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Human interest story

Scholarly Research Paper, 2008, 10 Pages
Author: Dr. Ekkehart Mittelberg
Subject: Communications: Theories, Models, Terms and Definitions

Details

Tags: Human
Category: Scholarly Research Paper
Year: 2008
Pages: 10
Bibliography: ~ 3  Entries
Language: German
Archive No.: V117651
ISBN (E-book): 978-3-640-20889-0
ISBN (Book): 978-3-640-20961-3
File size: 107 KB

Abstract

Diese Darbietungsform in der Presse stellt das Schicksal einer Identifikationsfigur in den Mittelpunkt des Berichts (human interest) und berichtet/erzählt eine Begebenheit (story), die der Leser als typisch für dieses Schicksal rezipieren soll. Sie beansprucht einen großen Flächenanteil in der Boulevardpresse (BP), Regenbogenpresse (RP), Illustrierten und dringt auch zunehmend in die sog. seriöse überregionale Presse (z.B. 'Der Spiegel'). Die human interest story hat ihren Ursprung in den penny dailies des 19. Jhs. Für ihre Leser wurden die news in erzählende stories verpackt und aufbereitet 'in the language of the street'. Noch um die Jahrhundertwende konnten die Empfänger der stories kaum lesen; jedenfalls waren sie nicht Leser der für sie kostspieligen daily-news-papers. Die 'Yellow Press' entwickelte die h. i. st. weiter und sprach damit neue Leserschichten an: Frauen und Einwanderer - Frauen durch die love stories und Warenhaus-Anzeigen, die Einwanderer durch Bilder und kurze Wörter, Syntagmen, Sätze. Die frühe h. i. st. in der 'Yellow Press' war geprägt durch märchenhafte Züge und eine Wirklichkeitsauffassung, die die Erwartungshaltung ihrer Leser erfüllte.


Fulltext (computer-generated)

Ekkehart Mittelberg

Human Interest Story

Begriff und Funktion

Diese Darbietungsform in der Presse stellt das Schicksal einer Identifikationsfigur in den

Mittelpunkt des Berichts (human interest) und berichtet/erzählt eine Begebenheit (story), die der

Leser als typisch für dieses Schicksal rezipieren soll. Sie beansprucht einen großen Flächenanteil

in der Boulevardpresse (BP), Regenbogenpresse (RP), Illustrierten und dringt auch zunehmend

in die sog. seriöse überregionale Presse (z.B. ′Der Spiegel′). Die human interest story hat ihren

Ursprung in den penny dailies des 19. Jhs. Für ihre Leser wurden die news in erzählende stories

verpackt und aufbereitet ′in the language of the street′. Noch um die Jahrhundertwende konnten

die Empfänger der stories kaum lesen; jedenfalls waren sie nicht Leser der für sie kostspieligen

daily-news-papers. Die ′Yellow Press′ entwickelte die h. i. st. weiter und sprach damit neue

Leserschichten an: Frauen und Einwanderer - Frauen durch die love stories und Warenhaus-

Anzeigen, die Einwanderer durch Bilder und kurze Wörter, Syntagmen, Sätze. Die frühe h. i. st.

in der ′Yellow Press′ war geprägt durch märchenhafte Züge und eine Wirklichkeitsauffassung,

die die Erwartungshaltung ihrer Leser erfüllte.

Motive/Stoffe

Auch heute noch interessieren sich die Leser der human interest stories viel mehr für Personalia

und Einzelschicksale als für den gesellschaftlichen Ursachenzusammenhang, aus dem sie

hervorgehen und für den sie in unverzerrter Form repräsentativ sein könnten. Bevorzugt werden

dabei die romantisierend dargestellte Lebensweise der Reichen, der Stars. der Prominenz

schlechthin, präsentiert werden aber auch seit den Anfängen schon und in der BP zunehmend

mehr stories über die Lebensform der Armen und vereinsamten Menschen, soweit sie durch

Scheinlösungen Identifikationsangebote für den Leser enthalten. Typisch ist, daß das Thema

Armut häufig mit Kriminalität verbunden wird, ohne dass der potentielle Kausalzusammenhang

offen gelegt wird. Die dominierenden Motive liegen auf einer vordergründig

psychologisierenden Ebene und werden als naturwüchsig unveränderbar hingestellt, z. B.

enttäuschte Liebe, Hass, Eifersucht, Mitleid, Ruhmsucht, Habsucht.

1


Identifikationsfiguren

Für die Regenbogenpresse ist der soziale Abstand der Identifikationsfiguren (Adel oder

prominente Stars) typisch (Schäfer). In der Boulevardpresse kann auch ein Mensch, der

unverdienterweise ′vom Schicksal geschlagen′ wurde, zur Identifikationsfigur werden. Wichtig

ist hier jedoch, daß das anonyme Schicksal bzw. anonym dargestellte Institutionen wie die

Bürokratie für das Unglück des ′Helden′ verantwortlich gemacht werden und dass nicht die

konkretisierte Sozialpolitik des jeweils Herrschenden kritisiert wird. Nicht nur wegen der

Verschleierung der Verantwortung für Sozialfälle in der Boulevardpresse, sondern auch wegen

der Tendenz zum Autoritäten in der Regenbogenpresse ist die h. i. st. eine antidemokratische

Darstellungsform. Die aus der Oberschicht stammenden Identifikationsfiguren in der RP bieten

dem Leser autoritäre Verhaltensmuster an. Schäfer erklärt von der sozialen Instabilität (z. B.

Arbeitslosigkeit) der Unterschicht her deren Anpassungsbedürfnis an Normen der Mittel- und

Oberschicht, die in größerer sozialer Sicherheit leben.

Human Interest Stories und Realitätsferne

Die h. i. st. erweist sich insbesondere durch ihre Realitätsferne bzw. Scheinrealität als

entpolitisierende Darbietungsform. Der Eindruck von Wirklichkeitsflucht drängt sich

beispielsweise bei den stories in der RP dadurch auf, daß alle Lebensumstände der

Identifikationsfiguren besonders hervorgekehrt werden, die einen feudalistischen bzw. feudalen

Lebensstil suggerieren. Fakten und Kräfte hingegen, die sich aus deren Leben in einer

hochindustriellen Gesellschaft ergeben, werden weitgehend ausgeklammert. Das Kriterium der

Realitätsferne gilt auch für die BP, die den sog. ′kleinen Mann′ zum Helden in zufälligem

sozialen Aufstieg (z. B. Lottogewinn) oder in schicksalhafter Bedrohung (z. B. wirtschaftliche

Krisen) macht und durch Individualisierung das gesellschaftliche Umfeld völlig ausklammert

oder verzerrt.

Nachrichtenwert

In der BP und der RP ist er wegen der starken Unterhaltungskomponente, der Newsarmut und

der Realitätsferne sehr gering. Der Leser gewinnt keinen Einblick in den gesellschaftlichen

Hintergrund des oberflächlich dargestellten Ereignisses, weil die Handlung drastisch

individualisiert wird und weil gesamtgesellschaftliche Konflikte auf Primärgruppenkonflikte

reduziert werden. - Die h. i. st. in der Zeitschrift ′Der Spiegel′ heben sich zwar durch einen

höheren Grad an direkter politischer Relevanz von denen in der RP und in der BP ab. Aber auch

hier wird der gesellschaftliche, politische und ökonomische Faktorenzusammenhang extrem

2


personalisiert. Außerdem gilt prinzipiell auch für das Nachrichtenmagazin die Vermischung von

Information und Unterhaltung sowie von Information und Werbung (Zoll/Henning).

Möglichkeiten der Umfunktionierung der h. i. st.

Angesichts stabilisierter Leserhaltung und Lesererwartung lässt sich die Human Interest Story

nicht mehr aus der Presse entfernen. Man sollte sie aber allmählich mit aufklärerischen

Informationen anreichern und sie in eine kritische Reflexion der news einmünden lassen. Das

schließt nicht aus, im Hinblick auf den politisch weniger interessierten Leser den Aufhänger aus

dem Bereich des human interest zu wählen und die gebotene Abstraktion der Darstellung durch

Anschaulichkeit und Schlichtheit der Sprache aufzulockern.

Zwei repräsentative Beispiele

Es wurde oben erwähnt, dass das Prinzip ,,human interest" zunehmend mehr in überregionale

Tageszeitungen und Zeitschriften eindringt, also dass der Einstieg in eine allgemeine Darstellung

über das mehr oder weniger repräsentative Schicksal einer Einzelperson gewählt wird.

Auf der Suche nach repräsentativen Beispielen für eine geschlossene Human Interest Story

empfiehlt es sich, in der Boulevardpresse nachzusehen.

Um festzustellen, ob die Storys einem Wandel unterworfen sind, interpretieren wir zwei

Beispiele, eines aus der Bild-Zeitung von 1968 und eines aus bild.de von 2008.

Text 1 Bild, 16. 5. 1968, S. 3

Die Frau mit der Häftlingsnummer 99 wurde begnadigt.

Bevor sie das Gefängnis verließ, musste sie für die Freiheit ,trainieren′.

Nach 20 Jahren ein zweites Leben

Das Tor öffnete sich. Dann sagte sie: "Die wunderbare Sonne! ­ Ich freue mich auf blühende

Gärten."

1 Die Insassin in der Zelle 9 der Frauenhaftanstalt Frankfurt-Preungesheim erwachte gestern

Morgen nach genau 20 Jahren, 73 Tagen und 21 Stunden Zuchthausaufenthalt vor einem weiß

gedeckten Tisch. Auf ihm standen Erdbeerkuchen, Schlagsahne und dampfender Kaffee.

3


2 Die Sonne schien durch die Zellenfenster. Eine Wärterin stellte frische Feldblumen auf den

Tisch. Eine zweite Wärterin brachte der Frau ein beigefarbenes Kostüm und einen Staubmantel.

3 Es war 5.30 Uhr. Es waren die ersten Minuten der Freiheit für die begnadigte Giftmörderin

Hilde Göpel (66) aus Runkel (Lahn), für die sich jetzt die Zuchthaustore öffneten.

Ein kleiner Koffer

4 Mit einem kleinen Koffer in der Hand verließ sie eine Stunde später die Frauenhaftanstalt. Sie

sagte: ,,Die Sonne, die wunderbare Sonne. Ich freue mich auf die blühenden Gärten."

5 Die Anstaltsleiterin, Oberregierungsrätin Dr. Helga Einsele: ,,Sie war eine stille, bescheidene

Frau, die für ihre Tat schwer gebüßt hat."

6 Hilde Göpel war im Herbst 1947 vom Schwurgericht Limburg wegen Giftmordes an ihrem

Ehemann Otto zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. Das Gericht sah es damals als

erwiesen an, dass sie ihrem Mann heimlich Strychnin in den Kaffee gemischt hatte, um ihn

loszuwerden. Als Motiv stellte das Gericht dar: Hilde Göpel wollte ungestört mit ihrem

Liebhaber, einem Lebensmittelhändler, zusammenleben.

7 Zunächst gestand Hilde Göpel, dann widerrief sie und beteuerte: ,,Ich bin unschuldig." Im

Februar 1948 schlossen sich die Zuchthaustore hinter ihr. Sie bekam die Häftlingsnummer 99.

8 Nach 20 Jahren wurde sie begnadigt. Anstaltschefin Dr. Einsele: ,,Als sie das Schreiben des

hessischen Justizministeriums erhielt, begann sie zu weinen."

9 Seitdem war Hilde Göpel wie ein junges Mädchen darum besorgt, in einem schönen Kleid und

gut frisiert ihren Weg in die Freiheit anzutreten.

10 Mit Erlaubnis des Justizministers durfte Hilde Göpel für ihre Freiheit ,trainiert′ werden.

Anstaltschefin Dr. Einsele: ,,Sie erhielt Verkehrsunterricht. Sie musste wieder lernen, dass man

nur bei Grün über die Straße gehen darf."

11 Fünfmal durfte die Frau aus dem Zuchthaus mit einer Anstaltsbeamtin sogar zwei Stunden

lang durch Frankfurt bummeln. Viermal saßen die Beamtin und Hilde Göpel in einem kleinen

Frankfurter Straßencafé bei Kaffee und Kuchen.

Alles ist anders

12 Die Anstaltschefin: ,,Frau Göpel sollte sehen, wie sich die Menschen in den 20 Jahren, in

denen sie in Haft war, geändert haben."

13 Für ihre Entlassung schneiderte sich Hilde Göpel ein Kostüm. Von ihren Ersparnissen kaufte

sie sich Wangenrouge.

14 Einen Tag vor ihrer Entlassung lud sie ihre Zellennachbarinnen zu einer kleinen

Abschiedsfeier ein. Anstaltschefin Dr. Einsele: ,,Ich hielt eine kleine Ansprache. Frau Göpel

weinte. Dann tranken die Frauen Kaffee und aßen Marmorkuchen. Es war richtig rührend."

4


15 Noch ein letztes Mal gab es dann für die begnadigte Giftmörderin am Abend vor ihrer

Entlassung Gefängniskost: Käse, Jagdwurst, Margarine und Brot.

16 Als sie gestern die Strafanstalt verlassen durfte, wurde sie von einer Fürsorgerin zum Tor

gebracht. Hilde Göpel: ,,Auf Wiedersehen. Besuchen Sie mich mal auf eine Tasse Kaffee."

Daheim ein Enkel

17 Vor dem Tor wartete ihr Sohn, ein Vorarbeiter aus Friedberg (Hessen). Er ist verheiratet und

hat einen Jungen. Auf ihren Enkel freut sich Hilde Göpel besonders.

18 Die Frau, die 20 Jahre hinter Gittern gelebt hat, fürchtet sich nicht vor der Zukunft. Sie hat in

ihrem Heimatort Runkel ein kleines Haus. Nachbarn haben ihr Möbel und Küchengeräte zur

Verfügung gestellt.

19 Obwohl Hilde Göpel für ihre Arbeit im Zuchthaus pro Tag nur eine Mark verdiente, hat sie

rund 1000 Mark gespart.

20 Die Frau, deren Gesicht in der Haft ruhig und freundlich geworden ist: ,,Das Geld ist für

meinen kleinen Enkelsohn."

Interpretation

Typisch für Text 1 sind Telegramm - Schlagzeilen, die den Inhalt zusammenfassen und das

Lesen erleichtern. Zwischenüberschriften verschaffen einen Überblick über den Aufbau des

Artikels.

Sprache:

Die Adjektive erzeugen die Atmosphäre einer Idylle und täuschen über die Schwierigkeit der

Resozialisierung sowie über die teilweise zur Entstehungszeit des Artikels katastrophalen

Zustände in bundesdeutschen Zuchthäusern (Klingelpütz!) hinweg. (,,Wunderbare Sonne,

blühende Gärten, weiß gedeckter Tisch, dampfender Kaffee, frische Feldblumen, schönes Kleid,

gut frisiert, ruhig und freundlich")

Die Nomina erfüllen die Funktion, das Bedürfnis der Konsumenten der human interest story

nach anschaulicher Konkretisierung zu befriedigen, eine Konkretisierung, die der Abstrahierung

vom Individuellen, Besonderen zum Reformbedürftigen, hier der Resozialisierung im

Allgemeinen, entgegenwirkt.

die wörtliche Rede: Die Aussagen der begnadigten Giftmörderin sind Mitleid erregend und

zeugen von ihrer völligen Bereitschaft zu konstruktivem Verhalten in der Freiheit (20). Die

Äußerungen der Anstaltsleiterin offenbaren Verständnis für die reuige Sünderin (5), deuten

sentimentale Public relations für eine menschliche Justiz an (8), zeugen von den

5


Resozialisierungsbemühungen des Gefängnisses (10, 12) und verweilen bei rührseligen Details

(14). Insgesamt zeichnet die wörtliche Rede ein Bild von der pädagogischen Provinz deutscher

Pestalozzi-Gefängnisse.

Erzählhaltung und Milieu: Der Charakter der Story wird durch das Präteritum unterstrichen. Die

Häftlingsnummer verweist auf eine harte Realität, die aber durch den Kontext wieder

aufgehoben wird (Häftlingsnummer 99, aber Kaffeeklatsch). Die human interest story macht aus

der Frau mit der Häftlingsnummer 99 einen Menschen, nämlich Hilde Göpel. Das Zuchthaus

erscheint auf der einen Seite als Anstalt der Sühne, in der die Häftlinge eine ausreichend lange

Zeit, dargestellt in Jahren, Tagen und Stunden, für ihr Vergehen büßen müssen. (1) Auf der

anderen Seite wird es als vorbildliche Stätte der Resozialisierung dargestellt: Eine Kaffeetafel

und frische Feldblumen zum Abschied (1 und 2), das einfühlsame Training für die Freiheit (10

und 11), die Abschiedsfeier mit den anderen Zuchthausinsassinnen (14), die Begleitung zum Tor

durch die Fürsorgerin (16), die Verwandlung der Giftmörderin zu einem ruhigen und

freundlichen Menschen (20).

Der Text lässt ein kleinbürgerliches Milieu entstehen, das dem Leser der Boulevardpresse

erlaubt, die durch Buße gewandelte Giftmörderin in seine Vorstellungswelt aufzunehmen:

,,beigefarbenes Kostüm und Staubmantel" (2); ,,in einem kleinen Frankfurter Straßencafé" (11);

,,von ihren Ersparnissen kaufte sie sich Wangenrouge (13); ,,...ihr Sohn war ein Vorarbeiter aus

Friedberg (Hessen)" (17); sie hat in ihrem Heimatort Runkel ein kleines Haus" (18); ,,... hat sie

rund 1000 Mark gespart" (19).

6


Text 2 www.bild.de, 9. 10. 2008

Quelle:

http://www.bild.de/BILD/news/kolumnen/2008/london/10/06/queen-mum-ex-butler-paul-kidd-

als-kinderschaender-ueberfuehrt.html

[Um Probleme mit dem Copyright zu vermeiden, wird hier auf den Abdruck des über das

Internet leicht zugänglichen Textes verzichtet.]

Gleich beim ersten Lesen von ,,Der Knabenschänder vom Königshof" wird deutlich, dass BILD

an dem Stil seiner Human Interest Stories nach 40 Jahren wenig geändert hat.

Mit der Schlagzeile wird der Blick gleich auf eine Einzelperson gelenkt und ein sensationeller

Gegensatz zwischen dem als seriös geltenden britischen Königshof und dem skandalösen

Knabenschänder aufgebaut.

In dem fett gedruckten Aufhänger zeigt sich, dass der Human-interest-Gehalt dieser Story

verdoppelt wird. Durch die positive Kontrastfigur Queen Mum knüpft diese human interest

story sowohl an den für diese Textsorte typischen Geschichten über ,,Prominente aus

Königshäusern" an als auch mit Paul Kidd an dem beliebten Genre ,,sex and crime."

Im ersten Abschnitt wird die Beliebtheit der Queen Mum (,,viel geliebte ,Oma der Nation′") als

Folie genutzt, um das Verbrechen des Knabenschänders Paul Kidd noch grässlicher erscheinen

zu lassen. Mit den Nomina wird die Antithese der Schlagzeile fortgeführt: die alte Dame - der

Schuljunge; der Freund - das Opfer.

Im zweiten Abschnitt wird der Kontrast zwischen dem Knabenschänder und dem Königshof

weiter verschärft. Dem ,,perversen Bisexuellen" stehen jetzt weitere bei den Lesern von Human

Interest Stories ,,angebetete" Mitglieder des Königshauses gegenüber, nämlich Prinzessin Diana

und der Thronfolger Charles, denen Kidd nach eigener Aussage die Etikette beigebracht habe

und die versucht hätten, ihn abzuwerben. Dass auch sie sich angeblich von dem Blender betören

ließen, soll seine Gefährlichkeit demonstrieren.

Im dritten und vierten Abschnitt wechselt der Erzähler von der Täter- zur Opferperspektive.

Auffällig ist, dass die Opferperspektive nicht dominant wird, weil der Blick auf den Täter mehr

Sensation verspricht.

Die Angaben der Nummer des PC von Kidd sowie von dessen Passwort täuschen eine exakte

Recherche der Bild-Zeitung vor. Das Passwort ,,Corgi" soll noch einmal Kidds enge Bindung an

das Königshaus unterstreichen.

Im fünften Abschnitt wird deutlich, dass sich die ,,Welle" der Kidd zur Last gelegten

Sexualverbrechen weitgehend auf Vermutungen der Polizei gründet: ,, ...wahrscheinlich nur die

Spitze des Eisbergs. Es ist durchaus möglich..." Dass Kidd zum Beispiel zu den Tätern gehört,

7


die sich im Kinderheim Haut De La Garenne vergangen haben, ist ebenfalls eine nicht belegte

Vermutung. Es ist aber typisch für die Human Interest Story, diese einzubeziehen, weil dadurch

der Pädophile noch verabscheuungswürdiger erscheint.

Die Abschnitte 6-8 zeigen, mit welchen Methoden Kidd sich angeblich an seine Opfer

heranmachte und wie er dabei insbesondere seine ,,Hof-Karriere" nutzte. Dass er karitative

Einrichtungen missbrauchte und sich immer wieder hinter dem Ruf des Königshofs verschanzte,

um ahnungslose Kinder zu verführen und Geld zu machen, lassen ihn als besonders

niederträchtigen Verbrecher erscheinen.

Der neunte Abschnitt hat die Funktion, Kidd anhand seiner - von dem Autor des Artikels nicht

überprüften - Behauptungen zu seinen herausragenden Tätigkeiten als Hochstapler zu

diskreditieren, als würde die Tatsache der Kinderschändung nicht ausreichen, ihn als Scheusal

hinzustellen. Die damit verbundene Absicht ist, den Sensationsgehalt der Story mehrfach zu

potenzieren.

Der Abschluss der Story verschafft den an Sühne der ,,ekelhaften Verbrechen" interessierten

LeserInnen Genugtuung mit der Bemerkung, dass Kidd bis auf weiteres nur noch hinter

Knastmauern angeben könne.

Auch diese Human Interest Story führt nicht über den Einzelfall hinaus, um ausgehend vom

Straftäter Paul Kidd den Blick der LeserInnen auf allgemeine Probleme der Pädophilie zu

lenken, zum Beispiel auf ihre Verbreitung in unterschiedlichen sozialen Schichten, auf

Aufklärung von Eltern über die Orte und Praktiken, die Pädophile im Allgemeinen zur

Verführung von Kindern nutzen, auf die vorherrschende Rechtsprechung über pädophile

Straftäter und die mit ihrer Resozialisierung verbundenen Risiken.

8


Literaturangaben

- McGill Hughes, H.: Human Interest Stories and Democracy. In: Berelson, B. / Janowitz, M.

(Ed.): Reader in Public Opinion and Communication. Glencoe (Illinois) 1953

- Schäfer, H.: Schichten- und gruppenspezifische Manipulation in der Massenpresse. In:

Brokmeier, P.: Kapitalismus und Pressefreiheit. Frankfurt/M 1969

- Zoll, R./Henning, E.: Massenmedien und Meinungsbildung. München 1970

Erstveröffentlichung des ersten Teils dieses Beitrags ohne die zwei repräsentativen Beispiele in:

Ernst Nündel: Lexikon zum Deutschunterricht. Beltz-Verlag (Beltz Grüne Reihe), 3., unveränd.

Aufl. 01.07.1992. Übernahme mit Genehmigung des Beltz-Verlags

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