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Swiss Diploma Thesis, 2005, 170 Pages
Author: M.A. Dieter Sulzer
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology
Details
Tags: Bhaktapur, Querflötengruppen, Newar-Bauernkaste, Kathmandu-Tal
Year: 2005
Pages: 170
Grade: 1
Bibliography: ~ 15 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-640-21173-9
File size: 2575 KB
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Abstract
Die Annäherung an die in dieser Arbeit untersuchten Querflötengruppen erfolgt zuerst über eine Beschreibung ihres Umfeldes: die Stadt Bhaktapur und ihre Geschichte, das Königreich beziehungsweise der Nationalstaat Nepal sowie weitere soziokulturelle Besonderheiten der Stadt und der Newar. Im darauffolgenden Kapitel soll eine Vorstellung der Musik und ihrer Bedeutung in Bhaktapur wie auch vom Verhältnis der Querflötengruppen zu anderen Musikensembles vermittelt werden. Ab dem vierten Kapitel folgen Informationen, die auf eigenen bei den Querflötengruppen gemachten Untersuchungen beruhen. Zuerst ist der Fokus auf die einzelne Gruppe gerichtet, ihre Organisation und Sozialstruktur, ihre Auftritte und schliesslich auch auf einzelne ihrer Mitglieder. Ein ganzheitlicher Blick ist im fünften Kapitel auf die Aufführungsbedingungen sowie die einzelnen Anlässe gerichtet, an denen die Querflötengruppen auftreten. Mit dem sechsten Kapitel folgt eine Art Neuanfang der Darstellung, indem auf die Musiklehre eingegangen wird: Der rituelle Rahmen der Lehre, welcher den ersten Teil bildet, ist weitgehend deskriptiv behandelt; es geht dabei um religiöse und rituelle Aspekte des Musikmachens, insbesondere um den Musikgott und die für ihn ausgeführten Handlungen. Die darauffolgende Untersuchung der didaktischen Aspekte der Musiklehre leitet über zu der den zweiten Teil der Arbeit bildenden Betrachtung der vorwiegend rein klanglichen Bedingungen und Formen des Spiels der Querflötengruppen. Kapitel acht und neun sind jeweils den einzelnen Instrumenten des Ensembles gewidmet beziehungsweise den Melodie- und den Perkussionsinstrumenten, wobei deren Herstellung, Spielweise und Repertoire gesondert behandelt werden. Im letzten Kapitel folgt die Zusammenführung der verschiedenen Instrumententypen zur Beschreibung des Spiels in der Gruppe.
Fulltext (computer-generated)
Lizenziatsarbeit der Philosophischen Fakultät der Universität Zürich
Bhaktapur bããsuri khalah:
Querflötengruppen der Newar-Bauernkaste im
Kathmandu-Tal
Dieter Sulzer
Januar, 2005
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
1
Transliteration 5
1. Einleitung 6
2. Bhaktapur und seine Bewohner
7
2.1. Geografische, politische und demografische Fakten
10
2.2. Geschichte
12
2.3. Das religiöse und kulturelle Leben: einige Besonderheiten und Begriffe
15
2.4. Sozialstruktur die Bauernkaste
17
3. Musik in Bhaktapur und die
bããsuri khalah
18
3.1. Die Musikgruppen in Bhaktapur 19
3.2. Charakteristisches an der Musik der Newar
22
3.3.
Bããsuri khalah
im Vergleich mit anderen Musikgruppen
23
4. Organisation, Sozialstruktur und Auftritte der
bããsuri khalah
25
4.1. Organisation und Sozialstruktur 25
4.2. Autonomie und Identität der Gruppe
26
4.3. Wandel
28
4.4. Auftritte 29
4.5.
Porträts einzelner Mitglieder
32
5. Musikalische Anlässe und Situationen der Flötengruppen
37
5.1. Die Verschiedenartigkeit der Situationen
37
5.2. Zwei Anlässe
40
5.2.1.
Chumã gandy j tr (bisket)
40
5.2.2.
N sahp j
der
navadurg
an
astam
43
5.3. Vergleich der Anlässe - Gemeinsamkeiten
45
5.3.1. Bedeutung des Anlasses
46
5.3.2. Verhältnis zum Publikum Ritual oder Unterhaltung?
48
5.3.3. Spielen in Bewegung oder im Sitzen
52
6. Die Musiklehre
54
6.1. Rituelle Aspekte 55
6.1.1. Die Zeit der Lehre
55
6.1.2. Der Standardunterricht 57
6.1.3. Deutung
58
6.1.4. Der Ablauf einer grossen
p j
59
i
6.1.5.
N sahdyah
und sein Schrein 62
6.2. Musikalisch-didaktische Aspekte der Lehre
71
6.2.1. Die Unterrichtsstunde 74
6.2.1.1.
Bããsuri
74
6.2.1.2. Trommel
78
7.
Bããsuri
81
7.1. Das Instrument
81
7.1.1. Etymologie und Bedeutung der Flötennamen
81
7.1.2. Herstellung
82
7.1.2.1. Ort der Herstellung der Flötenmacher
82
7.1.1.2. Herstellungsprozess 83
7.1.3. Klassifikation und Instrumentenbau 90
7.1.3.1. Klassifikation
90
7.1.3.2. Instrumentenbau
90
7.1.4. Behandlung und Unterhalt des Instruments
92
7.2. Spielweise
93
7.2.1. Haltung 93
7.2.2. Griffe, Tonverhältnis und Zusammenspiel der Flötentypen
94
7.2.2.1.
Ghor
95
7.2.2.2.
Tip
96
7.2.2.3. Vergleich aller Newarischen Querflötentypen
96
7.2.3. Funktion und Spielweise der Flötentypen
98
7.2.3.1.
Ghor
98
7.2.3.2
Tip
105
7.2.4. Vergleich mit gesungenen Versionen
107
7.3. Liedrepertoire
108
7.3.1. Ein Schattenreich hinter dem Flötenspiel: die Lieder und ihre Texte108
7.3.2. Andere Aufführungskontexte der Lieder in Bhaktapur
109
7.3.3. Das Repertoire der Flötengruppen
111
7.3.3.1. Klassifizierung der Lieder aufgrund von Textinhalt
112
7.3.4. Musikalische Analyse der Lieder
115
7.3.4.1. Form 115
7.3.4.2. Tonalität
118
7.3.4.3. Ambitus und Tonlage
121
ii
7.3.4.4. Melodische Struktur und Motivik
124
7.3.4.5. Metrum
125
7.3.4.6
. Dyohlh ygu
125
8. Die Perkussionsinstrumente der
bããsuri khalah
:
dhalak, pachim
und
sichy h
126
8.1. Die Instrumente 126
8.1.1. Verwendung in anderen Ensembles
126
8.1.2. Herstellung der Trommelmacher
kulu
126
8.1.2.1.
Dhalak
126
8.1.2.2.
Pachim
127
8.1.2.3.
Sichy h
128
8.1.3. Klassifikation und Instrumentenbau 128
8.1.3.1.
Dhalak
128
8.1.3.2.
Pachim
128
8.1.3.3.
Sichy h
129
8.1.4. Behandlung und Unterhalt der Instrumente
129
8.2. Spielweise
129
8.2.1. Haltung 129
8.2.1.1.
Dhalak
129
8.2.1.2.
Pachim
129
8.2.1.3.
Sichy h
130
8.2.2. Anschlagarten und Trommelsilben für das Spiel der
dhalak
130
8.3. Repertoire
134
8.3.1.
Dyohlh ygu
134
8.3.2. Zu den Flötenliedern gespielte Trommelstücke
136
8.3.2.1.
Dehra
137
8.3.2.2.
Kharjati
138
9. Das Zusammenspiel der Instrumente
139
9.1. Aufführung mit dem Trommelstück
dehra
für
dhalak
139
9.2. Länge einer Aufführung 140
9.3. Musikalische Funktionen der Mitglieder
141
9.4. Besetzung und Wirkung 142
9.5. Die Konstruktion der
bããsuri khalah
142
10. Schlussbetrachtung
145
Anhang I: Tonaufnahmen
147
iii
Anhang II: Transkriptionen der Lieder und Trommelstücke
150
Abbildungen 162
Bibliografie
163
iv
Vorwort
Die vorliegende Arbeit baut auf Erfahrungen auf, die ich im Jahre 2003 während eines
zehneinhalbmonatigen Aufenthalts in der Stadt Bhaktapur in Nepal gesammelt habe. Der
Entschluss, die Musik der Newar-Bauern in Bhaktapur kennenzulernen und zu
erforschen, war ebenso motiviert durch mein schon länger bestehendes Interesse an und
eine gewisse Vertrautheit mit der Region Südasien und ihrer Musik wie durch den
Wunsch, eine für mich ganz neue (Musik-)Tradition kennenzulernen; denn zweifellos
zeigen sich trotz der zum Teil offensichtlichen Verwandtschaft der verschiedenen
Lebensformen im südasiatischen Raum bei intensiverer Betrachtung die Unterschiede
und lokalspezifischen Besonderheiten. Dass die Wahl gerade auf Bhaktapur fiel, dafür ist
meine Teilnahme an einer Exkursion im Jahre 2002 verantwortlich, die mich nach Nepal
geführt und an der ich die Bekanntschaft mit dem seit Jahren in Bhaktapur lebenden und
forschenden Musikethnologen Gert-Matthias Wegner gemacht hatte. Das von ihm
aufgebaute und sich leicht ausserhalb der Stadt in einem idyllischen Tempelgarten
befindende Musikinstitut war ebenfalls ein Anziehungsgrund und während meines
Aufenthalts dann auch ein Ort der Lehre ich wurde dort in Nepali und Nordindischer
Klassischer Musik unterrichtet , der Entspannung und des Ausgleichs. Als
Untersuchungsobjekt waren für mich die Querflötengruppen Bhaktapurs prädestiniert,
zum Einen weil ich selber mit dem Spiel von Querflöten vertraut war ich hatte während
mehreren Jahren Unterricht im Spiel der in der europäischen Kunstmusik verwendeten
Böhm-Flöte sowie des in der Schweiz vorwiegend in folkloristischen Kontexten
gespielten Basler Pikkolos zum Anderen weil sich vorher noch niemand
musikethnografisch mit diesem Ensembletyp der Newar auseinandergesetzt hatte.
Dank Wegner lernte ich meinen Flötenlehrer Bishnu Bhakta Kusi kennen, auf dessen
enormem musikalischen Wissen der grösste Teil der Arbeit aufbaut und dessen Familie
mir durch ihre Gastfreundschaft einen tieferen Einblick ins Leben der Menschen von
Bhaktapur ermöglichte. Die Verbreitung und Bekanntheit von Hindifilmen in Nepal, für
welche oft Schweizer Alpwiesen oder Strassenkreuzungen als Schauplätze ausgewählt
werden, hat dazu geführt, dass meinen Gastgebern mein Herkunftsland nicht völlig
unbekannt war. Doch wie stark der Mythos Schweiz in Südasien und vor allem in der
1
,,für mich ganz neuen" Newar-Gesellschaft ausgeprägt ist, zeigte sich noch deutlicher, als
ich an der Wand eines Schlafzimmers der Kusi-Familie ein Poster der Walliser
Gornergrat-Bahn mit dahinter ausgebreitetem Alpenpanorama hängen sah . Als sollte
mir nach meiner Rückkehr die Erfüllung kultureller Reziprozität bewiesen werden,
widerfuhr mir das Umgekehrte, das Auffinden eines Kulturguts der Newar in der
Schweiz doch nicht irgendein Kulturgut war es, sondern gerade jenes, welches Sinnbild
meines Aufenthalts in Nepal war und dieser Arbeit ist: die Querflöte der Newar. Ich fand
sie zuerst in einem Zürcher Weltmusikladen und dann auf dem ,,Welt-Bazar" des ,,Afro-
Pfingsten-Festivals" in Winterthur.
Mein traditionell in rituellem Rahmen durchgeführter Flötenunterricht begann schon zwei
Wochen nach meiner Ankunft in Bhaktapur und konnte nach fast zwei Monaten mit der
Initiation in die Musik beendet werden, so dass ich bereits am Neujahrsfest
bisket
im Mai
mit einer Flötengruppe mitspielen konnte. Unglücklicherweise verunfallte ich wenige
Tage danach und zog mir Verletzungen zu, die mich zwangen, während der
darauffolgenden zwei Monate auf weitere praktische Musikerfahrungen zu verzichten.
Bald stellte sich heraus, dass ich für ein tiefergehendes Verständnis des Spiels der
Querflötengruppen auch Kenntnis vom Trommelspiel haben musste. Da Bishnu Bhakta
ein musikalischer Alleskönner ist, war nach der Regenzeit wiederum er mein Lehrer, was
mir ermöglichte, das Flöten- und das Trommelspiel, wie es in der gleichen Gruppe
beziehungsweise in den Gruppen, in denen Bishnu Bhakta mitspielt, praktiziert wird, zu
lernen. Die Lehre der Trommel
dhalak
erstreckte sich über ungefähr vier Monate und fiel
in die Regen- und Erntezeit. Erfahrung als Trommelspieler habe ich an Auftritten nicht
machen können, dafür spielte ich die Flöte während meines Aufenthalts in Bhaktapur
insgesamt an ungefähr zwanzig Anlässen.
Mein Spiel in den Gruppen nach der Initiation konnte nicht nur aus musikethnologischem
Interesse erfolgen. Auch wenn mir nie explizit gesagt wurde, welche Bedeutung in
meinem Fall die Initiation hat, so musste auch sie eine Aufnahme in einen Sektor der
Newar-Gesellschaft, in denjenigen einer Musikgruppe eben, bedeuten und war mit ihr
und dem Musizieren stets auch eine Pflicht verbunden, sei sie nun religiöser oder sozialer
Art. Da ich mich im Grossen und Ganzen bei dieser Tätigkeit nicht als Fremder behandelt
2
fühlte und die Initiation eines Nicht-Newar in die Musik ja offensichtlich möglich war,
spielte ich nicht nur den Beobachter, sondern wurde ich auch als Mitgestalter akzeptiert.
In manchen Situationen wäre es von Vorteil gewesen, aus der partizipativen Rolle
herauszutreten und dem reinen Beobachten nachzugehen; hätte ich mich beispielsweise
an dem grossen Umzug während des Neujahrsfestes, an dem alle Musikgruppen durch
die Stadt ziehen, an einer Stelle der Prozessionsroute positioniert, wäre ich in der Lage
gewesen, die Gruppen nacheinander zu betrachten und anzuhören. Mein häufiges
Mitspielen liess eine vergleichende Studie von Querflötengruppen kaum zu. Umso mehr
versuchte ich daher in dieser Arbeit, das Spiel Bishnu Bhakta Kusis und der
Querflötengruppen, in denen Bishnu Bhakta beziehungsweise von ihm ausgebildete
Mitglieder mitspielen, in ihrer Gesamtheit darzustellen. Aus dieser Sicht muss der Titel
der Arbeit, der aufgrund der Existenz von Querflötengruppen (
bããsuri khalah
: new.
Flöten-Gruppe) in der ganzen Stadt Bhaktapur und darüber hinaus in anderen Newar-
Siedlungen im Kathmandu-Tal gesetzt wurde, relativiert werden. In weiten Teilen der
Arbeit bin ich deskriptiv vorgegangen, einerseits weil ich die auf unwiederbringlichen
Erlebnissen beruhenden Erfahrungen festhalten wollte und anderseits um alle
wesentlichen Elemente zu sammeln, die dann auch die Voraussetzung für eine allfällige
weitere Untersuchung der Querflötengruppen der Newar bilden könnten. Neben dem
Vergleich zwischen Gruppen begrenzte ich dadurch auch die Untersuchung von
Kontinuität und Wandel und konzentrierte mich vielmehr auf die gegenwärtige
Spielweise. Dass der Fokus stärker auf das Spiel der Flöte als dasjenige der Trommel
gerichtet ist, rechtfertigt sich dadurch, dass das Flötenspiel im Gegensatz zum
Trommelspiel zuvor noch nicht genauer untersucht wurde.1
1 Zu den Arbeiten über Trommeltraditionen der Newar vgl.:
Wegner, Gert-Matthias: Navad ph of Bhaktapur: Repertoire and Performance of the Ten Drums, in:
Heritage of Kathmandu Valley:
Proceedings of an International Conference in Lübeck,
June 1985, ed. by
Niels Gutschow and Axel Michaels, VGH Wissenschaftsverlag, Sankt Augustin 1987, S. 471-488.
Ders.:
The Dhimayb j of Bhaktapur
: Studies in Newar Drumming I. Kommissionsverlag Franz Steiner
Gmbh, Wiesbaden, 1986.
Ders.:
The n ykh b j of the Newar Butchers
. Franz Steiner Verlag Wiesbaden GMBH, Stuttgart 1988.
3
Eine Barriere, welche die Annäherung an die Newar-Bauern und ihre Musik erschwerte,
war die Sprache. Eine kommunikative Basis bildete das Nepali, welches ich schon nach
wenigen Wochen Unterricht und nach dem Beginn der Flötenlehre anzuwenden gefordert
war. Es bildet die Lingua Franca in Nepal und wird auch von den allermeisten Newar
verstanden. Dennoch wäre die Kenntnis der wahren Sprache der Newar, des für einen
Indo-Europäer schwer zu erlernenden Newari, gerade für Fragen der musikalischen
Terminologie von grossem Nutzen gewesen. Für die notwendigen Übersetzungen, welche
für diese Arbeit nötig waren, möchte ich mich hiermit bei meinem Nepali-Lehrer
Shamsher Bahadur Nuchhen Pradhan, der auch Newar ist, bedanken. Zusätzlich war
hierfür auch das noch nicht publizierte
Newar Music Dictionnary
von Gert-
MatthiasWegner hilfreich.
4
Transliteration des Newari
1. Ein Strich über einem Vokal bedeutet dessen Länge.
2. Ein
s
wird
sch
artikuliert wie Deutsch ,,sch", wenn es mit einem Zusatzzeichen
versehen ist:
gane
wie Ganesch.
3.
j
wie Deutsch
dsch
:
j tr
wie Dschungel.
4.
ch
wie Deutsch
tsch
:
p s pucha
wie Kutsche
.
5. Eine Tilde (~) über einem Vokal bedeutet dessen Nasalisierung.
6. Im Falle des Zusammenkommens von Länge und Nasalisierung eines Vokals
wurde die Länge durch Wiederholen des Vokals wiedergegeben: z.B.
bããsuri
.
5
1. Einleitung
Die Annäherung an die in dieser Arbeit untersuchten Querflötengruppen erfolgt zuerst
über eine Beschreibung ihres Umfeldes: die Stadt Bhaktapur und ihre Geschichte, das
Königreich beziehungsweise der Nationalstaat Nepal sowie weitere soziokulturelle
Besonderheiten der Stadt und der Newar. Im darauffolgenden Kapitel soll eine
Vorstellung der Musik und ihrer Bedeutung in Bhaktapur wie auch vom Verhältnis der
Querflötengruppen zu anderen Musikensembles vermittelt werden. Ab dem vierten
Kapitel folgen Informationen, die auf eigenen bei den Querflötengruppen gemachten
Untersuchungen beruhen. Zuerst ist der Fokus auf die einzelne Gruppe gerichtet, ihre
Organisation und Sozialstruktur, ihre Auftritte und schliesslich auch auf einzelne ihrer
Mitglieder. Ein ganzheitlicher Blick ist im fünften Kapitel auf die
Aufführungsbedingungen sowie die einzelnen Anlässe gerichtet, an denen die
Querflötengruppen auftreten. Mit dem sechsten Kapitel folgt eine Art Neuanfang der
Darstellung, indem auf die Musiklehre eingegangen wird: Der rituelle Rahmen der Lehre,
welcher den ersten Teil bildet, ist weitgehend deskriptiv behandelt; es geht dabei um
religiöse und rituelle Aspekte des Musikmachens, insbesondere um den Musikgott und
die für ihn ausgeführten Handlungen. Die darauffolgende Untersuchung der didaktischen
Aspekte der Musiklehre leitet über zu der den zweiten Teil der Arbeit bildenden
Betrachtung der vorwiegend rein klanglichen Bedingungen und Formen des Spiels der
Querflötengruppen. Kapitel acht und neun sind jeweils den einzelnen Instrumenten des
Ensembles gewidmet beziehungsweise den Melodie- und den Perkussionsinstrumenten,
wobei deren Herstellung, Spielweise und Repertoire gesondert behandelt werden. Im
letzten Kapitel folgt die Zusammenführung der verschiedenen Instrumententypen zur
Beschreibung des Spiels in der Gruppe.
6
2. Bhaktapur und seine Bewohner
Abb. 1. Blick von Süden auf Bhaktapur nach der Reisernte im Herbst.
Der Blick von Süden und von erhöhter Lage auf Bhaktapur lässt die langgezogene Stadt
als rötlich-ockerbraune Masse erscheinen, eingereiht in horizontale Streifen von
unterschiedlichen Farbtönen. Unten liegt die entsprechend der Jahreszeit manchmal
leuchtend hellgrüne, manchmal trocken-hellbraune, von Gehwegen unterteilte Fläche der
Reisfelder ausgebreitet, oberhalb ein mit kleinen Waldstücken und vereinzelten Häusern
durchsetzter Hügelzug, auf den ein weiterer dunkelgrüner, bewaldeter Hügelzug folgt.
Darüber erscheint bei klarer Sicht das weisse Band des Himalaya und schliesslich das
wechselhafte Blau oder Weiss des Himmels. Die Stadt, entlang eines Flusses in ein Tal
gebaut, ist in ihrer Form der natürlichen Topografie angepasst. Die Reisfelder, die sie
umgeben, vermindern die Wirkung ihrer Grösse und bilden einen starken Kontrast doch
werden sie von den Insassen dieser Stadt kultiviert.
Rot und Ocker sind auch von Nahem die dominanten Farben und geben Bhaktapur einen
einheitlichen Ton. Wie vor Jahrhunderten werden die Häuser mit rötlichen Backsteinen
gebaut, die heute ausserhalb, auf kleineren Inseln der Reisfläche, in Fabriken mit hohen,
schwarzen Qualm produzierenden Kaminen hergestellt werden. Einheitlichkeit ist zudem
7
durch Architektur und rituelle Objekte gegeben, deren Elaboriertheit und Vielseitigkeit
bei genauerer Betrachtung jedoch ein abwechslungsreicheres Bild schaffen. Beim Gang
durch die Stadt gewährt man an den meisten Häusern fein geschnitzte Holzfenster; alle
drei Meter passiert man ein Objekt von ritueller Bedeutung, sei es ein Tempel des
Glücksgottes
gane
, ein kleiner, verzierter Stein, der die symbolische Grenze des Hauses
markiert, ein grosser, auf die Kreuzung gepflanzter Steinblock mit Reinigungsfunktion,
eine mehrstöckige Pagode oder ein Haus, das ein Götterbild beherbergt. Labyrinthisch
sind die Strassen und Gassen angeordnet, manchmal führen tunnelartige Durchgänge zu
Innenhöfen, meistens findet man sich wie in einer Schlucht von den hohen, im
Normalfall vierstöckigen Wohnhäusern umgeben.
Abb. 2. Blick von der Stadt hinaus auf das umliegende Hügelland sowie auf den
dattatreya
-Platz, auf dem
sich Quartierleute versammelt haben, um der aus Strohmatten gebastelten Elefantenfigur zuzuschauen, die
anlässlich
pulu kisi haigu
durch die Stadt getragen wird (September 2003).
8
Abb. 3. Geschnitzte Holzsäulen des
nyatapola
-Tempels auf dem
taum dh
-Platz. Im Hintergrund der
bhairav-
Tempel.
Die Bewohner der Stadt finden sich regelmässig in Lauben mit Holzboden und
geschnitzten Holzsäulen zusammen, welche am Abend und am Morgen an manchen
Orten auch Gesangsgruppen einen Unterstand bieten; die Kinder spielen auf
grossflächigen, steinernen Tanzbühnen; an den zahlreichen Wasserstellen, seien sie in
Form von einfachen Wasserhähnen oder grossflächigen, sich in vertiefter Lage
befindenden und mit Tierköpfen verzierten Brunnen, sieht man Frauen metallene
Wassergefässe auffüllen, Kleider oder sich selber waschen; an Kiosken, in Schuh- oder
Gemüseläden wird Handel betrieben; ein häufiges Bild sind die indischen
Früchteverkäufer, welche als mobile Händler ihre Waren auf Fahrrädern transportieren;
europäische Touristen geniessen die Aussicht von Restaurants auf die grossen
9
Tempelanlagen oder springen beim Schlendern durch die Stadt erschreckt zur Seite, wenn
ein Motorrad in Höllentempo hautnah an ihnen vorbeirast. Ziegen reiben sich an
steinernen Löwenköpfen, Enten schnattern im Weg und Hunde lecken an Plastiksäcken,
die auf stinkende Abfallhaufen geworfen wurden.
2.1. Geografische, politische und demografische Fakten
Die Stadt befindet sich im Königreich Nepal, das sich auf einer Länge von 800 km
entlang des Südhangs des Himalaya ausbreitet. Innerhalb von durchschnittlich nur 200
km steigt das Land von den auf etwa 100 m.ü.M. gelegenen subtropischen Zonen der
Terai-Ebene zu den Achttausendern des Himalaya. Eine topografische Ausnahme bildet
der Kessel des Kathmandu-Tals, welches sich auf durchschnittlich 1400 m.ü.M. ein
wenig östlich der Mitte des Landes im Hügelland befindet. Aufgrund des fruchtbaren
Bodens entstanden hier schon früh komplexe Stadtkulturen wie diejenigen von
Bhaktapur, Patan und Kathmandu; letztere Stadt gab dem Tal seinen Namen und ist die
Metropole des Landes.
Die zwei bevölkerungsreichsten Länder der Welt und einflussreiche Staaten sind die
Nachbarn Nepals: im Norden befindet sich China (Tibet), im Osten, Süden und Westen
teilt Nepal die Grenzen mit Indien. Heutzutage werden nicht weniger als 103 Ethnien und
Kasten gezählt, die sich auf über 24 Mio. Einwohner verteilen, und in diesem Land
leben.2 Die Verfassung von 1990 definiert Nepal als mutlitethnische, vielsprachige,
demokratische, unabhängige, unteilbare, souveräne konstitutionelle Hindu-Monarchie.3
Die politische Lage ist jedoch seit 1996 wegen regelmässigen Angriffen von
2 Für die Angaben zu Bevölkerung und Ethnien und Kasten in Nepal und in Bhaktapur vgl.: His Majesty′s
Government National Planning Commission Secretariat - Central Bureau of Statistics 2002:
Population
Census 2001
. http://www.cbs.gov.np/ (29.7.2004).
3 Gellner, David N.: Caste, Communalism and Communism: Newars and the Nepalese State, in:
Nationalism and Ethnicity in a Hindu Kingdom: The Politics of Culture in Contemporary Nepal
, ed. by
David N. Gellner, Joanna Pfaff-Czarnecka and John Whelpton, Harwood Academic Publishers,
Amsterdam, 1997, 178.
10
Maoistenrebellen und seit 2002 zusätzlich wegen dem Konflikt zwischen politischen
Parteien und dem König instabil.
Bhaktapur liegt trotz der geringen Entfernung von 12 km zu Kathmandu relativ isoliert
im Osten des Kathmandu-Tals. Ihre traditionellen Stadtgrenzen bilden eine Form, die an
eine Ellipse erinnert. Die Stadt hat die Länge von 1,5 km, ist etwa halb so breit und auf
einen länglichen, in Ost-West-Richtung liegenden Höhenrücken gebaut. Die südliche
Grenze bildet der Fluss
hanumante
, der in Richtung Kathmandu fliesst. Die Hauptstrasse,
welche die Stadt von Osten nach Westen durchzieht, hat in ihrer S-Form auffallende
Ähnlichkeit mit derjenigen des Flusses. Sie verbindet die beiden zentralen Stadtteile der
so genannten Ober- und Unterstadt mit ihren grossen Tempelanlagen,
dattatreya
(tacap l)
im Osten und
taum dh
im Westen. Noch grösser angelegt ist der ehemalige
Königspalast, der sich jedoch in eher peripherer Lage, wenn auch in unmittelbarer
Nachbarschaft zum
taum dh
-Platz, im Nordwesten der Stadt befindet (vgl. Stadtplan 1).
Es existieren genau 24 Stadtteile.
Heutzutage ist das Land über die traditionellen Grenzen der Stadt hinaus bebaut, und an
gewissen Stellen ist Bhaktapur mit der südlich von ihr liegenden Siedlung Surya Binayak
zusammengewachsen.
2001 wurden in Bhaktapur 72543 Einwohner gezählt. Dabei werden auch die Bewohner
ausserhalb der traditionellen Stadtgrenzen mitgezählt worden sein. 1971, als nur wenige
ausserhalb der alten Stadt siedelten und das Bevölkerungswachstum noch nicht die
heutige Höhe erreicht hatte, betrug die Anzahl der in Bhaktapur lebenden Menschen
40100. Die Bevölkerungsdichte ist unvergleichlich hoch und übersteigt diejenige einer
Stadt wie New York um mehr als das Doppelte.4
4 Robert Levy schätzte die Bevölkerungsdichte ohne die offenen, unbewohnten Plätze am Stadtrand auf
nicht weniger als 117000 pro Quadratmeile. Levy, Robert (with the collaboration of Kedar R j
R jop dhy ya):
Mesocosm: Hinduism and the Organization of a Traditional Newar City in Nepal
. Motilal
Banarsidass Publishers, Delhi, 1992, 58.
11
Abb. 4. Plan der Stadt Bhaktapur.5
2.2. Geschichte
Die Newar, zu denen sich über 95% der Bewohner Bhaktapurs zählen, werden noch
heute oft als die ursprünglichen Siedler des Kathmandu-Tals oder gar als ehemalige
Bürger eines ,,älteren Nepals" bezeichnet.6 So war mit dem Begriff ,,Nepal" ursprünglich
auch nur das Kathmandu-Tal gemeint, also das Land der Newar, und deshalb nennen die
Newar ihre Sprache
nepalbh s
(new./nep.: ,,Nepal"-Sprache) welche, als der tibeto-
birmanischen Sprachfamilie angehörig, mit dem Nepali nur bestimmte Lehnwörter
sanskritischen Ursprungs gemeinsam hat. Allerdings lernen die Newar die offizielle
Landessprache Nepali heutzutage schon als Kind.
Die Besiedlung des Tals kann bis ins 7. Jh. v. Ch. zurückverfolgt werden, als ein mit
kirata
bezeichnetes und eine tibeto-birmanische Sprache sprechendes Volk mongolischer
5 Entnommen aus: Gutschow, Niels:
Stadtraum und Ritual der newarischen Städte im Kathmandu-Tal
. Eine
architekturanthropologische Untersuchung. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1982, 35.
6 Vgl. Levy 1990, 34ff.
12
Herkunft im Tal lebte. Im ersten oder zweiten Jahrhundert folgten auf sie die
licchavi
,
eine Sanskrit schreibende und Prakrit sprechende Hofgesellschaft, die aus Nordindien
eingewandert war. Hier muss der Beginn einer allmählichen Sanskritisierung und das sich
fortsetzende Muster der Vorherrschaft einer aus Nordindien stammenden Klasse über das
tibeto-birmanisch sprechende Volk angesetzt werden, die sich mindestens bis in die Mitte
des 20. Jahrhunderts fortsetzte. Es wird vermutet, dass zu jener Zeit Hinduismus und
Buddhismus Seite an Seite praktiziert wurden, wobei erstere Religion als diejenige des
,,ausländischen" Hofs und letztere als diejenige des Volkes angesehen werden kann. In
der gleichen Periode entwickelte sich Tibet zu einem Staat, der grosses Handelspotenzial
entwickelte. Als Folge davon blühte auf beiden Seiten des Himalaya ein Handel auf, der
das für solche Unternehmungen günstig gelegene Kathmandu-Tal zu einem wichtigen
wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum machte.
Die
licchavi
-Dynastie kam im 9. Jahrhundert zu einem Ende. Die anschliessende
geschichtliche Periode liegt grösstenteils im Dunkeln. Erst ab dem 13. Jahrhundert kann
mit den Malla eine neue Herrscherklientel ausgemacht werden, die aus mehreren
konkurrierenden Familien bestand, über vier Jahrhunderte hinweg das Leben im
Kathmandu-Tal prägen sollte und die Entwicklung der Newar-Kultur nachhaltig
bestimmte. In diesen Jahrhunderten wurden die drei komplexen Königsstädte
Kathmandu, Patan und Bhaktapur gebaut, und diese Zeit kann als die Hochblüte der
Newar-Kultur bezeichnet werden.7
Die Gründung der Stadt Bhaktapur erfolgte im 12. Jh. durch Ananda Deva, und schon
bald etablierte sie sich als Metropole der Malla-Dynastie. Doch wurde der Entwicklung
der Newar-Kultur im 14. Jahrhundert durch eine muslimische Invasion ein herbes Ende
gesetzt, indem die Siedlungen des Tals in grossem Masse zerstört und auch Bhaktapur
niedergebrannt wurde.
Es war Jayasthiti Malla, der, nachdem er als König von Bhaktapur 1382 seine Herrschaft
angetreten hatte, den Neuanfang der Stadt einleitete.8 Er wurde bekannt durch die
7 Levy spricht in diesem Zusammenhang von ,,climax community". Ebd. 39.
8 Die Errichtung einer neuen Stadt auf den Ruinen einer alten kann durchaus als herausforderndes
Unternehmen angesehen werden. Dazu Levy, ebd. 42: ,,Bhaktapur was now on the eve of its experiment in
the construction of an ideal urban order."
13
Einführung von Gesetzen und Regeln, welche sowohl den Bau von Gebäuden als auch
die Einteilung der Gesellschaft in Kasten betrafen. Der neu entstandene Stadt-Staat baute
dennoch zu einem grossen Teil auf schon vorher existierenden Formen auf. Jayasthitis
Grossenkel Yaksa Malla war ein grosser Förderer der Kunst und veranlasste den Bau
zahlreicher Tempel. Unter ihm wurde das Tal wieder vereinigt und Bhaktapur zur
Hauptstadt gemacht. Doch schon zur Zeit seiner Söhne kam es wiederum zur
Aufsplitterung. Bis zum Ende der Malla-Dynastie im 18. Jh. sollten die drei Stadt-Staaten
relativ isoliert von einander regieren.
Was die Bautätigkeit in Bhaktapur betrifft, so erreichte sie unter Bhupatindra Malla
(1696-1722) ihren Höhepunkt. Dies war kurz nachdem Bhaktapur von einem Erdbeben
arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Ein Ereignis, das sich 1934 mit der Zerstörung
vieler Prachtbauten wiederholte.
Prithvi Narayan Shah war der König aus der nur unweit ausserhalb und westlich des
Kathmandu-Tales liegenden kleinen Herrschaft Gorkha, der 1768 Kathmandu und ein
Jahr später Bhaktapur einnahm. Damit wurde der Grundstein für die Eroberung weiterer
Gebiete gelegt, die heute alle Teil des Staates Nepal sind. Für die Newar bedeutete diese
Invasion und Niederlage eine radikale Veränderung. Während früher die neuen Dynastien
als Oberschicht mit der schon existierenden Gesellschaft verschmolzen, waren die Newar
von dieser Zeit an nur noch eine Volksgruppe unter vielen. Die Gorkhalis übten
administrative Aufgaben aus oder dienten als Soldaten, die Newar arbeiteten vornehmlich
als Bauern, Handwerker oder Händler. Der 1854 eingeführte Gesetzescode
muluki ain
regelte die Kastenordnung Nepals, was bedeutete, dass die Newar nun in ein zusätzliches
Kastensystem eingeteilt waren. Innerhalb dieses Kastensystems befanden sie sich
durchschnittlich in der oberen Mittelklasse, wobei gewisse Unterteilungen in der
herkömmlichen Kastenordnung der Newar berücksichtigt wurden.
Die Shahs regierten in Nepal, bis 1850 eine neue Herrscherfamilie, die Ranas, die Macht
übernahm. Diese betrieben eine konsequente Politik der Isolation, welche bis 1950
aufrechterhalten werden konnte. Nach einer Revolution, bei welcher die Ranas
entmachtet wurden und der Nachkomme der alten Shah-Dynastie, Tribhuvan, als König
14
eingesetzt wurde, setzten die Öffnung des Landes und erste Modernisierungsversuche
ein.
Eine weitere Revolution fand 1990 statt, welche zur Einführung der Mehrparteien-
Demokratie und zur Anerkennung der Pluralität der nepalesischen Bevölkerung führte;
das Land wurde jedoch weiterhin als Hindu-Monarchie definiert.
Seit 1996 wütet ein Krieg zwischen maoistischen Rebellen und dem Staat, der das Land
seither zu Not und Elend geführt hat und dessen Ende nicht absehbar ist. In die
Gegenwart wirkt auch das Palastmassaker von 2001 nach, bei dem die ganze
Königsfamilie ausgelöscht wurde und welches das Vertrauen in den nachfolgenden
König verminderte.
2.3. Das religiöse und kulturelle Leben in Bhaktapur: einige
Besonderheiten und Begriffe
Im Gegensatz zu Patan, wo die Mehrheit der Newar-Bevölkerung aus Buddhisten besteht,
und Kathmandu, wo Buddhisten und Hindus sich die Waage halten, wird in Bhaktapur
die überwiegende Mehrheit, ungefähr zu 92 %, von Hindus gebildet, und nur etwa 7 %
sind Buddhisten. Was die Religionsformen der Newar, ob hinduistische oder
buddhistische von anderen südasiatischen Traditionen unterscheidet und sie noch
komplizierter erscheinen lässt als diese, ist der als Ergänzung zu verbreiteten religiösen
Vorstellungen und Handlungen hinzutretende Tantrismus. Von den Praktiken der
,,normalen Religion" wie sie in hinduistischen Texten formuliert sind, unterscheidet er
sich vor allem durch einen weiteren Pantheon von ,,gefährlichen Gottheiten" und die
diesen dargebrachten alkoholischen und Blut- beziehungsweise Tier-Opfern.
Die meisten Feste,
j tr
, sind hinduistischen Ursprungs und durchgehend religiöser
Natur. Auffallend ist deren enorm grosse Anzahl in der ,,Stadt der Gläubigen", wie
Bhaktapur wörtlich übersetzt heisst. Der Volksmund sagt, dass alle zwei Wochen ein Fest
durchgeführt wird und die Zeit dadurch schneller vergehe. Die Anlässe finden
mehrheitlich gemäss dem Mondkalender statt, welcher aus 24 Halbmonaten besteht, die
von Voll- bis Neumond beziehungsweise Neumond bis Vollmond dauern. Mit diesen
Anlässen ist nicht selten ein grosser Aufwand verbunden ist; er wird aber aus religiösen
wie auch der Unterhaltung dienenden Gründen gerne in Kauf genommen wird. Robert
15
Levy hat 79 Anlässe pro Jahr von geringer bis grosser Bedeutung gezählt.9 Die meisten
von ihnen richten sich nach dem Reisanbau und haben einen engen Bezug zur
landwirtschaftlichen Tätigkeit und Subsistenz. So markiert zum Beispiel das Fest
ghantakarna
das Ende des Steckens der Reissetzlinge und findet bis zu
mohani
, dem
grossen, zehntägigen Herbst- und Erntefest während der darauffolgenden Zeit des
Wachstums gar kein Fest statt, da die Bauern auf dem Feld beschäftigt sind; dafür kommt
es anschliessend zu einer Akkumulation von Festanlässen.
Ein besonderes Merkmal Bhaktapurs sind die
navadurg
-Maskentänzer, deren
Bedeutung in der Stadt gross ist. Sie besuchen im Laufe eines Jahres alle Quartiere und
haben dadurch eine integrative Funktion. Die Masken, die sie tragen, repräsentieren die
neun Schutzgottheiten der Stadt die Tänzer werden durch das Tragen der Masken von
den Gottheiten besessen , von denen acht in Form von anikonografischen Schreinen,
p tha
, auch um die Stadt herum angelegt sind und dadurch die symbolische Grenze der
Stadt markieren.
Zahlreiche weitere Schreine sind von grosser Bedeutung, teils für die ganze Stadt wie der
bhairav
-Schrein auf dem
taumadhi
-Platz, teils nur für das Quartier wie die
gane
-
Schreine.
Zwei Begriffe müssen an dieser Stelle eingeführt werden, da sie wichtige Teile aller
Ritualhandlungen bezeichnen und im Folgenden immer wieder verwendet werden: Unter
p j
versteht man jede rituelle Opferhandlung an einem Schrein oder religiösen Objekt;
man spricht sowohl bei einer einzelnen Handlung, die Teil einer grösseren ist, wie beim
Opfern von Reis von ,,
p j
machen" (new.
p j y gu
), als auch bei den komplexeren
Abläufen der von Priestern durchgeführten Rituale, für welche diese eine riesige Anzahl
an Opfergegenständen benutzen und die mehrere Stunden dauern können. Mit der
Opfergabe wird ein Gott verehrt, respektiert oder die eigene Unterwürfigkeit ausgedrückt.
Auf die Opfergabe folgt der zweite entscheidende Schritt:
pras da
, das Zurücknehmen
der nun vom Gott ,,gesegneten" Gegenstände und das Anbringen dieser am eigenen
Körper, z.B. durch eine Blume, die man sich hinter das Ohr steckt, oder durch das
Verzehren eines Opfertieres.
9 Ebd. 643-657.
16
2.4. Sozialstruktur die Bauernkaste
Mit der Einführung des Kastensystems in Bhaktapur war auch eine lokale Zuteilung von
Kastenangehörigen verbunden. Am südlichen Rand der physischen, aber ausserhalb der
symbolischen Stadtgrenze, befindet sich so das Quartier der Unberührbaren, während die
traditionellen Behausungen der obersten Schicht, der Brahmanen, im Gebiet um den
Königspalast gebaut sind.
Die grosse Mehrheit der Bevölkerung Bhaktapurs bildet mit etwa 60 % die Bauernkaste,
die wiederum unterteilbar ist und deren Wohnsiedlungen an diejenigen der in der
Kastenhierarchie über ihnen liegenden Minister oder tantrischen Priester grenzen. Ihr
traditioneller Name lautet
jy pu
, doch bevorzugen ihre Mitglieder den Nepali-Ausdruck
für Bauer,
kis n,
da
jy pu
heutzutage auch pejorativ konnotiert sein kann.10 In
Kathmandu und Patan ist für diese Kaste der Name
maharjan
verbreitet und zum Teil
sogar ein geläufiger Familienname; in Bhaktapur jedoch fehlt er ganz. Es sind die
jy pu
,
welche die Bezeichnung Bhaktapurs als Bauernstadt rechtfertigen.11 Die Bedeutung
dieser Kaste ist vor allem aufgrund der Anzahl ihrer Mitglieder für die Newar-Städte
gross.12 Zudem sind es ihre Mitglieder, welche am meisten zum musikalischen Leben in
der Stadt beitragen, so auch zum Spiel der Flötengruppen.
10 Da die Verwendung des Begriffs
kis n
zu allgemein ist, weil mit diesem auch alle Bauern Nepals
bezeichnet werden könnten, wird die Bauernkaste im Folgenden mit
jy pu
bezeichnet.
11 Vgl. Wegner, Gert-Matthias:
Masterdrummers of Bhaktapur
, Bhaktapur 1983 (Film). Wegner bezeichnet
Bhaktapur sogar als einzige Bauernstadt der Welt, um herhorzuheben, dass diese Bauern nicht, wie an
anderen Orten üblich, in Höfen auf dem von ihnen bewirtschafteten Land oder in dörflichen Gegenden,
sondern in einer grossen Stadt, leben.
12 Vgl. Gellner, David und Declan Quigley (Hrsg.):
Contested hierarchies
: a collaborative ethnography of
caste among the Newars of the Kathmandu Valley, Nepal. Clarendon Press, Oxford, 1995, 158: ,,[The
jy pu/maharjan
are the] backbone, or to change the metaphor, the pivot, of these large cities."
17
3. Musik in Bhaktapur und die bããsuri khalah
Beim Gang durch Bhaktapur wird das Ohr durch den Ruf von Marktschreiern, das
Brummen von Motoren, die
Jingle Bells
- oder
Lambada
-Melodie, welche als
Vorsichtsmahnung aus einem rückwärtsfahrenden Bus dringt, oder durch das häufige
Geläut von Tempelglocken gereizt. Daneben dringt viel Konservenmusik aus den Radios,
Kassetten- oder CD-Spielern von Haushalten. Der Anbieter von HiFi-Geräten lässt in
nicht geringer Lautstärke Heavy Metal über dem Marktplatz erklingen, während an den
touristischen Hauptplätzen das in westlichem Ohr angepasster Version unaufhörlich die
immer gleiche Phrase wiederholende
Om mani padme hum
säuselt, welches an die im
Westen bekanntere und durch tibetische Flüchtlinge auch in Nepal wenn auch sicher
nicht in Bhaktapur etablierte tibetische Klostermusik erinnern soll.
Dem Geschmack vieler junger Leute entsprechen entweder moderne Songs in Nepali mit
westlicher Instrumentierung,
adhunik g t
(nep. moderne Lieder) oder Hindifilm-Songs.
Ein weiteres Genre, das in ganz Nepal Erfolg hat wird als
lok g t
(nep. Volkslieder)
bezeichnet und umfasst Neuinterpretationen und -produktionen von Volksliedern
verschiedenster nepalesischer Volksgruppen. Hindifilm-Songs sowie die Filme, deren
Teil sie sind, können, wenn nicht auf Radio, auch auf VCD und dem dazugehörigen
Abspielgerät konsumiert werden. Die raubkopierten Videoträger sind in den zahlreichen
Videovermietungsläden erhältlich.
Am Abend ist es traditionellere Musik, die in Bhaktapur von den Lauben her durch die
Gassen dringt. Männer und Jungen setzen sich zusammen, um in verschiedenen
Gesangsformationen für ein Weilchen zu musizieren.
Einen ganz anderen Eindruck von der in Bhaktapur vorherrschenden Musik bekommt
man an den grossen Festen der Stadt, wenn auch die nur an bestimmten Festanlässen
auftretenden Ensembles wie die Flötengruppen aufspielen. An den grossen
j tr
schwingt
die ganze Stadt, und niemand wird oder darf zur Ruhe kommen. Während der
mehrstündigen Umzüge spielen besonders Becken und Trommeln auf ohrenbetäubende
Weise.
Musik und nicht nur die aus der Konserve ist hier omnipräsent und ein unerlässliches
Element eines jeden Festes. Abzulesen ist dies nicht nur an der grossen Anzahl von
18
Musikgruppen, sondern auch an den vielen verschiedenen Ensembletypen, welche im
Folgenden aufgelistet und kurz beschrieben werden sollen.
3.1. Die Musikgruppen in Bhaktapur
13
D ph
Am zahlreichsten vertreten sind die
d ph
-Gruppen, die auch am häufigsten musizieren;
ausser während der Regenzeit finden sie täglich entweder frühmorgens oder abends für
eine bis zwei Stunden auf den Lauben zusammen. Zu einer solchen Gruppe gehören ein
Trommler und zwei antiphonale Singgruppen, welche aus etwa drei bis acht Sängern
bestehen und von denen einige die Trommel mit kleinen Becken begleiten. Im offen da
liegenden Gesangbuch wird nur selten gelesen; die Sänger kennen den Text meistens
auswendig. Die selbstzweckhafte religiöse Funktion dieser Musik wird auch dadurch
unterstrichen, dass die Gruppe in der Regel kein Publikum hat.
Navad ph
Als Erweiterung der
d ph
können die wenigen
navad ph
-Ensembles angesehen
werden. Sie sind wohl die auffälligsten Musikgruppen Bhaktapurs, da in ihnen nicht
weniger als neun (nava = new. neun; in nepalisierter Form ist oft auch von
naub j
, die
neun Instrumente die Rede) verschiedene Trommeln die Trommel der
d ph
, die
lalakhin
, eingerechnet, eigentlich zehn mit eigener Spielart und Repertoire manchmal
von einem einzigen Spieler nacheinander gespielt werden. Neben Trommeln und Becken
werden auch Gesang, Längstrompeten, Schalmeien oder Flöten integriert. Die ungefähr
einmal im Monat stattfindenden Aufführungen dauern zwei bis fünf Stunden. Von den
früher etwa sieben Gruppen gibt es heute noch vier.
13 Die Musikgruppen in Bhaktapur wurden 1983/84 von Gert-Matthias Wegner gezählt. Da keine Zahlen
aus heutiger Zeit zur Verfügung stehen, kann Wegners Zählung hier nur als historisches Zeugnis dienen:
6
navad ph
, 63
d ph
, 3
dhalc
, 13
bhajan
, 1
kvakhib j
, 23
dhimayb j
, 3
dh hb j
, 9
n ykhib j
, 9
jugi
- groups, 2
kãb j
, 3
gulab j
(
s ymi
), 3
gul b j
, (
bajr c rya/s kya
), 5
ga ne
, ca. 30 dance groups, 1
navadurg
[
bããsuri khalah
fehlen]. Vgl. Wegner 1987, 1.
19
Dhalc , bhajan
Dies sind zwei weitere vorwiegend am Abend aufspielende Singgruppen. In den
bhajan
werden auch Harmonium und Tabla verwendet. Man findet sie im ganzen indischen
Subkontinent, weshalb auch viele der von diesen Gruppen in Bhaktapur gesungenen
Texte in Hindi sind.
Dhimayb j
Zu den häufigsten und vor allem bei Jugendlichen beliebtesten Gruppen gehören die
dhimayb j
,14 die aus zwei bis vier schweren Doppelfelltrommeln mit grossem
Felldurchmesser und aus grossen und kleineren Becken bestehen.
Dhããb j
Diese Gruppen sind etwa gleich gross wie die
dhimay
-Gruppen und haben mit ihnen die
Becken und deren Spielweise gemeinsam. Die Trommel
dhãã
ist aber um Einiges kleiner
als die
dhimay
und wird in der linken Hand mit einem Schläger gespielt.
N ykh b j
Die Mitglieder der bisher genannten Musikgruppen gehören alle der Bauernkaste an. Im
Gegensatz dazu ist die
n ykh b j
, wie der Name angibt, die Gruppe der niedrigkastigen
Fleischer n y. Auch sie spielen mit Becken und einer der
dhãã
ähnelnden Trommel;
letztere wird im Gegensatz zu jener aber mit dem Schläger in der Rechten gespielt.
Jugi
Die ebenfalls einer niedrigen Kaste angehörigen Schneider,
jugi
, spielen das
Doppelrohrblattinstrument
mvali
oder die Kernspaltflöte
b ec
und werden noch heute in
die meisten
navadaph
-Aufführungen integriert, wo sie jedoch in der zweiten Reihe
sitzen müssen. Sie können als einzige Newar als semiprofessionelle Musiker bezeichnet
werden, da sie für ihre musikalischen Auftritte engagiert und bezahlt werden.
14
B j
bedeutet in Newari und in Nepali ,,Instrument", wird aber auch für die Bezeichnung von Gruppen
verwendet.
20
Gulab j
Die Gruppen der buddhistischen Kasten der Newar, die
gulab j
, bestehen neben den mit
Schläger und blosser Hand gespielten Doppelfelltrommeln und Becken auch aus
Klarinetten und treten vorwiegend an buddhistischen Festen auf.
Benb j
Für viele Hochzeiten in Bhaktapur sowie in anderen Städten Nepals werden heutzutage
auch oft sogenannte
benb j
engagiert, deren Name vom englischen
band
abgeleitet ist
und die ihren Ursprung in britischen Militärbands haben. Sie bestehen aus Klarinette,
Blechbläsern, Trommel und Becken.
Pancai b j
Diese in ganz Nepal verbreiteten Hochzeitsensembles, deren Mitglieder mit den
jugi
den
Beruf des Schneider-Musikers gemeinsam haben, werden in Bhaktapur nur noch höchst
selten engagiert. Sie bestehen aus Schalmeien, verschiedenen Längstrompeten und
Trommeln.
Gaine
In ganz Nepal sind die
gaine
bekannt, welche mit Gesang und ihrem Streichinstrument
sarangi
herumziehen und früher als Wandermusiker auch die Funktion von
Nachrichtenüberbringern innehatten. Sie sind die einzigen traditionellen vollberuflichen
Musiker in Nepal. Ab und zu kommt eine
gaine
-Familie auch in Bhaktapur vorbei.
Py khã
Als musizierende Gruppen müssen auch die zahlreichen bestimmte Tänze,
py khã
,
begleitenden Formationen genannt sein. Die
navadurga
-Truppe der
g th
ist bei jedem
Auftritt von einem Trommel- und einem Beckenspieler abhängig. In der
n g c py khã
werden neben Gesang auch Trommeln, Becken, Harmonium und Querflöten benutzt.
21
Zusammenwirken der Musikgruppen ,,kulturelle Programme"
An den grossen Anlässen wie dem neunten Tag von
bisket
nehmen alle Newar-
Musikgruppen der Stadt gemeinsam teil und ihren Platz in einer grossen Schlange ein;
ein wichtiger Auftritt der
navadurga
wird auch durch das Spiel weiterer Gruppen
unterstützt; in Ensembles wie
navad ph
oder
n g c py khã
werden Instrumente von
sonst unterschiedlichen Gruppen integriert oder Gruppen gar vermischt; die
Mitgliedschaft in einer Gruppe ist flexibel, ein Musiker muss nicht immer in der gleichen
Gruppe mitspielen. Dies sind Anzeichen dafür, dass weder zwischen den
Musikensembles bei den Newar eine strikte Abgrenzung vorherrscht oder sie stets
unterschiedliche Funktionen haben noch dass ein Gruppe als starres Gefüge anzusehen
ist: Eine Aufführung ist nicht in erster Linie von der Anzahl der Mitspielenden abhängig
die Grösse der Gruppen gleichen Typs variiert ständig , sondern von der Verwendung
aller Instrumententypen. Dies gilt jedoch nur für die Auftritte im herkömmlichen Rahmen
an religiösen Festen. Nicht selten werden heutzutage auch Anlässe organisiert, welche
den Charakter von westlichen Konzertaufführungen mit sitzendem Publikum haben und
wo verschiedenste Gruppen sowohl traditionelle Newar- als auch Pop-Gruppen der Stadt
auf einer temporär errichteten Bühne nacheinander auftreten. Diese ,,kulturellen
Programme" lassen ein neues Bewusstsein gegenüber der eigenen Kultur zum Vorschein
kommen und haben den nicht selten erfolgreichen Zweck der Förderung von Musik- und
Tanzgruppen. Es braucht aber nicht besonders hervorgehoben zu werden, dass solche
Auftritte in einem völlig anderen Kontext stattfinden und eine veränderte Funktion
besitzen.
3.2. Charakteristisches an der Musik der Newar
Die grosse Bedeutung der Musik der Newar in Bhaktapur ist besonders daran abzulesen,
dass nur wenige Feste ohne Musik und ohne das Spiel von Musikgruppen auskommen.
Auf eine Prozession im Zusammenhang mit einem Initiationsritual für einen Jungen,
kaeta p j
, muss mit Trommel- und Beckenschlag aufmerksam gemacht werden; an
grossen Festen versuchen alle Gruppen der Stadt teilzunehmen. Das heisst auch, dass die
Musikaufführung stets von religiösen Anlässen abhängig ist und in rituellem Rahmen
22
geschieht. Obschon das Unterhaltungselement manchmal eine grosse Rolle spielt, ist der
Auslöser zum Musikmachen fast immer religiöser Natur.
Die grosse Präsenz der Musik bringt natürlich die musikalische Tätigkeit eines grossen
Teils der Bevölkerung mit sich. Davon ausgeschlossen waren bis anhin Frauen und
Mädchen; in jüngerer Zeit aber treten auch
dhimay
- und Flötengruppen mit weiblichen
Mitgliedern auf.
Doch einfach so kann niemand mitspielen; die Komplexität und religiöse Natur der
Musik setzt für die Musikausübung mehrmonatige, täglich stattfindende Musiklehren
voraus, was eine grosse Bereitschaft seitens der Teilnehmenden erfordert, dies umso
mehr, als ausser dem oben genannten Ausnahmefall der
jugi
die Musikausübung keinen
materiellen Verdienst mit sich bringt und neben der beruflichen Tätigkeit erfolgt. Die
Lehre dient neben der Aneignung von musikalischen Fertigkeiten auch als Initiation,
welche von der Mitwirkung der Musikgötter
n sahdyah
und
haym dyah
abhängig ist.
N sahdyah
, der Hauptmusikgott, besitzt in Bhaktapur 21 Schreine;15 an einem von diesen
werden während einer Lehre rituelle Handlungen durchgeführt.
Der klangliche Charakter der Musik wird von perkussiven Instrumenten geprägt. In allen
Gruppen kommen Trommel und Becken vor. Es sind Letztere, welche eine Prozession
schon von Weitem ankündigen. Die grosse Bedeutung von Trommeln wird durch die
Existenz von bis zu vierzehn verschiedenen Trommeltypen unterstrichen, welche sich
alle in Repertoire und Spielweise unterscheiden. Bis auf wenige Ausnahmen sind alles
Doppelfelltrommeln.
3.3. Bããsuri khalah im Vergleich mit anderen Musikgruppen
Alle die im vorhergehenden Unterkapitel beschriebenen Merkmale treffen auch auf die
Querflötengruppen zu. Ihre Mitglieder gehören wie diejenigen der
d ph -
,
dhimey
- und
dhãã
-Gruppen der Kaste der Bauern an. Sie haben eine ähnliche Funktion wie die
letzteren zwei und spielen an besonderen Festanlässen auf. Sie gehören neben den
d ph
und
dhimey
-Gruppen zu den häufigsten.
15 Gutschow 1982, 50.
23
Die meisten Gruppen verwenden die Trommeltypen
pachim
und
dhalak
, die stets
abwechslungsweise gespielt werden, das Beckenpaar
sichy h
und zwischen vier bis
vierzehn Flöten. Es existieren zwei unterschiedliche Flötentypen, eine kleinere Flöte
namens
tip
und eine grössere namens
ghor
. Seltener sind Gruppen mit zusätzlichen zwei
Harmonien und zwei Violinen. Bestimmte Gruppen verwenden manchmal als weitere
Trommel die
m dal
.
24
4. Organisation, Sozialstruktur und Auftritte der bããsuri
khalah
4.1. Organisation und Sozialstruktur
Die Informationen zu den Querflötengruppen in dieser Arbeit beruhen hauptsächlich auf
anhand der an den beiden benachbarten Gruppen
p s pucha
(,,Freundesgruppe") im
Quartier
taulach
und
sunrise
in
j la
gemachten Beobachtungen.
Die Mitglieder einer Musikgruppe in Bhaktapur wohnen heutzutage im gleichen Quartier.
Für die Mitgliedschaft in einer Gruppe und das Spielen an Anlässen ist die Teilnahme an
der Lehre eines Instrumentes die musikalische wie auch rituelle Voraussetzung. Die
mehrmonatigen Lehren, während derer die Teilnehmenden täglich zusammenfinden,
fördern zudem das Zusammengehörigkeitsgefühl. Die jungen Musiklehrlinge lernen sich
und ihre Lehrer während dieser intensiven Zeit gut kennen und werden ein wichtiges
neues Segment in der Gruppe ihrer Lehrer bilden.
Wenn auch keineswegs so strikte formuliert wie z.B. in der Organisationsform der
guth
,
deren Hauptaufgabe es ist, Beerdigungen durchzuführen, sind mit der Mitgliedschaft in
einer Musikgruppe Pflichten verbunden. Es wird von einem in die Musik Initiierten
erwartet, dass er an den jährlichen Anlässen mitspielt. Die Häufigkeit der Anlässe und die
Berufstätigkeit der Mitglieder führt jedoch dazu, dass nicht alle immer dabei sein oder die
Motivation dafür aufbringen können. Von Anlass zu Anlass wechseln daher die Spieler,
ist vielleicht nur jede dritte Person die gleiche und schwankt die Grösse der Flötengruppe.
Allerdings gibt es Einzelne, die an jedem Anlass dabei sind oder sogar durch ihre
Qualitäten, seien sie musikalischer oder organisatorischer Natur, unverzichtbar sind; sie
bilden das Rückgrat der Gruppe.
Die
bããsuri khalah
hat einen Chef,
n yah
, der in der Regel das älteste Mitglied und als
Autorität anerkannt ist, jedoch nicht unbedingt organisatorisch besonders aktiv oder
musikalisch begabt sein muss. Das Senioritäts-Prinzip, wie es in der Gesellschaft der
Newar verankert ist, kommt auch in den Flötengruppen zum Vorschein, wenn zum
Beispiel nach der Anrufung an den Musikgott die Jüngeren mit einer Verbeugung den
Älteren gegenüber Respekt erweisen.
25
Als musikalische Autoritäten werden die
guru
angesehen, welche einige der Mitglieder
ausgebildet haben und überdurchschnittliche musikalische Fertigkeiten besitzen.
Während eines Auftrittes sind es einerseits die Trommler, welche für die Flötengruppe an
Bedeutung gewinnen, da sie den Ablauf der Aufführung als Einzelne wesentlich
bestimmen, und andererseits diejenigen Spieler der kleinen Flöte
tip
, welche jeweils die
neu zu spielenden Lieder vorgeben.
Gezwungenermassen an jedem Anlass zugegen ist dasjenige Mitglied, in dessen Haus die
Instrumente aufbewahrt werden und sich die Gruppe vor und nach jedem Spielen trifft.
Als Gastgeber hat es die Pflicht, die Mitmusiker auch mit Getränken oder gar Essen zu
stärken. Durch das Instrumentenhaus besteht für die Gruppe die Möglichkeit, sich
innerhalb des Quartiers noch genauer lokal zu definieren oder zu identifizieren. Das
Zimmer, in dem die Instrumente sich befinden, ist der Ort, in dem Informationen
ausgetauscht, Auftritte besprochen werden oder einfach geschwatzt wird. Eine weitere
Aufgabe des Bewohners des Instrumentenhauses ist das jährliche Weihen der Instrumente
der Gruppe, das er jeweils am achten Tag des Erntefestes
mohani,
an dem auch an Fahr-
oder Werkzeugen
p j
gemacht werden, durchführt.
4.2. Autonomie und Identität der Gruppe
Die für bestimmte Gruppen unternommene spezielle oder neue Namensgebung bringt das
Bedürfnis zum Vorschein, sich von anderen Flötengruppen zu unterscheiden. Im Falle
der Gruppe
sunrise
aus dem Quartier
j la
ist die Initiative dazu von den jüngeren
Mitgliedern ausgegangen, für die ein englischer Gruppenname am geeignetsten schien.
Ein weiterer Einfluss auf die schon erwähnte schwankende oder relative Grösse, aber
auch ein Merkmal, das zur Angleichung von Verhaltens- und Spielweisen zwischen
Gruppen führen kann, ist die Erlaubnis, in anderen Gruppen mitzuspielen. Zumindest bei
Nachbargruppen ist dies der Fall, wie bei
p s pucha
und
sunrise
zu beobachten ist.
Diese beiden Gruppen können auch bei Musiklehren zusammenarbeiten, wie in der im
Jahre 2000 im Instrumentenhaus von
sunrise
durchgeführten Lehre geschehen, als
sunrise
den Flöten- und
p s pucha
den Trommel-
guru
stellte. Zusätzlich finden einige
Mitglieder beider Gruppen auch in der
navad ph
von
taulach
zusammen.
26
Obwohl an grossen Anlässen wie am achten Tag des Neujahrsfestes
bisket
fast alle
Gruppen Bhaktapurs zum Teil dichtgedrängt durch die Stadt ziehen und die einzelnen
Musikgruppen sich in einem grossen Umzug zusammenfügen, besitzen diese doch stets
eine klare Autonomie. Eine Ausnahme für die Flötengruppe bildet die Tanzform
n g c py khã
, bei der sie in eine Abfolge von Tanzvorführungen integriert ist, welche
auch Gesang und das Spiel anderer Instrumente wie Harmonium beinhaltet. Ihr wird
dabei eine Nebenfunktion, die Begleitung des Tanzes, zugeteilt. Sie wahrt jedoch ihre
Eigenständigkeit dadurch, dass sie stets in der ihr eigenen Formation und nicht
gleichzeitig mit Gesang oder Harmonium zusammen aufspielt. Schliesslich führt auch
eine weitere Funktion der Flötengruppe als Teil dieses Tanzes, nämlich das Spielen
während des Schreitens von einem Aufführungsort zum anderen, zur gleichen Situation
wie an den meisten anderen Anlässen.
Etwas anders sieht es bei der Integration von Flöten in die
navad ph
des
vakhupati
n r yana
-Tempels im Quartier
taulach
aus, der einzigen
navad ph
mit Querflöten.
Letztere sind als Ablösung der Schalmeien, die in diesem Ensemble in früheren Jahren
gespielt wurden und noch heute in den anderen
navad ph
-Gruppen gespielt werden,
einbezogen worden. Diese rein pragmatische Lösung wurde vorgenommen, nachdem die
einer anderen Kaste angehörenden Schalmeispieler,
jugi
, nicht mehr bezahlt werden
konnten. Die Flöten haben dabei im Gegensatz zum Spiel in der reinen Flötengruppe eine
Nebenfunktion inne: Sie begleiten die Hauptattraktion, das aufeinanderfolgende Spiel der
neun Trommeln, indem sie die Funktion der Schalmeien übernehmen. Ein weiterer
Unterschied besteht in der Konstanz der Anzahl und der Anzahl der eingesetzten Flöten
überhaupt: Es werden selten mehr als fünf Flöten eingesetzt, und meistens sind es die
gleichen Spieler, die an einer Aufführung mitwirken. Das Liedrepertoire hingegen ist das
gleiche wie bei den Flötengruppen, und, als würde jeweils eine Metamorphose
geschehen, finden sich die Flöten wie an
c r sw egu
auch manchmal in vertrauter
Formation mit den Trommeln der
bããsuri khalah
an eine
navad ph
-Vorführung
vorgesetzt und angehängt wieder.
27
4.3. Wandel
Der Wunsch nach Individualisierung wie er durch (besondere) Namensgebung der
Gruppen zum Ausdruck kommt, kann als Reaktion auf die in den letzten Jahren stark
angewachsene Anzahl der Flötengruppen in Bhaktapur angesehen werden. Für diese
Entwicklung war ein Festival verantwortlich, das von der Stadtbehörde im Jahre 1997
durchgeführt wurde, mit dem Zweck, Bhaktapur in der Metropole Kathmandu und im
Ausland bekannter zu machen, indem unter anderem auch Musikgruppen engagiert
wurden. Die grösste Wirkung zeigte der Anlass und das Spiel der Gruppen aber bei den
Jugendlichen der Stadt, die, sich des Reichtums ihrer Kultur bewusst geworden oder aus
Freude am Musikmachen, in der Folge an Musiklehren teilnahmen und neue Gruppen
gründeten.
Guru
Bishnu Bhakta Kusi waren bis vor der Zeit dieses Festivals ungefähr
sechzehn Flötengruppen in Bhaktapur bekannt, während er heute die Anzahl der Gruppen
nicht weniger als vier bis fünf Mal höher schätzt. Die Konsequenzen dieser Veränderung
sind vielfältig. Während früher die Mitglieder einer Gruppe aus verschiedenen
benachbarten Quartieren kamen, gibt es inzwischen so viele Flöten- und Trommelspieler,
dass in einem Quartier mehrere Gruppen existieren. Daraus ist ein gesteigertes
Konkurrenzdenken zwischen den Gruppen erwachsen, sowie ein Verlangen nach
Prestigegewinn für das Quartier.
Zum früher ausschliesslich religiösen Zweck der Musikausübung sind neue Motive
hinzugetreten, die im Zusammenhang mit neuen Anlasstypen zu sehen sind, von denen
das erwähnte Festival nur einer ist. Die Musikgruppen werden heutzutage von politischen
Parteien für deren Programme und Umzüge eingespannt; zahlreich nehmen sie daran teil,
in der Hoffnung, dass dadurch ihre Interessen (als Bauern) vertreten werden. An einem
Anlass wie dem
World Tourism Day
besteht die Möglichkeit, mit einem kurzen Auftritt
vor Touristen etwas Geld zu verdienen. Die Veranstalter von ,,kulturellen Programmen"
ziehen unterschiedliche Musikgruppen an, indem sie auf temporären Bühnen Wettkämpfe
mit Preisverleihungen durchführen.
Mit dem Zuwachs an neuen und jüngeren Spielern hat sich auch der soziale Hintergrund
der Gruppenmitglieder verändert: Es machen nun wie Bishnu Bhakta Kusi es ausdrückt
auch ,,Gebildete" mit und nicht nur diejenigen Kastenangehörigen, welche immer noch
den Bauernberuf ausüben.
28
4.4. Auftritte16
Es fällt den Mitgliedern nicht immer leicht, auf Anhieb alle Auftritte der Gruppe in einem
Jahr aufzuzählen. Dafür sind die Anlässe einerseits zu zahlreich, und andererseits nicht
immer genau festgesetzt. Den Älteren, welche nach jahrelangem Mitspielen wenigstens
den Jahreskalender, den Ablauf der festgesetzten Anlässe, verinnerlicht haben, gelingt
dies etwas besser. Aber auch sie sind auf den Wand- oder Taschenkalender angewiesen,
um sich auf kommendes, zum Teil mehrtägiges Spiel vorzubereiten oder um z.B. die
Auftrittsdaten des beweglichen Mondkalenders zu bestimmen. Unabdingbar ist jedoch
die Absprache zwischen den Gruppenmitgliedern und das Organisieren einzelner Anlässe
durch aktivere Mitglieder, was manchmal auch erst einen Tag vor dem Anlass geschieht.
Die Anlässe lassen sich folgenden fünf Gruppen zuordnen, von denen die ersten vier als
wiederkehrende Zyklen anzuschauen sind:17
A. Anlässe des Mondkalenders, der im Oktober/November beginnt und dessen
Monate in die Zeit vor und jene nach Vollmond geteilt sind. Er schliesst die
meisten Festanlässe ein, diese thematisieren fast ausschliesslich den Reisanbau.
B. Anlässe des landesweit bestimmenden Sonnenkalenders, der im April/Mai
beginnt.
C. Anlässe des
devi
-Zyklus, der auf der Geschichte der
navadurga
, der Gruppe der in
Bhaktapur so bedeutenden ,,gefährlichen Gottheiten", beruht.
D. Anlässe des individuellen Lebenszyklus, deren Daten nach astrologischen
Gesichtspunkten bestimmt werden.
E. Politische und touristische Anlässe oder auf spezielle Einladungen erfolgende
Auftritte.
Die Anlässe der ersten drei Gruppen treten in regelmässiger Wiederkehr auf, während die
Anzahl der letzten beiden von Jahr zu Jahr schwankt. Um ein repräsentatives Bild
möglicher Aktivitäten von Flötengruppen zu geben, sind hier alle Auftritte zweier
Flötengruppen,
p s pucha
aus
taulach
und
sunrise
aus
j la
, im Jahr 2003, beginnend
mit der
kaeta-p j
der
sunrise
vom 5.3., aufgelistet:
16 Der Begriff ,,Auftritt" in westlichem Musikverständnis kann, auf Newar-Gruppen angewandt, irreführend
sein, da dabei schnell einmal das Spiel für ein aktiv zuhörendes Publikum assoziiert und die Bedeutung des
zeitweiligen Spielens dieser Gruppen zum Selbstzweck unterschätzt wird.
17 Vgl. Levy 1990, 405.
29
Datum
18
Anlass
Kategorie
Beschreibung/Ort Gruppe
I.
5.3.
kaeta- p j
Lebenszyklus
Prozession zu und
sunrise
/21.10.59
Spiel vor
p tha
II.
11.3./27.10.
c r sw egu
Mondkalender
Vor und nach
p s
navad ph
pucha
III.
14. 5./1.1.60
sandr nti
Sonnenkalender Gang zu
p tha
und
p s
(bisket
5.Tag,
hanumante
-Fluss
pucha
Neujahrstag)
IV.
17.5./4.1.
chumã gandy
Sonnenkalender Umrundung der
p s
j tr (bisket
Stadt auf der
pucha /
8.Tag)
grossen
sunrise
Prozessionsroute
V.
14.8/29.3.
dattatreya j tr
Mondkalender
Grosse
sunrise
(gai j tr )
Prozessionsroute
VI.
13.8.-
n g c py khã
Mondkalender
Grosse
p s
20.8./28.3.-
(gai j tr )
Prozessionsroute
pucha
3.4.
auf acht Tage
verteilt
VII.
28.8./11.4.
Umzug für pol. Pol. Anlass
Auf Hauptstrasse
p s
Partei
pucha /
sunrise
VIII. 27.9./10.5.
World Tourism
Tourist. Anlass
darbar
-Platz
p s
Day
pucha
(n g c py khã)
IX.
27.9.-
Mohan
devi
-Zyklus
Gang zu den
p tha
sunrise
5.10./10.5-
18.5.
X.
3.10./16.5.
n sahp j
für
devi
-Zyklus
Spiel vor
n sah
-
sunrise
navadurga
Schrein, Gang zum
navadadurg
dyochem
XI.
5.10./18.5.
Dashami
dev
-Zyklus
Gang zu
brahmani- sunrise
p tha
XII.
5.10/18.5.
kaeta-p j
Lebenszyklus
Prozession und
p s
Spiel vor
p tha
pucha /
sunrise
XIII. 26.10./9.6.
Tihar
Mondkalender
Prozession und
p s
Spiel auf Platz des
pucha
Königspalastes
XIV. 4.11./18.6.
Erntedankfest
Mondkalender
Prozession
zwi-
p s
schen Instrumen-
pucha
tenhaus und Feld
18 Nach dem Schrägstrich ist das Datum des nepalesischen Kalenders angefügt.
30
Bezeichnend sind die längeren Spielpausen zwischen
bisket
und
gai j tr
beziehungsweise
mohani
und
bisket
, die zum Vorschein kommen, wenn die einzelnen, zu
verschiedenen Zeitpunkten durchführbaren
kaeta-p j
ausgeklammert werden. Die erste
lässt sich auf die Reispflanzzeit zurückführen, während der zum Teil ganze Familien auf
dem Feld beschäftigt sind und das Spielen von Trommeln mit einer bestimmten
Stimmpaste, darunter auch
pachim
und
madal
, zwei der Trommeln der
bããsuri khalah
,
auch rituell verboten ist. Die zweite, noch längere Pause ist dadurch gegeben, dass die
meisten Feste in Zusammenhang mit dem Reisanbau stattfinden, in der Winterhälfte des
Jahres aber weder Reis gepflanzt noch geerntet wird.
Wenn man die beiden Gruppen einzeln betrachtet, kommt man auf 8 beziehungsweise 7
Anlässe und in beiden Fällen auf 15 Spieltage pro Jahr. Die
p s pucha
hatte an
mohani
nicht mitgespielt, da sich die Mitglieder nicht darauf einigen konnten, ob sie am frühen
Morgen oder am Abend spielen sollten. Wenn sie wie in anderen Jahren gespielt hätten,
wären sie in diesem Jahr auf 24 Spieltage gekommen, von denen sich 19 auf nur sieben
Wochen verteilt hätten. Noch grösser erscheint ein solcher Aufwand, wenn man sich vor
Augen führt, dass während der achttägigen Spielperiode der
n g c py khã
bis spät in die
Nacht gespielt wird, die Mitwirkenden aber am nächsten Morgen stets wieder zur Arbeit
und die jungen Tänzer in die Schule müssen. Das Anstrengende an
mohani
sind die
gerade während der zweiten Hälfte des Festes stattfindenden täglichen Festessen. Nicht
allen Gruppenmitgliedern von
sunrise
fiel es leicht, jeden Tag für das Spielen um vier
Uhr morgens aufzustehen. So fanden sich am letzten Tag denn auch nicht genug Leute
zusammen, um den Gang zum
p tha
zu unternehmen.
Letzteres sowie die Uneinigkeit der
p s pucha
-Leute bringt einerseits zum Ausdruck,
dass die Gruppen sich für jeden Anlass von Neuem organisieren müssen und sie nur als
Ganzes und mit der Bereitschaft von genug Mitgliedern funktionieren können.19
Andererseits geht die Welt nicht unter, wenn ein Anlass zumindest das Spielen während
mohani
einmal ausgelassen wird. Hier scheint trotz eines gewissen Grades an
Verpflichtung Flexibilität vorhanden zu sein.
19 Als wir miteinander über die geringe Aktivität einer bestimmten Flötengruppe sprachen, bemerkte der
Trommler Ramesh Koju: ,,They can′t manage themselves."
31
4.5. Porträts einzelner Mitglieder
Das Vorstellen einzelner Musiker soll den primären Zweck haben, deren musikalisches
Wissen aufzuzeigen und ihre musikalische Tätigkeit im Verhältnis zur beruflichen zu
setzen. Mit der Porträtierung des
guru
Bishnu Bhakta Kusi und seiner beiden Söhne soll
auch die Überlieferung der Tradition thematisiert werden.
Der sechzigjährige Bishnu Bhakta aus dem Quartier
g ch
ist in seiner Gesellschaft mit
Sicherheit ein musikalischer Ausnahmekönner. Ein solches Talent und Musikwissen, wie
er es besitzt, wird jedoch auch gefordert beziehungsweise ist und war stets Bedingung für
die Erhaltung der Musiktradition und verpflichtet ihn dazu, als
guru
sein Können
weiterzugeben und beim Spielen in der Gruppe die Führungsfunktion einzunehmen
sowie, wenn immer möglich, an allen Anlässen mitzuspielen. Auch wenn er sich die
Anstrengungen nicht anmerken lässt oder sie nicht spürt, ist mit der Funktion des
guru
zeitweise ein gewaltiger Aufwand verbunden. Dies hat primär damit zu tun, dass er seine
Arbeit als Bauer vollberuflich ausübt. Wegen des Melkens der Wasserbüffelkühe muss er
in seinem Bauernhäuschen auf dem Feld übernachten, welches 40 Gehminuten von
seinem Haus in der Stadt entfernt liegt, und täglich frühmorgens die Milch zum Verkauf
in die Stadt tragen. In der Stadt verbringt er dann ein Weilchen mit seiner Familie oder
bei Freunden, bevor er für die Feldarbeit am Vormittag wieder hinauszieht.
32
Abb. 5. Bishnu Bhakta Kusi vor seiner Gurken-Plantage.
Trotz dieses Arbeitsaufwandes war er an fast jedem Anlass ausser an dem bis in die
späte Nacht hinein stattfinden
n g c py khã
zugegen, wenn er auch manchmal etwas
später zur Gruppe fand oder etwas früher wieder gehen musste. Konzessionen bezüglich
seiner Bauerntätigkeit muss er dagegen eingehen, wenn eine der mehrmonatigen
Musiklehren stattfindet, an der er als
guru
teilnimmt. Die sechsmonatige Lehre im Jahr
2000, welche täglich stattgefunden hatte, wurde jeweils am Abend durchgeführt, was es
ihm verunmöglichte, auf dem Feld zu übernachten und einen zusätzlichen
Arbeitsaufwand bedeutete. Das
navad ph
-Spiel hatte er in den letzten achtzehn Jahren
fünfmal während je eines ganzen Jahres gelehrt. Nicht weniger oft wird er an Lehren von
Flötengruppen teilgenommen haben.
33
Auch nicht zu unterschätzen sind in diesem Zusammenhang seine Aufgaben als
Vorsteher einer Familie. Bei wichtigen Entscheidungen hat sein Wort grosses Gewicht;
beispielsweise schlichtet er Streit zwischen den Enkeln, die seine Ratschläge mit
Aufmerksamkeit und Respekt entgegennehmen. Auch in viele Anlässe, an denen keine
Musik gespielt wird, ist Bishnu Bhakta involviert, z.B. als Organisator oder als
Ausführender von wichtigen
p j
wie an der
rati
(Prozession, an der Jungen und Frauen
mit Öllämpchen durch die Stadt ziehen) während
gai j tr
, wo er die Teilnehmenden
durch die Gassen lenkt, oder an
asthami
während
mohani
, wo er für die Familie sowohl
im Haus als auch am Schrein der Schutzgöttin die
p j
ausführt.
Zieht man die acht Tage der
n g c py khã
-Vorführungen ab, während derer er nicht mit
seiner Flötengruppe mitspielte, nahm er an sieben Anlässen und an sieben Tagen teil.
Seine musikalische Aktivität wird allerdings durch die Mitgliedschaft in anderen
Formationen wiederum vergrössert. Er ist der Haupttrommler ohne den nichts geht
und wiederum
guru
der
navad ph
von
sujamadhi
, die, ausser während der
Reispflanzzeit, an jedem Vollmondabend sowie an einzelnen Anlässen wie
c r sw egu
oder
pãcad n carhe
20 spielt. An
saparu
, dem ersten Tag von
gai j tr
, spielt er zudem
die Trommel
dhãã
, als Begleitung der als Kühe dargestellten Toten auf der städtischen
Prozessionsroute.
In den
bããsuri khalah
übernimmt er meistens, die kleine Flöte
tip
spielend, die wichtige
Aufgabe, neue Stücke anzustimmen, was nur kann, wer eine genügend grosse Anzahl
Newar-Lieder auswendig präsent hat und das Spiel auf der grösseren Flöte
ghor
sowieso
schon beherrscht. Oftmals nimmt er aber auch die Trommeln,
pachim , dhalak
oder
m dal
oder das Becken
sichy h
zur Hand. Die drei Trommeln der
bããsuri khalah
werden
zwar von Bishnu Bhakta mit dem gleichen Repertoire auch in der
navad ph
gespielt.
Für jede der neun Trommeln der
navad ph
gibt es jedoch zwischen sechs und acht
verschiedene Kompositionen von der durchschnittlichen Spieldauer von vier Minuten, die
der Haupttrommler alle auswendig weiss. Es kommt vor, dass Bishnu Bhakta auch an
dem an einer
navad ph
-Vorführung vorhandenen
d ph -
Gesang teilnimmt, und auch
das Spiel der Trompeten
pvonga
, welche die
navad ph
von
taulach
bis vor einigen
20 Für
c r sw egu
s. obige Tabelle unter II. An
pãcad n carhe
werden fünf Buddha-Statuen durch die Stadt
getragen und für längere Zeit auf dem
sujamadhi
-Platz (
taulach )
zur Opfergabe ausgestellt.
34
Jahren noch eingesetzt hatte, beherrscht er. Theoretisch könnte er auch auf einem ganz
anderen Instrument, dem in der
n g c py khã
eingesetzten Harmonium, spielen, sowie
diese Tanzform mit seinem Gesang begleiten, wie er es früher noch gemacht hatte.
Wenn hier alle musikalischen Fertigkeiten Bishnu Bhaktas aufgezählt werden, muss man
auch auf sein grosses rituelles Wissen hinweisen, das er für die Durchführung von so
komplexen Ritualhandlungen wie die in Zusammenhang mit Musiklehren stattfindenden
p j
für den Musikgott benötigt, von denen eine im Kapitel 6 wiedergegeben ist.
Trotz der ausgiebigen musikalischen Tätigkeit und des enormen Musikwissens verdient
Bishnu Bhakta Kusi seinen Lebensunterhalt nicht als Musiker, sondern ausschliesslich als
Bauer.
Wie sein Vater ihn das Trommelspiel gelehrt hatte, so hatte Bishnu Bhakta diese Kunst
auch an seinen ältesten Sohn, Bishwaram, weitergegeben. Auch dieser spielt alle
Trommeln der
navad ph
sowie jene in den Flötengruppen. In der
n g c py khã
ist er
unverzichtbar, sowohl als Trommler als auch als Harmonium-Spieler und Sänger. Über
ihn sagt sein Vater, dass er einmal wie er selbst das Spiel auf den Trommeln weitergeben
wird. Schon heute springt er manchmal für seinen Vater als
guru
ein.
Der zweite Sohn, Bishnu Prasad, hat von seinem Vater nur das Spiel auf der
lalakhin
für
d ph
und von einem anderen
guru
das Spiel auf der
dhãã
in der
dhãã khalah
gelernt. In
seinem jugendlichen Alter ist es durchaus noch möglich, die weiteren Trommeln zu
lernen. Allerdings ist der Vater schon damit zufrieden, dass er sein Wissen an einen
seiner Söhne weitergegeben hat. Bishnu Prasads Auftritte beschränken sich zur Zeit auf
die grossen Anlässe wie
chumã gandy j tr
, wo er mit einer
d ph
als
lalakhin
-Spieler
mitzieht und
saparu
, wo er die
dhãã
spielt. Grosses Interesse zeigt er auch an Filmen,
seien sie in Nepali oder Hindi, und an Filmmusik; er ist dafür verantwortlich, dass im
Haus seines Vaters, wo er noch wohnt, ein VCD-Spieler steht.
Auch wenn die Söhne ihr Spiel vom Vater gelernt haben, heisst das nicht, dass sie an den
Anlässen stets mit ihm spielen müssen. An
chumã gandy j tr
spielten alle drei in
verschiedenen Gruppen.
35
Nicht alle Mitglieder der
bããsuri khalah
haben einen solch engen Bezug zur Musik wie
Bishnu Bhakta und seine Söhne, noch sind alle von besonderer musikalischer Begabung.
Es scheint in gewissen Fällen wichtiger zu sein, an den Anlässen mitzumachen, als
besonders gut zu spielen. Unter den Flötenspielern gibt es immer wieder solche, die
gemäss den
guru
falsch spielen, aber trotzdem immer dabei sind und toleriert werden.
36
5. Musikalische Anlässe und Situationen der Flötengruppen
Während die Flötengruppen sich bei jedem Auftritt an die gleichen musikalischen
Spielregeln halten abgesehen davon, dass vereinzelte Lieder nur an bestimmten
Anlässen oder zu bestimmten Jahreszeiten gespielt werden , finden sie sich stets in
unterschiedlichen Situationen und unter sich verändernden Bedingungen wieder. Ein
Grund dafür ist sicher das Spielen im Gehen, wie es an den meisten Anlässen geschieht
und das ein ständiges Wechseln des Raums und des Publikums mit sich bringt.
Wesentlicheren Einfluss aber hat das Eingebundensein der Musikgruppen in die in immer
anderer Form sich präsentierenden Feste der Stadt.
Es soll zuerst diese Vielfalt der Anlässe und Situationen dargestellt werden, bevor durch
die genauere Beschreibung zweier Anlässe auch das Gemeinsame der Auftritte einer
Flötengruppe zu bestimmen versucht wird und einzelne Aspekte der
Aufführungssituationen herausgearbeitet werden können. Dabei wird jeweils auf die im
Kapitel 4 aufgelisteten Anlässe Bezug genommen.
5.1. Die Verschiedenartigkeit der Situationen
Die Auftritte unterscheiden sich zum einen bezüglich Dauer und Zeitpunkt und dem
damit einhergehenden Aufwand oder der Anstrengung für die Spieler. Am achten Tag
von
bisket
wird die traditionelle Prozessionsroute abgelaufen, was bis zu sieben Stunden
dauern kann. Das nur selten unterbrochene Spiel an einem heissen Frühlingstag erfordert
ein nicht geringes Mass an Ausdauer.
Mohani
und
gai j tr
dagegen dauern neun oder
zehn beziehungsweise acht Tage. Wenn auch pro Tag jeweils nur zwischen eineinhalb
und drei Stunden gespielt wird, so ist das frühe Aufstehen während
mohani
und das Spiel
bis spät in die Nacht während der
n g c py khã
-Aufführungen an
gai j tr
ziemlich
anstrengend. Für Letztere muss auch der nicht geringe Aufwand für Organisation und
Vorbereitung in Betracht gezogen werden, der zum Beispiel das Einkleiden und
Schminken der Tänzer umfasst; die Anstrengung ist am deutlichsten an den jungen
Tänzern abzulesen, die manchmal sogar im Tanzen fast einschlafen. In diesem
Zusammenhang muss auch die Kombination von Anlässen beachtet werden: An
dashami
,
dem letzten Tag von
mohani
, spielten einige Mitglieder von
sunrise
sowohl am Morgen
als auch für eine
kaeta-p j
bis am Abend. Nicht selten folgt auf das Musikmachen die
37
Teilnahme an einem Festessen oder an anderen Festivitäten, was das Programm für die
Musiker noch weiter verlängert. Kurz hingegen war der Auftritt der
p s pucha
am
World Tourism Day
, an dem sie nur zwei Stücke spielten.
Wie angesprochen, ist die Dauer eines Auftritts von der vorgegebenen Route, aber auch
von rituellen Handlungen abhängig. Ausgangspunkt ist in den meisten Fällen das
Instrumentenhaus. Am Neujahrstag führt der Gang von dort zum Fluss beim
chupin ghat
,
wo ein rituelles Bad genommen und der
badrakhali-p tha
umgangen wird, und wieder
zurück. Die
n g c py khã
-Aufführungen finden zwar entlang der grossen
Prozessionsroute statt. Die ganze Strecke ist jedoch auf acht Tage verteilt; eine
Vorführung wird dort fortgesetzt, wo sie am Vorabend geendet hat. Wie ein neuntägiger
Sternlauf wird
mohani
begangen, indem, ausgehend vom Instrumentenhaus, an jedem
Tag zu einem anderen
p tha
und wieder zurück zum Ausgangspunkt gegangen wird.
Natürlich bestimmt auch das Gehtempo die Dauer eines Auftritts. Zwar schreiten die
Gruppen beim Spielen normalerweise in regelmässigem und gemächlichem Tempo
voran, aber in einigen Fällen können sie die Gehgeschwindigkeit nicht selber wählen, da
sie sich innerhalb von grossen Prozessionen befinden. So kommt es vor, dass, wie an der
dattatreya j tr
, wo die
sunrise
-Gruppe von einer vor ihr gehenden
dhimayb j
und einer
hinter ihr sich anschliessenden langen Kolonne von Frauen eingeschlossen ist, oder wie
am achten Tag von
bisket
, wo sie Teil einer endlosen Schlange ist, abwechslungsweise
Staus und Lücken entstehen und entsprechend gewartet, aufgeschlossen oder überholt
werden muss. Am frühen Morgen während
mohani
dagegen findet sich eine Flötengruppe
meist alleine auf der Strasse wieder.
In einem Fall wie letzterem, wo die Gruppe unabhängiger ist, hängt das Gehtempo von
weiteren, stets variierenden Faktoren ab: von der Stimmung in der Gruppe oder dem
rituellen Gewicht des Anlasses. Steht die Freude am Musikmachen im Vordergrund, wie
es an manchen
kaeta-p j s
oder am achten Tag von
bisket
, wo die Prozession
ausschliesslich von Musikgruppen gebildet wird, zu beobachten ist, so nimmt man es
bezüglich Gehen gemächlich; geht es primär um das Abwandern einer Route und die
Durchführung von Ritualen wie am Neujahrstag, so ist eine ernsthafte Stimmung
wahrnehmbar, und man schreitet zügig voran.
38
Einfluss auf die Stimmung und das Verhalten der Gruppe hat auch das Verhältnis zu den
Zuschauern. In gewissen Situationen einer
kaeta-p j
, wo die Gruppen längere Zeit am
selben Ort aufspielen, bekommt man den Eindruck, dass sie zur Unterhaltung engagiert
werden. Dadurch wird das Musikmachen und weniger allein die symbolische Präsenz der
Gruppe betont. An solchen Anlässen haben sie jedoch zusätzlich die Funktion, die
auffällige Prozession, von der die Musikgruppe neben dem zu initiierenden Jungen, der
zu opfernden Ziege oder den Trägern von Opfergegenständen nur ein Teil ist, zu
begleiten. Während des ganztägigen Stadtrundgangs am achten Tag von
bisket
hofft
mancher Spieler auf Blicke aus den Fenstern der anliegenden Häuser oder von am
Strassenrand stehenden Personen. An
dashami
und an politischen Anlässen kommt die
Bedeutung des Gesehen-werdens noch deutlicher zum Vorschein, indem sich einige
Musiker in den besten Kleidern zeigen oder Gruppen sich einheitlich anziehen. Am
World Tourism Day
wird sogar für ein klatschendes Publikum gespielt. Dagegen ist es an
der am Abend stattfindenden
dattatreya j tr
zu dunkel, um gesehen zu werden, und an
den
mohani
-Morgen sind noch zu wenig Leute auf den Beinen, um die Gruppen zu
bestaunen. Letztere brauchen in solchen Fällen auch gar kein Publikum, sondern spielen
zur eigenen Freude und Unterhaltung.
Mit gleich bleibendem Publikum kann bei Anlässen gerechnet werden, wo die Gruppen
für längere Zeit im Sitzen spielen. An der
n sahp j
der
navadurg
spielte
sunrise
sogar
vor den Leuten aus dem eigenen Quartier. Ebenfalls im Sitzen, aber vor grösstenteils
fremdem Quartierpublikum, spielt die
n g c py khã
.
Stets veränderlich ist auch der Grad der Autonomie einer Gruppe. Während sie an den
grossen
j tr
wie am 8.Tag von
bisket
oder an der
dattatreya j tr
nur eine Gruppe unter
vielen ist und sich gegen andere behaupten oder am politischen Umzug einer
kommunistischen Partei unter die Gruppen des gleichen Typs einreihen muss, wirkt das
Spiel nach einer
navad ph -
Aufführung durchwegs selbstbestimmt.
Pro Anlass und je nach Dauer eines Auftritts wechselt die Grösse und Zusammensetzung
der Gruppe. An der
n sahp j
der
navadurg
schwankte die Anzahl der Flötenspieler
zwischen drei und zehn. Ziemlich gross war in diesem Fall auch die Anzahl von Spielern
aus anderen Nachbargruppen; es fand ein ständiges Kommen und Gehen statt. Am achten
Tag von
bisket
, der wohl als der wichtigste Tag für Musikgruppen anzusehen ist, war die
39
Anzahl der Mitwirkenden in den Flötengruppen
sunrise
und
p s pucha
im Vergleich zu
anderen Anlässen am grössten. Am Spiel der Flötengruppe nach der
navad ph -
Aufführung an
c r sw egu
nahmen nur vier oder fünf Flötisten teil.
Abb. 6.
Bããsuri khalah
an
dashami
(5.10.2003) auf dem Platz von
sujamadhi ( taulach )
.
5.2. Zwei Anlässe
5.2.1. Chumã gandy j tr (bisket 8. Tag, 17.5./ 4.1.)
Vorgabe
Diese Prozession ist Teil des bunten und reichhaltigen neuntägigen Neujahrsfestes
bisket
(auch
biska:
), während dem unter anderem die beiden Stadthälften am
taumadhi
-Platz um
einen die Maske des Gottes
bhairav
transportierenden Wagen kämpfen und an dessem
fünften Tag ein aufgestellter Pfahl am von einer riesigen Menschenmenge erfüllten
chupin ghat
als Zeichen für den Beginn des neuen Jahres wieder heruntergeholt wird. Sie
findet am achten Tag statt und folgt der traditionellen Prozessionsroute
pradak in patha
.
Die an ihr teilnehmenden Personen besuchen dabei die Götterbilder, die aus ihren
Häusern geholt wurden, und auf Plätzen ausgestellt sind, und verehren oder ,,bewirten"
40
sie, wie der Name
chumã gandy j tr
(wörtlich: die Götter festlich bewirten)21 andeutet.
An keinem anderen Anlass des Festkalenders von Bhaktapur sind so viele Musikgruppen
zur gleichen Zeit unterwegs. Auch sind sie nicht als Teil von grösseren, nicht
ausschliesslich musizierenden Gruppierungen anzusehen, wie zum Beispiel an anderen
j tr
desselben mehrtägigen Festes, sondern deutlich als autonome Musikgruppen zu
erkennen. Gleichzeitig sind jedoch alle zusammen in eine grosse Schlaufe eingefügt und
umgehen die ganze Stadt auf der gleichen Route sie spielen als ein Ganzes und für die
Stadt.22
Abb. 7.23 Plan der Stadt Bhaktapur. Die gepunktete Linie gibt die Prozessionsroute wieder.
21 Vgl. Levy 1990, 488.
22 Ebd. 464.
23 Abbildung von Levy 1990, 98.
41
Ausführung
Die Flötengruppe
sunrise
besammelte sich um neun Uhr in ihrem Instrumentenhaus. Da
an diesem Tag mehr Personen als sonst üblich mitspielen würden, fand man sich aus
Platzgründen nicht wie z.B. an
mohani
in jenem Zimmer zusammen, in dem die
Instrumente gelagert werden, sondern im grösseren Zimmer des dritten Stocks. Die
Vorbereitungen umfassten das Herausputzen und Einölen der Flöten, die dazu alle
nebeneinander auf den Boden gelegt wurden. Diese Arbeit wurde mehrheitlich von einem
einzigen Flötenspieler ausgeführt: Mit einem langen Stab, an dessen Ende ein Tuchfetzen
angebracht war, stiess dieser durch die Innenrohre der Flöten; das Öl liess er durch das
Mundloch ins Innere gleiten oder rieb damit die Aussenwände ein. Auch ein Fell der
Trommel
pachim
musste mit einer Stimmpaste, bestehend aus einer Mischung von Mehl
und Wasser, versehen werden. Da die
dhalak
-Trommel aus dem Instrumentenhaus von
sunrise
für nicht gut genug gehalten wurde, holte man die Trommel der
navad ph
vom
narayana
-Tempel, wo die
navad ph
ihre Instrumente lagert und an Vollmonden spielt.
Für die Verpflegung während der
j tr
, vor allem für Reisbier, aber auch für das
Festessen danach wurde von den Teilnehmern Geld eingesammelt. Bereits um diese Zeit
wurde Reisbier angeboten und getrunken.
Das Spiel begann um zehn Uhr mit dem
dyohlh ygu
, der Anrufung an den Musikgott,
wozu sich die Gruppe auf dem kleinen Quartierplatz vor dem Instrumentenhaus im Kreis
formierte. Sodann brach man auf, die zwei Trommler und der Beckenspieler zuvorderst,
gefolgt von den fünf
tip
und zuletzt den acht
ghor
-Spielern. Des Weiteren waren zwei
ältere Männer dabei, welche Opfergegenstände mit sich trugen und die
p j
an den
Götterbildern ausführen sollten; sie hatten als Erfrischung für die Gruppe auch mit
Reisbier gefüllte Krüge dabei. Der Weg führte durch die engen Gassen des Quartiers, ehe
die Gruppe auf die breitere Hauptstrasse und die Prozessionsroute gelangte und sich
zwischen anderen Gruppen einfügte. Vor Schreinen bedeutender Götter und natürlich vor
jenen des Musikgottes
n sadyah
sowie vor den nur an diesem Tag ausgestellten
Götterbildern wurde jeweils eine kurze
p j
ausgeführt und ein
dyohlh ygu
gespielt.
Nicht selten folgte darauf der Ruf eines Spielers: ,,
Nityanath ki
!", auf den die restlichen
im Chor antworteten: ,,
Che
!" (vgl. Aufn. II 9, nach
dyohlh ygu
; new. ,,Auf
nityanath
s
Ehre";
nityanath
ist ein weiterer Name für
n sahdyah
). Das nur an diesem Fest gespielte
42
Lied wurde immer wieder angestimmt. An gewissen Stellen wurde die grosse Route
verlassen, um, durch enge Gassen schreitend, in kleineren Höfen bestimmte Götter zu
besuchen; dabei wurde der Verkehr von einer Organisationsgruppe geregelt.
Nach etwa zweieinhalbstündigem Spiel, unterbrochen nur durch zwei kurze
Biertrinkpausen, machte die Gruppe in einem Innenhof am anderen Ende der Stadt, wo
einige Ehefrauen von Spielern mit Kartoffeln aufwarteten, zur Verpflegung einen
zwanzigminütigen Halt.
Das dauernde Spielen sowie Hitze und Bierkonsum führten dazu, dass immer wieder ein
paar Spieler aussetzten oder für ein Weilchen bei Bekannten einkehrten. Zwischendurch
stellten sich Männer der Gruppe in den Weg und brachten sie zum Halten, indem sie zur
Musik einen kurzen Tanz vorführten. Auch einzelne Spieler der Gruppe übergaben ihr
Instrument für ein Weilchen einem Kollegen, um das Tanzbein zu schwingen. Einigen
Mitgliedern gelang dies auch, währenddem sie spielten. Das Instrumentenhaus erreichte
man nach der ganzen Umgehung der Stadt um 16.30 Uhr wieder. Dort wurden den
einzelnen Gruppenmitgliedern zuerst die bei den Schreinen eingesammelten und
geopferten Blumen als
pras d
übergeben und sie mit
tika
versehen, ehe als Schlusspunkt
das gemeinsame Essen folgte.
5.2.2. N sahp j der navadurg während mohani (3.10./16.5.)
Vorgabe
Am siebten Tag von
mohani
, an
astam
, unternehmen die
navadurg
-Maskentänzer am
späteren Nachmittag anlässlich der Initiation junger Tänzer eine Prozession von ihrem
Götterhaus (
navadurg dyahch
) zu ihrem exklusiven
n sahdyah
-Schrein in
j la
, wo sie
für den Gott eine
p j
ausführen (
pirane p j
) und ohne Masken Tänze vorführen.
24
Erst
an
dashami
, dem letzten Tag von
mohani
als Zeichen ihrer Wiederauferstehung und des
Beginns des
devi
-Zyklus werden sie ihre Masken aufsetzen. Auf dem Platz vor dem
Schrein finden sich für diesen Anlass drei Musikgruppen eine
d ph
, eine
dhimayb j
und eine
bããsuri khalah
aus der Nachbarschaft des Schreins zusammen und spielen
24 Vgl. auch Wegner 1988, 22.
43
während der
p j
der
navadurg
. Sie begleiten die Tanzgruppe nach Beendigung der
p j
musizierend zu ihrem Götterhaus zurück.
25
Ausführung
Die Mitglieder von
sunrise
fanden sich um sechzehn Uhr in ihrem Instrumentenhaus
zusammen, wo sie ihr Spiel mit einem
dyohlh ygu
einleiteten. Die wenigen Schritte zum
n sahdyah
-Schrein, dem Hauptort des Anlasses nahmen sie ebenfalls im Spielen auf sich.
Einige hatten schon wie an jedem Tag von
mohani
am frühen Morgen auf dem Gang zum
p tha
mit der Gruppe aufgespielt und, wie es die meisten
jy pu
an diesem Tag machen,
an dem ihrem Stadtteil zugeteilten
p tha
ein Tier geopfert und mit den
Familienangehörigen gespeist. Am Platz vor dem Schrein hatten sich bereits die
navadurg
,
d ph
,
dhimayb j
sowie einige Zuschauer eingefunden. Die Flötengruppe
liess sich in kleiner Distanz zur
d ph
und
dhimayb j
auf einer zum Platz führenden
Strasse nieder. Es wurden für sie Reismatten ausgebreitet, auf denen sie Platz nahmen,
am einen Ende die Rhythmusgruppe und auf dem restlichen Platz, in einem Oval sich
anordnend und einander zugewandt, die Flötenspieler. Bald darauf bildete sich ein Kreis
von teils sitzenden, teils stehenden Zuschauern um die Gruppe. Während dem
ununterbrochenen Spiel schenkten Quartierleute den Spielern Reisbier ein. Nach einem
Weilchen stellte und z.T. legte sich ein Betrunkener in den Kreis und führte
Tanzbewegungen vor. Seinen Unterhaltungswert unterstreichend, wurde ihm etwas Platz
gemacht. Die Müdigkeit einzelner Spieler machte sich in der Folge dadurch bemerkbar,
dass sie zur Erholung für ein Weilchen die Gruppe verliessen, sei es, um sich mit
Freunden aus dem Quartier zu unterhalten, welche die Musik aus den Häusern gelockt
hatte, oder einen Blick zu den anderen Musikgruppen hinüberzuwerfen. Überhaupt
entstanden ständige personelle Wechsel, da sich auch Flötenspieler aus Nachbargruppen
dazugesellten. Ein Ausgleich der Anzahl der Spieler stellte sich jedoch nicht ein, so dass
manchmal nur drei, manchmal aber bis zu zwölf Flötenspieler dabei waren. Die Präsenz
des Publikums motivierte die Gruppe in ihrem Spiel und einige Flötisten zum Anstimmen
auch von nicht so gewohnten und seltener gespielten Liedern. Die Musik der anderen drei
Gruppen auch die
navadurg
-Tänzer werden von einer Trommel und Becken begleitet
25 Noch vor einigen Jahren war auch noch eine
n ykh b j
dabei gewesen. Vgl. Wegner 1988.
44
, besonders die lauten Beckenschläge der nur ein paar Schritte entfernten
dhimayb j
machte es den Spielern der Flötengruppe nicht leicht, einander zu hören, so dass ihr Spiel
manchmal auseinanderzufallen drohte. Dasselbe bewirkten die ab und zu durch die
schmale Gasse fahrenden Autos, für welche die Gruppe für einen kurzen Moment
aufstehen und Platz machen musste.
Als es einzudunkeln begann, startete die Prozession in Richtung
navadurg
-Götterhaus,
angeführt von der
dhimayb j
, auf welche die
bããsuri khalah
und die
navadurg
-Tänzer
folgten, die eine Ölfackel mit sich trugen. Man schlug nicht den kürzesten Weg ein,
sondern folgte der Hauptstrasse und besuchte den
dattatreya
-Platz und den ihm
benachbarten
gane
-Schrein, bevor man von dort auf direktem Weg das
navadurg
-
Götterhaus erreichte. Da es die
navadurg
eilig hatten, drängten sie von hinten und
deuteten den vor ihr liegenden Gruppen an, schneller zu gehen, was bei den sich in bester
Stimmung befindenden Spielern aber nicht viel bewirkte. Die angesehenen und
manchmal von Göttern besessenen Tänzer wurden zwischendurch als Opfergeste aus den
Fenstern mit Reis beworfen. Nachdem die Flötengruppe die
navadurg
bei ihrem
Götterhaus abgesetzt hatten, kehrte sie, nun nicht derselben Route, sondern dem
kürzesten Weg folgend, alleine nach
j l
zurück. Zum Abschluss, etwa um zwanzig Uhr,
wurde auf dem Platz vor dem Instrumentenhaus ein bisschen länger als sonst üblich
gespielt, da die Stimmung noch immer ausgezeichnet war und sich bis zu drei Tänzer in
die Mitte stellten.
5.3. Vergleich der Anlässe Gemeinsamkeiten
Trotz der bunten Vielfalt und unterschiedlichen Formen der Anlässe des Festkalenders
von Bhaktapur lassen sich auch immer wieder auftretende Merkmale ausmachen. Am
häufigsten kommt wohl das Opfern für Götter, die
p j ,
vor, wofür oft Schreine oder
andere Orte besucht werden, in denen die Götter repräsentiert sind. Manchmal bewegen
sich die Götter selber durch die Stadt beziehungsweise werden in Form von Bildnissen
durch die Strassen getragen. Auch wenn im Falle des Besuchs von Schreinen die
Bewohner Bhaktapurs den Weg alleine auf sich nehmen können, werden in beiden Fällen
immer auch Prozessionen durchgeführt, die einer bestimmten Route folgen. Es sind die
45
Anlässe dieser Art, an denen Musik niemals fehlt, und solche Anlässe bilden auch die
Mehrzahl der Auftrittsgelegenheiten der Musikgruppen.
5.3.1. Bedeutung des Anlasses
Um zu zeigen, inwiefern die einzelnen Anlässe die Situationen für die Musikgruppen
bestimmen, können hier aufgrund ihrer Vielzahl und Unterschiedlichkeit nicht alle,
sondern nur die zwei oben beschriebenen Anlässe im Detail behandelt werden.
Die
chumã gandy j tr
ist für die Mitglieder der Flötengruppe ein bedeutendes Ereignis,
das niemand verpassen will, weshalb die Gruppe an diesem Tag entsprechend gross ist.
Jede Musikgruppe hält es für ihre Pflicht, an dieser
j tr
, welche die Umgehung ganz
Bhaktapurs vorgibt, teilzunehmen und sich an der Integration der Stadt zu beteiligen.26
Allerdings kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Identifikation der Gruppe mit
der Stadt immer gleich stark ausgeprägt ist und sich alle Mitglieder einer solchen
Solidaritätsbekundung an diesem Tag bewusst sind. Von Aufopferung oder einem
besonders ausgeprägten Pflichtgefühl gegenüber der Stadt ist trotz der offensichtlichen
Anstrengungen, welche das lange Dauerspiel mit sich bringt, wenig zu spüren.
Eigennützigkeit kommt beispielsweise dadurch zum Vorschein, dass die Gruppe an
einem solchen Anlass Präsenz markieren und sich in der Stadt zeigen möchte. Dasselbe
zeigt sich, wenn die Gruppe auf der Strecke Göttern opfert und von ihnen
prasad
entgegennimmt oder zur eigenen Freude und Unterhaltung spielt. Das Spielen selbst ist
von grosser Bedeutung und scheint teilweise auch dadurch motiviert zu sein, dass die
einzelne Gruppe sich gegenüber all den anderen behaupten muss oder sich gar von ihnen
wiederum abheben und ihre Autonomie unterstreichen will.27 Dass die Haupttätigkeit an
diesem Anlass, das Besuchen der Götter und das Opfern für sie, auch von Einzelpersonen
ausgeführt werden kann dies kommt an
mohani
zwar noch deutlicher zum Vorschein,
wo die Musiker eine Minderheit bilden , lässt die Deutung zu, dass die Musikgruppe als
Einheit, sozusagen als Substitution einer einzigen Person, funktioniert. So führen die
beiden die Opfergaben tragenden Männer die
p j
für die ganze Gruppe durch.
26 Vgl. dazu Levy 1990, 464 ff. oder 493 f.: Levy beschreibt
bisket
als ein strukturierendes Fest, welches
die Stadt als Ganzes thematisiert und an dem alle Schichten der Bevölkerung beteiligt sind.
27 Ein solches Konkurrenzdenken war auch spürbar, wenn Bishnu Bhakta Kusi mir davon abriet, mit
anderen Gruppen aufzutreten. Dass diese Gruppen leicht anders spielen, schien nicht der einzige Grund zu
sein.
46
Im Vergleich zu dieser grossen Prozession ist das Spielen für die
navadurg
-Truppe an
asthami
ein weniger bekannter Anlass und eine Mischung aus einem etwas kürzeren
Quartierfest und einer kleinen Prozession. Allerdings wird auch hier insofern ein Dienst
an der Stadt geleistet, als die
navadurg
-Tänzer die zentralen Schutzgottheiten
Bhaktapurs repräsentieren. Es kann als Privileg angesehen werden, als einzelne Gruppe
beziehungsweise Ensembletyp für sie zu spielen. An diesem Anlass geht die
Hauptfunktion, die
pirane p j
, welche zur Initiation von neuen Mitgliedern der
Tanzgruppe durchgeführt wird, während des Spielens auf dem Quartierplatz durch die
Präsenz und Lautstärke der anderen drei Musikgruppen jedoch fast unter. Diese scheint
es in der Tat nicht allzu sehr zu kümmern, was ein paar Schritte daneben bei den
navadurg
passiert. Die Flötengruppe nutzt den Anlass als Heimspiel, umso mehr, weil
das Spiel im Sitzen während längerer Zeit im eigenen Quartier im Gegensatz zur
d ph
selten vorkommt und eine besondere Gelegenheit darstellt. Die Spieler fühlen sich
zuhause und sind etwas ungezwungener als an anderen Anlässen. Die Unterhaltung für
die eigenen Leute und das Musikmachen stehen im Vordergrund. Nicht wie an
mohani
,
wo Formelles oder Rituelles wie das Besuchen der
p tha
überwiegt und durch das Fehlen
eines grossen Publikums die Bedeutung der Musik gegenüber der symbolischen Präsenz
der Gruppe vermindert wird und dazu führt, dass immer wieder die gleichen Stücke
vorkommen, werden an einem solchen Auftritt auch selten gespielte Stücke
vorgeschlagen. Dies ist bestimmt auch darauf zurückzuführen, dass im Gegensatz zu
anderen Auftritten mehrere und immer wieder andere Flötenspieler die Initiative
ergreifen und Lieder anstimmen. Zudem sind die Flötenspieler an diesem Tag zu einem
nicht geringen Teil Mitglieder von anderen Flötengruppen des Quartiers, die bezüglich
der Lieder leicht andere Präferenzen haben. Die Zusammensetzung der Gruppe wechselt
ständig, sei es weil die Spieler die Möglichkeit haben, für kurze Zeit zur Erholung ihr
nahe gelegenes Haus aufzusuchen, sich mit Freunden zu unterhalten oder den anderen
Gruppen zuzuhören oder zuzuschauen; an der
chumã gandy j tr
, wo die Gruppe
ständig in Bewegung ist, besteht diese Möglichkeit nicht. Zum Kommen und Gehen führt
auch das bei einzelnen Spielern weniger ausgeprägte Pflichtgefühl, die Gruppe zu
unterstützen. Besonders Spieler aus Nachbargruppen machen nur mit, solange sie auch
Freude daran haben. Dass auch sie dabei sind, ist Sinnbild dafür, dass initiierte Musiker
47
in jeder Gruppe mitspielen dürfen und vor allem zwischen Nachbargruppen ein
Austausch besteht die
j l
-Gruppe, wie sie noch am Morgen auf dem Weg zum
p tha
gespielt hatte, war kaum wiederzuerkennen, auch wenn mit ihren Trommeln und Becken
gespielt wurde.
Wer den ganzen Schauplatz überblickt und die Flötengruppe während der
anschliessenden Prozession betrachtet, nimmt sie nur als Teil des Ganzen wahr; ihre
Autonomie ist dadurch vermindert. Auch wenn die Gruppe während der Prozession ihren
Spass hat und zur Unterhaltung der am Strassenrand stehenden Personen oder zu der
eigenen spielt, was unter anderem dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie es gemächlich
nimmt, so bilden die
navadurg
-Tänzer, denen aus den Fenstern Reis geopfert wird, die
Hauptattraktion; das Spiel der Flötengruppe bekommt teilweise die Funktion des
Ankündigens der Prozession wenn auch in geringerem Masse als die vor ihr schreitende
dhimayb j
. Dennoch ist sie an diesem Nachmittag die einzige aufspielende
Flötengruppe in der Stadt und sich bewusst, dass sie die berühmte
navadurg
-Truppe
begleitet.
5.3.2. Verhältnis zum Publikum Ritual oder Unterhaltung?
Das Verhältnis der Musikgruppen zum Publikum ist vielfältig und veränderlich. Es hängt
davon ab, ob es sich um die eigenen Leute oder um unbekannte Personen handelt, ob das
Publikum immer das gleiche ist oder wechselt oder ob es überhaupt ein Publikum gibt
beziehungsweise ob die in der Nähe einer Gruppe sich befindenden Personen an deren
Spiel besonders interessiert sind. Da die Gruppen Interesse nicht nur durch ihr Spiel,
sondern genauso durch ihre visuelle Wirkung auf sich ziehen, stellt sich jeweils die Frage
nach dem genauen Verhältnis zwischen Gehörtem und Gesehenem.
In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, Typen von Auftritten zu bestimmen, obwohl es
aufgrund der veränderlichen Auftrittssituationen stets zu Mischungen solcher Typen
kommt: Es existieren das Spielen der isolierten Gruppe im Gehen (Neujahrstag,
mohani
),
das Spielen an grossen Prozessionen (
dattatreya j tr , bisket
, politischer Anlass), das
Spielen an einem festen Standort im eigenen Quartier (
navadurg -p j
,
navad ph
-
Aufführung,
c r sw egu
) und das Spielen an einem festen Standort vor fremdem
Publikum (
kaeta-p j
beim
p tha
,
n g c py khã
).
48
Beim ersten Typ ist die Präsenz eines Publikums am geringsten. Die am Strassenrand
sich aufhaltenden Personen können die vorbeigehende Musikgruppe nur kurz
wahrnehmen und befinden sich auch nicht ausschliesslich dort, weil sie ihnen zuhören
oder sie sehen möchten; in solchen Fällen ist der Auftritt von Musikgruppen auch eher
fakultativ und wird nicht unbedingt erwartet. Die Gruppe tritt primär im eigenen Interesse
auf, sei es zum Zweck der persönlichen Religionsausübung oder aus Freude am Spielen.
Dies heisst jedoch nicht, dass sie sich der Wirkung ihrer Musik auf die Umstehenden
nicht bewusst ist oder ihr Spiel nicht besonders gut klingen muss. Da das Publikum die
Gruppe nur während ein paar Sekunden hört, kann diese das Spielniveau nicht
zwischendurch sinken lassen, sondern muss die ganze Zeit so gut wie möglich spielen.
Grosse Prozessionen sind spektakulärer. Ganze Menschenmengen stellen sich am
Strassenrand auf, und viele Blicke sind aus den Fenstern auf die zum Teil nicht enden
wollenden Prozessionsschlangen gerichtet. Die Musikgruppe bildet zwar nur einen Teil
und oftmals wie beim Herumtragen von Götterbildern nicht die Hauptattraktion der
Prozession, sie darf aber auch mit Interesse ihr gegenüber rechnen. Die Nähe zu anderen
Musikgruppen hat bedeutenden Einfluss darauf, wie sehr die einzelne Gruppe gehört
werden kann. Am Umzug für eine politische Partei wie am 28.8.2003 von Prozession
zu sprechen wäre hier wohl wenig geeignet sind die Gruppen so nahe aufeinander
angeordnet, dass sich ihr Spiel akustisch nur schwer von einander abhebt. Die visuelle
Bedeutung und die Interessen der politischen Partei, eine grosse Anhängerschaft zu
präsentieren und als Förderer der Kultur dazustehen, stellen dabei die Musik in den
Hintergrund, was auch daran abzulesen ist, dass die Gruppen sich an diesem Tag
besonders schön und einheitlich kleiden. Während dieser Anlass eher künstlich und
formell wirkt, geben sich die Spieler an anderen Prozessionen ungezwungener und
versuchen manchmal, die Leute zu beeindrucken oder Blicke von Mädchen auf sich zu
ziehen, sei es durch kräftiges Trommelspiel, Tanz, aber auch gutes Zusammenspiel.
49
Abb. 8.
Bããsuri khalah
in einheitlicher Kleidung am Umzug einer politischen
Partei (28.8.2003). Die nächste Gruppe schliesst sich hier ohne Abstand an
die vordere an.
Der Auftritt an der
chumã gandy j tr
muss als Zwitterform der beiden erstgenannten
Typen angeschaut werden. Wie der Name (
j tr
) sagt, handelt es sich hierbei zwar um
eine Prozession, von der die Gruppe nur einen Teil bildet und nicht isoliert ist; dies führt
jedoch nicht zu einer Verminderung der Bedeutung der Musik, da an diesem Tag die
Musikgruppen die Hauptattraktion bilden.
Das Spielen an einem festen Standort kommt seltener vor und ausser am
World
Tourism Day
nie, ohne dass davor oder danach nicht auch im Gehen gespielt wird; es
ist jedoch nicht aussergewöhnlich. Es führt zu einer ganz anderen Situation als an
Prozessionen. Wenn im eigenen Quartier und vor den eigenen Leuten gespielt wird,
sammelt sich schnell einmal eine grössere Menschenmenge an; es werden für die Gruppe
Reismatten ausgerollt und Reisbier eingeschenkt. Das Niveau des Spiels schwankt, weil
die eigenen Leute es der Gruppe nicht übel nehmen, wenn sie zwischendurch mal
schlechter spielt und weil immer wieder ein paar Spieler aussetzen. Die Musiker sind
zwar ungezwungener und spielen freier und mit grösserem Spass, aber sie sind sich
bewusst, dass ihre Zuhörer während längerer Zeit die gleichen sind, wodurch sie
50
abwechslungsreicher beziehungsweise möglichst verschiedene Lieder spielen sollten und
das Spielniveau nicht während allzu langer Zeit sinken lassen können. Auch wenn sich
einzelne Musiker Auszeiten gönnen, spielt die Gruppe als Ganzes auch hier pausenlos.
Davon unterscheidet sich das Spielen an festem Standort wie zum Beispiel an
kaeta-p j
vor einem
p tha
vor allem dadurch, dass die Gruppe vor einem mehrheitlich unbekannten
und wechselnden Publikum spielt.
Die eben beschriebenen Situationen machen deutlich, dass einer Flötengruppe sowohl
unterhaltender als auch ritueller Wert zugesprochen werden kann. Die Unterhaltung ist
einerseits musikalischer, andererseits visueller Natur. Da die Gruppe selten während
längerer Zeit für ein bestimmtes Publikum spielt und sich auch selber stets am
Musikmachen erfreut, überwiegt in ihrem Spiel die musikalische Selbstunterhaltung.
Dennoch schirmt sie sich nicht gegen aussen ab, sondern spielt nur an öffentlichen
Anlässen. Sie unterhält dabei auch die anwesenden, aktiv oder passiv zuhörenden
Personen. Deren Präsenz ist zum Beispiel im Gegensatz zu einer Aufführung der
d ph
,
die auch bei ihrem fast täglichen Spiel in den Lauben ohne Publikum spielt, deutlich zu
erkennen. Auch kennen jene die Lieder und deren Textinhalt und finden dadurch umso
grösseren Gefallen. Gerade die oft gespielten und allseits bekannten Festlieder erheben
die Stimmung immer wieder von Neuem. In den unzähligen Fällen von lauten
Prozessionen hingegen, wo einzelne Lieder kaum erkennbar sind und das Spiel der
Gruppen sich vermischt, bekommt das Musikmachen symbolische Bedeutung. Einerseits
darf es als eine Art Klangritual oder -opfer28 angesehen werden und andererseits hat es
die Funktion, Prozessionen anzukündigen oder akustisch ,,auszuschmücken", wobei die
Lautstärke und Perkussionsinstrumente mehr als die Wahrnehmbarkeit von Liedern
gewichtet ist. Die Flötengruppen werden natürlich nicht nur akustisch wahrgenommen:
Wer hört, wie sich eine Gruppe nähert, tritt ans Fenster oder geht zur Strasse, auf der sie
vorbeischreitet, um sie sich auch anzusehen. Dies hat wiederum Einfluss auf das
Verhalten und die Kleidung der Spieler.
28 Gerade das Läuten der Glocken an Schreinen legt diese Vermutung nahe; dazu Levy 637: "The bell, an
offering of music, also captures the attention of the god who is meditating or whose attention is elsewhere."
51
Abb. 9.
Sunrise bããsuri khalah
an einem Morgen von
mohani
(4.10.2003).
5.3.3. Spielen in Bewegung oder im Sitzen
Prozessionen sind häufig gesehene Handlungen an den Festen der Newar. Durch das
Abschreiten eines grösseren Territoriums beziehen sie automatisch viele Personen und
Stadtteile ein und haben dadurch einen öffentlichen Charakter, selbst wenn die
Ausführenden nur eine kleine Gruppe bilden und andere mit der rituellen Handlung direkt
nichts tun haben wie im Falle einer
kaeta-p j
.
Auch in jedem Auftritt der Flötengruppen ist eine Art Prozession enthalten, insofern als
im Gehen gespielt wird; eine Ausnahme bildet nur das Spiel an Anlässen, die ausserhalb
des traditionellen Festzyklus liegen und bei denen nur einzelne Gruppen involviert sind,
wie dem
World Tourism Day
. Manchmal, wie an der
chumã gandy j tr
, wird
ausschliesslich im Gehen gespielt und geht es darum, einer bestimmten Strecke, der
städtischen Prozessionsroute eben, zu folgen, wenn auch Schreine oder ausgestellte
Götterbilder wichtige Punkte am Wegrand bilden. Doch wird auch an Anlässen, bei
denen vorwiegend nur einzelne, ganz bestimmte Schreine besucht werden, stets schon auf
dem Weg zwischen dem Instrumentenhaus und dem jeweiligen Schrein durchgehend
gespielt; dies sogar dann, wenn wie bei der
pirane p j
der
navadurg
für
sunrise
die
Strecke nur etwa hundert Meter beträgt. Ein praktischer Grund dafür mag in der
52
verlängerten Spieldauer liegen. Daneben ist auch der schon erwähnte
Öffentlichkeitscharakter einer Prozession und der damit einhergehende Dienst an der
Stadt durch musikalische Mitwirkung am Stadtfest verantwortlich. Gleichzeitig wird
dadurch aber auch immer die Verbindung zum Quartier aufrechterhalten. Beim Spiel
zwischen den Aufführungsorten des
n g c py khã
kommt die Funktion des
Ankündigens hinzu.
Die zwei deutlichsten Konsequenzen des Spielens im Gehen sind die vergrösserte
Anstrengung und die wechselnde Akustik. Während der
chumã gandy j tr
waren die
Spieler von
sunrise
bei heissen Temperaturen und mit nur kurzen Pausen nicht weniger
als sechseinhalb Stunden auf den Beinen. Die akustischen Bedingungen verändern sich
zum einen dadurch, dass teils in engen Gassen, teils auf grossen Plätzen der Stadt gespielt
wird. Noch entscheidender ist jedoch die Präsenz anderer Gruppen. Wenn eine laute
Gruppe wie eine
dhimayb j
in der Nähe einer Flötengruppe spielt oder sie an einer
Prozession gar überholt, droht das Spiel der Flöten auseinanderzufallen. Die Mitglieder
der Gruppe müssen sich am Metrumschlag des lautesten Instruments der Gruppe, dem
Becken
sichy h
orientieren oder so nahe wie möglich beieinander stehen, wozu sie die
älteren Spieler auch auffordern.
53
6. Die Musiklehre
,,Musiklehre" bedeutet im Allgemeinen wie auch im Falle der Musik der Newar-Bauern
in Bhaktapur in erster Linie, dass ein Teil der musikalischen Fertigkeiten ausserhalb der
eigentlichen musikalischen Situation gelehrt und gelernt wird. Gleichzeitig stellt sie aber
die Initiation des Musiklehrlings dar, welche eine grosse Anzahl nicht-musikalischer,
ritueller Elemente der Musiklehre beinhaltet.
Die hier folgende Beschreibung der Musiklehre ist insofern begrenzt, als sie nicht auf
Beobachtungen einer typischen Lehre aufbauen kann. Der Unterricht findet üblicherweise
mit mehreren Schülern statt. Ein solcher Gruppenunterricht wurde während meines
Aufenthaltes in Bhaktapur von meinem Lehrer nicht durchgeführt. Trotzdem kann, wie
noch zu zeigen sein wird, davon ausgegangen werden, dass neben den genannten
Unterschieden für den Outsider im Grossen und Ganzen keine Ausnahmen gemacht
wurden, die Form meines Einzelunterrichts von der Standardform wenig abwich und
dadurch die wichtigsten Elemente einer Musiklehre der Bauernkaste in Bhaktapur zum
Vorschein kamen. Zudem kann die einzelne Situation Dinge offenbaren, die beim
Versuch der Verallgemeinerung verborgen blieben. Gerade was die grossen
p j
betrifft,
kann trotz der erstaunlich grossen Übereinstimmung von deren Handlungsablauf bei den
Bauer-Musikern29 und wohl auch allgemein bei den Newar von einer Standardform
im strengen Sinne nicht gesprochen werden; vielleicht ist es die Komplexität der Rituale
und die daraus folgende Schwierigkeit, die Handlungen in der richtigen Reihenfolge
durchzuführen und die zahlreichen Zutaten beisammen zu haben, sowie eine gewisse
Flexibilität, die bewirken, dass die Rituale nicht immer exakt gleich sind. Aus diesen
Gründen werde ich mich hier zu einem grossen Teil, vor allem aber bei der Beschreibung
der die Lehre abschliessenden
p j
, auf meine Flötenlehre als Einzelfall konzentrieren
und Situationen der Lehre dokumentarisch wiedergeben und analysieren, wie ich sie mit
meinem Lehrer,
guru
Bishnu Bhakta Kusi, und anderen Mitgliedern einer
bããsuri khalah
während fast zwei Monaten, vom 13.2. - 6.4.2003, in meiner Mietwohnung in Bhaktapur
erlebt habe. Daneben soll aber auch, von mündlichen Informationen zu einem Einzelfall
29 Gert-Matthias Wegner, der mehrere
p j
an
nas hdyah
-Schreinen durchgeführt hat, kann bestätigen,
dass der ihm bekannte Ablauf von den
p j
, an denen ich beteiligt war, nur in geringem Masse abweicht,
obwohl er die Durchführung der Rituale von anderen
guru
gelernt hat. Pers. Komm.
54
eines Gruppenunterrichts ausgehend, darzustellen versucht werden, wie eine typische
Musiklehre abläuft. An dem besagten Unterricht nahm mein Lehrer im Jahre 2000 teil,
drei Jahre vor meiner Lehre. Des Weiteren kann ich mich auf Informationen zu anderen,
schon untersuchten Musikgruppen stützen,30 sowie auf eine weitere Musiklehre, an der
ich teilgenommen habe, der Lehre der Trommel
dhalak
.
6.1. Rituelle Aspekte
6.1.1. Die Zeit der Lehre
In einem ersten Schritt soll hauptsächlich der rituelle Rahmen der Musiklehre behandelt
werden.
Die Zeit der Lehre ist in zwei Phasen geteilt, die sich aufgrund der Instrumentalbesetzung
unterscheiden und von
p j
umrahmt sind. Im Falle meiner Flötenlehre wurde von
Anfang bis zum Beginn der letzten Woche nur die Flöte
ghor
gelernt und erst in der
letzten Woche mit der kleinen Flöte
tip
, einer weiteren
ghor
und der Rhythmusgruppe,
bestehend aus der Trommel
dhalak
und dem Becken
sichy h
zusammen gespielt. Drei
p j
wurden während dieser Zeit und an folgenden Zeitpunkten durchgeführt: am Anfang
des
ghor
-Unterrichts, am Anfang des Unterrichts mit allen Instrumententypen und
schliesslich am Ende der Musiklehre. Der Unterricht fand, wenn möglich, jeden Tag statt.
Die
p j
können nur an den Tagen des Musikgottes
n sahdyah
durchgeführt werden, an
Sonn- oder Donnerstagen. Sie laufen bis auf geringe Unterschiede nach demselben
komplexen Muster ab.
Die erste
p j
wird als
n sah salaygu p j
(new.
salaygu
: bringen)31 bezeichnet, welche,
wie ihr Name andeutet, dazu dient, den Musikgott ,,herzuholen". Dabei wurden am
Schrein des Musikgottes in der Nachbarschaft des künftigen Übungsraums Eier und
weitere Gaben geopfert und die am Schrein geopferten und in ein Tuch gewickelten
Gaben im Übungsraum in einer der sich in jeder Wand eines Newar-Zimmers
befindenden Nischen gelegt. Der Musikgott selbst ist durch eine Betelnuss repräsentiert,
die auf einem mit Reis gefüllten Tonschälchen liegt.32 Darauf folgte das Einnehmen der
30 Wegner 1987, 1986, 1988.
31 Wegner 1986, 5.
32 Ebd. 12.
55
am Schrein geopferten Eier;33 auch dem Musikgott wurde eine Portion hingestellt.34 Dem
Schüler wurde sein Instrument übergeben, nachdem es zusammen mit dem Instrument
des Lehrers während einer separaten
p j
geweiht wurde, und schliesslich das erste Stück
gelehrt.
An diesem Tag bekam der Schüler auch alle rituellen Aspekte und Pflichten mit. Er
wurde dazu aufgefordert, an jedem der folgenden Tage der Übungsperiode am
eingerichteten Schrein rituelle Handlungen durchzuführen. Dazu gehörten einerseits das
Wasseropfer, das Beträufeln des Schreins mit Wasser nach der Morgentoilette und vor
dem Teetrinken, anderseits das Opfern von enthülstem Reis35 und Reisflocken und das
Anzünden von zwei Öldochten (,,Lichtopfer"36) und zwei Räucherdochten (,,Opfern von
angenehmem Duft"37) vor jedem Üben sowie vor dem Beginn jedes Unterrichts. Neben
diesen materiellen Opfern wird der Musikgott beim Betreten und Verlassen des Raums
auch stets mit einem ,,
namask r
" gegrüsst, einer respektvollen Begrüssung, die auch bei
Personen angewandt wird, und mit der Hand der Schrein und anschliessend der Kopf
berührt. Des Weiteren darf der Schüler keine anderen Personen den Übungsraum
betreten, geschweige denn den Schrein sehen lassen, weshalb letzterer mit einem Tuch
bedeckt werden muss. Was das Spielen des Instruments betrifft, so ist es dem Schüler
während der Lehrzeit verboten, ausserhalb des Übungsraums zu spielen; befolgt er diese
Regel nicht, so könne es passieren, dass er all die bisher gelernten Stücke vergisst. Die
Flöten auch diejenige des Lehrers bleiben stets im Zimmer und zwar auf dem Kopf
stehend an eine Wand gelehnt. Als eine weitere, jedes Spielen einleitende rituelle
Handlung muss auch das Berühren des Instruments mit dem Kopf erwähnt sein.
Die zweite
ha p j /h negu
(new.: ehren)38 eröffnete die Spielperiode im Ensemble mit
allen Instrumententypen. Sie unterschied sich von der ersten dadurch, dass mehr Leute
involviert waren und auch deren Instrumente jedoch wiederum auch das Instrument des
Schülers und des Flötenlehrers für das Gruppenspiel geweiht wurden. Letzteres
33 Bei den folgenden
p j
für
n sahdyah
wurden anstelle der Eier Hähne geopfert, was üblicher ist.
34 Bei anderen
n sah-p j
wird der Schüler aufgefordert, am nächsten Morgen die Gaben in der Nische,
welche die Nacht über Kräfte angesammelt haben, zu verzehren, um Energie für die Lehre zu tanken.
35 ,,Enthülster Reis" im Unterschied zu den Gaben mit in der Hülse belassenem Reis,
kig
, bei anderen
rituellen Handlungen. Vgl. Levy 635.
36 Ebd. 637.
37 Ebd.
38 Wegner 1986, 14.
56
benötigt am Anfang und am Schluss die kurze musikalische Invokation an
n sahdyah
:
dyahlh ygu
. Nach der Invokation grüssen sich die einzelnen Gruppenmitglieder
gegenseitig mit einem
bh gya
,39 einer Verbeugung. Die Jüngeren erweisen dadurch den
Älteren Respekt, während die Älteren diese Geste erwidern.
Die letzte
p j
,
pir ne p j /pir negu
(new.: hinausgehen), unterscheidet sich von den
anderen dadurch, dass an diesem Tag der Schüler initiiert wird und damit die Erlaubnis
erhält, draussen zu spielen. Ihm wird das
betali
-Tuch als Zeichen des Initiierten und ein
Hütchen,
topi
, aufgesetzt. Sie dauerte aus diesen Gründen ein bisschen länger als die
anderen und erforderte zwei Mahlzeiten.
Damit war meine Lehre beendet. Drei Wochen später hatte ich einen Unfall, durch den
ich mir Verletzungen zuzog, deren vollständige Heilung über drei Monate dauerte.
Monate später fand man heraus, dass ein wichtiger Teil der grossen
p j
ausgelassen
wurde: Das Opfer für
haym dyah
, den Musikgott der Fehler beziehungsweise den Gott,
der Fehler beim Musikmachen verhindert. Er ist nicht weit von
nas hdyah
in einem
kleinen Schrein repräsentiert, und ihm sollte in ähnlicher Weise geopfert werden. Dass
wir letzteres unterliessen, wurde als schwerwiegender Fehler und als Ursache für meinen
Unfall betrachtet. Der Gott musste aufgrund der fehlenden Respekterweisung erzürnt
worden sein und hatte mich bestraft. Glücklicherweise gibt es für solche Fälle die im
gleichen Rahmen wie die anderen grossen
p j
ablaufende
chema p j
, mit der an den
Göttern begangenes Unrecht wieder gut gemacht werden kann.
6.1.2. Der Standardunterricht
Die oben erwähnte Musiklehre im Jahre 2000 dauerte insgesamt sechs Monate, während
derer der Unterricht an jedem Abend stattfand. Es wurden alle Instrumente der
bããsuri
khalah
gelehrt. Die Anzahl der zwischen 15- und 22-jährigen Schüler betrug zwanzig,
von denen sechzehn das Flöten- und vier das Trommel- beziehungsweise Beckenspiel
lernten. Während der ersten Phase wurden die Instrumente in getrennten Räumen
desselben Hauses gelehrt, wozu zwei
guru
nötig waren. Alle Flötenspieler begannen mit
dem Erlernen der grossen Flöte
ghor
. Von ihnen beherrschten vier das Instrument gut
genug, um danach im Spiel der kleinen Flöte
tip
unterrichtet zu werden, während die
39 Ebd., 17.
57
restlichen weiterhin die
ghor
übten. Analog dazu begannen die Trommelschüler mit der
dhalak
; zwei lernten das schwierigere Spiel auf der
pachim
. Die zweite Phase, das Spiel
mit allen Instrumenten zusammen, dauerte drei Wochen.
Dieser Unterricht unterscheidet sich von meinem Einzelunterricht neben den durch die
Anzahl der Schüler bedingten Unterschieden in weiteren Punkten: Statt mit Geld wurden
die
guru
mit neuen Kleidern belohnt. Ein wichtiger Bestandteil der abschliessenden
pirane p j
, wie der Name der
p j
anzeigt, war das Spielen ausserhalb des Hauses und
im Gehen, wie es an den meisten festlichen Anlässsen üblich ist. An diese
p j
wurde am
darauffolgenden Tag die sogenannte
carthi p j
angefügt, an der die Neuinitiierten im
Spielen eine Wanderung zum bedeutenden
gan
e -Schrein in Surya Binayak, südlich von
Bhaktapur, unternahmen, um sich beim Gott für die erfolgreiche Beendigung der Lehre
zu bedanken.40
6.1.3. Deutung
Die erste und die letzte
p j
dienen dazu, die Musiklehre einzuleiten, wozu der
Musikgott von seinem Schrein in den Übungsraum geholt wird, beziehungsweise die
Lehre abzuschliessen, wozu der Gott wieder zurückgebracht wird. Die Funktion der
mittleren
p j
, die Eröffnung des Spiels in der Gruppe, ist aufgrund von musikalischen
Gesichtspunkten gegeben und impliziert, dass das Spiel der einzelnen Instrumententypen
für sich allein als etwas grundlegend Anderes betrachtet wird als dasjenige in der Gruppe.
Hierfür muss der Musikgott von Neuem
um Hilfe gebeten werden. Seine
Unabdingbarkeit und Omnipräsenz ist natürlich auch bei der Musiklehre vorhanden.
Doch widerfährt ihm dabei bedeutend grössere Huldigung als beim Spiel an Anlässen.
Während er beim Spielen draussen den Musikern hilft, ihr bereits erlerntes Können in
jeder Situation von Neuem und richtig anzuwenden und durch
dyohlh ygu
angerufen
wird oder seine Kraft durch die Berührung des Instrument durch Spieler zunutze gemacht
wird, verleiht er dem Schüler während dessen Musiklehre die Kraft, das musikalische
Können von Grund auf zu erlernen, wofür gegenüber dem Spiel draussen zusätzliche
Handlungen erforderlich sind; zu ihnen gehören die grossen
p j
, ein morgendliches
Opfer und das Opfer vor jedem Üben. Doch die Präsenz des Gottes im Übungsraum
40 Vgl. auch ebd., 16.
58
genügt noch nicht: Durch die Weihung der Instrumente soll der Gott in den Instrumenten
Einsitz nehmen. Bezeichnend ist dabei, dass auch die Instrumente von schon Initiierten,
den
guru
, geweiht werden müssen. Auch sie benötigen Kraft, um ihr Wissen an die
Lehrlinge weiterzugeben.41 Im Unterschied zu ihnen ist es den nicht-initiierten
Lehrlingen jedoch untersagt, draussen zu spielen, was die Unterscheidung zwischen dem
Spiel während der Lehre und demjenigen an Anlässen unterstreicht.
Die Verehrung und Respekterweisung des Musikgottes durch rituelle Handlungen und
durch ,,Geheimnistuerei" wie dem deutlichen Ausschliessen von an der Lehre nicht
beteiligten Personen führt zusätzlich zu einer konzentrierten Verfassung des Schülers,
was das Erlernen der Instrumente erleichtert.
Die Dauer und grosse Intensität der Lehre kann das Zusammengehörigkeitsgefühl der
Lehrlinge fördern, die in Zukunft in der gleichen Gruppe an den zahlreichen jährlichen
Anlässen aufspielen werden. Gleichzeitig ist damit aber auch ein grosser Aufwand
verbunden, der den zum Teil schon im Berufsleben stehenden Musikstudenten nicht
immer leicht fällt.
6.1.4. Der Ablauf einer grossen p j
Da, wie schon erwähnt, die drei
p j
sowie die
chema p j
im Prinzip gleich
ablaufen, wurde zur genaueren Beschreibung nur eine, die
pirane p j
, ausgewählt, da sie
zusätzlich zu den anderen einen entscheidenden Schritt, die Initiation des Schülers,
beinhaltet. Sie wird, so gut wie möglich, in ihrer ganzen Komplexität wiedergegeben:
Die
pir ne p j
fand am Sonntag, dem 6. 4. 2003, statt. Ihr ging eine Vorbereitungsphase
voraus, während der am Morgen einerseits die unzähligen für die
p j
benötigten
Komponenten und das Essen eingekauft wurden und für die anderseits die Arbeit einer
oder zeitweise zweier Frauen, der Töchter des
guru
, beansprucht wurde. Zu letzterem
gehörte das Bereitstellen der
p j
-Teller (
p j bh
) mit ihren Zutaten sowie das
Vorbereiten und Kochen zweier Mahlzeiten. Das Gebot, vor dem Festessen (
bw
)
41 Dass für meine nach der Flötenlehre durchgeführten
dhalak
-Lehre keine Gaben in der Nische des
Übungsraums eingerichtet wurden, deutet jedoch darauf hin, dass für Lehrlinge, die schon ein Instrument
gelernt haben und somit schon in die Musik initiiert sind, Unterschiede gemacht werden.
59
welches nach den rituellen Handlungen stattfindet, nur Wasser zu sich zu nehmen, muss
von allen an der
p j
beteiligten Personen befolgt werden.
Ungefähr um zehn Uhr begann eine der Töchter die Teller im zweiten Stock und grössten
Raum des Hauses zuzubereiten. Zuallererst reinigte sie den Lehmboden, auf den sie die
Teller stellen würde, indem sie eine neue Schicht Lehm kreisförmig auf den Boden strich.
Jeder der Teller war für die
p j
für einen bestimmten Gott und dessen Schrein bestimmt:
gane
,
n sahdyah
,
n sahdyah
im Übungsraum. Auf den für die
p j
am nächstliegenden
n sahdyah
-Schrein42 bestimmten Teller wurden am meisten Zutaten gelegt, gefolgt von
jenem für den anderen Nasadya im Übungszimmer und
gane
. Hier folgt die Aufzählung
der auf die Teller verteilten Zutaten mitsamt der von der Tochter ausgeführten
Präparierung, Anordnung und, soweit unterschiedlich, Mengenverteilung auf die
einzelnen Teller:
Abb. 10.
p j
-Teller für
n sahdyah
am Schrein (oben),
n sahdyah
im Übungszimmer (unten links) und
gane
(unten rechts).
Daneben ein mit Reisschnaps gefüllter Behälter, die
Öllampe und der Wasserbehälter (links, von oben nach unten).
42 Im Folgenden
n sah I
.
60
·
Münze auf Häufchen mit enthülstem Reis
·
2 Häufchen von getoastetem Pressreis (für
n sah I
eines davon in
Metallschälchen)
·
Zu Kegeln geformte und genässte Häufchen von Pressreis,
gvaj
(10-7-5)
·
janakvaka
, ringförmige, gefärbte Schnur (auf Reishäufchen gelegt)
·
eingeölte Dochtbündel (auf Reishäufchen gelegt)
·
ungekochtes Ei (mit orangen Strichen bemalt)
·
aromatisches Kraut, musvã (4-2-2)
·
Münzen (auf Reishäufchen gelegt; 3-2-1)
· aromatischer Baumzweig,
sinahsvã
(mit Wasser gereinigt, auf Häufchen Pressreis
gelegt)
·
Verschiedene Arten von Knetmassen (2-1-1)
·
Süssigkeit (nur für
n sah I)
·
Blume (nur für
n sah I
)
·
Soja-Bohnen, Knoblauch und Ingwer (nachdem in Öl genässt) auf Häufchen von
getoastetem Pressreis
·
Ingwer (auf Pressreishäufchen)
·
Mit geschältem Reis, einer Münze und einer Betelnuss gefülltes Tonschälchen
·
Räucherdochte, neben Dochtbündel gelegt (4-2-2)
·
Räucherstäbchen, neben Dochtbündel gelegt (7-4-1)
·
Topi
(nur für
n sah I
)
·
Roter Stoff (
tumbala
, zur Zubereitung von Halsbändern für das Festessen, auf
n sah I
)
· Zinnoberpuder
(
bhvisinã
; für
n sah I
in Metallschälchen)
·
Reisbier in Tasse
·
Reisschnaps in Tasse
Nach der Zubereitung der
p j
-Teller nahm die Tochter den für
gane
bestimmten Teller
und machte sich auf den Weg zum
gane
-Schrein des Quartiers, um die
p j
auszuführen. Als sie zurückkehrte, ungefähr um elf Uhr, war es an der Reihe der
Gruppenmitglieder, für die nächste
p j
zum
n sahdyah
-Schrein zu gehen, ausgerüstet
61
mit
p j
-Teller, Öllampe, Wasserkrug, mit einem mit Reisschnaps gefüllten Behälter und
einem Hahn. Der
p j
-Teller wurde von der Person ergriffen, die am Schrein die
p j
auch ausführt, in diesem Falle der
ghor
-Spieler Sa la, jedoch erst, nachdem er die Hände
mit Wasser gereinigt und dem Teller ein Häufchen Reis geopfert hatte. Der Marsch zum
Schrein wurde in Einerkolonne unternommen, angeführt von der die
p j
ausführenden
und den
p j
-Teller tragenden Person, wiederum Sa la; der Schüler ging am Ende der
Kolonne.
6.1.5. N sahdyah und sein Schrein
Der Musikgott scheint das Resultat einer für die Newar-Kultur typischen Synthese aus
alten und neuen religiösen Elementen zu sein,43 die am Schrein des
t thu-n sahdyah
in
dattatreya
deutlich abzulesen ist (vgl. Karte 2, S. , und Abb. 10). Er ist einerseits
anikonisch, nur durch ein Loch in der Mitte des Schreins repräsentiert, was auf seine
vorhinduistische Existenz deutet. Anderseits findet sich an
n sahdyah
-Schreinen oft eine
Abbildung von
n tar ja
, der als Gott des Tanzes eine bekannte Form von
iva
ist
(Holzschnitt oberhalb des Lochs). Da ihm Blut und Alkohol geopfert werden, muss er
aber im Gegensatzu zu
iva
zu den ,,gefährlichen Gottheiten" gezählt werden.
Die ungefähr zweiundzwanzig Schreine des Musikgottes in Bhaktapur unterscheiden sich
in ihrem Überbau zum Teil beträchtlich (Abb. 9). Für das Opferritual sind folgende
Elemente zentral: die ikonische Repräsentation von
n sahdyah
oberhalb des Loches
(Abb. 10); die zum Gefolge von
iva
gehörenden
nandi
und
brindi
, welche ebenfalls
anikonisch, sich links und rechts vom Schreinzentrum an der Wand befindend
repräsentiert sind;
bet h
, ein ,,chaotischer Geist", der unterhalb des Schreinzentrums von
zwei Löwen umgeben ist (Foto 9).
Viel schlichter gestaltet ist der Schrein von
haym dyah
, dem Musikgott der Fehler, der
aber alle oben genannten, für das Opferritual zentralen Elemente ebenfalls besitzt und
sich ungefähr achzig Meter entfernt vom
n sahdyah
-Schreinen befindet (Abb. 11).
Die Schreine der beiden Musikgötter gehören zusammen und sind durch Flugschneisen in
den Wänden der zwischen ihnen liegenden Häuser verbunden, damit die Energie der
43 Ellingson, Ter:
N sa:dya:, Newar God of Music
. A Photo Essay. In: Selected Reports in
Ethnomusicology, 1990, 238.
62
beiden Götter hindurchfliessen kann. Die beiden Schreine stehen auch im rechten Winkel
zueinander, so dass die Flugschneise, die vom
haym dyah
-Schrein ausgeht, auf die linke
Wand des
n sahdyah
-Schreins gerichtet ist.
Abb. 11.
T thu-n sahdyah
im Quartier
dattatreya
mit Überbau (vgl. Stadtplan, Abb. 6, S. 36).
63
Abb. 12.
T thu-n sahdyah
Ausschnitt.
Abb. 13.
T thu
-
haym dyah
.
64
Die rituellen Handlungen am Schrein wurden, wo nicht anders angegeben, von Sa la
ausgeführt.44 Sie werden hier stichwortartig wiedergegeben:
·
Schrein im Uhrzeigersinn umrunden (alle Gruppenmitglieder)
·
Topi ablegen
·
Schrein mit Wasser beträufeln
·
Schrein mit Farbe bestreichen: 1. auf die ikonische Repräsentation von
n sahdyah
überhalb des Loches; 2. links und rechts des Loches an die Wand für
nandi
und
brindi
; 3. auf
betal
unterhalb des Schreins 45
·
Zu Ringen zusammengebundene und gefärbte Schnürchen,
janakvaka,
anbringen
·
Reiskörner werfen
·
Kraut in das Loch stecken
·
Metallschälchen mit Reis, Nuss und Münze unter das Loch stellen
·
Tonschälchen mit Reis und Münzen hinstellen
·
3 Reisflockentürmchen hinstellen, restliche werfen
· Ei
hinstellen
· Chips
hinstellen
·
Roten Stoff zwischen Holzschnitzerei über Nasadya stecken
·
Gefärbte Dochtbündel anheften
· Münze
hinstellen46
·
Räucherdochte an Öllampe anzünden,
n sahdyah
beweihräuchern, auf hängenden
Teller rechts neben
n sahdyah
legen
·
Räucherstäbchen (s. Räucherdochte)
·
Reiskörner in rechte Hand legen, Hände falten, ,,Besinnung", rechte Hand an
Kopf, Reiskörner dreimal werfen
·
Mit Reisbier beträufeln
44 In gewissen Fällen kann dafür auch speziell ein Priester (
acaju
) angeheuert werden, was den Ablauf noch
komplexer und aufwendiger gestaltet.
45 Alle folgenden Gaben wurden auf die gleiche Art und Weise geopfert.
46 Bei anderen
n sah-p j
wird an dieser Stelle das Loch im Schrein mit einer Mischung aus Pressreis und
Jogurt,
dhaubaji
, verstopft, worauf das Gesicht von
n sahdyah
mit drei silbernen Augen gemalt wird. Pers.
Komm. Gert-Matthias Wegner.
65
·
Mit Bohnen-Reisflockenhäufchen gefüllte Hand an Schrein halten (nicht werfen,
sondern der Frau aus der Nachbarschaft übergeben, die den Opfergegenstand
wiederverwerten möchte)
·
Öldocht anzünden, vor
n sahdyah
schwenken, auf Plattform hinlegen
·
Öldocht anzünden und in mit Öl gefülltes Tonschälchen legen; weiteres
Tonschälchen zum Russauffangen umgekehrt darauflegen, auf dieses einen
Krautstengel und einen Reisflockenkegel legen
·
Reiskörner in Hände legen, Hände falten, Hände an Kopf, Reiskörner werfen
(alle)
·
1. Messer waschen, Farbe, Reisflockenhäufchen und ein Reisflockentürmchen auf
Messer legen, mit welchem der Hahn geschlachtet werden wird
·
Hahn waschen, Farbtupfer, Pressreis, Reisbier; es schüttelt den Kopf und zeigt
damit seine Bereitschaft zum Opfer an
·
Ei anstechen, Eiweiss auf Schrein streichen, Ei auf Plattform legen
·
Kehle des Hahns durchschneiden,
n sahdyah
-Loch mit Blut bespritzen, unten
bespritzen
·
Kopf des Hahns abschneiden und auf Schreintisch legen
·
Hautfetzen mit Federn abschneiden, vierteln, ankleben
·
Öldocht anzünden und auf Kopf des Hahns legen
·
Warten auf ausreichende Russabsonderung
·
Bohnen-Reisflockenhäufchen auf Zeitung auf Tisch legen
·
mit Reiswein beträufeln
· Reiskörner
opfern
·
Die auf die Plattform und den Tisch gelegten Gegenstände zurück auf
p j
-Teller
legen (ausser Münze, die von einem Nachbarjungen gepackt wird)
·
Einen Krautstängel mit Russ vom auf den brennenden Wachsdocht gelegten
Schälchen versehen, Schrein mit Russ bestreichen
· Kopf
an
n sahdyah
legen und Reiskörner werfen (alle)
·
Schrein umrunden (alle)
· namask r
vor Schrein (mit gefalteten Händen Gott ehren; alle)
66
Zurück beim Haus des Schülers, beim Hofeingang, oberer Teil des Türrahmens (Opfer
für Hausgötter):
· Reis werfen
·
Kraut an gekrümmten Nagel stecken
· Reiswein
schütten
Oberer Teil des Haustürrahmens:
· Farbe
tupfen
·
Kraut an gekrümmten Nagel stecken
· Eiweiss
streichen
· Reisbier
schütten
· Reiswein
schütten
p j
für
n sahdyah
in Wandnische im Übungsraum mit weiterem
p j
-Teller auf
frühere Gaben:
·
Bespritzen des Schreins mit Wasser
· Kraut
darauflegen
·
Farbe auf vordere Kante streichen
· Reisflocken
werfen
·
ungekochten Reis werfen
· Ei
hinlegen
·
Räucherstäbchen anzünden, vorne links hinlegen
·
Mit ungekochtem Reis, Münze und Nuss gefülltes Tonschälchen hinstellen
·
Räucherdochte anzünden, beweihräuchern, vorne links hinlegen
·
Wachsdochte anzünden, vor Schrein hin und her bewegen, vorne rechts hinlegen
·
namask r
·
Ei wieder herausnehmen, aufstechen, Eiweiss auf Schrein streichen
p j
der Instrumente:
Weihe der Flöte des Schülers:
·
auf grosse Wölbung Farbe streichen
67
· Kraut
legen
· Reis werfen
· Reisflockentürmchen legen
· Reisflocken
werfen
· Reiswein
träufeln
· Reisbier
träufeln
Anschliessend dasselbe mit den restlichen Instrumenten.
·
Stück Haut mit Federn vom Hühnerhals abschneiden, auf Schrein kleben
Präparation für
bwah:
(Festessen nach der
p j
)
· ,,
Tika
geben": mit der orangen Farbe einen Punkt auf Stirn der am Essen
Teilnehmenden (auch Nicht-Gruppenmitglieder, Anwesende wie vereinzelte
Verwandte und Bekannte) malen
·
Russstrich für Nasadya
·
Kurzer Russstrich auf Stirn der Teilnehmenden zeichnen, von orangem Punkt
nach oben gezogen
·
Fetzen von rotem Tuch abreissen; einen für
n sahdyah,
je einen Fetzen und ein
Krautstück für die Teilnehmenden, die beides mit
namask r
entgegennehmen,
sich den Tuchfetzen um den Hals binden und das Krautstück hinters Ohr stecken
Initiation des Schülers:
·
Schüler opfert Geld (5 Nepalesiche Rupien CHF 0.10 )
·
Legt beide nach oben geöffneten Hände nebeneinander, die mit Farbstrichen
bemalt werden
·
Reis und Kraut wird in Hände gelegt
·
Schüler opfert Reis und Kraut seiner Flöte
·
Nimmt Flöte in die Hand und hält sie an die Schläfe
·
Legt Kraut auf den Kopf
·
Legt Flöte auf den Schoss
·
Opfert Geld (NRs. 50.-) und legt es mit weiterem Krautstück auf das auf den
gefalteten Turban,
betali
, gelegte
topi
68
·
p j
-Teller wird vor Schüler auf den Boden gestellt und Zeitungsstück
ausgebreitet
·
Schüler nimmt Farbe von Teller und legt sie auf Zeitung
·
Legt einen Docht auf Zeitung, wirft die restlichen Dochte nach oben
·
Dasselbe mit Kraut
· Mit
Reis
· Mit
Joghurt
·
guru
wirft Reis nach oben
·
Zündet Docht an und gibt ihn Schüler
·
Schüler hält Flamme über Opfergaben auf Zeitung und anschliessend über sich
·
Tochter nimmt Reis von der Zeitung und legt ihn auf Kopf des Schülers
· Gibt
Jogurt-
tika
auf rechte Seite der Stirn des Schülers
·
Klebt Reis-Farb-Mischung auf Stirn des Schülers
·
Klebt dieselbe Mischung auf die Stirn der anderen anwesenden Personen
·
Schüler legt Kraut von Zeitung auf
topi
und
betali
· Tochter
übergibt
topi
und
betali
dem Schüler, der es mit einem
namask r
entgegennimmt
·
Schüler legt Krautstücke auf Kopf, steckt Geld in die Tasche und setzt
topi
auf
·
guru
wickelt
betali
um den Kopf des Schülers
· Schüler
übergibt
topi
mitsamt dem darauf gelegten Kraut und Geld den älteren
Gruppenmitgliedern;
guru
bekommt zusätzlich ein weiteres
betali
·
Schüler bekommt gekochtes Ei und Trockenfisch in linke Hand, einen mit
Reisschnaps gefüllten Becher in die Rechte
·
Hält Ei und Trockenfisch an Kopf, nimmt einen Bissen und in der Folge
mehrmals einen kleinen Schluck, während ihm jeweils immer wieder
nachgeschenkt wird
·
Ältere bekommen und machen dasselbe
· Trommler und
sichy h
-Spieler werden ihre Instrumente übergeben, bewerfen sie
mit Reis, stecken Geld und Kraut ein
·
kurzes Musizieren in der Gruppe
69
Ungefähr um vierzehn Uhr, sobald der Hahn zubereitet war, folgte das Einnehmen einer
Mahlzeit (Hahn, Kartoffeln, Pressreis, Ingwer, Sojabohnen, Zwiebeln, Knoblauch) im
grössten Zimmer des Hauses und in lockerer Stimmung, die auch durch das Reisbier
gehoben wurde. Wie an jedem Festessen bei den Newar sitzen die Teilnehmer in einer
Reihe. Das Besondere am Essen einer
n sah-p j
war, dass dem Gott am oberen, rechten
Ende der Reihe eine ganze Portion hingestellt wurde. Neben ihm nahm die älteste
anwesende Person Platz,47 dann der
guru
und in altersmässig absteigender Reihenfolge
die restlichen Personen. Zu seiner ganzen Portion bekam der Musikgott zusätzlich eine
kleine von jedem der am Essen Teilnehmenden. Mit Erlaubnis des Lehrers begann auch
der Schüler die Einnahme des Mahls, jedoch erst nachdem der Lehrer schon einen Bissen
genommen hatte.
Die Zeit bis zum Abendessen wurde mit weiterem Musizieren im Übungsraum
überbrückt. Das Besondere am Schlussessen war die Verteilung von bestimmten Teilen
des Tieropfers,
siu
:, an die Anwesenden. Der Schüler bekam den Kopf,48 der
guru
den
rechten Fuss, das älteste Gruppenmitglied den linken Fuss. Jeder Teil wurde mit einem
weiteren Stück Fleisch übergeben, das verzehrt wurde.
Als letzte Handlung nahmen die beiden älteren Gruppenmitglieder ungefähr um 23 Uhr
die Opferreste aus dem Übungsraum und brachten es zurück zum
n sahdyah
-Schrein, wo
sie es deponierten. Mit dieser Handlung war die Lehre endgültig beendet.
47 Normalerweise sitzt der
guru
an dieser Stelle; da Sa la aber die älteste Person an diesem Essen und
gleichzeitig der
guru
des
guru
war und letzterer ihm Respekt erweisen wollte, bekam er von seinem
Schüler diesen Platz zugeteilt.
48 Normalerweise bekommt der
guru
den Kopf; dass hier der Schüler den Kopf bekommen hatte, ist auf
dessen besonderen Status als Ausländer und Neuling bezogen. An den folgenden für die
dhalak
-Lehre
bereiteten Festessen bekam dann auch der
guru
den Kopf.
70
6.2. Musikalisch-didaktische Aspekte der Lehre
In diesem Kapitel sollen nur didaktische Aspekte der Musik der Flötengruppe untersucht
werden; Details zu Spielweise und Repertoire folgen später.
Sowohl die rituelle Initiation als auch das intensive Erlernen von Spieltechnik und
Liedern sind Voraussetzung für das Spielen an Anlässen. Beides wird in die Lehre
integriert und hat Einfluss auf ihre Form. Da diese zwei Funktionen ziemlich
unterschiedlich sind, ist es nicht immer klar, welche Ausprägungen der Lehre auf welche
Funktion zurückzuführen sind. In der Tat zeigt sich hier in mancher Hinsicht eine
Divergenz. So deckt sich das durch die abschliessende, die Initiation der Schüler
beinhaltende
p j
gesetzte Ende der Lehre nicht mit dem Ende des Lernprozesses. Da
sich die Musiker bewusst sind, dass auch nach der Lehre weiter gelernt wird
guru
Bishnu Bhakta Kusi betonte immer wieder, dass man draussen, beim Spielen an
Anlässen, auch viel lernt oder lernen muss , ist auch die Länge der Lehren und die
Anzahl der in dieser Zeit gelernten Stücke variabel. So dauerte die Lehre 2000 sechs
Monate, während die meinige bereits nach zwei Monaten beendet werden konnte, und
guru
Indra Bahadur Duw l von der
sunrise
-Gruppe machte bezüglich des Erlernens der
Flötenlieder die Aussage, dass aufgrund der grossen Anzahl der Stücke gar nicht genug
Zeit bleibt, alle zu lehren. Die Lehre zum Erlernen der Musik könnte also noch
weitergehen, während die Initiation ein klares Ende verlangt. Das Lernen an Anlässen
nach der Lehre ist natürlich von deren Häufigkeit abhängig. Es gibt Phasen, während
derer nur an einzelnen Tagen gespielt wird und die Schüler nicht oft oder nicht während
längerer Zeit die Gelegenheit haben, ihre erworbenen Fertigkeiten anzuwenden oder
unter Beweis zu stellen. Ein Fest wie
mohani
hingegen, an dem während neun
aufeinanderfolgenden Tagen gespielt wird, ist in dieser Hinsicht ein idealer Anlass zum
intensiven Sammeln von Erfahrung. Ein entscheidender Unterschied zwischen dem
Lernen während der Lehre und demjenigen an Anlässen besteht jedoch darin, dass die
Schüler nur während der Lehrzeit für sich allein üben, d.h. ihr Instrument auch ausserhalb
der Unterrichtszeit mit dem
guru
zur Hand nehmen und Lieder oder
Trommelkompositionen repetieren.
Eine deutliche Übereinstimmung zwischen ritueller Bedeutung und Didaktik zeigt sich
allerdings bei dem Gebot, an jedem Tag zu lernen. Wenn diesem Gebot nicht Folge
71
geleistet wird, wird der Musikgott erzürnt und muss durch eine
chema p j
wieder
besänftigt werden. Aber das tägliche Üben dient auch dazu, das Spiel zu verbessern.
Dessen ist sich Bishnu Bhakta Kusi klar bewusst; so betonte er immer wieder, dass
täglicher Unterricht und tägliches Üben für das Erlernen des Spiels ideal sind. Gleiches
kann auch im Zusammenhang mit der Bedeutung der Rituale für
n sahdyah
gesagt
werden: Einerseits wird der Musikgott dabei um Unterstützung gebeten, anderseits führt
die rituelle Handlung und der Respekt vor dem Musikgott und der Musik auch zu einer
konzentrierten Verfassung beim Schüler.
Obwohl das Repertoire der Lieder oder Trommelkompositionen nicht fest standardisiert
ist und die Lehren diesbezüglich mal länger, mal kürzer sein können, erfordert die
Komplexität der Musik der Newar-Bauern ein Grundgerüst an musikalischen Fertigkeiten
und damit eine Mindestdauer der Lehre; das Spiel kann keineswegs einfach so in der
realen Situation durch Imitieren erlernt werden. Der Lernprozess beginnt mit der Lehre,
und genau wie ihr Ende ist auch ihr Anfang mit einer
p j
klar gekennzeichnet. Dies und
die Tatsache, dass die Schüler beim Lernen im Übungsraum von der Aussenwelt
abgeschnitten sind, was durch das Verbot, während dieser Zeit draussen zu spielen,
unterstrichen ist, deuten darauf hin, dass es die Vorstellung, dass schon zuvor, draussen
an den Anlässen, Musikalisches angeeignet wird, nicht gibt. Auch dass der Sohn dem
Spiel des Vaters und dessen Gruppe schon an manchen Festen gelauscht oder die
Kenntnis von Liedern in anderen Festkontexten erworben hatte, scheint nicht als
ausreichende musikalische Kompetenz zu gelten. Die Musik kann nur im
abgeschlossenen Zimmer und mit der Hilfe von
n sahdyah
erlernt werden.
Die Schüler, die an einer Musiklehre teilnehmen, sind stets im Kindes- oder Jugendalter,
jedoch kann das Durchschnittsalter von Lehre zu Lehre variieren. An der Lehre 2000
waren die Schüler zwischen fünfzehn und zweiundzwandzig Jahre alt, während sie an
einer im Jahr 2003 im Quartier
bholachhen
durchgeführten Lehre nur zwischen zehn und
sechzehn Jahre alt waren.
Die Lehrsituation im abgeschlossenen Zimmer ist von den Situationen an Festanlässen
grundverschieden. Die Schüler können dabei weder das Spielen im Gehen, noch die
unterschiedlichen Stimmungen der Feste erfahren. Diese Aspekte werden vernachlässigt
und sollten keinen Einfluss auf das Spiel haben. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass
72
das Musizieren an jedem Anlass gleich ist und so für sich alleine und ausserhalb der
Auftrittssituation gelernt werden kann.
Die erste und längere der zwei Lehrphasen, der Unterricht in den einzelnen
Instrumententypen, ist von der realen Situation jedoch noch weiter verschieden, weil hier
nicht in der Formation einer Flötengruppe gespielt wird. Zuerst müssen natürlich die
grundlegenden Spieltechniken der einzelnen Instrumente sowie ein Grundstock an
Liedern oder Trommelkompositionen erworben werden, bevor die Instrumente im
Ensemble zusammenkommen können. Allerdings zeigt sich, dass dieses Konzept nicht
immer vollständig funktionieren kann und dabei ein Kontrast zur realen Spielsituation
zum Vorschein kommt. So ist es z.B. schwierig, beim Fehlen von Becken und Trommel
das richtige Metrum eines Flötenlieds, das neu gelernt wird, zu spüren. Und auch wenn
vom
guru
immer wieder betont wird, dass die Flöte laut gespielt werden muss, so wird
den Schülern der wahre Grund dafür erst klar, wenn sie ausserhalb des Raums, im Freien
und zwischen anderen Gruppen spielen werden. Das Lehren von Spieltechniken der Flöte
geht auch nicht allzu weit ins Detail;49 wichtiger scheint im Flötenunterricht das
Auswendiglernen von Liedern zu sein.
Obwohl das Auseinandertrennen der Instrumente während der ersten Phase des
Unterrichts ein Indiz für eine Abstrahierung der Musikpraxis sein könnte, geht eine
solche nicht so weit, dass auch einzelne Wendungen zum Üben wiederholt werden.
Vielmehr wird jeweils das Stück als Ganzes wiederholt, so wie es auch draussen gemacht
wird.
In der zweiten Phase der Lehre wird dann in der authentischen Formation geübt. Die
Schwierigkeit ist hier vor allem auf Seiten der Flötenspieler, die am Spiel des Trommlers
abhören müssen, wann ein neuer Teil beginnt. Daneben ist auch das rhythmische
Zusammenpassen der Instrumente von Grund auf zu lernen, wobei besonders die
accelerando
-Passagen und das ihnen folgende Spiel in erhöhtem Tempo für die
Flötenschüler neu sind.
Auch wenn Flötisten und Trommler in der ersten Phase in zwei Gruppen getrennt sind, so
nehmen sie alle von Anfang an an der gleichen Lehre und an allen
p j
gemeinsam teil
49 Vgl. dazu die Angaben zu Funktion und Spielweise der
ghor
im Zusammenhang mit Klangfarbe,
Lautstärke und Klangästhetik im Unterkapitel 7.2.3.1.
73
und, wenn man z.B. die Anzahl der Schüler an der Lehre im Jahr 2000 und das Verhältnis
der Instrumente, die sie spielen, betrachtet, so bilden sie zusammen eine authentische
Flötengruppe.
Das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer kommt am deutlichsten beim
Initiationsritual während der letzten
p j
zum Ausdruck, wo der Schüler dem
guru
pras d
und ein wenig Geld übergibt. Während des Unterrichts müssen natürlich die
Weisungen des
guru
befolgt und sein musikalisches Wissen respektiert werden. Das
Spielen von
dyohlh ygu
am Anfang und am Ende der Unterrichtsstunde, nach denen die
Schüler dem
guru
und den älteren Personen gegenüber mit einem
bh gya
Respekt
erweisen, trägt stets von Neuem zur Aufrechterhaltung dieses Verhältnisses bei. Wie
autoritär ein
guru
ist, hängt jedoch von seinem Charakter ab und ist von Person zu Person
verschieden. Nicht zu vergleichen ist das Verhältnis zwischen
guru
und Schüler mit
demjenigen in der Indischen Klassischen Musik, wo der Schüler seinem
guru
ein Leben
lang verbunden ist. Das enge Verhältnis ist in der Newar-Tradition auf die Dauer der
Lehre beschränkt, auch wenn es an den gemeinsamen Auftritten wieder in Erscheinung
tritt. Zudem sind an einer Lehre immer mehrere Schüler beteiligt, im Gegensatz zur
Indischen Klassischen Musiktradition. Das Wissen eines
guru
ist nicht nur musikalisch-
technischer, sondern auch spiritueller Natur, weshalb er auch den Titel ,,
guru
" trägt. In
seiner Person kommen sowohl religiöse als auch musikalisch-didaktische Elemente
zusammen.
6.2.1. Die Unterrichtsstunde
6.2.1.1. Bããsuri
Die Atmosphäre während des Unterrichts ist durch die Präsenz des Musikgottes eher
ernsthaft. Jedoch bietet die Teetrink- oder Rauchpause, welche in jeder Unterrichtstunde
durchgeführt wird, auch Gelegenheit zu Unterhaltung, die alltägliche Themen beinhalten
kann und in der Regel in lockerer Stimmung geführt wird.
Für eine Flötengruppe werden mehr
ghor
als
tip
benötigt, weshalb die Lehre des
Flötenspiels immer zuerst auf der
ghor
begonnen wird. Nur die besseren Schüler werden
später zusätzlich das Spiel auf der
tip
lernen.
74
Der grösste Teil der Vermittlung beruht auf Imitation. Doch bedeutet dies nicht, dass
nicht auch verbale Mittel hinzugezogen würden. Die Flötenstücke haben ihren Ursprung
in Liedern mit einem Text, die normalerweise in anderen Kontexten gesungen werden
oder wurden. Bevor die Schüler ein Lied auf der Flöte spielen, müssen sie es mit dem
entsprechenden Text singen lernen. Mithilfe von Letzterem gelingt es leichter, sich die
Melodien einzuprägen und später jeweils wieder in Erinnerung zu rufen. Diese
Memorierungstechnik erinnert wiederum an die Indische Klassische Musik, wo der
Student eines Melodieinstrumentes komponierte Stücke,
gat
, zuerst mithilfe von
Solmisationssilben zu singen lernt.50 Da diese gesungenen Versionen der Lieder nur zum
Lernen dienen und nie in Auftritten der Flötengruppe integriert werden, zeigt sich hier im
Ansatz ein theoretisches Verständnis von Musik.
Der
guru
singt das Lied zunächst alleine vor. Nach mehrmaligem Wiederholen setzen
auch die Schüler ein und versuchen es mit dem
guru
zusammen zu singen. In der Folge
wird es so lange wiederholt, bis es alle einigermassen auswendig können. Dann spielt es
der
guru
auf der Flöte vor. Bevor die Schüler selber zu spielen versuchen, gibt ihnen der
guru
minimale Erklärungen, wie die Flöte gehalten, geblasen und gegriffen wird. Auch
während die Schüler das Lied nachspielen, schauen sie dem
guru
auf die Finger, um sich
Griffkombinationen einzuprägen. Es werden nie nur einzelne Wendungen geübt; das
ganze Stück wird jeweils ununterbrochen und während zum Teil langer Zeit wiederholt.51
Wenn die Schüler die Lieder einigermassen spielen können, setzt der
guru
aus und lässt
die Schüler weiter spielen, während er sich manchmal eher passiv verhält oder mit
gestrecktem Zeigefinger das Metrum angibt und von den Schülern Konzentration
verlangt. Selbst wenn keine Fehler mehr auftreten, wird weitergespielt. Es geht nicht nur
darum, die Lieder einigermassen auswendig zu spielen, sondern sie sich richtiggehend
einzuprägen, so dass sie an den Auftritten automatisch gespielt werden können. Dies hat
auch damit zu tun, dass die Schüler nach der Lehre nie mehr so intensiv Gelegenheit
haben werden, Lieder zu lernen oder zu üben. Das ununterbrochene Spiel während des
Unterrichts erinnert auch an die reale Auftrittssituation, wo die Spieler zum Teil
50 Vgl. Jairazbhoy, N.A.:
The Rags of North Indian Music
: Their Structure and Evolution. Bombay, 1995,
30.
51
Guru
Bishnu Bhakta Kusi hat mich einmal ein halbe Stunde lang ununterbrochen spielen lassen.
75
stundenlang mit nur kurzen Pausen aufspielen, und kann in dieser Hinsicht auch als
Ausdauertraining angesehen werden.
Verzierungen sind ganz klar ein wichtiger Bestandteil der Spielweise der Flöte. Sie
werden aber vom
guru
nicht immer gleich gewichtet; manche scheinen als
unverzichtbarer Teil der Lieder angesehen zu werden, so dass der
guru
von den Schülern
deutlich verlangt, sie zu spielen, manche sind vernachlässigbar. Es kann angenommen
werden, dass die Gewichtung der Verzierungen von
guru
zu
guru
verschieden ist und so
von den Spielern selber erst in der realen Spielsituation und nach eigenem Gutdünken
angewendet werden. Zentraler als die Spielweise ist das Auswendiglernen von Liedern.
Da ein Lied aus zwei musikalischen Teilen besteht, wird immer zuerst der erste Teil
gelernt, und sobald die Schüler diesen auswendig können, auch der zweite in Angriff
genommen. Das Lernen eines Liedes nimmt durchschnittlich drei bis vier
Unterrichtsstunden in Anspruch. Dies jedoch nur, wenn die Schüler auch jeden Morgen
und Abend oder zumindest einmal am Tag für sich üben, wie es ihnen der
guru
vorgibt.
Bevor ein neues Lied gelehrt wird, müssen zu Anfang der Stunde immer zuerst die schon
gelernten Stücke der Reihe nach wiederholt und aufgefrischt werden. Während der Lehre
2000 wurden so zwischen 25 und 30 Lieder gelernt.
Auch für den
guru
ist es nicht immer leicht, alle Lieder und deren Texte präzis auswendig
zu können oder sofort präsent zu haben. Es kommt vor, dass er vor dem Lehren ein Lied
erst einmal in Erinnerung rufen muss, indem er eine Weile für sich spielt, oder gar einen
anderen älteren Flötenspieler danach fragt. Die Lieder sind im Gegensatz z.B. zu den
d ph
-Gruppen nicht in einem Buch gesammelt, ausgenommen bestimmte Lieder, die
auch an anderen Anlässen gesungen werden.52
Einige Lieder werden die Schüler auch schon vor der Lehre aufgeschnappt haben.
Besonders die Festlieder werden an den jeweiligen Anlässen von verschiedensten
Gruppen wie
d ph
,
benb j
oder
bhajan
gespielt und prägen sich den Bewohnern
Bhaktapurs ein. Für die Flötenlehre und ein einheitliches Spiel ist aber ein aktiver
Lernprozess nötig. Lehrmethoden und Gedächtnisstützen gibt es mehrere, die alle
52 Bishnu Bhakta Kusi besitzt ein kleines handgeschriebenes Liederbuch, das er für Gesangsvorträge
während
gai jatra
aufbewahrt und das lange Balladen enthält.
76
gemeinsam dem Schüler helfen, ein Lied auswendig zu lernen. Jedes Lied hat einen Titel,
der Assoziationen mit dem Text weckt, welcher wiederum mit der Melodie verknüpft ist.
Für das Spiel auf der Flöte schaut der Schüler auf die Griffe des
guru
, und zumindest am
Anfang prägt er sich Liedanfänge auch mittels der Griffe ein. Je nach Talent und
Erfahrung kann sich der Schüler schliesslich auf sein Gehör verlassen und die Melodie
im Kopf auf das Spiel mit der Flöte übertragen.
Eine Besonderheit einer Flötengruppe wie auch jeder anderen Musikgruppe der Newar-
Bauern ist, dass Spieler von unterschiedlichster musikalischer Begabung Platz finden und
je nach Talent bestimmte Funktionen übernehmen. Weniger begabte werden es beim
Spiel der
ghor
belassen. Wer besondere Fertigkeiten und Interessen zeigt, wird gegen
Ende der ersten Lernphase das Spiel auf der
tip
lernen und vielleicht später einmal die
Funktion dessen einnehmen, der neue Lieder anstimmt. Nicht selten gibt es sogar Spieler,
die alle Instrumente der Flötengruppe beherrschen, sowohl die beiden Flöten als auch die
beiden Trommeln, wozu sie jedoch zwei Lehren absolvieren müssen.
Für das Spiel mit allen Instrumenten der Flötengruppe während der zweiten Lernphase
scheint kein allzu grosser Erklärungsbedarf nötig zu sein. Obwohl sich sowohl die
Trommel- als auch die Flötenschüler auf völlig neuem musikalischem Terrain befinden,
geben die
guru
nur wenige Weisungen. Die Schüler sollen nur nachahmen. Der Ton wird
von den Trommlern angegeben, denen die Flötisten folgen müssen. Zwar sollten die
Flötisten hören, wann der Trommler das Ende eines musikalischen Teils ankündigt, damit
sie mit dem zweiten Teil einsetzen können. Es genügt jedoch für den Anfang, dem
Flöten-
guru
nachzuspielen. Um das entsprechende Trommelmuster herauszuhören,
müssten die Flötisten grössere Kenntnis vom Trommelspiel beziehungsweise es gelernt
haben. Sie werden nach einer gewissen Zeit und mit grösserer Erfahrung jedoch dazu
auch ohne Trommellehre fähig sein.
Während dieser zweiten Phase wird ein einziges neues Stück gespielt,
dyohlh egu
, die
Anrufung an den Musikgott am Anfang und Ende einer Unterrichtsstunde. Diese
Komposition besteht jedoch nur aus wenigen Tönen und macht nur im Zusammenspiel
mit den Trommeln Sinn, weshalb sie vorher nicht gelernt wird.
77
Das erste Mal, an dem die Schüler Gelegenheit haben, draussen in der Gruppe zu spielen,
ist an der
pirane p j
. Dabei sind sie dazu aufgefordert, ihr Können unter Beweis zu
stellen, indem sie vor herumstehenden Personen durch die Gassen ziehen. Noch sind sie
nicht initiiert und die Lehre ist noch nicht abgeschlossen; der Anlass dient dazu, das
Spielen im Gehen und im Freien zu lernen. Die
guru
kontrollieren und korrigieren die
Schüler soweit dies im Spielen möglich ist mittels Gestik.
Auch wenn an den folgenden Festanlässen die ehemaligen Schüler als neue Mitglieder
sich der Flötengruppe anschliessen dürfen, haben sie immer noch viel dazuzulernen und
werden von den
guru
, aber auch von anderen älteren Spielern kontrolliert. Wenn
vereinzelt Lieder gespielt werden, die den Schülern noch unbekannt sind, werden sie
dazu aufgefordert, den älteren Spielern auf die Finger zu schauen und die Lieder während
des Spielens in der Gruppe zu lernen. Die kurzen Refrain-Teile sind einfacher zu lernen,
da sie oft wiederholt werden. Schwieriger steht es mit den Strophen-Teilen, die jeweils
nur einmal wiederholt werden.
6.2.1.2. Trommel
Die Trommelschüler haben für das Erlernen ihres Instruments gleich viel Zeit wie die
Flötenschüler, trotz der vielfältigen Unterschiede zwischen den Instrumenten in
Spielweise, Repertoire und Funktion. Dies unterstreicht wiederum, dass die Gruppe als
Ganzes angesehen wird, die Instrumente der Flötengruppe als Einzelne keine Bedeutung
haben und in der gleichen Lehre unterrichtet werden müssen, wenn sie auch während der
ersten Phase getrennt sind. Die Anzahl der Trommelstücke, welche die Schüler zu lernen
haben, ist im Vergleich zu den Flötenliedern gering, dafür sind die Stücke umso
komplexer und länger. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Anzahl der zu
lernenden Stücke festgesetzt ist und die erste Lehrphase so lange dauert, bis alle gelernt
sind. Die Lehre der Flöte ist in dieser Hinsicht flexibler und passt sich der Trommellehre
an.
Da die Anzahl der Trommelschüler kleiner ist als die der Flötenschüler an der Lehre
2000 betrug sie nur vier -, kann der
guru
besser auf die einzelnen Schüler eingehen.
Letztere geben sich dadurch mehr Mühe und lernen im Verhältnis zu den Flötenschülern
mehr, was auch ihrer grösseren Verantwortung entspricht, die sie später als Trommler in
78
der Gruppe übernehmen. Im Gegensatz zu den Flötisten sind sie in der realen Situation
auf sich alleine gestellt; Vieles im Gruppenspiel hängt von ihnen ab, und die Möglichkeit
wie bei den Flötisten, für ein Weilchen auszusetzen oder Verantwortung an andere
abzugeben beziehungsweise sich in der Gruppe zu ,,verstecken", besteht für sie nicht.
Genau wie bei der Flöte werden auch im Unterricht der Trommel verbale Lehrmethoden
angewandt. Jede Schlagart kann mit einer Silbe wiedergegeben werden es existiert
sozusagen eine orale Notation, welche grosse Ähnlichkeit mit derjenigen in der
Klassischen Indischen Musik besitzt. Bevor das Stück auf der Trommel gespielt werden,
müssen sie die Schüler mittels der Trommelsilben auswendig lernen. Wenn nur das
Schlagen der Trommel gelernt würde, könnte es leichter geschehen, dass die exakte
Stücke vergessen oder mit der Zeit anders gespielt wird und sich verändert. Mit Hilfe der
Trommelsilben kann sich der Spieler immer wieder das richtige Schlagen der Trommel in
Erinnerung rufen. Zur Erleichterung des Auswendiglernens können die Silben auch
aufgeschrieben werden, sei es auf Zettel, die man zuhause aufbewahrt, oder auf das
Trommelfell; in letzterem Fall werden sie nach der Unterrichtsstunde jedoch wieder
ausradiert. Dies wird eine neuere Lehrmethode sein, die vor ein paar Jahrzehnten
aufgrund von mangelnder Literalität nicht hatte angewandt werden können.
Im Gegensatz zu den Flötenliedern, deren zwei Teile nur als Ganze gelehrt werden, gibt
der
guru
den Schülern pro Stunde jeweils nur einzelne Phrasen der langen Stücke zum
Lernen. Wie bei der Flötenlehre werden aber auch diese, nachdem sie aufgeschrieben
wurden, während langer Zeit ununterbrochen wiederholt, bis sie sitzen. Sie werden
anfangs abgelesen, müssen aber mit der Zeit auswendig aufgesagt werden können.
Sodann spielt der
guru
auf der Trommel vor. Damit die Schüler die Silben auf das
Trommelspiel übertragen können, muss ihnen der
guru
zuerst erklären, welche Silben
welchen Schlagtypen entsprechen. Für die Trommellehre muss genauer definiert werden,
welche und wie viele Phrasen geübt werden sollen. Manchmal, besonders wenn die
Silben auf Papier festgehalten werden, gibt der
guru
die ganze oder einen grösseren Teil
des Stücks auf einmal. Für das Üben zu Hause muss er aber klare Hausaufgaben geben;
es soll eines nach dem anderen gelernt werden. In
guru
Bishnu Bhakta Kusis Worten:
,,Langsam, langsam spielen und üben, dann fällt auch das Spielen leichter." Wie die
Flötenschüler müssen auch die Trommelschüler am Anfang jeder Stunde die schon
79
gelernten Stücke oder Phrasen repetieren.
Dyohlh ygu
wird im Gegensatz zur Flötenlehre
am Anfang und Ende der Unterrichtsstunde gespielt.
Während meiner
dhalak
-Lehre hatte Bishnu Bhakta Kusi auch weitere Lehrmethoden
angewandt: Um die Entsprechung zwischen Silbe und Schlagtyp zu erkennen, musste ich
die Silben aufsagen, während er das entsprechende Stück auf der Trommel spielte, und
um schon vor dem Zusammenspiel in der Gruppe herauszufinden, wie Flötenlied und
Trommelschläge zusammenpassen, sang er ein Lied vor, während ich die Trommel
spielte.
Wie begabte Flötenschüler zusätzlich zur
ghor
auch die
tip
zu spielen lernen, so lernen
begabte Trommelschüler auch das Spiel auf der schwierigeren
pachim
. Das einfacher zu
spielende Becken
sichy h
hingegen lernen alle Trommelschüler.
Obwohl der Trommler beim Zusammenspiel in der Gruppe das Ruder in den Händen
hält, ist es für ihn von Vorteil, die Lieder zu kennen oder zumindest zu wissen, welche
Trommelkompositionen zu welchen Liedern gespielt werden, gerade in jenen häufigen
Fällen, wo die Flöten ein Lied beginnen und der Trommler danach einzusetzen hat. In der
zweiten Lernphase mit den Flöten zusammen geht es um ebendies.
80
7. Bããsuri
7.1. Das Instrument
7.1.1. Etymologie und Bedeutung der Flötennamen
Der eine Stamm des Wortes
bããsuri, bããs
, geht auf das Sanskrit-Wort
vam a
zurück, und
bedeutet wie dieses Bambus. Zwar sind die mit gleichem Namen bezeichneten Querflöten
Indiens aus Bambus, auf die
bããsuri
der Newar trifft dies jedoch nicht zu. Wenn die
Etymologie auch auf eine ursprüngliche Herstellung aus Bambus hinweisen könnte, so
sind sie heute aus Holz gemacht. Nicht ganz klar ist die Bedeutung und Herleitung des
anderen Wortstammes. Das Nepali-Wort
surilo
bedeutet ,,schöner Klang" oder
,,melodiös", was inhaltlich einen Sinn ergeben würde.
Die meisten, jedoch keineswegs alle
bããsuri
in Indien und Nepal sind Querflöten.53
Die Begriffe
tip
und
ghor
, welche die beiden in Bhaktapur verwendeten Flötentypen
bezeichnen, kennen auch die
jugi
, die darunter den oberen (
tip
) und unteren (
ghor
)
Spielbereich ihrer Schalmei,
mvali
, verstehen.54 Da die Flöten
tip
und
ghor
im Ensemble
vorwiegend in der Oktave spielen, macht diese Bedeutung auch Sinn für das Flötenspiel;
dort werden die Begriffe jedoch nur zur Namensbezeichnung der Flötentypen verwendet.
In Kathmandu und Patan, wo ebenfalls Querflötengruppen spielen, sieht das Bild anders
aus: Es existieren drei verschiedene Flötentypen. Der zusätzliche Typ ist der kleinste, und
er ist es, der, im Gegensatz zum Gebrauch in Bhaktapur, als
tip
bezeichnet wird, während
der mittlere Typ, die
tip
von Bhaktapur,
m jhaw l
, die ,,Mittlere", heisst.55 Gemäss
guru
Bishnu Bhakta Kusi hat es die Kathmandu-
tip
in Bhaktapur nie gegeben. Im Folgenden,
insbesondere im Kapitel über die Spielweise, wird die in Kathmandu und Patan
verwendete
tip
als KTM-
tip
bezeichnet.
53 Meyer, Andreas: Flöten, in:
Musik in Geschichte und Gegenwart
, Kassel 2000, Sachteil Bd. 3, 583.
54 Für
tip
: ,,upper scale [sic!] of shawm". Wegner, Gert-Matthias:
Newar Dictionnary of Music
,
unpubliziert.
55 Laurent Aubert gibt
pipijh
als weiteren Namen für die
tip
an. Aubert, Laurent: Nepal:
Musique de fête
chez les Newar
. Archives Internationales de Musique Populaire (AIMP), Genève 1989.
81
7.1.2. Herstellung
7.1.2.1. Ort der Herstellung der Flötenmacher
Im Gegensatz zu den Trommeln und Becken werden die Flöten nicht in Bhaktapur,
sondern in Patan hergestellt, und dies ist gemäss Bishnu Bhakta Kusi auch schon immer
so gewesen. Es mag erstaunen, dass die Mitglieder von Flötengruppen schon seit je her
schon bevor es öffentliche Busse gab, mit denen man Patan in einer Stunde erreichen
kann zum Erwerb neuer Flöten einen so langen Weg auf sich nahmen und sich solcher
Abhängigkeit aussetzten. Gerade daraus lassen sich jedoch Schlüsse auf die Herkunft der
Flöten oder gar Flötengruppen ziehen. Dass die ersten Newar-Flötengruppen in Patan
gegründet wurden, gibt auch eine Anekdote wieder, nach der es Bauern aus jener Stadt
waren, welche auf Feldern in der Nähe von Kathmandu arbeiteten und das Flötenspiel an
Leute aus Kathmandu weitergaben, von wo es auch nach Bhaktapur und zu anderen
Orten gelangte.56 Doch hätten die Flöten danach ja auch in diesen anderen Orten
hergestellt werden können. Man könnte sich verschiedene Gründe vorstellen, die
zusammen dafür bestimmend waren, dass dies nicht geschehen ist: 1. Die Angst der
Flötenmacher vor Konkurrenz war zu gross, als dass sie ihr Know-how weitergegeben
hätten; diese Vermutung wird durch die Haltung heutiger Flötenmacher unterstrichen; 2.
Die Nachfrage in den anderen Städten ist oder war zu gering, und es wäre nicht lukrativ
gewesen, aus der Flötenproduktion ein Geschäft zu machen; 3. Flöten und Flötengruppen
sind in den anderen Orten ein neueres Phänomen, so dass sich kein Know-how für die
Herstellung entwickeln konnte.
Diese Abhängigkeit der Flötenspieler Bhaktapurs von den Flötenmachern in Patan ist
jedoch auch ein lebendiges Beispiel für den kulturellen Austausch wenn er auch in
diesem Falle vordergründig einseitig erscheint zwischen Newar im Kathmandu-Tal und
kann die Ähnlichkeit musikalischer Phänomene in verschiedenen Newar-Siedlungen
erklären. Von Einheitlichkeit bezüglich Skalen und Tonhöhen kann allerdings nicht
gesprochen werden, da, wie noch zu sehen sein wird, bei der Herstellung unterschiedliche
Modelle als Vorlage dienen.
56 Pers. Komm. Shamsher Nuchhen Bahadur Pradhan.
82
Flötenproduktionswerkstätten gibt es in Patan nur zwei. Tejendra Raj Shilpakar, der
Besitzer der einen, verheimlicht aus Konkurrenzgründen die Existenz der anderen. Das
Know-how der Herstellung der Flöten versucht er, für sich oder in seinem Haus zu
behalten, und teilt es nur mit seinem Bruder, einem Lehrling und höchstens einem
ausländischen Musikinteressierten. Wie die Mehrzahl der newarischen Bevölkerung von
Patan gehört auch er einer buddhistischen Kaste an. Im Gegensatz zu den Käufern seiner
Flöten ist er kein Bauer und spielt keines der von ihm produzierten Instrumente; er ist
allerdings durchaus in der Lage, die fertige Flöte auszuprobieren und ein paar Töne
hervorzubringen. In seiner Werkstatt, in der fünf Personen arbeiten, werden trotz der
eben beschriebenen grossen Bedeutung der Flötenproduktion für den Flötenmacher auch
zahlreiche andere Holzschnitzgegenstände hergestellt, darunter Gebetsmühlen u.a. als
Souvenirs für Touristen oder Schalmeien für lamaistische Mönche in Kathmandu.
Zusätzlich übernimmt er auch den Verkauf der Gegenstände, u.a. im eigenen Kiosk.
7.1.1.2. Herstellungsprozess
Die Herstellung einer Flöte erfolgt auf Anfrage. Meistens ist es ein
guru
, welcher als
Mass seine eigene Flöte mitbringt und während der ganzen Zeit der Produktion, welche
zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Stunden dauert, auch in der Stadt bleibt. Da früher
noch ohne Maschinenkraft gearbeitet wurde, hatte der Herstellungsprozess zwei Tage
gedauert, während derer der Auftraggeber in der Nähe der Werkstatt übernachtet hatte.
Damals wurde für die Bohrung der Flötenlöcher eine mit Hilfe von Kette und Zahnrad
von Menschenhand betriebene Drehbank verwendet, wie er noch heute von im Tal
umherziehenden indischen Messerschleifern benutzt wird. In jüngerer Zeit kommt die
erheblich kürzere Dauer der Herstellung durch eine mit Strom betriebene Drehbank, eine
Fräse, sowie eine Bohrmaschine zustande, wodurch zusätzlich eine Menschenkraft
eingespart werden kann. Das in der Regel verwendete Holz wird von trocken-kahlen
Falllaubwäldern gewonnen, welche den Namen
sati saal
tragen und grösstenteils
ausserhalb, jedoch nur unweit des Kathmandu-Tals verbreitet sind.
83
Im Folgenden sind die einzelnen Stufen des Herstellungsprozesses aufgelistet, wobei
zwischen der Herstellung verschiedener Flötentypen nicht unterschieden wird, da diese
sich nur in der Länge unterscheiden (s. auch Abb. auf S. 75-78):
Holzklotz an der Fräse grob zuschneiden. Im Gegensatz zum anderen
Flötenmacher in Patan und früherer Flötenmacher stellt Tejendra Raj Shilpakar
nicht Flöten aus zwei Stücken, sondern nur solche aus einem Stück her; diese
neue Entwicklung will der Verwendung von Flöten als Schlagstöcke durch
angetrunkene Musiker gerecht werden und macht die Instrumente stabiler;57 die
Herstellung wird dabei durch das Bohren eines noch längeren Rohres jedoch
schwieriger.
Drehbank einrichten, an der Länge der Modellflöte Mass nehmen, Holzstück
einklemmen.
Drehbank anstellen; Aussenwand des sich drehenden Holzstückes mit Hilfe von
Meissel formen.
An Modellflöte Mass nehmen, um Umfang der Flöte zu bestimmen; von diesem
Zeitpunkt an bis zur Beendigung des Schnitzvorgangs ist grosse Konzentration
gefordert, da eine falsche Bewegung das ganze Werk zerstören könnte; Ansätze
der verzierenden Wölbungen an der Aussenwand formen; genaue Bestimmung
des Umfangs der Wölbungen mit Zirkel; Verzierungen; Feinschliff mit
Schmirgelpapier.
Innenloch mit Ahlen verschiedener Breite durchstossen: Die Spitze des
Werkzeugs wird mit Öl versehen, damit die Späne kleben bleiben und aus dem
Loch herausgezogen werden können; begonnen wird zuerst am oberen Ende des
Instruments und mit der schmalsten Ahle; um weiter hineinzustossen, werden
nacheinander breitere, im Ganzen vier Ahlen verwendet; das Holzstück wird
danach aus der Drehbank genommen und umgekehrt wieder festgemacht, um den
Durchstoss von der anderen Seite her durchzuführen; nach dem Durchstoss wird
57 Dies ist eine interessante Parallele zur japanischen Bambusflöte
shakuhachi
, welche auch von ihren
Spielern, besonders von den herrenlos gewordenen Samurai, die sich
shakuhachi
-Sekten anschlossen, als
Waffe benutzt wurde. Genau umgekehrt zur
bããsuri
der Newar verunmöglichte der spätere zweigeteilte
Bau des Instruments diesen Gebrauch. S. Fritsch, Ingrid:
Die Solo-Honkyoku der Tozan-Schule
, in: Studien
zur traditionellen Musik Japans, hrsg. v. Robert Günther, Kassel 1979, 13.
84
mit den verschiedenen Ahlen wieder von oben her eine stufenweise konische
Bohrung durchgeführt, bevor das Innenrohr regelmässig konisch abgeschliffen
wird.
An Modellflöte für Mund- und Grifflöcher Mass nehmen, Einzeichnen mit
Bleistift von Hand.58
Löcher mit Hilfe von Bohrmaschine durchstossen.
Zwecks Justierung der richtigen Tonhöhe drei unterschiedlich breite Ahlen in
Kohle anheizen; Mund- und Grifflöcher werden mit glühenden Ahlen verbreitert:
Mundloch und, von oben gezählt, das zweite und das fünfte Griffloch mit der
grössten Ahle, das erste und vierte mit dem nächstgrösseren und die restlichen
zwei Grifflöcher mit der kleinsten; auch das Innenrohr wird mit einer glühenden
Ahle behandelt, um Späne zu verbrennen; die restlichen Späne werden mit einer
Rundfeile reduziert.
Oberes Ende der Flöte mit genässtem Stofffetzen abschliessen, der sich ausdehnt,
sobald er trocken ist; zusätzliches Wasser durch Innenrohr.
Das spielbare Instrument ist jetzt fertig; die übrigbleibende Arbeit kann vom
Flötenmacher, aber auch vom Käufer ausgeführt werden: Um die Stabilität zu
erhöhen, wird das Holz drei bis vier Tage lang in Essöl gelegt; für den visuellen
Schmuck werden weitere Verzierungen angebracht.
Der Preis einer fertigen
ghor
beträgt 900 Nepalesische Rupien (ungefähr 16 Schweizer
Franken). Da für die
tip
weniger Holz gebraucht wird, ist ihr Preis etwas tiefer. Es gibt
Flöten, deren Oberteil im Gegensatz zu denjenigen von Tejendra Raj Shilpakar nicht
durchgestossen wird, sondern bei dem nur von der einen Seite her gebohrt wird und das
dementsprechend auch nicht mit einem Tuchfetzen wieder zugestopft werden muss.
Bei zweiteiligen Flöten wird am unteren Ende des Ober- und am oberen des Unterteils
eine Nummer eingeritzt, um die Zusammengehörigkeit der beiden Teile anzuzeigen.
58 Tejendra Raj Shilpakar besitzt in seiner Werkstatt auch mehrere flache Holzstücke, die mit Löchern
versehen sind und früher als Masse benutzt wurden.
85
Abb. 14. Der Flötenmacher Tejendra Raj Shilpakar beim Einstellen der Drehbank.
Abb. 15. Mass nehmen an vorgefertigter Flöte und Formung der Aussenwand mit einem Meissel.
86
Abb. 16. Mass nehmen für den Umfang mit Hilfe eines Zirkels.
Abb. 17. Durchstossen des Innenrohrs mit einer Ahle.
87
Abb. 18. Mass nehmen an Modellflöte zum Einzeichnen von Mund- und Grifflöchern.
Abb. 19. Verbreiterung von Mund- und Grifflöchern mit glühender Ahle.
88
Abb. 20. Abschliessen des oberen Endes mit genässtem Stofffetzen.
Abb. 21. Werkzeuge des Flötenmachers und die verschiedenen Stadien der Instrumentenherstellung.
89
7.1.3. Klassifikation und Instrumentenbau
7.1.3.1. Klassifikation
Nach der Klassifizierung von Sachs/Hornbostel gehört die
bããsuri
der Newar in die
Aerophonen-Gruppe der mit Grifflöchern versehenen, offenen, einzelnen,
seitengeblasenen Flöten ohne Kernspalte (421.111.12).
7.1.3.2. Instrumentenbau
Allen Flöten gemeinsam, von welchem Flötenmacher sie auch immer hergestellt wurden
und welchem Flötentyp sie auch immer angehören, sind folgende Merkmale:
Ober- und Unterteil:
Wenn man die in jüngster Zeit von Tejendra Raj Shilpakar unternommene
Produktion von Flöten aus einem Stück einmal beiseite lässt, bestehen sie aus
zwei Teilen, einem kürzeren Oberteil und einem längeren Unterteil, welche
zueinander ungefähr im Verhältnis 3 zu 4 stehen. In zusammengesetztem Zustand
und den obersten Teil des Unterteils, der zum Zusammenhalten dient, nicht
mitgerechnet, verhalten sich ihre Teile wie 4 zu 5. Der Gleichgewichtspunkt
befindet sich ungefähr am obersten Ende des Unterteils und in der Nähe des
obersten Grifflochs, dort, wo beim Spiel der Zeigefinger der rechten Hand das
Instrument gegen den Kiefer drückt.
Zwei Wölbungen mit der Funktion der Verzierung:
Am unteren Ende des Ober- und unterhalb des letzten Griffloches des Unterteils
befindet sich je eine Verdickung, welche der schlanken Form der Flöte verzierend
entgegenwirken und miteinander korrespondieren. Diese Wölbungen können als
gegenseitige Variation angeschaut werden, besonders wenn in ihrer Nähe, wie es
oft der Fall ist, noch zusätzlich je ein Metallring angebracht ist; diejenige des
Oberteils, an der bei der Weihung des Instruments auch die Tika angebracht wird,
ist kugelförmig, während diejenige des Unterteils kleiner ist und an einen Ring
erinnert.
Konische oder zylindrische Form von Aussenwand und Bohrung:
Das Äussere des Oberteils hat, abgesehen von der Verdickung, eine zylindrische
Form; je nach Flötenmacher wird innendurch zylindrisch oder konisch gebohrt.
90
Der Unterteil ist sowohl innen als auch aussen konisch geformt, oben dicker und
gegen unten dünner werdend.
Grifflöcher:
Neben dem Mundloch, das sich im Oberteil befindet, existieren im Unterteil sechs
Grifflöcher, die alle auf der gleichen Seite liegen und mit dem Mundloch
zusammen eine Linie bilden.
Verzierungen:
Jede Flöte hat neben den oben genannten Verdickungen weitere Verzierungen,
welche jedoch von Instrument zu Instrument variieren. An verschiedenen Stellen
der Aussenwand jeder Flöte findet man die Flöte umlaufende Striche eingeritzt
oder gar kleinere Wölbungen oder Verdickungen. Nicht selten sieht man in
gleicher Weise dünne Metallringe angebracht. Entweder Aufsätze oder
Schnitzereien verschiedenster Art zieren das obere Ende des Kopfteils:
Prachtobjekte sind jene selteneren Flöten, über deren Kopfteile metallene
Aufsätze gestülpt sind, auf denen bildhafte Verzierungen eingeritzt sind (s. Abb.
22, S. 82). Andere, den Oberteil schmückende Figuren sind Vögel, Glöckchen
oder Lotus; manchmal werden auch kleinste runde Metallplättchen angebracht.
In der folgenden Darstellung sind die Masse (in cm) der beiden Flötentypen angegeben,
wobei vor dem Schrägstrich diejenigen der
ghor
und nach diesem diejenigen der
tip
festgehalten sind:59
Abb. 21. Masse der beiden Flötentypen.
59 Die Gesamtlängen der Flöten wurden ohne die jeweiligen verzierten Aufsätze berechnet.
91
7.1.4. Behandlung und Unterhalt des Instruments
Wer schon eine Flötengruppe auf einer Prozession oder im Regen spielen gesehen hat,
weiss, weshalb die Flöten aus Holz und nicht aus Bambus sind. Das stabilere Material des
Holzes lässt es zu, so wie es die Festanlässe fordern, bei jedem Wetter draussen zu
spielen.60 Wenn Spieler in der Nähe eines Schreins auch einmal eine Pause einlegen und
die Gruppe verlassen, wird das Instrument oft einfach auf den Boden gelegt.
Trotz ihrer relativen Stabilität muss die Flöte auch gepflegt und vor jeder Benutzung
präpariert werden. Von Zeit zu Zeit werden die Flöten einer Gruppe vor einem Anlass
besonders bedeutende Anlässe werden dazu genutzt eine nach der anderen und oftmals
von einer einzelnen Person mit einem Putzstab und einem angefeuchteten Stofffetzen
herausgeputzt. Vor jedem Spiel wird etwas Speiseöl durch die Mundöffnung gegeben und
durch das Innenrohr fliessen gelassen, manchmal auch ein wenig an der Aussenwand
angebracht. Während einer Aufführung kommt es vor, dass Spieler das Ende ihrer Flöte
an einen Brunnenhahn halten, um das Innenrohr durchzuspülen.
Die Verbindungsstelle von zweiteiligen Flöten ist mit einem Faden umwickelt, um das
Zusammenhalten der beiden Teile zu gewährleisten.
Im Instrumentenhaus werden alle Flöten einer Gruppe zusammen in einer Holzkiste
gelagert, um sie vor Ungeziefer und Ratten zu schützen. Zweiteilige Flöten werden für
diesen Zweck nicht auseinander genommen. Steht in Ausnahmefällen keine Kiste zur
Verfügung, wird die Flöte mit dem Kopf nach unten in die Ecke gestellt.
60 Die vereinzelt von Querflötengruppen in Kathmandu benützten Bambusflöten werden von ihren Spielern
mit Klebeband geschützt.
92
7.2. Spielweise
7.2.1. Haltung
Die Querflöten werden von allen Spielern stets nach rechts gerichtet gehalten, obwohl es
aus spieltechnischer Sicht auch ohne Weiteres möglich wäre, sie auf die andere Seite
gerichtet zu spielen.61
Abb. 22. Bishnu Bhakta Kusi spielt die
tip
.
61 Hoerburger hat in Kathmandu jedoch Spieler beobachtet, welche die Flöte nach links halten. Hoerburger
1975, 56.
93
7.2.2. Griffe, Tonverhältnis und Zusammenspiel der Flötentypen
Die Grifflöcher werden beim Spiel der
bããsuri
der Newar entweder von den
Fingerkuppen ganz zugedeckt oder bleiben ganz geöffnet. Dies im Gegensatz zur in der
Indischen Klassischen Musik verwendeten
bããsuri
, bei der alle Finger gestreckt auf die
Grifflöcher gelegt sind und diese je nach beabsichtigter Tonhöhe unterschiedlich
abdecken, was u.a. auch die Erzeugung von jeglichen Halbtönen und Mikrotönen
ermöglicht. Beim Spiel auf der
bããsuri
der Newar wird eine solche Technik nicht
verwendet. Vielmehr werden im Ganzen nur sieben beziehungsweise acht verschiedene
Griffe und in jedem Stück pro Oktave nur sieben Töne verwendet. Die mit den
verwendeten Griffen gespielten Töne sind diatonisch angeordnet. Aufgrund der
unterschiedlichen Machart und stets leicht variierenden Grifflochbohrung der einzelnen
Exemplare ergeben sich feine Unterschiede im Zusammenspiel.
Im Folgenden ist illustriert, wie die entsprechenden Töne an den beiden Flöten
ghor
und
tip
gegriffen werden; sie sind hier mit westlichen Notenbuchstaben, die den auf den
Flöten produzierten Tönen am nächsten kommen, bezeichnet:
Ghor
1.
c′
8. c′′
15. c′′′
2.
d′
9. d′′
3.
e′
10. e′′
4.
f′
11. f′′
5. g′
12. g′′
6.
a′
13. a′′
7.
h′
14. h′′
94
Tip
4.
c′′
11. c′′′
5.
d′′
12. d′′′
6.
e′′
13. e′′′
7.
fis′′
14. fis′′′
1. g′
8. g′′
15. g′′′
2. a′
9. a′′
3. h′
10. h′′
7.2.2.1. Ghor
Der mit den für das Spiel der
ghor
benutzten Griffen spielbare Umfang beträgt zwei
Oktaven. Werden die Töne vom untersten Ton an, bei dem alle Löcher geschlossen sind,
nacheinander aufwärts gespielt, erklingt nach westlicher Musiktheorie eine Dur-Tonleiter
beziehungsweise eine ionische Skala. Der unterste Ton entspricht bei den meisten
ghor
einem Ton zwischen d′ und e′. Er wird hier der Einfachheit halber als c′ und die
restlichen Töne als Teil der C-Dur-Tonleiter bezeichnet.
Für das Zudecken der Grifflöcher werden die Zeig-, Mittel- und Ringfinger beider Hände
benutzt. Dass das unterste Loch beim Spielen der Töne f′ bis h′ geschlossen bleibt, hat
wohl damit zu tun, dass für das Greifen dieser Töne nur die Finger der linken Hand
gebraucht werden, der Flöte aber durch die Rechte Gegendruck gegeben werden muss,
um sie in der Balance zu halten; in diesem Fall wird dafür der Ringfinger der Rechten
verwendet. Klanglich ist der Unterschied zwischen offenem und geschlossenem
unterstem Loch zu gering, als dass er für diese Art des Greifens als ausschlaggebend
betrachtet werden könnte. Es bedeutet aber auch, dass die Funktion des Gegendruck-
Gebens nicht vom kleinen Finger der rechten Hand ausgeübt wird, obwohl das genauso
gut möglich wäre, indem dieser einfach an eine Stelle rechts des untersten Lochs gehalten
werden könnte. Allerdings kann angenommen werden, dass sich in diesem Punkt die
Spielweise der Flötisten unterscheidet.
95
C′′ könnte auch gespielt werden, indem alle Löcher geschlossen würden. Der auf diese
Weise gespielte Ton ist aber leicht tiefer und geräuschhafter als jener mit geöffnetem
obersten Loch. Wenn alle Grifflöcher geschlossen sind, führt das Öffnen dieses Lochs
zudem schon mit nur wenig Blasdruck zur automatischen Oktavierung.
7.2.2.2. Tip
Die Griffe und der mit diesen Griffen spielbare Umfang sind bei der
tip
gleich wie bei der
ghor
. Die Flöten unterscheiden sich natürlich im Spielbereich, der bei der kürzeren
tip
gegenüber der
ghor
um eine Quinte nach oben verschoben ist. Doch da beide Flöten sich
ausser in ihrer Länge in der Konstruktion nicht unterscheiden und das Verhältnis von
Länge, Mund- und Grifflochabstand das gleiche ist, führt diese Verschiebung dazu, dass
sich nicht alle Töne der beiden Flötentypen miteinander decken beziehungsweise in der
Oktave zueinander stehen, sondern sich der vierte Ton der
ghor
unter den spielbaren
Tönen der
tip
beziehungsweise der siebte Ton der
tip
unter jenen der
ghor
nicht
wiederfindet. Obwohl in der realen musikalischen Situation beabsichtigt, kann ein
vollständiges Zusammenspiel in der Oktave nicht zustande kommen. So wird ein Lied
mit dem Grundton c von der
ghor
in einer ionischen Skala gespielt, von der
tip
aber in
einer lydischen.
7.2.2.3. Vergleich aller Querflötentypen
Mehrere Fragen stellen sich aufgrund dieses Sachverhalts: - 1. Angenommen ein Lied
besitzt oder besass ursprünglich nur eine Tonalität und die Verwendung von
unterschiedlichen Skalen ist nicht beabsichtigt, sondern höchstens akzeptiert, welcher
Flötentyp spielt die originale Skala? - 2. Kann es sein, dass die Flöten einmal in der
gleichen Tonalität gespielt wurden? - 3. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang
der in Kathmandu und Patan existierende dritte und kleinste Flötentyp und, vorausgesetzt
es gab einen ursprünglichen Flötentyp, welches ist er?
Von einer ursprünglichen Flöte ausgehend, liegt es nahe, anzunehmen, dass die zwei
weiteren Flötentypen später hinzukamen, um das Klangspektrum der Flötengruppen zu
vergrössern. Gemäss Bishnu Bhakta Kusi wurde der kleinste der drei Flötentypen in
Bhaktapur nie gespielt zumindest nicht zu seinen Lebzeiten. Vorausgesetzt, er wäre vor
96
langer Zeit einmal gespielt worden, könnte man als Grund für seine Aufgabe sehen, dass
es zu schwierig ist, drei Flötentypen beziehungsweise genug Spieler aller drei
Flötentypen in der Gruppe am Anlass beisammen zu haben. Das Prinzip ,,ein paar wenige
tip
- und mehrere
ghor
-Spieler", wie es in Bhaktapur angewandt wird, ist praktischer.
Auch in Kathmandu scheint trotz der Existenz der
tip
in vielen Gruppen dieser Typ nicht
immer gespielt zu werden.62
Aufschlussreich für die Frage nach der Bestimmung der ursprünglichen Flöte könnte ein
Vergleich der Spielbereiche der drei Flötentypen sein. Es wird hier einmal angenommen,
dass der Spielbereich der KTM-
tip
von c′′ bis c′′′′ reicht, gegenüber der
ghor
also um
eine Oktave nach oben verschoben ist. Da die Stücke, die in den Flötengruppen
Bhaktapurs gespielt werden, fast ausschliesslich das c als Grundton haben, dieser Ton
aber in vielen Schlussbildungen von unten her angezielt wird (vgl. Transkriptionen im
Anhang) oder die Melodie bis zum unteren g hinabsteigt (Lied 7), besitzt die
tip
eine
idealere Griffkonstruktion als die anderen beiden Flöten, was als Indiz dafür angesehen
werden könnte, dass die
tip
die ursprüngliche Flöte war. Für die
ghor
besteht zwar die
Möglichkeit, bei einigen Stücken mit den genannten Merkmalen in der oberen Oktave zu
spielen, doch wäre dabei ihre Funktion als Bassflöte, wie unten zu sehen sein wird, nicht
gewährleistet.
Was gegen die These von der
tip
als dem ursprünglichen Flötentyp spricht, sind die
Bezeichnungen der Flöten und ihr Tonhöhenverhältnis: Es scheint einfacher, zuerst die
oktavierte Version einer Flöte zu konstruieren, was ohne Änderung des Griff- und
Mundlochverhältnisses geschehen könnte. Dies würde entweder die
ghor
, welche, wie ihr
Name angibt, den tieferen Spielbereich abdeckt, oder die im höheren Register spielende
KTM-
tip
zur ursprünglichen Flöte und beide zu vor der
tip
konstruierten Flöten machen;
die Idee, einen weiteren Flötentyp wie die
tip
, die zur einen im Verhältnis der Quint und
zur anderem im Verhältnis der Quart steht, zu konstruieren, scheint weiter hergeholt und
könnte als spätere Entwicklung angesehen werden, worauf auch ihr Name in Kathmandu
und Patan als ,,mittlere" Flöte hindeutet.
62 Die von Laurent Aubert im Jahre 1973 aufgenommene Flötengruppe aus Kathmandu bestand ebenfalls
nur aus
majawal
(Bhaktapur-
tip)
und
ghor
, obwohl nach seinen Informationen alle drei Typen in der Stadt
existierten. Aubert, Laurent: Nepal:
Musique de fête chez les Newar
. Archives Internationales de Musique
Populaire (AIMP), Genève 1989, 6.
97
Dass
ghor
oder KTM-
tip
die ursprünglichen Flöten sind, darauf würden auch die
gesungenen Versionen der Lieder weisen, welche ein Spieler immer präsent hat und ein
Schüler als Erstes lernt. In ihrer Tonalität entsprechen sie dem Spiel der
ghor
und der
KTM-
tip
. Dies würde bedeuten, dass die
tip
die Lieder in der ,,falschen" Tonalität
wiedergibt und in der Konstruktion keine Anpassung vorgenommen wurde, um ein
vollständiges Spiel in der Oktave zu ermöglichen.
Letzteres ist mit der Herstellung in Patan zu erklären und könnte zur Annahme führen,
dass die Flöten so konstruiert wurden, weil sie ursprünglich oder in Patan und anderen
Newar-Orten anders gespielt wurden oder werden. Ein anderes Zusammenspiel als nur
dasjenige in der Oktave läge überhaupt sehr nahe, wenn nicht nur zwei, sondern drei
verschiedene Flötentypen spielen. Was spielt die KTM-
tip
, wenn bereits die
tip
zur
ghor
in der Oktave steht? Als wahrscheinlich erschiene das parallele Spiel aller drei
Flötentypen in der Oktave, Quinte und Quarte. Dadurch könnten für das gleiche Lied und
alle Flötentypen auch die gleichen Griffe verwendet werden und würde einheitlich die
gleiche Skala gespielt. Bei einem solchen Zusammenspiel in der Oktave, Quinte und
Quarte wäre der Begriff mehrstimmige Musik berechtigt. Paul D. Greene bezeugt jedoch
bei der von ihm untersuchten Flötengruppen in Kathmandu, welche alle drei Flötentypen
verwendet, ein Zusammenspiel in der Oktave und Doppeloktave.63
7.2.3. Funktion und Spielweise der Flötentypen
7.2.3.1. Ghor
Die ghor als Bassflöte
Obwohl mit den Griffen, welche der
ghor
-Spieler benutzt, theoretisch zwei Oktaven zu
spielen möglich wären, wird der ganze Umfang im Prinzip nicht ausgeschöpft. Dies ist
durch die Funktion der
ghor
als Bassflöte bedingt. Sie soll die tieferen Töne, die
dunkleren und geräuschhafteren Klangfarben der beiden Flötentypen liefern; ihr Spieler
muss deshalb versuchen, wenn immer möglich, ,,unten zu bleiben", um den
charakteristischen Klang der Flöte, der sie von der
tip
unterscheidet, beizubehalten (als
Aufnahmebeispiel für die solo-gespielte
ghor
vgl. Aufnahme I 26). Dies also auch dann,
63 Greene, Paul D.: Ordering a Sacred Terrain: Melodic Pathways of Himalayan Flute Pilgrimage, in:
Ethnomusicology
, vol. 47, no. 2, University of Illinois Press, Champain, IL, 2003, 217.
98
wenn die Stücke, welche in ihrer originalen Form mehrheitlich das von der
ghor
noch
spielbare c′′′ nicht überschreiten (in 17 von den für den Vergleich ausgewählten 22
Stücken ist dies der Fall: s. Tabelle IV, S. 110, und Transkriptionen im Anhang),
theoretisch im oberen Register gespielt werden könnten. Das Spiel nach diesen Vorgaben
und der Ambitus der restlichen Stücke würde aber unbedingt eine Änderung der
Originalmelodie durch Registerwechsel und daraus entstehende grosse Sprünge
verlangen. Dies geschieht auch bei den meisten der gespielten Stücke; es wird aber
gewissermassen vertuscht, indem die Flöte so geblasen wird, dass oft nicht
wahrzunehmen ist, in welchem Register gespielt wird, da bei manchen Tönen nicht nur
der Grundton, sondern auch mindestens der erste Oberton, also der Ton der oberen
Oktave, oder weitere Obertöne genau so deutlich zu hören sind. Anders gesehen, scheint
sich der
ghor-
Spieler gar nicht bewusst zu sein, ob ein Ton in die obere oder untere
Oktave gehört64 oder wann ein Registerwechsel vorkommt; ein d′ hat die gleiche
Bedeutung wie ein d′′; entscheidend sind die Griffe, und die sind für die obere und untere
Oktave die gleichen (Die Ausnahme c′-c′′ wird weiter unten behandelt).
Es existiert ein idealer Ambitus, der im Normalfall nicht überschritten wird und in den
die Stücke sozusagen hineingezwängt werden. Er wurde hier gemäss der während der
Lehre von
guru
Bishnu Bhakta Kusis solo vorgespielten Versionen der Lieder bestimmt.
Wohl aus didaktischen Gründen ist eine in dieser Situation vorgespielte Version eines
Liedes im Gegensatz zur Aufführung in der realen Situation, wo das Tempo und die
akustischen Bedingungen sich stets verändern, weitgehend gleich. Die Transkriptionen
im Anhang beziehen sich auf diese Versionen; der daraus berechnete Ambitus kann der
Tabelle I entnommen werden. Zuvor muss jedoch betont werden, dass dieser Ambitus nur
ein Näherungswert und auch bei Bishnu Bhakta Kusi nicht immer klar zu bestimmen ist,
gerade aufgrund der Mischtöne. In der Praxis ist der Ambitus je nach Spieler
unterschiedlich. So tendieren physisch schwächere Spieler dazu, um lauter zu klingen, in
der oberen Oktave zu spielen oder den ersten Oberton deutlicher hervortreten zu lassen,
was den Ambitus bis zu h′′ vergrössert (z.B. herauszuhören auf derAufnahme von Lied
19, I 35: einer der beiden
ghor
-Spieler, Sa la, spielt in bestimmten Passagen oktaviert).
64
Guru
Bishnu Bhakta Kusi konnte sich nicht recht entscheiden, als ich ihn einmal nach der
Oktavzugehörigeit eines bestimmten Tons gefragt habe.
99
Auch muss die Spielweise sich der variierenden Lage und Melodiebewegung der
einzelnen Stücke anpassen. Strikte Regeln sind diesbezüglich schwer zu definieren und
werden vom
guru
auch nicht formuliert.
Der Ambitus ist nach folgenden Kriterien berechnet (vgl. Tab. I und Transkriptionen im
Anhang): Es wurden nur betonte Töne und keine Verzierungsnoten berücksichtigt (so
z.B. auch nicht die erste Note von Lied 4). Mischtöne, also diejenigen Töne, deren
Oktavzugehörigkeit nicht zu definieren ist, wurden gemäss der Funktion der Bassflöte der
unteren Oktave zugeteilt. Die Spielweise von Bishnu Bhakta Kusi ist auf Aufnahmen
akustisch festgehalten (s. CD-Aufnahmen als Beilage). Ein Einwand gegen die
Beispielhaftigkeit dieser Aufnahmen könnte die Spielsituation im abgeschlossenen Raum
sein; der richtige Klang der
ghor
entsteht draussen und im Zusammenspiel mit den
anderen Flöten. Einzelne Spieler in einer Gruppe sind aber schwer herauszuhören, und
die Spielweise eines erfahrenen Spielers wie
guru
Bishnu Bhakta Kusi ist aus dem Spiel
draussen entstanden und kann, auch wenn solo oder mit einer kleinen Gruppe und im
geschlossenen Raum gespielt, als repräsentativ angeschaut werden. Da aus den
Aufnahmen der Ambitus nicht immer deutlich herauszuhören ist und dieser auch nicht
immer genau gleich ist, wurden zum Einen die während der Lehre von mir als einem
Schüler Bishnu Bhakta Kusis verfassten und nicht auf Aufnahmen beruhenden
Transkriptionen der ersten 15 Stücke herangezogen. Sie stellen meine bezüglich
Oktavzuordnung der Töne bewusste Spielweise als ich mir zu diesem Zeitpunkt der
,,Oktavproblematik" noch kaum bewusst war dar, die vom
guru
als richtig beurteilt
wurde, und folgen den als Teil der Lehre solo vorgespielten Versionen in
gleichbleibendem Tempo von Bishna Bhakta Kusi. Die Transkriptionen der Lieder 15 bis
22 beruhen zwar auf Tonaufnahmen, richten sich aber nach den Kriterien für die
Versionen der übrigen Lieder.
Daraus ergibt sich, dass in den allermeisten Fällen c′ oder d′ der tiefste gespielte Ton ist
und nicht über e′′ hinaus gespielt wird. Ein Blick auf einzelne Beispiele sollte die
Tendenzen der Spielweise zum Vorschein bringen:
Da c bei jeder Aufführung als Schlusston gespielt wird selbst wenn er gar nicht der
Grundton des Liedes ist , sollte er laut und deutlich gespielt werden, was dazu führt,
dass, als c′ gegriffen, auch sein erster Oberton und der Ton ebenso als c′′ hörbar wird
100
der Ambitus also auch als von d′ an beginnend bestimmt werden kann. C′ ohne hörbaren
Oberton wäre zu leise und wird im idealen Ambitus nicht gespielt. In diesem
Zusammenhang ist auch die Aussage von
guru
Indra Bahadur Duwal aufschlussreich,
dass, um das c′ lauter zu spielen, das oberste Loch geöffnet werden könnte, wodurch ein
c′′ ertönt. In diesem Sinne wird auch der betonte Anfangston und der Schlusston im
zweiten Teil von Lied 6 von Bishnu Bhakta Kusi als c′′ gegriffen, obwohl dadurch gegen
die Logik der Melodie wirkende Septimenintervalle folgen. Die Aufnahme von Lied 17
bringt ein bezeichnendes Phänomen zum Vorschein (Aufn. I 34): Die ersten drei Töne
des B-Teils des Stückes sind im Original auf der gleichen Höhe c′; Bishnu Bhakta Kusis
erste zwei Töne haben aber eine andere Qualität als der dritte. Erstere sind dem
vorangehenden Einspielton angeglichen und können auch der oberen Oktave zugeteilt
werden; da die folgende melodische Bewegung aber bis zum a hinaufgeht, beginnt der
dritte Ton auf dem c′, damit nicht bis zum a′′ hinauf gespielt werden muss.
Mit Lied 6 ist ein Beispiel für Registerwechsel aus klangästhetischen Gründen gegeben.
Die Beispiele für das Wechseln des Registers für grosse Sprünge aus zusätzlichen
Gründen der Melodiestruktur sind zahlreich: Lied 5 beginnt auf h; die melodische
Bewegung am Anfang wäre als Aufstieg bis zum a logischer, wird aber abgeändert,
indem ein Sextfall eingefügt wird, da bereits das e′′ als zu hoch angesehen wird. In Lied
4 wird das c′ vermieden und von d′ auf c′′ gesprungen; hier scheint sogar ein d′ zu hoch
zu sein, so dass vom folgenden c′′ wieder auf d′ hinuntergefallen wird; die
Schlussbildung mit dem von h sich genäherten c ist typisch und führt sowohl aus
Gründen der Konstruktion, als auch der Lautstärke zum c′′ als Schlusston. Gleiches zeigt
sich in den Liedern 7 und 8. Die für die
ghor
ungünstigsten Melodien sind diejenigen,
welche den Grundton c umkreisen und einen übermässig häufigen Registerwechsel
verlangen (vgl. Notation der Originalmelodie der Stücke 10, 12, 18 und 19); sie können
aus diesen Gründen mehr als andere Stücke im oberen Register gespielt werden und z.T.
bis g′′ hinaufgehen, wodurch der idealisierte Ambitus bis zu diesem Ton gehen würde.
Die Aufnahme von Lied 12 zeigt aber ziemlich deutlich, dass Bishnu Bhakta Kusi auch
in solchen Fällen ständig grosse Sprünge macht (Aufn. I 25).
Ein Beispiel für eine Spielweise mit Mischtönen, welche kaum einer bestimmten Oktave
zuzuordnen sind, ist auf der Aufnahme von Lied 14 zu hören (I 28).
101
Tab.I. Von ghor gespielter Ambitus
65
Lied A
B66
Total
1
d′-a′
d′-c′′
d′-c′′
2
c′-a′
f′-d′′
c′-d′′
3
c′-c′′
c′-e′′
c′-e′′
4
d′-c′′
g′-d′′; d′-a′; d′-c′′;; d′-d′′ d′-d′′
5
e′-d′′
e′-c′′; e′-d′′; e′-d′′
e′-d′′
6
d′-e′′
d′-c′′; d′-c′′
d′-e′′
7
c′-d′′
d′-a′
c′-d′′
8
c′-c′′
g′-e′′
c′-e′′
9
d′-d′′
d′-d′′
d′-d′′
10
e′-e′′
d′-d′′; e′-d′′;; d′-d′′
d′-e′′
11
d′-c′′
g′-e′′
d′-e′′
12
g′-f′′
c′-a′
c′-f′′
13
c′-e′′
e′-h′′; e′-d′′; c′-e′′;; c′-e′′ c′-e′′
14
c′-e′′
g′-e′′; c′-e′′; c′-e′′
c′-e′′
15
c′-c′′
f′-c′′; c′-c′′;; c′-c′′
c′-c′′
16
c′-c′′
c′-d′′
c′-d′′
17
c′-c′′; c′-f′;; c′-c′′
c′-c′′
c′-c′′
18
a′-e′′
d′-c′′
d′-e′′
19
c′-c′′
c′-c′′
c′-c′′
20
c′-c′′
c′-c′′; c′-h′;; c′-c′′
c′-c′′
21
c′-e′′
65 Verzierungsnoten sind hier nicht berücksichtigt: Bsp. 6: B geht bis c′ hinunter, aber als Verzierung; c′
wird auch auf unbetonten Noten gespielt (kurzen, am Anfang z.B.); oder wenn Schlusston c′ noch angefügt
(Bsp. 2). C′ heisst immer auch c′/d′.
66 A′/B2 ist jeweils nicht angegeben, da dieser Teil sich bezüglich des Ambitus′ nicht von A unterscheidet;
eine Ausnahme bildet z.B.
chainashe
, wo A nicht in B vorkommt.
102
Klangfarbe, Lautstärke, Klangästhetik
Für die Mischtöne ist aber auch ein weiteres und viel öfter genanntes Gebot für die
Spielweise der
ghor
verantwortlich: Der
ghor
-Spieler muss so laut wie möglich spielen,
damit das Flötenspiel an den grossen Umzügen nicht im Gemisch der Musikgruppen
untergeht oder von Trommel und Becken übertönt wird eine Gefahr, die immer
besteht.67 Mit Hilfe von Obertönen gelingt dies viel leichter, und der Klang wird
durchdringender.
Beide Gebote, dasjenige, laut zu spielen, und dasjenige, im unteren Register zu bleiben,
führen zusammen zu dem geräuschhaften, bei gewissen Spielern fast trompetenhaften
Klang der
ghor
, der sich durch das Herausstechen vieler Obertöne bildet.
Somit kann die Klangfarbe der
ghor
mit rein funktionalen und akustischen Gründen
erklärt werden; ästhetische Gründe liegen diesbezüglich nicht offen zu Tage.
Blastechnik
Die Artikulation erfolgt aus dem Bauch heraus oder mit der Glottis, wodurch die Töne
weniger spitz erklingen, als wenn sie mit der Zunge artikuliert würden. Um den richtigen
Klang zu finden, wird vor dem Spielen oftmals am tiefsten Ton, c′, Mass genommen, so
als wäre er der Ton, an dem der ideale Klang ausprobiert werden kann (vgl. Aufnahme
von Lied 7, I 17). In der Tat ist mit ihm auch der geräuschhafteste und voluminöseste
Klang produzierbar. Auch die höheren Töne der unteren Oktave haben ein merklich
geringeres Volumen als dieser. Wie oben erwähnt, wird c′ auch am Schluss der
Aufführung eines Liedes lange ausgehalten.
Um mit der
ghor
laut zu spielen, braucht es ein nicht zu unterschätzendes Mass an Kraft
und muss der richtige Anblaswinkel gefunden werden. Nicht alle Spieler sind dafür
kräftig oder technisch versiert genug; von Spieler zu Spieler ergeben sich daher
Abweichungen in der Blastechnik. Physisch schwächere Spieler vernachlässigen die
Bassfunktion, indem sie schneller einmal überblasen, wodurch ihr Spiel leichter hörbar
wird, sich jedoch weniger von der
tip
unterscheidet. Das andere Extrem bilden
67 Unzählige Male hat mich
guru
Bishnu Bhakta Kusi während der Lehre aufgefordert, laut zu spielen, oder
gesagt, dass dies zumindest an den Anlässen nötig sei.
Ein Grund, weshalb die
p s pucha
-Flötengruppe an
mohani
nicht am Abend spielen wollte, war die
Angst, gegenüber den lauten
dhimayb j
unterzugehen.
103
mehrheitlich erfahrenere und kräftigere Spieler, die mit viel Bauchmuskeleinsatz arbeiten
und bei denen das ganze Flötenrohr zu schwingen scheint, wodurch der Klang schon fast
an ein Dröhnen erinnert. Bei ihnen sind die genannten Gebote am besten erfüllt; doch
auch sie können diese Spielweise mit gleich bleibender Intensität nicht allzu lange
aufrechterhalten und müssen des öfteren während eines Auftritts pausieren. Aber selbst
für das Spielen einer einzelnen Phrase muss die Kraft konzentriert und die Luft richtig
eingesetzt werden. Dadurch bekommen vor allem wichtigere Töne, seien es unverzierte,
auf einem Schlag des Metrums zu liegen kommende oder am Anfang oder Ende einer
Phrase sich befindende Töne mehr Akzent, werden manchmal gar mit einem kurzen
crescendo
versehen und erscheinen abgehackt (I 35, der als zweiter einsetzende
ghor
-
Spieler Sa la).
Verzierungen
Die Artikulation von einzelnen Tönen kann in gewissen Fällen auch mittels kurzem
Schliessem von Klappen erfolgen, wodurch die betreffenden hervorzuhebenden Töne
gleichzeitig auch verziert werden (vgl. Transkription von Lied 2: die ersten drei
Verzierungen, Aufn. I 8). Die Unterschiedlichkeit der Artikulationsweise von Tönen,
welche auf dem gleichen Metrumsschlag liegen und die gleiche Länge haben, muss wohl
im Zusammenhang mit der gesungenen Version gesehen werden (Lied 2: Verzierungen 2
und 3); sie entsteht möglicherweise, wenn im Gesang zwei Silben auf den gleichen Ton
zu liegen kommen.
Der Hauptzweck dieser Technik ist jedoch die Verzierung von Tönen. Es kann zwar
angenommen werden, dass sich die Verzierungsweisen zwischen Flötisten und Gruppen
unterscheiden; doch sind Verzierungen ein unerlässlicher Bestandteil jeder Aufführung
und werden von Spielern, die beim gleichen
guru
in die Lehre gingen, zumindest im
Anfangsstadium ihrer Spielzeit auch auf die gleiche Art und Weise angebracht. Der
guru
besteht während der Musiklehre darauf, dass sie von den Schülern gespielt werden. Nach
der Lehre wird jeder Spieler mit der Zeit wohl geringfügige Änderungen in seiner
Verzierungsweise anbringen.
Die von
guru
Bishnu Bhakta Kusi für die
ghor
verwendeten Verzierungen umfassen
folgende vier Typen: Mordente (12A: Verzierungen 1-3; Aufn. I 24), Vorschläge von
104
unten (12A: Verz. 4), von oben (12A: Verz. 5), Schleifer von oben bei fallender Sekund
(12B: Verz. 1, Aufn. I 25).
Gleiche Töne können je nach melodischem Kontext oder aus Gründen der Abwechslung
unterschiedlich verziert werden (12A: Verz. 5 mit Vorhalt von oben, Verz. 6 mit Vorhalt
von unten).
Die Verzierungsweise ist allerdings auch stark vom Spieltempo abhängig, welches
während des ersten Teils der Lehre, wenn die Lieder gelernt werden, immer gleich bleibt,
im Zusammenspiel mit den Perkussionsinstrumenten und in der realen Musiksituation
aber variiert. In schnellen Passagen werden einzelne Verzierungen vernachlässigt oder
abgeändert (vgl. Aufnahme von Lied 11, I 22).
Allzu viele Verzierungen können aber gar nicht angebracht werden, da sie das Volumen
verringern würden, weil ein zu häufiges Öffnen und Schliessen der Klappen den
Blasfluss unterbrechen würde. Für den
ghor
-Spieler hat daher die Klangproduktion, die
Arbeit mit dem Mund und der Lunge, gegenüber der Verzierungsweise grösseres
Gewicht.
7.2.3.2 Tip
Bei der
tip
zeigt sich die umgekehrte Tendenz gegenüber der
ghor
: Wenn immer
möglich, muss ihr Spieler ,,oben hinaus" spielen, woraus ebenso grosse Sprünge und
häufige Registerwechsel resultieren. Im untersten Spielbereich, meistens zwischen g′ und
d′, wird nicht gespielt, dafür aber bis zum höchsten spielbaren Ton g′′′ hinauf. Aufgrund
der akustischen Gegebenheiten der kleineren Flöte, welche Obertöne kaum hörbar
hervortreten lassen, kann es ihrem Spieler im Gegensatz zu demjenigen der
ghor
nicht
gelingen, die grossen Sprünge oder die Oktavzugehörigkeit der Töne mittels Mischtönen
zu verbergen. Einzelne Phrasen sehr oft Schlussphrasen stechen heraus und heben
sich von der Originalmelodie so deutlich ab, dass sie dabei gegenüber den sich in tieferer
Lage befindenden Phrasen einen starken Kontrast bilden. Diese Kontrastwirkung wird als
ästhetisches Element genutzt und zwischendurch durch Auslassung oder Verschlucken
bestimmter (tieferer) Töne noch weiter verstärkt (Vgl. Aufnahme und Transkription von
8A, I 18: Das letzte f des A-Teils wird vom
tip
-Spieler Bishnu Bhakta Kusi kaum hörbar
und gegenüber den vorhergehenden und darauffolgenden Tönen als zu der unteren
105
Oktave gehörig gespielt). Natürlich muss diese Spielweise vor allem als Ergänzung oder
Kontrastierung zu derjenigen der
ghor
gesehen werden. Während die tiefen Flöten einen
flachen, homogenen Klangteppich legen, wechseln die
tip
hin und her, indem sie sich in
das Spiel der
ghor
einfügen, um stets wieder aus ihm herauszutreten.
Doch nicht nur die Tonhöhe, sondern auch rhythmische Variationen werden zum
Erreichen dieses Effekts benutzt. Ein verwendetes Mittel ist dabei die Synkopierung oder
das mehrmalige Artikulieren eines Tons durch kurzes Schliessen eines Grifflochs (vgl.
Aufnahme und Transkription von 8B zweite Phrase [I 18, ab 1′58′′]: Beispiel für
mehrmaliges Artikulieren: Ton d′′′ (Anfangston der Phrase); Synkopierung: Töne c′′′
und a′′ am Ende der Phrase). Gerade letztere Artikulationstechnik ist dem Trillern
ähnlich, und rhythmische Variationen haben daher auch schnell einmal die Funktion von
Verzierungen. Die häufigen Triller versucht der
tip
-Spieler an so vielen Tönen wie
möglich, zumindest an längeren und betonten Tönen, anzubringen. Da die Verzierungs-
und Variationstechnik komplexer ist, eher nach eigenem Gutdünken eines Spielers
eingesetzt wird und eine standardisierte Spielweise vom
guru
nicht gelehrt werden kann,
sind es die talentierteren oder erfahreneren Flötisten, welche diesen Flötentyp spielen.
Dass der
tip
- gegenüber dem
ghor
-Spieler mehr mit den Fingern macht, hat wohl auch
damit zu tun, dass die Klangproduktion mit der
tip
leichter gelingt, beziehungsweise sie
schnell einmal laut tönt. Durch diese Spielweise ist die Gesamtwirkung des
tip
-Spiels
auch nervös und spannungsgeladen.
Die tip als Leitflöte
Obwohl das Spiel der
tip
als Ergänzung zum Spiel der
ghor
gedacht zu sein scheint,
indem es Variation in das Flötenspiel hineinbringt, ist die
tip
durch ihr Herausstechen
auch immer besser hörbar als die
ghor
. Die
tip
geben dem Spiel der Flöten deshalb
Orientierung, und ihre Spieler wenn auch nicht alle halten es zusammen und
übernehmen unter den Flötenspielern eine Führungsfunktion. Im Normalfall führen sie
die Flötensektion direkt hinter den Perkussionisten an und drehen sich zu den hinter
ihnen gehenden
ghor
-Spielern um, wenn das Spiel auseinanderzufallen droht oder wenn
ein neuer, vom Trommler angezeigter musikalischer Teil folgt. Daher ist es auch kein
106
Zufall, dass der Leiter der Flötensektion, der jeweils die neuen Lieder ankündigt, immer
ein
tip
-Spieler ist.
7.2.4. Vergleich mit gesungenen Versionen
Ein Vergleich mit den von Bishnu Bhakta Kusi gesungenen Versionen lässt einen
Unterschied zu den gespielten zum Vorschein kommen, die deutlich macht, dass das
Erlernen der Lieder durch das Singen nur zum Einprägen der grundlegenden Melodie
führt und dass das Singen und das Spielen der Lieder verschiedene Dinge sind, wenn
auch die grundlegende Melodie in beiden Versionen leicht zu erkennen ist. Gewisse
Unterschiede in bestimmten Wendungen können mit dem Text und der Silbenzahl erklärt
werden; so wird die Wiederholung eines Tons in der gesungenen Version, die sich
dadurch ergibt, dass zwei Silben auf einen Ton zu liegen kommen, in der gespielten
Version unterlassen (Lied 11, I 22/II 1: Anfangstöne der Phrasen von A). Die
Eigenständigkeit des Flötenspiels gegenüber dem Gesang zeigt sich aber in den
Verzierungen und bestimmten zusätzlichen Wendungen. Letztere kommen zustande,
indem weitere, kurze Töne eingeschoben werden, welche die Melodie beweglicher
machen (Sechzehntel-Bewegungen in: 11B, 12A+B, 13A+B, 14B, Aufn. I 22-29/II1-4).
Gleiches geschieht auch durch Vermeiden einer gradlinigen Melodiebewegung, wie sie
beim Singen erscheint (13A: zwei Mal stufenweiser Abstieg in gesungener Version, Auf-
und Abwärtsbewegung in gespielter Version; s. auch 14B2). Mit von den Flötisten
beabsichtigtem Abwechslungsreichtum können aber nicht alle Abweichungen erklärt
werden; gewisse Wendungen erscheinen in beiden Versionen unterschiedlich, aber
trotzdem gleichwertig und legen eine gewisse Unabhängigkeit der beiden Versionen von
einander offen (11A: Schlusswendungen der Phrasen). In Lied 13 wird der erste
Abschnitt des B-Teils in der gesungenen Version doppelt so oft wiederholt wie in der
gesungenen, was die Textlänge fordert; in der gespielten Version wäre eine vierfache
Wiederholung eines so kurzen Abschnitts anscheinend zu eintönig. Grösser ist die
Abweichung im Zwischenabschnitt des B-Teils, die sich möglicherweise damit erklären
lässt, dass auch ein
guru
die Melodie oder den Text nicht immer sofort präsent hat.
107
7.3. Liedrepertoire
7.3.1. Ein Schattenreich hinter dem Flötenspiel: die Lieder und ihre Texte
Die Anrufung an den Musikgott,
dyohlh ygu
, einmal ausgenommen, beruhen alle in den
Querflötengruppen gespielten Stücke auf Liedern, welche in anderen
Aufführungskontexten so auch in der Flötenlehre oder früher einmal gesungen
wurden und deren Texte strophische Dichtungen sind. Eine systematische Erschliessung
der Liedtexte kann in dieser Arbeit nicht angestrebt werden, da dies einerseits grosse
Kenntnisse des Newari erfordern würde und andererseits eine Dimension für sich
darstellt, nicht nur, weil das Liedrepertoire der Flötengruppen gross und kaum
eingrenzbar ist, sondern auch weil Fragen nach Genre, Herkunft oder ursprünglichem
Kontext bei jedem Lied neu zu stellen sind und nur mit gründlicher Nachforschung zu
beantworten wären. Nur ansatzweise soll ein Versuch in diese Richtung unternommen
werden, indem die Bedeutung einzelner Texte untersucht und der Wechselwirkung
zwischen Text und Flötenspiel nachgegangen wird. Trotzdem wäre eine genauere
Untersuchung wichtig, unter anderem, weil die Lieder in der Flötenlehre, die Funktion als
Memorierungstechnik überschreitend, auch für sich gepflegt und erhalten werden und die
Flötenlehre dadurch zu einem Reservoir von Liedtexten wird und weil die Texte und ihr
Inhalt auch bei blosser melodischer Wiedergabe der Lieder Einfluss auf die
Aufführungssituation ausüben die Lieder und ihre Texte bilden ein allgegenwärtiges
Schattenreich, auf dem die Flötenmusik aufbaut.
Nach Siegfried Lienhard, einem der wenigen nicht-newarischen Literaturwissenschaftler,
der sich mit der reichen Newar-Literatur auseinandergesetzt hat, bildet die strophische
Dichtung eine Verbindung zwischen der ,,mittelalterlichen" Literatur in klassischem
Newari, deren Produktion im 14. Jh. anfing und mit dem Beginn der Herrschaft der Rana
um die Mitte des 19. Jh. endete, und der modernen Literatur, welche ihren Anfang in den
zwanziger und dreissiger Jahren des 20. Jh. nahm.68 Während die ältere Literaturperiode
Übersetzungen oder Paraphrasen von Werken in Sanskrit umfasst, schliesst die moderne
Literatur v.a. Kurzgeschichten, Gedichte und Essays ein. All diese Werke sind in
unzähligen Handschriften in Bibliotheken in Nepal sowie in europäischen Sammlungen
68 Lienhard, Siegfried:
Songs of Nepal
. An Anthology of Nevar Folksongs and Hymns. Delhi, 1992, 1.
108
zusammengestellt. Strophische Dichtung, die sich im Gegensatz zu der Prosaliteratur
zeitlich nicht in Perioden unterteilen lässt, jedoch auch schon immer neben der
klassischen Literatur existiert hatte, beruht auf oraler Tradition, wurde aber in den
fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jh. von vereinzelten Newar-Sammlern auch in
Anthologien kompiliert oder findet sich in Gesangbüchern niedergeschrieben. Sie
umfasst sowohl religiöse Hymnen als auch Liebeslieder, Arbeitsgesänge, didaktische
Texte oder epische Dichtungen, deren Autoren nur in Ausnahmefällen bekannt sind, die
aber nicht selten Hinweise auf die Zeit ihres Verfassens liefern. Form und Sprache
behalten auch bei späteren Texten dieser Art klassischen oder semi-klassichen Charakter.
Fast alle Texte beginnen mit dem Refrain,
dhu
, der nach jeder Strophe wieder erscheint.
Die Anzahl der Strophen beschränkt sich bei den meisten von Lienhard
zusammengestellten Texten im Durchschnitt auf drei bis zehn; anders sieht es bei den
epischen Gedichten aus, die bis zu sechzig Strophen haben können.
7.3.2. Andere Aufführungskontexte der Lieder in Bhaktapur
Es kann davon ausgegangen werden, dass ein Grossteil der von den Newar im
Kathmandu-Tal in musikalischer Form gepflegten Dichtung einheitlich ist und sich auch
mit dem Repertoire in Bhaktapur deckt. Das wohl bekannteste Newar-Liebeslied,
r jamat
, welches durch die Staatsvisite von Premierminister Jang Bahadur Rana in
London im Jahre 1850 Berühmtheit erlangte69 und diese später als Titelmelodie in einem
gleichnamigen Film vergrösserte, manifestiert seine Verbreitung inzwischen durch
Neuproduktion im CD-Format und ist bei den Flötengruppen Bhaktapurs ebenfalls ein
sehr gerne gespieltes Stück.
Die Frage nach dem ursprünglichen oder eigentlichen gesanglichen Aufführungskontext
der von den Flötengruppen gespielten Lieder ist auch von einem Flöten-
guru
wie
Bishnu Bhakta Kusi - nur schwer zu beantworten und muss von Lied zu Lied anders
gestellt werden. Einige der Lieder, die nur an bestimmten Anlässen oder zu bestimmten
Jahreszeiten gespielt werden,
ritume
, werden auch von Singgruppen wie
bhajan
und
d ph
gesungen. Das während
gai j tr
gespielte Lied
bhaame chaa
(22) wird zur
gleichen Zeit in dem von der Flötengruppe unterstützten Tanzensemble
n g c py khã
69 Ebd. 42.
109
mit mehreren Strophen vorgetragen, die in handgeschriebenen Singbüchlein festgehalten
sind. Hierbei wird klar, dass, wenn die Lieder auch während der Flötenlehre in ihrer
gesungenen Version gepflegt werden, sie jeweils nur mit einer Strophe gesungen werden
und die restlichen Strophen wegfallen, da der Zweck der Einprägung der Melodie des
Strophenteils mit dem Singen einer einzigen Strophe schon gewährleistet ist.
Die andere Kategorie von Liedern, jene, die zu jeder Zeit gespielt werden können,
umfasst unter anderem Liebes- und Alltagslieder. Weil diese Lieder nicht an einen Anlass
oder eine Jahreszeit gebunden sind, gewinnt bei ihrer Aufführung im Gegensatz zur
ersten Kategorie das melodische Material an Bedeutung, während der Textinhalt
gegenüber den zumeist religiösen Anlässen, an denen die Lieder gespielt werden,
willkürlich erscheint.
Dennoch gibt es auch in dieser Kategorie Lieder, die früher einmal selbst in der nur von
Flöten gespielten Aufführung eine Verbindung zum Text und deren Inhalt
aufrechterhalten haben. Gemäss Bishnu Bhakta Kusi beschreibt der Text des Liedes
by g
die Umwerbung eines Mädchens durch einen Mann. In früheren Zeiten als der
Fernseher noch keinen Platz im Abendprogramm gefunden hatte zogen Jünglinge
abends durch die Gassen und spielten dieses Lied, um die Aufmerksamkeit
unverheirateter Mädchen auf sich zu ziehen. Dieser Zweck wurde auch ohne Liedtext und
nur aufgrund der Melodie von den Zuhörern erkannt.
Lieder mit ähnlicher weltlicher Unterhaltungsfunktion wurden auch in den Familien und
zuhause gesungen, eine Tradition, die aufgrund der oben angedeuteten neuen
Unterhaltungsmöglichkeiten in letzter Zeit ebenfalls Vernachlässigung erfahren hat. Eine
weitere, inzwischen verschwundene Gesangsformation, in der solche Lieder wohl
gesungen wurden, beschreibt der Trommler Buddhalal Manandhar. Bis vor 25 Jahren
fanden sich während der warmen Jahreszeit abends in seinem Quartier zwei Gruppen
zusammen, die eine bestehend aus Männern, die andere aus Frauen, welche sich bis spät
in die Nacht beim Singen abwechselten.
110
7.3.3. Das Repertoire der Flötengruppen
Das Liedrepertoire weist zwischen den Flötengruppen Bhaktapurs grosse Ähnlichkeit auf.
Von Gruppe zu Gruppe unterscheidet sich die Spielweise der einzelnen Lieder nur wenig;
einzig die
dyohlh ygu
besitzen jeweils eine ziemlich unterschiedliche Struktur.70
Auf die Frage, wie viele Lieder in den Flötengruppen gespielt werden können, heisst es
oft einfach nur: ,,Viele, viele!" Etwas konkreter ist Flöten-
guru
Indra Bahadur Duwal,
wenn er mit abwinkender Geste und leicht ironischem Ton sagt: ,,Oh, das können so 200
sein. Man hat gar nicht genug Zeit, die alle zu lehren." Gerade letztere Aussage macht
deutlich, dass viele Lieder ,,irgendwie da sind", vor allem in den Köpfen von älteren
Spielern oder
guru
, aber nur selten zur Aufführung gelangen, wobei sie dadurch auch
schneller verloren gehen können. Die Frage muss dabei also auch die Häufigkeit der
Aufführung und die Wichtigkeit einzelner Lieder berücksichtigen. Während der Lehre
wird eine Selektion gemacht, indem in den durchschnittlich fünf Monaten der ersten
Lehrperiode nur zwischen 20 und 30 Lieder gelehrt werden. Für den Auftritt an den
Festanlässen des Jahres sollte diese Anzahl und sollten diese Lieder, welche auch
häufiger gespielt werden und wichtiger sind als andere, für die Neuinitiierten genügen.
Zwischendurch werden sie während einer Aufführung die Zeit und Gelegenheit haben,
von älteren Spielern auch weitere Lieder zu lernen. Das Besondere an den in der Lehre
gesungenen Liedern ist, dass sie dabei gepflegt werden, obwohl sie in der gesungenen
Version der Flötisten gar nicht für die Aufführung und den Vortrag ausserhalb des
Übungsraums gedacht sind.
Was die Häufigkeit, Wichtigkeit und Überlieferung von Liedern angeht, kann der
pragmatische Versuch folgender Klassifizierung unternommen werden: Es gibt Lieder,
welche a) in der Lehre mit Text gelernt werden; b) von Neuinitiierten an Anlässen ohne
Texte gelernt werden; c) nur noch selten gespielt werden; d) ältere Spieler kennen und
früher einmal gespielt haben, aber heute nicht mehr gespielt und wohl aussterben werden.
70 Dies bestätigt Bishnu Bhakta Kusi; nur begrenzt wurden von mir vergleichende Studien zwischen den
Spielweisen der Flötengruppen in Bhaktapur gemacht.
111
7.3.3.1. Klassifizierung der Lieder aufgrund von Textinhalt
Über die offensichtliche wie auch im Bewusstsein der Spieler vorhandene Trennung
zwischen Fest- oder Jahreszeitenliedern und zu jeder Zeit spielbaren Liedern hinaus
heben sich, wenn man nur vom Text der Lieder ausgeht, weitere Stücke ab:
Eine klare Sonderstellung nimmt die Anrufung an den Musikgott,
dyohlh ygu
, ein, weil
sie kein Lied zur Grundlage hat und gar keinen Text besitzt.
Die Texte aller anderen Lieder sind geteilt in Refrain und Strophe, auf Newari mit
hatwo
71 und
litwo
bezeichnet, wovon sich auch in der musikalischen Struktur zwei
unterschiedliche Teile ableiten.
Der Text des Liedes
chainashe
enthält vorwiegend Zahlen; die vergleichsweise einfache
musikalische Struktur und geringe Länge, sowie die Tatsache, dass es immer als Erstes
gelernt wird, deuten darauf hin, dass es als Übungsstück komponiert wurde und die
Zahlen die Schläge des Metrums bezeichnen. Dennoch ist es ein auch an den Anlässen
häufig gespieltes Stück.
Chainashe
(Lied 1)
Refrain:
chai
nashe swõ
pi
ngã
khu
nhe
chyaa guhu
-1
2 3 4 5 6 7 8 9.
Strophe:
ji papi tyemate,
-Lass mich Sünder nicht hier unten!
swõ
pi
ngã
khu
nhe
chyaa guhu
-3
4
5
6
7
8
9.
Teile des Textes und der Melodie des Refrains tauchen bei einem weiteren in der Lehre
zu lernenden Stück auf hier aber als Teil der Strophe. Der Refrain wird zu einer
anderen Melodie gespielt und treibt im Text die Aufzählung der Zahlenreihe weiter. Da
dieses Lied aber nicht zu den zuallererst gelernten Stücken gehört, wird es nicht als
Übungsstück verwendet. Allerdings ist es möglich, dass dies früher der Fall war und das
Lied mit der gegenüber dem ersten
chainashe
komplexeren melodischen Struktur als ein
Übungsstück mit grösserem Schwierigkeitsgrad Verwendung fand.
71 Der oben erwähnte Ausdruck
dhu
findet in Bhaktapur keine Verwendung.
112
Chainashe II
72
(Lied 7)
Refrain:
Nhere chyare g re sããdha sãrachhai sarãnas purabati
-7
8
9
10 11 12 fertig.
Strophe
siehe Refrain von
chainashe
Eine weitere Sonderstellung kann dem Lied
sri guru gane
zugesprochen werden, weil
es, von
gane
handelnd, dem Gott des guten Gelingens und des Glückes, mit dessen
Verehrung jede religiöse Handlung beginnt, in der Lehre jeweils als zweites nach dem
Übungsstück
chainashe
gelernt wird und auch oft bei einem Auftritt nach der Anrufung
an den Musikgott das Spiel einleitet.
Die Jahreszeiten- und Festlieder werden aus dem Grunde zu den entsprechenden Zeiten
gespielt, weil in ihren Texten auf sie Bezug genommen wird. Bei den übrigen Liedern,
seien sie religiöser Natur, Liebeslieder oder solche, die Alltagsszenen beschreiben,
besteht kein Zusammenhang zwischen Textinhalt und Anlass.
Als Textbeispiele für diese Art von Liedern, welche die grosse Mehrheit bilden, seien
hier zwei angefügt:
Lied 13
73
Refrain:
tho jimii chh sã bh ju n p l n chwana!
-Heute kam mein Geliebter zu uns nach Hause.
jigu mana chhãke l n chwana re!
-Mein Herz ist mit dir!
Strophe:
chh chh he chware maju
-Ich hatte zu Hause nichts gekocht.
gathe y n chhãt nake?
-Wie hätte ich dich bewirten können?
72 Von Bishnu Bhakta Kusi auf Nepali bezeichnenderweise jeweils als "
arko chainashe"
, das ,,andere
chainashe"
, bezeichnet.
73 Übersetzungen der von Shamsher Bahadur Nuchhen Pradhan unternommenen englischen Übersetzung
der von Bishnu Bhakta Kusi gesungenen Lieder 13 und 14 (Aufn. II 1-4).
113
chh chh he maru jinã
-Ich hatte überhaupt nichts zu Hause.
gathe y n jwareyaaye?
-Wie hätte ich dir kochen können?
nake twãke dagu makhu
-Ich hatte nichts zum Essen, nichts zum Trinken.
jigu mana khway jaka chwana jinã,
-Mein Herz weint!
mana jigu khwaj re.
-Mein
Herz weint!
Lied 14
Refrain:
suth ya tyelã d nii
-Die Kinder erwachen am frühen Morgen
,,am , bajii!" dh i
-Und rufen: ,,Mutter, gib uns Pressreis!"
,,maru put !" dh ibale
-Sie erwidert: ,,Ihr Lieben, ich habe nichts."
l k tula khwai
-Die Kinder weinen und kauern sich zusammen.
dããsãã majyu
-Wenn man wach ist, ist es nicht gut,
d sãã majyu
-Wenn man schläft, ist es nicht gut.
mach ch ch chuyããmiyãã
-Die Kinder schreien unaufhörlich
h la re! Daiba!
-und weinen! ,,Oh Gott!
ji gathey n chware?!
-Wie soll ich das überleben?"
114
Strophe:
suth ya tyelã d n waye jinã
-Ich erwache am frühen Morgen.
l sanã k y haye cha sã taye
-Ich bringe das Wasser zum Haus, nachdem ich es gesammelt habe, und
bewahre es dort auf.
suthatyelã d n baye
-Ich erwache am frühen Morgen.
l kanin k y ha [...] haye
-Ich bringe das heilige Wasser, nachdem ich es gesammelt habe
chh sã taye
-Und bewahre es dort auf.
7.3.4. Musikalische Analyse der Lieder
Für die Bestimmung der musikalischen Struktur und der Merkmale der Lieder der Newar
wurde wie schon im Kapitel 7.2. die Auswahl von 22 Liedern herangezogen (vgl.
Transkriptionen und Aufnahmen). Die von den Flöten gespielte Anrufung an den
Musikgott wird danach gesondert behandelt.
7.3.4.1. Form
Die Lieder bestehen bis auf die Ausnahme von Lied 21 aus zwei musikalischen
Formteilen (im Folgenden A und B), die sich aus der textlichen Unterteilung in Refrain
und Strophe ergeben und folgende Merkmale aufweisen (vgl. dazu Tabelle II):
B ist mehrheitlich länger als A (57%; in der Tabelle mit Rosa hervorgehoben; die
Wiederholungen von Abschnitten von B eingerechnet).74 In den restlichen Fällen
sind die Teile entweder gleich lang (19%) oder B ist kürzer als A (24%). Dies
lässt sich auf die textliche Anlage der Lieder zurückführen, bei der die Strophe
länger ist als der Refrain.75
Auf die Länge der Teile haben auch die Struktur und Wiederholungen von
einzelnen Abschnitten innerhalb der Teile ihren Einfluss: A besteht meistens aus
74 Die Prozentzahlen in Klammern geben die Häufigkeit der angegebenen Merkmale wieder.
75 Vgl. Lienhard 119-207.
115
einem einzigen Abschnitt (81%), während B in über der Hälfte der Fälle aus
mehreren Abschnitten zusammengesetzt ist, von denen der erste oder gar die
ersten zwei jeweils einmal wiederholt werden (52%; wiederholte Abschnitte in
der Tabelle mit Grün hervorgehoben).76
A und B enden in den meisten Fällen auf der gleichen oder einer ähnlichen Phrase
(64%; in der Tabelle mit Türkis hervorgehoben). B kann dabei mit dem Schluss
von A verknüpft sein (in der Tabelle wie auch in der Transkription mit A′
bezeichnet) oder A ungekürzt wiedergeben. In den Liedern 1 und 16 geht die
Angleichung der beiden Teile so weit, dass B nur als Variation von A anzusehen
ist und kaum neues Material einführt. Das Wiederaufgreifen des Schlusses von A
zeigt sich im Lied 18 nicht in exakt melodischer, dafür in rhythmischer Form.
Als ein Mittel, das die beiden Teile von einander abhebt, kann der Ambitus
angesehen werden, der bei B gegenüber A durchschnittlich immer höher liegt
(vgl. Tab. I und Unterkapitel Ambitus), wessen sich auch die Spieler bewusst
sind.77
76 Es fällt nicht immer leicht, zwischen wiederholten Form- und Motivteilen zu unterscheiden. Im
Gegensatz zu B werden in A tendenziell weniger Formteile wiederholt, deshalb kann wie im Falle von
Lied 3 nicht deutlich bestimmt werden, ob die Wendung, welche gleich zu Anfang von A wiederholt ist,
ein Motiv oder ein Formteil ist.
77 Bishnu Bhakta Kusi bezeichnet den B-Teil auf Nepali jeweils als
maatiko
, den oberen, oder zeichnet
einen nach oben auslaufenden Halbkreis in die Luft, wenn ich diesen Teil spielen soll.
116
Tabelle II. Länge und Form
Refrain
Strophe
Lied Nr. Länge78
Form
Länge
Form
1
16
A
16
B(A′)
2
28
A
28
BA′
3
32
A / AAB
84
B / ABB′B′′B′′′A′
4
36
A
66 (16·2+10+24)
BB′CA′
5
28
A
60 (16·2+28)
B1B1A′
6
28
A
86 (16·2+14·2+26) B1B1B2B2A′
7
44
A
74 (16·2+42)
BBA′
8
32
A
32
B
9
64 (16·2+16·2)
A1A1A2A2
64 (16·2+16·2)
BBA2A2
10
63 (21·2+21)
A1A1A2
84 (21·2+21+21)
B1B1A1A2
11
48
A(/AA′)
28 (8·2+12)
B1B1B2
12
24
A
16
B
13
28
A
48 (8·2+8+24)
B1B1B2A′
14
32
A
112 (32·2+48)
B1B1B2A′
15
28
A
60 (16·2+28)
BBA
16
32
A
36
B(A′)
17
98 (28·2+21·2)
A1A1A2A2
28
B
18
32
A
42
B (A′)
19
42
A
32
B
20
35
A
98 (35·2+28)
B1B1B2
21
32
A
22
48
A
32
BA′
78 Die Länge ist hier anhand der Anzahl von Achteln in der Transkription wiedergegeben.
117
7.3.4.2. Tonalität
Bis auf vier Lieder (1, 2, 6, 17) haben sowohl A als auch B immer c als Grundton (82%,
vgl. Tabelle III, mit Rosa gekennzeichnet); in den B-Teilen ist dies oftmals dadurch
gewährleistet, dass auf dem Schluss von A geendet wird. Dabei ist c der Grundton einer
ionischen Skala.
In diesen Fällen treten folgende Merkmale auf:
In fünf der Lieder, deren B-Teile aus mehreren Abschnitten bestehen, tritt g als
Schlusston oder besonders umspielter Ton (Lied 7) eines der Abschnitte in
Erscheinung, der ein Gegengewicht zum Grund- und Schlusston des Teils bildet
und dadurch Dominantwirkung besitzt (in Tab. III mit Türkis hervorgehoben).
Andere Töne mit dieser Funktion sind d, e, a; sie treten nur je einmal auf. In den
restlichen neun Fällen enden auch die Abschnitte der B-Teile auf dem Grundton
c.
Der gleiche Ton tritt an verschiedenen Stellen auf, wenn auch nicht als
Schlusston, so oft als prominenter Ton (in Tab. III mit Grün hervorgehoben), sei
es als Anfangston (vgl. Abkürzung "Anf." in Tabelle) als Schlusston einer Phrase,
oder weil er oft wiederholt oder durch Länge betont wird. Auch dabei erzielt er,
wie schon in den oben beschriebenen Fällen, eine Dominantwirkung. Viel
seltener, jeweils nur je vier bis sechs Mal, kann eine solche Wirkung und
Prominenz den Tönen f, d, a und e zugesprochen werden; auf h trifft dies nie zu.
Die Dominanz und Verbreitung des c als Grundton ist noch weiter ausgeprägt, indem
jede Aufführung, also auch jene von Liedern, die hier nicht als auf c endend notiert
wurden, ein lange ausgehaltenes c als Schlusston haben und den Eindruck vermitteln,
dass dieses der eigentliche Grundton ist und die Auflösung erst am Ende stattfindet (vgl.
Aufn. I 16, I 8 oder I 15/6).
Im Fall des Liedes 1 scheint die Anfügung eines zusätzlichen Schlusstons sowohl tonal
als auch rhytmisch gesehen sich aufzudrängen. Im Gegensatz zu allen anderen Stücken
haben hier die letzten Töne beider Teile nur die Länge eines Achtels und sind in
Aufwärtsbewegungen integriert, die bei wiederholtem Spiel eines Teils zum Ton g, dem
Anfangston beider Teile, hinführen. Letzterer wird in beiden Teilen auch auffällig oft
118
umspielt, wodurch er zum tonalen Zentrum wird. Doch auch in diesem Fall wird am
Schluss ein c und nicht das g lange ausgehalten. Wenn man zum Vergleich, wie oben
schon gemacht, Lied 7 heranzieht, das im B-Teil den A-Teil von Lied 1 hat und sich in c
auflöst, so könnte man auf die Idee kommen, dass Lied 7 dem Lied 1 das Material lieferte
und letzteres nur aufgrund seiner Funktion als Übungsstück bezüglich Grundton seine
von der Norm abweichende Anlage bekommen hat (Vielleicht nahm man der einfachen
Melodiebewegung wegen den B-Teil von Lied 7 und kreierte dazu eine von diesem nur
wenig abweichende Variation, die man dann als B-Teil benutzte.).
Das e bildet in Lied 2 den Schlusston sowohl beider Teile als auch einzelner Phrasen und
somit deutlich den Grundton einer phrygischen Skala. G erscheint dabei mit
Dominantwirkung.
Ebenfalls phrygisch ist der A-Teil von Lied 6 angelegt. Die beiden Teile des B-Teils
heben sich von einander wie auch vom A-Teil ab, indem sie auf c beziehungsweise g
enden.
Als Einzelfall bezüglich Tonalität erscheint Lied 17, dessen A-Teile auf d und dessen B-
Teil auf g enden. Da es immer als Teil der Trommelkomposition
kharjati
gespielt wird, in
dem es Lied 18 vorausgeht, welches g zum Grundton hat, kann es auch als Ganzes mit
Dominantwirkung gedeutet werden, die sich mit Beginn des Liedes 18 auflöst.
119
Tabelle III. Tonalität
Lied A
B
Grundton
Prominente Töne
Grundton
Prominente Töne
1
g (Umspiel./Anf.)
dito
2
e (Anf.)
(g)
e
g (Anf.)
3
c
g (Anf.), f
c
g (Dom./Anf.), f
4
c
d
c; A′
g (Anf.)
5
c
f, a
B1: e; A′
a
6
e (Anf.)
g
B1: c; B2: g; A′ B2: e
7
c (Anf.)
g
B: g
(Umsp./Anf.);
A′
8
c (Anf.)
B1: g (Anf.) B2: B1: c
g (Anf.); A′
9
A1: a; A2: c
A1: c (Anf.); g
B: a; A2
g
(Anf.)
10
c
e (Anf.)
B1: d (Anf.); A
B1: g
11
c
g (Anf.), d
B1: c; B2: c
12
c
g
c (Anf.)
g
13
c
e (Anf.)
B1: g; B2: c
B1: e (Anf.); B2: e
(Anf.); A′: c (Anf.)
14
c
B1: g; B2: c
B1: c; B2: f/a
15
c
g, a (Anf.)
B: g; A
B: c
16
c
c; A′
17
A1: d; A2: d
A1: e
g
c (Anf.)
18
c
c; (A′)
d - g (Anf.)
19
c
g (Anf.)
c
g (Anf.)
20
c (Anf.)
g
c
B1: g (Anf.); B2: d
21
c
d
22
c (Anf.)
g
c; A′
g (Anf.)
120
7.3.4.3. Ambitus und Tonlage
Da keine Originalversionen der Lieder zur Verfügung stehen oder existieren , sondern
vorwiegend nur Aufnahmen von Flötenspielern, können aufgrund der unter 7.2.
beschriebenen Registerwechsel der Flöten Ambitus und Tonlage der den Flötenversionen
zugrundeliegenden Melodien nicht mit vollständiger Sicherheit errechnet werden. Jedoch
lassen sich für jedes Lied bei näherer Betrachtung ,,logische" Melodieführungen
bestimmen, die keine den Melodiefluss unterbrechenden Sprünge besitzen; in der
gleichen Art kann das Verhältnis der Tonlagen der Teile zueinander herausgefunden
werden (in der Transkription, wo abweichend, andeutungsweise mit Grün notiert).79
Obwohl auch ein Sänger der Lieder bei umbequem gewählter Tonlage Sprünge einbauen
kann und möglicherweise gerade einer, der auch Flötist ist, schneller dazu neigt, wird es
ihm wohl leichter gelingen, die ideale Tonhöhe zu finden und können gesungene
Versionen wie die wenigen von Bishnu Bhakta Kusi, die hier herangezogen wurden, in
Bezug auf Melodieführung und Lage der Lieder als repräsentativ angeschaut werden und
die Richtigkeit der hier ausgeführten Notationsweise der Grundmelodie bestätigen. Unter
den untersuchten Liedern befinden sich nur zwei, die Lieder 6 und 19, deren Verhältnis
der Tonlage der Teile zueinander zwei Möglichkeiten offen lassen. Bei den restlichen
liegt die durchschnittliche Lage der B-Teile bis auf drei immer höher als bei den A-Teilen
(in der Tabelle III wurden die höher liegenden B-Teile oder jene Abschnitte der B-Teile,
welche neues und höher liegendes Material also nicht wie jene, die den Schluss von A
wiederbringen und dadurch in ihrer Lage A angeglichen sind einführen, mit Grün
hervorgehoben; dazugezählt wurden auch diejenigen B-Teile, bei denen der
Gesamtambitus zwar gleich gross ist wie bei A, aber bei denen wie im Lied 15 ein
Abschnitt von B nicht so tief hinuntergeht wie bei A). Dies bestätigt somit die von
Bishnu Bhakta Kusi vorgenommene Bezeichnung der B-Teile als die höher liegenden,
obwohl dies im Flötenspiel, wie in der Transkription der
ghor
-Versionen zu sehen ist,
79 Als Beispiel für den ersten Fall sei hier der zehnte Ton von Lied 4 gegeben, der in der von der
ghor
gespielten Version ein c′′ ist, auf das vom eine Septime darunterliegenden d′ gesprungen wird; hier ist ein
Sekundschritt von diesem d′ her naheliegender und wird auch so als Teil der zugrundeliegenden Melodie
notiert. In der Notation des Grundmelodie bezüglich des Verhältnisses der Lage der musikalischen Teile
zueinander wurden bei den Verknüpfungsstellen ebenfalls Schritte Sprüngen vorgezogen wie im Lied 10
ersichtlich ist, wo im Gegensatz zu der von der
ghor
gespielten Version auf den Schlusston von A, c′′, sich
B mit einem d′′ anschliesst und der Septimenfall ausgelassen wird.
121
weniger deutlich zum Ausdruck kommt.80 Nur in Lied 17 findet sich ein B-Teil, der tiefer
liegt als der A-Teil; Lieder 9 und 13 haben den gleichen Ambitus.
Die höhere Lage der B-Teile zeigt sich auch im Vergleich der Grösse der Ambitus der
beiden Teile. Es wurden in der untenstehenden Tabelle jeweils nur die Grössen der
Ambitus der gesamten Teile und jene des ganzen Liedes errechnet (in Klammern als Zahl
5 steht für Quinte gesetzt; die genauen Tonhöhen mit Gelb oder bei einteiligen Teilen
mit Grün hervorgehoben), und nicht auch jene ihrer einzelnen Abschnitte. Da bei vielen
der 22 Lieder der B-Teil weiter hinaufgeht als der A-Teil, dafür auch häufig auf dem
Schluss von A endet, ist der Ambitus von B meistens - bei 11 beziehungsweise 12
Liedern - grösser als der von A. In 5 beziehungsweise 6 Fällen ist er gleich gross und in
vier Fällen kleiner. Die Ambitus der A-Teile betragen zwischen einer Quinte und einer
Dezime, diejenigen der B-Teile zwischen einer Sexte und einer Duodezime
beziehungsweise Tredezime und diejenigen der gesamten Lieder zwischen einer Septime
und einer Tredezime. Lied 1 hat mit einer Septime den kleinsten Ambitus aller Lieder,
was wiederum durch die Funktion als Lehrstück erklärt werden kann: In diesem Stück
werden alle unterschiedlich gegriffenen Töne gespielt, ohne dass sie in überblasener
Version wiederholt würden.
80 Vgl. Fn. 10 Kap. 7.3.4. Form und Kap. 7.2.3.1.
122
Tabelle IV. Ambitus der zugrundeliegenden Melodie
Lied A
B81
Total
1
d′-a′(5)82
d′-c′′(7)
d′-c′′(7)
2
c′-a′(6)
f′-d′′(6)
c′-d′′(9)
3
c′-c′′(8)
c′-e′′(10)
c′-e′′(10)
4
g′-g′′(8)
g′′-d′′′; d′′-a′′; g′-g′′;; g′- g′-d′′′(12)
d′′′(12)
5
g′-h′′(10)
c′′-c′′′; g′-h′′; g′-c′′′(11)
g′-c′′′(11)
6
d′-e′′(9)
c′-a′/c′′-a′′; G-f′/g′-f′′; d′- d′-a′′(13)/G-e′′(13)
e′′;; g′-a′′(9)/G-e′′(13)
7
g′-g′′(8)
d′′-a′′; g′-g′′;; g′-a′′(9)
g′-a′′(9)
8
a′-a′′(8)
g′′-e′′′;g′′-d′′′; a′-c′′′;; a′- a′-e′′′(12)
e′′′(12)
9
g′-d′′; c′-h′′;; c′-d′′(8)
e′-d′′; c′-h′′;; c′-d′′(9)
c′-d′′(9)
10
a′-g′′(7)
d′′-d′′′; a′-g′′;; a′-d′′′(11) a′-d′′′(11)
11
H-c′′(9)
a′-d′′83; g′-e′′;; g′-e′′(6)
H-e′′(11)
12
g′-f′′(7)
c′′-a′′(6)
g′-a′′(9)
13
c′-e′′(10)
e′-h′; e′-d′′; c′-e′′;; c′-
c′-e′′(10)
e′′(10)
14
a′-g′′(7)
g′′-e′′′; d′′-a′′;; d′′-e′′′(9) a′-e′′′(13)
15
c′-c′′(8)
f′-c′′; c′-c′′;; c′-c′′(8)
c′-c′′(8)
16
c′-c′′(8)
c′-d′′(9)
c′-d′′(9)
17
g′-h′′; c′′-f′′;; g′-h′′(10) c′-c′′(8)
c′-h′′(14)
18
a′-e′′(5)
h′-h′′(8)
a′-h′′(9)
19
g′-g′′(8)
c′-c′′/c′′-c′′′ (8)
g′-c′′′(11/12)
81 In den B-Teilen wurden jeweils die Ambitus aller Formteile bestimmt.
82 In Klammern ist die Intervallgrösse des Ambitus angegeben (Bsp. Lied 1: 5 steht für Quinte).
83 Es wäre eigentlich naheliegender, den Anfangston des B-Teils als c′ zu notieren, um den B-Teil mit dem
gleichen Ton beginnen zu lassen wie der A-Teil endet und um den Oktavsprung zu vermeiden; ebendiesen
Oktavsprung macht Bishnu Bhakta Kusi aber in der gesungenen Version, sodass der B-Teil höher wird als
der A-Teil.
123
20
g′-a′′(9)
c′′-c′′′; c′′-h′′;; c′′-c′′′(8) g′-c′′′(11)
21
a′-a′′(8)
22
g′-h′′(10)
g′′-e′′′; c′′-h′′;; c′′-
g′-e′′′(13)
e′′′(10)
7.3.4.4. Melodische Struktur und Motivik
Dass einerseits Motive nicht immer eindeutig von Formteilen zu unterscheiden sind
beziehungsweise auch sie strukturgebende Funktion haben können und wie anderseits A-
und B-Teile motivisch miteinander verknüpft sein können, zeigt Lied 3 am deutlichsten.
Melodisches Material der ersten Phrase Motiv oder Formteil? des A-Teils (in der
Transkription mit a1 bezeichnet) erscheint hier im B-Teil (a1′) immer wieder und im
Gegensatz zu vielen anderen Liedern, bei denen die Hauptteile nur mit einem gleichen
Schluss zusammenhängen, haben beide Teile auch den gleichen Anfang. Letzteres zeigt
sich auch im B-Teil von Lied 13, wo der zweite Abschnitt, den Anfang des ersten
übernehmend, zum Schlussteil überleitet.
Die melodische Gesamtstruktur einzelner Teile kann des Weiteren durch wiederholte
Motive, zusammenhaltende Melodiebewegung oder Phrasenbildung gekennzeichnet sein.
Motive können unmittelbar nach einander wiederholt oder sequenziert werden, später und
manchmal nur in rhythmisch gleicher Form wieder auftauchen (1A, 5AB, 7AB, 8A, 15A,
16AB, 18AB). Nicht selten wird die Melodie mit durch tonale Mittel bedingte Frage-
Antwort-Phrasen oder beziehungsweise und auf- und absteigende Phrasen
zusammengehalten (6A, 10B, 11A, 14B 15B, 21). Gleiches geschieht auch durch
rhythmische Parallelität wie bei Tönen gleicher Länge an der gleichen Stelle des
Metrums (9A). Schlusswendungen sind manchmal durch Pausen oder motivisch
abgesetzt (4A, 7A, 13A).
Die melodische Fortschreitung innerhalb der Phrasen erfolgt bis auf drei Ausnahmen
(8A, 12A, 16B) immer entweder in Schritten oder in Terzsprüngen.
124
Rhythmische Merkmale sind die nicht besonders häufigen, aber doch regelmässig
auftauchenden und in bestimmten Stücken stark ausgeprägten Synkopierungen (11A,
12A, 14A, 19AB, 20AB).
7.3.4.5. Metrum
Die allermeisten Lieder haben ein gerades Metrum (86%) und werden entweder wie fast
immer der Fall zum Trommelstück
dehra
oder mit anderen Liedern als Teil von
kharjati
gespielt. Im 7er-Metrum stehen drei Lieder, von denen Lieder 2 und 10 in
partal
und
Lied 17 als Teil von
kharjati
gespielt werden. Eine Besonderheit bildet der
Metrumwechsel bei manchen Aufführungen von in
partal
gespielten Liedern, wozu es
am Ende einer Aufführung kommen kann und die Lieder in einem geraden Metrum
gespielt werden; dabei ist eine Abänderung gewisser rhytmischer Werte in der
Grundmelodie nötig (vgl. Transkription 2b und Aufn. 34, Schluss).
7.3.4.6. Dyohlh ygu
Die Anrufung an den Musikgott ist als einziges Stück wohl nur für das Flötenspiel kreiert
worden und existiert nicht in gesungener Form. Während der Lehre wird sie erst in der
zweiten Periode gelernt, im Zusammenspiel mit den Perkussionsinstrumenten, an deren
Spiel sie sich auch orientiert und von der sie sich ableitet. Sie besteht nur aus wenigen
Tönen, die lange ausgehalten werden und sich mit dem Beginn eines neuen Trommelteils
ändern.
125
8. Die Perkussionsinstrumente der bããsuri khalah: dhalak,
pachim
und
sichy h
84
8.1. Die Instrumente
8.1.1. Verwendung in anderen Ensembles
Die Perkussionsinstrumente der Flötengruppen werden auch in der
navad ph
und
teilweise in weiteren Musikensembles der Newar verwendet. Die Doppelfelltrommeln
dhalak
und
pachim
haben Verwandte oder möglicherweise Vorläufer in Nordindien:
Erstere existiert auch in etymologisch verwandter Form als
dholak
zum Beispiel in den
Gruppen von Berufsmusikern in Rajasthan; letztere wird in fast identischer Bauweise für
den klassischen
dhrupad
-Gesang verwendet, wo sie
pakh vaj
genannt wird.
8.1.2. Herstellung der Trommelmacher kulu
Die grosse Verbreitung von Trommeln und die Vielzahl verschiedener Trommeltypen,
die in der Musik der Newar in Bhaktapur verwendet werden, erfordert die Herstellung
solcher Instrumente an Ort und Stelle durch einen Trommelmacher. Es sind die
Mitglieder der Kaste der
kulu
, welche diese Arbeit neben ihren Tätigkeiten als Gerber
oder Schuster ausführen, wodurch ihnen aufgrund des Umgangs mit Tierfellen ein
tieferer Status zugeteilt wurde.85
8.1.2.1. Dhalak
Wegner hat den Herstellungsprozess der Trommel
n ykh
festgehalten,86 der hier auch für
die
dhalak
als repräsentativ angeschaut wird, da die beiden Trommeln im Prinzip gleich
konstruiert sind:
Körper der Trommel aus einem hohlen Strunk der Baumarten
c s
oder
jhv le
cv bva
zuschnitzen, eventuell mit den Körper umrundenden parallelen Linien
verzieren und mit dunkler Farbe bemalen.
Felle zuschneiden, reinigen, nässen und über einen Holzring spannen.
84 Da ich nur das Spiel auf der
dhalak
gelernt habe, nehme ich hier im Zusammenhang mit Herstellung und
Spielweise vorwiegend auf diese Trommel Bezug.
85 Levy 1990, 84.
86 Wegner 1988, 27-50.
126
Stimmpaste,
masal
, herstellen, indem die Komponenten Senföl (
cikã
), Harz des
s l
-Baumes (
s l dh p
) und Rizinuskernen (
alapu
) verrieben und miteinander
vermischt werden.
Stimmpaste auf der Innenseite des
haym
-Fells anbringen.
Holzringe mit Fellen um die Öffnungen des Trommelkörpers legen.
Mit Hilfe einer Schnur Felle provisorisch an der Trommel festmachen.
Unmittelbar innerhalb des Rahmens Löcher durch das Fell stechen.
Lederriemen durch die Löcher ziehen, der die Felle miteinander verspannt, und
gleichzeitig durch die Metallringe, welche nach der Konstruktion und dem
Spielen der Trommel durch Verschiebung zur Wiederbespannung der Felle
dienen.87
Das fertige Instrument hat einen Preis von 1200 bis 1800 Nepalesischen Rupien
(ungefähr 24 bis 36 Schweizer Franken).
8.1.2.2. Pachim
Der grösste Unterschied in der Herstellung von
dhalak
und
pachim
liegt in Gewicht und
Grösse der für die Körper verwendeten Baumstrunkteile und in den Arten der
Stimmpasten. Die für die voluminöse und schwere
pachim
auf beiden Fellen
verwendeten Stimmpasten werden zwar gleich bezeichnet, als
khau
,88 unterscheiden sich
aber dadurch, dass die eine nur temporär ist und jeweils vor jedem Spiel aus einer
Mischung aus Mehl und Wasser hergestellt und auf dem linken,
haym dyah
zugeordneten Fell angebracht wird, während das
n sah
-Fell mit einer schwarzen,
permanenten Stimmpaste versehen ist.
87 Die wenigen Unterschiede in der Konstruktion zwischen
dhalak
und
n ykh
mögen sich einerseits durch
die spezifischen Merkmale der beiden Trommeltypen und andererseits aufgrund der unterschiedlichen
Arbeitsweise der Trommelmacher ergeben; es sind die folgenden: An der
n ykh
werden weder
Verzierungen, Farbe noch Metallringe angebracht; für ihre
n sah
-Seite wird das Fell einer Kuh und für die
haym
-Seite dasjenige einer weiblichen Ziege verwendet;
n sah
- und
haym
-Felle sind bei den beiden
Trommeln vertauscht.
88 Wegner: Newar Music Dictionnary, unpubl.
127
8.1.2.3. Sichy h
Gemäss Wegner ist die Herstellung von
sichy h
im Kathmandu-Tal ausgestorben und
sind heutzutage in Kathmandu oder Lalitpur nur Becken von geringerer Klangqualität
erhältlich.89
8.1.3. Klassifikation und Instrumentenbau
8.1.3.1. Dhalak
90
Die
dhalak
ist eine zweifellige, fassförmige oder manchmal doppelt konische
Röhrentrommel aus der Gruppe der Membranophone; nach der Klassifizierung von
Hornbostel/Sachs: 211.222 (/211.232).
In der Regel beträgt die Länge der Trommel 43,5 cm, der Durchmesser des
n sah
-Felles
21,5 cm und jener des
haym
-Felles 23 cm.
Die Stimmpaste am
haym
-Fell bewirkt, dass dieses Fell tiefer, dumpfer und resonanter
klingt und so auch länger schwingt. Die unterschiedlichen Durchmesser der beiden Felle
führen dazu, dass das
n sah
-Fell höher klingt (vor dem ersten Benutzen der Trommel
etwa eine Quarte).
8.1.3.2. Pachim
Die
pachim
gehört in die gleiche Instrumentenkategorie wie die
dhalak
.
Neben den schon oben beschriebenen Unterschieden zur
dhalak
müssen noch die
Holzrollen erwähnt sein, welche wie die Metallringe bei der
dhalak
die Funktion
innehaben, die Spannung der Felle zu variieren. Eine Rolle liegt jeweils unter vier
Lederriemen und kann je nach gewünschter Spannung verschoben werden.
89 Wegner 1988, 51.
90 Für Abbildungen von
dhalak, pachim
und
sichy h
vgl. Fotos 5 (
pachim
: links,
dhalak
: rechts), 6 (v. l.
n. r.:
dhalak, sichy h, pachim
) und 7 (
pachim
: links;
dhalak
: rechts).
128
8.1.3.3. Sichy h
Das Beckenpaar
sichy h
gehört in die Kategorie der unmittelbar geschlagenen
Gegenschlagidiophone (111.1).
Ein einzelnes Becken besteht aus Messing und hat einen Durchmesser von 19 cm. In der
Mitte ist das Instrument gewölbt und mit einem kleinen Loch versehen, durch das eine zu
einer Schlaufe gebildete Schnur gezogen ist, an welcher der Spieler das Instrument halten
kann.
8.1.4. Behandlung und Unterhalt der Instrumente
Die Trommeln werden zum Schutz gegen Ratten an die Wand gehängt. Aus rituellen
Gründen ist dabei notwendig, dass die
n sah
-Seite stets entweder nach oben zur Decke
oder auf die nächstliegende Wand gerichtet ist.
8.2. Spielweise
8.2.1. Haltung
91
8.2.1.1. Dhalak
Der Spielweise im Gehen oder Sitzen entsprechend gibt es zwei Arten, die Trommeln zu
halten. Die
dhalak
wird beim Spiel im Gehen unter Verwendung des Bändels um den
Hals gehängt, wodurch sie auf Bauchnabelhöhe zu liegen kommt. Für das Spiel im Sitzen
legt sie der Spieler auf die Oberschenkel und den Bändel zur Befestigung um die Knie.
Das
n sah
-Fell liegt dabei auf der rechten Seite.
8.2.1.2. Pachim
Aufgrund des grossen Gewichts der
pachim
würde beim Spielen im Gehen ein Bändel,
wie er bei der
dhalak
vorhanden ist, dem Spieler zu stark in die Nackenhaut schneiden.
Es wird deshalb ein Tuch verwendet, das zu einem Ring zusammenknotet und um den
Körper des Spielers und die Trommel gespannt wird. Beim Trommeln im Sitzen legt der
91 Vgl. Fotos 5, 6, 7.
129
Spieler das Instrument vor sich auf den Boden und spielt es in nach vorne gebeugter
Haltung.
8.2.1.3. Sichy h
Die
sichy h
wird gehalten, indem die Mittel- und Zeigefinger durch die Schlaufe
geschoben werden. Um ein zu grosses Dämpfen der Becken zu verhindern, bleiben die
Finger gestreckt. In der Regel führt der Spieler bei Zusammenschlagen mit der rechten
Hand eine Aufwärts- und mit der linken eine Abwärtsbewegung aus, wodurch die Becken
nicht zu stark aufeinanderprallen und auch weniger leicht beschädigt werden.92
8.2.2. Anschlagarten und Trommelsilben für das Spiel der dhalak
Es gibt im Ganzen zehn verschiedene Anschlagarten für die
dhalak
, die entweder mit der
Rechten auf dem höher und heller klingenden
n sah
-Fell oder mit der Linken auf dem
tieferen und dumpferen
haim
-Fell oder mit beiden Händen zusammen ausgeführt
werden (vgl. Tab. V.). Ausser im Falle des mit
dra
bezeichneten Schlags, bei dem Zeige-
und Mittelfinger einzeln nacheinander auf das Fell schlagen, benützt der Trommler
immer die gestreckten Zeige-, Mittel-, Ringfinger und den kleinen Finger zusammen. Die
Klangqualität wird variiert, indem entweder auf die Mitte oder auf den Rand des Fells
geschlagen oder indem ein Schlag durch das Verbleiben der Hand auf dem Fell
abgedämpft wird oder ungedämpft weiterschwingt.
Das orale System,
bholi
, mit dem die Trommelstücke zuerst ohne das Instrument
eingeübt werden, ist nur begrenzt symbolisch; es funktioniert nach dem Prinzip der
Entsprechung von Artikulationsstelle im Mund und Anschlagart auf der Trommel, was
sich auch bei anderen Newar-Trommeltypen wiederfindet.93 Nicht völlig geschlossen ist
es insofern, als nicht jedem der zehn Schlagarten nur eine einzige Silbe entspricht,
sondern letztere je nach Position in der Phrase oder je nach Stück unterschiedlich sein
können (vgl. in der Tab. V. diejenigen Schlagarten, welche mit mehreren Silben
92 Vgl. auch Wegner 1988 51f.
93 Kölver und Wegner haben es an den Trommeln
dhimey
und
lalakh
nachgewiesen. Kölver, Ulrike und
Gert-Matthias Wegner:
Newarische Trommel"sprache"
, in: Festschrift Kuckertz. 261-268.
Als Aufnahmebeispiel für den Vortrag eines Stücks mit Trommelsilben wurde das lange, von Bishnu
Bhakta Kusi aufgesagte Stück
kharjati
beigefügt (Aufn. II 6, vgl. auch 8.3.2.).
130
wiedergegeben werden). Diese Abweichungen sind im Grossen und Ganzen zwar gering,
deuten aber darauf hin, dass sich das System eng an der Praxis orientiert und nicht als
abstraktes Schema existiert. Die Verwandtschaft mit dem klassischen indischen System
ist offensichtlich, umso mehr weil dort für die Unterscheidung der Anschlagarten nach
denjenigen, die von der rechten, von der linken Hand oder von beiden gleichzeitig
ausgeführt werden, die gleichen Laute verwendet werden.94 Kölver und Wegner halten es
aufgrund der Herkunft und der Bildung der Bauer-Trommler für unwahrscheinlich, dass
die Trommelsprache in der Newar-Tradition entwickelt wurde, und meinen, dass das
Lautschema vielmehr ,,in literaten Kreisen, in Kenntnis wenigstens der Elemente der
phonematischen Analyse der indischen Grammatiker entstanden sein" dürfte.95 Man
könnte dagegen halten, dass die Logik dieses phonetischen Systems auch nicht allzu
schwer und auch ohne Grammatikstudium nachzuvollziehen ist, wie nachfolgend deutlich
werden sollte.
Grundsätzlich entsprechen Trommelsilben, welche mit einem unaspirierten Dentallaut
beginnen, Schlagtypen, die mit der rechten Hand auf dem
n sah
-Fell ausgeführt werden
(
taa/tãã/naa/nãã
;
ti/di)
; seltener wird dafür auch ein dentaler Nasallaut verwendet (
ni
).
Die Silben zu den Schlagtypen der anderen Trommelseite beginnen meistens mit einem
aspirierten gutturalen
(ghe/gh ; kha; khi)
und selten mit einem bilabialen Laut (
ma
;
mi
).
Auf dieser Seite wird zumindest bei den gutturalen Lauten zusätzlich der gedämpfte
Schlag vom ungedämpften unterschieden, indem ersterer mit einem stimmlosen (
kha;
khi
) und letzterer mit einem stimmhaften Laut (
ghe/gh
) wiedergegeben wird. Der auf die
Konsonanten folgende Vokal gibt die Position der Hand auf dem Fell an, wobei dieser
bei Schlägen auf die Mitte des Fells ein
a
oder ein
e
und bei Schlägen auf den Rand ein
i
ist. Die manchmal verwendeten nasalen Laute kommen meistens bei Schlägen vor,
welche akzentuiert werden oder länger dauern. Die den beidseitigen Schlägen
entsprechenden Silben beginnen mit einem aspirierten Dentallaut, ausser bei dem nur im
Trommelstück
kharjati
vorkommenden mit
phraa
bezeichneten Schlag, und verbinden
94 Ebd. 268.
95 Ebd. 261.
131
somit die Merkmale der für das rechte Fell benutzten Silben, welche dental, aber
unaspiriert sind, mit jenen für das linke Fell, welche aspiriert sind.
Durch das Notieren der Silben im geläufigen
devanagari
-Sprachschriftsystem, wie es zur
Vereinfachung des Lernens der Stücke manchmal gemacht wird, kann ein nicht geringer
Teil des Klangbilds wiedergegeben werden. Die Dauer der Schläge kommt zum
Ausdruck, indem kürzere Schläge, die zusammen als ein Muster verstanden werden, wie
bei der Bildung von Wörtern in der Schrift unter einem Balken zusammengefasst
werden.96 Akzentuierte oder länger klingende Schläge werden oft mit einem nasalen
diakritischen Zeichen versehen.97 Das Aufsagen der Silben ist jedoch um Einiges
präziser, weil rhythmische Nuancen und Akzentuierungen besser zum Ausdruck kommen
und auch das Tempo wiedergegeben werden kann.
96 Für
drakha taakha
z.B.: .
97 Z.B. für
gh
: .
132
Tab. V. Schlagarten auf der dhalak
Rechte Hand (n sah-Fell)
Silbe
Schlagtechnik
Position auf Fell
Schwingungsart
taa/tãã/naa/nãã
Mitte
ungedämpft
ti/ni/di
Rand
ungedämpft
dra
Zeige- und
Mitte
ungedämpft
Mittelfingerspitze
kurz nacheinander
(
da-ra
)
Linke Hand (haym -Fell)
Silbe
Position auf Fell
Schwingungsart
ghe/gh
Mitte
ungedämpft
kha/ma
Mitte
gedämpft
khi/mi
Rand
ungedämpft
Beide Hände
Silbe
Position auf Fell
Schwingungsart
Rechts
links
Rechts
links
dha/dhã/dhãã/dhaa
Mitte
Mitte
ungedämpft
ungedämpft
dhe/dh /de
Rand
Mitte
ungedämpft
ungedämpft
phraa
Mitte
Mitte
ungedämpft
gedämpft
dhraa
Wie
dha
, aber Linke kurz vor Rechter geschlagen
133
8.3. Repertoire
Bishnu Bhakta Kusi spielt für die beiden in den Flötengruppen verwendeten Trommeln
dieselben Stücke wie in der
navad ph
.
Für die
dhalak
existieren acht verschiedene Stücke, vier kürzere,
dyohlh ygu, dehra,
part l
und
rikha
, und vier längere,
kharjati, t t li, brahmat l
und
lanjati
. Auf der
pachim
kann zusätzlich ein weiteres Stück mit dem Namen
sejo
gespielt werden. Es
existieren 4er-, 3er- und 7ner-Metren, wobei in einigen Stücken die Metren wechseln.
Zur genaueren Betrachtung seien hier die auf der
dhalak
gespielten
dyohlh ygu, dehra
und
kharjati
herausgenommen.
8.3.1. Dyohlh ygu
Die Anrufung an
n sahdyah
besteht aus sechs verschiedenen Teilen, die verschieden oft
wiederholt werden, wobei die Anzahl der Wiederholungen klar definiert ist (vgl. auch
Solo-Aufnahme, II 5):
AAABBBCDDDDE(/EEEE)C′CF
Während alle anderen Teile unmittelbar nacheinander gespielt werden, taucht der dritte
(C) erst gegen Ende des Stücks wieder auf, zuerst in verkürzter und variierter Form (C′)
und schliesslich als Ganzes. Die ersten zwei Teile (A, B) unterscheiden sich nur in einem
beziehungsweise zwei Schlägen. Sie bestehen aus je zwei Mustern, die ein Dreiermetrum
abdecken und von denen das erste dreimal gespielt wird (vgl. Transkription im Anhang).
Als Ganzes werden sie je zweimal wiederholt. Das Metrum des folgenden dritten Teils ist
nicht ganz bestimmbar; der
sichy h
-Spieler schwankt dabei zwischen dem Dreiermetrum
des Anfangsteils und dem folgenden Vierermetrum (vgl. alle Aufnahmen mit
sichy h
).
Dadurch, aber auch aufgrund einer fehlenden Wiederholung und der
abwechslungsreicheren Schlagkombinationen wirkt dieser Teil als Überleitung zwischen
den metrisch unterschiedlichen Teilen vor und nach ihm. Der folgende Teil (D) hat die
Länge eines Vierermetrums und wird dreimal wiederholt. Darauf schliesst sich ein Teil
an (E), der entweder als einzelner mit der Länge eines Vierermetrums oder als das
134
viermalige Spielen eines einzelnen Schlags gesehen werden kann. Nach dem
Wiederaufnehmen des dritten Teils gegen Ende werden als Abschluss drei metrisch-
ungebundene Schläge (F) gespielt.
Das sich durch das ganze Stück hindurchziehende metrisch eher unpräzise Spiel des
sichy h
-Spielers und die metrisch undefinierbaren C-Teile, welche den Fluss des Spiels
unterbrechen und in denen ein grosser Teil des Schlagarsenals der
dhalak
ausgeschöpft
wird, vermitteln den Eindruck, dass beim
dyohlh ygu
die Abfolge der einzelnen Schläge
oder einzelner Schlagkombinationen das dem Beibehalten des Metrums dienende Spiel
an Gewicht übertreffen. Die manchmal gegen das Metrum sich wendende Akzentuierung,
welche aufgrund der unterschiedlichen Lautstärke bestimmter Schläge, vor allem bei
beidseitig geschlagenen oder ungedämpft auf die Mitte des Fells ausgeführten,
automatisch erfolgt, und die unterschiedliche Klangqualität der Schläge geben dem
Trommelspiel einen manchmal fast melodischen ,,touch", was in der ausgeführten
Transkription nicht wiedergegeben wurde.
In diesem Zusammenhang müssen auch Regelungen für die Kombination von Schlägen
gesehen werden, die dem Stück abgelesen werden können und allgemein für das
Trommelspiel zu gelten scheinen:
1. Ein Schlag wird nie mehr als einmal unmittelbar wiederholt; Ausnahmen bilden
der E- und der C′-Teil.
2. In keinem Fall werden beidseitig geschlagene oder ungedämpft auf die Mitte des
Fells ausgeführte, also laute und akzentuierte Schläge (
dha, dhe, taa, ghe
) in
kurzem Abstand unmittelbar wiederholt (im Gegensatz z.B. zu
ti
im C-Teil). Dies
könnte damit erklärt werden, dass dadurch ihre besondere Klangqualität
wiedergegeben werden kann, die ihnen durch die ungedämpfte Schlagart gegeben
ist und durch längeres Nachklingen zur Wirkung kommt. Es kommt zwar vor,
dass auf Schläge dieser Art und Länge andere Schläge folgen, die das
Nachklingen vermindern könnten. Jedoch werden in einem solchen Fall die
nachfolgenden Schläge leicht verspätet geschlagen oder etwas verschluckt, so
dass der vorangehende akzentuierte Schlag dominant wirken kann (vgl. C-Teil:
Schlagkombinationen
tãã
und
dra
).
135
3. Das Prinzip der Einschränkung des unmittelbaren Wiederholens einzelner Schläge
kann auch auf die nach dem Gebrauch der Hände gemachte Unterscheidung von
Schlägen übertragen werden: Nie wird mit der gleichen Hand oder mit beiden
Händen zusammen mehr als zweimal nacheinander geschlagen.
Ein einzelner Schlagtyp,
dra
, der als einziger auch eigentlich schon eine Kombination aus
zwei Schlägen ist (
da-ra
), tritt nur in Kombination mit dem nachfolgenden
kha
in
Erscheinung. Schon dadurch, aber noch deutlicher, wenn sich wie im A-, im B-Teil, aber
auch in anderen Stücken wie
dehra
oder
kharjati
mit der Hinzunahme von
taakha
diese
Kombination zu
drakhataakha
ausweitet, entstehen Schlagabläufe, die, besonders durch
ihr wiederholtes Auftauchen, motivische Wirkung bekommen.
Das Wiederholungsprinzip kommt am deutlichsten bei grösseren Schlagkombinationen
vor, sobald sie die Länge eines Metrums oder ein ganzzahliges Vielfaches dessen
besitzen, wie es bei den genannten Teilen der Fall ist. Bei
dyohlh ygu
ist die Anzahl der
Wiederholungen klar gegeben und beträgt in den einen Fällen drei, in den anderen vier.
Zusätzlich erscheint auch das spätere Wiederholen von Teilen wie beim C-Teil, was
strukturbildende Funktion innehat.
Der
sichy h
-Spieler versucht, sich in hohem Masse dem Trommler anzupassen, kann
aber im
dyohlh ygu
ein regelmässiges Metrum nicht durchziehen; das Spiel der
sichy h
bekommt ebenso wie das Flötenspiel eher ausschmückende Nebenfunktion. Im
Anfangsteil, der im Dreiermetrum steht, wird der erste und der dritte Schlag gespielt,
während in den Teilen im Vierermetrum jeder Schlag gespielt wird (in der Transkription
mit einem zwischen den Noten liegenden Akzentzeichen wiedergegeben; vgl. Aufn. 1-5).
8.3.2. Zu den Flötenliedern gespielte Trommelstücke
Bei den meisten der anderen Trommelstücke sind folgende gemeinsame Merkmale zu
erkennen:
1. Eine Einleitung, welche ohne Flöten gespielt, aber weggelassen wird, wenn wie
meistens der Fall der
tip
-Leiter den Beginn einer Aufführung durch Anstimmen
eines neuen Liedes bestimmt.
136
2. Die
Tempo-Struktur
lento
(-
accelerando
)-
veloce
(-
ritardando
) pro Durchgang.
3. In bestimmten Passagen kann zwischen mehreren Mustern ausgewählt werden
(ausgenommen
kharjati
).
4. Einen Schlussteil, der als
ritardando
gespielt wird und das Ende eines
Durchgangs oder der Aufführung eines Stückes anzeigt.
5. Eine Schlussfloskel, bestehend aus zwei bis vier nicht-metrischen Schlägen.
Sie unterscheiden sich am meisten darin, dass einige wie
dehra
nur aus einem, andere wie
kharjati
aber aus mehreren Metren zusammengesetzt sind beziehungsweise andere
Trommelstücke integrieren und bei der Aufführung mit den Flöten das Spielen von
mindestens zwei verschiedenen Liedern erfordern. Im Gegensatz zu
dyohlh ygu
können
ausser den Einleitungen, den Schlussteilen und den manchmal auftretenden
Zwischenteilen die einzelnen Teile beliebig oft wiederholt werden (Genaueres zur
Aufführung wird im Kapitel 9 behandelt).
8.3.2.1. Dehra
Dies ist das am häufigsten in den Flötengruppen gespielte Trommelstück. Es steht in
einem Vierermetrum und beginnt mit einer Einleitung, bei der die Flöten noch nicht
mitspielen und die aus einer nicht-metrischen Folge von Schlägen auf das
n sah
-Fell
(vgl. untenstehendes Schema und Transkription im Anhang: A) und aus einem im
Vierermetrum gesetzten, vier Metren umfassenden Teil besteht (B). Letzterer kann als
aus zwei, sich nur in ihren beiden Anfangsschlägen unterscheidenden Teilen gesehen
werden, die wiederum in zwei Teile von der Länge eines Metrums unterteilt sind, von
denen alle ein Motiv in sich einschliessen, welches aus einem beidhändig ausgeführten
Schlag und der Kombination
drakhataa
besteht. Auf ihn folgt das Zusammenspiel mit
den Flöten und ein Teil von der Länge von zwei Metren (C), den der Trommler beliebig
oft wiederholen kann (deshalb im untenstehenden Schema kursiv gesetzt) und der aus
zwei Teilen mit gleicher zweiter Hälfte zusammengesetzt ist. Anschliessend wird nur der
zweite beliebig oft wiederholt (C2). Der folgende Teil wird tendenziell beschleunigend
gespielt und kündigt das Ende des langsameren Teils beziehungsweise den schnelleren
Teil an (D). Die Beschleunigung des Tempos zieht sich mit dem neuen, wiederum
137
beliebig oft wiederholbaren und ein Metrum umfassenden Teil weiter, bis das
gewünschte Tempo erreicht ist (E). Danach kann der Trommler zwischen drei
verschiedenen Teilen auswählen, welche von der Länge eines oder zweier Metren und
beliebig oft zu spielen sind, und diese kombinieren (F, G, H). In der Regel werden zwei
dieser Teile ausgewählt, bis dann der zuvor schon spielbare Teil F als letzter wiederholt
gespielt wird. Die Schlussfloskel besteht nur aus zwei Schlägen.
A
B
C
C2
D
E
F/G/H
F
B2
I
Einleitung
lento
(
acc
.)
acc
./
veloce
rit
.
Schluss
8.3.2.2. Kharjati
Dieses lange Trommelstück ist aus zwei Abschnitten mit unterschiedlichen Metren
zusammengesetzt, zu dessen Aufführung deshalb zwei oder manchmal drei Flötenlieder
gespielt werden müssen (vgl. Aufn. I 34, I 37 oder II 6). Darüber hinaus schliesst es auch
Abschnitte aus anderen Trommelstücken in sich ein. Die Wiedergabe des formalen
Ablaufs soll die komplexe Struktur des Stücks aufzeigen (die kursiv gesetzten Teile
werden beliebig oft wiederholt):
AA
B
AACC
B
AACC
DEFGHI
J
KL
J
MNM
O
M
O
MP
QR
S
4er-Metrum
partal
-
7er-Metrum:
dhamak
dehra
-Auszüge
Auszüge
138
9. Das Zusammenspiel der Instrumente
9.1. Aufführung mit dem Trommelstück dehra für dhalak
Die eigentliche Aufführung eines Stücks, das Zusammenspiel aller Instrumente, soll hier
vorerst ausgehend vom auf der
dhalak
gespielten Trommelstück
dehra
dargestellt werden
(vgl. Aufn. I 10 sowie für eine Aufnahme mit Normalbesetzung II 8).
Für eine minimale Aufführung spielt der Trommler zwei Durchgänge von
dehra
(8.3. und
untenstehendes Schema). Während des ersten Durchgangs spielen und wiederholen die
Flötisten den A-Teil ohne Unterbruch und passen ihr Tempo jenem des Trommlers an.
Mit dem Beginn des zweiten Durchgangs (im Schema nach dem Doppelstrich) wird der
B-Teil des Liedes zweimal gespielt, bevor wiederum das ständige Wiederholen des A-
Teils folgt. Für eine längere Aufführung können die zwei
dehra
-Durchgänge mehrmals
angehängt werden.
Dhalak
(AB) CC2 D
E
F/G/H G
B2 CC2
D
E F/G/H G
B2 I
(/CC2)
Bããsuri
A
A
A
A
BB
A A
A
A
(BB
A
)
Tempo
lento (acc.) acc.- veloce
rit. lento (acc.) acc.- veloce
rit. (lento)
So einfach dieses Konzept auch erscheint: Für ein ideales Zusammenspiel bedarf es einer
Rollenverteilung unter den Spielern und der Kenntnis des Einzelnen von der Spielweise
aller Instrumententypen.
Die Länge und das Tempo der Aufführung bestimmt allein der Trommler. Den Anfang
macht entweder er, indem er ohne die Flöten seine Einleitung spielt (AB), oder wie
meistens der Fall der
tip
-Leiter, der anfangs solo ein Lied anstimmt. Im ersten Fall ist
das Metrum schon von Anfang an definiert; doch ist es nur der
tip
-Leiter, welcher auf das
Trommelspiel einsteigen kann, da alle anderen Flötenspieler dessen vorgeschlagenes Lied
zuerst erkennen müssen. Den richtigen Zeitpunkt des Einstiegs findet er, wenn er auch
die Trommeleinleitung und deren Ende kennt. Im zweiten Fall müssen die Spieler
ebenfalls das vom
tip
-Spieler angestimmte Lied erkennen und muss der Trommler das
Metrum spüren und zum richtigen Zeitpunkt mit seinem Trommelmuster einsetzen; der
Anfang ist somit nicht klar gesetzt, nur allmählich finden die Spieler zusammen.
139
Nachdem ein Weilchen in langsamem Tempo gespielt wurde und die A-Teile der
Flötenlieder sowie die C-Teile von
dehra
mehrmals wiederholt wurden, folgt, vom
Trommler initiiert, die Steigerung des Tempos. Die Schwierigkeit für den Trommler
besteht darin, den Teil, der den langsamen Teil des Durchgangs abschliesst (D), so zu
spielen, dass er auf das Ende des A-Teils des Flötenliedes zu liegen kommt, und dieses
Ende sozusagen vorauszuhören, was nicht immer gelingt; hier ist die Kenntnis des Lieds
Voraussetzung. Es kann für die Flötisten hilfreich sein, diesen Teil als Signal zur
Temposteigerung herauszuhören, um sich auf das schnellere Spiel vorzubereiten; jedoch
übernehmen sie automatisch das sich verändernde Tempo, das sie dem lauten Spiel der
sichy h
leicht abhören können.
Der Trommel-Teil, der den einen Durchgang abschliesst (B2), muss vom Trommler
wiederum an die richtige Stelle im Lied gesetzt werden. Danach übernimmt oftmals der
andere Trommler, wenn auch der Wechsel vom einen zum anderen Trommler auch zu
anderen Zeitpunkten möglich ist. Da an dieser Stelle nicht nur das Tempo wieder
verlangsamt wird, sondern auch der B-Teil des Liedes folgt, müssen die Flötisten diesen
Trommel-Teil unbedingt erkennen.
Nicht immer eindeutig ist, ob eine Aufführung endet oder ob noch weitere Durchgänge
gespielt werden. Entweder müssen die Flötisten hier wiederum auf den Trommler achten
und vor allem an seiner Gestik erkennen, ob er weiterspielen möchte, oder es wird
aufgrund der Entfernung zu einem Schrein klar, dass schon bald
dyohlh ygu
folgen muss.
9.2. Länge einer Aufführung
Die Länge einer Aufführung ist beim Spielen im Gehen und an einer Prozession von der
Lokalität abhängig. Strukturiert wird ein Auftritt der Flötengruppe dabei von den
dyohlh ygu
, welche gespielt werden, sobald ein Schrein oder das Bildnis eines
bedeutenden Gottes passiert wird. Wenn während einer Prozession der Abstand zwischen
den Schreinen, an denen
dyohlh ygu
gespielt werden, zu gross ist, die vom Gefühl der
Spieler bestimmte Normaldauer der Aufführung eines Stückes überschritten wird, wird
aber auch ein weiteres Stück, im Idealfall ohne Unterbruch, angehängt. Wenn der Schrein
dann erreicht wird, kann nicht mitten in der Aufführung abgebrochen werden, sondern
140
muss diese beziehungsweise der zweite Durchgang zuerst beendet werden (als Beispiel
für eine im Gehen und in ,,klassischer Situation" gespielte Aufführung vgl. Aufn. II 9).
Beim Spiel im Sitzen wird die Länge einer Aufführung nach Gutdünken des Trommlers
bestimmt, jedoch sind auch hier Normen herauszulesen. Der Trommler wird sich wohl
am ehesten an der Anzahl der gespielten A-Teile der Flötenlieder orientieren, um zu
bestimmen, dass die Zeit für den nächsten Teil gekommen ist (der A-Teil wird zwischen
5 bis 10 Mal gespielt, bevor der B-Teil folgt; die Anzahl der gespielten Durchgänge ist
meistens zwei oder drei).
9.3. Musikalische Funktionen der Mitglieder
Autoritäten in der Flötengruppe bilden die
tip
-Leiter, weitere sind vor allem ältere
tip
-
Spieler und der Trommler. Sie alle sind es auch, die, zuvorderst schreitend, die Gruppe
anführen und deren Spiel mit gestischen Zeichen zusammenhalten. Gerade in den
unberechenbaren Situationen bei Festanlässen, in denen die akustischen Bedingungen
immer wechseln und die Flötengruppe von anderen Gruppen übertönt wird, reichen die
rein klanglichen Signale nicht aus. In solchen Fällen kommt es vor, dass für die
Ankündigung eines neuen Teils sich der Trommler zur Gruppe umdreht und ein
Weilchen rückwärts schreitet. Dies machen auch die
tip
-Spieler, wenn sie das Trommel-
Signal erkannt haben; oft genügt dafür ein kurzer Blick nach hinten. Nicht nur um einen
neuen Teil anzuzeigen, sondern auch um das Spiel zusammenzuhalten und zu
Konzentration zu mahnen, dreht sich der
tip
-Leiter manchmal um und dirigiert sozusagen
während längerer Zeit die Gruppe im Rückwärtsgehen. Auf falsches Spiel machen ältere
Spieler mit bösen Blicken aufmerksam.
Die hauptsächliche musikalische Funktion des
tip
-Spielers, das Anstimmen der Lieder, ist
eine durchaus anspruchsvolle Sache. Zum einen muss er verschiedenste Lieder präsent
haben und ihre richtige Fassung möglichst schnell zu spielen wissen, anderseits kommt es
drauf an, auch die passenden Lieder auszuwählen. Das Festlied eines Anlasses sollte
regelmässig wiederauftauchen, nach jeweils etwa drei oder vier anderen Stücken, die
wiederum jedoch möglichst unterschiedlich sein sollten.
141
9.4. Besetzung und Wirkung
Gemäss Bishnu Bhakta Kusi besteht die Idealbesetzung zusätzlich zu den drei
Perkussionisten aus acht bis zehn Flötenspielern, das heisst zwei bis drei
tip
- und vier bis
sieben
ghor
-Spielern. Bei mehr Leuten wird die Gruppe wohl zu schwerfällig, bei
weniger würden die Flöten zu leise klingen, was beides oft vorkommt.
Die akustisch schwierigen Bedingungen beim Spiel an Anlässen, wo auch andere
Gruppen auftreten, physische Anstrengung beim Spiel im Gehen oder bei langen
Auftritten, Schwierigkeiten des Zusammenspiels beim Beginn einer Aufführung oder
beim Wechsel von einem Teil zum anderen, wie oben erwähnt, oder die unterschiedliche
Stimmung der Flöten führen dazu, dass das Spiel der Flötengruppen sowohl rhythmisch
als auch tonal eine heterophone Klangmasse bildet, bei der das Flötenspiel manchmal an
einen Bienenschwarm erinnert. Systematisch ist die melodiöse Heterophonie im
trillerreichen und manchmal herausstechenden
tip
-Spiel. Die rhythmische Präzision hängt
von der Grösse der Gruppe und den akustischen Bedingungen ab und ist also
veränderlich.
9.5. Die Konstruktion der bããsuri khalah
Die getrennte Behandlung der Melodie- und der Rhythmusinstrumente der
bããsuri
khalah
in den beiden vorangehenden Kapiteln rechtfertigt sich vor allem dadurch, dass
einerseits auch während der Lehre diese Instrumente einzeln unterrichtet werden und also
auch das Spiel der einzelnen Instrumententypen für sich allein funktioniert und dass
anderseits deren Spielweise oder zumindest deren Repertoire unabhängig von der
Existenz von Flötengruppen entstanden zu sein scheinen. In der Tat ist es verlockend, die
bããsuri khalah
als ein aus zwei Newar-Musiktraditionen zusammengesetztes Ensemble
zu betrachten, das in der Kombination von Flöten und Perkussionsinstrumenten zwar
originell und eigenständig ist, die beiden Praktiken aber wenig verändert einschliesst. Auf
die ursprüngliche gesangliche Ausführung der Flötenmelodien und auf Praktiken der
Lied- und Singtradition wurde schon hingewiesen (s. Kap. 7.3.2.). Es darf angenommen
werden, dass sich die mit Flöten gespielten Versionen der Lieder im Spiel mit den
Trommeln zusammen entwickelt haben, jedoch unterscheiden sie sich nur in geringem
Masse von den Gesangsversionen (s. Kap. 7.2.4.), die ja für das Erlernen des Flötenspiels
142
auch immer die Voraussetzung und aus dieser Perspektive ein Original bilden, von dem
das Flötenspiel nicht weit abweichen kann. Dass auch Teile einer Trommeltradition,
derjenigen der
naub j
von
taulach
, für das Spiel der Flötengruppen übernommen
wurden, lässt sich nicht allein aufgrund des gleichen Repertoires in der Formation von
taulach
und der in letzter Zeit unternommenen Integration von Flöten in die
taulach -
navad ph
erklären. Es müssten auch weitere Flötengruppen Bhaktapurs und deren
Verbindung zu
naub j
sowie das Zusammenspiel von Schalmeien und Trommeln in
anderen
naub j
untersucht werden, um lokale Besonderheiten zu erkennen oder
auszuschliessen. Zudem könnte der Einfluss theoretisch auch umgekehrt gewesen sein.
Allerdings ist die Existenz von
navad ph
schon im 18. Jh. bezeugt. Sie entstanden auf
Wunsch und Befehl des damaligen Königs von Bhaktapur, was wohl mit rituellen und
musikalischen Vorgaben und Sanktionierungen wie auch mit einem Dienst an der Stadt
verbunden war; grosse Veränderungen und äussere Einflüsse werden dadurch weniger
zugelassen worden sein. Auch heute ist das Spiel der
naub j
in einen komplexen,
grundsätzlich immer gleichen Ablauf integriert, der zu einer ernsteren Grundstimmung
führt. Dagegen erscheinen aufgrund der in Kapitel 7.2.2.3. ausgeführten Hinweise die
Flötengruppen jünger, und angesichts der reichhaltigen und hochentwickelten
Trommelkunst, die quasi das Fundament der newarischen Musik bildet, ist es
wahrscheinlicher, dass bei der Gründung von Flötengruppen auf eine schon zuvor
existierende Trommeltradition zurückgegriffen wurde.
Auch die rein klangliche Ebene der Musik der Flötengruppen legt deren Entstehung aus
zwei autonomen Musiktraditionen nicht wirklich offen, dafür aber macht der Blick auf
das Prinzip des Zusammenspiels von Flöten und Trommeln deutlich, dass von beiden
Seiten keine grossen Kompromisse gemacht werden mussten und die Spielweisen beider
Instrumente ein grosses Mass an Autonomie besitzen: Ihr gemeinsamer Nenner bilden
nur das Metrum und das Tempo. Obwohl es Dutzende von Liedern im binären Metrum
gibt, wird auf der Trommel für jedes dieser Lieder die gleiche Trommelkomposition im
Vierermetrum (
dehra
) gespielt, ungeachtet der genauen metrischen Struktur oder des
Charakters des Liedes. Dies kann bestimmt als geschickte und pragmatische Lösung
angeschaut werden, doch geht sie wenn auch nur selten nicht immer auf: Die Längen
der B-Teile der Lieder 6, 7 und 18 lassen sich nicht in ein Vierermetrum zwängen (s.
143
Tab. II.). Allerdings kann dies aufgrund der Binarität der metrischen Struktur des Liedes
nicht zu grossen Schwierigkeiten im Zusammenspiel führen.
Eine ansatzweise sich abzeichnende Willkür der Verwendung von Metren für bestimmte
Lieder oder gar der Hang zum Verändern des Metrums desselben Lieds kommt auch in
anderen Fällen zum Vorschein. Obwohl in Lied 3 nicht einmal ein binärer Charakter
herauszuspüren ist, wird
dehra
verwendet; in gewissen Passagen erweckt es den
Eindruck, dass dieses Lied sogar zur Anpassung an das Vierermetrum richtiggehend
zurechtgestutzt wurde (vgl. Aufn. I 10 und die in der Transkription hervorgehobene
unterschiedliche Gestalt gleicher Motive), eine Veränderung also, die durch das
Zusammenspiel in der Flötengruppe zustandekam oder vorgenommen wurde, um dieses
zu ermöglichen. Das Verwenden zweier verschiedener Metren für dasselbe Lied und
damit die Schaffung von zwei Versionen eines Liedes wie im Falle der Aufführung von
Liedern zusammen mit
partal
, wenn am Schluss auf das Spiel im Siebner- dasjenige im
Vierermetrum folgt (vgl. Aufn. 34, Schluss), kann sowohl als eine für das
Zusammenspiel vorgenommene Besonderheit angesehen werden wie auch als Ausdruck
für die in dieser Musiktradition ausgeprägte Vorstellung, dass zwei grundsätzlich
unabhängige musikalische Bausteine, ein melodischer und ein rhythmisch-metrischer, mit
nur wenig Veränderungen miteinander verbunden werden können. Dieses Verständnis
existiert im Übrigen auch in der Indischen Klassischen Musik, wo ein
r ga
mit
verschiedenen
tala
gespielt werden kann oder gar die rhythmische Struktur einer
Liedkomposition dem
tala
gemäss abgeändert wird. Eine Ähnlichkeit zwischen diesen
beiden Musiktraditionen zeigt sich auch im Verhältnis der existierenden Lieder
beziehungsweise
r ga
und der Trommelkompositionen beziehungsweise
tala
: Erstere
existieren in grosser Anzahl, während es von letzteren weniger gibt oder zumindest nur
wenige regelmässig gespielt werden.
144
10. Schlussbetrachtung
Ausgangspunkt dieser Untersuchung der Querflötengruppen war die Spielweise und
musikalische Aktivität von Flöten- und Trommel-
guru
Bishnu Bhakta Kusi sowie von
zwei Gruppen, in denen er mitwirkt und auf die er als
guru
Einfluss ausübt oder ausgeübt
hat. Ich habe darzustellen versucht, dass selbst letztere trotz bestimmter und deutlich zu
erkennender Normen bezüglich Mitgliederzahl und Besetzung, Wahl der
Auftrittsgelegenheiten oder Liedrepertoire variieren. Zudem ist der Ablauf eines Auftritts
einer jeden Querflötengruppe nicht voraussehbar, vielmehr ergeben sich unterschiedliche
Situationen, welche durch äussere Umstände wie Dauer und Bedeutung des Auftritts oder
des Anlasses, Art des Spielens (im Gehen oder im Sitzen), akustische Bedingungen, das
Wetter usw. bedingt sind. Die Musiklehre habe ich aufgrund der beschränkten
Vergleichsmöglichkeiten und insbesondere aufgrund der für nötig erachteten detaillierten
Darstellung einer
p j
für den Musikgott, deren Ablauf wohl nicht immer genau der
gleiche ist, als Einzelfall behandelt, der für die Musiklehre der Bauernkaste von
Bhaktapur dennoch Repräsentativität besitzt. Während davon ausgegangen werden kann,
dass die Bauweise der Flöten aufgrund der Herstellung an nur wenigen Orten in Patan in
allen Newar-Siedlungen im Kathmandu-Tal die gleiche und das Repertoire der
Flötenlieder oder ein Grossteil dessen überregional ist, muss die Spielweise wieder als
eine für die Querflötengruppen um Bishnu Bhakta Kusi spezifische angesehen werden.
Die Herstellung der Perkussionsinstrumente in Bhaktapur selbst bedingt eine
Einheitlichkeit der Bauweise innerhalb der Stadt, wobei auch erwähnt sei, dass die in den
Querflötengruppen verwendeten Trommeln und Becken mit gleichem Namen und
ähnlicher Form auch in Kathmandu und Patan existieren.98 Von grossen Abweichungen
innerhalb der Stadt kann bei den Trommelstücken ausgegangen werden; dies legt ein
Vergleich der Trommelstücke der
naub j
von
taulach
mit denjenigen von
yach
nahe:
Zwar existieren im Repertoire beider Gruppen Stücke mit der gleichen Bezeichnung,
doch unterscheiden sie sich bei genauerem Hinhören ausser im Metrum stark von
einander.99 Ein deutlicher Unterschied im Zusammenspiel zwischen den Gruppen um
98 Vgl. Hörburger, Felix:
Nepal Musik der Nev r -Kasten.
Klangdokumente zur Musikwissenschaft,
Berlin, 1971.
99 Wegner, Gert-Matthias: Notation der Trommelstücke der
naubaja
von
yach
, unpubl.
145
Bishnu Bhakta Kusi und anderen Querflötengruppen von Bhaktapur zeigt sich in der
Besetzung, da manche auch Harmonium und Violinen verwenden. Beim Blick nach
Kathmandu fällt in Bezug auf das Gruppenspiel die Verwendung nur eines melodischen
Teils und einer Coda auf.100
Diese abschliessende Betrachtung soll einerseits deutlich machen, auf welche Musik sich
die vorliegende Arbeit konzentriert, und anderseits eine Ahnung vermitteln, in welche
Richtungen Bestrebungen unternommen werden könnten, um ein ganzheitlicheres Bild
der Querflötengruppe(n) der Newar zu zeichnen. Aufschlussreich wäre ein Vergleich mit
weiteren Gruppen in Bhaktapur, deren Anzahl gemäss Schätzungen von Bishnu Bhakta
Kusi sechzig bis achtzig beträgt. Wie sehr es gerechtfertigt ist, von Querflötengruppen
der Newar an sich zu sprechen, würde eine Untersuchung von Gruppen in anderen
Newar-Siedlungen des Tals aufzeigen, was kein geringes Unterfangen wäre. Eine weitere
Dimension stellen die Texte der für das Flötenspiel verwendeten Lieder dar. Ihre Analyse
könnte Klarheit verschaffen über den Zusammenhang zwischen Textinhalt und Anlass.
Möglicherweise würde zudem eine nicht nur der Erforschung der Flötenmusik, sondern
jener der Newar-Lieder allgemein und ihrer Aufführungskontexte von der Untersuchung
von Querflötengruppen ausgehen, da diese als Reservoir der Lieder dienen.
100 Aubert 1989.
146
Anhang I: Tonaufnahmen
Bemerkungen zu den Aufnahmen und Transkriptionen der Lieder:
Die Transkriptionen beziehen sich auf die von Bishnu Bhakta Kusi während der Lehre
auf der
ghor
dem Schüler solo vorgespielten Versionen der Lieder; die beigelegten
Tonaufnahmen geben grösstenteils andere Versionen wieder, welche ihrerseits aber die
Grundstruktur der Lieder sowie Tendenzen der Spielweise zu erkennen geben (s. dazu
Kap. 7.2.3.1.)
Tonaufnahmen
Aufn.- Bezeichnung
Dauer Datum
Ort
Besetzung
101
Nr.
I 1
dyohlh ygu
I
0:40
13.2.03-
Bhaktapur,
BBK:
tip
;
6.4.03
dattatreya,
S, DS:
ghor
; BK:
dhalak
;
(während
geschlossener
RK:
Musiklehre) Raum eines
sichy h
Wohnhauses
I 2
dyohlh ygu
II
0:42
"
"
dito, ausser BBK:
ghor
I 3
dyohlh ygu
III
0:35
"
"
dito, ausser ohne
sichy h
,
RK:
dhalak
I 4
dyohlh ygu
IV
0:38
"
"
"
I 5
dyohlh ygu
V
0:30
"
"
dito, ausser BBK:
tip
I 6
Lied 1 A
0:29
"
"
"
I 7
Lied 1 B
0:16
"
"
"
I 8
Lied 2 A
0:36
"
"
dito, ausser BBK:
ghor
I 9
Lied 2 B
0:29
"
"
"
101 Die Initialen stehen für folgende Personen:
BBK:
Bishnu Bhakta Kusi
S: Sa la
BK: Bishwaram Kusi
RK:
Ramesh Koju
IBD:
Indra Bahadur Duwal
DS:
Dieter Sulzer
147
I 10
Lied 3
5:02
"
"
dito, ausser BBK: tip
I 11
Lied 4 A
0:36
"
"
"
I 12
Lied 4 B
1:01
"
"
"
I 13
Lied 5 A
0:50
"
"
"
I 14
Lied 5 B
0:51
"
"
"
I 15
Lied 6 A
0:38
"
"
"
I 16
Lied 6 B
0:34
"
"
"
I 17
Lied 7
3:50
"
"
"
I 18
Lied 8
3:57
"
"
"
I 19
Lied 9
4:11
"
"
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