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Entwicklung und Debatte der Koedukation im Schulsport

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 22 Pages
Author: Mathias Herbst
Subject: Sport - Sport Pedagogy, Didactics

Details

Event: Allgemeine und spezielle Themen der Sportdidaktik
Institution/College: Otto-von-Guericke-University Magdeburg (Institut für Sportwissenschaft)
Tags: Entwicklung, Debatte, Koedukation, Schulsport, Allgemeine, Themen, Sportdidaktik
Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2008
Pages: 22
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 15  Entries
Language: German
Archive No.: V118182
ISBN (E-book): 978-3-640-20787-9
ISBN (Book): 978-3-640-20793-0
File size: 133 KB

Abstract

Das Thema der Koedukation im Sportunterricht wird in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren immer wieder kontrovers diskutiert. Seitdem hat sich einiges getan, die angestrebten Ziele wurden aber in unterschiedlichem Maße eher unbefriedigend erreicht. Aus diesem Grund gibt es auch in der neueren Zeit Debatten und Studien, welche sich mit dem Thema der Koedukation im Schulsport und derer Durchsetzbarkeit befassen. Die vorliegende Arbeit beschreibt zunächst die Ursachen einer Geschlechterkonstruktion, die vermeintlichen Unterschiede im Verhalten und den Interessen der Geschlechter, bevor sie auf einen kurzen historischen Abriss der Koedukation in Deutschland eingeht. Auf diese beiden Punkte aufbauend, werden die Pro- und Contra-Argumente der Koedukation herausgestellt, um im Abschluss der Arbeit der Frage auf den Grund zu gehen, ob die Koedukation im Schulsport ein angebrachtes Mittel zur Chancengleichheit der Geschlechter darstellt, oder ob die Gefahr zu groß ist, dass genau das Gegenteil erreicht wird, oder aber ob man an der gegenwärtigen Umsetzung der Koedukation einzelne Punkte didaktisch überdenken sollte, um die gesetzten Ziele effektiver und sicherer erreichen zu können. Grundlegend erscheinen für die Auseinandersetzung mit dem Thema Koedukation die Fragen, ob es wirklich eine typisch weibliche oder männliche Sportkultur gibt und ob Frauen im Sport anders handeln als ihre männlichen Mitstreiter. Letztendlich beschäftigt sich die Arbeit mit der These, ob die in der Koedukation auftretenden Probleme mit derselben gelöst werden können.


Excerpt (computer-generated)

Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg

Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften

Institut für Sportwissenschaft

Hauptseminar: Allgemeine und spezielle Themen der Sportdidaktik [AM6]

Semester: SoSe 2005

Student: Mathias Herbst

Entwicklung und Debatte der

Koedukation im Schulsport


Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 2

1. Einleitung 3

2. Wissenschaftliche Erklärungsversuche zur Konstruktion des Merkmals

Geschlecht 4

3. Historische Entwicklung der Koedukation in Deutschland seit dem

19. Jahrhundert 7

4. Contra Koedukation im Schulsport in der heutigen Debatte 10

5. Pro Koedukation im Sportunterricht 14

6. Koedukativer Sportunterricht in der schulischen Praxis heute 15

7. Koedukation ja ­ aber wie? 16

8. Literatur 20

2


1. Einleitung

Das Thema der Koedukation im Sportunterricht wird in der Bundesrepublik seit den

1960er Jahren immer wieder kontrovers diskutiert. Seitdem hat sich einiges getan,

die angestrebten Ziele wurden aber in unterschiedlichem Maße eher unbefriedigend

erreicht. Aus diesem Grund gibt es auch in der neueren Zeit Debatten und Studien,

welche sich mit dem Thema der Koedukation im Schulsport und derer

Durchsetzbarkeit befassen. Die vorliegende Arbeit beschreibt zunächst die

Ursachen einer Geschlechterkonstruktion, die vermeintlichen Unterschiede im

Verhalten und den Interessen der Geschlechter, bevor sie auf einen kurzen

historischen Abriss der Koedukation in Deutschland eingeht. Auf diese beiden

Punkte aufbauend, werden die Pro- und Contra-Argumente der Koedukation

herausgestellt, um im Abschluss der Arbeit der Frage auf den Grund zu gehen, ob

die Koedukation im Schulsport ein angebrachtes Mittel zur Chancengleichheit der

Geschlechter darstellt, oder ob die Gefahr zu groß ist, dass genau das Gegenteil

erreicht wird, oder aber ob man an der gegenwärtigen Umsetzung der Koedukation

einzelne Punkte didaktisch überdenken sollte, um die gesetzten Ziele effektiver und

sicherer erreichen zu können.

Grundlegend erscheinen für die Auseinandersetzung mit dem Thema Koedukation

die Fragen, ob es wirklich eine typisch weibliche oder männliche Sportkultur gibt und

ob Frauen im Sport anders handeln als ihre männlichen Mitstreiter. Letztendlich

beschäftigt sich die Arbeit mit der These, ob die in der Koedukation auftretenden

Probleme mit derselben gelöst werden können. Zur weiteren Bearbeitung des

Themas erscheint es im Folgenden unabdingbar, den grundlegenden Begriff der

Koedukation zu definieren.

Meyers Lexikon definiert Koedukation als ,,[...] gemeinsame Erziehung von Jungen

und Mädchen im öffentlichen Bildungswesen [...]"1 mit dem Ziel der

Chancengleichheit der Geschlechter. Diese Definition scheint im Rahmen einer

wissenschaftlichen Arbeit aber nicht geeignet, da sie zu wenig differenziert auf die

eigentliche Problematik der Koedukation eingeht. Vielmehr erscheint mir die

Definition von Pühse (1990) schon eher dafür geeignet, den Begriff zu definieren.

Pühse unterscheidet zwischen dem gemeinsamen Unterrichten, was er als

Koinstruktion bezeichnet und dem gemeinsamen Erziehen von Mädchen und

1 Meyers Lexikon online [Zugriff unter http://lexikon.meyers.de/meyers/Koedukation]

3


Jungen, was seiner Meinung nach die Koedukation darstellt.2 Mit dieser Meinung ist

Pühse nicht allein, denn es gibt viele weitere Wissenschaftler, die diese beiden

Begriffe mehr oder weniger scharf voneinander getrennt benutzen.

2. Wissenschaftliche Erklärungsversuche zur Konstruktion des

Merkmals Geschlecht

Grundlegend für die Auseinandersetzung mit dem Thema Koedukation im Schulsport

ist zunächst das Merkmal ,,Geschlecht". Dabei geht es um die Fragen, wie die

Geschlechter als unterschiedlich wahrgenommen werden und ob sich im Laufe der

Zeit dahingehend eine Wandlung vollzogen hat. Die Unterteilung in Geschlechter ist

eine besonders wichtige und in allen Kulturkreisen anzutreffende Kategorie, obgleich

sie sich in den verschiedenen Kulturen unterscheidet.3

Die Konstruktion des Merkmals Geschlecht ist in der Debatte um die Koedukation

von ausschlaggebender Bedeutung. Im 18. und 19. Jahrhundert begründeten

Anthropologen die Unterschiedlichkeit der Geschlechter. Diese Unterschiede wurden

mit dem Aufkommen und dem Durchsetzen der naturwissenschaftlichen Forschung

gegenüber der religiösen Lehrmeinungen im Zuge des 18. Jahrhunderts

ausschließlich mit den biologischen, d.h. anatomischen Voraussetzungen begründet,

von dessen dann auf die psychischen Eigenschaften von Frauen und Männer

geschlossen wurden. Durch den Blick in das Körperinnere der Menschen versuchte

man die Verschiedenartigkeit der Geschlechter zu erfassen, zu untermauern und

Normalitäten festzulegen.4

Dabei wurden Frauen als physisch mangelhaft ausgebildete Wesen gesehen, der

Mann hingegen als stark, kraftvoll und aktiv.5 Diese konstruierte

Geschlechterordnung wurde im Sport nicht hinterfragt, da sie gerade hier sehr gut

beobachtbar war und als natürlich gegeben angesehen wurde. Die zwei

Geschlechter welche sich in Hinblick auf die Anatomie, die Konstitution und die

Leistungsfähigkeit unterscheiden, waren im Sport sehr leicht auszumachen ­ die

2 Pühse, U. (1990) Seite 193

3 Alfermann, D. (1994) Seite 212 (in: Pühse, U. (Hrsg.): Soziales Handeln im Sport und

Sportunterricht), sowie Meinberg E. (1991) Seite 145

4 Pfister, G. (2006) Seite 27

5 Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 41

4


Unterschiede waren hier noch sichtbarer als in anderen Lebensbereichen. Hartmann-

Tews (2006) bezeichnet dieses Phänomen als ,,visuelle Empirie".6

Die Handlungsorientierung im sozialen System des Sports hat zu diesem Zeitpunkt

die Auffassung über die natürliche Ungleichheit von Männern und Frauen bestätigt

und damit weiter gefestigt. Der Sport diente also zu dieser Zeit der Konsolidierung

der Chancenungleichheit, also genau dem Gegenteil dessen, was er heute erreichen

will, beziehungsweise soll.

Mit der politischen Studentenbewegung und der damit zusammenhängenden

Frauenbewegung Ende der 1960er Jahre etablierte sich die Frauenforschung in der

Sportwissenschaft.7 Diese befasste sich mit der wissenschaftlichen Diskussion über

die Rolle der Frau im Sport dessen System aufgrund der vorangegangenen

historischen Sicht männlich geprägt war und bisweilen heute noch ist. Im Mittelpunkt

der Frauenforschung der 1970er Jahre stand die soziale Lage von Frauen in der

Gesellschaft und der damit verbundenen Chancenungleichheit in allen Lebenslagen.

Das Anliegen bestand also darin, die bis dato vorherrschende naturwissenschaftlich-

biologische Sicht zu überwinden und den Sport als gesellschaftliches Subsystem in

Bezug auf die Geschlechterrollen zu untersuchen.8

In der frühen Phase der Frauenforschung ging es also darum zu zeigen, dass die

Unterschiede der Geschlechter im Sport nicht biologisch-naturwissenschaftlich zu

untersuchen und zu erklären sind, sondern dass die Kategorie Geschlecht

sozialisationsbedingt auf der Grundlage der Machthierarchie konstruiert wird.9

Bis in die 1980er Jahre hinein legte man das Hauptaugenmerk auf ,,[...]

sozialisatorische und sozialstrukturelle Defizite in der Lebenswirklichkeit von

Mädchen und Frauen."10

Durch die Erklärungsversuche der ungleichen Entwicklungschancen entwickelten

sich neue sportpädagogische Konzepte, welche das Ziel hatten, Mädchen und

Frauen durch eine feministische Sportpraxis stärker in den Sport integrieren zu

können und den Nachholbedarf der Mädchen und Frauen in der Sportpraxis zu

minimieren.

Erst gegen Ende der 1980 Jahre rückten diese Defizite in den Hintergrund der

sportwissenschaftlichen Forschung auf dem Gebiet der Frauenforschung. Vielmehr

6 Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 42

7 Voss, A. (2003) Seite 18

8 ebd. Seite 17

9 Hartmann-Tews, I. (2006) Seite 45

10 ebd.

5



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