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Über das Geistige in der Kunst - Wassily Kandinsky

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 24 Pages
Author: Margarete Roewer
Subject: Theology - Miscellaneous

Details

Event: Spuren des Religiösen in zeitgenössischer Literatur und Kunst
Institution/College: Free University of Berlin (Katholische Theologie)
Tags: Geistige, Wassily, Kandinsky, Spuren, Religiösen, Literatur, Theologie, Kunst
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 24
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 4  Entries
Language: German
Archive No.: V117657
ISBN (E-book): 978-3-640-20044-3
ISBN (Book): 978-3-640-20719-0
File size: 149 KB

Abstract

Kandinskys abstrakte Malerei kann schnell nur als eine Zusammenführung irgendwelcher farbiger Linien oder Flächen betrachtet werden. Manchen erscheint sie sogar als hässlich, sinnlos und geistlos. Man könnte vielleicht sogar soweit gehen und Abstraktion als eine Zerstörung des Lebendigen sehen. Kandinsky hingegen sieht in der abstrakten Kunst das Geistige und somit auch das Religiöse. Aber was genau meint Kandinsky mit abstrakt? Das Abstrakte bildet in seinen Ausführungen den Gegensatz zum Gegenständlichen. Er versteht darunter folglich eine gegenstandlose Kunst. „...je mehr die organische Form zurückgetrieben wird, desto mehr dieses Abstrakte von selbst in den Vordergrund tritt...“. Allerdings definiert er den Begriff des Abstrakten nicht wirklich konkret. Es wird aber in seinen Ausführungen deutlich werden, dass er das Abstrakte für die wahre Realität hält. So soll seines Erachtens ein Kunstwerk nicht einfach nachahmen, sondern zu den geistigen Ursachen hinaufsteigen, aus denen die Natur stammt. Kandinsky brach also mit der naturalistischen Tradition. Er setzte einen neuen Maßstab, wobei nicht nur das als real und als absolut wahr erachtet wird, was man sehen und wissenschaftlich belegen kann, sondern das es noch etwas gibt, was darüber hinaus geht. Das Abstrakte könnte man hier auch eine Relativierung nennen oder eine Verschlüsselung des Gegenstandes. Für Kandinsky hat das Abstrakte „reine Formen“, „reine Farben“ und „reine Flächen“ und somit impliziert das auch für ihn die „reine Schönheit“. Er spricht hier auch von „reinen malerischen Mitteln“, welche der Künstler für sein Werk verwendet. Das Reine meint hier das Konkrete, Definierte und Unvermischte. Die Farben sind immer in eine Form oder Fläche eingebettet und stets unifarben, niemals gemischt oder gar gemustert. Auch die Formen und Flächen sind klar und deutlich abgegrenzt, um sich und den Betrachter somit nicht abzulenken oder gar abschweifen zu lassen, sondern es soll ein meditatives Versinken ermöglichen und Kontemplation fördern. Die Reinheit wird gewonnen durch das Absehen vom Äußerlichen oder Äußeren. Also das Freisein von Nebensächlichen. Nur das Abstrakte zeigt und ermöglicht erst das Reale, die reine Wirklichkeit und Wahrheit. [..]


Excerpt (computer-generated)

Inhaltsverzeichnis

I.

Einleitung 2

1.1 Problemstellung 2

1.2 Methodischer Zugang 5

II. Hauptteil 6

2.1 Zum Begriff des Religiösen nach Thomas Luckmann 6

2.2 Zur Begrifflichkeit von Kunst 11

2.3 Die Kunsttheorie von Wassily Kandinsky 12

III.

Schluss 20

IV.

Literaturverzeichnis 23


I. Einleitung

1.1 Problemstellung

Kandinskys abstrakte Malerei kann schnell nur als eine Zusammenführung

irgendwelcher farbiger Linien oder Flächen betrachtet werden. Manchen erscheint

sie sogar als hässlich, sinnlos und geistlos. Man könnte vielleicht sogar soweit gehen

und Abstraktion als eine Zerstörung des Lebendigen sehen. Kandinsky hingegen

sieht in der abstrakten Kunst das Geistige und somit auch das Religiöse.

Aber was genau meint Kandinsky mit abstrakt? Das Abstrakte bildet in seinen

Ausführungen den Gegensatz zum Gegenständlichen. Er versteht darunter folglich

eine gegenstandlose Kunst.

,,...je mehr die organische Form zurückgetrieben wird,

desto mehr dieses Abstrakte von selbst in den Vordergrund tritt...".

1 Allerdings

definiert er den Begriff des Abstrakten nicht wirklich konkret. Es wird aber in seinen

Ausführungen deutlich werden, dass er das Abstrakte für die wahre Realität hält. So

soll seines Erachtens ein Kunstwerk nicht einfach nachahmen, sondern zu den

geistigen Ursachen hinaufsteigen, aus denen die Natur stammt.2 Kandinsky brach

also mit der naturalistischen Tradition. Er setzte einen neuen Maßstab, wobei nicht

nur das als real und als absolut wahr erachtet wird, was man sehen und

wissenschaftlich belegen kann, sondern das es noch etwas gibt, was darüber hinaus

geht. Das Abstrakte könnte man hier auch eine Relativierung nennen oder eine

Verschlüsselung des Gegenstandes.

Für Kandinsky hat das Abstrakte ,,reine Formen", ,,reine Farben" und ,,reine

Flächen" und somit impliziert das auch für ihn die ,,reine Schönheit". Er spricht hier

auch von

,,reinen malerischen Mitteln"

3, welche der Künstler für sein Werk

verwendet. Das Reine meint hier das Konkrete, Definierte und Unvermischte.

Die Farben sind immer in eine Form oder Fläche eingebettet und stets unifarben,

niemals gemischt oder gar gemustert. Auch die Formen und Flächen sind klar und

deutlich abgegrenzt, um sich und den Betrachter somit nicht abzulenken oder gar

abschweifen zu lassen, sondern es soll ein meditatives Versinken ermöglichen und

Kontemplation fördern. Die Reinheit wird gewonnen durch das Absehen vom

Äußerlichen oder Äußeren. Also das Freisein von Nebensächlichen.4 Nur das

Abstrakte zeigt und ermöglicht erst das Reale, die reine Wirklichkeit und Wahrheit.

1

Kandinsky,

Wassily, Über das Geistige in der Kunst, Bern-Bümpliz5 1956, S. 73.

2

Ebd.

, S. 21.

3

Ebd.

, S. 50.

4

Kandinsky

, Wassily, Über das Geistige in der Kunst, Bern-Bümpliz5 1956, S. 78.

2


Und der Künstler sei geradezu zum abstrakten Malen verpflichtet, denn: ,,

Es gibt in

der Kunst keine vollkommene materielle Form."

5

Gereinigt von allen materiellen Dingen und durch das Verwenden von reinen

Mitteln, stellt sich also die Abstraktion dar. Wobei die Zuordnung der Farben zu den

Gegenständen überwiegend der natürlichen Ordnung folgt. Die Dächer werden rot

gemalt, der Himmel Blau, usw.. Das Reale ist bei Kandinsky immer das Geistige, die

nichtmaterielle Welt.

Was bezeichnet Kandinsky nun wiederum als schön? Das Schöne nimmt bei

Kandinsky für den Erkenntnisprozess eine besondere Rolle ein. Allerdings

distanziert sich der Maler hier vom ,,äußeren" Schönen. Nur das ,,innere" Schöne,

das auch ethische Werte beinhaltet, hat eine Bedeutung.

,,Das ist Schön, was

,,innerlich" schön ist..."6

Das ,,innere" Schöne entsteht also unter Verzicht auf das

gewohnte Schöne.

Der Künstler steht in der Pflicht der Kunst höheren Zwecken zu

dienen; er soll sich erziehen und die eigene Seele vertiefen, pflegen und entwickeln.7

Hier wird deutlich, dass es Kandinsky mehr als nur um Kunst oder die Erkenntnis

Gottes geht. Man könnte vielleicht sogar einen anthropologischen Ansatz erkennen,

wobei es um den konkreten Menschen geht. Die Seele soll verfeinert, bereichert und

verwandelt werden.

Der Mensch kann eine höhere Entwicklung durch die Kunst

erreichen, weil die Kunst

,,Potenzen der Zukunft in sich birgt"

8,

,,im

Dienste des

Göttlichen steht"

9 und

,,den Menschen in das Reich von Morgen führt."

10 Ein

eschatologischer Sinn der Kunst wird hier ebenso deutlich und somit könnte dies ein

Indiz für das Religiöse in seiner Kunst sein und soll überprüft werden.

Aber was bezeichnet eigentlich das Geistige bzw. das Religiöse im Konkreten?

Das wichtigste Kriterium der Kunstauffassung Kandinskys ist die Überzeugung, dass

die Kunst ein Weg zur Erkenntnis Gottes sein kann. Der Kunst wird hier eine

vermittelnde Rolle zwischen der göttlichen und menschlichen Welt zugeschrieben.

Es wird in meinen folgenden Ausführungen deutlich werden, dass Kandinsky nach

einem ,,neoplatonischen Bildkonzept" malt und denkt. Das abstrakte Bild wird als

Materialisation einer

a piori

existierenden Idee, also von einem Geist als Urheber des

5

Ebd.

, S. 71.

6

Ebd

., S. 137.

7

Ebd

., S. 135.

8

Ebd

., S. 26.

9

Ebd.

, S. 79.

10

Ebd.

, S. 39.

3


Werkes gesehen. Seine abstrakten Bilder sind folglich Darstellungen einer Idealität,

die nur er als Künstler wahrnehmen und vermitteln kann.

Prägnant ist, dass Kandinsky die Primärsetzung von Gefühl und Intuition gegenüber

Logik und Verstand als grundlegend in seiner Kunst begreift.

,,Sein offenes Auge soll

auf sein inneres Leben gerichtet werden und sein Ohr soll dem Munde

der

inneren

Notwendigkeit stets zugewandt sein. Dies ist der einzige Weg, das

Mystischnotwendige zum Ausdruck zu bringen."

11 Dies soll heißen, dass das Gefühl

oder die Intuition immer die letzte Instanz bleibt. Dabei ist die Vernunft, das

Bewusste, das Absichtliche. Nur wird dabei nicht der Berechnung, sondern stets dem

Gefühl recht gegeben.12 Das bedeutet, dass Kandinsky von einer Vernunft als einer

zweckgerichteten Bewusstheit ausgeht, die vom Gefühl determiniert ist. In dieser

Hinsicht reproduziert Kandinsky den platonischen Topos, demzufolge der Künstler

aus einer göttlichen Inspiration heraus schafft. Hier scheint es deshalb eine

Prädestination zu geben, denn nicht jeder Künstler gehört zu den Auserwählten und

nicht jeder Betrachter kann sich zur Erkenntnis des Geistigen emporschwingen. So

habe der Künstler eine höhere Gabe, die ihm oft ein schweres Kreuz sei, und der er

sich manchmal entledigen möchte.13 Und Verstehen sei Heranbildung des

Zuschauers auf den Standpunkt des Künstlers.14 Demzufolge müsste dem Betrachter

auch eine höhere Gabe zukommen. Das Verstehen, Erfassen und Schaffen von Kunst

ist folglich ein Gnadengeschenk Gottes.

Das Körperliche, d. h. gegenständliche Formen werden also durch abstrakte Formen

ersetzt, indem der Künstler von seinem Gefühl oder eher von der göttlichen

Inspiration, ,,geführt" wird. So sagt Kandinsky entsprechend:

,,...dieses

Hineinkomponieren der rein abstrakten Form soll der einzige Richter, Lenker und

Abwäger das Gefühl sein."15

Und weiter:

,, In der Kunst geht nie die Theorie voraus,

und zieht die Praxis nach sich, sondern umgekehrt."16

Hier ist alles und ganz

besonders im Anfang Gefühlssache. Nur durch das Gefühl ist das künstlerisch

Richtige zu erreichen. So arbeite die Vernunft zwar mit, aber immer als sekundärer

Faktor.

11

Kandinsky

, Wassily, Über das Geistige in der Kunst, Bern-Bümpliz5 1956, S. 84.

12

Ebd

., S. 142.

13

Ebd.

, S. 27.

14

Ebd

., S. 26.

15

Ebd.

, S. 75.

16

Ebd.

, S. 84.

4


Kandinskys Kunsttheorie ist v. a. ,,Kunstwissenschaft". Sie zielt darauf ab, Gesetze

zu erschließen, z. B. die gesetzmäßigen Wirkungen der Farben in Zusammenstellung

mit bestimmten Formen oder mit anderen Farben, um daraus Regeln für die

Konstruktion und Komposition des Kunstwerkes abzuleiten. Diese Zielsetzung hat er

in seinen beiden Büchern

Über das Geistige in

der Kunst

und

Punkt und Linie zur

Fläche

verfolgt. Wobei ich hier im wesentlichen auf sein Buch

Über das Geistige in

der Kunst

eingehen werde.

Insgesamt könnte man sagen, dass die Grundthese Kandinskys davon ausgeht, dass

es das Geistige in der Kunst gibt, welches das Erkennen des Religiösen, oder

differenzierter ausgedrückt, das Erkennen Gottes ermöglicht.

Inwiefern ist nun das Geistige auch das Religiöse? Und ist es tatsächlich so, dass sich

das Geistige in der Kunst ,,abbilden" und ,,zeigen" kann? Hat Kandinsky tatsächlich

etwas Revolutionäres aufgedeckt, oder aber hat er einfach nur einen Kampf gegen

den wissenschaftlichen, den dialektischen Materialismus zu kämpfen versucht und

die Kunst als Mittel zum Zweck für seine politische, soziale und ethische Position

verwendet?

1.2 Methodischer Zugang

Die Kunsttheorie Kandinskys soll in ihrer Gesamtheit systematisch dargestellt und

analysiert werden. Es steht nämlich außer Frage, dass die genaue Analyse eine

unerlässliche Voraussetzung für das richtige Verständnis der Kunst Kandinskys ist.

Deshalb möchte ich im Hauptteil damit beginnen, die Begrifflichkeit des Religiösen

nach Thomas Luckmann darzulegen, um eine Definition dafür zu bekommen, was

das Religiöse meinen kann, insofern man das überhaupt klar formulieren und

bezeichnen kann. Ergänzend dazu wird ebenso versucht, eine Formulierung von

Kunst zu finden und diese darzulegen. Insgesamt muss aber gesagt werden, dass es

keine allgemeingültige Bezeichnung für das Religiöse und für die Kunst geben kann,

denn dann würde man diese als absolut darstellen. Und da man keine Kenntnis des

Absoluten haben kann, darf man hier keinen Absolutheitsanspruch erheben. Der

Mensch ist weder allwissend noch allmächtig, als dass er für sich die

uneingeschränkte Wahrheit beanspruchen kann. Vielmehr zeigt die Vielzahl der

verschiedenen Begrifflichkeiten und Interpretationsmöglichkeiten, wie facettenreich

und weitreichend die Definition von Kunst und dem Religiösen sein kann. Wobei die

Verwendung des Wortes Definition ja eigentlich auch schon wieder etwas

Definiertes und Ausformuliertes darstellt. Doch wenn man nicht klar definieren darf

5



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