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Essay, 2008, 5 Seiten
Autor: Dr. Sabine Busch-Frank
Fach: Theaterwissenschaft
Details
Institut: gran Theatre del Liceu
Tags: Meistersinger, Nürnberg“, Wahrnehmung, Stück, Musiktheater, Temporada
Jahr: 2008
Seiten: 5
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-640-21115-9
Dateigröße: 66 KB
Erschien im Programmheft des Opernhauses in Barcelona auf spanisch und englisch, daher ist die Perspektive eher international gewählt.
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Zusammenfassung / Abstract
„Gewiss, es ist viel 'Hitler' in Wagner“, resignierte der Dichter Thomas Mann 1950 im amerikanischen Exil – und tatsächlich ist Wagners Werk oft noch heute bei Intellektuellen in Deutschland trotz seines Ruhmes als Schöpfer des 'Gesamtkunstwerkes' und der Bayreuther Festspiele verpönt. Gerade das Vorspiel zu den Meistersingern von Nürnberg und die Schlussansprache des Hans Sachs auf der Festwiese werden sogar von manchen Opernfreunden mit geradezu körperlichem Unbehagen gehört. Schon der zeitgenössische Rezensent Eduard Hanslick bezeichnete die Musik zu Beginn des ersten Aktes als „blutrünstig“: Das donnernde C-Dur, der gewaltige Einsatz des Tutti-Klangkörpers, die rhythmischen Marschmusikanklänge im Schlagwerk und der fanfarenartige Gebrauch des Blechs zu Beginn des Vorspiels wirken viel zu dominant und martialisch für eine musikalische Komödie aus dem romantisierten Nürnberg der Reformation. Zudem hat sich mit den Jahren eine immer getragenere musikalische Auffassung des Orchestervorspiels eingebürgert – hatte Wagner selbst nur etwa 8 Minuten dafür benötigt, wählen die Dirigenten seit den 20-er Jahren deutlich langsamere Tempi, die die Dauer des Präludiums um bis zu zwei Minuten verlängern.
Textauszug (computergeneriert)
Theater-Kommunikation München
von
Dr. Sabine Busch-Frank
,,Die Meistersinger von Nürnberg" in deutscher Wahrnehmung mehr als ein
heiteres Stück Musiktheater
,,Gewiss, es ist viel ′Hitler′ in Wagner", resignierte der Dichter Thomas Mann 1950 im
amerikanischen Exil und tatsächlich ist Wagners Werk oft noch heute bei Intellektuellen in
Deutschland trotz seines Ruhmes als Schöpfer des ′Gesamtkunstwerkes′ und der Bayreuther
Festspiele verpönt. Gerade das Vorspiel zu den
Meistersingern von Nürnberg
und die
Schlussansprache des Hans Sachs auf der Festwiese werden sogar von manchen
Opernfreunden mit geradezu körperlichem Unbehagen gehört. Schon der zeitgenössische
Rezensent Eduard Hanslick bezeichnete die Musik zu Beginn des ersten Aktes als
,,blutrünstig":
Das donnernde C-Dur, der gewaltige Einsatz des Tutti-Klangkörpers, die rhythmischen
Marschmusikanklänge im Schlagwerk und der fanfarenartige Gebrauch des Blechs zu Beginn
des Vorspiels wirken viel zu dominant und martialisch für eine musikalische Komödie aus
dem romantisierten Nürnberg der Reformation. Zudem hat sich mit den Jahren eine immer
getragenere musikalische Auffassung des Orchestervorspiels eingebürgert hatte Wagner
selbst nur etwa 8 Minuten dafür benötigt, wählen die Dirigenten seit den 20-er Jahren deutlich
langsamere Tempi, die die Dauer des Präludiums um bis zu zwei Minuten verlängern.
Musikalisch ist das Vorspiel in C-Dur gehalten - der einfachsten Tonart, die keine Vorzeichen
benötigt und im Quintenzirkel ganz oben steht. Klassisch assoziiert sie die Grundbedeutung
Schlichtheit, Klarheit und Helligkeit; der russische Komponist Alexander Nikolajewitsch
Skrjabin geht sogar soweit, ihr die Farbe ′rot′ und den Geruch der Erde, des Bodens
zuzuordnen. Bedenkt man, dass Wagner mit den
Meistersingern von Nürnberg
sowohl
thematisch wie stilistisch ein komplementäres Gegenstück zu seinem der Opernbühne schwer
vermittelbaren Opus
Tristan und Isolde
schaffen wollte, ist dieses Vorspiel programmatisch
zu sehen: Bei den Meistersingern (UA1868) C-Dur, Diatonik, Emphase, Tageslicht und
kraftstrotzende Gesundheit in der Nachtwelt des bereits 1865 uraufgeführten
Tristan
der
verzehrend nach Auflösung drängende ′Tristan-Akkord′, Trugschlusskadenz und Dissonanz,
Leiden und Vergehen. Überdeutlich wird dieser Eigenverweis, wenn Sachs zu
Tristan
-
Orchesterklängen im 3. Akt seinem geheimen Traum entsagt, Eva selbst zu ersingen:
,,Mein Kind, von Tristan und Isolde
kenn´ ich ein traurig Stück:
Hans Sachs war klug und wollte
nichts von Herrn Markes Glück. "
Im weiteren Verlauf des Vorspiels wird dann auch die zunächst so drastische Tonsprache
milder, erzählt vage von zarten Gefühlen und Liebeswerben um dann in jenen pompösen
Festwiesen-Klängen des Blechs zu verharren, die bereits auf den dritten Akt verweisen, in
dem Volk und Kunst so stolz auftreten und schließlich dem Liebespaar zu glücklicher
Vereinigung verhelfen. Eine Art Kurzfassung der ganzen Oper ist nach bester Theatertradition
des 19. Jahrhunderts im Vorspiel der Meistersinger bereits angelegt.
Das Werk gipfelt dann bekanntlich in jenem Appell ,,Ehrt Eure deutschen Meister!", den
Wagner auf Drängen seiner Frau Cosima Hans Sachs in den Mund gelegt hat und welcher in
seiner harschen Abgrenzung gegen das Fremde, ′Welsche′, heute ungute Assoziationen mit
einem anderen, dunklen Deutschland wachruft.
,,Ehrt Eure deutschen Meister,
dann bannt Ihr gute Geister!
Und gebt Ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging′ in Dunst
das Heil′ge Röm′sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil′ge deutsche Kunst!"
Wagner war schließlich, obwohl bei Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft in
Deutschland bereits seit 50 Jahren tot, einer der gern zitierten kulturell-ideologischen
Leitsterne des faschistischen Regimes: Mit seinem monumentalen Schaffen, dem
Deutschland-Klischee des von ihm in die Oper transferierten mythisch-germanischen bzw.
sagenhaften, mittelalterlichen Geschichtsbildes, aber auch mit seinem antisemitischen
Weltbild, ja sogar mit den Ansichten seiner noch lebenden, nationalsozialistisch denkenden
Familienmitglieder (Cosima und Winifred Wagner, Schwiegersohn Houston Stewart
Chamberlain, Schwiegerenkel Bodo Lafferentz) ließ sich das NS-Gedankengut problemlos in
Deckung bringen.
So wurde Richard Wagner zu einer festen Größe im aufstrebenden Dritten Reich - er war
Hitlers persönlicher Lieblingskomponist. So wurden seine Festspiele als Wallfahrtsort
nationalsozialistischer Gesinnung und sein Werk als hochwertige Hintergrundmusik für die
Festakte der Faschisten missbraucht. ′Der Tag von Potsdam′ (21.3.1933), der als ′Tag der
nationalen Erhebung′ die neuerrungene Macht der NSDAP im Dritten Reich demonstrieren
sollte, wurde somit gewiss nicht zufällig mit einer Festaufführung der
Meistersinger von
Nürnberg
beendet das Volk auf der Bühne war instruiert, sich beim ,,Wach auf"-Chor im 3.
Akt nicht Hans Sachs, sondern dem in der Mittelloge des Theaters sitzenden Adolf Hitler
zuzuwenden.
Dabei hatte die Wirkungsgeschichte der
Meistersinger
zu Wagners Lebzeiten eine ganz
andere Tendenz. Zumindest die Uraufführung in München war Wagners Meinung nach eine
Musteraufführung, ein leuchtender Erfolg für den Komponisten. Wie sich der 55-jährige,
kleingewachsene sächsische Komponist neben Ludwig II. von Bayern in der Königsloge vor
den berauschten Uraufführungsgästen verbeugte, ist als bemerkenswerter Moment in die
Operngeschichte eingegangen. Eben noch auf der Flucht vor der Steuerfahndung,
halbvergessen im Exil, aufgezehrt von monströsen Opernprojekten und noch monströseren
Schulden hatte Wagner der ′Märchenkönig′ 1864 die rettende Hand gereicht wie ein deus ex
macchina auf der barocken Opernbühne. Die Uraufführung der
Meistersinger
bezeichnet
einen Höhepunkt dieser merkwürdigen Freundschaft zwischen Regent und Genie.
Die Uraufführung setzte Maßstäbe: Von nun an gab es auf den deutschsprachigen Bühnen
reichlich detailverliebtes Puppenstuben-Mittelalter, prachtvolle Zunftkostüme, blonde Evas in
weißen Gewändern. Die
Meistersinger von Nürnberg
trafen in diesem pittoresken Gewand die
Herzen der Spießbürger. Dabei war Wagners neues Werk bei der Fachpresse damals
umstrittener so schrieben die
Signale
im Jahr 1862 ,,Ein Berg von Albernheit und Plattheit
in Wort, Gebärde und Musik sind die Meistersinger" und die
Neue freie Presse
urteilte 1869
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