untersuchung werden detailliert beschrieben sowie auch die Untersuchungsergebnisse präsentiert und interpretiert werden.
Textauszug (computergeneriert)
HUMBOLDT-UNIVERSITÄT ZU BERLIN
Institut für Erziehungswissenschaften
Abteilung Grundschulpädagogik
Schriftliche Hausarbeit vorgelegt im Rahmen des Masterstudienganges mit
Lehramtsoption im Kernfach Grundschulpädagogik
(Masterarbeit)
zum Thema:
,,Analyse schwierigkeitsgenerierender Aufgabenmerkmale
zum Hörverstehen im Primarbereich"
----------------------------------
,,Item difficulty factors in listening comprehension
in primary education"
vorgelegt von:
Anne-Kathrin Busè
Fach: Grundschulpädagogik
Studienziel: Master of Education
Berlin, den 26.09.2008
INHALTSVERZEICHNIS
0 Einleitung 1
1 Theoretischer Hintergrund 4
1.1 ,,Hörverstehen" ein theoretisches Konstrukt, was definiert werden muss 4
1.2 Abgrenzung des Hörverstehens vom Leseverstehen 7
1.3 Hörverstehen und Hörtexte im Unterricht der Grundschule 8
1.3.1 Zu den KMK-Bildungsstandards 8
1.3.2 Zu den Rahmenlehrplänen 9
1.3.3 Die Wichtigkeit der Hörverstehenskompetenz 10
1.4 Operationalisierung von Hörverstehenskompetenz Möglichkeiten, die latenten
Fähigkeiten der Schüler zu messen 11
1.4.1 Die Problematik der Validität von Hörverstehenstestaufgaben 11
1.4.2 Die Subjektivität des Hörens 12
1.4.3 Die Hörtexte und deren Authentizität 13
1.4.4 Textsorten 14
1.4.5 Häufigkeit der Präsentation des Hörtextes 16
1.4.6 Einfluss verschiedener Frage- bzw. Aufgabentypen auf die kognitiven Leistungen
der Probanden 16
1.5 Zur Vorhersage der Aufgabenschwierigkeit im Bereich Hörverstehen 17
1.5.1
Bestandteile von Hörverstehensaufgaben 17
1.5.2
Begründung für die Bestimmung der Aufgabenschwierigkeit 18
1.5.3 Verschiedene Ansätze zur Bestimmung der Aufgabenschwierigkeit 18
1.5.3.1 Textzentrierte Ansätze 19
1.5.3.2 Adressatenzentrierte Ansätze 20
1.5.4 Versuchsweise Auswahl von verschiedenen potentiell relevanten Merkmalen zur
Bestimmung von Aufgabenschwierigkeiten im Bereich des Hörverstehens im
Primarbereich für das Fach Deutsch (als Erstsprache) 21
1.5.5 Hypothesen und Fragestellungen der vorliegenden Arbeit 22
Anne-Kathrin Busè
SS 2008, Grundschulpädagogik, Modul: ,,Masterarbeit"
2 Methodische Herangehensweise der Untersuchung 27
2.1 Zur Normierungsstichprobe des IQB und den vorliegenden Daten 27
2.2 Zu den zu analysierenden Hörverstehenstestaufgaben des IQB 29
2.2.1
Beschreibung der angewendeten Testaufgaben 29
2.2.1.1 Testaufgabe ,,Der verborgene Schatz" 30
2.2.1.2 Testaufgabe ,,Zwei Märchen" 30
2.2.1.3 Testaufgabe ,,In der Wüste" 31
2.2.1.4 Testaufgabe ,,Träume" 32
2.2.1.5 Testaufgabe ,,Wunschpunsch" 32
2.2.1.6 Testaufgabe ,,Wenn Eltern streiten" 33
2.2.2
Zu den Instruktionen 33
2.2.3
Zu den (Konstrukt-)Validitätskriterien 34
2.2.3.1 Vorausgesetztes Wissen 34
2.2.3.2 Die Hörtexte: Authentizität und Textsorten 35
2.2.3.3 Visuelle Stimuli 36
2.2.3.4 Itemtypen 36
2.3 Für die vorliegende Arbeit neu generierte Daten 36
2.3.1 Zusammenstellung schwierigkeitsgenerierender Aufgabenmerkmale 36
2.3.2
Zur Operationalisierung der Schwierigkeitsmerkmale 38
2.3.3
Zur Reliabilität einiger Einschätzungen 38
2.4 Statistische Analysemethoden 39
2.4.1
Analyse von Verteilungen 39
2.4.2
Korrelationsanalysen 39
2.4.3 Regressionsanalyse 40
3 Untersuchungsergebnisse und deren Interpretation 41
3.1 Empirische Itemschwierigkeiten (aus der IQB-Studie) 41
3.2 Deskriptive Analyse von Verteilungen und Streuungen 43
3.2.1
Häufigkeitsverteilungen 43
3.2.2
Mittelwerte und Standardabweichungen 45
3.2.3 Lesbarkeitsindex und Type-Token-Ratio für die sechs Hörtexte im Vergleich 46
3.2.4 Vergleich der Mittelwerte in den Itemschwierigkeiten für die verschiedenen
Ausprägungen einer Variable 47
3.2.5 Erstes Revidieren der Liste schwierigkeitsgenerierender Aufgabenmerkmale...51
Anne-Kathrin Busè
SS 2008, Grundschulpädagogik, Modul: ,,Masterarbeit"
3.3 Korrelationsanalysen 52
3.3.1 Zusammenhänge zwischen den einzelnen unabhängigen Variablen und der
empirischen Itemschwierigkeit 52
3.3.1.1 Signifikante Korrelationen 52
3.3.1.2 Nicht signifikante Korrelationen 57
3.3.2 Korrelationen zwischen den unabhängigen Variablen 58
3.3.3 Erneutes Revidieren der Liste schwierigkeitsgenerierender
Aufgabenmerkmale 59
3.4 Multivariate Regressionsanalyse 60
4 Fazit 63
5 Literaturverzeichnis 66
6 Rechtliche Erklärung 71
7 Anhang 72
7.1 Liste möglicher schwierigkeitsgenerierender Aufgabenmerkmale zum Hörverstehen
im Primarbereich
7.2 Liste möglicher schwierigkeitsgenerierender Aufgabenmerkmale zum Hörverstehen
im Primarbereich nach erster Revidierung
7.3 Korrelationswerte unabhängiger Variablen untereinander
7.4 Liste relevanter schwierigkeitsgenerierender Aufgabenmerkmale zum Hörverstehen
im Primarbereich nach erneuter Revidierung
7.5 Ergebnisse der Aufgabeneinschätzungen bezüglich der sich als relevant erwiesenen
Schwierigkeitsmerkmale
Anne-Kathrin Busè
SS 2008, Grundschulpädagogik, Modul: ,,Masterarbeit"
1
0 Einleitung
Nach internationalen Schulleistungsstudien wie TIMSS1 und PISA2 zur Messung von
Erfolg und Leistungsfähigkeit des Bildungswesens prägen Schlagworte wie
,,Standards", ,,Kompetenzen", ,,Bildungsmonitoring" etc. die bildungspolitische
Diskussion und beeinflussen erheblich das allgemeine Bildungswesen. Das
Lernzielerreichen der Schüler3 als Kriterium für die Qualität des Bildungswesens
wurde mehr und mehr in den Blickmittelpunkt gerückt. In den Jahren 2003 und 2004
verabschiedete die Kultusministerkonferenz4 länderübergreifende Bildungsstandards
(zunächst für die Fächer Deutsch, Mathe und die erste Fremdsprache), zu deren
Einhaltung sich die einzelnen Bundesländer verpflichteten. Durch die Einführung der
Standards erhoffte man sich eine deutliche Leistungssteigerung in den Schulen.
Bildungsstandards stellen verbindliche Anforderungen an schulisches Lehren und
Lernen dar. Sie konzentrieren sich auf fachspezifische kognitive und überprüfbare
Leistungsbereiche und sollen verbindlich festlegen, welche Kompetenzen die Schüler
in verschiedenen Kompetenzbereichen bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe in
dem jeweiligen Fach in der Regel mindestens erworben haben sollten. Ihre
Einführung mit Beginn des Schuljahres 2004/2005 ist mit einer Reihe von
Konsequenzen verbunden: Durch die Bildungsstandards entwickelte sich eine Lehr-
und Lernkultur, die auf Überprüfbarkeit und bundesweiter Vergleichbarkeit von
Kompetenzniveaus angelegt ist. Regelmäßiges Bildungsmonitoring spielt dabei eine
wichtige Rolle. Bildungsprozesse werden ständig beobachtet, bewertet und
weiterentwickelt. Wichtige Elemente des Bildungsmonitorings sind Überprüfung von
Schulleistungen in internationalen Vergleichsstudien, zentrale Überprüfung des
Erreichens der KMK-Bildungsstandards in einem nationalen Ländervergleich,
Vergleichsarbeiten sowie Bildungsberichterstattung zur Beschreibung und
Bewertung des Bildungssystems. Mit der Verabschiedung der KMK-
Bildungsstandards wurde ein Prozess eingeleitet, der von seinem Beginn an auf
Weiterentwicklung dieser Standards zielte. Eigentlich sollen die Bildungsstandards
Kompetenzen für jedes Fach und jeweils unterschiedliche Kompetenzniveaus
1 Kurzform von
Trends in Mathematics and Science Study
2 Kurzform von
Programme for International Student Assessment
3 Wenn im Text die weibliche Form nicht der männlichen Form beigestellt ist, so ist der Grund dafür
allein die bessere Lesbarkeit. Wo sinnvoll, ist selbstverständlich immer auch die weibliche Form
gemeint.
4 Im folgenden Text nur noch vereinfacht ,,KMK" genannt.
Anne-Kathrin Busè
SS 2008, Grundschulpädagogik, Modul: ,,Masterarbeit"
2
beschreiben5 basierend auf Kompetenzmodellen die mittels lehrplanunabhängiger
und empirisch validierter Testverfahren überprüfbar sind. Die Kompetenzmodelle
sind jedoch noch nicht vollständig, d.h. sie weisen größtenteils noch keine
Kompetenzstufen aus. Stattdessen werden in den meisten Bildungsstandards
Anforderungsbereiche formuliert. Um Bildungsstandards in Form eines
,,realistischen" mittleren Anforderungsniveaus6 definieren zu können, braucht man
empirische Erfahrungswerte. Bisher fehlen jedoch noch genügend entsprechende
empirische Befunde. Für die Festlegung von Kompetenzstufen ist es notwendig,
Aufgabensammlungen zu erstellen, die Aufgaben zu testen und hinsichtlich ihrer
Schwierigkeitsmerkmale zu analysieren und zu normieren sowie die
Schülerkompetenzen einzuschätzen, damit man eine fundierte Vorstellung darüber
gewinnen kann, was auf den einzelnen Kompetenzstufen erwartet werden kann. Erst
nach Präzisierung der Kompetenzniveaustufen können ,,realistische"
Mindeststandards festgelegt werden7.
Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen8 ist eine wissenschaftliche
Einrichtung der Länder der Bundesrepublik Deutschland. Es unterstützt diese in
ihren Bemühungen, die Qualität der schulischen Bildung zu verbessern und zu
sichern. Sein Ziel ist es unter anderem, die von der Kultusministerkonferenz
verabschiedeten länderübergreifenden Bildungsstandards theoretisch zu präzisieren
und weiterzuentwickeln sowie die Standards in Aufgaben umzusetzen, mit denen
man das Erreichens der in den Bildungsstandards formulierten
Kompetenzerwartungen in Tests und im Unterricht feststellen kann. Zu den
Aufgaben des IQB gehören unter anderem die Generierung von großen
Aufgabensammlungen zur Operationalisierung der Bildungsstandards, Formulierung
von Kompetenzstufenmodellen und von Vergleichsaufgaben, um das Erreichen
bestimmter Kompetenzen durch die Schüler zu erfassen, sowie die Erarbeitung
computergestützter Test-, Auswertungs- und Rückmeldesysteme. Bis 2010 werden
vom IQB in Zusammenarbeit mit den Ländern Aufgabenpools für die Fächer
Deutsch und Mathematik und für die erste Fremdsprache (Englisch und Französisch)
entwickelt und normiert. Dann sollen in mehrjährigem Rhythmus jeweils ein Jahr vor
5 Vgl. Klieme-Expertise 2003
6 Bisher gelten die Bildungsstandards noch als sog. ,,Regelstandards"
7 Vgl. Glossar des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung München 2006
8 Im folgenden Text nur noch vereinfacht ,,IQB" genannt
Anne-Kathrin Busè
SS 2008, Grundschulpädagogik, Modul: ,,Masterarbeit"
3
Abschluss des entsprechenden Bildungsganges repräsentative Erhebungen im
Ländervergleich stattfinden9.
Übergeordnetes Ziel des Deutschunterrichts der Grundschule bis zum Ende von
Jahrgangsstufe 4 ist gemäß den KMK-Bildungsstandards die Erweiterung der bereits
in der Vorschule erworbenen Sprachhandlungskompetenz. Ein wichtiger
Grundbestandteil dieser Sprachhandlungskompetenz ist unter anderem die
Hörverstehenskompetenz, eine komplexe und aktive Leistung des psychischen
Systems10. Von den KMK-Bildungsstandards wird das Konstrukt Hörverstehen
bisher nicht genauer definiert. Zum Anliegen des IQB gehört es jedoch, auch für
dieses Konstrukt Testaufgaben zu entwickeln, um die Kompetenzen der Schüler
zukünftig entsprechend testen und vergleichen zu können. Nach der Erarbeitung
einer Definition des Konstrukts Hörverstehen in Zusammenarbeit mit
Fachdidaktikern und Experten wurde dieses Konstrukt vom IQB seit 2005
entsprechend in Testaufgaben für die 3. und 4. Jahrgangsstufe umgesetzt, die
zunächst pilotiert und dann normiert wurden, um hieraus verlässliche Schätzungen
der Itemparameter zu erzielen. Unabhängig von der Normierung der Items soll die
Aufgabenentwicklung in Zukunft theoriegeleiteter erfolgen. Hier setzt die
vorliegende Arbeit an. Es geht um die Frage, welche Text- und Itemmerkmale
Prädiktoren der Itemschwierigkeit darstellen, um diese zukünftig gezielt gemäß
unterschiedlicher Kompetenzstufen manipulieren zu können. Die vorliegende Arbeit
soll damit einen Beitrag dazu leisten, die kognitiven Leistungen der Schüler im
Bereich Hörverstehen zukünftig besser erklären zu können mit Hilfe von
anschaulichen Beispielen und Aufgabenmerkmalen.
9 Vgl. IQB Tätigkeitsbericht 2005/06 und Glossar des Staatsinstituts für Schulqualität und
Bildungsforschung München 2006
10 Vgl. Imhof 2003
Anne-Kathrin Busè
SS 2008, Grundschulpädagogik, Modul: ,,Masterarbeit"
4
1 Theoretischer Hintergrund
1.1 ,,Hörverstehen" ein theoretisches Konstrukt, was definiert werden muss
Das Hörverstehen gehört zu den rezeptiven Sprachfertigkeiten. Es ist nicht
gleichzusetzen mit ,,Hören", da es über die akustische bzw. auditive Wahrnehmung
hinaus auch Verstehen, Interpretieren und Reflektieren sprachlicher Äußerungen
beinhaltet11. Das Hörverstehen ist ein komplexer Prozess, bei dem der Hörer eine
aktive Rolle spielt, da er die Bedeutung von geäußerten Texten selbst erschließen
muss. Er muss das Gehörte mit seinen eigenen Wissensbeständen hinsichtlich
Sprache, Sprachpragmatik, Kultur, gesellschaftlichem Zusammenleben und über
Texte sowie die Welt im Ganzen verknüpfen, um es zu verstehen12. Somit entsteht
eine Interaktion zwischen dem gehörten Text und dem Hörer sowie auch eine
Interaktion zwischen den beim Hörer ausgelösten Textverarbeitungsprozessen auf
verschiedenen kognitiven Ebenen13. Der sprachliche Input des Textes aktiviert beim
Hörer Vorwissen ein kognitiver Prozess, der in der Literatur oftmals auch als
,,bottom up" bezeichnet wird , dieses Wissen wiederum führt dazu, dass vom Hörer
die Daten des Textes eingeordnet und verknüpft werden ein kognitiver Prozess, der
in der Literatur oftmals auch als ,,top down" bezeichnet wird. Die beiden kognitiven
Prozesse des Hörverstehens, bottom up und top down, verlaufen gleichzeitig und
stehen in Wechselwirkung zueinander14. Zum bottom up-Prozess gehören die
akustische Wahrnehmung, die Worterkennung, die Analyse der Syntax sowie die
Rekonstruktion des Inhalts der sprachlichen Äußerung. Zum top down-Prozess
gehören das Erkennen der Textsorte und der Sprecherabsicht, das Ergänzen der
Textinformation durch aktiviertes Vorwissen, das Schlussfolgern sowie
Sinnzusammenhänge herstellen und letztlich die Textbewertung15. Aufgrund der
dargelegten Relevanz des Hörervorwissens ergibt sich der stark subjektive Charakter
des Hörverstehens. Unterschiedliche Hörer verstehen darum denselben Text
möglicherweise anders. Genauso kann derselbe Hörer denselben Text zu einem
anderen Zeitpunkt anders verstehen als beim vorherigen Hören. Außerdem hängt
11
Vgl. Nold/Rossa ,,Hörverstehen" 2007
12
Vgl. Nold/Rossa ,,Hörverstehen" 2007 und Buck/Tatsuoka 1998
13
Vgl. Paschke 2001
14
Vgl. Paschke 2001 und Grotjahn 2005
15
Vgl. Paschke 2001
Anne-Kathrin Busè
SS 2008, Grundschulpädagogik, Modul: ,,Masterarbeit"
5
Hörverstehen auch immer vom Hörziel ab, d.h. davon, ob der Text in seinem
umfassenden Zusammenhang verstanden werden soll oder ob detaillierte
Textinformationen von Belang sind16.
Ein weiterer wichtiger Punkt des Hörverstehens ist die Voraussetzung, dass das
Gehirn Informationen im Arbeitsgedächtnis abspeichern kann, was dem Hörer
ermöglicht, während des Hörens eines Textes bereits gehörte Textteile mit
nachfolgenden Textteilen zu verknüpfen, was aber gleichzeitig auch mit Problemen
verbunden ist gerade bei längeren Texten. Während des Hörens entwickelt der
Hörer aus den bereits verarbeiteten Textteilen mentale (und subjektive) Abbilder, mit
denen das neu Gehörte immer wieder in Zusammenhang gebracht und gleichzeitig
weiterverarbeitet wird. Hier ist allerdings darauf hinzuweisen, dass der Text genau so
abgespeichert wird, wie man ihn verstanden hat, der genaue Wortlaut geht dabei in
der Regel ,,verloren". Hörverstehensprobleme entstehen oftmals dann, wenn das
Arbeitsgedächtnis überlastet ist, der Hörer schlichtweg vergisst, was er vorher gehört
hat17.
Wie hoch die Anforderungen an das Hörverstehen eines Rezipienten sind, hängt auch
von der Art der zusätzlichen visuellen Stimulation ab. Wenn die visuelle Stimulation
den Hörtext in seiner Bedeutung unterstützt, hilft dies, das Hörverstehen zu
verbessern. Ist dies nicht der Fall, kann eine visuelle Stimulation zur Überlastung des
Arbeitsgedächtnisses führen. Reine Hörtexte findet man im Alltag in der Regel nur in
Radiosendungen, am Telefon, bei Durchsagen oder Nachrichten auf dem
Anrufbeantworter, ansonsten überwiegen die Hör-Seh-Situationen. Letzteres hat den
Vorteil, dass der Rezipient neben dem auditiven Kanal auch die große
Speicherkapazität des optischen Kanals nutzen kann, um den dargebotenen Text zu
verarbeiten und abzuspeichern. Zu den visuellen Stimulationen in Hör-Seh-
Situationen des Alltags gehören beispielsweise Orte, Tageszeiten, Personen,
(Schau)Bilder, Gegenstände, Mimik und Gestik von Sprechern sowie beobachtbare
Handlungen. All diese Stimulationen können zusätzliche Hinweise geben auf
Textsorte, Inhalte, Stimmungen der Sprechenden usw. Fehlen all diese visuellen
Hilfen, kann das das Hörverstehen erschweren. In aufbereiteten Hörtexten oder
16
Vgl. Paschke 2001, Grotjahn 2005 und Solmecke 1991
17
ebenda
Anne-Kathrin Busè
SS 2008, Grundschulpädagogik, Modul: ,,Masterarbeit"
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