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"Wie im echten Leben..."

Subtitle: Das Encoding/Decoding-Modell von Stuart Hall und die Rezeption serieller Fernsehtexte am Beispiel ‚Dawson’s Creek‘

Termpaper, 2007, 27 Pages
Author: Christian Undorf
Subject: Communications: Theories, Models, Terms and Definitions

Details

Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 27
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 22  Entries
Language: German
Archive No.: V118414
ISBN (E-book): 978-3-640-21652-9
ISBN (Book): 978-3-640-21657-4
File size: 167 KB

Abstract

Die fiktionalen Bilderwelten von Fernsehserien gehören fest zu unserem Alltag und im Fernsehen vergeht kaum eine Minute, in der nicht auf irgendeinem Kanal eine Serie ausgestrahlt wird. Doch wie gehen wir eigentlich mit diesen Inhalten um? Was passiert, wenn wir eine Fernsehserie rezipieren, und sei es nur aus Zeitvertreib? Sind wir Medieninhalten tatsächlich so machtlos ausgeliefert, wie es beispielsweise das Reiz-Reaktions-Modell oder andere medienwissenschaftliche Ansätze implizieren? Oder müssen wir den Fernsehzuschauer vielmehr als aktiv Handelnden betrachten? Letztere Auffassung hat sich insbesondere in den Cultural Studies durchgesetzt. Diese vertreten die Meinung, dass sich die vollständige Wirkung eines Medientextes erst bei dessen Rezeption zeigt, abhängig von der aktuellen Situation des Rezipienten, dessen Vorwissen sowie beeinflusst durch eigene, persönliche Erfahrungen. Die Vorstellung Stuart Halls, einem herausragenden Vertreter der Cultural Studies, von der Aneignung von Fernsehtexten, in der Lesart und soziale Lage des Zuschauers untrennbar miteinander verknüpft sind, bildet die Grundlage dieser Arbeit. Das von ihm entwickelte Encoding/Decoding-Modell soll dabei nicht nur einen Schwerpunkt im ersten Teil der Ausarbeitung darstellen, sondern anschließend in der Untersuchung der US-amerikanischen Jugend-Dramaserie 'Dawson’s Creek' den theoretischen Bezugsrahmen bilden. Anhand einer beispielhaft ausgewählten Episode wird versucht, die von Hall konstatierten, verschiedenen Möglichkeiten der Deutung und Bewertung von Fernsehtexten zu veranschaulichen. Die Arbeit soll einen Bogen schlagen vom Medienprodukt zur soziokulturell vermittelten Rezeption nach Stuart Hall sowie den daraus resultierenden möglichen Rezeptionspositionen und Lesarten.


Excerpt (computer-generated)

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Wintersemester 2006/07

,,Wie im echten Leben..."

Das Encoding/Decoding-Modell von Stuart Hall und die Rezeption

serieller Fernsehtexte am Beispiel ,Dawson′s Creek`

vorgelegt von

Christian Undorf

Fach: Medien- und Kulturwissenschaften


2

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis 2

1.

Einleitung 3

2.

Das

Encoding/Decoding-Modell

von Stuart Hal ­ Ausgangspunkt und

Bezugsrahmen dieser Arbeit 4

2.1 Medienaneignung im soziokulturel en Kontext 4

2.2 Drei hypothetische Lesarten von Medientexten 7

2.3 Kritische Einwände gegen das Massenkommunikationsmodel 9

3.

Das Beispiel

Dawson′s Creek

11

3.1 Geschichte und Konzept der Serie 11

3.2 Die Episode ,,The Longest Day" als exemplarischer

Untersuchungsgegenstand 14

3.3 Darstel ung der möglichen Rezeptionspositionen 16

4.

Fazit 22

Quel en- und Literaturverzeichnis 25


3

1. Einleitung

Mil ionen Menschen sehen sie täglich, lassen sich immer wieder aufs Neue von

ihnen begeistern und richten nicht selten sogar ihre Tagesplanung nach ihnen aus.

Die Rede ist von Fernsehserien. Die fiktionalen Bilderwelten gehören fest zu

unserem Al tag und im Fernsehen vergeht kaum eine Minute, in der nicht auf

irgendeinem Kanal eine Serie ausgestrahlt wird. Doch wie gehen wir eigentlich mit

diesen Inhalten um? Was passiert, wenn wir eine Fernsehserie rezipieren, und sei es

nur aus Zeitvertreib? Sind wir Medieninhalten tatsächlich so machtlos ausgeliefert,

wie

es

beispielsweise

das

Reiz-Reaktions-Model

oder

andere

medienwissenschaftliche

Ansätze

implizieren?

Oder

müssen

wir

den

Fernsehzuschauer vielmehr als aktiv Handelnden betrachten?

Letztere Auffassung hat sich insbesondere in den Cultural Studies durchgesetzt.

Diese vertreten die Meinung, dass sich die vol ständige Wirkung eines Medientextes

erst bei dessen Rezeption zeigt, abhängig von der aktuel en Situation des

Rezipienten, dessen Vorwissen sowie beeinflusst durch eigene, persönliche

Erfahrungen. Die Vorstel ung Stuart Hal s, einem herausragenden Vertreter der

Cultural Studies, von der Aneignung von Fernsehtexten, in der Lesart und soziale

Lage des Zuschauers untrennbar miteinander verknüpft sind, bildet die Grundlage

dieser Arbeit. Das von ihm entwickelte

Encoding/Decoding-Modell

sol dabei nicht

nur einen Schwerpunkt im ersten Teil der folgenden Ausarbeitung darstel en,

sondern anschließend in der Untersuchung eines populären, seriel en Fernsehtextes

zur Anwendung kommen und hierbei den theoretischen Bezugsrahmen bilden.

In der vorliegenden Arbeit habe ich mich für die US-amerikanische Jugend-

Dramaserie

Dawson′s Creek

entschieden, die für den US-Sender ,The WB

Television Network` in den 1990er Jahren zu einem Publikumserfolg wurde und unter

Jugendlichen schnel einen sehr hohen Bekanntheitsgrad erreichte. Anhand einer

beispielhaft ausgewählten Episode werde ich versuchen, die von Hal konstatierten,

verschiedenen Möglichkeiten der Deutung und Bewertung von Fernsehtexten zu

veranschaulichen.

Die Arbeit sol einen Bogen schlagen vom Medienprodukt zur soziokulturel

vermittelten Rezeption nach Stuart Hal sowie den daraus resultierenden möglichen

Rezeptionspositionen und Lesarten.


4

2. Das Encoding/Decoding-Modell von Stuart Hall ­

Ausgangspunkt und Bezugsrahmen dieser Arbeit


2.1 Medienaneignung im soziokulturellen Kontext

Was machen die Medien mit den Menschen? Lange Zeit stand diese Frage im Fokus

der Wirkungs- und Rezeptionsforschung. Dabei ist das Bild der ,,übermächtigen

Medien", die auf den passiven Rezipienten in einer Art ,,kommunikativen

Einbahnstraße" einwirken, schon lange überholt (

Reiz-Reaktions-Modell

: Medium

sendet Reiz, Rezipient empfängt und reagiert).1 Fest steht: Menschen nehmen

Medienangebote selektiv wahr. Was dem einen gefäl t, gefäl t noch lange nicht dem

anderen. Insofern muss die eingangs gestel te Frage neu formuliert werden: Was

machen die Menschen mit den Medien? Eine Antwort hierauf liefert der

Uses and

Gratification-Ansatz

(Nutzen und Belohnungs-Ansatz): Ihm liegt die Auffassung zu

Grunde, dass der Mensch bestimmte Bedürfnisse an ein Medium heranträgt, zum

Beispiel das Bedürfnis nach Information oder Ablenkung. Der besondere Fortschritt

dieses Model s gegenüber

dem Reiz-Reaktions-Modell

liegt darin, die Nutzer eines

Mediums als aktiv Rezipierende zu betrachten.

Der britische Soziologe Stuart Hal deckte in den zahlreichen Theorien der

Medienforschung seiner Zeit jedoch einen entscheidenden Defizit auf: Rezipienten,

wie zum Beispiel Fernsehzuschauer, werden als ,,isolierte Individuen" betrachtet,

losgelöst von jeglichem Kontext. Hal entwickelte einen Ansatz, in dem ,,aktive"

Rezipienten sowie die sie umgebende Gesel schaft und geltende Machtverhältnisse

eine zentrale Rol e einnehmen und der davon ausgeht, dass beispielsweise bei der

Bedeutungszuschreibung bei der Rezeption von Fernsehsendungen ständig

zwischen Rezipient und Medientext vermittelt wird. Dabei greift er auf semiotische

Überlegungen zurück und verknüpft diese mit sozialwissenschaftlichen Ansätzen,

worauf ich im Folgenden noch näher eingehen werde. Hal gilt nicht zuletzt wegen

dieses subjektbezogenen Ansatzes, der als

Encoding/Decoding-Modell

bekannt

wurde, als einer der Begründer der Cultural Studies.2

Da Hal s

Encoding/Decoding-Modell

auf semiotischen Überlegungen basiert, sol

zunächst festgehalten werden, dass mit einem ,,weiten" Textbegriff operiert wird.

1 Erstmals widerlegt von: Paul Felix Lazarsfeld: The people′s choice. How the voter makes up his mind

in a presidential campaign. New York 1944.

2 vgl.: Andreas Hepp: Cultural Studies und Medienanalyse. Eine Einführung. 2. Auflage, Wiesbaden

2004. S.110f.


5

Unter dem Ausdruck ,Text` ist nicht nur tatsächlich Geschriebenes oder Gedrucktes

zu verstehen, sondern grundsätzlich jedes kommunikative Produkt in seiner

Gesamtheit.3 Hierunter fal en demnach also auch Radio- und Fernsehsendungen

oder Filme. Im Folgenden werde ich die Ausdrücke ,Medientext` und ,Medienprodukt`

weitgehend synonym gebrauchen.

Stuart Hal geht davon aus, dass mediale Texte bei ihrer Produktion von

bestimmten Kodes geprägt werden. Hierbei spielen verschiedene Faktoren eine

Rol e: Auf der Seite des Kommunikators bzw. Produzenten eines medialen Textes

sind dies zum Beispiel die Absichten und Ziele der Medienmacher sowie deren

Wissensrahmen. Hierzu gehören neben technischen Fertigkeiten und bestimmten

Berufsideologien etwa auch Annahmen der Produzenten eines Medienprodukts über

das Publikum. So können, bezogen auf Nachrichtensendungen im Fernsehen,

Ereignisse nicht direkt (als eben jenes Ereignis) übermittelt werden, sondern müssen

erst unter Beachtung gewisser Konventionen in einen Diskurs umgewandelt werden.4

Diese ,,Aufbereitung" hängt nicht unwesentlich von den beteiligten Produzenten einer

Fernsehnachricht bzw. den Redakteuren ab. Andererseits müssen auch die

Produktionsverhältnisse und die zur Verfügung stehende technische Infrastruktur auf

der Seite des Produzierenden berücksichtigt werden. Al diese Faktoren schlagen

sich bei der Herstel ung des Medienprodukts durch den Kommunikator im Text

nieder, was Hal als ,Encoding` bezeichnet. Die andere Ebene ­ bzw. ,Sinnstruktur`,

wie Hal es bezeichnet ­ bildet das Konsumieren des Medientextes durch den

Rezipienten, folglich ,Decoding` genannt. Auch hier manifestieren sich

Wissensrahmen und Produktionsverhältnisse des Mediennutzers, denn Hal versteht

den Moment des ,Decoding` analog zum ,Encoding` als eine Art medialer Produktion.

Seiner Auffassung nach zeigt sich die Wirkung einer medialen Botschaft erst dann,

wenn diese durch den Empfänger als sinnhaft angeeignet wird, d.h. dieser sich den

Medieninhalt im eigenen lokalen Lebenskontext zu eigen macht.5 Dabei spielt auf der

Seite des Rezipienten dessen soziokulturel er Hintergrund eine wichtige Rol e.

Persönliche Kenntnisse, Erfahrungen, Anschauungen ebenso wie perzeptive,

emotionale, kognitive und ideologische Prozesse. Unter ,Decoding` ist demnach die

3 vgl.: Andreas Hepp: Cultural Studies und Medienanalyse, a.a.O., S. 109.

4 vgl.: Stuart Hal : Kodieren/Dekodieren, in: Roger Bromley, Udo Göttlich, Carsten Winter: Cultural

Studies. Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg 1994. S. 92-110, hier: S. 96.

5 vgl.: ebd. S. 96.


6

Aktivität zu verstehen, bei der die Rezipierenden dem Kommunikat eine bestimmte

Bedeutung zuschreiben.

Somit wird bereits klar, dass Hal den Prozess der Medienkommunikation zwischen

den beiden beschriebenen Sinnstrukturen, also zwischen Produktion (,Encoding`)

und Rezeption (,Decoding`), lokalisiert. Entscheidend dabei ist jedoch, dass die

beiden Sinnstrukturen nicht identisch sind. Der Kode der Produktion muss nicht

zwangsläufig mit dem Kode, den ein Rezipient bei der Dekodierung anwendet,

übereinstimmen.6 Hal führt mögliche Differenzen beispielsweise auf unterschiedliche

soziokulturel e Umfelder von Rezipienten und Produzenten zurück, denen sie

entstammen. Der Zuschauer einer Fernsehserie, den ich in dieser Arbeit als

zentrales Beispiel gewählt habe, befindet sich also immer im Spannungsfeld

zwischen Text und Kontext.

Um auf den semiotischen Aspekt zurückzukommen, auf den ich zu Anfang

hingewiesen hatte: Hal ist der Auffassung, dass jeder mediale Text als

,bedeutungstragender` Diskurs beschrieben werden muss, der sich aus

verschiedenen polysemen Zeichen zusammensetzt.7 Er unterscheidet in diesem

Zusammenhang zwischen Denotation, d.h. der konventionel en Bedeutung eines

Zeichens in einem bestimmten Zeichensystem, sowie Konnotation. Letztere liegt vor,

wenn sich die Denotation eines Zeichens ,,mit den tiefen semantischen Kodes einer

Kultur kreuz[t] und zusätzliche, aktivere ideologische Dimension an[nimmt]."8 Die

Konnotation ist also kulturel vermittelt und fügt einem Zeichen ein oder mehrere

zusätzliche Bedeutungsaspekte hinzu. Hal unterstreicht jedoch, dass diese

untereinander nicht gleichrangig sind. Daraus schließt er, dass Medientexte

vieldeutig sind und somit mehrere Lesarten erlauben. Seriel e Fernsehtexte,

insbesondere Soap Operas, erweisen sich hier als ergiebige Beispiele, da sie

aufgrund ihrer (zumeist zahlreich vorhandenen) Figuren und verschiedenen

Handlungsebenen offen sind für verschiedene Lesarten. Bevor ich mich jedoch

einem Beispiel genauer widme, konzentriere ich mich im folgenden Abschnitt

zunächst auf Hal s Kategorisierung in drei idealtypische Rezeptionspositionen.

6 vgl.: Stuart Hal : Kodieren/Dekodieren, a.a.O., S. 98.

7 vgl.: Andreas Hepp: Cultural Studies und Medienanalyse, a.a.O., S. 113.

8 Stuart Hal : Kodieren/Dekodieren, a.a.O., S. 102.



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