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Thesis (M.A.), 2007, 102 Pages
Author: Stefan Siebigke
Subject: German Studies - Literature of History, Eras
Details
Tags: Naturwissenschaft, Seelenunsterblichkeit, Werken, Jean, Pauls
Year: 2007
Pages: 102
Grade: 1,1
Bibliography: ~ 60 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-21141-8
File size: 442 KB
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Abstract
Im Vorbericht zu Jean Pauls ‚Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei’, sagt der Dichter: „Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer Kühnheit.“ Kühn war das Werk seinerzeit in der Tat. Womöglich ist ‚kühn’ gar noch weit untertrieben. Jean Pauls Angst vor den Strömungen des Atheismus, der sich seiner Meinung nach zwingend aus dem übersteigerten Subjektivismus seiner Zeitgenossen entwickeln musste, stieß all zu oft auf Unverständnis – ja sogar Ablehnung. Die Menschen fanden lang gesuchte Erklärungen über sich und ihre Umwelt nicht mehr in der Bibel, sondern in den Schriften Isaac Newtons, Pierre Simon Laplaces, Friedrich Wilhelm Herschels und Antoine Laurent de Lavoisiers. Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler und Galileo Galilei hatten in den Jahrhunderten zuvor Gott bereits aus dem Zent-rum der Schöpfung in die zweite Reihe verbannt. Die Brüder Joseph und Étienne de Montgolfier entdeckten das Prinzip ‚leichter als Luft’ und ließen kurz darauf ihren ersten mit Heißluft gefüllten Ballon steigen. Die Welt war im Umbruch. Durch das gesamte 18. Jahrhundert zog sich eine Wechselbeziehung zwischen Natur-wissenschaft, Naturphilosophie und Dichtung. Brockes und Hallers versuchten, das neue Weltbild der Naturwissenschaft in ihre Dichtung zu integrieren. Die Physikotheologie machte es sich zur Aufgabe, die neue Kosmologie und die Einsicht in bisher un-bekannte Welten, die von der Mikroskopie erschlossen worden waren, mit der alten Theologie und Metaphysik zu vereinbaren. Jean Paul, den die Erkenntnisse der Naturwissenschaft schon als junger Mann faszinierten und die dieser eingehend studierte, erwarb ein umfangreiches Wissen auf diesen Gebieten, das für einen Dichter äußerst beachtlich war. Seine Werke strotzen von detailgenauen Beschreibungen astronomischer, medizinischer oder physikalischer Vorgänge. Der studierte Theologe erwarb sich einen Ruf auf dem Gebiet der Naturwissen-schaften, der so manchem Naturforscher recht gewesen wäre. Neben den reinen Naturwissenschaften studierte Jean Paul zudem die Erkenntnisse der Philosophen, die mittels der Philosophie die Natur zu ergründen versuchten. So flossen auch die Einsichten Leibniz’, Herders oder Kants in seine Schriften ein. Ein weiterer großer Themenkreis, dem Jean Paul sich widmete, stellt die Unsterblichkeit der Seele dar. Mit den traditionellen theologischen Erklärungen über Tod und Auferstehung wollte und konnte er sich nicht zufrieden geben.
Excerpt (computer-generated)
Naturwissenschaft und Seelenunsterblichkeit in ausgewählten
Werken Jean Pauls
Wissenschaftliche Arbeit
zur Erlangung des akademischen Grades
eines Magister Artium
der Universität Hamburg
vorgelegt von
Stefan Siebigke
Hamburg
Hamburg 2007
Editorische Notiz
Die Texte aus den Werken Jean Pauls werden nach folgenden Ausgaben zitiert:
1. Jean Paul. Werke in drei Bänden. Hrg. von Norbert Miller, Nachworte von Walter Höllerer,
München 1969.
Hieraus: ,Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei′, ,Des
Luftschiffers Giannozzo Seebuch′ und ,Das Kampaner Tal′.
2. Jean Paul. Werke in sechs Bänden. Hrsg. von Norbert Miller, Nachworte von Walter
Höllerer, München 1970ff.
Hieraus: ,Traum über das All′ und ,Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele′.
Bei 1. und 2. bedeutet die erste arabische Zahl den Band und die zweite die Seite.
Jean Paul. Sämtliche Werke. Abt. II: Jugendwerke und vermischte Schriften in vier Bänden.
Hrsg. von Norbert Miller und Wilhelm Schmidt-Biggemann, München 1974ff. Dabei folgt
nach der Angabe der Abteilung in römischen Ziffern der Band und die Seite, jeweils mit
arabischen Zahlen.
SW = Jean Pauls sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, hrsg. von der Preußischen
Akademie der Wissenschaften in Verbindung mit der Akademie zur wissenschaftlichen
Erforschung und zur Pflege des Deutschtums (Deutsche Akademie) und der Jean-Paul-
Gesellschaft [1927 ff, ab 1934 hrsg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften in
Verbindung mit der Akademie zur Erforschung und zur Pflege des Deutschtums (Deutsche
Akademie); ab 1952 hrsg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin].
Leitender Herausgeber: Eduard Berend, erste Abteilung (zit.: I), Bde. 1-19 (zit.: arab.
Bandzahl): Zu Lebzeiten des Dichters erschienene Werke; zweite Abteilung (zit.: II), Bde. 1-5
(zit.: arab. Bandzahl): Nachlass; dritte Abteilung (zit.: III), Bde. 1-9 (zit.: arab. Bandzahl):
Briefe.
Gliederung
Seite
1. Einleitung
1-2
2. Biographisches
2-6
3. Zur geistesgeschichtlichen Bedeutung der Naturwissenschaft im 18. Jahrhundert
6-8
3.1 Naturwissenschaft und Literatur in
der
Aufklärung
8-10
3.2 Das neue Verhältnis von Literatur und Naturwissenschaft
11-13
3.3
Die
Popularisierung
der
Naturwissenschaft
13-16
3.4 Naturwissenschaft und Selbstbesinnung
des
Menschen
16-19
4. Jean Paul und die Naturwissenschaft
20-21
4.1
Die
Naturphilosophie
Jean
Pauls
21-22
4.2 Jean Pauls Interesse an der Natur und der Naturwissenschaft
22-24
4.3
Die
Rezeption
der
Naturwissenschaft
25-28
5. Das Naturwissen in den Werken Jean Pauls
29-30
5.1
Astronomie
und
Kosmologie
30-31
5.1.1
Antikes
Wissen
31-34
5.1.2
Neueres
Wissen
34-39
5.1.3 Die poetische Verwendung astro-kosmologischer Erkenntnisse
39-43
5.1.4 Dynamisierung und Bevölkerung des Alls
43-47
5.2
Physikalisches
Wissen
47-53
5.3
Medizin,
Anatomie
und
Physiologie
53-57
6. Die Unsterblichkeit der Seele
58-60
6.1
Das
Leib-Seele-Problem
61-66
6.2
Das
Todesproblem 67-73
6.3 Naturwissenschaft und Seelenunsterblichkeit: Der organische Magnetismus
74-84
6.4 Für und Wider der Seelenunsterblichkeit
84-92
7. Schlussbetrachtungen
92-94
1. Einleitung
Im Vorbericht zu Jean Pauls ,Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass
kein Gott sei′, sagt der Dichter: ,,Das Ziel dieser Dichtung ist die Entschuldigung ihrer
Kühnheit."1 Kühn war das Werk seinerzeit in der Tat. Womöglich ist ,kühn′ gar noch
weit untertrieben. Jean Pauls Angst vor den Strömungen des Atheismus, der sich seiner
Meinung nach zwingend aus dem übersteigerten Subjektivismus seiner Zeitgenossen
entwickeln musste, stieß all zu oft auf Unverständnis ja sogar Ablehnung. Die Men-
schen fanden lang gesuchte Erklärungen über sich und ihre Umwelt nicht mehr in der
Bibel, sondern in den Schriften Isaac Newtons, Pierre Simon Laplaces, Friedrich Wil-
helm Herschels und Antoine Laurent de Lavoisiers. Nikolaus Kopernikus, Johannes
Kepler und Galileo Galilei hatten in den Jahrhunderten zuvor Gott bereits aus dem Zent-
rum der Schöpfung in die zweite Reihe verbannt. Die Brüder Joseph und Étienne de
Montgolfier entdeckten das Prinzip ,leichter als Luft′ und ließen kurz darauf ihren ers-
ten mit Heißluft gefüllten Ballon steigen. Die Welt war im Umbruch.
Durch das gesamte 18. Jahrhundert zog sich eine Wechselbeziehung zwischen Natur-
wissenschaft, Naturphilosophie und Dichtung. Brockes und Hallers versuchten, das
neue Weltbild der Naturwissenschaft in ihre Dichtung zu integrieren. Die Physikotheo-
logie machte es sich zur Aufgabe, die neue Kosmologie und die Einsicht in bisher un-
bekannte Welten, die von der Mikroskopie erschlossen worden waren, mit der alten
Theologie und Metaphysik zu vereinbaren.
Jean Paul, den die Erkenntnisse der Naturwissenschaft schon als junger Mann faszinier-
ten und die dieser eingehend studierte, erwarb ein umfangreiches Wissen auf diesen
Gebieten, das für einen Dichter äußerst beachtlich war. Seine Werke strotzen von de-
tailgenauen Beschreibungen astronomischer, medizinischer oder physikalischer Vor-
gänge. Der studierte Theologe erwarb sich einen Ruf auf dem Gebiet der Naturwissen-
schaften, der so manchem Naturforscher recht gewesen wäre. Neben den reinen Natur-
wissenschaften studierte Jean Paul zudem die Erkenntnisse der Philosophen, die mittels
der Philosophie die Natur zu ergründen versuchten. So flossen auch die Einsichten
Leibniz′, Herders oder Kants in seine Schriften ein.
Ein weiterer großer Themenkreis, dem Jean Paul sich widmete, stellt die Unsterblichkeit
der Seele dar. Mit den traditionellen theologischen Erklärungen über Tod und Auferste-
hung wollte und konnte er sich nicht zufrieden geben. In seinen Augen bestand eine
1 1, 641
1
,zweite Welt′, in die die Seele nach dem Tode hinübergeht und in der sie bis in die Un-
endlichkeit existiert. Mithilfe von Leibniz′ Monadenlehre und auch naturwissenschaftli-
chen Erkenntnissen, z.B. dem organischen Magnetismus, zeichnete Jean Paul dem Leser
ein Bild dieser zweiten Welt.
In der vorliegenden Arbeit sollen zuerst die Einflüsse naturwissenschaftlicher Erkennt-
nisse auf Jean Pauls Schriften unter zu Hilfenahme ausgesuchter Passagen der Werke
,Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei′ aus ,Siebenkäs′,
,Traum über das All′ aus ,Der Komet′ und ,Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch′ aus
,Komischer Anhang zum Titan′ gezeigt werden.
Daraufhin wird Jean Pauls Konzept der Seelenunsterblichkeit anhand der Schriften ,Das
Kampaner Tal oder über die Unsterblichkeit der Seele′ sowie der Fortsetzung desselben
,Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele′ analysiert und interpretiert.
2. Biographisches
Um das Werk eines Dichters zu analysieren, ist es unabdingbar, dessen Leben zu reflek-
tieren. Sind es doch die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen, Freud und Leid, die
den Menschen und seinen Geist prägen. Womöglich ist ein Dichter gar nicht in der La-
ge, seine Kunst zu betreiben, ohne die Begegnung mit Liebe, Tod und Trauer erlebt zu
haben. Dies trifft in ganz besonderem Maße auch auf Jean Paul zu. Doch wer war der
Mann, über dessen Wesen Karl August Varnhagen von Ense zu berichten wusste: ,,Es
ist ein reiner, edler Mensch, kein Falsch und kein Schmutz ist in seinem Leben, er ist
ganz, wie er schreibt, liebevoll, innig, stark und brav. Auch an persönlicher Tapferkeit
fehlt es ihm gewiss nicht, und käme die Gelegenheit, so würde er [...] mit dem Degen
schneller bei der Hand sein als mancher andere."2 Wer war der Dichter, dessen Schaffen
Heinrich Heine mit den Worten beschrieb: ,,Kein deutscher Schriftsteller ist so reich wie
er an Gedanken und Gefühlen, aber er lässt sie nie zur Reife kommen, und mit dem
Reichtum seines Geistes und seines Gemütes bereitet er uns mehr Erstaunen als Erqui-
ckung."3
Jean Paul wurde am 21. März 1763 als Johann Paul Friedrich Richter in Wunsiedel
(Fichtelgebirge) geboren. Er war der erste Sohn des Hilfsgeistlichen und Organisten
Johann Christian Christoph Richter und dessen Frau Sophia Rosina, geb. Kuhn.4
2 Echte, Bernhard (Hrsg.): Ein neues Phänomen, S. 53
3 Ebd., S. 73
4 Vgl. 6, 1371
2
Wie auch schon der Großvater verdingte sich Jean Pauls Vater als Lehrer der Theologie
(und zwar nicht als Rektor oder Subrektor, sondern als dritter Lehrer, Tertius). Nicht
religiöser Eifer, sondern Armut hatte ihn zur Theologie getrieben. Es war das einzige
Studium, das kleinen Leuten offen stand.5 Das Salär eines Tertius, etwa neun Gulden im
Monat, war als bescheiden anzusehen, und so wuchs Jean Paul in bescheidenen Ver-
hältnissen auf. Seine lebenslang gesunde Beziehung zu Geld mag aus diesen Zeiten rüh-
ren. Sagte er doch selbst in seiner Biographie: ,,Reichtum lastet mehr auf dem Talent als
Armut, und unter Goldbergen und Thronen liegt vielleicht mancher geistige Riese be-
graben."6
Wann immer sich Jean Paul in späteren Jahren an seine Kindheit erinnerte, idealisierte
er sie. Und das aus gutem Grund, da er dieser Zeit viel verdankte: Die dem Prosaisten
notwendige sinnliche Anschauung der Welt und die Blickrichtung, aus der er sie be-
schrieb. Kaum eines seiner Werke kommt ohne die in der Kindheit gesammelten Ein-
drücke aus. Stets blieb er sich bewusst, dass dort alles seinen Anfang genommen hatte.
Auf der einen Seite seine Liebe zu den kleinen Leuten, die Verachtung der Großen, die
Begeisterung für die Natur, der Einblick in Not und Elend und der Drang nach Verände-
rung. Auf der anderen Seite aber auch sein Provinzialismus, seine Sentimentalität, sein
bisweilen naiver Glaube an Tugend und Seelenunsterblichkeit und sein Wohlgefallen an
räumlicher Enge.7
Im Januar 1781 schrieb Jean Paul seinen ersten Roman ,Abelard und Heloise′, den er
selbst eher als einen längeren Brief an seinen Freund Lorenz Adam von Oerthel statt
eines Romans angesehen hat. So wurde das Werk, von dessen Inhalt zumindest zum
Teil als einem Plagiat von Goethes Werken gesprochen werden muss, erst im 20. Jahr-
hundert veröffentlicht.
Trotz der armen Verhältnisse, in denen er mit seiner Mutter und den vier jüngeren Brü-
dern seit dem Tode des Vaters 1779 lebte und dem Hunger, den er litt, verlor Jean Paul
nicht den Mut. Er wusste genau, was er wollte: Bücher schreiben. Nur in welche Rich-
tung sein literarisches Schaffen gehen sollte, war ihm noch unklar. Die Philosophie
schien ihm vorerst am nächsten zu liegen. Aber je mehr ihm das Leben in der Stadt (er
studierte seit Mai 1781 Theologie in Leipzig) das soziale Gefüge und seine eigene Lage
5 Vgl. Bruyn, Günter de: Das Leben des Jean Paul Friedrich Richter, S. 12
6 Jean Paul: Sein Leben von ihm selbst beschrieben, S. 14
7 Vgl. Bruyn, Günter de: a.a.O., S. 16
3
ihm anschaulich vor Augen führte, desto stärker wurde in ihm der Drang, Gesellschaft-
liches zur Darstellung zu bringen.8
Die Theologie studierte er so, wie auch Lessing sie studierte, oder wie Goethe Jura: Nur
am Rande. Allein die Armut führte Jean Paul, ebenso wie den Vater, in diese Disziplin.
Denn die Theologie war das Studium des armen Mannes. Nur hier konnte er auf Strei-
chung der Einschreibe- und Vorlesungsgebühren, auf Stipendien und Freitische hoffen.
Und nur nach diesem Studium konnte er später mit einer Stellung rechnen. Sein theolo-
gisches Interesse wandelte sich so mehr und mehr in ein philosophisches. Daneben ent-
wickelte er eine überaus große Leidenschaft zu anderen Disziplinen: Logik, Metaphy-
sik, Ethik, Ästhetik, Trigonometrie und zu den Naturwissenschaften generell.9
Natürlich schrieb Jean Paul während des Studiums unaufhörlich weiter. In dieser Zeit
entstanden Aufsätze und Werke, u.a. ,Lob der Dummheit′, ,Grönländische Prozesse′
und das ,Andachtsbüchlein′.
Nach seinem Studium nahm er diverse Hauslehrerstellen an. Mit 27 Jahren war er ohne
Zweifel, wie er es sich vorgenommen hatte, ein Schriftsteller geworden. Er hatte bereits
mehr geschrieben als andere Autoren in ihrem ganzen Leben. Allerdings war er ein in
jeder Hinsicht erfolgloser Schriftsteller zu nennen. ,,Er kann nicht leben von seiner Ar-
beit, die Kritik nimmt keine Notiz von ihm, sein Werk hat keine Wirkung auf die Leser.
In der deutschen Literatur existiert sein Name nicht."10 Doch Erfolg und öffentliche
Anerkennung sollten nicht lang auf sich warten lassen.
Die Wende kam 1792. Im Juni schickte Jean Paul das Manuskript zu ,Leben des ver-
gnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal′ an einen Professor der Berliner
Kunstakademie. Sein Name: Karl Philipp Moritz. Moritz las das Werk mit Begeisterung
und vermittelte es an seinen Schwager, den Verleger Matzdorff. Dieser zahlte 30 Duka-
ten vorab, und weitere 70 nach Drucklegung. Für Jean Paul war in diesen Tagen die Zeit
der härtesten Not vorüber.11
Privat erging es Jean Paul ebenso wie in seinem Schaffen: Es war ein unentwegtes Auf
und Ab. Vor allem hatte es ihm die Damenwelt angetan und vice versa. Frauen aus bür-
gerlichem und adeligem Hause lagen ihm zu Füßen, waren betört von diesem schmäch-
tigen, blassen Mann mit dem feinsinnigen Gespür. 1783 verlobte er sich vorübergehend
mit Sophia Ellrodt in Hof, 1794 fand die Verlobung mit Karoline Herold statt, 1799 mit
8 Vgl. ebd. S. 42ff
9 Vgl. ebd. S. 55
10 Ebd. S. 73
11 Vgl. ebd. S. 126ff
4
Karoline von Feuchtersleben ein jedes Mal
vorübergehend
. Dazwischen sagte man
ihm Affären in kaum zählbarem Ausmaß nach. Zum Teil ergab er sich auch verschiede-
nen Frauen aus verschiedenen Städten zur gleichen Zeit. Schlussendlich ehelichte er
Karoline Mayer 1801, die ihm in den folgenden drei Jahren in regelmäßigen Abständen
drei Kinder gebar, Emma, Max und Odilie.12
Bekanntschaft mit dem Tode, der eine Reihe geliebter Menschen von Jean Pauls Seite
riss, machte er früh. Es ist anzunehmen, dass der Verlust von Familienangehörigen und
Freunden ihn dazu bewegte, die Unsterblichkeit der Seele zu einem seiner Hauptthemen
zu erklären. Im Alter von 16 Jahren verlor er den Vater, sieben Jahre später starb der
stets kränkelnde Freund Lorenz Adam von Oerthel in seinen Armen. 1789 trieb die
Verzweiflung über die nicht enden wollende Not der Familie Jean Pauls Bruder Hein-
rich in den Selbstmord. Nur ein Jahr darauf starb der überaus geliebte Freund Johann
Bernard Hermann. ,,Der Verlust des Freundes, der mit 29 Jahren stirbt, hat Jean Paul
mehr getroffen als der Oerthels oder des Bruders. Die große Erschütterung, die schöpfe-
rische Kraft freisetzt, hier ist sie: Das Erlebnis einer der Liebe sehr ähnlichen Freund-
schaft, die der Tod endigt. Wieder und wieder wird das Erleben von Freundschaft und
Tod nach Gestaltung drängen. Die Erinnerung an Hermann wurde die Quelle, aus der
das Material für viele Romangestalten geschöpft wurde: Für Leibgeber, Schoppe, Vult,
Gianozzo die Unbeugsamen, Unangepassten."13
Man hatte zu dieser Zeit den Tod häufiger und sinnlicher vor Augen als heutzutage. Die
Medizin steckte noch in den Kinderschuhen; Epidemien stand sie hilflos gegenüber.
Etwa die Hälfte aller Kinder starb noch vor dem dreizehnten Lebensjahr. Das durch-
schnittliche Sterbealter lag bei 30 Jahren. Man starb nicht in Hospitälern, sondern zu-
hause im Kreise der Familien. Der Tod gehörte zum Alltag. Aber der junge Satiriker
Jean Paul lebte bisher dem Alltag entrückt, in der Welt der Philosophie, im Reich der
Literatur. Er bekämpfte Fürstenwillkür und Untertanendummheit, stritt für Menschlich-
keit, beachtete aber die Menschen um sich herum kaum, da er ganz auf die Zukunft fi-
xiert war.14 Das ,Memento mori′, vormals nicht mehr als ein Schlagwort für ihn, wurde
durch den Tod der Lieben brutale Realität und stürzte den Dichter in eine Phase tiefer
Depression.
12 Vgl. 6, 1371ff
13 Bruyn, Günter de: a.a.O., S. 89
14 Vgl. ebd. S. 98
5
Doch sein Glaube an Gott, den er niemals vollständig abzulegen vermochte, und das
Konzept der Unsterblichkeit der Seele führten ihn aus der geistigen Dunkelheit wieder
hinaus. Über die Jahre hinweg brachten ihm seine niedergeschriebenen Gedanken über
den Tod den verlorenen Menschen wieder näher. Schreiben als Therapie. Als 1821 sein
Sohn Max achtzehnjährig starb, begann er mit den Arbeiten an seinem letzten Werk:
,Selina oder über die Unsterblichkeit der Seele′.
Jean Paul starb am 14. November 1825 in Bayreuth.
3. Zur geistesgeschichtlichen Bedeutung der Naturwissenschaft im 18. Jahrhun-
dert
Isaac Newton ist die überragende Gestalt in der Geschichte des westlichen Denkens,
sein Einfluss ist so unausweichlich wie unermesslich. Newton schuf die Wissenschaften
der theoretischen Mechanik und der Himmelsmechanik; und er trug tiefschürfende und
kühne Gedanken zur reinen Mathematik, zur Optik und zur Astronomie bei. Indem er
zeigte, dass eine mathematische Erforschung der physischen Welt möglich war, machte
er diese Erforschung unausweichlich.15
,,Das Newtonsche Universum ist mechanisch in dem Sinne, dass es sich wie ein Uhr-
werk aus sich selbst heraus erhält. Alles ist geordnet. Planeten folgen unerschütterlich
den vorgeschriebenen Bahnen und halten sich dabei im Gleichgewicht. Physikalische
Prozesse spielen sich in einem unveränderlichen Gewölbe des absoluten Raumes und in
Einklang mit dem unveränderlichen Takt der absoluten Zeit ab. Machtvoll in den Raum
hineinwirkend, unterwirft die universelle Kraft der Gravitation alle materiellen Objekte
in einem einzigen Modus der Anziehung. Und all dies geschieht in Übereinstimmung
mit einfachen mathematischen Gesetzen."16
Sir Isaac Newtons bahnbrechende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Physik hatten dra-
matische Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens noch im 18.
Jahrhundert. Vor allem in Literatur und Philosophie wurden die neuen Denkansätze
über Mensch, Erde, Universum gierig aufgegriffen, interpretiert und im Wesen der
Geisteswissenschaften neu geordnet. Das Göttliche blieb in dem neuen Weltbild auf der
Strecke.
15 Berlinski, David: Der Apfel der Erkenntnis. Sir Isaac Newton und die Entschlüsselung des Universums,
S. 9
16 Ebd. S. 10
6
Schnell trafen zwei diametral gespaltene Lager aufeinander. Zum einen die Rationalis-
ten, die sich von der Aufklärung den Fortschritt der Menschheit, die Durchsetzung des
Tugendprinzips, die Schaffung von Freiheit, Toleranz und Gleichheit erhofften, zum
anderen die Skeptiker, die eine Welt ohne göttliche Immanenz, in der sich das Böse
manifestiert, befürchteten. Anzeichen dafür sahen die Skeptiker insbesondere in der
aufklärerischen Naturwissenschaft, deren empirisch-mechanistische Prinzipien eine
metaphysische Garantie ausschlossen.17
Die Zeit des mechanistischen Weltbildes hatte vollends begonnen: Die gesamte Natur
wurde mathematischen und physikalischen Axiomen unterworfen. Vernunftgemäßes
und logisches Denken sind Voraussetzung für die Bildung der Naturgesetze. Werden
und Vergehen innerhalb der Natur gehorchen den Gesetzen der Mechanik und sind so-
mit quantifizierbar. Es war Kant, der relativ spät, nämlich erst im Jahre 1781, diejenigen
Bedingungen der menschlichen Erkenntnis, die die aufklärerischen Naturwissenschaft-
ler für ihre Forschungen voraussetzten, philosophisch erfasste und sie in ein System
brachte, das in der Folgezeit eine breite Wirkung entfachen sollte: Das System der Ka-
tegorien in der ,Kritik der reinen Vernunft′ bietet eine logische Strukturierung des Er-
kenntnisvermögens des Subjekts, die die Grundlage der rationalen Durchdringung der
objektiven Außenwelt bildet. Dieses Denken machte moderne Naturwissenschaft erst
möglich, weil Spekulation und Metaphysik ausgeklammert wurden. Und dass das kriti-
sche System Kants großen Einfluss auf die Wissenschaften ausübte, konnte auch Jean
Paul nicht verborgen bleiben.18
Der wachsende Erfahrungsdruck, unter dem die Wissenschaftler zu jener Zeit standen,
führte zu Spezialisierung und Professionalisierung. Einzeldisziplinen entstanden, die
sich auf eng begrenzte Gegenstandsbereiche konzentrierten. Was zuvor als Naturge-
schichte bezeichnet wurde und im wesentlichen eine immer subtiler werdende und
schließlich den Erkenntnisfortschritt hemmende Klassifikation der von der Tradition
überlieferten Wissensbestände war, wurde allmählich zu einer sich auf die Erfahrung
berufenden, dem Anspruch nach traditionsentlasteten, unvoreingenommenen Betrach-
tung und Beschreibung der Natur. Sachlichkeit galt nunmehr als ein Leitmotiv der For-
schungs- und Darstellungsweise. Sichtbar wurde dieser Umbruch auch im Konflikt, in
17 Gerabek, Werner: Naturphilosophie und Dichtung bei Jean Paul: Das Problem des Commercium Men-
tis et Corporis, S. 108
18 Ebd. S. 110f
7
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