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Examination Thesis, 2008, 88 Pages
Author: Nevruz Gönültas
Subject: Pedagogy - School Pedagogics
Details
Tags: Bildung, Schulen, Migranten
Year: 2008
Pages: 88
Grade: 1,00
Bibliography: ~ 70 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-22025-0
ISBN (Book): 978-3-640-22260-5
File size: 392 KB
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Abstract
Wenn das Thema schulischer Bildung von Kindern mit Migrationshintergrund auftaucht, gibt es in der Allgemeinheit meist schon eine klare Vorstellung. So vertritt ein großer Anteil der hiesigen Gesellschaft die Meinung, dass Migrantenkinder in Deutschland zu den Bildungsversagern gehören. Gebildet und bestärkt wird dieses Bild aus den Medien. Gleich, ob man Tageszeitung liest, Nachrichten im Fernsehen schaut oder sich über das Internet oder Radio auf dem Laufenden hält: Medien informieren und bilden Meinungen. Oft werden wir heutzutage mit unterschiedlichen Schlagzeilen bombardiert: Zum Beispiel veröffentlichte die Tagesschau den Artikel: „Fast jeder zweite Zuwanderer ohne Berufsabschluss“ (vgl. http://go.raidrush.ws/? url=http://www.tagesschau.de). Ähnliche Beiträge über Migrantenkinder als Bildungsverlierer findet man auch in der Zeitschrift Stern „Gegenwärtig sind 72 Prozent der türkischen Migranten ohne Berufsabschluss. Katastrophale Zahlen. Schon jetzt wachsen mehrere Generationen heran, die nie auf eigenen Beinen stehen, nie das Glück eigener Leistung empfinden, nie mit eigenem Geld ein Haus bauen oder eine Familie gründen können; die immer auf staatliche Hilfe angewiesen sind und sich legal nichts aus der bunten Warenwelt leisten können, die sie täglich in der Werbung sehen: keine Autos, keine schicken Klamotten, keine Reisen oder Stadionbesuche. Stattdessen ein Leben mit Hartz IV vor der Glotze, dem Computer oder mit der Flasche“ (vgl. http://www.bild.de/BILD/news/kolumnen/2008/fest-innenpolitik/08/04/ integration-migranten-mi-nisterium-tuerken-oft-ohne-berufsabschluss.html). Auch die PISA-Studie vom 15. Mai 2006 belegt, dass Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland schlechte Bildungschancen haben. Aus der Studie geht hervor, dass Deutschland zu den Staaten gehört, in denen die Leistungsunterschiede zwischen Schülern mit Migrationshintergrund und ein-heimischen Schülern am stärksten ausgeprägt sind (vgl. http://www.handels-blatt.com/politik/deutschland/deutschland-versagt-beim-migranten-pisa; 1078817). In dieser Arbeit untersuche ich unter anderem auch die Ursachen für das schlechte Abschneiden der Migrantenkinder in der Schule.
Excerpt (computer-generated)
Wissenschaftliche Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung
für das Lehramt an Hauptschulen und Realschulen im Fach
Erziehungswissenschaften, eingereicht dem Amt für Lehrerbildung
-Prüfungsstelle Gießen -
Thema:
Zur Bildung an Schulen bei Migranten in der
BRD
Verfasserin:
Navruz Gönültas
1. Einleitung und Aufbau der Arbeit 4
2. Zum Begriff ,,Integration" 6
3. Worin besteht der Unterschied zwischen Integration und Assimilation? ... 9
4. Allgemeine Theorie zur Eingliederung von Wanderern nach Hartmut
Esser 11
5. Voraussetzungen zur Integration 13
5.1. Sprachkompetenz
14
5.2. Sozialisationsbedingungen und Sprachentwicklung bei ausländischen Kindern,
Jugendlichen und Erwachsenen
15
5.2.1. Zur Situation des Kindes in der ausländischen Familie 15
5.2.2. Zweisprachigkeit oder der Erwerb einer zweiten Sprache in der bilingualen
Umwelt 16
5.3. Problembereich Wohnsituation
18
5.4. Problembereich zweite Generation
21
5.5. Formen der Verarbeitung des ,,Fremdseins"
22
6. Identifikationen 23
6.1. Traditionelle Werte: Einschätzung des Einflusses der Eltern
25
6.2. Traditionelle Werte: Verteilung der Geschlechterrollen
26
6.3. Traditionelle Werte: Bewahrung der nationalen Identität
27
7. Bildungserfolg, Migration und Zweisprachigkeit 28
7.1. Allgemeine Bildungssituation der Migrantenkinder im deutschen
Bildungswesen
28
7.2. Zweisprachigkeit und Bildungserfolg der Migrantenkinder vor dem
Hintergrund europäischer Mehrsprachigkeit - Thesen und Forschungsbedarf.
31
7.2.1. These 1:Migration prägt das Gesicht der Schulen und der_Gesellschaft 31
7.2.2. These 2:Mehrsprachigkeit ist nicht die Ausnahme, sondern die Normalität; sie
muss jedoch mit Bedacht und professionell gefördert werden, um sich entwickeln zu
können. 32
7.3. Neuere Untersuchungen zu Kindern und Jugendlichen verschiedener
Ausgangssprachen
33
8. Bildungsbeteiligung von Migrantenkindern 35
8.1. Das Sozioökonomische Panel (SOEP) als Datengrundlage der Expertise
35
8.2. Die Bildungs- und Erwerbsbeteiligung von Kindern und Jugendlichen aus
Migrantenfamilien im Vergleich zu deutschen Kindern
36
8.3. Kinder aus Migrantenfamilien in der Sekundarstufe im Vergleich zu deutschen
Kindern
37
8.4. Kinder unterschiedlichen Geschlechts aus Migrantenfamilien in der
Sekundarstufe, im Vergleich zu deutschen Kindern unterschiedlichen Geschlechts
und zueinander
40
8.5. Die Bildungsbeteiligung von Kindern aus Migrantenfamilien unterschiedlicher
Nationalitäten in der Sekundarstufe
42
2
8.6. Der Wechsel des Schultyps innerhalb der Sekundarstufe: Kinder aus
Migrantenfamilien im Vergleich zu deutschen Kindern
44
8.7. Die im Sekundarschulbereich erworbenen Schulabschlüsse von Jugendlichen
aus Migrantenfamilien und von deutschen Jugendlichen
46
9. Bildungsnachteile von Kindern aus Migrantenfamilien 48
9.1. Nachteile von Kindern und Jugendlichen aus Migrantenfamilien gegenüber
deutschen Kindern und Jugendlichen im System schulischer und beruflicher
Bildung und ihre Begründung
48
9.2. Die kulturalistische Erklärung
49
9.3. Die sozioökonomische Erklärung
50
9.4. Die Erklärung durch die in der Migrationsituation verfügbaren
Handlungsstrategien
51
9.5. Die Erklärung durch die Effekte des Bildungssystems als solches
52
9.6. Institutionelle Diskriminierung
53
9.7. Institutionelle Diskriminierung und schulische Selektion
54
9.8. Untersuchungsergebnisse: Mechanismen institutionalisierter Diskriminierung
im Zusammenhang mit Selektionsentscheidungen in der Grundschule
57
9.9. Eintritt in die Grundschule
58
9.10. Sonderschulaufnahmeverfahren und Überweisung
59
9.11. Die familiäre Herkunft als Risikofaktor
59
9.12. Übergang in die Sekundarstufe
60
10. Pädagogische Professionalität in der Einwanderungsgesellschaft 61
10.1. Die Ausländerpädagogik entsteht
61
10.2. Von der Ausländerpädagogik zur Interkulturellen Pädagogik
62
10.3. Interkulturelle Pädagogik
64
11. Kompetenter professioneller Umgang mit sozialer und kultureller Vielfalt
66
11.1. Selbstreflexivität
66
11.2. Machtsymmetrie und Toleranz
67
11.3.Die persönliche Haltung der Fachkräfte im Umgang mit sozialer und
kultureller Vielfalt
67
11.4.Schule und kompetenter Umgang mit sozialer und kultureller Vielfalt
68
12. Bildungserfolg von Migranten 71
12.1. Fallbeispiel Bülent aus einem Interview:
72
12.2. Fallbeispiel Jale:
74
13. Fazit 77
14. Literaturverzeichnis 80
3
1. Einleitung und Aufbau der Arbeit
Wenn das Thema schulischer Bildung von Kindern mit Migrationshintergrund
auftaucht, gibt es in der Allgemeinheit meist schon eine klare Vorstellung. So
vertritt ein großer Anteil der hiesigen Gesellschaft die Meinung, dass
Migrantenkinder in Deutschland zu den Bildungsversagern gehören. Gebildet
und bestärkt wird dieses Bild aus den Medien. Gleich, ob man Tageszeitung
liest, Nachrichten im Fernsehen schaut oder sich über das Internet oder Radio
auf dem Laufenden hält: Medien informieren und bilden Meinungen. Oft
werden wir heutzutage mit unterschiedlichen Schlagzeilen bombardiert:
Zum
Beispiel veröffentlichte die Tagesschau den Artikel: ,,Fast jeder zweite
Zuwanderer ohne Berufsabschluss" (vgl. http://go.raidrush.ws/?
url=http://www.tagesschau.de). Ähnliche Beiträge über Migrantenkinder als
Bildungsverlierer findet man auch in der Zeitschrift Stern ,,Gegenwärtig sind
72 Prozent der türkischen Migranten ohne Berufsabschluss. Katastrophale
Zahlen. Schon jetzt wachsen mehrere Generationen heran, die nie auf eigenen
Beinen stehen, nie das Glück eigener Leistung empfinden, nie mit eigenem
Geld ein Haus bauen oder eine Familie gründen können; die immer auf
staatliche Hilfe angewiesen sind und sich legal nichts aus der bunten
Warenwelt leisten können, die sie täglich in der Werbung sehen: keine Autos,
keine schicken Klamotten, keine Reisen oder Stadionbesuche. Stattdessen ein
Leben mit Hartz IV vor der Glotze, dem Computer oder mit der Flasche" (vgl.
http://www.bild.de/BILD/news/kolumnen/2008/fest-innenpolitik/08/04/
integration-migranten-mi-nisterium-tuerken-oft-ohne-berufsabschluss.html).
Auch die PISA-Studie vom 15. Mai 2006 belegt, dass Kinder mit Migrations-
hintergrund in Deutschland schlechte Bildungschancen haben. Aus der Studie
geht hervor, dass Deutschland zu den Staaten gehört, in denen die
Leistungsunterschiede zwischen Schülern mit Migrationshintergrund und ein-
heimischen Schülern am stärksten ausgeprägt sind (vgl. http://www.handels-
blatt.com/politik/deutschland/deutschland-versagt-beim-migranten-pisa;
1078817). In dieser Arbeit untersuche ich unter anderem auch die Ursachen für
das schlechte Abschneiden der Migrantenkinder in der Schule. Dabei liegt
meiner Arbeit die zentrale These zugrunde, dass in der Bundesrepublik eine
Chancenungleichheit zwischen Schülern mit Migrationshintergrund und
4
deutschen Kindern bezüglich der Bildung herrscht, dass die soziale Herkunft in
Deutschland massive Auswirkungen auf die Bildungskompetenz der Kinder
hat.
Um diese These zu untermauern, überprüfe ich, ob das deutsche Bildungs-
system Ungleichheiten durch Diskriminierungen selbst produziert und daraus
folgend Probleme hervorbringt. Des Weiteren gibt es in der Bundesrepublik
auch Migranten die eine akademische Laufbahn eingeschlagen haben und dazu
möchte ich auch einen Einblick geben sowie mögliche Gründe für den
Bildungserfolg von Migranten darstellen.
Im ersten Teil meiner Examensarbeit kläre ich die Begrifflichkeiten die für
diese Arbeit von relevanter Bedeutung sind. Ich schneide dabei die allgemeine
Theorie zur Eingliederung von Wanderern von Hartmut Esser an. An-
schließend untersuche ich die notwendigen Indikatoren zur Integration. Diese
beinhalten die Sprachkompetenz bis hin zur Wohnsituation und Verarbeitung
des Fremdseins.
Das zweite Kapitel gibt Informationen über die Identifikationen. Hier werden
traditionelle Werte der Migranten untersucht. Dabei stütze ich mich auf die
Ergebnisse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB). Der Fokus
des dritten Kapitels richtet sich auf die Bedeutung der Zweisprachigkeit und
des Bildungserfolgs der Migranten. Auch die allgemeine Bildungssituation der
Kinder mit Migrationshintergrund wird hier widergespiegelt. In Kapitel vier
setze ich mich mit der Bildungsbeteiligung der Migrantenkinder auseinander.
Dabei verwende ich das soziökonomische Panel als Datengrundlage. Im
Rahmen dieses Kapitels wird zunächst die Bildungsbeteiligung der
Schülerinnen und Schüler mit und ohne Migrationshintergrund in der
Sekundarstufe betrachtet und eine Übersicht über ihre erreichten Schulab-
schlüsse geliefert. Hierbei erfolgt eine Darstellung des Schultypwechsels der
Schülerinnen und Schüler in der Sekundarstufe sowie die Skizzierung von
geschlechtsspezifischen Unterschieden innerhalb der gemischten Schülerschaft.
Das fünfte Kapitel liefert Erklärungsansätze für die Bildungsbenachteiligung
der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Neben der Dar-
stellung der soziokulturellen Faktoren, werden als weitere Erklärungs-
möglichkeit sozioökonomische Faktoren vorgestellt. Danach werde ich auf den
Aspekt der institutionellen Diskriminierung eingehen. Abschließend zeige ich
5
die Untersuchungsergebnisse der institutionalisierten Diskriminierung im Zu-
sammenhang mit Selektionsentscheidungen in der Grundschule. Als Beispiel
wird die Schule als Institution vorgestellt. Dabei wird auf die Vermutung
eingegangen, dass sie ihre Schüler aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit
selektiert.
Das folgende Kapitel stellt das Konzept der interkulturellen Pädagogik vor. Ich
werde in diesem Kontext die Entwicklung der Ausländerpädagogik bis zur
interkulturellen Pädagogik betrachten. Weiterhin werde ich die Gründe dieser
Entwicklung erklären, sowie die Merkmale der Ausländerpädagogik als auch
die der interkulturellen Pädagogik anschneiden. Kapitel sechs behandelt den
professionellen Umgang mit sozialer und kultureller Vielfalt. Hier werden Vor-
aussetzungen für den kompetenten Umgang mit sozialer und kultureller
Vielfalt verdeutlicht.
Das letzte Kapitel behandelt die Ursachen für den Bildungserfolg von
Menschen mit Migrationshintergrund. In diesem Zusammenhang stelle ich
zwei Fallbeispiele türkischer Migranten vor, die beide eine Hochschule in der
Bundesrepublik Deutschland besuchen.
2. Zum Begriff ,,Integration"
Die folgende Auseinandersetzung mit der Integration von Menschen aus einem
anderen Kulturkreis im deutschen Bildungs- und Erziehungswesen erfordert
die Definition und Analyse des Begriffs: ,,Integration".
Aufgrund der Menge an Literatur und ihrer Vielzahl von Definitionen, kann
der Begriff: ,,Integration" nicht einheitlich bestimmt werden. Geht man nach
der allgemeinen Definition aus dem Wörterbuch, so stammt der Begriff aus
dem Lateinischen und bedeutet: ,,Die Eingliederung; Einbeziehung oder
Vervollständigung" (vgl. Karl-Heinz Göttert 2007). Im Allgemeinen wird also
mit Integration die Einfügung, beziehungsweise Eingliederung in ein Ganzes,
aber auch Anpassung oder Angleichung bezeichnet. Insoweit ist der Begriff
mehrdeutig, so dass es gegebenenfalls notwendig sein wird, seine konkrete
Bedeutung im jeweiligen Kontext zu ermitteln.
Heutzutage wird unter dem Begriff Integration alles zusammengefasst, was im
6
Zusammenhang mit der Eingliederung von, in ihrer gesellschaftlichen Teilhabe
beeinträchtigten, Personen steht. Zum Beispiel richten sich diese Erwartungen
auch in besonderer Weise an Ausländer bzw. Migranten, die sich möglichst
reibungslos an den deutschen Lebensstil anpassen sollen.
,,Integration kann aber nur in einem homöostatischen, labilen, Fließ-
gleichgewicht über die Annäherung der diversen Existenzen in einer
solidarischen Kultur des Miteinander aller verwirklicht werden und ist
vielmehr ein ,,gegenseitiger psychosozialer Annäherungs- und Lernprozess
zwischen Integrator und Integranden (vgl. Kobi 1990, 58).
Auslöser für die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Begriff
Integration waren die anwachsenden Probleme, die sich mit dem langfristigen
Aufenthalt der damaligen Gastarbeiter in der Bundesrepublik ergaben (vgl.
Lüttinger/Rossmann 1989, S.35).
Angeworben wurden die Gastarbeiter in den 50er Jahren, um die Lücken auf
dem Arbeitsmarkt zu schließen und so war ihr Aufenthalt auch nur für eine
begrenzte Zeit gedacht (vgl. Helga Reimann und Horst Reimann 1976, 21).
Aber viele von ihnen wählten die Fremde als neue Heimat, auch wenn sie
zunächst ihre Rückkehrorientierung nicht grundsätzlich aufgaben.
Dieser Vorgang der Einwanderung brachte eine Menge gesamtgesellschaftliche
Probleme mit sich. Entwurzelung, Marginalisierung, kulturelle Entfremdung
sind Stichworte, um die Tragweite des Problems für das Schicksal des
einzelnen Individuums bzw. Migranten zu umreißen.
Absinken in die Unterschicht, ethnische Pluralisierung und Segmentierung sind
gesamt-gesellschaftliche Folgen, die weder die politisch-praktische Planung
noch die - üblicherweise mono-kulturell und mono-ethnisch - konzipierte
soziologische Theorie ignorieren kann (vgl. Hartmut Esser 1980, 11).
Insofern gilt: Integration von Migranten kann nicht von heute auf morgen
geschehen (vgl. Ernest W.B. Hess-Lüttich 1986, 23-24), sondern ist ein dyna-
mischer, lang andauernder und sehr differenzierter Prozess, zu dem die Mi-
granten in ihrer Eingliederung in ein soziales System aktiv beitragen. Integra-
tion sollte dabei nicht mit kultureller Anpassung gleichgesetzt werden, denn
der Begriff wird in der Wissenschaft anhand verschiedener Faktoren festgelegt.
Prof. Dr. Friedrich Heckmann, Universität Bamberg, unterscheidet folgende
vier Dimensionen von Integration (vgl. http://www.braunschweig.de/
7
gesellschaft_soziales/ integration/was_ist_integration.html):
1. strukturelle Integration: Die Migranten erwerben Rechte und Zugang zu
Positionen in Teilsysteme der Gesellschaft wie Arbeit, Wirtschaft, Bildung,
Soziales, Gesundheit, Politik usw.
2. kulturelle Integration (Akkulturation): Hier geht es um kulturelle Anpas-
sungen und Veränderungen bei Migranten sowie bei der aufnehmenden Gesell-
schaft (kognitive Verhaltens- und Einstellungsänderungen). Durch das Erlernen
der Kultur ist eine erfolgreiche Teilnahme am gesellschaftlichen Leben
möglich.
3. soziale Integration: Dieser Punkt bezeichnet die Entwicklung sozialer
Kontakte, die Mitgliedschaft in Vereinen, die sozialen Bindungen am Arbeits-
platz, in der Nachbarschaft und in Freizeitaktivitäten.
4. identifikative Integration: Die Bereitschaft der Migranten zur Identifikation
mit dem Lebensort, die Entwicklung von Zugehörigkeit und Akzeptanz ermög-
licht die Beteiligung und Mitgestaltung der Zugewanderten auf allen Ebenen.
Integration beinhaltet also zunächst zentral den Erwerb eines Mitgliedsstatus in
den Kerninstitutionen der Aufnahmegesellschaft, wie zum Beispiel in Wirt-
schaft und Arbeitsmarkt, Bildungs- und Qualifikationssystemen, Wohnungs-
markt und politische Gemeinschaften. Integration bedeutet hier den Erwerb
von Rechten und den Zugang zu Positionen in den Kerninstitutionen der
aufnehmenden Gesellschaft durch die Migranten und ihrer Nachkommen.
Dabei setzt der Erwerb eines Mitgliedsstatus einen Lern- und Sozialisations-
prozess seitens der Migranten voraus, um eine Mitgliedsrolle überhaupt
ausfüllen zu können.
Integration bedeutet in diesem Sinne prozessorientierte kognitive, kulturelle
und Verhaltens- Änderungen der Migranten.
Kulturelle Integration bezieht sich hauptsächlich auf die Migrations-
bevölkerung, beinhaltet aber auch notwendige kulturelle Anpassungen und
Veränderungen seitens der aufnehmenden Gesellschaft.
8
Der Erwerb einer Mitgliedschaft in einer neuen Gesellschaft im privaten
Bereich zeigt sich im Blickfeld sozialer Verkehrskreise, dabei inbegriffen
Freundschafts- und Partnerwahlstrukturen, Gruppen- und Vereinsmitglied-
schaften.
Auf der subjektiven Ebene erweist sich die neue gesellschaftliche
Mitgliedschaft in Identifizierungsbereitschaften. Die Migranten entwickeln ein
neues persönliches Zugehörigkeitsgefühl.
Die kulturelle Identität der Migranten bleibt also zunächst teilweise oder
vollständig bestehen, dabei sollten aber auch Werte und Lebensweisen der
Mehrheitsgesellschaft akzeptiert und zum Teil übernommen werden. Der Inte-
grationsprozess stellt somit Anforderungen an alle Beteiligten, auch an die
Aufnahmegesellschaft. Diese muss sich aktiv am Integrationsprozess beteiligen
und sollte ihn ebenso fördern. Integration muss von deutscher Seite ein Ange-
bot bleiben, dass Ermöglichungen, ohne einen entfremdenden, vereinnahmen-
den, also letztlich identitätszerstörenden und zum Objekt machenden Zwang,
bewirkt. Daraus folgt, dass Integration nur dann gelingen kann, wenn sie von
beiden Seiten, nämlich dem Migranten und dem Einheimischen, aus erfolgt.
Sie kann nicht als einseitige Leistung der Migranten erbracht werden (vgl.
Ernest W.B. Hess-Lüttich 1986, 27). Zusammenfassend formuliert ist
Integration nicht nur die soziale und kulturelle Annäherung zwischen
Migranten und Einheimischen, sondern auch ein politisches Ziel.
3. Worin besteht der Unterschied zwischen Integration
und Assimilation?
Im Zusammenhang mit der Eingliederung von Migranten ist der am häufigsten
genannte Begriff der der Assimilation. Unter Assimilation versteht man ein
Aufgehen in einer fremden Kultur, eine Ähnlichmachung oder Angleichung
einer ethnischen Gruppe an eine andere (vgl. Wolfgang Kühlwein/Günter
Radden 1978, 103). Assimilation bedeutet die Übernahme der sozialen
Wertstandards, Orientierungs- und Verhaltensmuster bis hin zu den
prinzipiellen Lebensinteressen und dem Wandel des Bewusstseins der
Gruppenzugehörigkeit (vgl. Hartfiel 1972, 40) und sie setzt Integration voraus,
9
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