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Subtitle: Der Streit um das Kopftuch (In Deutschland, Frankreich und der Türkei)
Termpaper, 2008, 25 Pages
Author: Timo Gramer
Subject: Cultural Studies
Details
Institution/College: University of Leipzig (Kulturwissenschaftliches Institut)
Tags: Stoff, Konfliktfeld, Islam, Europa
Year: 2008
Pages: 25
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 30 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19839-9
ISBN (Book): 978-3-640-19850-4
File size: 204 KB
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Abstract
„Gerade weil es so schwer ist, seine religiösen von seinen kulturellen und politischen Bedeutungen zu scheiden, setzt es so mächtige Emotionen frei“, schreibt die Soziologin und Islamforscherin Nilüfer Göle über das Kopftuch . Gerade solche Differenzierungen scheinen aber unverzichtbar ob des undurchsichtigen Konglomerates an Zuschreibungen für ebendieses. Deshalb stellt diese Arbeit im Folgenden die Selbst- und Fremdwahrnehmung muslimischer Frauen mit Kopftuch in den Mittelpunkt. Dabei sollen die unterschiedlichen Ebenen auf denen das Kopftuch diskutiert wird, historisch eingeordnet und abseits medialer Aufwertungen sachlich kategorisiert werden. So stellt die Arbeit zunächst einen kurzen Abriss historischer Islam-Quellen vor, welche sowohl Kopftuchkritiker als auch Befürworter des Öfteren rezitieren. Auch auf dieser Grundlage werden exemplarisch die öffentlichen Kopftuchdebatten der vergangenen Jahre in Deutschland, Frankreich und der Türkei an gewissen „Präzedenzfällen“ skizziert. Hinzu kommen aktuelle Studien und Statistiken über den Islam im Allgemeinen sowie über das Kopftuch im Speziellen. Abschließend fasst der Kommentar die gemachten Aussagen auch im Sinne eines Ausblickes zusammen und setzt sich kritisch mit dem Begriff der Symbolik auseinander.
Excerpt (computer-generated)
Universität Leipzig
Institut für Kulturwissenschaften
Bereich C: Kultursoziologie
Seminar: Konfliktfeld Islam in Europa
WS 2005/2006
Der Stoff aus dem die Ängste sind
Der Streit um das Kopftuch
(In Deutschland, Frankreich und Türkei)
Hausarbeit von Timo Gramer
Diplom-Journalistik / Kulturwissenschaften
Eingereicht nach Absprache im Oktober 2008
I EINLEITUNG: SYMBOLIK VON KLEIDUNG
3
I.I MODE NACH FAÇON DES STAATES
3
I.II DIE SYMBOLKRAFT DES KOPFTUCHES
4
II HISTORISCHE BEDEUTUNG / KOPFTUCH IM KORAN
5
II.I KORAN UND SUNNA
5
II.II VERSCHLEIERUNG IM KORAN
5
II.III DAS TUCH ALS HISTORISCHE SOZIALVERFASSUNG
6
III. DAS KOPFTUCH IN DER ÖFFENTLICHEN DEBATTE
7
III.I TESTOBJEKT FÜR NATIONALE FREIHEIT
7
III.II DER FALL FERESHTA LUDIN IN DER BRD 8
III.III DISKRET ODER OSTENTATIV? 10
IV KOPFTUCH-DEBATTEN IN LAIZISTISCHEN STAATEN 11
IV.I ,,NOUVELLE LAICITE" IN FRANKREICH 11
IV.II KEMALISTISCHE ELITE UND SCHLEIER IN DER TÜRKEI 13
V MUSLIME IN DEUTSCHLAND EIN SPIEGELBILD DER
STATISTIKEN? 15
VI FAZIT / KOMMENTAR
17
VI.I ISLAMOPHOBIE IN MODERNEN GESELLSCHAFTEN 17
VI.II DEUTSCHLAND UND SEIN ,,ROTES TUCH" 18
VI.III EINBAHNSTRASSE SYMBOLIK 19
VII LITERATURVERZEICHNIS
22
2
I Einleitung: Symbolik von Kleidung
I.I Mode nach Façon des Staates
Die Soziologie der Mode sagt innerhalb eines Staates oder Kulturkreises viel über
dessen politischen Status Quo aus: Spezifische, ästhetische Wertevorstellungen
bündeln sich zu sichtbaren sozialen Normen (Kleidungsvorschriften) über
individuelles oder soziales Verhalten.
Im Russland des 16. Jahrhunderts ließ Zar Peter den Bojaren, slawischen Adligen
unterhalb des Fürstenranges, die Bärte abschneiden. Mitte des 20. Jahrhunderts
verbot Schah Reza iranischen Frauen den Tschador, einen umhangartigen
schwarzen Schleier, welcher den ganzen Körper bedeckt und nur Gesichtspartien
freilässt. 1980 untersagte die Türkei ihren Studentinnen, das Kopftuch innerhalb der
Universitäten zu tragen, um eine als mitunter rückständig angesehene Religiosität
aus dem säkularen, öffentlichen Raumes zu verbannen.1
An den drei vorangestellten Beispielen fällt auf, dass staatlich oktroyierte
Modernisierungen häufig von außen nach innen gewandt scheinen und deshalb nicht
selten an Körper und Kleidung exerziert werden. Mit einem neuen pauschalen
Anstrich sollen tradierte innere Überzeugungen überwunden und modern definiertes
Denken öffentlich zelebriert werden - in der Hoffung, dass, ,,wenn erst das Äußere
modernisiert wäre, auch das Bewusstsein nachziehen werde". 2
Auch wenn die vorangestellten Fälle in ihrer Entstehung und ihren gesellschaftlichen
Folgen nicht direkt miteinander zu vergleichen sind, so bleibt zumindest eine starke
Symbolkraft festzuhalten, die innerhalb politischer wie religiöser Orientierungsphasen
von bestimmten Kleidungsstücken ausgeht: An ,,ostentativen Accessoires"3, die von
ihren Trägern nicht selten bewusst ,,zur Schau" gestellt und von unterschiedlichen
Interessensgruppen mit zusätzlicher Symbolkraft aufgeladen werden, können schnell
gesamtgesellschaftliche Debatten im öffentlichen Raum entbrennen.
1Zitat aus: Hoffmann, C. (27. Januar 2008), S. 58.
2 Zitat nach ebd.
3 Vgl. unter anderem Wohrab-Sahr, M. (2003)., S.273-297.
3
I.II Die Symbolkraft des Kopftuches
Dem mitunter auch als
,,Religiöse Reizwäsche"4
bezeichneten Kopftuch hängen
determinierte Konnotationen sowie unterschiedliche Interessensgruppen an. So wird
es als hinreichendes Erkennungsmerkmal für sowohl religiöse, politische als auch
emanzipatorische Ideologien interpretiert und als konsequente Ein- oder Abgrenzung
von bestimmten Lebensmustern wahrgenommen. Seit einigen Jahren gibt es in
vielen europäischen Ländern eine scharf geführte Debatte rund um das Kopftuch:
,,In
ihr geht es über das konkrete Thema hinaus um grundlegende Fragen des
Verhältnisses zwischen Staat und Kirche, Politik und Religion, um Religionsfreiheit
und staatlichen Erziehungsauftrag, um kulturelle Identität und Integration."
5 Auch
aufgrund einer omnipräsent-symbolischen Erhöhung des Kopftuches, hat sich eine
ideologisch gefärbte Spaltung entwickelt, innerhalb derer sich Befürworter und
Gegner des Kopftuches sowie generelle kulturelle Vorbehalte gegenüberstehen.
Diese stehen aber nicht nur zwischen vermeintlich unterschiedlichen
Bevölkerungsgruppen oder ,,Parallelgesellschaften", sondern auch zwischen
Interessensgemeinschaften innerhalb ein- und desselben Kulturkreises.
,,Gerade weil es so schwer ist, seine religiösen von seinen kulturellen und politischen
Bedeutungen zu scheiden, setzt es so mächtige Emotionen frei",
schreibt die
Soziologin und Islamforscherin Nilüfer Göle über das Kopftuch6. Gerade solche
Differenzierungen scheinen aber unverzichtbar ob des undurchsichtigen
Konglomerates an Zuschreibungen für ebendieses. Deshalb stellt diese Arbeit im
Folgenden die Selbst- und Fremdwahrnehmung muslimischer Frauen mit Kopftuch in
den Mittelpunkt. Dabei sollen die unterschiedlichen Ebenen auf denen das Kopftuch
diskutiert wird, historisch eingeordnet und abseits medialer Aufwertungen sachlich
kategorisiert werden. So stellt die Arbeit zunächst einen kurzen Abriss historischer
Islam-Quellen vor, welche sowohl Kopftuchkritiker als auch Befürworter des Öfteren
rezitieren.
Auch auf dieser Grundlage werden exemplarisch die öffentlichen Kopftuchdebatten
der vergangenen Jahre in Deutschland, Frankreich und der Türkei an gewissen
,,Präzedenzfällen" skizziert. Hinzu kommen aktuelle Studien und Statistiken über den
4 Zum Beispiel bei Darnstädt, Thomas. (Februar 2008), S.81.
5 Zitat nach Evangelischer Pressedienst. (13. August 2004), S.1.
6 Zitat nach Göle, N. (26. Februar 2008), S.9.
4
Islam im Allgemeinen7 sowie über das Kopftuch im Speziellen. Abschließend fasst
der Kommentar die gemachten Aussagen auch im Sinne eines Ausblickes
zusammen und setzt sich kritisch mit dem Begriff der Symbolik auseinander.
II Historische Bedeutung / Das Kopftuch im Koran
II.I Koran und Sunna
Im Wesentlichen stützt sich der Islam theologisch gesehen auf zwei Quellen: Die
Erste ist der Koran, der nach dem Tod des Propheten Mohammed zwischen 632 und
652 in 114 Kapiteln (Suren) schriftlich verfasst wurde. Dem muslimischen Glauben
zufolge erhielt Mohammed zwischen 610 und 632 zahlreiche göttliche
Offenbarungen, welche seine Jünger auswendig lernten. Die zweite Quelle ist die
Sunna, welche im Gegensatz zum Koran nicht als heilige Schrift angesehen und
deren Authentizität von einigen Theologen in Frage gestellt wird. In der Sunna
zeugen kurze Erzählungen, die Hadiths, von den Gewohnheiten, Handlungen und
Aussagen Mohammeds.
Im Koran ist erstmals in der Geschichte des Islam von der Verschleierung der Frau
die Rede. Der Koran ist per se keine wie auch immer geartete Gesetzgebung für die
Rolle der Frau, da diese selbstverständlich auch zivilisatorisch mitbestimmt wurde.
So sollte zwingend zwischen der theologischen Theorie und der gelebten Praxis des
Islam unterschieden werden.
II.II Verschleierung im Koran
Die heilige Schrift gilt in islamischen Kulturkreisen bis heute als wichtige Legitimation,
als mitunter axiomatischer Wegweiser für die Stellung der Frau sowohl Gegner
einer weiblichen Selbstbestimmung als auch emanzipatorische Strömungen berufen
sich bis heute unter anderem auf folgende Verse des Koran:8
7 Auch wenn der eine allumfassende Islam ob diverser muslimischer Strömungen und unterschiedlich
tradierter Verhaltensmuster dem Autor als höchst zweifelhaftes Konstrukt erscheint.
8 Folgende Koranstellen samt Übersetzungen stammen aus Paret, R. (1993). In C. Knieps, S.200 ff.
5
Der
Himãrvers
(Tugendvers), Sure 24, Verse 30 und 31, 626 nach Christus:
,,Sag den gläubigen Männern, sie sollen ihre Augen niederschlagen, und sie sollen
darauf achten, dass ihre Scham bedeckt ist und sie diese bewahren. So halten sie
sich am ehesten sittlich. (...)
,,Und sag den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Augen niederschlagen und sie sollen
darauf achten, dass ihre Scham bedeckt ist, den Schmuck, den sie am Körper
tragen, nicht offen zeigen, soweit er nicht sichtbar ist, ihren Schal sich über den
Schlitz des Kleides ziehen und den Schmuck den sie am Körper tragen niemanden
offen zeigen, außer ihrem Mann, ihrem Vater, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer
Brüder und ihren Schwestern, ihren Frauen, ihren Sklavinnen, den männlichen
Bediensteten die keinen Trieb mehr haben und mit den Kindern, die noch nichts von
weiblichen Geschlechtsteilen wissen. (...)9
Der
Gilbãvers
, Sure 33, Vers 59, 625 nach Christus:
,,Prophet! Sag deinen Gattinnen und Töchtern und den Frauen der Gläubigen, sie
sollen sich etwas von ihrem Gewand über den Kopf herunterziehen. So ist es am
ehesten gewährleistet, dass sie erkannt und daraufhin nicht belästigt werden. (...)10
Der
Higãbvers
, Sure 33, Vers 53, 627 nach Christus:
(...) Und wenn ihr die Gattinen des Propheten um etwas bittet, das ihr benötigt, dann
tut das hinter einem Vorhang! Auf diese Weise bleibt euer und ihr Herz eher rein.
Und ihr dürft den Gesandten Gottes nicht belästigen und seine Gattinnnen, wenn er
nicht mehr da ist, in alle Zukunft nicht heiraten. Das würde bei Gott schwer wiegen.11
II.III Das Tuch als historische Sozialverfassung
Neben der Tatsache, dass diese Verse zwischen den Zeilen eine stark männlich-
dominierte Gesellschaftshierarchie erkennen lassen, wird hier eine Verschleierung
der Frau mit religiöser Tugend und Demut gleichgesetzt. Der normativ-islamische
Verhaltenskatalog zwischen Mann und Frau bildet somit einen religiösen Überbau für
das tägliche Miteinander. Laut der Historikerin Claudia Knieps geht es um ein
verändertes Sozialverhalten zwischen den Geschlechtern, in dem Privatsphäre,
9 Ebd. S.204 f.
10 Ebd. S.200.
11 Ebd. S.206
6
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