Subtitle: Ein Überblick
Thesis (M.A.), 2007, 106 Pages
Author: Philipp von Buttlar
Subject: Film Science
Details
Tags: Film, 9/11, 11. September, Realität, Fiktion, World Trade Center
Year: 2007
Pages: 106
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 45 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-20187-7
ISBN (Book): 978-3-640-20678-0
File size: 1689 KB
Other users also were interested in the following titles:
Abstract
Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick geben über den Themenkomplex 9/11 und Film und diesen im Kontext von Realität und Fiktion bzw. filmischer Realität diskutieren. Zentrale Fragen sind dabei, wie das Medium Film das Thema 9/11 behandelt bzw. welchen Einfluss 9/11 auf das Medium Film hat. Wie verhalten sich tatsächliche und filmische Realität zueinander? Der Begriff Fiktion ist in diesem Zusammenhang womöglich etwas irreführend, da es sich bei den zu behandelnden Filmen streng genommen nicht um fiktive, erfundene oder erdichtete Werke handelt, sondern um filmische Reflexionen zum Thema 9/11. Der Begriff "filmische Realität" scheint daher zutreffender, auch weil sich unter ihm verschiedene Gattungen, wie beispielsweise Dokumentation oder Spielfilm, zusammenfassen lassen. Neben dem Kapitel "9/11: Der 11. September 2001", in dem grundsätzliche Gedanken zum Thema dargestellt werden, ist der Arbeit das Kapitel "Realität und Fiktion – ein Differenzierungsproblem" vorangestellt. Hier werden zunächst die Schwierigkeiten bei der Definition von Realität diskutiert. Anschließend werden unterschiedliche Betrachtungen zum Verhältnis von Film und Realität vorgestellt, ein Thema, welches unmittelbar nach den Anschlägen von 9/11 breit diskutiert wurde. Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit gliedert sich in vier Teile: Der erste Teil, "Filmische Antizipationen von 9/11", beschäftigt sich mit Filmen, die vor dem 11. September erschienen sind und deren Handlungen in der Nachbetrachtung, sei es inhaltlich oder durch bestimmte Bilder, die Ereignisse des 11. September vorwegnehmen. Die Ähnlichkeit von Filmen dieser Art mit den Ereignissen des 11. September 2001 ist eine häufig geschilderte Beobachtung. Nach der Vorstellung einiger Beispiele wird versucht, die Ursachen dieser Ähnlichkeit zu erklären. Der zweite Teil behandelt Filme, die sich direkt mit 9/11 beschäftigen. Fünf Jahre nach den Terrorakten existiert eine Reihe von Filmen, die sich auf unterschiedliche Weise unterschiedlichen Aspekten des Themas nähern. Aufgabe dieses Kapitels ist es, einen Überblick über diese Filme zu geben und somit einen Einblick in die Bandbreite des Themas einerseits und die verschiedenen filmischen Herangehensweisen andererseits zu ermöglichen.
Excerpt (computer-generated)
9/11 und Film
Ein Überblick
Hausarbeit zur Erlangung des
Akademischen Grades
eines Magister Artium
vorgelegt dem Fachbereich Sozialwissenschaften, Medien und Sport
der Johannes Gutenberg - Universität Mainz
von
Philipp von Buttlar
2007
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
1.1
9/11: Der 11. September 2001 4
1.2
Realität und Fiktion ein Differenzierungsproblem 7
2. Filmische Antizipationen von 9/11 14
2.1 Beispiel:
The Siege
17
2.2 Erklärungsversuche 19
3. Filme zu 9/11 23
3.1
Dokumentation des Dramas:
9-11
24
3.2 Metaphorische
Reflexionen:
11´09´´01
33
3.3
Ursachen und Folgen:
Fahrenheit 9/11
40
3.4 Verschwörungstheorie:
Loose
Change
49
3.5
Filmische Rekonstruktion I:
United 93
57
3.6
Filmische Rekonstruktion II:
World Trade Center
62
3.7 Vergleich 68
3.8 Sinnstiftung
im
Katastrophenfilm 73
3.9
Exkurs: Film als paranoide Struktur 77
4. Filme vor dem Hintergrund 9/11 79
4.1
Tiger
Cruise
79
4.2
25th Hour
81
4.3
Fremder Freund
83
4.4 Zusammenfassung 84
5. Indirekte Auswirkungen von 9/11 85
5.1 Programmpolitik 86
5.2
Adaption der Fiktion an die veränderte Realität 88
5.3
Re-Interpretation von Filmen 92
6. Abschlussbetrachtung 95
Literarturverzeichnis 99
Filmverzeichnis 102
Abbildungsnachweis 104
1
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit soll einen Überblick geben über den Themenkomplex 9/11 und
Film und diesen im Kontext von Realität und Fiktion bzw. filmischer Realität
diskutieren. Zentrale Fragen sind dabei, wie das Medium Film das Thema 9/11
behandelt bzw. welchen Einfluss 9/11 auf das Medium Film hat. Wie verhalten sich
tatsächliche und filmische Realität zueinander?
Der Begriff Fiktion ist in diesem Zusammenhang womöglich etwas irreführend, da es
sich bei den zu behandelnden Filmen streng genommen nicht um fiktive, erfundene oder
erdichtete Werke handelt, sondern um filmische Reflexionen zum Thema 9/11. Der
Begriff "filmische Realität" scheint daher zutreffender, auch weil sich unter ihm
verschiedene Gattungen, wie beispielsweise Dokumentation oder Spielfilm,
zusammenfassen lassen.
Neben dem Kapitel "9/11: Der 11. September 2001", in dem grundsätzliche Gedanken
zum Thema dargestellt werden, ist der Arbeit das Kapitel "Realität und Fiktion ein
Differenzierungsproblem" vorangestellt. Hier werden zunächst die Schwierigkeiten bei
der Definition von Realität diskutiert. Anschließend werden unterschiedliche
Betrachtungen zum Verhältnis von Film und Realität vorgestellt, ein Thema, welches
unmittelbar nach den Anschlägen von 9/11 breit diskutiert wurde.
Der Hauptteil der vorliegenden Arbeit gliedert sich in vier Teile:
Der erste Teil, "Filmische Antizipationen von 9/11", beschäftigt sich mit Filmen, die
vor dem 11. September erschienen sind und deren Handlungen in der Nachbetrachtung,
sei es inhaltlich oder durch bestimmte Bilder, die Ereignisse des 11. September
vorwegnehmen. Die Ähnlichkeit von Filmen dieser Art mit den Ereignissen des 11.
September 2001 ist eine häufig geschilderte Beobachtung. Nach der Vorstellung einiger
Beispiele wird versucht, die Ursachen dieser Ähnlichkeit zu erklären.
Der zweite Teil behandelt Filme, die sich direkt mit 9/11 beschäftigen. Fünf Jahre nach
den Terrorakten existiert eine Reihe von Filmen, die sich auf unterschiedliche Weise
unterschiedlichen Aspekten des Themas nähern. Aufgabe dieses Kapitels ist es, einen
Überblick über diese Filme zu geben und somit einen Einblick in die Bandbreite des
2
Themas einerseits und die verschiedenen filmischen Herangehensweisen andererseits zu
ermöglichen.
Hierzu werden sechs Produktionen detailliert vorgestellt, die auf unterschiedlichste Art
und Weise die Realität von 9/11 filmisch wiedergeben. Zunächst wird jeder Film
einzeln behandelt: Die Dokumentation
9/11
(11.September, USA 2001, Regie: Jules
Naudet, Gedeon Naudet, James Hanlon), der Omnibusfilm
11´09´´01
(Frankreich 2002,
Produzent: Alain Brigand),
der Essayfilm
Fahrenheit 9/11
(USA 2004, Regie: Michael
Moore), die über das Internet vertriebene Dokumentation
Loose Change
(USA 2005,
Regie: Dylan Avery) sowie die beiden Spielfilme
United 93
(Flug 93, USA 2006,
Regie: Paul Greengrass) und
World Trade Center
(USA 2006, Regie: Oliver Stone). Die
Reihenfolge, in der die Filme besprochen werden, richtet sich nach der Chronologie
ihrer Veröffentlichungen.
Nach einer inhaltlichen und formalen Analyse wird der Realitätsbezug des jeweiligen
Films untersucht. Basierend auf diesen Erkenntnissen folgt ein vergleichender Teil. In
diesem sollen zentrale Aspekte der filmischen Beschäftigung mit dem Thema 9/11
herausgearbeitet bzw. Unterschiede festgestellt werden.
Im dritten Teil "Filme vor dem Hintergrund 9/11" werden einige beispielhaft
ausgewählte Filme besprochen, die auf 9/11 rekurrieren, das Ereignis selbst aber nicht
thematisieren:
Tiger Cruise
(An Bord der Tiger Cruise, USA 2004, Regie: Duwayne
Dunham),
25th Hour
(25 Stunden, USA 2002, Regie: Spike Lee) und
Fremder Freund
(Deutschland 2003, Regie: Elmar Fischer).
Der vierte Teil beschäftigt sich mit den indirekten Auswirkungen von 9/11 auf den
Umgang mit Film. Diese werden unter vier Gesichtspunkten dargestellt: Die
Veränderung der Programmpolitik durch 9/11, die nachträgliche Überarbeitung von
Filmen zur Anpassung an die durch 9/11 veränderte Realität und die Re-Interpretation
von Filmen.
In der Abschlussbetrachtung werden die Resultate des Hauptteils zusammenfassend
diskutiert.
3
1.1 9/11: Der 11. September 2001
Am Morgen des 11. September 2001, um 8.46 Uhr, schlägt American Airlines Flug
Nummer 11 in den Nordturm des World Trade Centers in New York ein.
Um 9.03 Uhr rammt Flug Nummer 175 von United Airlines den Südturm.
Um 9.37 Uhr wird das Pentagon von American Airlines Flug Nummer 77 getroffen.
Um 10.03 stürzt United Airlines Flug 93 in ein Feld nahe Shanksville, Pennsylvania.
Um 9.59 stürzt der Südturm, um 10.28 der Nordturm des World Trade Centers in sich
zusammen.
2973 Menschen sterben.1
Diese sechs Sätze fassen die Ereignisse des 11. September 2001 zusammen. Darüber
hinaus setzt sich die Geschichte des 11. September aus einer Vielzahl von
Einzelgeschichten zusammen, z.B.: Die Entführung der Flugzeuge. Die Ziele der
Terroristen: Das World Trade Center, New Yorks höchster Wolkenkratzer, Symbol der
finanziellen Hegemonie der USA, und das Pentagon, Zentrale der weltgrößten
Militärmacht. Die chaotischen Bemühungen der Rettungskräfte. Die Verwandlung der
Twin Tower in Ground Zero. Der Absturz von United Airlines Flug 93 aus ungeklärter
Ursache. Die weltweite Live-Berichterstattung der Medien und viele andere mehr.
Diese Auflistung ist natürlich keinesfalls vollständig und die genannten Themen lassen
sich wiederum in Unteraspekte aufspalten. Der Aspekt "Entführung der Flugzeuge"
beispielsweise besteht nicht nur aus den vier einzelnen Geschichten der vier entführten
Maschinen. Hinzu kommen die Hintergründe wie etwa die Ausbildung der Terroristen
an Flugschulen, ihr Weg in die USA oder ihr ideologischer Hintergrund.
Hintergründe bilden allgemein einen großen Themenblock, der weitere Aspekte
beinhaltet, wie die ungehörte Warnung vor Terroranschlägen vor dem 11. September,
das Verhältnis zwischen westlicher Welt und islamischem Fundamentalismus oder den
Kampf um Ressourcen.
Auch die Folgeerscheinungen des 11. September fügen dem Themenkomplex eine
Reihe von Geschichten hinzu: Die Trauer der Hinterbliebenen. Der Patriot Act. Der
Krieg in Afghanistan. Der Krieg im Irak.
1 Vgl.: Weimer, Wolfram (Hrsg.): The 9/11 Commission Report. Die offiziellen Untersuchungen zu den
Terrorattacken vom 11. September 2001. Potsdam, 2004. S.32/33 u. S. 305-311.
4
Die Ereignisse des 11. September, ihre Vorgeschichten und Folgen bilden den Mythos
9/11, dessen Bedeutung durch folgende Zitate beispielhaft belegt wird:
"Nur eins schien sicher: Die Welt würde nicht mehr die gleiche sein."2
"Der 11. September des Jahres 2001 ist weit mehr als das Datum eines furchtbaren
Terrorangriffs: Nine-Eleven ist ein Symbol, die Kennmarke für eine Zeitwende, die
Amerika traumatisierte, die Welt veränderte und die Amtszeit George W. Bushs
prägte."3
Die Ereignisse des 11. September sind, so singulär sie in ihrer Brutalität auch
erscheinen mögen, Teil einer Entwicklung, die bis heute anhält: 2002 starben auf Bali
fast 200, 2004 in Madrid 180 und 2005 in London 52 Menschen.4 Während diese Arbeit
entsteht, fünf Jahre nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon
sowie dem Absturz von United Airlines Flug 93, scheint die Bedrohung durch Terror
allgegenwärtig:
So konnte der geplante Anschlag auf mehrere Transatlantikflüge im August 2006
scheinbar nur in letzter Minute verhindert werden. Im Juli des gleichen Jahres
explodierten zwei Bomben in Zügen der deutschen Bahn nur deshalb nicht, weil die
Terroristen beim Bau der Bomben Fehler gemacht hatten. Im November 2006 wurde
bekannt, dass palästinensische Terroristen versucht haben, einen Mitarbeiter des
Frankfurter Flughafens zu bestechen, um eine Bombe an Bord eines Flugzeugs zu
bringen.
Das amerikanische Engagement in Afghanistan und im Irak, der völkerrechtswidrige
Einmarsch Israels in den Libanon, sowie zahlreiche Maßnahmen zur Stärkung der
Inneren Sicherheit in vielen westlichen Staaten werden oft als Folgen des 11. September
bezeichnet. In diesen Darstellungen wird der 11. September zum singulären Ereignis,
zur creatio ex nihilo. Der Vorteil dieser simplifizierenden Betrachtungsweise liegt auf
der Hand: So tragen die Terroristen und ihre Hintermänner nicht nur die Verantwortung
für die ca. 3000 Menschenleben, die den Anschlägen in den USA zum Opfer fielen,
2 Kreye, Andrea: Tanz den Apokalypso. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 209, 11.9.2006, S. 17.
3 Follath, Erich u. Spörl, Gerhard: Der endlose Tag. In: Der Spiegel, Nr. 36, 4.9.06, S. 74-85, hier S. 74.
4 Vgl.: Robertson, Nic: Amerika in Schach halten. Fünf Jahre "Krieg gegen den Terror". In: Süddeutsche
Zeitung, Nr. 211, 11.9.2006, S. 38.
5
sondern auch für die Folgen wie die zahlreichen Opfer in Afghanistan, im Irak und an
anderen Schauplätzen des weltweiten Kriegs gegen den Terror, sowie die
Einschränkung von Bürgerrechten in westlichen Staaten. Die Propagandisten dieser
Weltsicht instrumentalisieren die Symbolkraft des 11. September, der sich durch seine
maßlose Brutalität und die mediale Echtzeitverbreitung in das globale Bewusstsein
eingeprägt hat.
Um dieser monokausalen Sichtweise zu widersprechen, wurde der 11. September oben
bereits als Teil einer Entwicklung bezeichnet. Ohne sich auf eine politisch-historische
Erörterung einzulassen, reicht für diese Erkenntnis die einfache Differenzierung von
Ursache und Anlass aus. Demnach kann man den 11. September als Anlass für den
Krieg gegen den Terror bezeichnen, die Ursachen aber sind ebenso wie jene, die zu den
Anschlägen führten, komplexer. So ist der Krieg im Irak als konsequente Fortsetzung
einer Außenpolitik zu verstehen, die ihren Anfang spätestens 1980 mit der Carter-
Doktrin nahm.5 Filmisch reflektiert wird dies beispielsweise in
Bowling for Columbine
(USA, Kanada, D 2002; Regie: Michael Moore), in dem die Anschläge als Folge US-
amerikanischer Außenpolitik dargestellt werden.
Da diese Entwicklung, deren in Bezug auf Symbolkraft herausragendstes Ereignis
sicherlich der 11. September war, nicht abgeschlossen ist, fällt ein wissenschaftlich
distanzierter Blick schwer. Er ist aber auch nicht unbedingt notwendig, da es sich bei
der vorliegenden Arbeit weder um eine politische noch historische, sondern um eine
filmwissenschaftliche Betrachtung handelt. Dabei ist es durchaus denkbar, dass sich die
Unsicherheit hinsichtlich der Bewertung der Ereignisse auch in ihrer filmischen
Darstellung, wenn auch nicht bei der isolierten Betrachtung einzelner Filme, sondern in
der Gesamtschau der Werke zum Thema niederschlägt.
5 Vgl.: Kreye.
6
1.2 Realität und Fiktion ein Differenzierungsproblem
""Realität" ist eines der wenigen Worte, die ohne Anführungszeichen nichts bedeuten."6
Das Zitat von Vladimir Nabokov deutet auf zwei miteinander zusammenhängende
Probleme bei der Beschäftigung mit dem Realitätsbegriff hin: Es gibt nicht
die
, einzig
wahre Realität, d.h. sollte es sie geben, so ist sie für den Menschen nicht erfassbar.
Daraus folgt: Da der Mensch
die
Realität nicht erfassen kann, ist er auch nicht in der
Lage sie wiederzugeben, zu beschreiben oder darzustellen. Stattdessen erfasst der
Mensch
eine
, d.h. seine Realität. Diese wiederum kann er wiedergeben, beschreiben und
darstellen.
Auf die Subjektivität von Realität weisen auch diverse konstruktivistische Ansätze aus
der Publizistik und der Soziologie hin.7 Danach werden Wirklichkeitsentwürfe von
Individuen konstruiert. Konstruieren bezeichnet hier nicht einen planvollen, bewusst
gesteuerten Prozess, sondern einen weitgehend unbewussten Vorgang "gemäß den
biologischen, kognitiven und soziokulturellen Bedingungen, denen sozialisierte
Individuen in ihrer sozialen und natürlichen Umwelt unterworfen sind."8 Daraus folgt,
dass die Realität eines Individuums, "nicht konsenspflichtig"9 ist.
Ohne den komplexen Diskurs zu diesem Thema an dieser Stelle zu vertiefen, bleibt
festzuhalten, dass die Realität im Allgemeinen und die des 11. September im Speziellen
nur bedingt objektiv erfassbar ist. Eine Realitätsdefinition, anhand derer sich die zu
analysierenden Filme wie an einem Maßstab messen bzw. beurteilen lassen, ist
unmöglich. Die hier skizzierte Problematik, das Fehlen einer absoluten Realität, spiegelt
sich auch in der Unterschiedlichkeit der Reaktionen auf 9/11 wieder, als deren
Manifestation die zu besprechenden Filme verstanden werden können.
Nach diesem Hinweis auf die grundsätzlichen Probleme beim Umgang mit dem
Realitätsbegriff soll im Folgenden anhand von vier Beispielen kursorisch die
6 Nabokov, Vladimir: Lolita. Hamburg, 2005 (1955). S. 509.
7 Vgl. z.B..: Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. Wiesbaden, 2004. / Schmidt, Siegfried:
Die Wirklichkeit des Beobachters. In: Merten, Klaus et al.: Die Wirklichkeit der Medien. Opladen, 1994.
S. 3-14.
8 Schmidt, S. 5.
9 Luhmann, S. 167.
7
Diskussion um den Realitätscharakter der Ereignisse von 9/11 wiedergegeben werden.
Bei dieser Diskussion, die unmittelbar nach dem 11. September aufkeimte, ging es
neben den eigentlichen Ereignissen vor allem auch um die mediale Berichterstattung
des Geschehens. Schlagwörter waren dabei Realitätskonstruktionen,
Katastrophenrezeption und das Zusammenwirken von Inszenierung, Künstlichkeit und
Dramatisierung in der Katastrophe.10
1.) In seinem Aufsatz "Willkommen in der Wüste des Realen"11 beschäftigt sich Zizek
mit dem Thema. Der Titel ist ein Zitat aus dem Film
The
Matrix
(USA 1999; Regie:
Andy u. Larry Wachowski), in dem der als Mentor fungierende Widerstands-Anführer
Morpheus den Helden Neo mit eben diesem Satz in der nur noch aus Ruinen
bestehenden Realität, der wirklichen Wirklichkeit begrüßt. Zizek sieht einen Bezug zu
9/11 wie folgt:
"Was am 11. September in New York geschah, war das nicht etwas ganz ähnliches?
Den Bürgern dieser Stadt wurde "die Wüste des Realen" vor Augen geführt und wir,
die von Hollywood Verdorbenen, konnten bei den Aufnahmen, die wir von den
einstürzenden Türmen sahen, nur an die atemberaubendsten Szenen der großen
Katastrophenfilme denken."12
Auch wenn es ansonsten relativ schwer fällt, Zizeks bisweilen extrem linksgefärbter
Argumentation zu folgen, wenn er beispielsweise feststellt, dass in der
spätkapitalistischen Konsumgesellschaft das reale soziale Leben mehr und mehr einem
inszenierten Schwindel gleiche, erscheint seine Analogie zu
The Matrix
interessant:
The Matrix
handelt von und auf zwei verschiedenen Realitätsebenen, der von
Maschinen generierten virtuellen Realität zum einen, die einzig den Zweck erfüllt, die
von den Maschinen als Energiequelle genutzten Menschen am Leben zu erhalten, und
der eigentlichen Realität der Menschen zum anderem, die sich entweder als
Dahinvegetieren in einer Art Batteriezelle oder aber als Untergrundkampf gegen die
10 Vgl.: Theleweit, Klaus: Der Knall. 11. September, das Verschwinden der Realität und ein
Kriegsmodell. Frankfurt a.M., 2002. S.72.
11 Zizek, Slavoj: Willkommen in der Wüste des Realen. Nach den Anschlägen von New York und
Washington wird Amerika gezwungen, die Welt so wahrzunehmen, wie sie ist. In: Die Zeit, 39/2001,
20.9.2001.
12 Ebd..
8
Maschinen darstellt. Die in dem Zitat hergestellte Analogie zu 9/11 lässt sich also
folgendermaßen interpretieren: Anstelle der von Maschinen generierten virtuellen
Schein-Realität in Matrix hat es der Mensch zu Beginn des dritten Jahrtausends mit der
von Hollywood bzw. den Medien allgemein inszenierten Schein-Realität zu tun. Folgte
man der Analogie weiter, wäre es das Ziel beider "Traumfabriken", den Menschen in
einem passiven, willenlosen Zustand zu halten. In Matrix diente dies der
Energieversorgung der Maschinen durch dahinvegetierende Körper, in unserer Realität
der Kapitalversorgung des Systems durch konsumierende Menschen.
Nach Zizek zerbrach diese Schein-Realität für die Bewohner New Yorks am 11.
September, während der Rest der Welt in ihr verharrte. Dieser Teil der Analogie scheint
etwas zu weit zu gehen, da das Vergleichen der Katastrophenbilder von 9/11 mit denen
aus entsprechenden Filmen als Beleg für ein Festhalten an der filmischen Schein-
Realität etwas dürftig ist. Weiter unterstellt die natürlich überspitzt formulierte
Behauptung Zizeks, der Vergleich mit Katastrophenfilmen sei die einzige Reaktion auf
die Live-Bilder aus New York gewesen, was kaum den Tatsachen entspricht.
2.) In eine ähnliche Richtung gehen die Gedanken Baudrillards, der sich in "Der Geist
des Terrorismus"13 unter anderem mit dem Verhältnis von Realität und Fiktion im Falle
von 9/11 beschäftigt. Zunächst verweist Baudrillard auf den Unterschied von Ereignis
und Bild. Es waren die Bilder der Anschläge, welche die live zugeschaltete
Weltöffentlichkeit erreichten, und nicht die Ereignisse selbst. Für Baudrillard dient das
Bild im "normalen Medienbetrieb" als "imaginäre Zuflucht"14 eines Ereignisses, d.h. die
Wucht eines Ereignisses wird durch das Bild desselben kompensiert. Anders verhielt es
sich bei 9/11:
"Im Falle des World Trade Centers dagegen findet eine Wechselsteigerung des
Ereignisses und des Bildes statt, das Bild selbst wird ereignishaft, es wird als Bild zum
Ereignis. Auf einmal ist es weder virtuell noch real, sondern Ereignis. In einem so
außergewöhnlichen Ereignis findet auch eine Wechselwirkung von Wirklichkeit und
Fiktion statt. Kein Verlust an Realem also, sondern im Gegenteil, ein Mehr an Realem,
verbunden mit einem Mehr an Fiktion. "15
13 Vgl.: Baudrillard, Jean: Der Geist des Terrorismus. Wien, 2002.
14 Ebd., S. 69.
15 Ebd., S.69/70.
9
Comments
No comments yet
Other users also were interested in the following titles:
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für Microsoft Word
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit - Formatvorlage / Vorlage für eine Hausarbeit für OpenOffice.org
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 9,99 EUR
Formatvorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit / Vorlage zur Erstellung einer Hausarbeit
Author: Marco FeindlerPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2005 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Author: GRIN VerlagPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008 Download as PDF-file for 6,99 EUR
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wissenschaftlichen Arbeit
Author: Zoran ZivkovicPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Author: Claudia NickelPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2006 Download as PDF-file for 4,99 EUR
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Author: Maik PhilippPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2004 Download as PDF-file for 5,99 EUR
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - Hausarbeiten - Seminararbeiten
Author: Mark RichterPresentations, Models, Tutorials, Instructions, 2008
This text can be quoted and accessed from this url: