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Textbook, 2007, 350 Pages
Author: MMag. Dr. Harald A. Friedl
Subject: Philosophy - Practical (Ethics, Aesthetics, Culture, Nature, Right, ...)
Details
Institution/College: University of Graz (Philosophie)
Tags: Paradies, Gewissen, Ethische, Grundlagen, Ferntourismus, Ethik
Year: 2007
Pages: 350
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-17884-6
ISBN (Book): 978-3-638-83584-8
File size: 1350 KB
Dieses Fachbuch stellt eine überarbeitete und aktualisierte Version der mit "sehr gut" benoteten Diplomarbeit des Autors dar.
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Abstract
Tourismus berührt heute alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, und dies auf sämtlichen Regionen der Welt. Er wurde damit zu einem zentralen Faktor im Prozess der Globalisierung mit all seinen Konsequenzen wie Wirtschaftswachstum, sozialer Wandel und Umweltbelastung. Darum fragt der Autor nach den Handlungsspielräumen von Touristen, um durch verantwortungsvolles Verhalten die negativen Auswirkungen von Fernreisen zu minimieren und die positiven Effekte zu verstärken. Dabei stehen Reisen in die so genannte Dritte Welt im Vordergrund. Im ersten theoretischen Abschnitt werden zentrale Begriffen der Tourismuswissenschaft sowie die historische Entwicklung des Tourismus skizziert und die wesentlichen Auswirkungen des Ferntourismus systematisch analysiert. Nach einer kritischen Würdigung bisheriger tourismuskritischer Zugänge werden Ansätze für eine konstruktive Tourismuskritik erarbeitet. Diese fußt im Wesentlichen auf einer umfassenden Problem- und Situationsanalyse der Tourismusentwicklung in Entwicklungsländern und der Ableitung durchsetzbarer Lösungsstrategien. Dazu werden zwingende Rahmenbedingungen des Ferntourismus systematisch aufgezeigt, nämlich wesentliche Akteure der internationalen Tourismuspolitik, Strukturen von Reisegruppen sowie die Handlungsspielräume eines Reiseleiters als interkultureller Coach. Der zweite theoretische Abschnitt untersucht die Grundlagen einer Tourismusethik in Hinblick auf mögliche universalisierbare Handlungsanweisungen. Dazu werden bisherige ethische Lösungsansätzen in den Bereichen Wirtschaft, Umwelt und Entwicklung miteinbezogen und auf ihre Praktikabilität untersucht. Im dritten, Praxis orientierten Teil werden die drei Etappen einer Reise, Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung, in Hinblick auf die Verringerung von negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen des Reisens sowie auf die Steigerung von lokaler Wertschöpfung und die Verbesserung des interkulturellen Dialogs systematisch dargestellt. Als Methodik dienten im Wesentlichen die Analyse der einschlägigen Literatur aus den Bereichen Bereich Tourismusentwicklung, Regionalentwicklung, Sustainability, Ethik, Tourismuspolitik und Globalisierung. Verbreitete Tourismuskodizes wurden ebenfalls integriert, und auch die langjährigen Erfahrungen des Autors als Reiseleiter flossen in die Ergebnisse ein. Das vorliegende Buch versteht sich als praktische Anregung für Touristen, Reiseleiter und Reiseveranstalter sowie für Studierende.
Excerpt (computer-generated)
Das gebuchte Paradies, gutes Gewissen inklusive.
Ethische Grundlagen des umwelt- und sozialverträglichen Ferntourismus.
Diplomarbeit
zur Erlangung des akademischen Grades eines
Magisters der Philosophie
an der
Geisteswissenschaftlichen Fakultät der
Karl-Franzens-Universität Graz
vorgelegt von
Mag. jur. Harald A. Friedl
Graz, 2001
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung ... 1
1. Persönlicher Zugang ... 1
2. Problemstellung ... 2
3. Danksagung ... 7
II. Grundlagen für eine praktische Reiseethik ... 9
1. Begriffsdefinition ... 9
1.1. Was ist Tourismus? ... 9
1.2. Was ist ein Tourist? ... 12
1.3. "Dritte Welt" oder "Entwicklungsländer" ... 18
2. Die historische Entwicklung des Tourismus ... 21
2.1. Die Anfänge des Reisens aus Neugierde ... 21
2.2. Die "Grand Tour" der Herrensöhne ... 23
2.3. Aristokraten als Pioniere des modernen Tourismus ... 24
2.4. Sozialrechtliche, wirtschaftliche und technische Neuerungen als Voraussetzung für Massentourismus ... 25
2.5. Der Durchbruch des Ferntourismus ... 29
2.6. Aktuelle Trends: Der Post- oder Hybridtourismus ... 30
2.7. Der internationale Tourismus in Zahlen ... 34
3. Ferntourismus in Destinationen der Dritten Welt ... 37
3.1. Dimensionen des Dritte-Welt-Tourismus ... 38
3.2. Formen der Dritte-Welt-Tourismus ... 39
3.2.1. "SSS"-Tourismus ... 40
3.2.2. Besichtigungstourismus ... 41
3.2.3. All-inclusive-Tourismus ... 43
3.2.4. Kreuzfahrttourismus ... 45
3.2.5. Golftourismus ... 46
3.2.6. Kindersextourismus ... 47
3.2.7. Ökotourismus ... 50
3.2.7.1. Definitionen für Ökotourismus ... 50
3.2.7.2. Dimensionen des Ökotourismus ... 51
3.2.7.3. Besondere Probleme durch Ökotourismus ... 51
3.2.7.4. Spezialform Ethnotourismus ... 54
3.2.7.5. Beurteilung des Ökotourismus ... 57
4. Spezifische Probleme des Dritte-Welt-Tourismus ... 59
4.1. Ökologische Auswirkungen ... 61
4.1.1. Verkehr - der schmutzige Weg ins Paradies ... 62
4.1.1.1. Flugverkehr ... 63
4.1.1.2. Autoverkehr ... 65
4.1.2. Naturverbrauch für Infrastrukturmaßnahmen ... 67
4.1.3. Ressourcenverbrauch ... 67
4.1.4. Abfallbelastung ... 69
4.1.5. Gefährdung der Artenvielfalt ... 70
4.1.6. Tourismus als Umwelt-Retter? ... 71
4.2. Ökonomische Auswirkungen ... 71
4.2.1. Sickerquoten ... 72
4.2.2. Wirtschaftliche Abhängigkeit durch touristische Monokultur ... 73
4.2.3. Verschärfung sozialer Ungerechtigkeit ... 75
4.2.4. Verdrängung traditioneller Arbeitsformen ... 76
4.3. Soziokulturelle Auswirkungen ... 77
4.3.1. Konfliktpotentiale in der Begegnung zweier Welten ... 79
4.3.2. Die unterschiedlichen Lebenssituationen ... 80
4.3.3. Die unterschiedlichen Beziehungsauffassungen ... 81
4.3.4. Die tendenzielle Sittenlosigkeit der Touristen ... 83
4.3.5. Soziokultureller Wandel ... 84
4.3.6. Identitätsverlust ... 87
4.3.7. Folklorisierung ... 89
4.4. Politische Auswirkungen ... 92
4.4.1. Politische Stabilität statt Demokratie ... 92
4.4.2. Menschenrechtsverletzungen ... 94
4.4.3. Mittelbare Tourismusverbrechen: Vertreibungen ... 94
4.4.4. Unmittelbare Tourismusverbrechen: Zoo- und Sextourismus ... 95
5. Tourismuskritik ... 99
5.1. Anfänge der Tourismuskritik ... 99
5.2. Die wichtigsten Phasen der modernen Tourismuskritik ... 101
5.2.1. Die elitäre Tourismuskritik ... 102
5.2.2. Die ideologische Tourismuskritik ... 103
5.2.3. Die ökologische Tourismuskritik ... 104
5.2.4. Die antikolonialistische Tourismuskritik ... 105
5.2.5. Die emanzipatorische Tourismuskritik ... 108
5.3. Kritik an den Kritikern ... 109
5.4. Neue Orientierungen der Tourismuskritiker ... 110
5.4.1. Etablierungserscheinungen ... 110
5.4.2. Ausstehende Korrekturen ... 111
6. Faktische Rahmenbedingungen des DW-Tourismus ... 113
6.1. Politische, wirtschaftliche, soziale Rahmenbedingungen in den Entsenderländern ... 113
6.2. Rahmenbedingungen des Veranstaltermarktes ... 116
6.3. Internationale Rahmenbedingungen des Ferntourismus ... 121
6.3.1. Die Globalisierung der Reiseindustrie und ihre Folgen ... 123
6.3.1.1. Der Veranstaltermarkt ... 124
6.3.1.2. Der Flugmarkt ... 125
6.3.1.3. Der Hotelmarkt ... 126
6.3.1.4. Destinationenkonkurrenz ... 127
6.3.2. Internationale Tourismuspolitik ... 129
6.3.2.1. Die Akteure ... 130
6.3.2.2. Maßnahmen für einen nachhaltigen Tourismus ... 136
6.3.2.3. Kontraproduktive Maßnahmen: die GATS ... 142
6.3.2.4. Kritik ... 145
6.4. Nationale Rahmenbedingungen in Entwicklungsländern ... 147
6.5. Lokale Rahmenbedingungen in Entwicklungsländern ... 150
7. Die individuellen Adressaten für eine praktische Reiseethik ... 153
7.1. Der Stoff, aus dem Touristen sind ... 154
7.2. Strukturelemente der Reisegruppensituation ... 158
7.3. Exkurs: Bildungstourismus und Völkerverständigung ... 162
7.4. Der europäische Reiseleiter ... 166
7.5. Lokale Reiseleiter ... 168
8. Theoretische Grundlagen für eine Ethik des Tourismus ... 171
8.1. Theorie der Ethik ... 171
8.2. Ethik im Zeitalter der Globalisierung ... 174
8.3. Egoismus versus Altruismus ... 178
8.4. Tourismusverknüpfte ethische Materien ... 180
8.4.1. Wirtschaftsethik ... 181
8.4.2. Umweltethik und ihre zentralen Positionen ... 188
8.4.3. Ethik des Naturschutzes ... 194
8.4.4. Ethik der Armutsbekämpfung ... 195
8.5. Theorie der praktische Ethik ... 199
9. Anforderungen an eine praktische Reiseethik für Touristen ... 205
9.1. Bedingungen für die Praktikabilität des Leitfadens ... 206
9.2. Rahmenbedingungen für aride Zonen ... 211
9.3. Die Prinzipien für ethisch verantwortungsvolles Reisen ... 213
III. Praktische Reiseethik ... 199
1. Vor der Reise ... 217
1.1. Selbsterkenntnis: Erfüllung aller psychischen und physischen Voraussetzungen ... 219
1.2. Informationsquellen ... 222
1.3. Wahl des Ziel ... 227
1.3.1. Menschenrechtsverletzungen ... 228
1.3.2. Selbstbestimmung der Bereisten ... 230
1.3.3. Öko-Sünder ... 233
1.4. Wahl der Reiseform ... 235
1.4.1. Massentourismus oder Individualtourismus? ... 235
1.4.2. Verkehrsmittel - eine Frage der Zeit ... 237
1.4.3. Mit welchem Unternehmen? ... 240
1.4.4. Alternative Anbieter ... 241
1.4.5. Entwicklungshilfe Projekttourismus? ... 244
1.5. Gezielte Vorbereitung - eine Gefahrenprävention ... 247
2. Während der Reise: Rücksichtnahme ... 251
2.1. Sozialverträgliches Verhalten ... 252
2.1.1. Zurückhaltung ... 253
2.1.2. Äußeres Auftreten: Kleidung, Umgangsformen ... 254
2.1.3. Fotografieren statt "Schießen" ... 258
2.1.4. Almosen geben mit Verantwortung ... 264
2.1.5. Umgangsformen - keine Selbstverständlichkeit ... 265
2.1.6. Medizinische Hilfe kann töten ... 266
2.1.7. Begegnungen - die Kunst der Langsamkeit ... 268
2.1.8. Geschenke und Versprechen ... 271
2.1.9. Aufklärung über den "Goldenen Westen" ... 273
2.1.10. Kritische Themen: Politik, Religion, Sexualität ... 273
2.1.11. Spezialproblem Korruption ... 274
2.1.12. Tabu Sex? ... 275
2.2. Verhalten hinsichtlich lokaler Wertschöpfung ... 276
2.2.1. Unterkunft und Reiseagentur ... 277
2.2.2. Verpflegung ... 278
2.2.3. Trinkgeld ... 279
2.2.4. Einkauf - die Kultur des Handelns ... 280
2.2.5. Spezialproblem Souvenirs ... 282
2.2.5.1. Verbotene Objekte ... 282
2.2.5.2. Fundgegenstände ... 284
2.3. Ökologisches Verhalten ... 285
2.3.1. Verkehrsmittel ... 285
2.3.2. Ressourcenverbrauch ... 286
2.3.3. Abfall ... 287
2.3.4. Hygiene ... 288
2.3.5. Naturschutzzonen ... 289
2.4. Notwehr-Rechte des Touristen ... 291
2.4.1. Aufdringlichkeit, Betrug, Kinderattacken ... 292
2.4.2. Beistandspflicht gegenüber Dritten ... 293
3. Nach der Reise ... 269
IV. Zusammenfassung ... 297
V. Abkürzungsverzeichnis ... 299
VI. Literaturangaben ... 303
VII. Lebenslauf des Autors ... 337
I. Einführung
Nassara, donnez-moi un cadeau!
Ruf der Kinder in Agadez zu Weißen
1. Persönlicher Zugang
Mit Siebzehn brach ich erstmals alleine, nur mit einem Rücksack und einem alternativen Reiseführer bewaffnet, in die Fremde auf, um in der Ägäis das "Inselhüpfen" zu wagen. Allerdings befand ich mich am damaligen äußersten Rand meines globalen Gesichtskreises nicht nur in Gegenwart zahlreicher mitteleuropäischer Touristen, sondern auch immer noch im rechtlichen und wirtschaftlichen Einflußbereich der Europäischen Union.. Wenige Jahre später ließ ich mich zu einer Reise in die algerische Sahara inspirieren, die mein Vater als Student Anfang der 60er-Jahre unternommen hatte. So verließ ich im Feber 1989 per Bahn, Fähre und Autostop erstmals den europäischen Kulturkreis und drang tief in die Sahara vor bis in die Tuareg-Oase Tamanrasset, wobei ich - trotz geringster Französischkenntnisse - in den Genuss von Erlebnissen, Begegnungen und Erfahrungen kam, die mich für mein weiteres Leben nachhaltig prägten: Ich wurde gleichsam vom "Wüstenvirus" befallen, jener unstillbaren Sehnsucht nach der Sahara, die niemanden mehr losläßt.
Bereits im folgenden Winter zog es mich erneut in die größte Wüste der Erde, und abermals wagte ich einen beträchtlichen Schritt weiter über den mir vertrauten Kulturkreis hinaus: So betrat ich - nach der Durchquerung der Sahara per Autostop - erstmals Schwarzafrika und somit die sogenannte "Dritte Welt"1.
Alle diese noch von Naivität geprägten Erfahrungen - die Begegnung mit der Urlandschaft Wüste, mit den "geheimnisvollen" Tuareg, die in dieser kargen Welt scheinbar zu überleben verstehen, und mit der "unterentwickelten" Peripherie unserer globalisierten Welt, deren erfahrene Wirklichkeit sich so grundlegend von jener durch die Massenmedien vermittelten Schwarz-Weiß-Malerei unterschied - führten zu grundlegenden Erschütterungen meines Selbst-Bewußtseins. Doch nicht Ablehnung und Verdrängung, sondern eine unstillbare Lust ach Erkenntnis über und durch diese fremden Welten gedieh in mir gleichsam zur Berufung. Auf Anraten meines langjährigen Freundes und Mentors, des großen Afrika-Fahrers, Schriftstellers und Journalisten Günther W. Palm, dem ich in Algerien begegnet war, begann ich mich vorerst journalistisch mit den bereisten Ländern auseinanderzusetzen. 1992 wurde ich "professioneller" Reisender: Ich unterzog mich in Kalifornien einer Ausbildung zum Reiseleiter und arbeitete sechs Monate lang in den USA und in Kanada für die Schweizer Agentur "Sun Trek". Dem folgten immer häufigere Enga gements beim mittlerweile größten österreichischen Anbieter von Abenteuer- und Bildungsreisen, "natur & reisen" (nunmehr "Kneissl Touristik") auf fast allen Kontinenten. Das stressvolle Karussell des professionellen Reise- Alltags drehte sich...
Als mich eines Tages im Schatten der engen Gassen des jemenitischen Bergdorfes Hajjara eine alte Frau ansprach und sich gegen Geld als Fotomotiv anpries, stürzte irgend etwas in mir zusammen. Was richte ich hier an? Haben wir das Recht, diese Menschen mit Kameras zu beschießen, ihre "romantischen" Dörfer zu überrennen, ihre Kultur "auszukaufen", ihr Wasser zu verbrauchen?... Ist Tourismus und erst recht die Arbeit als Reiseleiter überhaupt verantwortbar?
Diese Fragen brannten sich mir in Kopf, Herz und Hirn, und sie ließen mich seither nie mehr los. Mit dem Vorhaben im Hinterkopf, anläßlich des Abschlusses meines Philosophiestudiums nach fundierten Antworten zu suchen, löste ich dieses ethische Problem bislang immer nur provisorisch. Im Wissen um die Tatsache, dass Massentourismus generell, insbesondere aber jede mir angebotene Tour auch ohne mich stattfinden würde, arbeitete ich weiterhin als Reiseleiter, doch nunmehr mit einem neuen Verantwortungsbewußtsein. Ich bereitete mich auf die jeweiligen Destinationen noch umfassender vor, diskutierte die auftretenden Probleme und täglichen Dilemmas mit vielen Kollegen und begann schließlich mit den konkreten Feldforschungen für die Diplomarbeit aus Philosophie. Dazu hatte ich mir ursprünglich vorgenommen, die Vertretbarkeit von Tourismus am Beispiel der nigerischen Tuareg zu untersuchen.
Dank der Anregungen meines Freundes, des Anthropologen und Schriftstellers Univ.-Prof. Andreas Obrecht, bemühte ich mich nach Abschluß meines Jus-Studiums um ein Stipendium des Wissenschaftsministeriums der Republik Österreich, um für meine Fragestellung vor Ort empirische Daten sammeln zu können. So verbrachte ich im Winter 1999/2000 sechs Monate in der Tuareg-Region Agadez mit der Untersuchung der dortigen Tourismusstruktur, den Hoffnungen der Bevölkerung und den Erwartungen der Urlauber. Die dabei erlangten Ergebnisse waren allerdings so umfangreich und teilweise so revolutionär, dass ich auf Anregung meines Betreuers, Herrn Univ.-Prof. Peter Payer, beschloß, sie im Rahmen einer Dissertation über "Nachhaltige Tourismusentwicklung bei den Tuareg" auszuwerten.
Damit fand ich allerdings wieder zu meiner ursprünglichen Fragestellung zurück: Ist Tourismus - insbesondere in Entwicklungsländern - vertretbar?
2. Problemstellung
Tourismusethik – das gibt’s?
Peter Koller
Tourismus ist überall. In jedem Winkel der Welt begegnet man mittlerweile jenen unverkennbaren Menschen mit der Kamera vor dem Bauch. Dieser Trend der Omnipräsenz des Homo touristicus geht weiter in der Art des "weiter, schneller, kürzer, öfter". Längst hat sich Tourismus zu einem der bedeutendsten Wirtschaftssektoren entwickelt, betreffend Umfang und Wachstum der internationalen Ankünfte als auch die dabei erzielten Umsätze. Teil II der Arbeit, der sich mit den Bedingungen und Anforderungen an eine Praktische Reiseethik beschäftigt, beginnt insofern - nach einer Erläuterung der Kernbegriffe im Kapitel 1 - mit der Darstellung der Entwicklung des Tourismus von Herodot bis zum Weltraumtourismus sowie der Dimensionen und Trends des heutigen Tourismus (Kapitel 2).
Trotz der weitverbreiteten Euphorie über die "weiße Industrie"2, die als "Lokomotive für die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts"3 fungieren soll, machen sich neben allen wünschenswerten Effekten zunehmende negative Auswirkungen bemerkbar. Dabei hinterläßt das komplexe System des Internationalen Tourismus mit seinen zahlreichen Formen (Kapitel 3) sowohl global wie auch lokal in wirtschaftlicher, sozialer, politischer und umweltrelevanter Hinsicht insbesondere in den Ländern der Dritten Welt tiefe und höchst problematische Spuren (Kapitel 4) - ganz im Gegensatz zum landläufigen Allerwelts-Reiseethos der "grünen" Touristen: "Take only photographs, leave only footprints..."4
Sowohl wegen des enormen Umfangs des Phänomens Tourismus als auch wegen dessen gravierender Folgen erscheint die Forderung des Tourismuskritikers URRY nach der Etablierung von Regeln für einen "good tourist"5, um die krassesten Auswirkungen individuellen Fehlverhaltens zu verhindern, nahezu banal. Handelt es sich dabei doch lediglich um typische Probleme der theoretischen aber auch der praktischen Ethik. Was liegt daher näher als anzunehmen, was der US-Philosoph PROSSER konstatiert, nämlich "that tourism is generating an increasingly intense ethical debate, focusing around several key issues".6
Dies gilt bis zu einem gewissen Grad tatsächlich, allerdings nur für den anglo-amerikanischen Sprachraum, wo sich die akademische Philosophie etwa seit Mitte der neunziger Jahre vereinzelt mit einer speziellen Ethik des Tourismus auseinandersetzt7. Die führenden philosophischen Lexika aus diesem Sprachraum beinhalten bereits Artikel zum expliziten Thema Tourismus8. Die umfangreichsten Analysen und Debatten zu dieser Problematik finden sich bislang jedoch im Internet. So hatte etwa 1998 die MCB University Press gemeinsam mit dem International "Journal of Contemporary Hospitality Management" eine umfangreiche virtuelle Internet-Konferenz zum Thema "Ethics in Tourism" veranstaltet9.
Dieser Umstand erscheint mir ein Indiz dafür zu sein, dass die Problematik des Tourismus noch nicht wirklich in die Kernbereichen des Problembewusstseins der akademischen Philosophie vorgedrungen ist. Selbst im innovativen anglo-amerikanischen Raum, wo Fragen zur praktischen Ethik schon immer mit größerer Intensität behandelt wurden als im kantianisch geprägten deutschen Sprachraum, zählt die "Tourismusethik" noch nicht zu den ethischen Standardthemen. So findet man etwa in der umfangreichen Anthologie ”Ethics in Practice” aus dem Jahr 1997 das Wort "Tourism" oder sinnverwandte Begriffe nicht im Index10.
Für den mitteleuropäischen Sprachraum hingegen scheint das oben angeführte Zitat von Peter KOLLER, Professor für Rechtsphilosophie und Rechtssoziologie an der Universität Graz, geradezu repräsentativ zu sein, soweit es die akademische Philosophie angelangt. Im "Almanach der praktischen Ethik" aus dem Jahr 1992 kommt weder der Begriff Tourismus noch ein sinnverwandter Begriff vor11. An Buchtiteln zum Thema "Tourismusethik" war in den gängigen Verbundkatalogen nichts auffindbar - ausgenommen zwei französische Essay-Sammlungen von BARATJE12, die jedoch von einem philosophisch geprägten Tourismusfachmann verfasst wurden und zudem weder im Buchhandel noch per Fernleihe erhältlich13 sind. Darüber hinaus haben sich nur noch einige religiöse Vereinigungen mit dem Thema Tourismus aus explizit ethischer Perspektive beschäftigt14.
Diese fundamentalen Berührungsängste der Philosophen mit dem Tourismus erscheinen mir symptomatisch, weil "typische" Philosophen lieber durch die ihnen vertraute Welt der Bücher reisen, als sich der konkreten Fremde auszusetzen. Dass nämlich nicht nur Immanuel KANT dem Reisen äußerst abgeneigt war, sondern dies auch für den modernen Philosophiestudenten noch zu gelten scheint, erkannte ich im Zuge meines ERASMUS-Aufenthalts an der Université de Caen, Normandie. Mein Ansuchen um Verlängerung des Stipendiums konnte vom Verantwortlichen aufgrund des reichlich vorhandenen Budget sofort genehmigt werden, denn kaum ein Student des Instituts hatte sich für ein Auslandsstudium beworben.
Die generelle Problematisierung des Tourismus ist so alt wie der Tourismus selbst: die erste adeligen Touristen wollten zumeist auch die ersten bleiben und wetterten dementsprechend gegen das nachkommende Fußvolk Auf wissenschaftlicher Ebene waren Tourismusfachleute wie KRIPPENDORF15 und Journalisten wie JUNGK16 jene Pioniere, die - wenn auch nicht explizit, so doch inhaltlich - die ethischen Aspekte des explodierenden Massentourismus thematisierten. Detailliert wird die Entwicklung der Tourismuskritik und ihre wichtigsten Formen in Kapitel 5 behandelt.
Zahlreiche Tourismuskritiker - vor allem aus dem Bereich der Medien und der NROs - neigen dazu, sich in wortgewaltiger Weise17 auf die unterschiedlichen fatalen Tourismusfolgen einzuschießen und gegen die von ihnen zur Verantwortung gezogenen Touristiker und Touristen harsche Urteile zu fällen. Sie leiten sogleich auch umfassende, zumeist krasse Ver- und Gebote ab, wie etwa, den Tourismus überhaupt gleich abzuschaffen18. Weil es aber vielen dieser Analysen an einer hinreichenden Darstellung der komplexen Zusammenhänge des Systems Tourismus mangelt - wahrscheinlich gerade aufgrund dessen enormer Komplexität, agieren jene Kritiker letztlich mit der Effektivität eines "Rufers in der Wüste".
[...]
1 Zum Begriff der "Dritten Welt" vgl. Kap. II/1.
2 Vgl. SANFTENBERG, Tourismus, DED -Brief 1/98, 4.
3 Abschlußerklärung des Welttourismusforums in Osaka 1994. Zit. in: ebd.
4 Vgl. ROE, Dilys; LEADER-WILLIAMS, Nigel; DALAL-CLAYTON, Barry: Take Only Photographs, Leave Only Footprints: The Environmental Impacts of Wildlife Tourism. Wildlife and Development Series No. 10. London 1997.
5 URRY, Tourism, 838.
6 PROSSER, Tourism, 373.
7 Vgl. etwa FENNEL/MALLOY, Ethics and ecotourism, Journal of Applied Recreation Research Vol. 20 Nr. 3, 1995, 163 - 183.
8 Vgl. PROSSER, Tourism, 373 ff.; URRY, Tourism, 835 ff.
9 Vgl. MBC, Introduction, Ethics in Tourism, Web.
10 Vgl. LaFOLLETTE, Ethics, Index, 689 - 701.
11 Vgl. MEGGLE, Almanach, Index, 307 - 326.
12 BARETJE, René: Tourisme et éthique. Essai. Tome 1. Aix-en-Provence, 1994; Tome 2, ebd. 1995.
13 Die Bibliotheque National de France hat den Verleih verweigert und die Herausgeberin, die Université du Tourisme in Aix-en-Provence, hat die Bestellung zwar angenommen aber das Werk niemals geliefert.
14 Vgl. EVANGELISCHER ARBEITSKREIS, Ethik und Tourismus, Informationen 38, August 1988.
15 KRIPPENDORF, Jost: Die Landschaftsfresser. Bern, Stuttgart, 1975.
16 JUNGK, Robert: Wieviel Touristen pro Hektar Strand? In: Geo 10/1980, 154 - 156.
17 Vgl. EULER, Claus (Hrsg.): "Eingeborene" - ausgebucht. Ökologische Zerstörung durch Tourismus. ökozid Nr. 5. Giessen, 1989.
18 Vgl. etwa die ironische Forderung von André HELLER, zit. in SCHERER, Tourismus, 96 f.
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