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Subtitle: Makro-, Meso- und Mikro-Perspektiven als einzige Erklärungsansätze?
Presentation (Elaboration), 2008, 9 Pages
Author: Florian Sander
Subject: Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
Details
Institution/College: Bielefeld University (Fakultät für Soziologie)
Tags: Politische, Gewalt, Terrorismus, Donatella, Porta, Terroristische, Gruppen, Jahre, Vergleich
Year: 2008
Pages: 9
Grade: 2.0
Bibliography: ~ 3 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19766-8
File size: 127 KB
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Abstract
Donatella della Porta untersucht in ihrem Aufsatz „Politische Gewalt und Terrorismus: Eine vergleichende und soziologische Perspektive“ (vgl. della Porta 2006) die Ursachen insbesondere linksgerichteter politischer Gewalt und des Terrorismus von RAF und Roten Brigaden mehrdimensional aus den Forschungsperspektiven von Makro-, Meso- und Mikro-Ebene. In dieser Ausarbeitung erkläre ich zunächst ihr Vorgehen, um schließlich zu diskutieren, ob dies ausreicht, oder es nicht angebracht wäre, auch den politisch-philosophischen Wurzeln und Einflüssen der Außerparlamentarischen Opposition, welche insbesondere in der Kritischen Theorie liegen, nochmals größere Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, da diese in nicht geringem Maße verdeutlichen, wie politischer Fundamentalismus auf dem Papier geboren wird. Ich belege dies durch Textstellen aus Theodor Adornos „Minima Moralia“ (vgl. Adorno 1976).
Fulltext (computer-generated)
Universität Bielefeld
Fakultät für Soziologie
Modul: Geschichte des Politischen (Grundform)
Veranstaltung: Terroristische Gruppen der 1970er / 1980er Jahre
im internationalen und historischen Vergleich
Sommersemester 2008
Autor: Florian Sander
Studiengang: BA Politikwissenschaft
Referatsausarbeitung
Politische Gewalt und Terrorismus nach Donatella della
Porta
Makro-, Meso- und Mikro-Perspektiven als einzige Erklärungsansätze?
Abstract
Donatella della Porta untersucht in ihrem Aufsatz ,,Politische Gewalt und Terrorismus: Eine
vergleichende und soziologische Perspektive" (vgl. della Porta 2006) die Ursachen
insbesondere linksgerichteter politischer Gewalt und des Terrorismus von RAF und Roten
Brigaden mehrdimensional aus den Forschungsperspektiven von Makro-, Meso- und Mikro-
Ebene. In dieser Ausarbeitung erkläre ich zunächst ihr Vorgehen, um schließlich zu
diskutieren, ob dies ausreicht, oder es nicht angebracht wäre, auch den politisch-
philosophischen Wurzeln und Einflüssen der Außerparlamentarischen Opposition, welche
insbesondere in der Kritischen Theorie liegen, nochmals größere Aufmerksamkeit zukommen
zu lassen, da diese in nicht geringem Maße verdeutlichen, wie politischer Fundamentalismus
auf dem Papier geboren wird. Ich belege dies durch Textstellen aus Theodor Adornos
,,Minima Moralia" (vgl. Adorno 1976).
1. Erklärungsansätze nach Donatella della Porta
Della Porta kritisiert zunächst, dass sich herkömmliche Erklärungsansätze zur politischen
Gewalt beständig selbst beschränken, indem sie nur eine der drei analytischen Ebenen von
Makro-, Meso- und Mikro-Bedingungen heranziehen (vgl. della Porta 2006: 36 ff.). So fragen
Makro-Analysten üblicherweise nur nach gesellschaftlichen Bedingungen und Einflüssen,
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Meso-Analysten suchen nach Eigenheiten politischer Organisationen, die sie zur Gewalt
führen und Mikro-Analysten interessieren sich für individuelle psychologische Faktoren, die
die Nutzung des Mittels politischer Gewalt begünstigen (vgl. ebd.: 38). Zwar sei keine dieser
analytischen Blickwinkel falsch, jedoch führe die ausschließliche Beschränkung auf einen
dieser Blickwinkel zur defizitären Ergebnissen. Della Porta schlägt daher ,,ein Modell vor, in
dem systemische, organisatorische und individuelle Perspektiven (...) in Betracht gezogen
werden" (ebd.: 38), da aus ihrer Sicht Interdependenzen zwischen allen drei Ebenen bestehen:
,,Unterschiedliche analytische Ebenen können somit verschiedene Phasen der Entwicklung
radikaler Gruppen ,dominieren′" (ebd.: 38). Im Folgenden wird näher auf della Portas
Anwendung der einzelnen drei Ebenen auf die Problematik eingegangen werden.
1.1 Makro-Ebene
Als eine relevante Makro-Bedingung macht della Porta die Entwicklungen in
postfaschistischen Gesellschaften wie Deutschland, Italien und Japan aus, in denen die
Konfrontation der alten, teilweise wieder eingesetzten politischen Eliten mit den jungen
Oppositionellen ein Misstrauensverhältnis geschaffen hatte, bei dem beide Seiten ,,jeweils
fürchteten, die anderen würden die (...) Prinzipien der Demokratie verraten" (ebd.: 39). Dieses
Misstrauen wurde von den Oppositionellen in ,,störender", auffallender Form artikuliert:
,,Diese Aktionsformen trafen auf eine Überreaktion des Staates (und der öffentlichen
Meinung)" (ebd.: 39). Nicht zu vergessen sind hier auch die Reaktionen von Teilen der
Massenmedien, ohne die eine Überreaktion der öffentlichen Meinung innerhalb einer
funktional differenzierten Gesellschaft kaum stattfinden würde oder könnte. Sowohl die
Aktionen der einen als auch die Reaktionen der anderen Seiten wurden wiederum in Teilen
als eine Rückkehr antidemokratischen Denkens und Handelns interpretiert, was abermals ein
,,Hochschaukeln" und eine Emotionalisierung des Konfliktes zur Folge hatte. Die Spitze war
schließlich mit den prominent gewordenen Fällen des von der Polizei getöteten Benno
Ohnesorg und dem Anschlag auf Rudi Dutschke erreicht. Hier ,,schaffte staatliche
,Repression′ Märtyrer und Mythen. (...) Diese Art von Polizeiaktionen delegitimisierten den
Staat in den Augen der Aktivisten" (ebd.: 41; Hervorhebungen vom Autor entfernt).
Politische Mittel hätten innerhalb eines illegitimen ,,Unrechtsstaates" gewissermaßen ein
Anpassen, ein Einfügen in den Staat bedeutet, so dass für Aktivisten, die tatsächlich von einer
totalen Delegitimierung ausgingen, in der Konsequenz die Bekämpfung des Staates und damit
politische Gewalt die einzige Option bedeutete. Die Forderungen nach ,,Hardliner-Taktiken"
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(vgl. ebd.: 42) seitens Konservativer und ihre stellenweisen Umsetzungen wie Berufsverbot
und das Verbot der KPD (vgl. ebd.: 43) hatten weiteren Anteil daran, Ängste vor staatlicher
Repression und die Überzeugung von der Notwendigkeit der Bekämpfung eben dieser zu
schüren.
Im Gegenzug trugen nicht zuletzt die revolutionäre Rhetorik der Bewegungen im Kontext des
Kalten Krieges und die radikalen Pläne der Aktivisten zur politischen Veränderung dazu bei,
dass sich ,,die Regierungseliten der jungen Demokratien in Italien und Deutschland besonders
gefährdet" (ebd.: 43) fühlten. Die Angst vor Extremismus und seinen Folgen war groß, und
dementsprechend energisch war auch die Reaktion, welche dadurch oftmals als Repression
rezepiert wurde.
1.2 Meso-Ebene
Donatella della Porta entdeckt im Handeln und Vorgehen der verschiedenen Organisationen
und Gruppen der Bewegungen eine Art ,,Marktlogik", die aus dem Mobilisierungsrückgang
Ende der 60er Jahre resultierte und die della Porta zu der Betitelung ,,Unternehmer der
Gewalt" veranlasst. So legten Organisationen ihre Priorität darauf, keine Mitglieder mehr zu
verlieren, anstatt neue zu rekrutieren (vgl. ebd.: 46). Damit verschärfte sich auch der
Wettbewerb der Organisationen untereinander, die ihre Ideologien und Inhalte wie Waren
,,verkaufen" und somit ihr Profil schärfen mussten. ,,Identität" und ,,Profil" erhalten
Organisationen (wie auch Personen) in erster Linie durch Abgrenzung von anderen,
weswegen die besonderen Themen, Inhalte und Ideologien verschärft dargestellt werden
mussten. Dies ,,hinterließ auch einen Überschuss an Organisationen, von denen sich einige
bemühten zu überleben, indem sie ihre Struktur und ihre Ideologie radikalisierten" (ebd.: 47).
Eine weitere Komponente stellt die Militanz der Mitglieder dar, von denen gerade die ,,zweite
Generation" oftmals schon mit Gewalt sozialisiert worden war, ,,als soziale und politische
Konflikte bereits eskaliert waren" (ebd.: 47). Diese Dimension verstärkte das durch die oben
beschriebene Radikalisierung ohnehin schon vorhandene Gewaltpotenzial bestimmter
Organisationen.
Weitere Radikalisierung folgte aus der zunehmenden Isolation der gewaltbereiten Gruppen
oder Organisationsflügel, welche sich in den meisten Fällen von den ,,legalen" Flügeln
abspalteten: ,,In diesem Prozes machten diese Gruppen eine besondere Art der
Bürokratisierung durch (...), durch die sie zunehmend abgekapselt wurden" (ebd.: 48). Der
unausweichliche Gang in den Untergrund hatte dann die endgültige Isolation zur Folge, nicht
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nur auf Grund der Aussichtslosigkeit des Kampfes gegen den Staat, sondern auch, weil die
Kontakte zur Bewegung somit immer weiter abbrachen und sich auflösten (vgl. ebd.: 48 f.).
Gewaltbereitschaft geht nicht selten mit einer geringen Offenheit für Argumentation und
Dissens einher, und dies war Ursache und Wirkung der Isolation zugleich: ,,Je isolierter aber
eine Gruppe wird, umso abstrakter, ritualisierter und unzugänglicher gegenüber tatsächlichen
Argumenten wird ihre Ideologie" (ebd.: 50).
1.3 Mikro-Ebene
Ein klassischer Erklärungsansatz für politische Gewalt aus der Mikro-Perspektive ist die des
Suchens nach und Erkennens von psychologischen Eigenschaften bei Individuen, die deren
politisches Gewaltpotenzial scheinbar deutlich erhöht haben. Von diesen Ansätzen distanziert
sich della Porta (vgl. ebd.: 50). In Bezug auf mikrosoziologische Rational-Choice-Ansätze
äußert sie sich zumindest zurückhaltend (vgl. ebd.: 51).
Als relevant wird dahingegen die Milieuherkunft eingestuft: So ,,vergrößerte sich die
Wahrscheinlichkeit, für eine Bewegung rekrutiert zu werden, durch Partizipation an einem
persönlichen Netzwerk, das tatsächlich mit Aktivisten der Bewegung verbunden war" (ebd.:
51). Diese Netzwerke und Milieus konnten vielfältiger Natur sein seien es ein bestimmtes
Wohngebiet, eine Schule oder Universität oder Begegnungen auf Veranstaltungen.
Persönliche Bindungen wurden zu Fundamenten für politische Bindungen: ,,In den
kameradschaftlichen Netzwerken verstärkte Freundschaft die Bedeutung des politischen
Engagements und politisches Engegament Freundschaftsbande" (ebd.: 51). In negativer
Hinsicht führten diese politisch-persönlichen Bindungen mit daraus resultierender,
zunehmender sozialer Isolation dann auch zur Auflösung von ,,alten", familiären Bindungen
oder früheren, unpolitischen Freundschaften, was für die Betroffenen die Relevanz der neuen
Bindungen erhöhte und sie weiter in die Isolation trieb.
Die Radikalisierungseffekte auf der Meso-Ebene (siehe Abschnitt 1.2) hatten unmittelbare
Auswirkungen auf die Mikro-Ebene, da sie bei den Aktivisten zugleich die ,,Wir-gegen-sie-
Mentalität" (ebd.: 52) erheblich verstärkten. Somit war die politische Radikalisierung nicht
bloß ein Abschied vom politischen Mainstream, sondern auch von der Integration in das
soziale Leben an sich. An die Stelle des sozialen Lebens trat die Gruppe, deren Bedeutung
daher für die in ihr handelnden Individuen nun immens war und die sie zunehmend von der
Realität abschnitt, da sie auch nicht selten die einzige, übrig gebliebene Informationsquelle
darstellte (vgl. ebd.: 52; 54). Diese grundsätzliche Erkenntnis ist übrigens keineswegs neu:
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Die Anthropologin Mary Douglas bezeichnet dies in ihrer soziologischen Cultural Theory als
,,group"-Grad (vgl. Douglas / Wildavsky 1982: 138), der bei sozialen Bewegungen generell
als sehr hoch einzustufen ist, da hier in den allermeisten Fällen eine starke Gruppenintegration
vorherrscht, die sich freilich mit dem Gang in den Untergrund noch um ein Vielfaches
verstärkt. Ein Übriges tat die damit auch verbundene Emotionalisierung mit entstehendem
Hass gegenüber dem politischen ,,Feind", die aus der Rezeption des Staates als repressiv,
unterdrückerisch oder gar ,,faschistisch" resultierte, den man als heroischer Freiheitskämpfer
beseitigen musste (vgl. della Porta 2006: 53).
2. Beurteilung des Ansatzes und resultierende Fragestellung
Das Zusammenspiel aller drei Ebenen also ist es, welches della Porta als ursächlich für
politische Gewalt ansieht. Hierbei ist es natürlich möglich, dass eine der Ebenen sich
vorherrschend auswirkt (vgl. ebd.: 54). Grundsätzlich aber sind der Autorin zu Folge die
gesellschaftlichen Bedingungen der Makroebene nicht zu trennen von ,,organisatorischen
Charakteristika der Mesoebene und (...) Kleingruppendynamiken der Mikroebene" (ebd.: 56).
Diese These soll in dieser Ausarbeitung nicht angezweifelt werden. In der Tat ist die von della
Porta vorgenommene und in Abschnitt 1 beschriebene Verbindung der drei Analyseebenen
ein übrigens nicht nur im Bereich der Terrorismusforschung längst überfälliger Vorgang,
der sehr begrüßenswert ist und endlich die Komplexität der Zusammenhänge anerkennt,
anstatt weiterhin einseitig ideologisierte Ursachenforschung zu betreiben.
Trotz dieser Leistung ist bei einer nicht unwichtigen Prämisse der Autorin deutliche Kritik
angebracht, die ich im Folgenden genauer darlegen werde. So stellt della Porta die
Behauptung auf, ,,dass sich politische Gewalt nicht direkt vom Vorhandensein von
Ideologien, die Gewalt rechtfertigen, ableiten lässt. Wie wir gesehen haben, werden soziale
Bewegungen eher radikal, wenn bestimmte Ressourcen oder Bedingungen in ihrer Umwelt
vorhanden sind. Diese Vorbedingungen in der Umwelt umfassen Forderungen nach radikalen
Veränderungen und die Existenz von politischen Subkulturen, die mit Gewalt sympathisieren"
(ebd.: 46; Hervorhebungen vom Autor entfernt). An dieser Stelle tun sich gleich mehrere
inhaltliche Defizite auf. Zum einen argumentiert die Autorin schlicht tautologisch, wenn sie
die Erkenntnis verbreitet, dass Forderungen nach radikalen Veränderungen soziale
Bewegungen man lese und staune radikal werden lassen. Zum anderen ist es doch gerade
das Merkmal von Ideologien, die Gewalt rechtfertigen, dass sie dies tun, um radikale
Veränderungen durchsetzen zu können im Gegenzug sind radikale Veränderungen (wie
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beispielsweise ein Systemwechsel, Abschaffung des Parlamentarismus etc.) aus der Sicht
ihrer Anhänger oftmals eben nur mit Gewalt durchzusetzen. Hier wird also versucht, zwei
Elemente zu trennen, die eigentlich zusammen gehören. Das Vorhandensein radikaler und
gewaltlegitimierender Ideologien mag keine unmittelbare, alleinstehende Ursache für
politische Gewalt darstellen, ebenso unzweifelhaft aber sollte sein, dass sie eine absolut
notwendige Bedingung darstellt: Auf was sollten Organisationen und Aktivisten mit
politischer Gewalt abzielen, wenn kein radikales politisches Ziel dahinter steht?
Einen weiteren, beispielhaften Einblick in die radikalen und damit für gewaltlegitimierende
Strategien förderlichen Wurzeln der linken Bewegungen ermöglicht die Lektüre eines ihrer
Vordenker, des Mitbegründers der Kritischen Theorie / Frankfurter Schule, Theodor Adorno,
und eines Ausschnittes seines Werkes ,,Minima Moralia".
Das Credo der Kritischen Theorie heißt Kompromisslosigkeit und beinah asketische soziale
Isolation, wie Adorno es hier mehrfach eindrucksvoll belegt. Er geht sogar so weit, eine
ausdrückliche Unterscheidung in ,,gute" und ,,böse" Menschen einzuführen so sei der ,,gute"
Mensch quasi dauerhaft sozial isoliert, da er der vom Bösen dominierten Welt konsequent
ablehnend gegenüber treten muss: ,,Wer nicht böse ist, lebt nicht abgeklärt, sondern in einer
besonderen, schamhaften Weise verhärtet und unduldsam. Aus Mangel an geeigneten
Objekten weiß er seiner Liebe kaum anders Ausdruck zu verleihen als im Haß gegen die
ungeeigneten" (Adorno 1976: 20). Wer ,,gut" ist, hat also gar keine andere Wahl, als dem
Hass auf die ,,etablierte", bürgerliche Welt zu verfallen und sich dadurch selbst von ihr zu
isolieren. Der ,,böse" Mensch hingegen sei eher ein Wolf im Schafspelz: ,,Der Bürger aber ist
tolerant. Seine Liebe zu den Leuten, wie sie sind, entspringt dem Haß gegen den richtigen
Menschen" (ebd.: 20). Derjenige also, der mit der Gesellschaft, wie sie ist, sympathisiert, ist
dem ,,Bösen" zuzurechnen, welches darüber hinaus auch noch die wahre Identität des
Menschen ablehne, gar hasse.
Was der Leser hier lernt, ist eine Grundprämisse jeder radikalen Ideologie: Die Trennung von
,,gut" und ,,böse", von schwarz und weiß. Fast beiläufig wird diese Prämisse zudem mit einer
klaren gesellschaftlichen Verortung ausgestattet, die Aufschluss darüber gibt, wo denn das
,,Böse" vorzufinden sei, nämlich im ,,bürgerlichen". Der Hass des ,,Guten" auf das ,,Böse",
von dem aus es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Gewalt ist, wird legitimiert durch die
Isolation des ,,Guten" in dieser schlechten, bürgerlichen Welt. Wie gut sich dieses ,,Gut-
gegen-böse"-Denken, das della Porta selber auch als ,,Wir-gegen-sie-Mentalität" (s.o.)
beschreibt, in den Gang in den Untergrund durch linke Aktivisten einfügt, braucht nicht
weiter erklärt zu werden.
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Zugleich wird ohne nähere Definition noch ein Grundstein für die elitäre Selbstsicht der
Untergrundaktivisten als ,,Freiheitskämpfer gegen den Imperialismus" gelegt, wenn Adorno
vom ,,richtigen Menschen" (s.o.) schreibt. Der Gedanke von der Existenz eines solchen
impliziert auch die Existenz des unrichtigen, gar falschen Menschen, der in der Konsequenz
wie die Spreu vom Weizen der richtigen Menschen getrennt werden muss. Dieses Ziel
schließt freilich jede Form der Kompromissbereitschaft aus: ,,Das Zufallsgespräch mit dem
Mann in der Eisenbahn, dem man, damit es nicht zu einem Streit kommt, auf ein paar Sätze
zustimmt, von denen man weiß, daß sie schließlich auf den Mord hinauslaufen müssen, ist
schon ein Stück Verrat (...). Umgänglichkeit selber ist Teilhabe am Unrecht, indem sie die
erkaltete Welt als eine vorspiegelt, in der man noch miteinander reden kann" (ebd.: 21). Es
wird deutlich: Wer dieser Prämisse folgt, macht keine politischen Kompromisse mit den
,,Etablierten" des ,,Systems". Wer ihr folgt, lässt sich nicht auf Verhandlungen oder
politischen Dialog mit den ,,Bürgerlichen" ein. Wer dies täte, würde nach den Worten des
Vordenkers der Kritischen Theorie Verrat begehen, wer Kommunikationsbereitschaft zeigt,
nimmt bereits am Unrecht teil. Der Gang in den Untergrund ist auch hier wiederum nur
logische Konsequenz.
Nun ist bekannt, dass Theodor Adorno sich selbst von der Studentenrevolte distanziert hat. An
den oben genannten Beispielen jedoch wird klar, dass ihm womöglich bewusst geworden ist,
dass das konsequente Befolgen dessen, was er u.a. in ,,Minima Moralia" dargelegt hat,
zumindest teilweise in politischem Fundamentalismus und damit in politischer Gewalt enden
würde. Wer dem Grundsatz folgt, dass man sich, um sich der moralischen Vollkommenheit
anzunähern, in sozialer Isolation zu der Gesellschaft, wie sie sich zum betreffenden Zeitpunkt
darbietet, begeben muss, und dass man zur Erreichung politischer Ziele weder das Mittel der
Verhandlung, noch des Kompromisses, noch des politischen Dialogs in Anspruch nehmen
kann, ohne dadurch Verrat zu begehen und Unrecht geschehen zu lassen, dem wird freilich
kaum ein anderes Mittel zur Erreichung der Ziele einfallen als politische Gewalt bzw.
Terrorismus.
Donatella della Porta hat der Forschung nach Ursachen für politische Gewalt mit ihrem
mehrdimensionalen Ansatz zweifellos einen wichtigen Dienst erwiesen. Trotzdem täte die
Soziologie gut daran, nicht zu vergessen, dass die der Gewalt zugrunde liegende Ideologie
nicht irgendein kleiner Detailbestandteil ist, den man im Grunde ausblenden kann, um sich
danach in die angenehme, klare Welt der Empirie zu begeben. Die ideologischen Wurzeln
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sind eine
notwendige
Bedingung, sie sind der geistige Kern der Ursachen, und dieser sollte
nicht unterschätzt werden.
3. Quellenverzeichnis
Adorno, Theodor (1976): Minima Moralia. Suhrkamp, Frankfurt a.M.
Della Porta, Donatella (2006): Politische Gewalt und Terrorismus: Eine vergleichende und
soziologische Perspektive. In: Weinhauer, Klaus / Requate, Jörg / Haupt, Heinz-Gerhard
(Hrsg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er
Jahren. Campus Verlag, Frankfurt a.M.
Douglas, Mary / Wildavsky, Aaron (1982): Risk and Culture An Essay on the Selection of
Technical and Environmental Dangers. University of California Press, Berkeley / Los Angeles
/ London
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