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Examination Thesis, 2008, 150 Pages
Author: Roman Büttner
Subject: History - Miscellaneous
Details
Year: 2008
Pages: 150
Grade: 2
Bibliography: ~ 155 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-20036-8
ISBN (Book): 978-3-640-20602-5
File size: 661 KB
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Abstract
Die Vermittlung von Geschichte in Film und Fernsehen hat in den letzten Jahren einen ungeheuren Boom erfahren. Die zahlreichen Dokumentationsreihen der öffentlich-rechtlichen und privaten Sendeanstalten und ein breites Spektrum an neuen Sparten- und Pay-TV-Sendern erreichen mit ihren Programmformaten Millionen an deutschen Zuschauern. Ihre Dokumentationen ziehen mittlerweile filmtechnisch und narrativ alle Register, etwa durch den Einsatz von Computersimulationen, Zeitzeugeninterviews oder sogar durch die Inszenierung historischer Spielszenen . Darüber hinaus haben sich in den letzten Jahren aber auch neue erfolgreiche Programmkonzepte entwickelt, wie etwa das „Living History“ Format, bei dem einer Gruppe von Durchschnittsbürgern die Möglichkeit gegeben wird, für einen bestimmten Zeit-raum Geschichte selbst zu erleben. So zumindest wollen es die Produzenten . Aber auch die Gattung der Spiel- und Unterhaltungsfilme, die geschichtliche Ereignisse und Personen in den Mittelpunkt ihrer Handlung stellen, haben in jüngerer Zeit ein enormes Interesse bei Filmschaffenden erfahren. Hollywoodproduktionen wie GLADIATOR (2000), TROJA (2004) und ALEXANDER (2004) unternahmen den Versuch, die Antike auf der großen Leinwand wiedererstehen zu lassen, die in der „Sandalenfilmära“ der 50er und 60er Jahre ihre Blütezeit erreicht hatte. Die frühe Neuzeit wurde indessen in Filmen wie ELIZABETH (1998) oder LUTHER (2003) aufgegriffen. Und schließlich gibt es den Teil der Geschichte, der in den vergangenen Jahren die meiste Zuwendung durch den Spielfilm erfahren hat: der Nationalsozialismus und mit ihm die verheerenden Auswirkungen seiner Ideologie, die mit dem Holocaust eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte konstatieren. Die historische Forschung, für die das geschriebene Wort die Hauptquellengattung darstellt, verweigerte sich lange Zeit einer Auseinandersetzung mit dem bewegten Bild. So schrieb bereits 1977 der Franzose Marc Ferro, der sich als einer der ersten Historiker mit dem Medium beschäftigte: „Sollte der Film ein unerwünschtes Dokument für den Historiker sein? Er ist bald hundert Jahre alt, wird aber nicht zur Kenntnis genommen. Er gerät überhaupt nicht ins Blickfeld der Historiker“ . Gut dreißig Jahre später sieht sich die Geschichtswissenschaft mit der angedeuteten quantitativen Zunahme historischer Spielfilme konfrontiert. Diese erheben überdies die Forderung, authentisch zu sein und die Vergangenheit wahrheitsgemäß abzubilden.
Excerpt (computer-generated)
Erste Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien
Wissenschaftliche Hausarbeit
Im Fach: Geschichte
Vorgelegt von: Roman Büttner
Die Thematisierung des Holocaust im historischen Spielfilm und
seine Rezeption in Deutschland
Datum: 30. April 2008
1
I n h a l t s v e r z e i c h n i s
1. Einleitung 3
1.1 Thematischer Einstieg und Forschungsüberblick 3
1.2 Fragestellung und Aufbau der Arbeit 8
2. Der Holocaust und das Medium Film 10
2.1 Die Macht und Ohnmacht des bewegten Bildes 10
2.2 Der Holocaustfilm ein eigenes Filmgenre? 15
3. Die Thematisierung des Holocaust im Film: Ein historischer Rückblick 18
3.1 Die Vierziger und Fünfziger Jahre 18
3.2 Die Sechziger und Siebziger Jahre 22
3.3 Die Achtziger Jahre 32
3.4 Die Neunziger Jahre 38
3.5 Der Holocaustfilm zu Beginn des 21. Jahrhunderts 46
4. Die Thematisierung des Holocaust am Beispiel von vier Spielfilmen 53
4.1 Zur methodischen Vorgehensweise 53
4.2 Mutters Courage (1995) 56
4.2.1
Inhaltsangabe mit Sequenzverlauf 56
4.2.2
Entstehungsgeschichte und Rezeption 62
4.3 Hitlerjunge Salomon (1990) 66
4.3.1
Inhaltsangabe mit Sequenzverlauf 66
4.3.2
Entstehungsgeschichte und Rezeption 71
4.4 DER PIANIST (2002) 79
4.4.1
Inhaltsangabe mit Sequenzverlauf 79
4.4.2
Entstehungsgeschichte und Rezeption 86
4.5 Die Grauzone (2001) 93
4.5.1
Inhaltsangabe mit Sequenzverlauf 93
4.5.2
Entstehungsgeschichte und Rezeption 100
4.6 Analyse und Vergleich der untersuchten Filme 106
4.6.1
Die Schaffung von Authentizität 106
4.6.2
Die filmische Darstellung des Holocaust 113
4.6.3
Ergebnis der Untersuchung 126
2
5. Zusammenfassung
und
Fazit 128
6. Literaturverzeichnis 132
Monografien und Aufsätze
132
Internetseiten
139
Verwendete Spielfilme 142
Verwendetes Bonusmaterial 142
7. Filmografie 143
3
1. Einleitung
1.1 Thematischer Einstieg und Forschungsüberblick
Die Vermittlung von Geschichte in Film und Fernsehen hat in den letzten Jahren einen
ungeheuren Boom erfahren. Die zahlreichen Dokumentationsreihen der öffentlich-rechtlichen
und privaten Sendeanstalten und ein breites Spektrum an neuen Sparten- und Pay-TV-Sendern
erreichen mit ihren Programmformaten Millionen an deutschen Zuschauern. Ihre Dokumenta-
tionen ziehen mittlerweile filmtechnisch und narrativ alle Register, etwa durch den Einsatz
von Computersimulationen, Zeitzeugeninterviews oder sogar durch die Inszenierung histori-
scher Spielszenen1. Darüber hinaus haben sich in den letzten Jahren aber auch neue erfolgrei-
che Programmkonzepte entwickelt, wie etwa das ,,Living History" Format, bei dem einer
Gruppe von Durchschnittsbürgern die Möglichkeit gegeben wird, für einen bestimmten Zeit-
raum Geschichte selbst zu erleben. So zumindest wollen es die Produzenten2.
Aber auch die Gattung der Spiel- und Unterhaltungsfilme, die geschichtliche Ereignis-
se und Personen in den Mittelpunkt ihrer Handlung stellen, haben in jüngerer Zeit ein enor-
mes Interesse bei Filmschaffenden erfahren. Hollywoodproduktionen wie GLADIATOR (2000),
TROJA (2004) und ALEXANDER (2004) unternahmen den Versuch, die Antike auf der großen
Leinwand wiedererstehen zu lassen, die in der ,,Sandalenfilmära" der 50er und 60er Jahre ihre
Blütezeit erreicht hatte. Die frühe Neuzeit wurde indessen in Filmen wie ELIZABETH (1998)
oder LUTHER (2003) aufgegriffen. Und schließlich gibt es den Teil der Geschichte, der in den
vergangenen Jahren die meiste Zuwendung durch den Spielfilm erfahren hat: der Nationalso-
zialismus und mit ihm die verheerenden Auswirkungen seiner Ideologie, die mit dem Holo-
caust eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte konstatieren.
Die historische Forschung, für die das geschriebene Wort die Hauptquellengattung
darstellt3, verweigerte sich lange Zeit einer Auseinandersetzung mit dem bewegten Bild. So
schrieb bereits 1977 der Franzose Marc Ferro, der sich als einer der ersten Historiker mit dem
Medium beschäftigte:
,,Sollte der Film ein unerwünschtes Dokument für den Historiker sein?
Er ist bald hundert Jahre alt, wird aber nicht zur Kenntnis genommen. Er gerät überhaupt
1 vgl. Bösch, Frank (1999): ,,Das ,Dritte Reich′ ferngesehen. Geschichtsvermittlung in der historischen Doku-
mentation". In:
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
50 (1999). S. 204-220.
2 Exemplarisch seien SCHWARZWALDHAUS 1902 (2002) und ABENTEUER 1900 LEBEN IM GUTSHAUS (2004)
genannt. Anmerkung des Autors.
3 vgl. Grunfeld, Uriel (1997):
Representing the Holocaust on Film. Schindler′s List and the Pedagogy of Popular
Memory
. Diss. Phil. Pennsylvania State University. University Park. S. 31 f. sowie Heidrich, Charlotte und
Christian Jansen (1996): ,,Filme über die Gründerzeit der Bundesrepublik. Wie sollen Spielfilme im Geschichts-
unterricht eingesetzt werden?". In:
Geschichte in Wissenschaft und Unterricht
47 (1996). S. 592.
4
nicht ins Blickfeld der Historiker"
4. Gut dreißig Jahre später sieht sich die Geschichtswissen-
schaft mit der angedeuteten quantitativen Zunahme historischer Spielfilme konfrontiert. Diese
erheben überdies die Forderung, authentisch zu sein und die Vergangenheit wahrheitsgemäß
abzubilden. Dies hat dazu geführt, dass sich mancher Historiker heute die Frage stellt, ob die
geschichtliche Allgemeinbildung der breiten Bevölkerung nicht Gefahr läuft, durch Film und
Fernsehen vereinnahmt und so gewissermaßen kommerzialisiert zu werden. Immer mehr Do-
kumentarsendungen und fiktionale Spielfilme scheinen das vermitteln zu können, worum die
Wissenschaft ihrerseits immer bemüht gewesen war. Der israelische Historiker Saul
Friedländer stellt in diesem Zusammenhang die Frage:
,,Are we moving toward a global society within which historical consciousness
will progressively become the mere product of haphazard initiatives of the cul-
ture industry, or will we be confronted by new challenges about and from the
past?"5
.
Dass die Massenkommunikationsmittel beim Menschen einen gewaltigen Einfluss auf
die Wahrnehmung der Welt haben, gilt als unbestritten. Die Fernsehnachrichten etwa versor-
gen unsere ,,image banks"6, quasi Bildspeicher im Gehirn, tagtäglich mit neuem audiovisuel-
len Material, das eine zentrale Bedeutung bei der Ausprägung unserer kollektiven Identität
hat. Häufig bezieht man sich später auf die Fernsehbilder eines Ereignisses7. So wie die Nach-
richten unsere Vorstellungen von der Welt, in der wir leben, prägen, so gibt es auch seit Jah-
ren die Vermutung, dass gerade die fiktionalen und unterhaltenden Geschichtssendungen eine
dauerhaftere Wirkung auf das Publikum haben, als es traditionelle Formen der Geschichts-
vermittlung vermögen. Um dieser Frage näher auf den Grund zu gehen, führte die Medienfor-
schung des ZDF bereits 1985 eine Untersuchung zum Zuschauerinteresse an historischen
Themen in Film und Fernsehen durch. Dabei wurden 2.000 Personen ab dem Alter von 14
Jahren befragt, von denen insgesamt 39 Prozent angaben, ein stark bis sehr stark ausgeprägtes
Interesse an Geschichtssendungen zu haben. Beinahe die Hälfte aller Befragten teilte mit,
4 Ferro, Marc (1977): ,,Der Film als ,Gegenanalyse′ der Gesellschaft". In: Claudia Honegger u.a. (Hrsg.):
Schrift
und Materie der Geschichte. Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse
. Frankfurt am
Main, 1977. S. 247.
5 Friedlander, Saul (1993):
Memory, History, and the Extermination of the Jews of Europe
. Bloomington. S. 59.
Für Friedländer bezeichnet der Begriff des ,,Geschichtsbewusstseins" den Grenzbereich zwischen dem kollekti-
ven, öffentlichen Gedächtnis und der akademischen historischen Forschung. Vgl. ebd., S. viii. Diese Definition
impliziert bereits, dass die Auffassung von Geschichte nicht nur durch die Wissenschaft, sondern v.a. auch durch
die öffentliche Darstellung von Geschichte durch die Populär- und Erinnerungskultur geprägt ist. Anmerkung
des Autors.
6 Grunfeld (1997), S. 31.
7 Die Bilder von den Flugzeugen, die am 11. September 2001 in die Türme des New Yorker World Trade Cen-
ters rasten, haben bereits jetzt epochemachenden Charakter. Anmerkung des Autors.
5
historische Spielfilme zu bevorzugen, wohingegen nur bei 18 Prozent Gesprächsrunden mit
Historikern oder Zeitzeugen als dokumentarische Formen beliebt waren8.
Aus diesem Befund lässt sich die Frage ableiten, wie sich denn nun die Geschichtswis-
senschaft mit dem Thema des historischen Films auseinandersetzen kann, die ja wie bereits
erwähnt primär mit anderen Quellengattungen arbeitet und daher zunächst keinen direkten
Bezug zu diesem Medium zu haben scheint. Prinzipiell lassen sich zwei mögliche For-
schungsansätze herausarbeiten: Betrachtet man den Film als Darstellung von historischen
Zusammenhängen, dann macht es Sinn, sich inhaltlich mit ihm auseinanderzusetzen und ihn
auf historische Tatsachen und deren audiovisuelle Umsetzung hin zu untersuchen. Legt man
hingegen den Fokus auf die Wirkung von Filmen, dann erscheint die Frage wichtiger, wel-
chen Einfluss das Medium auf einzelne Zuschauer oder sogar eine ganze Gesellschaft in Hin-
blick auf das Verständnis von Geschichte und den Umgang mit ihr hat9.
Eine spezifische Forschung zur Vermittlung von Geschichte durch Filme und dabei
auch des Holocaust gab es vereinzelt schon in früheren Jahrzehnten10. Eine breite Behand-
lung der Thematik begann in Historikerkreisen auf beiden Seiten des Atlantiks aber erst Mitte
der 80er Jahre. In der Bundesrepublik waren es vor allem Geschichtslehrer, die sich in didak-
tischen Fachzeitschriften mit dem Massenmedium auseinandersetzten11. Es scheint logisch,
dass es für Lehrer eine zentrale Bedeutung hat, da Filme bei ihnen berufsbedingt häufiger
Verwendung finden und zudem im Alltag ihrer Schüler eine große Rolle spielen. Veränderun-
gen in der Medienkultur seit Beginn der 90er Jahre trugen weiter zur allgemeinen Erforschung
von Geschichte im Film bei. Hier war und ist es vor allem der angloamerikanische Sprach-
raum, der seitdem eine Vielzahl differenzierter Publikationen aus medienwissenschaftlichen
und zunehmend auch historischen Kreisen hervorgebracht hat12.
Was die Frage nach der Wirkungsforschung des Mediums zur Vermittlung von Ge-
schichte betrifft, so offenbart sich hier eines der Kernprobleme in der Auseinandersetzung von
8 vgl. Schmidt-Sinns, Dieter (1991): ,,Zeitgeschichte im Bild nach vier Jahrzehnten. Überlegungen zum Projekt".
In: Wolfgang Becker und Siegfried Quandt (Hrsg.):
Das Fernsehen als Vermittler von Geschichtsbewusstsein
.
Bonn, 1991. S. 10.
9 vgl. Grunfeld (1997), S. 37. Grunfeld setzt den Spielfilm dem historischen Text gleich, der einerseits das Vor-
wissen des Lesers aktivieren muss, um als Quelle Legitimation zu erfahren, andererseits aber auch neues Wissen
produziert. Vgl. auch ebd., S. 35.
10 vgl. etwa die umfangreiche Begleitliteratur zur US-Fernsehserie HOLOCAUST, auf die an späterer Stelle noch
eingegangen wird.
11 Hierbei sind es v.a. die in unregelmäßigen Abständen veröffentlichten Beiträge der Zeitschrift
Geschichte in
Wissenschaft und Unterricht
. Eine kommentierte Überblicksdarstellung zu Aufsätzen und Monografien, die
zwischen 1985 und 1993 zu dem Thema erschienen sind, findet sich bei: Heidrich (1996), S. 590 f., Anmerkun-
gen 1-3. Auch die Fachzeitschriften
Geschichte Lernen
und
Praxis Geschichte
bringen seit den 80er Jahren ver-
mehrt Beiträge und Themenhefte zum Einsatz von Filmen im Geschichtsunterricht.
12 In den 80er Jahren führte die Frage nach dem Verhältnis von Film und Geschichte auch in den USA zu einer
hitzigen Debatte in der
American Historical Review
, die seitdem regelmäßige Filmrezensionen und analysen
bringt. Vgl. Grunfeld (1997), S. 34.
6
Historikern mit dem Spielfilm. Bislang fehlen nämlich umfangreiche Untersuchungen zur
individuellen Rezeption und dem damit zusammenhängenden Komplex des historischen Ler-
nens. Langzeituntersuchungen, die notwendig wären, um aussagekräftige Ergebnisse über die
Wirkung von historischen Filmen generell zu erhalten, stehen ebenfalls noch aus. Sie sind
aber vor allem unter methodischen Gesichtspunkten nur schwer zu realisieren13. Daher sind
etwaige Versuche in dieser Richtung entsprechend hervorzuheben: Im Jahr 1989, als in
Deutschland gleich mehrere historische Ereignisse zusammenfielen14, führten zwei Histori-
kerteams eine Untersuchung durch, bei der 120 von insgesamt 750 historischen Sendungen
auf ihren Einfluss auf die Geschichtsbilder bei den Bundesbürgern hin analysiert wurden. Da-
bei wurden sowohl dokumentarische als auch fiktionale Programmformate berücksichtigt15.
Die Ergebnisse der Untersuchung brachten zwei Missstände zum Vorschein: Einer-
seits offenbarte sich die mangelnde Zusammenarbeit von Spezialisten der Film- und Fernseh-
branche mit Fachhistorikern bei der Produktion historischer Spielfilme16, andererseits trat aber
auch die fehlende Einbeziehung von Geschichtsdidaktikern bei der Erstellung von Dokumen-
tarsendungen in Erscheinung17. Bewiesen werden konnte aber und das ist mit Blick auf den
weiteren Verlauf dieser Arbeit nicht ganz unwichtig dass fiktionale Programmformate in
Form historischer Spielfilme beim Zuschauer ein höheres Lernpotential durch eine stärkere
emotionale Affinität entfalten, als es bei traditionellen Dokumentarsendungen der Fall ist18.
Diese Erkenntnis konnte auch in einer weiteren Untersuchung im Jahr 2007 durch den Histo-
riker Sönke Neitzel bestätigt werden19. Ergebnisse ähnlicher Studien aus den Vereinigten
Staaten beweisen indessen, dass das Medium Film auch global betrachtet einen großen Ein-
13 vgl. Lahme, Tilmann (2008): ,,Geschichte im Fernsehen. Hitlers Trommler und die Leichenfledderei". In:
Frankfurter Allgemeine Zeitung
. 03.01.2008. S. 36 sowie Bösch, Frank (2007): ,,Film, NS-Vergangenheit und
Geschichtswissenschaft. Von ,Holocaust′ zu ,Der Untergang′". In:
Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte
55:1
(2007). S. 1.
14 Exemplarisch seien genannt: 40. Jahrestag der Bundesrepublik (und der DDR), Kriegsbeginn vor 50 Jahren,
historische Ereignisse der Jahre 1914, 1919 und 1929 und schließlich der Fall der Mauer. Anmerkung des Au-
tors.
15 vgl. Becker, Wolfgang und Siegfried Quandt (Hrsg.) (1991):
Das Fernsehen als Vermittler von Geschichtsbe-
wusstsein
. Bonn. S. 7.
16 vgl. die Anmerkungen von Knopp, Guido und Siegfried Quandt (1988):
Geschichte im Fernsehen. Ein Hand-
buch
. Darmstadt. S. 15 und 102 ff.
17 vgl. auch die Position des Pädagogen Bodo von Borries in Niemetz, Gerold (1990):
Aktuelle Probleme der
Geschichtsdidaktik
. Stuttgart. S. 163.
18 vgl. Schmidt-Sinns (1991), S. 11. In diesem Zusammenhang sind auch andere Filmstudien mit ähnlichen Fra-
gestellungen zu nennen. Aus filmhistorischer Sicht: Kaes, Anton (1987):
Deutschlandbilder. Die Wiederkehr der
Geschichte als Film
. München. S. 207. Aus psychologischer Sicht: Welzer, Harald (2002):
Das kommunikative
Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung
. München. S. 178-192.
19 Neitzel untersuchte den Wissenserwerb bei Probanden verschiedener Altersklassen und Bildungshintergründe
(Schüler, Studenten, Seniorstudenten), nachdem er ihnen eine Dokumentation von Guido Knopp vorgeführt
hatte. Das Ergebnis: Je ausgeprägter das Vorwissen zu dem Thema ist, desto weniger lassen sich die Probanden
beeinflussen. Festgefahrene Meinungen lassen sich durch die Dokumentation nicht verändern. Vgl. Lahme, Til-
mann (2008): ,,Geschichte im Fernsehen. Hitlers Trommler und die Leichenfledderei". In:
Frankfurter Allgemei-
ne Zeitung
. 03.01.2008. S. 36.
7
fluss auf das Geschichtswissen der Zuschauer ausübt:
,,However unfortunate, it appears likely
that even well-educated Americans are learning most of their history from film and televisi-
on"
20.
Wie verhält es sich nun mit dem Holocaust im Spielfilm? Die dargestellten Entwick-
lungen zwischen Geschichtswissenschaft und historischem Spielfilm lassen sich allgemein
auch auf das Thema des Holocaust übertragen. Fand die filmische Umsetzung des jüdischen
Schicksals im Dritten Reich früher nur vereinzelt tiefergehende Aufmerksamkeit durch Histo-
riker, so ist die Zahl seriöser Forschungsliteratur in den letzten Jahren rasant gewachsen, was
mit dem Anstieg historischer Filmproduktionen zu erklären ist. Hier war es primär wieder der
angloamerikanische Sprachraum, der seit Mitte der 80er Jahre und dann vor allem seit Beginn
des 21. Jahrhunderts einen Hauptteil der Forschungsarbeit geleistet hat. Exemplarisch sei an
dieser Stelle auf Historiker wie Lawrence Baron21 und Omer Bartov22 hingewiesen, die mit
ihren 2005 erschienenen Werken eine Bestandsaufnahme des Holocaust im Spielfilm vorge-
legt haben. Annette Insdorf23 und die 2002 verstorbene Judith Doneson24 sind zwei weitere, in
der Sekundärliteratur oft zitierte Expertinnen auf diesem Gebiet. Ihre Veröffentlichungen
werden auch in dieser Arbeit Berücksichtigung finden.
In Deutschland ist es in den letzten Jahren von Seiten der Forschung ebenfalls zu ei-
nem verstärkten Interesse am Medium Film und damit einhergehend der Darstellung des Ho-
locaust gekommen. Exemplarisch seien auch hier nur einige Namen genannt: Bettina Bann-
asch und Almuth Hammer betätigten sich als Herausgeber eines Sammelbandes mit Einzel-
beiträgen zum allgemeinen Umgang mit dem Holocaust durch die Medien und dem daraus
erwachsenden Spannungsfeld25. Der Historiker Frank Bösch, der seinen Forschungsschwer-
punkt in der Medien- und Kommunikationsgeschichte angesiedelt hat, ist in jüngerer Zeit mit
mehreren Fachaufsätzen der Frage nach der Thematisierung des Dritten Reiches und des Ho-
locaust durch das Medium Film nachgegangen. Auch diese deutschen Forscher werden im
Verlauf dieser Arbeit berücksichtigt werden.
20 O′Connor, John (1988): ,,AHR Forum History in Images / Images in History: Reflections on the Importance
of Film and Television Study for an Understanding of the Past". In:
American Historical Review
93:5 (1988). S.
1201.
21 Baron, Lawrence (2005):
Projecting the Holocaust into the Present. The Changing Focus of Contemporary
Holocaust Cinema
. Lanham, Boulder, New York u.a.
22 Bartov, Omer (2005):
The `Jew′ in Cinema. From The Golem to Don′t Touch My Holocaust
. Bloomington /
Indianapolis.
23 Insdorf, Annette (2003):
Indelible Shadows. Film and the Holocaust
. 3. erweiterte Auflage. Cambridge.
24 Doneson, Judith (2002):
The Holocaust in American Film
. 2. Auflage. Syracuse.
25 Bannasch, Bettina und Almuth Hammer (Hrsg.) (2004):
Verbot der Bilder Gebot der Erinnerung. Mediale
Repräsentationen der Schoah
. Frankfurt am Main / New York.
8
1.2 Fragestellung
und
Aufbau der Arbeit
Nachdem im vorangegangenen Kapitel grundlegende Forschungsmöglichkeiten des
Historikers im Bereich des historischen Films vorgestellt wurden und bisherige Tendenzen bei
der Behandlung desselbigen durch die Geschichts- und Medienwissenschaft Erwähnung fan-
den, soll an dieser Stelle nun der Fokus auf den Holocaust gerichtet werden. Dem Titel dieser
Arbeit gemäß wird daher in den folgenden Kapiteln der Frage nachgegangen werden, wie sich
der Spielfilm als ein primär der Unterhaltung dienendes Medium in Kino und Fernsehen die-
sem sensiblen und dabei so komplexen Thema angenähert hat.
Aus methodischen Gesichtspunkten gliedert sich die Arbeit in drei Teile: In einem ers-
ten, eher theoretischen Abschnitt wird zunächst kurz auf das Spannungsverhältnis eingegan-
gen, das sich seit Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Befürwortern und Gegnern der Dar-
stellung des Holocaust durch das Medium Film entwickelt hat. Im Anschluss daran wird eine
Definition des Begriffes ,,Holocaustfilm" gegeben, die für die weitere Auseinandersetzung
mit diesem Thema notwendig erscheint.
Danach folgt eine ausführlichere Behandlung der Umsetzung des Holocaust aus film-
historischer Perspektive. Hierbei soll es vor allem um die Frage gehen, wie sich die Wahr-
nehmung der deutschen Verbrechen zur Zeit des Dritten Reichs im Verlauf der letzten 60 Jah-
re im historischen Spielfilm widerspiegelt, wie aber andererseits auch der Film zu dieser
Wahrnehmung und ihrer Veränderung schrittweise beitragen konnte.
Im letzten Teil der Arbeit, der eher praktisch orientiert sein wird, werden exemplarisch
vier Filme mit einer Holocaustthematik vorgestellt. Es sind dies MUTTERS COURAGE (BRD /
Großbritannien / Österreich, 1995), HITLERJUNGE SALOMON (BRD / Frankreich / Polen,
1990), DER PIANIST (Frankreich / BRD / Großbritannien / Polen, 2002) und DIE GRAUZONE
(USA, 2001). Diese Produktionen unterscheiden sich im Inhalt ihrer Filmhandlungen und
deren Darstellungsformen voneinander, weisen aber wie gezeigt werden wird durchaus
auch Gemeinsamkeiten auf.
Nach grundlegenden Informationen zu den Filminhalten, der Entstehung und Rezepti-
on der Filme, wird es Gegenstand einer Untersuchung sein, herauszufinden, in welcher Weise
die Schrecken der Verfolgung, Inhaftierung und Vernichtung der jüdischen Opfer in diesen
Werken umgesetzt wurden. Auch die Frage, mit welchen Mitteln diese Produktionen versu-
chen, die von ihnen dargestellte filmische Realität zu authentifizieren, wird in diesem Zu-
9
sammenhang eine wichtige Rolle spielen26. Ein Vergleich der Filme unter den genannten As-
pekten soll dann dazu dienen, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen ihnen in Be-
zug auf die Thematisierung des Holocaust herauszustellen.
26 Zur Methodologie dieser Untersuchung siehe Kapitel 4.1 dieser Arbeit.
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