Please wait
Please install the Adobe Flash Player if no e-book is displayed.
Diploma Thesis, 2005, 136 Pages
Author: Michael Rummelsberger
Subject: Economics / Business: Marketing, Corporate Communication, CRM, Market Research
Details
Tags: Fair, Trade, Umsetzung, Marketingaspekte, Beispiel, Demeter
Year: 2005
Pages: 136
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 110 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-21165-4
ISBN (Book): 978-3-640-21161-6
File size: 1632 KB
Other users also were interested in the following titles:
Abstract
Angesichts des Phänomens einer globalen Ausdehnung von Wirtschaftsprozessen und einer damit verbundenen weltweiten Verteilung von Schritten innerhalb der Herstellungskette von Produkten auf verschiedene Akteure, wird deutlich, dass die nationalen Gesetzgebungen hinsichtlich sozialer und ökologischer Aspekte keine lückenlose Abdeckung der gesamten Produktions- und Handelsprozesse gewährleisten können. Insbesondere in sog. Entwicklungsländern, also Ländern die Entwicklungsdefizite gegenüber Industriestaaten aufweisen und für die ein geringeres Niveau der Wohlfahrt sowie Mängel in Ordnung und Verfahren der Wirtschaft charakteristisch sind, existieren i.d.R. schwächer ausgeprägte Sozial- und Umweltstandards. Im Folgenden soll zunächst anhand der Theorie des Marktes dargestellt werden, dass die selbstheilenden Kräfte des Marktprozesses im Sinne eines "Systems natürlicher Freiheit" nicht zur Vermeidung sozialer und ökologischer Missstände genügen. Da-her werden aus der wissenschaftlichen Literatur die wirtschafts- und umweltethischen Ansätze herausgearbeitet, die im Verlauf der Betrachtung als weiterführende Ergänzung der Markttheorie dienen sollen. Über die ethischen Ansätze hinaus wird zudem die Notwendigkeit sozialer und ökologischer Mindeststandards aus ökonomischer Sicht verfolgt, wobei zunächst eine bewusste Trennung zwischen sozialen und umweltorientierten Aspekten erfolgt, die in der Betrachtung des Nachhaltigkeitsprinzips zusammengeführt wird.
Excerpt (computer-generated)
Fair Trade Umsetzung
und Marketingaspekte am
Beispiel Demeter
Diplomarbeit I
zur Erlangung des Grades eines Diplom-Ökonomen
Universität Kassel
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
vorgelegt von
Michael Rummelsberger
aus Fritzlar
Kassel, 08.08.2005
,,Wir kennen von allem den Preis,
aber von nichts den Wert"
Oscar Wilde
1
EINLEITUNG UND METHODISCHE VORGEHENSWEISE
1
2
NOTWENDIGKEIT SOZIALER UND ÖKOLOGISCHER
STANDARDS 3
2.1
Definitionen und Erläuterungen zum Begriff des Marktes
3
2.1.1
Der Begriff des Marktes
3
2.1.2
Der Prozess der Vermarktlichung
4
2.1.3
Die Annahme des homo oeconomicus
5
2.2
Wirtschaftsethik und Moral
7
2.3
Ökologische Ethik im ökonomischen Handeln
10
2.4
Ursachen für ökologische und soziale Missstände
13
2.4.1
Die Annahme der vollständigen Konkurrenz
13
2.4.2
Herleitung sozialer Aspekte aus dem Marktversagen
14
2.4.2.1 Das distributive Marktversagen
15
2.4.2.2 Auswirkungen des globalen Wachstums
15
2.4.2.3 Herleitung der Notwendigkeit von Sozialstandards im
Welthandel 18
2.4.3
Ursachen der Umweltproblematik
20
2.4.3.1 Entwicklungsbedingte Ursachen der Umweltproblematik
21
2.4.3.2 Sozio-ökonomische Ursachen der Umweltproblematik
23
2.4.3.3 Wirtschaftssystembezogene Ursachen der Umweltproblematik
24
2.5
Nachhaltige Entwicklung und Nachhaltigkeit
25
2.5.1 Historische
Entwicklung
und
Definitionen des Begriffs
25
2.5.2
Dimensionen der Nachhaltigkeit
26
3
SOZIAL- UND UMWELTSTANDARDS IM WELTHANDEL
28
3.1
Begriffsdefinition und Ziele von Standards
28
3.2
Sozialstandards auf internationaler Ebene
30
3.2.1
Grundlegende Arbeitsnormen der ILO
30
3.2.2
Sozialstandards als Teil internationaler Handelsabkommen
32
3.3
Internationale Umweltstandards im Welthandel
34
3.4
Freiwillige Mittel zur Förderung sozialer und ökologischer
Standards 36
3.4.1 Verhaltenskodizes
36
3.4.2
Managementsysteme zur Erfüllung ökologischer und sozialer
Stan dards
39
3.4.3
Qualitäts- und Gütesiegel
41
4
DER FAIRE HANDEL - VERKNÜPFUNG VON ÖKONOMIE,
ÖKO- LOGIE UND SOZIALER GERECHTIGKEIT
44
4.1
Einleitende Fakten zum Fairen Handel
44
4.1.1
Historische Entwicklung und Abgrenzung des alternativen und
Fairen Handels
44
4.1.2
Kriterien und Funktionsweisen des Fairen Handels
47
4.1.3
Absatzkanäle und Netzwerke des fairen Handels
49
4.1.4
Marktstellung des Fairen Handels in Deutschland
51
4.2
Gütesiegel für den Fairen Handel im Lebensmittelsektor
54
4.2.1 Das
FLO-Label
54
4.2.1.1 Funktion der FLO in der Labelvergabe
54
4.2.1.2 Funktion der nationalen Siegelorganisationen in der
Labelvergabe 58
4.2.2
ATOs als Kennzeichen für den Fairen Handel
61
4.2.2.1 Die
gepa
61
4.2.2.2 EL
PUENTE
63
4.2.2.3 Dritte Welt Partner Ravensburg GmbH
64
4.2.3 Produktspezifische
Fair
Trade-Kennzeichnung
65
4.3
Fairer Handel und ökologischer Landbau
68
5
MARKETINGASPEKTE DES FAIREN HANDELS
70
5.1
Der Faire Handel als Marktnische
71
5.1.1
Käufertypen im Fairen Handel
72
5.1.2
Kaufmotive und -hemmnisse für Produkte des Fairen Handels
73
5.1.3
Kaufverhalten zwischen fairen und ökologischen Produkten
75
5.1.4
Absatzpolitische Instrumentarien im Fairen Handel
76
5.2
Bedeutung eines sozialen Labels
78
5.2.1
Erfolgsfaktoren im Labelling
79
5.2.2
Dominanz ökologischer Label am Markt
81
5.2.3
Verknüpfung ökologischer und sozialer Kriterien im Labelling
83
6
UMSETZUNG SOZIALER ASPEKTE AM BEISPIEL DES
DEMETER- VERBANDES
84
6.1
Der ökologische Landbau
84
6.1.1
Ökologischer Landbau weltweit
85
6.1.2
Ökologischer Landbau in Europa
86
6.1.3
Situation des ökologischen Landbaus in Deutschland
87
6.2
Der Demeter-Verband im ökologischen Landbau
88
6.2.1
Demeter Organe in Deutschland
88
6.2.2 Demeter
International
e.V.
91
6.3
Gestaltung von Preisen innerhalb des Demeter-Verbandes
92
6.4
Aspekte des Fairen Handels in der internationalen Demeter-
Gemeinschaft 94
6.4.1
Die Eigenmarke "Hand in Hand"
95
6.4.2
FLO- und Demeter-zertifizierte Projekte
96
6.4.3
Einführung eines Öko- und Soziallabels des IBD Brasilien
97
6.4.4 Demeter International Leitbild zur Fair Economy
99
6.5
Einzelhändlerumfrage zum fairen Handel und der Rolle von
Demeter 100
6.5.1
Aufbau und Teilnehmer der Befragung
100
6.5.2 Befragungsergebnisse
hinsichtlich des Fairen Handels
102
6.5.3
Befragungsergebnisse hinsichtlich der Demeter-Marke
107
7
FAZIT 110
LITERATURVERZEICHNIS 113
INTERNETQUELLEN 120
ABBILDUNGSVERZEICHNIS 122
TABELLENVERZEICHNIS 123
ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS 124
ANHANG 126
1
EINLEITUNG UND METHODISCHE VORGEHENSWEISE
Angesichts des Phänomens einer globalen Ausdehnung von Wirtschaftsprozessen
und einer damit verbundenen weltweiten Verteilung von Schritten innerhalb der
Herstellungskette von Produkten auf verschiedene Akteure, wird deutlich, dass die
nationalen Gesetzgebungen hinsichtlich sozialer und ökologischer Aspekte keine
lückenlose Abdeckung der gesamten Produktions- und Handelsprozesse gewährleis-
ten können. Insbesondere in sog. Entwicklungsländern, also Ländern die Entwick-
lungsdefizite gegenüber Industriestaaten aufweisen und für die ein geringeres Niveau
der Wohlfahrt sowie Mängel in Ordnung und Verfahren der Wirtschaft charakteris-
tisch sind, existieren i.d.R. schwächer ausgeprägte Sozial- und Umweltstandards.
Im Folgenden soll zunächst anhand der Theorie des Marktes dargestellt werden, dass
die selbstheilenden Kräfte des Marktprozesses im Sinne eines "Systems natürlicher
Freiheit" nicht zur Vermeidung sozialer und ökologischer Missstände genügen. Da-
her werden aus der wissenschaftlichen Literatur die wirtschafts- und umweltethi-
schen Ansätze herausgearbeitet, die im Verlauf der Betrachtung als weiterführende
Ergänzung der Markttheorie dienen sollen. Über die ethischen Ansätze hinaus wird
zudem die Notwendigkeit sozialer und ökologischer Mindeststandards aus ökonomi-
scher Sicht verfolgt, wobei zunächst eine bewusste Trennung zwischen sozialen und
umweltorientierten Aspekten erfolgt, die in der Betrachtung des Nachhaltigkeitsprin-
zips zusammengeführt wird.
Aus der o.g. Notwendigkeit für soziale und ökologische Mindeststandards heraus
erwächst eine Forderung nach international verbindlichen Sozial- und Umweltstan-
dards. Eine Umsetzung der Forderung wird anhand der Handlungsmöglichkeiten und
bestehenden Instrumente der ILO sowie der WTO geprüft, darüber hinaus jedoch vor
allem hinsichtlich freiwilliger und selbstverpflichtender Maßnahmen von Unterneh-
men weiterverfolgt. Betrachtet man diesbezüglich Verhaltenskodizes und insbeson-
dere soziale und ökologische Gütesiegel, tritt der Faire Handel als Verknüpfung ö-
konomischer, sozialer und zunehmend auch ökologischer Aspekte hervor. Dieser ist
als alternativer und nicht gewinnorientierter Ansatz zu herkömmlichen globalen
Handelsstrukturen und -prozessen zu verstehen, da er die Förderung benachteiligter
Produzenten in den Entwicklungsländern durch Zahlung angemessener Preise und
darüber hinaus Preisaufschläge, Garantie von Abnahmemengen und langfristigen
Handelsbeziehungen etc. verfolgt. Für die Situation der Beschäftigten in den jeweili-
1
gen Betrieben betrachtet der Faire Handel gewisse soziale Mindeststandards als ob-
ligatorisch und leistet zudem, durch Zahlung von Aufschlägen, Hilfe für Entwick-
lungsprojekte im Umfeld der Betriebe, Beschäftigten und deren Familien. Aufbau-
end auf diesen Grundsätzen erfolgt eine detaillierte Betrachtung des Fairen Handels,
seiner Funktionsweisen und Akteure. Im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung fin-
den auch zunehmend ökologische Standards Berücksichtigung und Förderung inner-
halb des Fairen Handels.
Aufgrund einer Ausweitung des Vertriebs von Produkten des Fairen Handels auf
konventionelle Absatzkanäle und einem damit verbundenen Aufeinandertreffen mit
unter herkömmlichen Bedingungen erzeugten Produkten in den Verkaufsstätten,
erfolgt eine Betrachtung der Marktsituation des Fairen Handels, dessen Käufertypen
und deren Kaufmotiven bzw. -hemmnissen sowie der Handlungsmöglichkeiten im
Marketing. In Verbindung damit wird insbesondere die Wirkungsweise von Labels
anhand der Literatur dargestellt und untersucht, warum hinsichtlich ethisch gekenn-
zeichneter Produkte eine Dominanz ökologischer gegenüber sozialer Produktkenn-
zeichnungen existiert bzw. welche Chancen in der Verknüpfung beider Bereiche
liegen. Diese Ergebnisse sollen als Basis für die weitere Intension dieser Arbeit die-
nen, da über die klassischen Ansätze des Fairen Handels hinaus untersucht werden
soll, ob und in welcher Weise soziale Standards und Kriterien des Fairen Handels im
ökologischen Landbau dienen. Für diese Untersuchung dient der
Demeter-Verband
als Praxisbeispiel, an dem verschiedene Ansätze einer Umsetzung gerechter und fai-
rer Produktions- und Handelsbedingungen geprüft werden sollen. Anhand einer ei-
gens für diese Arbeit durchgeführten Internetbefragung für Einzelhändler des ökolo-
gischen Fachhandels soll zudem herausgearbeitet werden, ob ein soziales Engage-
ment des
Demeter-Verbandes
von Händlern und Konsumenten wahrgenommen wird
bzw. wie eine solche Wahrnehmung zu erreichen ist.
Abschließend muss an dieser Stelle die einschränkende Anmerkung erfolgen, dass
sich diese Arbeit lediglich mit sozialen und ökologischen Standards und den damit
verbundenen Produktkennzeichnungen innerhalb des Sektors für Nahrungs- und Ge-
nussmittel auseinandersetzt. Dass darüber hinaus auch ethische Ansätze in anderen
Branchen existieren, kann an dieser Stelle nur erwähnt, in der Folge jedoch nicht
weiter ausgearbeitet werden.
2
2 NOTWENDIGKEIT
SOZIALER
UND ÖKOLOGISCHER STANDARDS
2.1 Definitionen und Erläuterungen zum Begriff des Marktes
2.1.1
Der Begriff des Marktes
Versteht man einen Markt als Ort, an dem das Angebot an und die Nachfrage nach
bestimmten Leistungen aufeinandertreffen, so impliziert dies Tauschprozesse, die in
unterschiedlichen Ausprägungsformen auftreten können. PRISCHING unterscheidet
dabei die Abgrenzung des Begriffes "Markt" in vier unterschiedlich weit gefasste
Formen, beginnend mit dem Prozess des Tausches von Geld gegen Waren bzw.
Dienstleistungen. Davon zu unterscheiden sind Tauschmechanismen allgemeiner
Form, bei denen Waren und/oder Dienstleistungen untereinander getauscht werden,
wobei dies auch ohne abgeschätzte Verrechnungs- oder Wertgrößen zum Vergleich
der Leistungen möglich ist. Wird in diesem Zusammenhang vom Tausch von Gütern
und/oder Dienstleistungen gegeneinander oder gegen Geld gesprochen, so ist dies
eine vereinfachte Darstellung, da auf Märkten häufig kein Tausch in physischer
Form stattfindet, sondern der Transfer von Verfügungsrechten in unterschiedlicher
Form. Dies kann für die folgende Betrachtung jedoch vernachlässigt werden.
Von Märkten wird auch in Bezug auf Austauschprozesse gesprochen, die nach ande-
ren Kriterien stattfinden, wie z.B. politische Märkte, auf denen die Maximierung der
Anzahl der Wählerstimmen Ziel von Akteuren ist, die als Anbieter im politischen
Prozess betrachtet werden können (vgl. Prisching 2002, S. 22 f.). Als vierte Katego-
rie des Tausches bzw. des Marktes kann jegliche Art der Interaktion zwischen Men-
schen verstanden werden. Dies bedeutet, dass Marktprozesse auch in Lebensberei-
chen beobachtet werden können, in denen Akteure als Inhaber von Freiheitsspiel-
räumen versuchen, durch Austauschbeziehungen von ihnen erwünschte Zustände zu
erreichen. Voraussetzung für das Verständnis der o.g. Ausprägungsformen ist, dass
mindestens auf einer Seite eines Tauschprozesses mehrere Akteure vorhanden sind
und agieren können, damit von einem Markt gesprochen werden kann.
Die Intension von Marktprozessen liegt in der mit ihnen verbundenen Möglichkeit
der Akteure, eigene Ziele durch Spezialisierung und Tausch effektiver und effizien-
ter zu erreichen. Bei der Zielerfüllung treten die Akteure notwendigerweise in Wett-
bewerb hinsichtlich der Nutzung knapper Güter zueinander. Dabei handelt es sich
um Güter, die in geringeren Mengen vorhanden sind, als bei ihrer kostenlosen Ver-
3
teilung unter den Akteuren insgesamt gewünscht würden. Als Austauschverhältnis
für solche knappen Güter fungieren Preise (vgl. Fritsch et al. 1999, S. 7).
Durch die Nutzung des Marktmechanismus fallen Kosten an, die als Transaktions-
kosten bezeichnet und, nach ihrem zeitlichen Auftreten, in ex-ante- und ex-post-
Transaktionskosten unterschieden werden. Diese Kosten stellen Handelshemmnisse
am Markt dar und wirken der Spezialisierung der Akteure entgegen. Ihre Höhe ergibt
sich aus den geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen und deren Durchsetzbarkeit.
2.1.2
Der Prozess der Vermarktlichung
Im Folgenden soll der Begriff des Marktes eng gefasst und im Wesentlichen als Ort
für monetäre Transaktionen verstanden werden, ohne jedoch zu verdrängen, dass
eine intensive Marktprägung auch Bereiche des Lebens erfassen kann, in denen In-
teraktion auf nichtmonetärer Ebene stattfindet und diese in die Betrachtung als
Marktmodell führt. Ein solcher dynamischer Prozess der zunehmenden Substituie-
rung von bestehenden gesellschaftlichen Regelungsmechanismen, wie sozialen
Normen oder Solidarität, durch Koordinationsverfahren des Marktes kann als "Ver-
marktlichung" bezeichnet werden. Die Gesellschaft, die durch diesen Vorgang eine
wesentliche Prägung erfährt, kann mit dem Begriff ,,Marktgesellschaft" beschrieben
werden (vgl. Prisching 2002, S. 15). Durch zunehmende Veränderung und Komple-
xität der Märkte sowie durch die mit der Größe der Märkte wachsende Anonymität
zwischen den Marktteilnehmern, entsteht eine Offenheit für regulierende Maßnah-
men, zumal Routinen bzw. Traditionen mehr und mehr ihre Funktion als Entschei-
dungskriterien verlieren. Diese Offenheit führt zu einer Substitution der Regelungen
für verschiedene Lebens- und Entscheidungsbereiche durch Marktmechanismen
(vgl. Streeck 1998, S. 19 ff.).
Durch die Vielfältigkeit der Möglichkeiten zur Intervention bzw. Gestaltung am
Markt und dem damit verbundenen quantitativen und qualitativen Anstieg von Ent-
scheidungen, steigt auch der Bedarf an Regulierungen. Ein beispielhafter Blick auf
die moderne nahrungsmittelproduzierende Industrie zeigt die vielschichtigen Gestal-
tungsmöglichkeiten ebenso wie eine Vielzahl an regulierenden Maßnahmen hinsicht-
lich der Produktionsabläufe und der zu verwendenden Zutaten (vgl. Prisching 2002,
S. 25). Fortschreitende Interaktion und Vernetzung von Akteuren, die einzeln oder in
organisierter Form am Markt auftreten (dies können auch ganze Einflussgebiete
4
sein), führen zu wechselseitigen Abhängigkeiten und bedürfen zunehmender Regu-
lierung ebenso wie im Falle der Abhängigkeit der Individuen voneinander durch die
Arbeitsteilung (vgl. Elias 1978/79, S. 317).
Nach PRISCHING verzeichnet der Einsatz von Marktmechanismen zur Koordinati-
on einen ansteigenden Aktionsradius und Intensitätszuwachs:
"Märkte schaffen Reichtum, und alle streben nach Reichtum. Offenbar
gibt es kein effizienteres Mittel als Märkte. Demgemäß spricht vieles da-
für, dass die Vermarktlichung voranschreiten wird (...)" (Prisching 1999,
S. 37)
Der Prozess der Vermarktlichung findet demnach auf drei Ebenen statt und vollzieht
sich neben seiner Ausweitung als gesamtgesellschaftliches System auch als substitu-
ierender Mechanismus von nicht-marktlichen Regelungen in verschiedenen Lebens-
bereichen und somit in der Erfahrungswelt der Individuen, sowie als nachhaltige
Beeinflussung der Betrachtungs- und Deutungsweisen der Akteure.
2.1.3
Die Annahme des homo oeconomicus
Betrachtet man einen Markt modellhaft, so müssen alle Bewertungen die darauf
stattfinden, nämlich Preise, Kosten, Zinsen etc., auf die beteiligten Wirtschaftssub-
jekte zurückgeführt werden, da gesamtwirtschaftliche Größen sich aus den aggre-
gierten Verhaltensweisen der Wirtschaftssubjekte ergeben, diese jedoch subjektiven
Beurteilungen entspringen. Als zentraler Bestandteil solcher modellhafter Betrach-
tung dient in der klassischen Nationalökonomie die Annahme des homo oeconomi-
cus (vgl. Faber 1999, S. 23 ff.).
Diese Annahme beschreibt ein rational-ökonomisches Individuum, dem drei Größen
vollständig bekannt sind: seine eigene Präferenzordnung anhand derer er bewertet,
sein verfügbares Einkommen und alle präsenten Handlungsoptionen. Da der homo
oeconomicus streng rational handelt, befriedigt er seine Bedürfnisse gemäß seiner
eigenen Bewertung optimal. Allerdings bedarf es einer Spezifizierung der Bewer-
tungsmaßstäbe des homo oeconomicus, um die Ausweitung auf beliebige Werte zu
reduzieren. So unterstellt man dem homo oeconomicus z.B., dass bei ihm, hinsicht-
lich eines oder auch mehrerer Güter, keine Sättigung eintritt, er somit immer mehr
von mindestens einem Gut konsumieren will, als er in Wirklichkeit hat. Eine zweite
5
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Die Flusskostenrechnung als Instrument eines stoffstrombasierten Öko-Controllings
Author: Manfred SchickEconomics / Business: Controlling, 2002 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Betriebliches Mobilitätsmanagement mit besonderem Bezug auf den Raum Linz
Author: Robert RoithingerEconomics / Business: Business Management, Corporate Governance, 2005 Download as PDF-file for 34,90 EUR
Ansätze und Erfahrungen mit betrieblichen Mobilitätsmanagement-Konzepten
Author: Sven OldenburgEconomics / Business, Miscellaneous, 2004 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Resourced-Based-View: Darstellung des Strategieinstruments
Author: Franziska PfundEconomics / Business: Business Management, Corporate Governance, 2002 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Pfadabhängigkeit der Unternehmensentwicklung - eine dynamische und ressourcenbasierte Analyse
Author: Simon GrünenwaldEconomics / Business: Industrial Management, 2006 Download as PDF-file for 34,90 EUR
Nationalismus und Ethnizität, Theorien und Praxis
Author: Ilka BorchardtEthnology / Cultural Anthropology, 1998 Download as PDF-file for 8,99 EUR
Wissenskünste: Die Ars Electronica
Author: Stefan MöllerTheater Studies, 2004 Download as PDF-file for 7,99 EUR
Kernkompetenzen und ihr Beitrag zur ressourcenorientierten Unternehmensführung
Author: Patrick MüllerEconomics / Business: Business Management, Corporate Governance, 2002 Download as PDF-file for 34,90 EUR
Umweltbezogene Kosten- und Leistungsrechnung
Author: thilo reichenbachEconomics / Business: Accounting and Taxes, 2004 Download as PDF-file for 12,99 EUR
Instrumente zur Bewertung von Nachhaltigkeit in Unternehmen - ein Vergleich
Author: Thomas WenzelEnvironmental Sciences, 2004 Download as PDF-file for 19,99 EUR
This text can be quoted and accessed from this url: