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Subtitle: 3 Essays
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 20 Pages
Author: Bob Göhler
Subject: History - Postwar Period, Cold War
Details
Institution/College: Humboldt-University of Berlin (Institut für Geschichtswissenschaft)
Tags: Geschichtswissenschaft, Alte, Geschichte
Year: 2008
Pages: 20
Grade: 1,7
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-20126-6
ISBN (Book): 978-3-640-20647-6
File size: 205 KB
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Abstract
Die von Karl Marx in seinen ökonomischen Schriften dargelegte Theorie der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, die diese als einen auf sich wandelnden Produktions- und Besitzverhältnissen basierenden Prozess beschreibt, hat seit ihrer Entstehung viele Anhänger gefunden. In der DDR, die sich offiziell erst seit 1968 als sozialistischer Staat verstand, und sich ihrem Selbstverständnis als Kulmination der von Marx entworfenen historischen Entwicklung sah, wurde die Marxsche Geschichtskonzeption zentraler Bezugspunkt historischer Reflexionen auch und v. a. in den neu auf- und umgebauten historischen Forschungs- und Lehreinrichtungen. Der neu gegründete Staat DDR benötigte dringend eine wissenschaftlich-historische Legitimation für die Aufrichtung und „Vervollkommnung“ des Sozialismus in der DDR. Die Essays zeichnen diese und spätere Prozesse aus heutiger Perspektive sowohl am Einzelbeispiel E. C. Welskopfs, als späterer Historiker in der DDR nach.
Excerpt (computer-generated)
Humboldt Universität zu Berlin
Philosophische Fakultät II
Institut für Geschichtswissenschaften
HS 51114: Die Alte Geschichte in der DDR
Geschichtswissenschaft in der DDR
3 Essays
Bearbeiter Bob
Göhler
Studiengang: Ältere Deutsche Literatur /Alte Geschichte
Eingereicht am:
15.07.2008
Inhaltsverzeichnis
1
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 1
1
Formationentheorie in der Geschichtswissenschaft der DDR 2
2.
Hellenische Poleis -Zu Anspruch und Resultat E. C. Welskopfs Großprojekt 9
3.
Propaganda oder Geschichtswissenschaft ? - Methodische Probleme bei der
Analyse der Geschichtswissenschaft der DDR 14
1 Formationentheorie
in
der
Geschichtswissenschaft der DDR
2
1
Formationentheorie in der Geschichtswissenschaft
der DDR
,,Zum ersten Mal empfand ich klar die Logik der Weltgeschichte und konnte ich
die dem Anscheine nach so widerspruchsvollen Erscheinungen der Entwicklung der Gesellschaft
und der Ideen auf ihre materiellen Ursachen zurückführen."
1
Lafargue: Karl Marx. Persönliche Erinnerungen.
Die von Karl Marx in seinen ökonomischen Schriften dargelegte Theorie der
Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, die diese als einen auf sich wandelnden
Produktions- und Besitzverhältnissen basierenden Prozess beschreibt, hat, wie die
Geschichte des letzten Jahrhunderts zeigt, nicht nur in seinem Familienkreis Anhänger
gefunden. In der DDR, die sich nicht erst seit 19682 als sozialistischer Staat verstand,
und sich ihrem Selbstverständnis als Kulmination der von Marx entworfenen
historischen Entwicklung sah, wurde die Marxsche Geschichtskonzeption zentraler
Bezugspunkt historischer Reflexionen auch und v. a. in den neu auf- und umgebauten
historischen Forschungs- und Lehreinrichtungen3. Der neu gegründete Staat DDR
benötigte dringend eine wissenschaftlich-historische Legitimation für die Aufrichtung
und ,,Vervollkommnung"4 des Sozialismus in der DDR.
Mir geht es im folgenden um den bei Marx in Bezug auf die Alter Geschichte nur
kurz skizzierten Begriff der Gesellschaftsformation, den ich hier kurz umreißen will,
sowie seinen Fortbestand in der Geschichtswissenschaft in der DDR. Der Terminus
1 So die Wirkung von Marx` Theorie der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft auf seinen
Schwiegersohn Paul Lafargue, die Marx ihm in ausgedehnten Gesprächen geschildert haben soll. Vgl.
Paul Lafargue, ,,Karl Marx. Persönliche Erinnerungen.", Die Neue Zeit 9/1 (1890).
2
Vgl. Art.1 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik (06.04.1968), in:
documentArchiv.de [Hrsg.], URL: http://www.documentArchiv.de/ddr/verfddr1968.html, Stand:
24.05.2008. Hier ist der ,,marxistisch-leninistische" Anspruch auch ausformuliert. Die Aspekte eines
Selbstverständnisses als Staat mit veränderten Rechten der Produzenten, d.h. der Arbeiter und
Angestellten lassen sich aber auch schon im ersten Verfassungsentwurf der SED, entstanden kurz
nach Kriegsende, nachzeichnen. Vgl. hierzu z.B. Art. 17 des Entwurfs der SED für eine Verfassung
der Deutschen Demokratischen Republik (14.11.1946), in: documentArchiv.de [Hrsg.], URL:
http://www.documentArchiv.de/ddr/1946/sed-verfassungsentwurf-ddr.html, Stand: : 24.06.2008.
3 Zu Aufbau und Umbau der Wissenschaftslandschaft in der frühen DDR vgl. Heike Christina Mätzing,
Geschichte im Zeichen des historischen Materialismus. Untersuchungen zu Geschichtswissenschaft
und Geschichtsunterricht in der DDR, Studien zur internationalen Schulbuchforschung 96, Hannover
1999, 66-101, sowie, mit einem zweifelhaften, aus den Quellen übernommen Vokabular, für die
Betrachtung der Alten Geschichte in in der DDR aber zweckdienlich verengten Fokus brauchbar,
Matthias Willing, Althistorische Forschung in der DDR. Eine wissenschaftsgeschichtliche Studie zur
Entwicklung der Disziplin Alte Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Gegenwart
(1945 - 1989), Historische Forschungen 45, Berlin 1991. v.a. 27ff.
4 Vgl. Art.2 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik von 1968 (Fußnote 2).
1 Formationentheorie
in
der
Geschichtswissenschaft der DDR
3
beschreibt auf der Basis ökonomischer Überlegungen bestimmte Entwicklungsstufen
der Produktion, der Produktionsverhältnisse und der auf ihnen gründenden
gesellschaftlichen Realitäten5, wobei Marx eine teleologischen Höherentwicklung
unterstellt, die sich in einer Darstellung des Aufeinanderfolgens und Ablösens bzw.
Überwindens einzelner dieser Formationen verdichtet. Ausgehend von der
Stammesgesellschaft, die aufgrund ihrer ökonomischen Struktur (wenig Arbeitsteilung,
niedrige Produktivität) kaum Klassengegensätze kennt und sich mit Niklas Luhmann
gesprochen als segmentär differenzierte Gesellschaft definieren lässt, ist die erste der
dargestellten Gesellschaftsformationen mit antagonistischen Klassengegensätzen die
Sklavenhaltergesellschaft, in Luhmanns System als stratifikatorisch differenzierte
Gesellschaft zu bezeichnen.Dieser folgen in chronologisch-progressiver Reihenfolge die
Feudalgesellschaft und der Kapitalismus6, in Luhmann-Terminologie eine Gesellschaft
mit zunehmender funktionaler Ausdifferenzierung.7
Daneben steht die asiatische Produktionsweise, offenbar eine Hilfskonstruktion, die
nach Marx die speziellen Phänomene des Wirtschaftens und Lebens im Asien der
Vorzeit beschreibt und Aspekte von Despotismus und damit antagonistischen
Klassengegensätzen kennt. Eine weitere Besonderheit dieses Typs ist seine Fortexistenz
bis in die Zeit in der Marx lebte. Interessant an der Betrachtung dieser historischen
Theorie mit Universalitätsanspruch ist, dass Marx` Darstellung weitestgehend auf
Beobachtungen und Deutungen der aktuellen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Verhältnisse und derjenigen der jüngeren Vergangenheit beruht. Die vorhergehenden
Formationen, insbesondere die Sklavenhaltergesellschaft und ihre Produktions- und
Lebensbedingungen, sind nur in Nebensätzen erwähnt, bilden also keinesfalls einen
zentralen Forschungs- oder Betrachtungsgegenstand.
Damit tritt die Formationentheorie offensichtlich nicht als geschlossenes
Theoriegebäude in Erscheinung, jeder Versuch ihrer Darstellung ist also nur ein
mühsames Zusammensuchen weniger unzusammenhängender Äußerungen in den
Schriften von Marx und Engels, sieht man vom ,,Vorwort zur Kritik der politischen
Ökonomie"8 einmal ab. Dort aber sind die Behauptungen über die älteren Formationen
(Sklavenhaltergesellschaft, Asiatische Formation) nicht mit entsprechenden
Quellenbelegen abgesichert. Alle weiteren Verweise auf das Konzept der Formationen
5 Vgl. Karl Marx, ,,Zur Kritik der politischen Ökonomie", (Geschrieben August 1858 bis Januar 1859,
Erstdruck 1859 bei Franz Duncker, Berlin), MEW 13, Berlin, 1961, 8: ,,Die Gesamtheit dieser
Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich
ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche
Bewusstseinsformen entsprechen(...)".
6 Ibid., 9.
7 Vgl. Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main,
1984.
8 Ibid.
1 Formationentheorie
in
der
Geschichtswissenschaft der DDR
4
bilden vielmehr die Folie, vor der die fortschreitende Steigerung der Produktion und der
im Verständnis von Marx an sie gebundenen gesellschaftlichen Entwicklungen zu
plausibilisieren sind, um schlussendlich die klassenlose Gesellschaft als kausal-logischen
Zenit der menschlichen Entwicklung zu propagieren.
In ihr wäre die allen vorhergehenden Produktionsverhältnissen und
Gesellschaftsformationen inhärente Logik von Ausbeutung der Produzenten und ihre
Entfremdung von ihrem Produkt überwunden und der historische Prozess der
Gesellschaftsformierung abgeschlossen9. Besonderes Charakteristikum dieser Kausalität
der Abfolge ist nach Marx die am Ende jeder Entwicklungsstufe stehende jeweilige
maximale Produktion dieser Formation, die sich durch die damit verbundene maximale
Erweiterung des auf ihr basierenden juristischen und politischen Überbaus, gegen die
Produzenten selbst richtet und zwangsläufig zu sozialen Revolutionen führen muss, in
denen dann die nächste Formation erreicht wird.10 Die letzte Stufe aber, die den
Übergang vom Kapitalismus zum Kommunismus beschreibt, hat die Besonderheit, den
allen vorherigen Formationen inhärenten Widerspruch zwischen den materiellen
Produktivkräften und den vorhandenen Produktionsverhältnissen aufzuheben.11
Wie oben kurz skizziert sah sich die von der SMAD protegierte politische
Führungsschicht in der DDR in der Tradition dieser Geschichtsauffassung, wenngleich
der theoretische Aufbau von Marx Ökonomie in der Folge der russischen Revolution
von 1917, die ja unerwarteterweise gerade nicht in einem der wirtschaftlich
höchstentwickelten Staaten stattfand, einige Abänderungen und Erweiterungen in der
sowjetischen Geschichtswissenschaft erfahren hatte. Deren Ergebnisse und
Darstellungen wurden anfänglich aus Mangel an eigener Forschungstradition und auf ihr
basierender Erkenntnisse schlichtweg übernommen. Der Beschluss des ZK der SED
zur Geschichtswissenschaft12 zeigt jedenfalls, dass diese als eine ,,scharfe ideologische
Waffe"13 aufgefasst wurde, und daher höchste Priorität besaß. In einer Rückschau v.a.
auf die Defizite der eigenen Geschichtswissenschaft in der DDR wurde im ZK-
Beschluss besonderer Wert auf die noch nicht ausreichende Fundierung der
9 Ibid.: ,,Mit dieser Gesellschaftsformation [d.h. den bürgerlichen Produktionsverhältnissen (A.d.V.)]
schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab".
10 Ibid.: ,,Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der
Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhältnissen oder, was nur ein
juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher
bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln
derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der
ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um".
11 Vgl. Ibid. 8-9.
12 Vgl. ,,Beschluß des Zentalkomitees der sozialistischen Einheitsparetei Deutschlands über Die
Verbesserung der der Forschung und Lehre in der Geschichtswissenschaft der Deutschen
Demokratischen Republik", ZfG 3 (1955), 507527.
13 Ibid. 507.
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