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Scholary Paper (Seminar), 2008, 39 Pages
Author: Markus Rackow
Subject: Politics - International Politics - Region: Near East, Near Orient
Details
Institution/College: University of Leipzig (Politikwissenschaft)
Tags: Afghanistan, Ursachen, Staatszerfall, Grenzen, Demokratisierung, Wandel, Asien
Year: 2008
Pages: 39
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 48 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-19875-7
ISBN (Book): 978-3-640-19896-2
File size: 132 KB
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Abstract
Nach Immanuel Kant dienten Kriege quasi teleologisch dazu, die Menschen über den Erdball zu verteilen, also auch auf unwirtliche Regionen wie Afghanistan. Eine auf Afghanistan fokussierende Arbeit muss zu Beginn die Frage beantworten, wieso ein so kleines, unfruchtbares, entferntes, ödes und anachronistisch anmutendes Land zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit werden sollte. Eine Antwort der 80er Jahre hätte auf seine Rolle als „Sandwich“ zwischen West und Ost im Stellvertreterkrieg verwiesen, als die USA hinter vorgehaltener Hand den Widerstand derer „Freiheitskämpfer“ gegen die Sowjetunion unterstützen, welchen heute wiederum die Vereinigten Staaten und ihre NATO-Partner in einem Kampf, den mancher Kommentator gar als „dritten Weltkrieg“ bezeichnet, gegenüberstehen. Dieses Beispiel verdeutlicht eine wichtige Tatsache, die bei der Betrachtung Afghanistans im Hinterkopf verankert werden muss: Die hohe Relevanz seiner Geschichte für seine heutige Bedeutung und seine aus der Perspektive westlicher Hybris betrachet zurückgebliebene, vormoderne Gesellschaft3. Wie mächtig diese Pfadabhängigkeiten sind, wird eine der Fragen dieser Arbeit sein. Ein Bedeutungswandel aus westlicher Sicht hat also stattgefunden, seit die Taliban – jene Warlords, Terroristen, Freiheitskämpfer oder wie auch immer man sie nennen will – nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 verdächtigt wurden, den islamischem Terrorismus zu tolerieren. Mit dem mehr oder minder geglückten Sturz des „Taliban- Regimes“ haben sich aber nicht nur neue Probleme für die Afghanen ergeben, sondern sind auch fundamentale politikwissenschaftliche Fragestellungen aufgeworfen worden. Nach zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit sieben Jahre andauerndem Krieg bzw. Besatzung ist immer noch kein Ende der Besatzung und Beginn eines wirklich souveränen, autonomen und befriedeten afghanischen Staates absehbar. Offenbar mangelt es ihm nach wie vor an Legitimation, wenn weite Teile des Landes seiner herrschaftlichen Durchdringung unzugänglich sind. Schlimmer noch aus Sicht der Koalitionstruppen: Das Projekt Afghanistan droht zu scheitern. Zunehmende Gewalt, Terror, Anschläge, Entführungen von Zivilisten und alarmierende Zahlen und Eindrücke vor allem aus südlichen Landesteilen, eine nur auf die Hauptstadt Kabul beschränkte effektive Regierungsgewalt lassen Forderungen nach und Entscheidungen für Truppenaufstockungen aufkommen.
Excerpt (computer-generated)
Universität Leipzig Leipzig, den 19.08.2008
Institut für Politikwissenschaft
Modul Europäisierung und Transformation I
Seminar Demokratisierung und sozioökonomischer Wandel in Asien, SoSe 2008
Abgabetermin: 20.08.2008
Afghanistan
Ursachen von Staatszerfall
und Grenzen externer Demokratisierung
Markus Rackow
Bachelor Sozialwissenschaften
und Philosophie mit Kernfach
Politikwissenschaft; 4. Fachsemester
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
: Davids gegen Goliaths in Afghanistan . . . . . . . . . . . . 1
I. Theoretische Grundlagen
I.1 Staatlichkeit und state-building . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
I.2 Demokratie und Regimehybridität im Kontext fragiler Staatlichkeit . . . . . 4
I.3 Zivilgesellschaft als nicht-normatives Konzept . . . . . . . . . . . . . 5
I.4 Rentenökonomische Erklärungsansätze . . . . . . . . . . . . . . . 5
I.5 Modernisierungs-, Dependencia- und kulturalistische Theorien . . . . . . . 7
I.6 Externe Demokratisierung als Sonderfall von Transition . . . . . . . . . 7
II. Afghanistan bis zum Ende der Talibanherrschaft
II. 1 Interne, strukturelle Hindernisse für Staatlichkeit, Demokratie und Entwicklung
a) Die Herausforderung mangelnder Infrastruktur . . . . . . . . . . . 9
b) Die Herausforderung geographisch-klimatischer Benachteiligung . . . . . 10
c) Die Herausforderung ethnischer und kultureller Heterogenität . . . . . . 10
d) Die Herausforderung starker tribaler Strukturen, fragmentierter Zivilgesellschaft
und undemokratischer Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . 11
e) Die Herausforderung sozioökonomischer Schwäche . . . . . . . . . 13
f) Die Herausforderung rentenbasierter Gewaltökonomie . . . . . . . . 14
g) Die Herausforderung ideologischer Frustration und halber Modernisierung . 15
II.2. Externe Einflüsse und pfadabhängige Entwicklungen
h) Afghanistan als Objekt konfligierender externer Interessen . . . . . . . 17
i) Pfadabhängige Entwicklungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
III. Afghanistan nach den Taliban: Vom ,,failed state" zum ,,failing state"?
III.1 Umkämpft, besetzt, im Wanken: Das ,,neue" (?) Afghanistan . . . . . . . 21
III.2 Problematische Weichenstellungen der Verfassung . . . . . . . . . . 23
IV. Schlussfolgerungen
IV.1 Afghanistan: Ohnmächtiges Opfer struktureller und externer Einflüsse? . . . 25
IV.2 ,,Imperial Hubris": Schmerzhafte Grenzen externer Demokratisierung . . . . 27
IV.3 Wieso überhaupt ein demokratischer, afghanischer Staat? . . . . . . . . 28
V. Fazit und Ausblick
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
Literaturverzeichnis
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33
Einleitung: Davids gegen Goliath in Afghanistan
Nach Immanuel Kant dienten Kriege quasi teleologisch dazu, die Menschen über den
Erdball zu verteilen1, also auch auf unwirtliche Regionen wie Afghanistan. Eine auf
Afghanistan fokussierende Arbeit muss zu Beginn die Frage beantworten, wieso ein so
kleines, unfruchtbares, entferntes, ödes und anachronistisch anmutendes Land zum
Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit werden sollte. Eine Antwort der 80er Jahre hätte
auf seine Rolle als ,,Sandwich" zwischen West und Ost im Stellvertreterkrieg verwiesen, als
die USA hinter vorgehaltener Hand den Widerstand derer ,,Freiheitskämpfer" gegen die
Sowjetunion unterstützen, welchen heute wiederum die Vereinigten Staaten und ihre
NATO-Partner in einem Kampf, den mancher Kommentator gar als ,,dritten Weltkrieg"2
bezeichnet, gegenüberstehen. Dieses Beispiel verdeutlicht eine wichtige Tatsache, die bei der
Betrachtung Afghanistans im Hinterkopf verankert werden muss: Die hohe Relevanz seiner
Geschichte für seine heutige Bedeutung und seine aus der Perspektive westlicher Hybris
betrachet zurückgebliebene, vormoderne Gesellschaft3. Wie mächtig diese
Pfadabhängigkeiten sind, wird eine der Fragen dieser Arbeit sein.
Ein Bedeutungswandel aus westlicher Sicht hat also stattgefunden, seit die Taliban jene
Warlords, Terroristen, Freiheitskämpfer oder wie auch immer man sie nennen will nach
den Terroranschlägen des 11. September 2001 verdächtigt wurden, den islamischem
Terrorismus zu tolerieren. Mit dem mehr oder minder geglückten Sturz des ,,Taliban-
Regimes" haben sich aber nicht nur neue Probleme für die Afghanen ergeben, sondern sind
auch fundamentale politikwissenschaftliche Fragestellungen aufgeworfen worden.
Nach zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit sieben Jahre andauerndem Krieg bzw.
Besatzung ist immer noch kein Ende der Besatzung und Beginn eines wirklich souveränen,
autonomen und befriedeten afghanischen Staates absehbar. Offenbar mangelt es ihm nach
wie vor an Legitimation, wenn weite Teile des Landes seiner herrschaftlichen
Durchdringung unzugänglich sind. Schlimmer noch aus Sicht der Koalitionstruppen: Das
Projekt Afghanistan droht zu scheitern. Zunehmende Gewalt, Terror, Anschläge,
Entführungen von Zivilisten und alarmierende Zahlen und Eindrücke vor allem aus
südlichen Landesteilen, eine nur auf die Hauptstadt Kabul beschränkte effektive
Regierungsgewalt lassen Forderungen nach und Entscheidungen für Truppenaufstockungen
1 Vgl. Kant 1984, S. 28.
2 Fichtner, 2008.
3 Senghaas (2007, S. 409) eröffnet für postkoloniale Länder wie Afghanistan gar eine neue Kategorie
der ,,vierten Welt", deren Gesellschaften sich von denen der ,,dritten Welt" auszeichneten durch
Zerfallsprozesse und prämoderne Merkmale wie Herrschaft von Kriegsherren, Gewaltmärkte,
Ausreitung von Armut bei gleichzeitiger Selbstbereicherung der Kriegsherren und ihrer Klientel.
1
aufkommen. Das Land wäre jedoch auch mit einer größeren ISAF-Schutztruppe weit von
einem staatlichen Gewaltmonopol und territorialer Integrität entfernt; politische Integrität
wird durch klientelistische Strukturen und Zweckbündnisse zwischen lokalen Machthabern
behindert.4 Afghanistan ist arm und politisch fragil: So lag es im Bertelsmann-
Transformations-Index 2008 auf Rang 119 von 125 im Hinblick auf (politische und
wirtschaftliche) Transformation.5
Afghanistan ist politikwissenschaftlich vor allem interessant, weil es einen der wenigen
Fälle einer aktiven externen Demokratisierung darstellt und zugleich Rückschlüsse auf
deren Grenzen zulässt.6
Nach einer kurzen Darstellung der zugrunde gelegten Theorien, anhand derer zu zeigen
ist, wieso Afghanistan einer Modernisierung westlicher Art durch strukturelle und
historische Hindernisse unzugänglich ist (I), werden diese Theorien am konkreten Beispiel
interner (II.1) und externer sowie gewachsener Faktoren (II.2) expliziert. Als einschneidender
Zeitpunkt aus heutiger Betrachtung dient der ,,9/11", also die Terroranschläge auf die New
Yorker ,,Twin Towers" des World Trade Centers, der das Ende der offiziellen Dominanz der
Taliban durch eine UNO-gestütze Intervention von US-geführten NATO-Truppen als erste
Schlacht im ,,war against terrorism" einläutete. In III werden die Herausforderungen und
riskanten Entscheidungen für die neue afghanische Verfassung skizziert. In Kapitel IV
werden Schlussfolgerungen aus den bis dahin unternommenen Betrachtungen gezogen, die
Licht auf die Grenzen externer Demokratisierung werfen. Betont wird hier die meist nur
am Rande oder gar nicht behandelte - Bedeutung klimatischer und geographischer Faktoren,
die nicht nur ökonomischen, sondern auch politischen Rückstand verursachen, sowie der
über die Jahrhunderte akkumulierte, prägende Einfluss externer Mächte und Entwicklungen
für die Ausbildung der afghanischen Kultur. In einem Fazit (V) werden die Ergebnisse dieser
Arbeit zusammengefasst.
Afghanistan ist wie eine Horde kleiner, alter Davids, die sich gegen einen ebenso alten,
aber mächtigen, intriganten und modernen Goliath stemmen und möglicherweise den Sieg
davontragen könnten. Mit welchen Waffen sie Demokratie und andere westliche
Vorstellungen von sich fernhalten, soll dem Leser am Ende dieser Arbeit klarer geworden
sein.
4 Vgl. Wimmer/Schetter 2002, S. 12.
5 Vgl. BTI 2008.
6 Bewusst wird hier im Sinne der Weberschen Werturteilsfreiheit auf eine wertende Perspektive
verzichtet. Die Arbeit geht davon aus, dass externe Demokratisierung ein Prozess ist, der analytisch
betrachtet werden kann. Die Autoren distanzieren sich hier aber nachdrücklich davon, solche
Prozesse unkritisch oder aus einer ethno-/eurozentrischen Debatte zu betrachten. Die Tatsache auf
Probleme hinzuweisen, impliziert bereits eine Sensibilität für tiefer liegende Problemursachen in dem
Konzept selbst.
2
I. Theoretische Grundlage
Angesichts der Fülle an strukturellen und anderweitigen Faktoren ist auch ein positiv
verstandener Eklektizismus verschiedener Theorien und theoretische Standpunkte nötig, um
zu einem weitestmöglichen Verständnis von Afghanistan zu gelangen. Die Arbeit bedient
sich eines auf historisch-strukturelle Pfadabhängigkeiten, strukturelle Faktoren und externe
Einflüsse zielenden Ansatzes mit dem Fokus auf behinderte Staatlichkeit.
I.1 Staatlichkeit und state-building
Seit dem 11.9.2001 ist Staatsversagen nicht mehr aus humanitären, sondern
sicherheitspolitischen Erwägungen im Blick der internationalen Politik.7 State-building als
Antwort darauf meint die ,,Re- bzw. Neuorganisation politischer und staatlicher Strukturen
sowie notwendiger ökonomischer und infrastruktureller Kontexte"8. Was aber sind staatliche
Strukturen? Grundlage für Staatlichkeit ist der moderne, europäische Territorialstaat mit
dem klassischen Gewaltmonopol á la Webers ,,Monopol des legitimen physischen Zwangs"9
- oder nach Jellinek Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt.10 Beides sind wenig
anspruchsvolle Kriterien, aber dies scheint auch für einen Systemvergleich nur sinnvoll.
Verzierungen und Ausschmückungen sollten hier weniger interessieren als die Substanz von
Staatlichkeit. Nach verschiedenen Indizes (BTI, Freedom House, etc.), die aufgrund
verschiedener Perspektiven schwierig vergleichbar sind, liegt Afghanistan an Nennungen an
der Spitze (neben anderen Staaten) mit acht Nennungen insofern ist eine gewisse
Aussagekraft gegeben.11
Schneckener unterscheidet in einem Operationalisierungsversuch drei Kernfunktionen
von Staatlichkeit: die Gewährleistung von Sicherheit, von Wohlfahrt sowie von
Rechtsstaatlichkeit und Legitimität. Vier nach sinkendem Niveau an Staatlichkeit und
steigendem Gewaltniveau gereihte Grade von Staatlichkeit werden danach unterschieden: a)
konsolidierte bzw. sich konsolidierende, b) schwache, c) verfallende und d) zerfallene
Staatlichkeit.12
Zu Rate gezogen werden kann das von Senghaas aufgestellte ,,Zivilisatorische
Hexagon"13, das ins Gegenteil verkehrt als unzivilisiertes Hexagon eine empirische Nähe zu
7 Vgl. Knelangen 2006, S. 523; vgl. Schneckener 2007a, S. 100.
8 Pradetto 2001, S. 24.
9 Weber 1984, S. 91.
10 vgl. Schneckener 2007b, S. 357 f.
11 Vgl. ebd., S. 368.
12 vgl. Schneckener 2007a, S. 104 ff.
13 vgl. u. a. Senghass 2007b, S. 397.
3
Fällen fragiler Staatlichkeit besitzt.14 Wie sich später zeigt, sind im Prä-2001-Afghanistan und
größtenteils auch im Post-2001-Afghanistan die sechs Ecken Gewaltpolypol, Recht des
Stärkeren, Schattenökonomie, Instrumentalisierung von Konflikten, Power-Sharing und
Selbstjustiz verwirklicht.
Die vorliegende Arbeit richtet ihr Hauptaugenmerk vor allem auf destabilisierende
Struktur
faktoren aller räumlichen Ebenen (international-regional, national und
substaatlich)15. Wie noch zu zeigen ist, ist Afghanistan durch strukturelle Pfade besonders
behindert in seiner Entwicklung.
Nationbuilding geht über Statebuilding hinaus (wenngleich oft gleichgesetzt)16 und meint
die Herausbildung einer nationalen Identität, zum Beispiel im Sinne von Benedict Andersons
,,imagined communities", durch gemeinsame Geschichtsschreibung oder ein ,,Wir-Gefühl"17.
Beide Prozesse bedingen sich jedoch gegenseitig18, welcher Prozess an erster Stelle steht, ist
nicht festgelegt. Das Beispiel Afghanistan illustriert bestens, dass ohne eine Nation kein Staat
zu machen ist. Ohne eine Nation ist ein Staat substanzlos, ohne einen Staat fehlt ihm die
schützende Hülle. In staatlich fragilen Ländern kann der Prozess der Nationenbildung von
Rückschlägen zurückgeworfen werden und sehr langwierig sein; es ist selbstevident, dass
auf diesen Prozess von externen Akteuren kein Einfluss genommen werden kann.19
I.2 Demokratie und Regimehybridität im Kontext fragiler Staatlichkeit
Der Anspruch, Afghanistan zu demokratisieren, klingt allzu euphemistisch und wirft die
Frage auf, wann dieser Prozess abgeschlossen sein soll: Ist er es bereits angesichts einer
praktisch sehr mangelhaft (de facto), theoretisch jedoch durchaus verwirklichter Verfassung
(de jure) oder ist der Anspruch, Afghanistan zu demokratisieren, eher ein Ziel und Prozess
längerfristiger Art? Fakt ist, dass angesichts mangelnder Staatlichkeit der normative
Anspruch eines modernen, demokratisch verfassten Afghanistans nach den Taliban nicht
umgesetzt werden kann. Ohne funktionierende Staatlichkeit kann Demokratie nicht
funktionieren. Daher kann Afghanistan - wenn überhaupt - nur als Regimehybrid bezeichnet
werden. Auf Afghanistan bezogen erscheint der Versuch einer Operationalisierung über fünf
Punkte, wie von Zinecker vorgeschlagen20, prinzipiell brauchbar, allerdings kann es nicht
erklären, ab welchem Grad von staatlichem Versagen es nicht mehr nutzbar erscheint. In der
14 vgl. Schneckener 2007b, S. 376.
15 vgl. Schneckener 2007a, S. 109 ff.
16 Vgl. ebd., S. 116.
17 Vgl. Knelangen 2006, S. 532.
18 Vgl. ebd., S. 526.
19 Vgl. ebd., S. 532.
20 Vgl. u. a. Zinecker 2004, S. 249 f.: Als entscheidende Kriterien für Nichtautokratismus nennt sie
Polyarchie und Zivilherrschaft; die anderen drei Kriterien (Zivilisiertheit, Rechtsstaatlichkeit, pol.
Inklusion) charakterisieren bei Nichterfüllung schon eines Kriteriums Regimehybridität.
4
derzeitigen Situation Afghanistans würde das Land als Regimehybrid durchgehen, dabei
allerdings autoritäre Gewaltpole in verschiedenen Regionen ausblenden. Ab wann jedoch ist
ein Hybridregime mangels Staatlichkeit überhaupt nicht mal mehr ein Regime? Dieses
Konzept erscheint somit ohne eine Verbindung zu Staatlichkeitskonzepten für Afghanistan
als fragilen Staat unbrauchbar; Demokratie kann man erst bewerten, wenn das Fundament
Staat existiert. Daher ist trotz des Fokus der Arbeit auf externe Demokratisierung (siehe I.5)
der Blick primär auf das Problem mangelnder Staatlichkeit einzugehen, das vor einer
Demokratisierung gelöst werden muss. Das Kriterium Zivilisiertheit (effektives
Gewaltmonopol ohne Vetoakteure) reicht nicht aus, wenn es de facto mehrere
Gewaltmonopole im Land gibt, die auch auf ihre Art legitimiert sind.
I.3 Zivilgesellschaft als analytisches bereichslogisches Konzept
Vorbildhaft kann das für eine Analyse der Staatlichkeitsprobleme Afghanistans
unverzichtbare Konzept von Zivilgesellschaft wie von Zinecker bereichslogisch und
analytisch gefasst werden. So kann man beispielsweise Gewaltakteure miteinbeziehen, ohne
sie durch einen normativen Anspruch ausklammern zu müssen. Zivilgesellschaft ist der
Raum zwischen Staat, Familie (in Afghanistan besonders wichtig als Clan oder lokale-tribale
Loyalität) und Ökonomie.21
I.4 Rentenökonomische Erklärungsansätze
Demokratie setzt Marktwirtschaft, Marktwirtschaft aber nicht Demokratie voraus. Sollten,
was zu zeigen ist, in Afghanistan also keine marktwirtschaftlichen Strukturen dominieren,
ist es auch um eine demokratische Entwicklung zusätzlich zum Problem fragiler
Staatlichkeit schlecht bestellt. Entwicklungsländer sind trotz Zuweisungen von
Entwicklungshilfe oder hoher Rohstoffvorkommen oft in einem Teufelskreis gefangen, da sie
Renten auch ohne produktive Arbeit bzw. Investition des Gewinns oder Mehrwerts erhalten.
Daher entstehen keine Profite, die wieder reinvestiert und somit eine marktwirtschaftlich-
produktivitätssteigernde industrielle Entwicklung in Gang setzen könnten. Mangels
Produktivität bleibt die Wirtschaft auf Subsistenzniveau und die Arbeitskräfte marginal und
somit von Rente abhängig. Erst durch Massenkonsum und rentenunabhängige Arbeitskräfte
mit Verhandlungsmacht kann jedoch nach Elsenhans eine autonome Zivilgesellschaft als
Trägerin einer liberalen Entwicklung entstehen.
Nach Menzel haben die neuen Rentenökonomien ,,drei Quellen: das aus Krieg
resultierende Elend, Katastrophen jedweder Art und internationale Schattenwirtschaft"22.
21 vgl. Zinecker 2005, S. 530 ff.
22 Menzel 2003.
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