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Subtitle: Eine neue Idee im profanen Treppenbau?
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2008, 30 Pages
Author: Marco Chiriaco
Subject: Art - Architecture / History of Construction
Details
Institution/College: Martin Luther University (Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas)
Tags: Konstruktion, Ableitung, Großen, Wendelsteins, Albrechtsburg, Meissen, Arnold, Westfalen
Year: 2008
Pages: 30
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 14 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-21132-6
ISBN (Book): 978-3-640-21136-4
File size: 3274 KB
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Abstract
Die vorliegende Arbeit behandelt im Schwerpunkt den Wendelstein der Albrechtsburg zu Meißen, so wie er von Arnold von Westfalen geplant und ausgeführt wurde. Zum einen soll die Herleitung und die Entwicklung der Bauform untersucht werden; ferner wird mit dem Wendelstein von Schloss Hartenfels zu Torgau ein weiteres berühmtes sächsisches Beispiel vorgestellt werden. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf die besonders in den letzten zwei Dekaden erfolgten restauratorischen Maßnahmen; diese haben unser Verständnis von der Konstruktion und Statik der beiden Wendelsteine nachhaltig beeinflusst. Abschließend soll der Versuch einer Erklärung unternommen werden, woher Arnold von Westfalen seine Ideen genommen hatte und ob Vorbilder für den Großen Wendelstein in Meißen existierten.
Excerpt (computer-generated)
Martin-Luther-Universität zu Halle-Wittenberg
Philosophische Fakultät I
Institut für Kunstgeschichte und Archäologien Europas
Wintersemester 2007/08
Hauptseminar: Arnold von Westfalen
Eine neue Idee im profanen Treppenbau?
-
Konstruktion und Ableitung des
Großen Wendelsteins der Albrechtsburg zu Meißen
Von
Marco Chiriaco
Student der prähistorischen Archäologie, Kunstgeschichte und Geschichte
Inhalt
I. Einleitung
3
II. Die Treppe in der französischen
Renaissance
4
III. Der Große Wendelstein der Albrechtsburg zu Meißen
7
a. Baugeschichte
7
b.
Baumaßnahmen
bis
1945
7
c.
Beschreibung
des
Außenbaus
8
d. Beschreibung der inneren Konstruktion
10
e.
Baumaßnahmen
nach
1945
10
IV. Der Wendelstein von Schloss Hartenfels zu Torgau
12
a. Baugeschichte
12
b. Baubeschreibung
13
c.
Baumaßnahmen
nach
1990
14
V. Der Wendelstein von Schloss Rochsburg
16
VI. Wendelsteine in Frankreich
17
a. Schloss Blois, Flügel Franz I.
17
b. Schloss Chambord, Donjon
17
VII.
Schlussbetrachtung
18
VIII.
Abbildungen
21
IX.
Literaturverzeichnis
28
X.
Abbildungsverzeichnis
29
2
I. Einleitung
Definition Wendelstein: ,,Eine dem Bauwerk vorgelagerter Wendeltreppe mit
durchbrochenem Gehäuse, in der Renaissance teilweise mit loggiaähnl. Formen."1
Die vorliegende Arbeit behandelt im Schwerpunkt den Wendelstein der Albrechtsburg zu
Meißen, so wie er von Arnold von Westfalen geplant und ausgeführt wurde. Zum einen soll
die Herleitung und die Entwicklung der Bauform untersucht werden; ferner wird mit dem
Wendelstein von Schloss Hartenfels zu Torgau ein weiteres berühmtes sächsisches Beispiel
vorgestellt werden. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt auf die besonders in den letzten
zwei Dekaden erfolgten restauratorischen Maßnahmen; diese haben unser Verständnis von
der Konstruktion und Statik der beiden Wendelsteine nachhaltig beeinflusst.
Abschließend soll der Versuch einer Erklärung unternommen werden, woher Arnold von
Westfalen seine Ideen genommen hatte und ob Vorbilder für den Großen Wendelstein in
Meißen existierten.
1 Koepf, Hans: Bildwörterbuch der Architektur, Stuttgart 1999, S. 495.
3
II. Die Treppe in der französischen Renaissance
,,Die Austeilung der Treppen ist so schwierig, dass man sie nur nach reiflichem und gründlich
durchgeführtem Studium richtig zuwege bringt. Denn bei den Treppen allein kommen drei
Öffnungen vor. Und zwar ist eine davon die Tür, welche den Zugang zur aufsteigenden
Treppe bildet. Die zweite ist das Fenster, welches durch sein Licht den Auftritt jeder Stufe zu
erkennen ermöglicht. Die dritte ist die Öffnung des Zimmerwerks und der Decke, durch
welche zu dem oberen Fußboden und zur oberen Decke gelangen. Deshalb sagt man, durch
die Treppen werde ein guter Entwurf für ein Haus verhindert. Aber die vor den Treppen Ruhe
haben wollen, sollen nur die Treppen selbst in Ruhe lassen.
Man wird also der Treppe einen eigenen Raum der Grundfläche geben, wo eine freie und
unabhängige Bewegung möglich ist bis zur oberen Decke, die unter freiem Himmel liegt. Und
es soll dich nicht gereuen, dass ein so großer Teil des Grundes von der Treppe eingenommen
wird. Denn sie gewähren gerade dort den größten Vorteil, wo sie für die übrigen Teile des
Hauses den geringsten Nachteil bringen."2
In Frankreich herrscht bis zum Tode Franz I.3 die Form der Ehrentreppe (
escalier d´honneur
)
vor. Im Gegensatz zur Architektur der italienischen Renaissance, wo der Treppe zwar im
Grundriss eine gewichtige Position eingeräumt wird, die Treppe aber an der Fassade nie
bestimmend in Erscheinung tritt, ist die französische Treppe ein greifbares oder sogar
dominierendes Bauelement der Fassadengestaltung.
Bedingt durch die Stellung der französischen Treppe in der Fassadengestaltung ergibt sich ein
wichtiges Problem für ihre eigentliche Bedeutung als Funktionsträger. Bei der in Frankreich
beibehaltenen traditionellen Flügelbauweise kann die Ehrentreppe nie das gesamte Bauwerk
erschließen; zahlreiche Nebentreppen müssen in die Bauplanung einfließen, um diese
Funktionslücke zu schließen.
Die sich im Zeitalter der Renaissance entwickelte Dominanz der Treppe ist ein Produkt aus
der neuen Bedeutungsweise der Profanbauten mit Residenzfunktion in Frankreich. Das
Konzept der bestmöglichen Verteidigung aus dem Zeitalter des klassischen Burgenbaus
weicht nun der Forderung nach höfischem Zeremoniell und steht ganz im Zeichen des
Repräsentationsbedürfnisses ihrer Erbauer. Klassische Elemente der Verteidigung, wie sie
noch im hohen Mittelalter von großer Bedeutung waren, werden nun von der Entwicklung
2 Zitat Leon Battista Alberti (italienisches Architekturtheoretiker, 1404-1472), zitiert nach Prinz, Wolfram: Das
französische Schloss der Renaissance. Berlin 1994. S. 262, Fußnote 45.
3 (1494-1547).
4
neuer Waffen und Kriegstechniken in den Schatten gestellt. Das Aufkommen von
Feuerwaffen verlangt nach einer Verlegung der Verteidigungslinie vom eigentlichen
Residenzbau hin zu vorgelagerten Bauelementen, wie etwa Bastionen oder Festungsgürtel.
Diese Entwicklung begünstigt neue Formen der Fassadengestaltung; die Treppe, welche
bisher immer auch nach strategischen Überlegungen angelegt wurde, kann nun die Fassade
des Residenzbaus gefahrlos dominieren.
Das neue Selbstbewusstsein der Fürsten und ihrem Drang nach Repräsentation trägt die
Treppe aber auch insofern Rechnung, da sie sich ornamental ausschmücken lässt und somit
einen künstlerischen Eigenwert im Gesamtbauensemble gewinnt. Sie ist somit nicht mehr
bloß Funktionsträger im eigentlichen Sinne.
Ein typisches Element des repräsentativen französischen Profanbaus des mittleren und späten
Mittelalters ist die sich in einem vor dem Wohntrakt gestellten Treppenturm befindliche
Wendeltreppe. Die Position des Treppenturms im Baukörpergefüge ergibt sich aus der Idee,
dass sich nun neue, autonome Flügel errichten lassen können, ohne die Abfolge der Räume im
Innern zu zerstören, da jeder neue Flügel ebenfalls durch einen eigenen Treppenturm
erschlossen werden kann.
Ein frühes Beispiel für einen solchen Treppenturm findet sich in Paris. Es handelt sich um den
sehr aufwendigen, im Jahr 1365 unter Karl V. durch Raymond du Temple errichteten
Treppenturm vor der Hoffassade des nördlichen Wohnflügels (
corps de logis
) im Alten
Louvre4. Der eigentliche Baukörper wurde jedoch schon 1620 zerstört und ist heute nur noch
durch die Beschreibungen Sauvals bekannt, nach der im 19. Jahrhundert Viollet-le-Duc eine
zeichnerische Rekonstruktion versuchte.
Dieser über zwanzig Meter hohe Treppenturm war demnach in seinem äußeren Umriss von
polygonaler Gestalt; je ein mächtiger Strebepfeiler akzentuierte jede der zehn Ecken. Die
Verbindung des freistehenden Treppenturms mit dem Wohnflügel erfolgte in jeder Etage
durch ein kleines, rippengewölbtes Vestibül. Im Inneren des Treppenturms befanden sich
Podestzonen, welche über die sich halbkreisförmig um eine Hohlspindel empor windenden
Treppenläufe erreicht werden konnten. Die Podestzonen befanden sich vor den Zugängen
zum Wohnflügel bzw. auf der entgegen gesetzten Seite zum gedeckten Verbindungsgang. Der
in der Hohlspindel entstandene Raum war in Geschosse gegliedert, die der
Geschossgliederung des Wohnflügels entsprachen; dadurch entstanden in der Spindel kleine
gewölbte Räume in jeder Etage. Der Raum im Untergeschoss besaß eine Durchgangsfunktion;
4 Abb. I & II.
5
in Höhe des dritten Obergeschosses lag über der Hohlspindel eine kleine Wendeltreppe, die
den Zugang zu der den Treppenturm abschließenden Terrasse ermöglichte.
Laut den Beschreibungen Souvals treten nun in einem bis dahin in der profanen
Treppenarchitektur unbekannten Ausmaß bildkünstlerische Elemente hinzu. So sollen an der
Außenseite in Nischen mit Konsolen und Baldachinen die zehn Statuen des Königs, der
Königin und ihrer Söhne aufgestellt worden sein; der Treppenturm wurde ferner von einer
Madonnenstatue und der Figur des heiligen Johannes bekrönt. Im Innern soll ebenfalls reicher
Bauschmuck in Form von Statuen vorhanden gewesen sein; die Schlusssteine des
Rippengewölbes im Turmabschluss waren, der Beschreibung nach, mit dem Wappen von
Königin und König verziert gewesen, während die Wappen der Söhne die Gewölbekappen
schmückten.
Der Treppenturm des Alten Louvre bildet einerseits den Höhepunkt der mittelalterlichen
Treppenarchitektur in Frankreich und wird zur Grundlage für die Treppenkonstruktion des
frühneuzeitlichen Schlossbaus; dort erfolgt die vertikale Erschließung weiterhin über
Treppentürme, die vor die Hoffassade des jeweiligen Flügels gestellt sind. Es entsteht jedoch
eine Rangfolge, bedingt durch die funktionelle Hierarchie der einzelnen Gebäudeteile. Die
Haupttreppe rangiert dabei als wichtiger Bestandteil des Wohntraktes an erster Stelle.
Die ikonographische Aussage der Treppentürme erreicht dabei einen hohen Stellenwert im
französischen Schlossbau. Die Treppe dient als Mittel der Erschließung des neuzeitlichen
Schlossbaus und vermittelt den Machtanspruch und das Selbstverständnis des Bauherrn; sie
führt die Lebensart und die Prachtentfaltung vor Augen. Bis gegen Ende der zwanziger Jahre
des 16. Jahrhunderts prägt diese traditionelle Form des Treppenturms wesentlich das
Erscheinungsbild des französischen Schlossbaus.5
5 Prinz, Wolfram: Das französische Schloss der Renaissance. Berlin 1994, S. 261-296.
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