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Tragen die Medien eine Mitschuld an fremdenfeindlichen Straftaten?

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 30 Pages
Author: Diana Schuett
Subject: Communications: Ethics in the Media

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 30
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 36  Entries
Language: German
Archive No.: V117976
ISBN (E-book): 978-3-640-20177-8
ISBN (Book): 978-3-640-20672-8
File size: 196 KB

Abstract

Eine direkte Verbindung zwischen Medienkonsum und fremdenfeindlichen Straftaten kann aufgrund der fehlenden Kausalität nicht nachgewiesen werden. Dies soll auch nicht die Aufgabe dieser Arbeit sein. Stattdessen wird der Blick auf die Medien und ihre Inhalte gerichtet. Welche charakteristischen Eigenschaften weisen Berichterstattungen über Einwanderer, fremdenfeindliche Straftaten und Rechtsextremisten auf? Enthalten sie Aspekte, die fremdenfeindliche Stimmungen fördern und unter Umständen zu Straftaten führen könnten? Der Inhalt dieser Arbeit gliedert sich zur Beantwortung dieser Fragen in zwei Teilbereiche. Der erste und umfangreichste Teil befaßt sich mit der Berichterstattung über Einwanderer. In den ersten drei Unterkapiteln wird erläutert, welcher Mittel sich die Medien bedienen, um auf dem Gebiet der Lexik, Metaphorik und Argumentation Migranten negativ darzustellen. Es wird dabei versucht, die Analysen von Jäger und Huhnke mit den Ergebnissen der sprachwissenschaftlichen Untersuchung zum Migrationsdiskurs der Düsseldorfer Projektgruppe um Böke, Jung, Niehr und Wengeler zu kombinieren. Im letzten Unterkapitel „Berichterstattung über Einwanderer“ wird darauf eingegangen, daß Berichte über Ausländer auf eine Thematik beschränkt sind: die des Negativen. Wenn Ausländer in den Medien vorkommen, dann nur als Täter oder Opfer krimineller Handlungen. Der zweite Teilbereich dieser Arbeit konzentriert sich auf die Berichterstattung über die rechtsextreme Szene. Ist in den Massenmedien keine Strategie erkennbar, wie kompetent über Rechtsextremismus und fremdenfeindliche Straftaten berichtet werden soll, besteht das Risiko rechts-extremistisches Gedankengut eher zu verbreiten, anstatt es einzudämmen. Es wird somit unter anderem den Fragen nachgegangen, ob die Medien angemessen über Rechtsextremisten aufklären und mit professionellen journalistischen Mitteln über fremdenfeindliche Gewalttaten berichten. In diesem Zusammenhang erfolgt anschließend eine Erläuterung der These von Brosius und Esser, daß intensive mediale Berichterstattung über fremdenfeindliche Anschläge kurzfristig zu einem deutlichen Anstieg von Nachahmungstaten führen kann. Abschließend werden Empfehlungen für eine kompetente Berichterstattung über Einwanderer und Rechtsextremisten skizziert.


Excerpt (computer-generated)

Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen

Hauptseminar: Sprache des Rechtsextremismus

Sommersemester 2006



Tragen die Medien eine Mitschuld an fremdenfeindlichen

Straftaten?

vorgelegt von:

Diana Schütt

Studienfächer: Kommunikationswissenschaften; Soziologie; Psychologie

Fachsemester 6

Aachen, 28.08.2006


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 2

2 Rassismus in den Medien 3

2.1 Berichterstattung über Einwanderer 3

2.1.1

Lexik 4

2.1.2

Metaphorik und Kollektivsymbolik 8

2.1.3

Argumentation 11

2.1.4

Täter-Opfer-Beschränkung 14

2.2 Berichterstattung über Rechtsextremismus 17

2.2.1

Berichterstattung über Rechtsextremismus und fremdenfeindliche

Straftaten 17

2.2.2

Berichterstattung über fremdenfeindliche Straftaten führt zu

Nachahmungstaten 21

2.3 Die Medien ­ Empfehlungen zur Berichterstattung 24

3 Fazit 26

4 Literaturverzeichnis 27

1


1 Einleitung

Man muß sich nicht in die rechtsextreme Szene begeben, um auf rassistische Denkmuster

zu treffen, auch fremdenfeindliche Gewalttaten werden schon lange nicht mehr nur von

Nazis ausgeübt. Doch wie entstehen fremdenfeindliche Einstellungen in der Mitte unserer

Gesellschaft, die sich in gewissen Fällen in physischer Gewalt äußern? Es spielt sicherlich

eine Reihe von Faktoren eine Rolle, doch könnten auch die Medien eine Mitschuld tragen?

Viele Menschen haben Vorurteile gegenüber gewissen ethnischen Gruppierungen, mit de-

nen sie aber persönlich nie Kontakt hatten. Kann es sein, daß ihr Bild über Ausländer

durch deren Darstellungen in den Medien geprägt wurde? Oft hört man in Kneipen rechts-

extremistische Ideologien von Menschen, die vielleicht noch nie mit der rechtsextremen

Szene in Kontakt getreten sind. Könnte es sein, daß auch sie ihre Informationen aus den

Medien erhalten und diese übernommen haben? Und die Medien Angst verbreiten, indem

von Asylantenfluten berichtet wird, die auf uns einströmen ­ könnte dies ein Anstoß für

gewaltbereite Personen sein, fremdenfeindliche Gewalttaten zu begehen?

Eine direkte Verbindung zwischen Medienkonsum und fremdenfeindlichen Straftaten kann

aufgrund der fehlenden Kausalität nicht nachgewiesen werden. Dies soll auch nicht die

Aufgabe dieser Arbeit sein stattdessen wird der Blick auf die Medien und ihre Inhalte ge-

richtet. Welche charakteristischen Eigenschaften weisen Berichterstattungen über Einwan-

derer1, fremdenfeindliche Straftaten und Rechtsextremisten auf? Enthalten sie Aspekte, die

fremdenfeindliche Stimmungen fördern und unter Umständen zu Straftaten führen könn-

ten?

Der Inhalt dieser Arbeit gliedert sich zur Beantwortung dieser Fragen in zwei Teilbereiche.

Der erste und umfangreichste Teil befaßt sich mit der Berichterstattung über Einwanderer.

In den ersten drei Unterkapiteln wird erläutert, welcher Mittel sich die Medien bedienen,

um auf dem Gebiet der Lexik, Metaphorik und Argumentation Migranten negativ darzu-

stellen. Es wird dabei versucht, die Analysen von Jäger und Huhnke mit den Ergebnissen

der sprachwissenschaftlichen Untersuchung zum Migrationsdiskurs der Düsseldorfer Pro-

jektgruppe um Böke, Jung, Niehr und Wengeler zu kombinieren.2 Im letzten Unterkapitel

1 In dieser Arbeit verwende ich die Ausdrücke Einwanderer und Ausländer synonym und bezeichne damit

Personen nicht-deutscher Herkunft, die in der BRD dauerhaft leben.

2 Böke, Jung, Niehr und Wengeler führten zwischen 1994 und 1999 das von der DFG geförderte Projekt

,,Die Einwanderungsdiskussion im öffentlichen Sprachgebrauch seit 1945" durch. Bei dieser linguisti-

schen Diskursanalyse wurden Texte auf den drei Untersuchungsebenen Lexik, Metaphorik und Argumen-

tation untersucht, (vgl. u.a. Böke/Niehr 2000).

2


,,Berichterstattung über Einwanderer" wird darauf eingegangen, daß Berichte über Auslän-

der auf eine Thematik beschränkt sind: die des Negativen. Wenn Ausländer in den Medien

vorkommen, dann nur als Täter oder Opfer krimineller Handlungen. Der zweite Teilbe-

reich dieser Arbeit konzentriert sich auf die Berichterstattung über die rechtsextreme Sze-

ne. Ist in den Massenmedien keine Strategie erkennbar, wie kompetent über Rechtsextre-

mismus und fremdenfeindliche Straftaten berichtet werden soll, besteht das Risiko rechts-

extremistisches Gedankengut eher zu verbreiten, anstatt es einzudämmen. Es wird somit

unter anderem den Fragen nachgegangen, ob die Medien angemessen über Rechtsextremis-

ten aufklären und mit professionellen journalistischen Mitteln über fremdenfeindliche Ge-

walttaten berichten. In diesem Zusammenhang erfolgt anschließend eine Erläuterung der

These von Brosius und Esser, daß intensive mediale Berichterstattung über fremdenfeind-

liche Anschläge kurzfristig zu einem deutlichen Anstieg von Nachahmungstaten führen

kann. Abschließend werden Empfehlungen für eine kompetente Berichterstattung über

Einwanderer und Rechtsextremisten skizziert.

2 Rassismus in den Medien

Die überwiegende Zahl der Einwanderer kam über zwei verschiedene Wege in die BRD.

Waren es in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem angeworbene Gastarbeiter, be-

steht der Großteil der Einwanderer ab den achtziger Jahren aus Flüchtlingen. Ab den neun-

ziger Jahren stieg die Zahl der Asylbewerber stark an und erreichte ihren Höhepunkt im

Jahr 1992 mit 440.000 Flüchtlingen. Eine Änderung des Asylrechts zur Reduzierung der

Flüchtlinge trat im Juli 1993 inkraft. Der Beginn der neunziger Jahre hat sich zu einem

beliebten Zeitraum medienwissenschaftlicher Untersuchungen entwickelt, allerdings nicht

(nur) wegen der Asylbewerberhöchstzahlen, sondern weil dies auch der Zeitraum ist, in

dem schwerwiegende Ausschreitungen und Anschläge gegen Ausländer in Hoyerswerda

(20.09.91), Rostock (22.-26.08.92), Mölln (23.11.92) und Solingen (29.05.1993) stattfan-

den. Welche Zusammenhänge zwischen den Berichterstattungen über die Zunahme von

Flüchtlingen und den Anschlägen bestehen, ist ein beliebtes Thema für Analysen gewor-

den. Deshalb stellt dieser Zeitraum auch für diese Arbeit einen Orientierungspunkt dar, auf

den oft Bezug genommen wird, ohne sich allerdings darauf zu beschränken.

3


2.1 Berichterstattung über Einwanderer

Massenmedien tragen durch ihre Berichterstattung dazu bei, welches mentale Bild die Re-

zipienten von Einwanderern haben. Durch die lexikalische Bezeichnung der Ausländer,

den Gebrauch von Metaphern und die Argumentation in Berichten ist es möglich Einwan-

derer negativ darzustellen. Ob in den Medien aus diesen drei Ebenen eine nachteilige Prä-

sentation von Minderheiten resultiert, soll folgend dargelegt werden.

2.1.1 Lexik

Seit der frühen Nachkriegszeit stoßen wir in den Medien auf die Bezeichnung

Flüchtling

.

Jäger (1997;2001) weist jedoch darauf hin, daß seit Ende der siebziger Jahre eine ,,begriff-

liche Spaltung" stattgefunden hat. Während der Begriff

Flüchtling

für Flüchtlinge aus Ost-

europa bestehen bleibt, werden solche aus der sog. Dritten Welt als

Asylanten

bezeichnet.

Dadurch wird ,,eine Aufspaltung in gute, zugangsberechtigte Flüchtlinge und schlechte,

nicht berechtigte Flüchtlinge vorgenommen. Die Flüchtlinge das sind die politisch Ver-

folgten, von denen es auch nur wenige gibt. ,,Asylanten", das sind die Massen, die uns be-

drängen, die mit dem Grundgesetz Missbrauch treiben usw." (Jäger 1997:83) Weiterhin

betont Jäger (1993), daß der Ausdruck

Asylant

durch sein Postfix ­ant Assoziationen zu

Querulant, Simulant, Sympathisant

und dergleichen hervorruft und bei den Rezipienten

äußerst negativ konnotiert ist. Durch die mediale Verwendung des Ausdrucks

Asylant

ent-

steht somit ein negatives Bild der Flüchtlinge.3

In den Medien wurden mittlerweile die unterschiedlichsten Komposita mit

Asylant-

wie

Asylantenvergeher

,

Asylantencontainer

,

Asylantenproblem

usw. gebildet. Besonderer Be-

liebtheit erwiesen sich Zusammensetzungen wie

Asylantenstrom

, -

flut

, -

lawine

usw., die

mit einer Katastrophenandrohung verbunden sind4, (vgl. Strauß/Haß/Harras 1989:88).

Huhnke (1993) führte eine Analyse der Wochenzeitungen ,,Bild am Sonntag" und ,,Der

Spiegel" hinsichtlich der Inszenierung rassistischer Feindbilder durch. Sie kommt unter

anderem zu dem Schluß, daß beide Zeitungen den Begriff

Asylant

bewußt als negativ kon-

notierten ,,Kampfbegriff" benutzen. Ist die Verwendung des Ausdrucks

Asylant

in der Bild

am Sonntag im Jahr 1986, welches den Ausgangspunkt der Analyse darstellt5, keine Aus-

3 Jäger verweist in seinen Ausführungen besonders auf die Analysen von Link 1983.

4 Näheres zu Metaphern wie

Asylantenstrom

siehe Kapitel 2.1.2

5 Der Analysezeitraum bezog sich auf die Jahre 1986-1992.

4


nahme mehr, vollzog der Spiegel laut Huhnke in diesem Jahr eine Wende in der Wortwahl.

Am 25. August beginnt der Start der Spiegel-Serie ,,Die Spreu vom Weizen trennen"6 und

nach Huhnke der Zeitpunkt, an dem dann auch der Spiegel auf der semantischen Ebene das

Tabu bricht und den Ausdruck

Asylant

in sein Repertoire aufnimmt. ,,Ohne jegliche inhalt-

liche Distanzierung ist ab nun überwiegend von ,,Asylanten" die Rede" (Huhnke

1993:229).

Daß dieser abrupte Wortwandel des Spiegels, wie Huhnke ihn darstellt, allerdings nie

stattgefunden hat, konnte Niehr (1996) belegen. ,,Bereits zu Anfang der achtziger Jahre

finden sich nämlich im Spiegel Lexeme wie Asylanten(zu)strom und Scheinasylanten, und

zwar in nicht-zitierender Verwendung" (Niehr 1996:86). Niehr kritisiert zudem die Metho-

dik Huhnkes Analyse. Um von einer Wende sprechen zu können, ist demnach die Betrach-

tung des Analysematerials von mehreren Jahren und nicht nur von einigen Ausgaben von-

nöten.7 Eine Wende in der Wortwahl deutet außerdem auf einen ,,Sinneswandel" des Ma-

gazins hin, welcher sich neben der Verwendung der Lexeme auch in der Argumentations-

weise wiederfinden müßte. Doch bereits vor der Spiegel-Serie ,,Die Spreu vom Weizen

trennen" finden sich Artikel die Flüchtlinge und Asylbewerber negativ darstellen, (vgl.

Niehr 1996:84ff). ,,Es bleibt also [...] festzuhalten: Weder wird mit dem Beginn der Serie

[...] ein Tabu gebrochen, noch wird eine ,,Wende in der Wortwahl" vollzogen" (Niehr

1996:87).

Ein Teilaspekt des Düsseldorfer Forschungsprojekts zum Migrationsdiskurs seit 1954 be-

stand aus der Analyse der Lexik. Jung (1997) betont die Wichtigkeit der Diskursforschung

bei der Untersuchung von Lexemen wie Asylant und Flüchtling, da der Kontext sowie der

Stellenwert des Belegs innerhalb des Diskurses berücksichtigt werden muß. Wenn sich

Analysen nur auf Einzelbelege konzentrieren, ,,besteht die Gefahr, daß auto-biographisch-

idiosyntaktische Kommunikationserfahrungen und die eigenen Überzeugungen unkontrol-

liert in die Untersuchung eingehen" (Jung 1997:199).8

Die Ergebnisse der Düsseldorfer Untersuchungen zeigen, daß die Schwarz-Weiß-

Problematik der Begriffe

Asylant

und

Flüchtling

nicht so rigoros zutrifft, wie die oben be-

schriebenen Analysen von Jäger und Huhnke darstellen. Der Begriff

Asylant

wurde nicht

zur Diffamierung von bestimmten Asylbewerbern eingeführt, sondern steht seit den sech-

ziger Jahren ,,im öffentlichen Sprachgebrauch für die Trennung zwischen (noch nicht an-

6 Der Untertitel lautet: ,,Spiegel-Serie über Asylanten und Scheinasylanten in der Bundesrepublik".

7 Niehr wirkte am Düsseldorfer Projekt zum Thema ,,Die Einwanderungsdiskussion im öffentlichen

Sprachgebrauch nach 1945" mit, auf deren quantitativen Recherchen er sich beruft.

8 Jung verweist hier unter anderem auf die Kritik Spieles 1993 bezüglich der Thesen von Link und Gehard.

5



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