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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 26 Pages
Author: Nicole Mühlhausen
Subject: Film Science
Details
Institution/College: Free University of Berlin (Theater-/Filmwissenschaft)
Tags: Bildkonzeption, Wahrheitsanspruch, Oliver, Stones, Film, Hauptseminar
Year: 2005
Pages: 26
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-20022-1
ISBN (Book): 978-3-640-20595-0
File size: 89 KB
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Abstract
Die Objektivität der Photographie verleiht ihr eine Überzeugungsmacht, die allen anderen Bildwerken fehlt.[...] Das ästhetische Wirkungsvermögen der Photografie liegt in der Enthüllung des Wirklichen. 1 Wenn es keine zuverlässigen Wege zur Wahrheit der Vergangenheit gibt, wenn Fotografien und Filme keine Spiegel mit Gedächtnissen, sondern eher, wie Baudrillard meint, Spiegelkabinette sind, dann läge unsere beste Antwort auf diese Krise der Repräsentation darin, [...]: [s]o viele Seiten dieser Spiegel wie möglich in Anschlag zu bringen, um die Verführungskraft von Lügen zu enthüllen.2 Das hier von Bazin postulierte Vertrauen in die Fähigkeit der Kamera, objektive Wahrheiten von Menschen, Objekten und Ereignissen sichtbar zu machen, begründet er mit dem strengen Determinismus des fotografischen Verfahrens. Mit der Entwicklung der Fotografie in der Mitte des 19. Jahrhunderts entsteht ein Bild von der äußeren Wirklichkeit zum ersten Mal automatisch, befreit von den subjektiven „Verfälschungen“ durch den darstellenden Künstler. Diese Wirkungsmächtigkeit schrieb Bazin jedoch nicht nur der Fotografie, sondern gleichermaßen dem Film zu, da diesem Medium ebenso ein determiniertes, fotografisches Verfahren zugrunde liegt. Darüber hinaus vermag es der Film, die Dinge in der Zeit und ihrer damit verbundenen Veränderung zu zeigen, während das Foto nur die Fähigkeit hat, das Darstellungsobjekt in einem bestimmten Augenblick vor seinem zeitlichen Verfall zu konservieren. Doch dieses Vertrauen in die Objektivität und die wahrheitsenthüllende Kraft der Fotografie und der Filmbilder ist in den vergangenen dreißig Jahren stark erschüttert worden. Der scheinbar unstillbare Hunger der Menschen nach Bildern hat zu einer massenhaften Verbreitung von Bildern und zu einer fortlaufenden Innovation der Bildmedien geführt. Es kann nicht mehr geleugnet werden: Wir leben in einer von Bildern dominierten Welt. Insbesondere die Feuilletons reagieren mit zunehmen-der Skepsis und Missbilligung auf diese übermächtige Bildpräsenz, die von ihnen als apokalyptische Bilderflut oder sogar als Bilderhölle tituliert wird. In den wissenschaftlichen Diskursen findet vornehmlich eine Auseinandersetzung mit den elektronischen Fernsehbildern und den digitalen Bildern statt. Ihre äußerste Zuspitzung erreichte diese wissenschaftliche Bilddebatte durch die populär gewordene „Simulationstheorie“ von Jean Baudrillard. [...]
Excerpt (computer-generated)
BILDKONZEPTION UND
WAHRHEITSANSPRUCH IN OLIVER
STONES FILM JFK"
HAUSARBEIT FÜR DAS HAUPTSEMINAR
,,SKEPTIZISMUS UND BILDLICHKEIT"
WINTERSEMESTER 2004/05
Nicole Mühlhausen
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. Einleitung
2
2.
Analyse der Bildkonzeption von ,,JFK"
6
2.1 Inhalt und Struktur des Films
6
2.2 Die Indexikalität der Bilder
7
2.3 Die Ikonizität der Bilder
13
2.4. Die Montagetechnik
16
3.
Analyse des Wahrheitsanspruchs und der
Wirkungsintention von "JFK"
18
4.
Literaturverzeichnis
23
1
1. Einleitung
Die Objektivität der Photographie verleiht ihr eine Überzeugungs-
macht, die allen anderen Bildwerken fehlt.
[...]
Das ästhetische Wir-
kungsvermögen der Photografie liegt in der Enthüllung des Wirkli-
chen.1
Wenn es keine zuverlässigen Wege zur Wahrheit der Vergangen-
heit gibt, wenn Fotografien und Filme keine Spiegel mit Gedächt-
nissen, sondern eher, wie Baudrillard meint, Spiegelkabinette sind,
dann läge unsere beste Antwort auf diese Krise der Repräsentation
darin,
[...]
:
[
s
]
o viele Seiten dieser Spiegel wie möglich in Anschlag
zu bringen, um die Verführungskraft von Lügen zu enthüllen.2
Das hier von Bazin postulierte Vertrauen in die Fähigkeit der Kamera, ob-
jektive Wahrheiten von Menschen, Objekten und Ereignissen sichtbar zu
machen, begründet er mit dem strengen Determinismus des fotografi-
schen Verfahrens. Mit der Entwicklung der Fotografie in der Mitte des 19.
Jahrhunderts entsteht ein Bild von der äußeren Wirklichkeit zum ersten
Mal automatisch, befreit von den subjektiven ,,Verfälschungen" durch den
darstellenden Künstler. Diese Wirkungsmächtigkeit schrieb Bazin jedoch
nicht nur der Fotografie, sondern gleichermaßen dem Film zu, da diesem
Medium ebenso ein determiniertes, fotografisches Verfahren zugrunde
liegt. Darüber hinaus vermag es der Film, die Dinge in der Zeit und ihrer
damit verbundenen Veränderung zu zeigen, während das Foto nur die
Fähigkeit hat, das Darstellungsobjekt in einem bestimmten Augenblick vor
seinem zeitlichen Verfall zu konservieren.
Doch dieses Vertrauen in die Objektivität und die wahrheitsenthül-
lende Kraft der Fotografie und der Filmbilder ist in den vergangenen drei-
ßig Jahren stark erschüttert worden. Der scheinbar unstillbare Hunger der
Menschen nach Bildern hat zu einer massenhaften Verbreitung von Bil-
dern und zu einer fortlaufenden Innovation der Bildmedien geführt. Es
kann nicht mehr geleugnet werden: Wir leben in einer von Bildern domi-
1 Bazin, Andre: Was ist Film? Hrsg. von Robert Fischer. Berlin 2004, S. 37, 39.
2 Williams, Linda: Spiegel ohne Gedächtnisse. Wahrheit, Geschichte und der Dokumentarfilm. In:
Hohenberger, Eva und Keilbach, Judith (Hrsg.): Die Gegenwart der Vergangenheit. Berlin 2003, S.
43.
2
nierten Welt. Insbesondere die Feuilletons reagieren mit zunehmen-der
Skepsis und Missbilligung auf diese übermächtige Bildpräsenz, die von
ihnen als apokalyptische Bilderflut oder sogar als Bilderhölle tituliert wird.
In den wissenschaftlichen Diskursen findet vornehmlich eine Auseinan-
dersetzung mit den elektronischen Fernsehbildern und den digitalen Bil-
dern statt. Ihre äußerste Zuspitzung erreichte diese wissenschaftliche
Bilddebatte durch die populär gewordene ,,Simulationstheorie" von Jean
Baudrillard.
Die televisionären Bilder sind dort zu ,,Simulakren" erklärt, sie ver-
weisen auf keine Realität mehr, funktionieren demnach nicht mehr
als Zeichen, sondern konstituieren in ,,unaufhörlicher Zirkulation" ei-
ne ,,Hyperrealität".3
Die unkomplizierte und nahezu unbegrenzte Manipulierbarkeit von digita-
len Bildern hat ebenfalls zu einer verstärkten Skepsis an der Objektivität
und dem Wirklichkeitsgehalt von Bildern geführt. Zunehmend verbreiten
sich auch ethische Bedenken angesichts des neuesten Plans der Filmin-
dustrie, durch vampirismusanaloge Bildmanipulation bereits verstorbene
Leinwandstars wieder künstlich zum Leben zu erwecken. Darüber hinaus
hat das Bild aber auch an Evidenz und an seinem Vermögen, Zeugnis
über stattgefundene Ereignisse abzulegen, eingebüsst. Jüngere Beispiele
hierfür sind die Flugzeugkollision in Rammstein, die Explosion der Chal-
lenger oder die Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King durch
vier US-Polizisten. Alle Videoaufnahmen dieser Vorkommnisse vermoch-
ten es nicht, das Ereignis eindeutig lesbar zu machen. Vielmehr entstan-
den durch den Einsatz moderner Wiedergabetechniken (z.B. Standbild,
Rückwärtslauf, Zeitlupe, Schnellvorlauf) vielfältige Interpretationsmöglich-
keiten über die Ursache und den Ablauf des Ereignisses. Der Evidenzver-
lust des Bildes korrespondiert mit der Auffassung der Postmoderne, dass
das Ideal einer homogenen, objektiven Wahrheit über die Welt, Geschich-
te oder Menschheit nicht mehr existiert. In der Postmoderne ist nur noch
die Konstruktion einer relativen Wahrheit durch Fragmentierung, polyper-
spektivische Annäherung und durch das Aufbrechen traditioneller, kohä-
renter Erzählstrukturen möglich. Insbesondere die traditionelle Ge-
3 Prümm, Karl: In der Hölle im Paradies der Bilder. Medienstreit und Mediengebrauch. In: Zeit-
schrift für Literatur und Linguistik, Nr. 103/1996. Stuttgart, Weimar 1996, S.54.
3
schichtsschreibung wurde durch den Turn der Postmoderne und der damit
verbundenen poststrukturalistischen Revolution in ihren Grundfesten er-
schüttert, da sich ihr Postulat, auf wissenschaftlich-fundierter Basis ,,DIE"
Geschichte rekonstruieren zu können, nicht mehr aufrecht erhalten ließ.
Der postmoderne Historiker Hayden White begründet die Unmöglichkeit
des Anspruchs der Geschichtsschreibung auf Wissenschaftlichkeit und
Faktizität mit ihrer grundlegenden Verbindung zur Kunstgattung der Litera-
tur. Durch die Verwendung von literarischen Techniken, narrativen Struk-
turen und aufgrund der Notwendigkeit, Lücken im historischen Quellenma-
terial zu schließen, hat die Geschichtsschreibung ebenso wie die Literatur
fiktionalen Charakter. Der Historiker Robert Rosenstone fasst prägnant
zusammen, welche Art von Geschichtsschreibung von den postmodernen
Historikern gefordert wird:
Eine Geschichte, die ,,die ganze Vorstellung historischer Kenntnis
problematisiert." Die die ,,für gewöhnlich versteckte Haltung der His-
toriker zu ihrem
Material" in den Vordergrund rückt. Die das Flair
von ,,Vorläufigkeit und Unentschiedenheit, von Partisanentum und
sogar von offener Politik" hat.
[...]
Die nicht nach ,,Integration, Syn-
these und Totalität" strebt.4
In diesem Problemkreis von Bildevidenz und zunehmender Bilder-
skepsis, von Wahrheitskonstruktion und der Darstellbarkeit sowie der In-
terpretation historischer traumatischer Ereignisse ist Oliver Stones Film
,,JFK"5 aus dem Jahr 1991 anzusiedeln. Stone, der in seinem Film das At-
tentat auf den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und dessen
Hintergründe rekonstruiert, kommt am Ende zu der Schlussfolgerung,
dass Kennedy aufgrund seiner Rückzugsabsicht aus Vietnam Opfer einer
perfiden Verschwörung wurde, in die führende Vertreter des militärisch-
industriellen Komplex′ sowie höchste Regierungskreise involviert waren.
Stone löste durch seinen Film eine öffentliche, kontroverse Diskussion in
den amerikanischen Medien aus, die in ihrem Umfang und ihrer Art bis
dato einmalig war. Filmkritiker mussten in die zweite Reihe zurücktreten
und den zahlreichen Politikern (unter ihnen der ehemalige amerikanische
4 Rosenstone, Robert: Die Zukunft der Vergangenheit. Film und die Anfänge postmoderner Ge-
schichte. In: Hohenberger, Eva und Keilbach, Judith (Hrsg.): Die Gegenwart der Vergangenheit.
A.a.O., S. 47.
5 In Deutschland wurde der Film unter dem Verleihtitel ,,JFK. John F. Kennedy Tatort Dallas"
herausgebracht.
4
Präsident Gerald Ford), politischen Experten, Historikern und Journalisten
den Vortritt lassen. In den Talk-Shows der Fernsehsender, Radioanstalten
sowie in den Berichten renommierter Zeitungen wie der ,,New York Times"
dominierten die negativen Kritiken. Die öffentliche Debatte gipfelte schließ-
lich in einer regelrechten Hetzkampagne gegen Stone persönlich, in der er
sogar mit Saddam Hussein und Hitler verglichen wurde. Als ein stellvertre-
tendes Beispiel der Negativkritiken zu Stones Film möchte ich eine Pas-
sage von Janet Maslins Rezension in der ,,New York Times" anführen, die
die Hauptkritikpunkte an Stones Film adäquat zusammenfasst.
Images fly by breathlessly and without identification. Composite
characters are intermingled with actual ones. Real material and
simulated scenes are intercut in a deliberately bewildering fashion.
The camera races bewilderingly across supposedly "top secret"
documents and the various charts and models being used to ex-
plain forensic evidence. Major matters and petty ones are given
equal weight. Without a knowledge of conspiracy theory trivia to
match the director′s, and without any ability to asses the film′s er-
ratic assortment of facts and fictions, the viewer is at the film-
maker′s mercy.6
Viele Kritiker sahen insbesondere eine Gefährdung des jugendlichen Pub-
likums gegeben, da diese Generation ihr Wissen zunehmend aus Film und
Fernsehen rekurriert und sie deshalb Stones Mutmaßungen über das
Kennedy-Attentat als buchstäbliche Wahrheit auffassen könnte.
If a television or theatrical movie can paint a vivid enough picture for
young people, they′ll believe that′s the way it was. That′s clearly
what Oliver Stone is hoping will happen. "JFK" is not just an enter-
tainment. It′s a work of propaganda.7
Es stellt sich die Frage, weshalb Stones Film eine derartige Mediendebat-
te auslösen konnte. Ist es die beunruhigende Verschwörungstheorie Sto-
nes, die die Integrität der staatlichen Institutionen Amerikas in Frage stellt
oder die Tatsache, dass der Film ein derart traumatisches und bis heute
ungeklärtes Ereignis der amerikanischen Geschichte zum Inhalt hat? Mei-
ne These ist, dass der eigentliche Ursprung dieser breiten öffentlichen
Diskussion im alttestamentarischen Bilderverbot zu sehen ist, in dem Ge-
bot Gottes an Moses: ,,Du sollst Dir kein Bildnis, noch irgendein Gleichnis
machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten
6 Maslin, Janet: Oliver Stone manipulates his puppet. In: New York Times v. 5.1.1992, S. 15.
7 Auchinloss, Kenneth: Twisted History. In: Newsweek v. 23.12.1991, S. 47.
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