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Termpaper, 2008, 31 Pages
Author: Felix Müller
Subject: History - Miscellaneous
Details
Institution/College: LMU Munich (Hisstorisches Seminar)
Tags: Unwissenschaftliche, Wissenschaft, Debatten, Wehrmachtsausstellung, Ausstellungen
Year: 2008
Pages: 31
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 32 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-20173-0
ISBN (Book): 978-3-640-20669-8
File size: 239 KB
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Abstract
Die Ausstellung „Vernichtungskrieg“ ist zweifelsohne ein Phänomen. Als das Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht am 5. März 1995 das erste Mal eröffnete, konnte niemand damit rechnen, welch hohe Wellen sie einmal schlagen sollte. 900 000 Besucher haben die bald so genannte „Wehrmachtsausstellung“ gesehen, die Schau des Hamburger Instituts hat Großdemonstrationen, Bundes- und Landtagsdebatten, Gerichtsprozesse nach sich gezogen und über Monate hinweg die Leserbriefspalten der Zeitungen gefüllt – all das aber interessanterweise erst, nachdem die Ausstellung bereits fast zwei Jahre durch die Lande zog, ohne besondere Aufmerksamkeit erregt zu haben. Was war geschehen? Und wie schwer wiegen die Vorwürfe gegen die Ausstellungsmacher fast zehn Jahre nachdem Jan Philipp Reemtsma die Ausstellung am 4. November 1999 zurückzog? Wie ist die Rolle der Geschichtswissenschaft zu beurteilen, wie die der Medien? Hat die Ausstellung der Geschichtskultur in der Bundesrepublik gut oder schlecht getan? – das sind die Fragen, um die sich diese Arbeit drehen soll. Dabei werde ich die Rolle der Wehrmacht in Bezug auf die Shoah nur am Rande streifen, vielmehr geht es mir um eine Auseinandersetzung mit der Debatte um die Ausstellung. Dies kann sinnvoll nicht geschehen, indem man die Situation der bundesrepublikanischen Geschichts- und Gedenkkultur Mitte der 90er Jahre völlig außen vor lässt, letztendlich soll es aber doch um die Ausstellung gehen. Wie konnte eine Ausstellung so viel Staub aufwirbeln?
Excerpt (computer-generated)
1
Ludwig-Maximilians-Universität
Historisches Seminar/ Abteilung für Neure und Neueste Geschichte
Hauptseminar: Der NS in historischen Ausstellungen, Sommersemester 2008
,,Unwissenschaftliche Wissenschaft?"
- Debatten um die erste ,,Wehrmachtsausstellung"
von Felix Müller
M.A.: Politologie/ Neuere und Neueste Geschichte/Soziologie
Fachsemester: 8.
2
Inhaltsverzeichnis
1
EINLEITEND ZUM THEMA 3
2
DEBATTE 3
2.1 Zentrale Kritikpunkte 4
2.2 Verlauf der Debatte 5
2.2.1
Ruhe vor dem Sturm: Rezeption vor München 5
2.2.2
Die Stimmung kippt: München 6
2.2.3
Von München zu Reemtsmas Rückzieher und darüber hinaus 8
3
AKTEURE IN DER DEBATTE 12
3.1 Ausstellungsmacher 12
3.1.1
Medien 13
3.1.2
Wissenschaft 15
3.1.3
Ausstellungsbesucher 17
4
KRITIK/ THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN 19
4.1 Zur Rolle der Geschichtswissenschaft 19
4.2 Fotos als Quelle in der Ausstellung 20
4.3 Ein Generationenkonflikt? 24
5
EIN PARADIGMENWECHSEL? SCHLUSS 26
6
QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS 29
3
1
Einleitend zum Thema
Die Ausstellung ,,Vernichtungskrieg" ist zweifelsohne ein Phänomen. Als das Hamburger
Institut für Sozialforschung (HIS) die Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht am 5.
März 1995 das erste Mal eröffnete, konnte niemand damit rechnen, welch hohe Wellen sie
einmal schlagen sollte. 900 000 Besucher haben die bald so genannte
,,Wehrmachtsausstellung" gesehen, die Schau des Hamburger Instituts hat
Großdemonstrationen, Bundes- und Landtagsdebatten, Gerichtsprozesse nach sich gezogen
und über Monate hinweg die Leserbriefspalten der Zeitungen gefüllt all das aber
interessanterweise erst, nachdem die Ausstellung bereits fast zwei Jahre durch die Lande zog,
ohne besondere Aufmerksamkeit erregt zu haben. Was war geschehen? Und wie schwer
wiegen die Vorwürfe gegen die Ausstellungsmacher fast zehn Jahre nachdem Jan Philipp
Reemtsma die Ausstellung am 4. November 1999 zurückzog? Wie ist die Rolle der
Geschichtswissenschaft zu beurteilen, wie die der Medien? Hat die Ausstellung der
Geschichtskultur in der Bundesrepublik gut oder schlecht getan? das sind die Fragen, um
die sich diese Arbeit drehen soll. Dabei werde ich die Rolle der Wehrmacht in Bezug auf die
Shoah1 nur am Rande streifen, vielmehr geht es mir um eine Auseinandersetzung mit der
Debatte um die Ausstellung. Dies kann sinnvoll nicht geschehen, indem man die Situation der
bundesrepublikanischen Geschichts- und Gedenkkultur Mitte der 90er Jahre völlig außen vor
lässt, letztendlich soll es aber doch um die Ausstellung gehen. Wie konnte eine Ausstellung so
viel Staub aufwirbeln?
2 Debatte
Was die Ausstellungsmacher auslösen wollten, das haben sie ausgelöst zumindest zum Teil.
Die Beteiligung der Wehrmacht an Verbrechen im Zweiten Weltkrieg wurde öffentlich
thematisiert, die Shoah war plötzlich nicht mehr nur das industrielle Töten in den Lagern,
ausgeführt durch die SS, sondern auch Erschießung oder Erhängung durch
Wehrmachtssoldaten. Was den Ausstellungsmachern nicht gelungen ist, ist, im Diskurs zu
verankern, dass es nicht das Ziel der Ausstellung sei, ,,ein verspätetes Urteil über eine ganze
Generation ehemaliger Soldaten zu fällen",2 wie es Hannes Heer und seine Mitstreiter gleich
1 Im Verlauf der öffentlichen Debatte um die gleichnamige US-Fernsehserie etablierte sich Ende der 70er Jahre
der ursprünglich aus dem Griechischen stammende Begriff ,,Holocaust" auch im deutschen Sprachgebrauch.
Problematisch ist die Begrifflichkeit u.a. wegen ihrer Unschärfe (vgl. ,,Holocaust" bei Eitz), aber auch wegen der
ursprünglich religiösen Bedeutung ,,Brandopfer". In dieser Arbeit verwende ich deshalb bewusst alternativ den
hebräischen Ausdruck ,,Shaoh" für das, wofür die deutsche Sprache kein eigenes Wort finden konnte. (vgl. auch
Metraux, 317f.)
2 Ausstellungskatalog, S.7.
4
zu Beginn der Ausstellung betonten. Die Vernichtungskriegsausstellung zeigte weder ein
Gesamtbild des Zweiten Weltkriegs, noch eines der Wehrmacht, darin lag auch gar nicht die
Intention der Ausstellungsmacher.3 Sie war eigentlich nicht als ,,Enzyklopädie" zu betrachten,
sondern beschränkte sich auf den Aspekt ,,Vernichtungskrieg", es sollte kein Gesamtbild
gezeichnet oder der Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden, sondern bestimmte
Aspekte im Bezug auf das Verbrechen und den Umgang mit diesem verdeutlicht werden.4 So
war die offizielle Intention der Ausstellungsmacher. Wie zu sehen sein wird, ist ihnen die
Vermittlung dieser Punkte im Verlauf der Debatte
keineswegs
gelungen oder sie sollte gar
nicht gelingen.
Anhand von drei Fallstudien wollten die Ausstellungsmacher die Richtigkeit ihrer These von
der Wehrmacht als verbrecherische Organisation belegen:
- im Militärverwaltungsbezirk Serbien wurden innerhalb des ersten Kriegsjahres 1941 alle
männlichen Juden im Rahmen der ,,Partisanenabwehr" als Geiseln verhaftet und dann
sukzessive ermordet,
- die 6. Armee leistet der SS tatkräftige Hilfe beim Judenmord durch strategische Hilfen,
aber auch durch Erschießungen von Juden in der Ukraine,
- der Rassenkrieg in Weißrussland gegen Juden und ,,slawische Untermenschen".
Alle drei Teilbereiche wurden primär durch Fotos gestaltet. Im vierten Bereich ,,Die Bilder
der Nachkriegszeit" wurde vom schwierigen Umgang mit der Vergangenheit in der
Nachkriegsgesellschaft berichtet. Eine Besonderheit war das ,,Eiserne Kreuz": Vier
Stellwände waren so zusammengestellt, dass sie ein solches Kreuz bildeten. An den
Außenseiten waren Propagandatexte zu lesen, im Inneren des Kreuzes waren Bilder von
Verbrechen zu sehen.
2.1 Zentrale
Kritikpunkte
Die Ausstellung war mit den verschiedensten Vorwürfen konfrontiert, wobei immer zu
beachten ist,
wer wann
was
zu kritisieren hatte. Einleitend möchte ich die zentralen Vorwürfe
gegen Reemtsmas Ausstellung nennen, anschließend den Verlauf der Debatte aufzeigen und
danach untersuchen, welche Rolle die verschiedenen Akteure in der Debatte gespielt haben.
3 Vgl. Immenroth, S.41.
4 Vgl. Immenroth, S.41.
5
Die fünf Hauptvorwürfe gegen die Ausstellung waren5:
- das Relativierungsargument: alle Kriege seien schlimm,
- das Pauschalisierungsargument: die Ausstellung fälle ein Pauschalurteil über alle
Wehrmachtssoldaten,
- das Opferargument: Wehrmachtssoldaten seien selbst Opfer des Krieges gewesen,
- das Objektivitätsargument: die Ausstellung sei nicht wissenschaftlich fundiert und
verzerre das Geschichtsbild,
- das Fälschungsargument: Die Ausstellung manipuliere. Schrift-, Ton- und Bilddokumente
seien gefälscht worden.
2.2 Verlauf der Debatte
Die Ausstellung ,,Vernichtungskrieg" wurde am 5. März 1995 in Hamburg eröffnet und
danach insgesamt in 33 deutschen und österreichischen Städten gezeigt, fast 900 000
Menschen haben sie besucht. Weitere Ausstellungstermine im In- und Ausland waren bis ins
Jahr 2005 geplant. Ein interessantes Detail in diesem Zusammenhang ist, dass die gesamte
von mir gesichtete Literatur zum Thema argumentiert, die Ausstellungsmacher hätten von
Anfang an die Intention gehabt, einen gesellschaftlichen Diskurs in Gang zu setzen den über
die Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg. Hannes Heer selbst schreibt jedoch im
Rückblick, die Ausstellung sei gar nicht als Wanderausstellung konzipiert gewesen und hätte
sich ursprünglich an ein wissenschaftliches Publikum gerichtet.6
2.2.1 Ruhe vor dem Sturm: Rezeption vor München
Die Ausstellung wurde nach ihrer Eröffnung zunächst verhalten-positiv in der Presse
aufgenommen. ,,Die wichtigste historische Ausstellung seit langem"7, allerdings war von
Anfang an die Rede von einem Tabubruch und vom Ende der Legende von der ,,sauberen
Wehrmacht."8 Medial war damit der Grundstein für die späteren Debatten gelegt, obwohl sich
aus der Wissenschaft und von Seiten der Ausstellungsbesucher noch nicht viel rührte. Kritik
kam etwa von Soldatenverbänden, für die die Ausstellung eine Provokation sondersgleichen
darstellte, lebt die Subkultur dieser Verbände doch aus der gemeinsamen Erinnerung an den
5 So fasst sie etwa Immenroth auf S.24 zusammen, sinngemäß ergeben sie sich aber quasi in allen
wissenschaftlichen Texten, die sich mit der Rezeption der Ausstellung auseinandergesetzt haben
6 Heer Verschwinden, S.17.
7 zit. nach Heer Medusa, S.246.
8 Vgl. etwa Jureit Generationenprojekt, S.161.
6
Zweiten Weltkrieg als eine Zeit der Bewährung von Kameradschaft, Pflichterfüllung,
Tapferkeit, Ehre und Opferbereitschaft, der Bewährung von zeitlos gültigen ,,soldatischen
Tugenden", an denen man sich guten Glaubens orientiert habe, aber von der NS-Führung
missbraucht worden sei.9 Wirkliches Gewicht bekamen die kritischen Stimmen aber erst ab
Anfang 1996, als auch aus der ,,seriösen Presse" zunehmend kritische Anmerkungen zu
vernehmen waren. Beispielhaft sei Günther Gillessen genannt, der in der FAZ argumentierte,
er verwehre sich gegen die einseitige und pauschale Schuldzuweisung an die Wehrmacht
die SS sei für die Verbrechen verantwortlich gewesen, Übergriffe wie im Partisanenkrieg
seien nur in Reaktion auf Stalins brutale Kriegsführung hinter den deutschen Linien erfolgt,
die Ausstellung sei kein wissenschaftlicher Beitrag, sondern nur ein ,,Pamphlet", das einem
,,Bedürfnis der Betroffenheit" und einem nach Anlässen förmlich süchtigen
,,Schuldempfinden" entspreche.10 Zeitgleich veröffentlichte der ehemalige Fernseh-Journalist
Rüdiger Proske eine Polemik, in der er die Ausstellungsmacher als ,,Altkommunisten" und
,,Spät-68er" bezeichnete und als ihre Zielsetzung eine ,,Diffamierung der Bundeswehr"
ausmachte.11
Auf der Bonner Hardthöhe schien man die Sache ähnlich zu sehen, nachdem vermehrt die
Kritik laut wurde, das HIS strebe eine ,,pauschale Diffamierung" aller Wehrmachtssoldaten
an, verbot Verteidigungsminister Rühe den Gliederungen der Bundeswehr jeden öffentlichen
Kontakt mit Reemtsmas Schau.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass eine Debatte um die Ausstellung trotz des großen
Besucherinteresses zunächst nur regional und punktuell stattfand. So schrieb der Historiker
Klaus Naumann im Januar 1996: ,,Nach den Regeln öffentlicher Theamatisierungsstrategien
hätte die Ausstellung einen Skandal hervorrufen können. Die Themendefinition war präzise
und provokativ, die Problematisierung der moralischen Diskrepanz zwischen Sein und Sollen
zugespitzt, persönliche Betroffenheit und lebensweltliche Bezüge unübersehbar, die
normative Aufladung beträchtlich und zum `Nachrichtenfaktor` reichte es allemal. Dennoch
blieb der Skandal aus."12 Wenige Wochen später hätte diese These sicher niemand mehr
vertreten.
2.2.2 Die Stimmung kippt: München
Wichtig für das Verständnis der zweiten Phase ist, zu wissen, dass mit der Debatte um
Goldhagens Buch das Thema ,,deutsche Täter" zumindest in interessierten Kreisen plötzlich
weit oben auf der Agenda stand sich aber auch als ausgesprochen brauchbar für mediale
Skandalisierungen gezeigt hatte. Der ,,Popstar Goldhagen" hat der Vernichtungskriegs-
9 Vgl. Latzel, S.325f.
10 zit. nach Heer Medusa, S.246.
11 Heer Medusa, S.246.
12 Zit. nach Grittmann, S.341.
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