Register or log in at GRIN

Your e-mail-address or password is wrong
Register now
For new authors: free, easy and fast
This will be used as your user name, please specify a valid e-mail address

Lost password

Your e-mail-address or password is wrong

Request a new password
Afghanistan - Ursachen von Staatszerfall und Grenzen externer Demokratisierung close

Please wait

Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.

Afghanistan - Ursachen von Staatszerfall und Grenzen externer Demokratisierung

Scholary Paper (Seminar), 2008, 39 Pages
Author: Markus Rackow
Subject: Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient

Details

Event: Demokratisierung und sozioökonomischer Wandel in Asien
Institution/College: University of Leipzig (Politikwissenschaft)
Tags: Afghanistan, Ursachen, Staatszerfall, Grenzen, Demokratisierung, Wandel, Asien
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2008
Pages: 39
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 48  Entries
Language: German
Archive No.: V117516
ISBN (E-book): 978-3-640-19875-7
ISBN (Book): 978-3-640-19896-2
File size: 132 KB

Abstract

Nach Immanuel Kant dienten Kriege quasi teleologisch dazu, die Menschen über den Erdball zu verteilen, also auch auf unwirtliche Regionen wie Afghanistan. Eine auf Afghanistan fokussierende Arbeit muss zu Beginn die Frage beantworten, wieso ein so kleines, unfruchtbares, entferntes, ödes und anachronistisch anmutendes Land zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit werden sollte. Eine Antwort der 80er Jahre hätte auf seine Rolle als „Sandwich“ zwischen West und Ost im Stellvertreterkrieg verwiesen, als die USA hinter vorgehaltener Hand den Widerstand derer „Freiheitskämpfer“ gegen die Sowjetunion unterstützen, welchen heute wiederum die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Partner in einem Kampf, den mancher Kommentator gar als „dritten Weltkrieg“ bezeichnet, gegenüberstehen. Dieses Beispiel verdeutlicht eine wichtige Tatsache, die bei der Betrachtung Afghanistans im Hinterkopf verankert werden muss: Die hohe Relevanz seiner Geschichte für seine heutige Bedeutung und seine aus der Perspektive westlicher Hybris betrachet zurückgebliebene, vormoderne Gesellschaft3. Wie mächtig diese Pfadabhängigkeiten sind, wird eine der Fragen dieser Arbeit sein. Ein Bedeutungswandel aus westlicher Sicht hat also stattgefunden, seit die Taliban – jene Warlords, Terroristen, Freiheitskämpfer oder wie auch immer man sie nennen will – nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 verdächtigt wurden, den islamischem Terrorismus zu tolerieren. Mit dem mehr oder minder geglückten Sturz des „Taliban- Regimes“ haben sich aber nicht nur neue Probleme für die Afghanen ergeben, sondern sind auch fundamentale politikwissenschaftliche Fragestellungen aufgeworfen worden. Nach zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit sieben Jahre andauerndem Krieg bzw. Besatzung ist immer noch kein Ende der Besatzung und Beginn eines wirklich souveränen, autonomen und befriedeten afghanischen Staates absehbar. Offenbar mangelt es ihm nach wie vor an Legitimation, wenn weite Teile des Landes seiner herrschaftlichen Durchdringung unzugänglich sind. Schlimmer noch aus Sicht der Koalitionstruppen: Das Projekt Afghanistan droht zu scheitern. Zunehmende Gewalt, Terror, Anschläge, Entführungen von Zivilisten und alarmierende Zahlen und Eindrücke vor allem aus südlichen Landesteilen, eine nur auf die Hauptstadt Kabul beschränkte effektive Regierungsgewalt lassen Forderungen nach und Entscheidungen für Truppenaufstockungen aufkommen.


Excerpt (computer-generated)

Universität Leipzig Leipzig, den 19.08.2008

Institut für Politikwissenschaft

Modul Europäisierung und Transformation I

Seminar Demokratisierung und sozioökonomischer Wandel in Asien, SoSe 2008

Abgabetermin: 20.08.2008

Afghanistan ­

Ursachen von Staatszerfall
und Grenzen externer Demokratisierung

Markus Rackow

Bachelor Sozialwissenschaften

und Philosophie mit Kernfach

Politikwissenschaft; 4. Fachsemester


Inhaltsverzeichnis

Einleitung

: Davids gegen Goliaths in Afghanistan . . . . . . . . . . . . 1

I. Theoretische Grundlagen

I.1 Staatlichkeit und state-building . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3

I.2 Demokratie und Regimehybridität im Kontext fragiler Staatlichkeit . . . . . 4

I.3 Zivilgesellschaft als nicht-normatives Konzept . . . . . . . . . . . . . 5

I.4 Rentenökonomische Erklärungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . 5

I.5 Modernisierungs-, Dependencia- und kulturalistische Theorien . . . . . . . 7

I.6 Externe Demokratisierung als Sonderfall von Transition . . . . . . . . . 7

II. Afghanistan bis zum Ende der Talibanherrschaft

II. 1 Interne, strukturelle Hindernisse für Staatlichkeit, Demokratie und Entwicklung

a) Die Herausforderung mangelnder Infrastruktur . . . . . . . . . . . 9

b) Die Herausforderung geographisch-klimatischer Benachteiligung . . . . . 10

c) Die Herausforderung ethnischer und kultureller Heterogenität . . . . . . 10

d) Die Herausforderung starker tribaler Strukturen, fragmentierter Zivilgesellschaft

und undemokratischer Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . 11

e) Die Herausforderung sozioökonomischer Schwäche . . . . . . . . . 13

f) Die Herausforderung rentenbasierter Gewaltökonomie . . . . . . . . 14

g) Die Herausforderung ideologischer Frustration und halber Modernisierung . 15

II.2. Externe Einflüsse und pfadabhängige Entwicklungen

h) Afghanistan als Objekt konfligierender externer Interessen . . . . . . . 17

i) Pfadabhängige Entwicklungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 20

III. Afghanistan nach den Taliban: Vom ,,failed state" zum ,,failing state"?

III.1 Umkämpft, besetzt, im Wanken: Das ,,neue" (?) Afghanistan . . . . . . . 21

III.2 Problematische Weichenstellungen der Verfassung . . . . . . . . . . 23

IV. Schlussfolgerungen

IV.1 Afghanistan: Ohnmächtiges Opfer struktureller und externer Einflüsse? . . . 25

IV.2 ,,Imperial Hubris": Schmerzhafte Grenzen externer Demokratisierung . . . . 27

IV.3 Wieso überhaupt ein demokratischer, afghanischer Staat? . . . . . . . . 28

V. Fazit und Ausblick

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30

Literaturverzeichnis

. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33


Einleitung: Davids gegen Goliath in Afghanistan

Nach Immanuel Kant dienten Kriege quasi teleologisch dazu, die Menschen über den

Erdball zu verteilen1, also auch auf unwirtliche Regionen wie Afghanistan. Eine auf

Afghanistan fokussierende Arbeit muss zu Beginn die Frage beantworten, wieso ein so

kleines, unfruchtbares, entferntes, ödes und anachronistisch anmutendes Land zum

Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit werden sollte. Eine Antwort der 80er Jahre hätte

auf seine Rolle als ,,Sandwich" zwischen West und Ost im Stellvertreterkrieg verwiesen, als

die USA hinter vorgehaltener Hand den Widerstand derer ,,Freiheitskämpfer" gegen die

Sowjetunion unterstützen, welchen heute wiederum die Vereinigten Staaten und ihre

NATO-Partner in einem Kampf, den mancher Kommentator gar als ,,dritten Weltkrieg"2

bezeichnet, gegenüberstehen. Dieses Beispiel verdeutlicht eine wichtige Tatsache, die bei der

Betrachtung Afghanistans im Hinterkopf verankert werden muss: Die hohe Relevanz seiner

Geschichte für seine heutige Bedeutung und seine aus der Perspektive westlicher Hybris

betrachet zurückgebliebene, vormoderne Gesellschaft3. Wie mächtig diese

Pfadabhängigkeiten sind, wird eine der Fragen dieser Arbeit sein.

Ein Bedeutungswandel aus westlicher Sicht hat also stattgefunden, seit die Taliban ­ jene

Warlords, Terroristen, Freiheitskämpfer oder wie auch immer man sie nennen will ­ nach

den Terroranschlägen des 11. September 2001 verdächtigt wurden, den islamischem

Terrorismus zu tolerieren. Mit dem mehr oder minder geglückten Sturz des ,,Taliban-

Regimes" haben sich aber nicht nur neue Probleme für die Afghanen ergeben, sondern sind

auch fundamentale politikwissenschaftliche Fragestellungen aufgeworfen worden.

Nach zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit sieben Jahre andauerndem Krieg bzw.

Besatzung ist immer noch kein Ende der Besatzung und Beginn eines wirklich souveränen,

autonomen und befriedeten afghanischen Staates absehbar. Offenbar mangelt es ihm nach

wie vor an Legitimation, wenn weite Teile des Landes seiner herrschaftlichen

Durchdringung unzugänglich sind. Schlimmer noch aus Sicht der Koalitionstruppen: Das

Projekt Afghanistan droht zu scheitern. Zunehmende Gewalt, Terror, Anschläge,

Entführungen von Zivilisten und alarmierende Zahlen und Eindrücke vor allem aus

südlichen Landesteilen, eine nur auf die Hauptstadt Kabul beschränkte effektive

Regierungsgewalt lassen Forderungen nach und Entscheidungen für Truppenaufstockungen

1 Vgl. Kant 1984, S. 28.

2 Fichtner, 2008.

3 Senghaas (2007, S. 409) eröffnet für postkoloniale Länder wie Afghanistan gar eine neue Kategorie

der ,,vierten Welt", deren Gesellschaften sich von denen der ,,dritten Welt" auszeichneten durch

Zerfallsprozesse und prämoderne Merkmale wie Herrschaft von Kriegsherren, Gewaltmärkte,

Ausreitung von Armut bei gleichzeitiger Selbstbereicherung der Kriegsherren und ihrer Klientel.

1


aufkommen. Das Land wäre jedoch auch mit einer größeren ISAF-Schutztruppe weit von

einem staatlichen Gewaltmonopol und territorialer Integrität entfernt; politische Integrität

wird durch klientelistische Strukturen und Zweckbündnisse zwischen lokalen Machthabern

behindert.4 Afghanistan ist arm und politisch fragil: So lag es im Bertelsmann-

Transformations-Index 2008 auf Rang 119 von 125 im Hinblick auf (politische und

wirtschaftliche) Transformation.5

Afghanistan ist politikwissenschaftlich vor allem interessant, weil es einen der wenigen

Fälle einer aktiven externen Demokratisierung darstellt ­ und zugleich Rückschlüsse auf

deren Grenzen zulässt.6

Nach einer kurzen Darstellung der zugrunde gelegten Theorien, anhand derer zu zeigen

ist, wieso Afghanistan einer Modernisierung westlicher Art durch strukturelle und

historische Hindernisse unzugänglich ist (I), werden diese Theorien am konkreten Beispiel

interner (II.1) und externer sowie gewachsener Faktoren (II.2) expliziert. Als einschneidender

Zeitpunkt aus heutiger Betrachtung dient der ,,9/11", also die Terroranschläge auf die New

Yorker ,,Twin Towers" des World Trade Centers, der das Ende der offiziellen Dominanz der

Taliban durch eine UNO-gestütze Intervention von US-geführten NATO-Truppen als erste

Schlacht im ,,war against terrorism" einläutete. In III werden die Herausforderungen und

riskanten Entscheidungen für die neue afghanische Verfassung skizziert. In Kapitel IV

werden Schlussfolgerungen aus den bis dahin unternommenen Betrachtungen gezogen, die

Licht auf die Grenzen externer Demokratisierung werfen. Betont wird hier die ­ meist nur

am Rande oder gar nicht behandelte - Bedeutung klimatischer und geographischer Faktoren,

die nicht nur ökonomischen, sondern auch politischen Rückstand verursachen, sowie der

über die Jahrhunderte akkumulierte, prägende Einfluss externer Mächte und Entwicklungen

für die Ausbildung der afghanischen Kultur. In einem Fazit (V) werden die Ergebnisse dieser

Arbeit zusammengefasst.

Afghanistan ist wie eine Horde kleiner, alter Davids, die sich gegen einen ebenso alten,

aber mächtigen, intriganten und modernen Goliath stemmen ­ und möglicherweise den Sieg

davontragen könnten. Mit welchen Waffen sie Demokratie und andere westliche

Vorstellungen von sich fernhalten, soll dem Leser am Ende dieser Arbeit klarer geworden

sein.

4 Vgl. Wimmer/Schetter 2002, S. 12.

5 Vgl. BTI 2008.

6 Bewusst wird hier im Sinne der Weberschen Werturteilsfreiheit auf eine wertende Perspektive

verzichtet. Die Arbeit geht davon aus, dass externe Demokratisierung ein Prozess ist, der analytisch

betrachtet werden kann. Die Autoren distanzieren sich hier aber nachdrücklich davon, solche

Prozesse unkritisch oder aus einer ethno-/eurozentrischen Debatte zu betrachten. Die Tatsache auf

Probleme hinzuweisen, impliziert bereits eine Sensibilität für tiefer liegende Problemursachen in dem

Konzept selbst.

2


I. Theoretische Grundlage

Angesichts der Fülle an strukturellen und anderweitigen Faktoren ist auch ein positiv

verstandener Eklektizismus verschiedener Theorien und theoretische Standpunkte nötig, um

zu einem weitestmöglichen Verständnis von Afghanistan zu gelangen. Die Arbeit bedient

sich eines auf historisch-strukturelle Pfadabhängigkeiten, strukturelle Faktoren und externe

Einflüsse zielenden Ansatzes mit dem Fokus auf behinderte Staatlichkeit.

I.1 Staatlichkeit und state-building

Seit dem 11.9.2001 ist Staatsversagen nicht mehr aus humanitären, sondern

sicherheitspolitischen Erwägungen im Blick der internationalen Politik.7 State-building als

Antwort darauf meint die ,,Re- bzw. Neuorganisation politischer und staatlicher Strukturen

sowie notwendiger ökonomischer und infrastruktureller Kontexte"8. Was aber sind staatliche

Strukturen? Grundlage für Staatlichkeit ist der moderne, europäische Territorialstaat mit

dem klassischen Gewaltmonopol á la Webers ,,Monopol des legitimen physischen Zwangs"9

- oder nach Jellinek Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt.10 Beides sind wenig

anspruchsvolle Kriterien, aber dies scheint auch für einen Systemvergleich nur sinnvoll.

Verzierungen und Ausschmückungen sollten hier weniger interessieren als die Substanz von

Staatlichkeit. Nach verschiedenen Indizes (BTI, Freedom House, etc.), die aufgrund

verschiedener Perspektiven schwierig vergleichbar sind, liegt Afghanistan an Nennungen an

der Spitze (neben anderen Staaten) mit acht Nennungen ­ insofern ist eine gewisse

Aussagekraft gegeben.11

Schneckener unterscheidet in einem Operationalisierungsversuch drei Kernfunktionen

von Staatlichkeit: die Gewährleistung von Sicherheit, von Wohlfahrt sowie von

Rechtsstaatlichkeit und Legitimität. Vier nach sinkendem Niveau an Staatlichkeit und

steigendem Gewaltniveau gereihte Grade von Staatlichkeit werden danach unterschieden: a)

konsolidierte bzw. sich konsolidierende, b) schwache, c) verfallende und d) zerfallene

Staatlichkeit.12

Zu Rate gezogen werden kann das von Senghaas aufgestellte ,,Zivilisatorische

Hexagon"13, das ins Gegenteil verkehrt als unzivilisiertes Hexagon eine empirische Nähe zu

7 Vgl. Knelangen 2006, S. 523; vgl. Schneckener 2007a, S. 100.

8 Pradetto 2001, S. 24.

9 Weber 1984, S. 91.

10 vgl. Schneckener 2007b, S. 357 f.

11 Vgl. ebd., S. 368.

12 vgl. Schneckener 2007a, S. 104 ff.

13 vgl. u. a. Senghass 2007b, S. 397.

3


Fällen fragiler Staatlichkeit besitzt.14 Wie sich später zeigt, sind im Prä-2001-Afghanistan und

größtenteils auch im Post-2001-Afghanistan die sechs Ecken Gewaltpolypol, Recht des

Stärkeren, Schattenökonomie, Instrumentalisierung von Konflikten, Power-Sharing und

Selbstjustiz verwirklicht.

Die vorliegende Arbeit richtet ihr Hauptaugenmerk vor allem auf destabilisierende

Struktur

faktoren aller räumlichen Ebenen (international-regional, national und

substaatlich)15. Wie noch zu zeigen ist, ist Afghanistan durch strukturelle Pfade besonders

behindert in seiner Entwicklung.

Nationbuilding geht über Statebuilding hinaus (wenngleich oft gleichgesetzt)16 und meint

die Herausbildung einer nationalen Identität, zum Beispiel im Sinne von Benedict Andersons

,,imagined communities", durch gemeinsame Geschichtsschreibung oder ein ,,Wir-Gefühl"17.

Beide Prozesse bedingen sich jedoch gegenseitig18, welcher Prozess an erster Stelle steht, ist

nicht festgelegt. Das Beispiel Afghanistan illustriert bestens, dass ohne eine Nation kein Staat

zu machen ist. Ohne eine Nation ist ein Staat substanzlos, ohne einen Staat fehlt ihm die

schützende Hülle. In staatlich fragilen Ländern kann der Prozess der Nationenbildung von

Rückschlägen zurückgeworfen werden und sehr langwierig sein; es ist selbstevident, dass

auf diesen Prozess von externen Akteuren kein Einfluss genommen werden kann.19

I.2 Demokratie und Regimehybridität im Kontext fragiler Staatlichkeit

Der Anspruch, Afghanistan zu demokratisieren, klingt allzu euphemistisch und wirft die

Frage auf, wann dieser Prozess abgeschlossen sein soll: Ist er es bereits angesichts einer

praktisch sehr mangelhaft (de facto), theoretisch jedoch durchaus verwirklichter Verfassung

(de jure) oder ist der Anspruch, Afghanistan zu demokratisieren, eher ein Ziel und Prozess

längerfristiger Art? Fakt ist, dass angesichts mangelnder Staatlichkeit der normative

Anspruch eines modernen, demokratisch verfassten Afghanistans nach den Taliban nicht

umgesetzt werden kann. Ohne funktionierende Staatlichkeit kann Demokratie nicht

funktionieren. Daher kann Afghanistan - wenn überhaupt - nur als Regimehybrid bezeichnet

werden. Auf Afghanistan bezogen erscheint der Versuch einer Operationalisierung über fünf

Punkte, wie von Zinecker vorgeschlagen20, prinzipiell brauchbar, allerdings kann es nicht

erklären, ab welchem Grad von staatlichem Versagen es nicht mehr nutzbar erscheint. In der

14 vgl. Schneckener 2007b, S. 376.

15 vgl. Schneckener 2007a, S. 109 ff.

16 Vgl. ebd., S. 116.

17 Vgl. Knelangen 2006, S. 532.

18 Vgl. ebd., S. 526.

19 Vgl. ebd., S. 532.

20 Vgl. u. a. Zinecker 2004, S. 249 f.: Als entscheidende Kriterien für Nichtautokratismus nennt sie

Polyarchie und Zivilherrschaft; die anderen drei Kriterien (Zivilisiertheit, Rechtsstaatlichkeit, pol.

Inklusion) charakterisieren bei Nichterfüllung schon eines Kriteriums Regimehybridität.

4


derzeitigen Situation Afghanistans würde das Land als Regimehybrid durchgehen, dabei

allerdings autoritäre Gewaltpole in verschiedenen Regionen ausblenden. Ab wann jedoch ist

ein Hybridregime mangels Staatlichkeit überhaupt nicht mal mehr ein Regime? Dieses

Konzept erscheint somit ohne eine Verbindung zu Staatlichkeitskonzepten für Afghanistan

als fragilen Staat unbrauchbar; Demokratie kann man erst bewerten, wenn das Fundament

Staat existiert. Daher ist trotz des Fokus der Arbeit auf externe Demokratisierung (siehe I.5)

der Blick primär auf das Problem mangelnder Staatlichkeit einzugehen, das vor einer

Demokratisierung gelöst werden muss. Das Kriterium Zivilisiertheit (effektives

Gewaltmonopol ohne Vetoakteure) reicht nicht aus, wenn es de facto mehrere

Gewaltmonopole im Land gibt, die auch auf ihre Art legitimiert sind.

I.3 Zivilgesellschaft als analytisches bereichslogisches Konzept

Vorbildhaft kann das für eine Analyse der Staatlichkeitsprobleme Afghanistans

unverzichtbare Konzept von Zivilgesellschaft wie von Zinecker bereichslogisch und

analytisch gefasst werden. So kann man beispielsweise Gewaltakteure miteinbeziehen, ohne

sie durch einen normativen Anspruch ausklammern zu müssen. Zivilgesellschaft ist der

Raum zwischen Staat, Familie (in Afghanistan besonders wichtig als Clan oder lokale-tribale

Loyalität) und Ökonomie.21

I.4 Rentenökonomische Erklärungsansätze

Demokratie setzt Marktwirtschaft, Marktwirtschaft aber nicht Demokratie voraus. Sollten,

was zu zeigen ist, in Afghanistan also keine marktwirtschaftlichen Strukturen dominieren,

ist es auch um eine demokratische Entwicklung ­ zusätzlich zum Problem fragiler

Staatlichkeit ­ schlecht bestellt. Entwicklungsländer sind trotz Zuweisungen von

Entwicklungshilfe oder hoher Rohstoffvorkommen oft in einem Teufelskreis gefangen, da sie

Renten auch ohne produktive Arbeit bzw. Investition des Gewinns oder Mehrwerts erhalten.

Daher entstehen keine Profite, die wieder reinvestiert und somit eine marktwirtschaftlich-

produktivitätssteigernde industrielle Entwicklung in Gang setzen könnten. Mangels

Produktivität bleibt die Wirtschaft auf Subsistenzniveau und die Arbeitskräfte marginal und

somit von Rente abhängig. Erst durch Massenkonsum und rentenunabhängige Arbeitskräfte

mit Verhandlungsmacht kann jedoch nach Elsenhans eine autonome Zivilgesellschaft als

Trägerin einer liberalen Entwicklung entstehen.

Nach Menzel haben die neuen Rentenökonomien ,,drei Quellen: das aus Krieg

resultierende Elend, Katastrophen jedweder Art und internationale Schattenwirtschaft"22.

21 vgl. Zinecker 2005, S. 530 ff.

22 Menzel 2003.

5



Comments

No comments yet

Add Comment
Your comment is reviewed before being published

Other users also were interested in the following titles:

Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit

Author: Claudia Nickel
Presentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR

Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens

Author: Maik Philipp
Presentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR

This text can be quoted and accessed from this url:

http://www.grin.com/e-book/117516/afghanistan-ursachen-von-staatszerfall-und-grenzen-externer-demokratisierung
please wait Please wait